Skip to main content

395182

Page 1

Manfred Hellmann

»Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt« Das Leben Friedrich von Bodelschwinghs d. Ä.


Inhalt 1.  »Sein in dieser Welt, wie Jesus in der Welt war« Elternhaus – Kindheit – Jugend. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Berlin, die Märzrevolution – Abitur in Dortmund .. . . . . . Die Revolution. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Berufswahl – Soldat – Studium .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7 13 20 24

2.  »Dieser Hügel gehört dem Herrn« Gassenkehrer-Pastor – Gemeindepastor – Feldprediger .. . . . Gemeindepastor in Dellwig .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konflikt um Bismarcks Österreich-Politik .. . . . . . . . . . . . . Das Sterben der Kinder .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

3.  »Lasset uns auf sein und gen Beth-El ziehen« Bethel – Sarepta – Nazareth .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Schwestern .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Bruderschaft.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Schutzraum, aber keine Absonderung .. . . . . . . . . . . . .

103 105 124 131

56 76 86 90

4.  »Dass die solidesten Leute von den sozialistischen Lehren durchdrungen sind …« Der christlich-soziale Antisozialist.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 »Das Gift muss aus der Welt«.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 Die Sorge um die Geheiligten Gottes .. . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Das Jahr 1890 – ein Jahr der Entscheidung .. . . . . . . . . . . . 171 Das Engagement in der Missionsgesellschaft.. . . . . . . . . . . 178 Ida von Bodelschwingh.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Eva von Tiele-Winckler.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190


5. »Dass unsere kirchlichen Kämpfe endlich einmal von der Gehässigkeit frei werden« Der Parlamentarier – Die letzten Gründungen.. . . . . . . . . . . . . 197 6. »Bruder, was stirbst du leicht« Die letzten Jahre .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 Zeittafel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 Literatur- und Quellenverzeichnis.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Literaturliste.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Bildnachweis .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Anmerkungen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249


1. »Sein in dieser Welt, wie Jesus in der Welt war« Elternhaus – Kindheit – Jugend Am Sonntag, dem 6.  März 1831, nahm Charlotte von Bodelschwingh einen Predigtband des schwäbischen Erweckungspredigers Ludwig Hofacker zur Hand. Da sie die Geburt ihres sechsten Kindes erwartete, konnte sie ihren Mann, den Landrat Ernst von Bodelschwingh, nicht beim sonntäglichen Kirchgang begleiten. So las sie Hofackers Predigt über Lukas 2,41-52.1 Es war die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. Bei Hofacker stand der Satz, der für dieses Kind der Bodelschwinghs zu einem Leitsatz wurde: »Sein in dieser Welt, wie Jesus in der Welt war, heißt mit anderen Worten, ein Mensch sein, in dem das Bild Christi widerstrahlt …« Charlotte sah es als eine Verheißung für jenes Kind, von dem sie wenige Stunden später entbunden wurde und das am 8.  April auf die Namen Friedrich Christian Carl getauft wurde. Charlotte von Bodelschwingh, eine geborene von Diest, war bereits Vollwaise, als sie 1822 den ein Jahr jüngeren Ernst von Bodelschwingh heiratete, sehr zum Missfallen ihrer Schwiegermutter Friederike, die sich für ihren Sohn, der ja immerhin aus dem westfälischen Uradel stammte, eine Tochter des Freiherrn vom Stein gewünscht hatte. Das Geschlecht der Bodelschwinghs kann bis in das Jahr 1272 zurückverfolgt werden, als Wasmodus de Budelsvinge zinspflichtiger Bauer und Schöffe in Hukarde, nordwestlich der freien Reichsstadt Dortmund, war. Dort befindet sich der Stammsitz der Bodelschwinghs, jene Wasserburg Bodelschwingh, die heute einem Dortmunder Stadtteil seinen Namen gibt. Die Ahnenreihe der Familie teilte sich später in die Dortmunder und in die Velmeder Linie. Aus dem Haus Bodelschwingh-Plettenberg in Velmede stammte Ernst von Bodelschwingh, der Vater von Friedrich. Er hatte nach seiner Schulzeit die Nassauische Forstakademie in Dillen-

