Karen James
GipfelstĂźrmer Die dramatische Geschichte einer Bergexpedition
Stimmen zu Gipfelstürmer In meiner Kindheit in Portland, Oregon, konnte ich den wunderschönen schneebedeckten Gipfel des 3 425 Meter hohen Mount Hood von meinem Zimmer aus sehen. Ich fragte mich oft, wie es wohl wäre, bis auf die Spitze zu steigen. Jahre später, als ich in den Nachrichten hörte, dass Kelly auf dem Berg vermisst wurde, wusste ich: Aufgrund der eisigen Temperaturen und starken Winde war es lebensgefährlich, dort festzustecken. Kelly James war ein ganzer Kerl – ein zielstrebiger Mann. Er war ein leidenschaftlicher Mensch, nicht nur, wenn es ums Bergsteigen ging. Er wollte auch, dass sein Leben etwas zählte. Als Kelly erfuhr, dass es in seiner Gemeinde einen Leben-mit-Vision-Kurs geben sollte, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf. Ohne sich vorher mit Karen abzusprechen, bot er freiwillig an, während dieses 40-tägigen Kurses bei sich zu Hause eine Kleingruppe zu leiten. Wenn er eine Not sah, handelte er ohne zu zögern. Wenn Sie Ihr risikofreies Leben leid sind, dann lesen Sie diese fesselnde Geschichte! Sie wird Sie von der ersten Seite an packen und nicht mehr loslassen. Rick Warren, Autor von »Leben mit Vision« In meinen 33 Jahren bei der Polizei habe ich noch nie solche Familien kennengelernt. Auf dem Berg ist zwischen den Rettungskräften und den Familien James, Hall und Cooke etwas Besonderes geschehen. Karens Beschreibung dessen, was auf dem Mount Hood passiert ist, ist die genaueste, die ich bisher gelesen habe. Aus den Ergebnissen unserer Ermittlungen und ihrem Wissen über ihren Ehemann und ihren gemeinsamen Freund Brian Hall hat sie die Ereignisse fantastisch rekonstruiert. Karens Geschichte erzählt von Bergsteigern, Bergrettung, Beziehungen und davon, dass man nie aufgeben darf. Sheriff Joseph A. Wampler, Hood River County, Oregon Als Pastor von Karen und Kelly war die Nachricht, dass eins unserer Gemeindemitglieder vermisst wurde, ein Schock. Unsere Gemein-
de betete inständig darum, dass die drei Bergsteiger Weihnachten zu Hause feiern könnten. Kelly überlebte zwar diesen schrecklichen Sturm nicht, aber ich bin überzeugt, dass Kelly dennoch Weihnachten zu Hause gefeiert hat. Dieses Buch wird Ihnen nicht nur erzählen, was auf dem Berg geschehen ist. Noch wichtiger ist: Sie werden erfahren, was im Leben der vielen Menschen geschehen ist, deren Leben durch diese Tragödie miteinander verbunden wurden. Ich bete darum, dass diese inspirierende Geschichte auch andere zutiefst berührt und sie dazu motiviert, den Blick auf den wahren Gipfel, das wirkliche Ziel unseres Lebens, zu richten. Gary Brandenburg, Hauptpastor der Fellowship Bible Church, Dallas Karens Beschreibung der Tragödie auf dem Mount Hood im Dezember 2006 ist die detaillierteste, aber auch ermutigendste, die ich bisher gelesen habe. Karen lässt uns einen persönlichen Blick hinter die Kulissen werfen und erzählt von dem, was damals auf dem Berg geschah und was ihre Familie durchmachen musste. Dies ist eine Geschichte von drei tapferen Männern, deren Bergtour einen entsetzlich tragischen Ausgang nimmt, aber auch eine Geschichte davon, wie eine Familie die schlimmste aller Katastrophen überstehen und dabei an ihrem Glauben festhalten kann. Steve Rollins, Leiter der Rettungskräfte der Bergrettung
Inhalt Vorwort.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil 1 – Der Mann hinter den Schlagzeilen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 1 In dreitausend Metern Höhe.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 2 Ein schwerer Anfang.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 3 Unser Abenteuer beginnt.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 4 Ein zauberhaftes Jahr.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil 2 – Der Sturm.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 5 Der Anruf, der mein Leben veränderte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 6 Unsere Ankunft im Kriseneinsatzzentrum.. . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 7 Eine unglaubliche Reaktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 8 Zeichen von oben?.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 9 Hab Erbarmen, Gott!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 10 Der schlimmste Tag meines Lebens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil 3 – Die Mosaikteile fügen sich zusammen.. . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 11 Operation Trost und Zuwendung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 12 Das letzte Interview.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 13 Heimkehr zu Weihnachten.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 14 Dunkelheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 15 Was geschah wirklich?.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 16 Eine Kiste voller Antworten.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 17 Auf der Suche nach Kelly.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 18 Frieden, Sinn, Trost.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil 4 – Ein Vermächtnis der Liebe.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die allergrößte Liebesgeschichte .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Liebesgedichte von Kelly.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Briefe, vor Bergtouren geschrieben.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bergtour-Album. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dank.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Textnachweise. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Teil 1 Der Mann hinter den Schlagzeilen