7


burg absolviert, sich dann aber im Herbst 1812 in der Berliner Universität eingeschrieben, um Jurisprudenz zu studieren. Als König Friedrich Wilhelm III. im Frühjahr 1813 seinen Aufruf zum Kampf gegen Napoleon, »An mein Volk«, erließ, folgte ihm auch Ernst von Bodelschwingh und trug sich unter dem falschen Namen »von Bode« in die Liste der freiwilligen Jäger ein, um seine Eltern in dem von Napoleons Bruder Jérome (König Lustig) regierten Westfalen nicht zu gefährden. Der Achtzehnjährige kämpfte in den Schlachten von Groß-Görschen und Bautzen, war an der Katzbach und in der Völkerschlacht bei Leipzig dabei und wurde mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet. Bei der Verfolgung der flüchtenden französischen Armee erhielt er am 21.  Oktober 1813 einen lebensgefährlichen Lungendurchschuss. Da er nicht transportfähig war, lag er wochenlang, mehr tot als lebendig, im Hause des Stadtschreibers von Lauchstedt. Hier fand ihn dann im Februar 1814 seine Mutter. Nachdem Napoleon nach Elba verbannt war, war Ernst von Bodelschwinghs Wunde verheilt, und er nahm sein juristisches Studium wieder auf. Als aber Napoleon 1815 von seinem Verbannungsort nach Frankreich zurückgekehrt war, meldete sich Oberleutnant von Bodelschwingh, diesmal unter seinem richtigen Namen, bei der Truppe, sehr zum Kummer und gegen den Willen seiner Eltern. Am Tage, als er sich von Unna aus mit der Postkutsche auf den Weg machte, kam es zu einer schicksalhaften Begegnung: Er leistete zwei jungen Damen Hilfe, die mit ihrer Kutsche einen Unfall erlitten hatten: den Schwestern Henriette und Charlotte von Diest. Nach Abschluss seines Studiums kam der junge Referendar in die neue westfälische Provinzialhauptstadt Münster. Seine Ausbildung führte ihn dort erst in die Provinzialregierung und dann ans Land- und Stadtgericht. Entscheidend war für den Referendarius Bodelschwingh, dass er im Haus des Oberpräsidenten Ludwig von Vincke, dem volkstümlichen Beamtenschreck, wohnen konnte, zu

8


dem es verwandtschaftliche Bindungen gab. Der Referendar wird beauftragt, die Rückgabe des Gutes Kappenberg an den Freiherrn vom Stein, den Reformer der preußischen Verwaltung und Gegenspieler Napoleons, zu regeln. Dabei kam es natürlich auch zu einer Begegnung mit vom Stein, der Bodelschwingh nicht nur in seinen Familienkreis aufnahm, sondern ihm ein väterlicher Freund wurde. Am 13.  Mai 1820 legte Bodelschwingh das Assessorexamen ab, wurde zehn Monate später nach Berlin an das preußische Finanzministerium versetzt und empfahl sich hier für höhere Aufgaben. Bereits im März 1822 erfolgte seine Ernennung zum Landrat in Tecklenburg und am 27.  Juni heiratete er sein »Lottchen«.

Die Mutter, Charlotte von Bodelschwingh, geborene von Diest (1793–1869)

Der Vater, Ernst von Bodelschwingh (1794–1854)

Als er zum Landrat ernannt wurde, war er gerade achtundzwanzig Jahre und für eine solche Aufgabe eigentlich viel zu jung, aber die Tecklenburger respektierten ihn. Nach neun Jahren, kurz nach der Taufe seines jüngsten Sohnes Friedrich, wurde er als Oberpräsidi-

9


alrat an die Bezirksregierung nach Köln versetzt. Aber schon im selben Jahr hieß es für die von Bodelschwinghs erneut umziehen; Köln sollte nur eine Zwischenstation einer steilen Karriere sein. Bereits 1831 wurde er zum Regierungspräsidenten in Trier ernannt und bereits nach drei Jahren zum Oberpräsidenten der Rheinprovinz in Koblenz. Seine Amtsführung war verbindlich in der Form, aber hart in der Sache. Er vermied Härten, solange es eben ging. Als der rheinische Justizminister von Kamptz willkürliche Eingriffe in das Rechtswesen machte, erwirkte Bodelschwingh beim König die Entlassung des Ministers. Eine andere heikle Aufgabe erwartete ihn im Kölner Bischofsstreit, bei dem er 1837 die Verhaftung des Kölner Erzbischofs August Freiherr Droste zu Vischering anordnete. Die Ernennung Vischerings, der zuvor Weihbischof in Münster gewesen war, hatte sich als ein kirchenpolitischer Missgriff entpuppt, an dem der preußische Kronprinz, der spätere König Friedrich Wilhelm IV., nicht unschuldig war. Bodelschwingh musste die Sache für »seinen« König ausfechten. Die Loyalität zu einem schwachen König bestimmte und begleitete fortan Ernst von Bodelschwinghs Bilderbuch-Karriere. Auf der anderen Seite engagierte er sich für die Diakonie. Bereits als Mecklenburger Landrat hatte er sich für die Arbeit von Amalie Sieveking in der Armen- und Krankenpflege inte­ ressiert. Während seiner rheinischen Tätigkeit lernte er Theodor Fliedner kennen und schätzen. Fliedner hatte 1833 das Diakonissenmutterhaus Kaiserswerth gegründet. Bodelschwingh unterstützte Fliedners Plan, eine rheinisch-westfälische Kirchenzeitung herauszugeben, mit der dieser publizistisch die Übergriffe des Katholizismus abwehren wollte, und er arbeitete auch in der von Fliedner gegründeten Gefängnisfürsorge mit. Aber auch mit Fliedner ging nicht alles »glatt«; der Oberpräsident musste eingreifen und Fliedner »zurechtsetzen«, als dieser für die Erhaltung der presbyterial-synodalen Leitungsformen der Kirchengemeinden