Kapitel 1 In dreitausend Metern Höhe Als Kelly James in beinahe 3 300 Metern Höhe allein in einer Schneehöhle am Mount Hood lag, fragte er sich: Wo zum T … bleibt Brian? Komm schon, Kumpel! Sein Kletterpartner Brian Hall und ihr Begleiter Jerry »Nikko« Cooke hatten Kelly einige Tage zuvor zurückgelassen, um abzusteigen und Hilfe zu holen. Es war Dezember und Kelly steckte auf einem Berg in Oregon fest, weit weg von seinem Zuhause in Dallas, Texas. Was als kurzer Wochenendausflug geplant gewesen war und als vorbereitendes Eiskletter-Training für eine Mount-Everest-Tour dienen sollte, hatte sich zu einem Kampf auf Leben und Tod entwickelt. Noch nie war Kelly in solch einer Situation gewesen. Er war ein erfahrener Bergsteiger und spielte in Gedanken immer und immer wieder die Entscheidungen und Ereignisse dieser Tour durch. Kelly griff nach seinem Mobiltelefon. Bitte lass mich mit Karen sprechen. Kelly wählte und versuchte, seine Frau zu erreichen, aber er hatte keinen Empfang. Okay, dann versuche ich es eben mit dem Notruf. Kelly wählte, doch wieder hatte er keinen Empfang. Inzwischen war er so durchnässt, geschwächt und müde, dass er nicht genug Energie hatte, um sich aus der Schneehöhle zu wagen, um es draußen noch einmal zu probieren. Ein heftiger Sturm tobte, und selbst wenn er mehr Kraft gehabt hätte, bestand wenig Aussicht, irgendwo besseren Empfang zu bekommen. Ich muss einfach nur abwarten. Brian weiß, wo ich bin, dachte Kelly. Er warf einen Blick auf den Eingang der Höhle und konnte sehen, dass der Neuschnee ihn beinahe vollständig zugeweht hatte. Die Bergsteiger hatten diese Höhle gebaut, um sich vor den extremen Wetterbedingungen zu schützen. Sie hatten den Ausflug gemeinsam angetreten, doch jetzt war Kelly von seinen beiden Freunden getrennt. Allein in der Höhle, versuchte er, sich von seinen Schmerzen in der Schulter und den Beinen abzulenken. Ich muss den Schnee vom Eingang wegschaufeln, dachte er. Doch Brian und Nikko hatten die Schneeschau-
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fel mitgenommen. Könnte ich denn überhaupt graben? Inzwischen zweifelte er an sich selbst. Er konnte seine Füße nicht mehr spüren. Das war eine ganz neue Erfahrung für Kelly, der daran gewöhnt war, in Höchstform zu sein. Er hatte von Natur aus eine körperliche Kraft und Ausdauer, die seine Freunde und Angehörigen immer wieder erstaunte. Kurz vor dem Gipfel war etwas schiefgelaufen. Mitte Dezember konnte der Mount Hood ebenso grausam sein wie der Mount Everest, und trotz ihrer sorgfältigen Planung konnten die drei Männer dem Zorn von Mutter Natur nicht entfliehen. An der Nordwand des Mount Hood kann man nur aufsteigen, da es extrem gefährlich ist, an einer Eiswand abzusteigen. Der Plan war eigentlich ganz einfach. Hochklettern, den Gipfel überqueren und an der Südwand absteigen. Doch so lief es nicht. Während Kelly über ihre fatale Lage nachdachte, sprangen seine Gedanken immer wieder zurück zu seiner Familie. Er wusste, dass sie versucht hatten, ihn anzurufen – besonders seine Frau Karen. Egal, wo auf der Welt er gerade unterwegs war: Er und Karen hatten die Vereinbarung getroffen, dass sie jeden Abend miteinander telefonieren und einander gute Nacht sagen würden. In ihrer ganzen Ehe hatten sie es nur bei einer Gelegenheit nicht geschafft, einander vor dem Schlafengehen »Ich liebe dich« zu sagen, und das war, als Kelly auf einem Berg keinen Empfang für sein Mobiltelefon hatte. Er war mit Brian auf dem Mount McKinley gewesen, wo sie fünf Tage lang bei einem »Whiteout«1 in ihrem Zelt festsaßen – das war die längste Zeit gewesen, die Karen und er jemals nicht miteinander gesprochen hatten. Ich wünschte, ich wäre zu Hause, dachte er. Keine Sorge, Mann. Du kommst schon heim, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Kellys angeborener Optimismus hatte ihm in schweren Zeiten immer gute Dienste geleistet. Er glaubte daran, dass der menschliche Geist auch die schwierigsten Umstände überwinden kann. Trotz seines sich verschlechternden Zustands dachte er weiterhin: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Hilfe kommt. Seine positive Einstellung verhinderte, dass er 1 Meteorologisches Phänomen, bei dem Kontraste in der Landschaft für das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmbar sind (Anm. d. Übers.).
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dem düsteren Gedanken nachhing, Brian und Nikko könnten eventuell den Abstieg nicht geschafft haben.
Der erfahrene Bergsteiger Kelly James im Alter von achtundvierzig Jahren
Als erfahrenster Bergsteiger der Gruppe wünschte Kelly sich, er könnte bei ihnen sein. Bevor sie sich getrennt hatten, hatte er zu ihnen gesagt: »Bitte sichert euch doppelt ab und geht keinerlei Risiko ein!« Kelly sprach von den Schrauben, die beim Eisklettern ins Eis gedreht werden, um das Seil zu sichern. Je mehr Eisschrauben, desto sicherer. Die Bergsteiger sind zwar aneinander geseilt, aber wenn einer von ihnen abstürzt, ist es für den anderen unmöglich, sich mithilfe ihrer Eispickel und Steigeisen festzuhalten. Der Ruck, der von dem Abstürzenden ausgeht, und sein Körpergewicht können alle anderen Bergsteiger mit in die Tiefe reißen. Auf gefährlichen Abschnitten müssen die Bergsteiger ihre Seile immer wieder mit Eisschrauben sichern, damit, wenn einer abstürzt, der andere nur bis auf die Höhe der letzten Schraube fällt – und nicht Hunderte Meter in den Tod. Sie müssten schon längst zurück sein. Doch die Wetterbedingungen waren schrecklich, und Kelly dachte sich, dass die Jungs wohl in einer
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anderen Schneehöhle Zuflucht gesucht hatten und darauf warteten, dass der Sturm nachließ. Schon seit einer Woche tobte einer der schlimmsten Stürme des Jahrzehnts auf dem Berg. Er brachte eineinhalb Meter Neuschnee und Temperaturen von etwa minus vierzig Grad. Obwohl alle drei Männer groß und kräftig waren, kamen sie gegen den Sturm nicht an. Der orkanartige Wind mit Böen von bis zu 210 km/h hatte sie außer Gefecht gesetzt. Dennoch hatten sie durchgehalten und in einer Schneehöhle Schutz gefunden. Kelly versuchte, sich zu beruhigen. Das muss es sein. Das Wetter ist der einzig logische Grund, warum sie bis jetzt noch nicht zurück sind. Beeilt euch einfach, Jungs. Als erfahrener Bergsteiger wusste Kelly sehr genau, was in seinem Körper vor sich ging. Er war unterkühlt, und er kannte die Symptome und den Verlauf dieses gefährlichen Zustands. Egal, was passiert, ich werde mich nicht ausziehen, ermahnte er sich. Kelly dachte an ein bizarres Phänomen, das sich mit fortschreitender Unterkühlung einstellt: die sogenannte Kälteidiotie. Der Betroffene meint, ihm wäre sehr heiß, und er fängt an, sich auszuziehen. In der Vergangenheit hatte er Karen Geschichten von diesem Zustand erzählt, wenn sie über die Gefahren des Bergsteigens sprachen. Doch Kelly hätte nie gedacht, dass es einmal ihn selbst treffen könnte. Immerhin war er ein Profi, wenn es darum ging, brenzligen Situationen zu entkommen. In den 48 Jahren seines Lebens war er noch auf keinen Berg gestoßen, den er nicht bezwingen konnte. Er blendete den Gedanken an die Kälteidiotie aus und gewann wieder Hoffnung. Er würde es aus dieser Schneehöhle hinausschaffen, und er würde über die Unterkühlung siegen, weil er stark und geistesgegenwärtig genug war, um sich gegen den absurden »Ausziehzwang« zur Wehr zu setzen. Immerhin, dachte er, wird Gott mich beschützen. Aus Minuten wurden Stunden und Kelly zitterte immer heftiger. Er versuchte zu sprechen und merkte, dass seine Worte schwerfällig klangen. Zum ersten Mal war er sich nicht mehr sicher, wie lange er der bitteren Kälte noch standhalten konnte. Vor der Höhle war die Temperatur weit unter Null gesunken, und die Windböen, die bei bis zu 160 km/h lagen, ließen die Temperatur auf tödliche zweistellige
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