10


kämpfte und sich somit den Absichten des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. widersetzte. Für die Bodelschwinghkinder war Koblenz ein Paradies – der romantische Rhein, in dem man schwimmen konnte, die Wanderungen, das weitläufige Haus mit seinem großen Obstgarten. Das alles prägte sich dem kleinen Friedrich fest ein. Friedrichs Kindheit war nicht nur durch den Tod seines zwei Jahre älteren Bruders Ernst überschattet, der 1833 an Skrofulose starb. Wie er litt auch der ältere Bruder Karl an dieser Krankheit2. Er konnte nur an Krücken gehen und wurde von Friedrich gepflegt. Trotzdem rettete Karl ihm zweimal das Leben. Einmal, als Friedrich beim Spielen in der Nähe von Haus Heide, einer der Familienbesitzungen bei Kamen, in den Mühlbach stürzte, und ein andermal, als er von einem Kahn ins Wasser fiel. Auch die vielen Krankenzeiten seines Vaters machten Friedrich für Not und Gebrechen aufmerksam. Infolge seiner Lungenverletzung war der Oberpräsident sehr anfällig für Lungenentzündungen. Die Kugel, die die Brust des Vaters durchbohrt hatte, so erinnerte sich Bodelschwingh 1909, »war für uns Kinder ein Denkmal der Barmherzigkeit Gottes gewesen«, sie habe den Auftrag enthalten, »uns Kinder und das ganze Haus beten zu lehren«3. Der kleine Friedrich hatte auf dem Boden die Uniform des Vaters mit dem Ein- und Ausschuss entdeckt. Durch die Löcher steckte er die Finger »voller Stolz«4, wie er in seinem Alter an den amerikanischen Industriellen Andrew Carnegie schrieb. »Achtmal hat Gott uns auf das heiße Flehen der Mutter und der Kinder den Vater erhalten. Diese Erfahrung, was gläubiges Gebet vermag, hat uns begleitet durch unser Leben.« Wenn der Vater dann genesen war, aber noch nicht seinen Dienst aufgenommen hatte, war das für Friedrich eine wunderbare Zeit. Ernst von Bodelschwingh beschäftigte sich dann mit den Kindern und vermittelte seinem Friedrich die ersten Lese- und Schreibkenntnisse. Der erste Satz, den ihn sein Vater

11


lesen lehrte, hieß: »Mein Kind, Gott ist sehr gut. Er hat dich sehr lieb!« Standesgemäß wurden die Kinder von Hauslehrern unterrichtet. Da der Vater großen Wert auf die Herkunft und christliche Gesinnung der Erzieher legte, hatte er sich an den Wegbereiter der Inneren Mission in Basel, Christian Heinrich Zeller, gewandt. Der schickte ihm den englischen Missionarssohn Menge, der einer geradezu puritanischen Erziehungsauffassung huldigte. Nach seiner Ansicht schloss die Sonntagsheiligung ein Spielverbot ein. Zwar war auch die Mutter eine äußerst fromme Frau, aber gleichzeitig eine sehr pragmatische. Sie verwandelte das Mengesche SonntagsSpielverbot: Menge musste nun am Sonntag den Kindern Geschichten erzählen oder vorlesen. Bildbetrachtungen gehörten ebenfalls zum Programm wie ausgedehnte Spaziergänge. Diese waren ganz im Sinne Ernst von Bodelschwinghs, der in seiner Jugend ein großer Wanderer gewesen war. Er konnte sich rühmen, von Westfalen aus in elf Wochen durch die Schweiz, Oberitalien bis nach Mailand und wieder zurück marschiert zu sein, »ohne ein Rad unter den Füßen gehabt zu haben«. Auf sein Drängen hin machten die Hauslehrer mit den Jungen nicht nur Spaziergänge, sondern marschierten mit ihnen in den Ferien von Koblenz nach Haus Heide. Dabei erlebten die Jungen die Natur und Heimat hautnah. Menges Nachfolger waren die Theologen Doll und Velten, die nicht ganz so strenge Ansichten wie ihre Vorgänger hatten. Die Bodelschwinghkinder wurden von einem politisch liberalen Vater erzogen, der sich aber einem zum Untergang verurteilten Feudalismus verpflichtet fühlte, obwohl das Bürgertum nach der Französischen Revolution auch in Preußen sein Recht gegenüber dem Adel verlangte. Doch zusätzliche Rechte erhielt es zunächst nur im militärischen Bereich. Jeder hatte das Recht, Soldat zu werden, und wer nicht wehrfähig war, trug einen Makel. Der Gleichheitsgrundsatz, den die Französische Revolution nach Preußen herübergeweht hatte, war allenfalls ein juristischer, kein sozialer.

12


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
395182 by Fontis-Shop - Issuu