TRACIE PETERSON
ERBEN VON MONTANA 2
1 Montana Januar 1870 Dianne Chadwick zügelte ihr Pferd und verharrte auf ihrem Lieblingsplatz auf einem Hügel nahe der Diamond-V-Ranch und blickte über das Tal. Graue Wolken, von Süden kommend, jagten in westlicher Richtung über den Himmel. Von den Bergen blies ein schneidender Wind, Vorbote des aufkommenden Sturms. Onkel Bram hatte zuversichtlich gesagt, dass es diesmal nicht allzu schlimm kommen würde. Dianne hatte keine Ahnung, woher er das wusste, aber meistens behielt er recht. Vielleicht lag es daran, dass Bram Vandyke seit über 20 Jahren in diesem wilden, zerklüfteten, dem Menschen nicht selten feindlich gesonnenen Land lebte. Vielleicht hörte er aber auch auf die Intuition seiner Frau Koko, eine Halbindianerin aus dem Stamm der Blackfoot. Was auch immer der Grund war, Dianne wusste, dass sowohl Bram als auch Koko ein tiefes, natürliches Verständnis für Montana, seine Landschaft und sein Wesen in sich trugen. Gern hätte sie das Land auch so gut gekannt, doch es ging ihr wie einem Verehrer, der seine Angebetete neckte: Montana war für sie bis jetzt in vieler Hinsicht ein Geheimnis geblieben. Das Pferd, das sie ritt, schnaubte und schüttelte den Kopf. Es war ein junger Hengst, mit dem Dianne in den vergangenen Wochen viel gearbeitet hatte. Selbstbewusst, eigensinnig und mit einem unbändigen Unabhängigkeitsdrang ausgestattet, hatte er Dianne bis jetzt schwer zu schaffen gemacht, doch sie gab nicht auf. Sie spürte etwas in ihm – starke Anzeichen für Durchhaltevermögen und Charakterstärke –, das sie trotz aller Schwierigkeiten weitermachen ließ. Vor allem aber hatte sie das Gefühl, dass dieses Tier ihr eines Tages ein Freund sein würde. Dianne konnte es nicht erklären, doch seit sie auf dem Oregon Trail in den Westen gekommen war, hatte sie festgestellt, dass sie eine ganz besondere Verbindung zu Tieren hatte, vor allem zu Pferden. 7
Wenn sie den Rappen ansah – sein Bild in sich aufnahm –, dann sah sie einen treuen Kameraden vor sich. Ihr Onkel pflegte nur zu lachen, wenn sie so etwas sagte. Ein Hengst sei viel zu temperamentvoll für eine Frau, sagte er immer. Darüber wiederum pflegte Dianne zu lächeln. »Ich bin auch viel zu temperamentvoll«, murmelte sie. »Meinst du nicht auch, Jack?« Der Schwarze schien die Frage zu verstehen und vollführte einen Staub aufwirbelnden kleinen Tanz der Zuneigung. Dianne lachte. Sie hatte ihn Jack genannt, nach Stonewall Jackson, dem berühmten Südstaaten-General und Helden ihrer Mutter. Der Name schien gut zu dem Hengst zu passen. Er besaß nicht nur einen bemerkenswert starken Charakter, sondern auch eine Furchtlosigkeit, die die meisten Menschen, die mit ihm zu tun hatten, tief beeindruckte. Er erinnerte Dianne in vielem an Cole Selby, den Mann, den sie liebte und von dem sie nun schon viel zu lange getrennt war. Cole hatte nach vielem Beten beschlossen, für mindestens ein Jahr in Topeka zu bleiben. Er war nach Kansas zu seinen Eltern geritten, um zu versuchen, ihre schwierige gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten und sein Verhältnis zu ihnen in Ordnung zu bringen. Dianne hatte ihn in diesem Entschluss bestärkt. Sie hatte verstanden, warum er die Reise machen musste, doch Coles Entscheidung zu bleiben und seinem Vater dabei zu helfen, eine Farm aufzubauen, war für sie nur schwer zu ertragen gewesen. Einerseits war sie unbändig stolz auf ihren künftigen Ehemann, denn seine Handlungsweise bewies seinen Glauben daran, dass Gott die Bitterkeit, mit der die Vergangenheit ihn erfüllte, heilen konnte. Doch auf der anderen Seite hatte sie natürlich große Sehnsucht nach ihm. »Diesen Sommer wird er nach Hause kommen«, tröstete sie sich. Von der anderen Seite des Tals drückten schwere, schiefergraue Wolken herüber. »Komm, Jack. Wir machen uns besser auf den Heimweg. Es wird gleich anfangen zu schneien.« Dianne lenkte Jack zurück auf den Weg und seufzte leise. Es war erst Januar und sie würde Cole frühestens im Juni wiedersehen. Entschlossen, sich nicht von der Einsamkeit überwältigen zu lassen, die sie ohne ihn empfand, dachte sie an all das Gute, das ihr auf der Farm ihres Onkels zuteil wurde. 8
Koko, die ihr eine liebe Freundin geworden war, erwartete gerade ihr zweites Kind, doch die Schwangerschaft verlief dieses Mal nicht so gut wie das erste Mal beim kleinen James. Der Junge, inzwischen ein ungestümer Zweijähriger, nahm einen ganz besonderen Platz in Diannes Herz ein. Sie wünschte sich sehnlichst, selbst Mutter zu werden, und bis es so weit war, schenkte sie ihre ganze Liebe dem kleinen Jamie. »Meine Zeit wird kommen«, sagte sie sich laut. Doch manchmal war es schwer, auf den Zeitpunkt zu warten, den Gott für richtig hielt. Dianne, die inzwischen 22 Jahre alt war, merkte, dass ihre Geduld zusätzlich strapaziert wurde durch die Briefe, die sie von ihren Freundinnen aus Missouri erhielt. Sie waren sämtlich verheiratet und besaßen eigene Häuser. Und sie schrieben von den Segnungen ihres neuen Lebens, von Plänen, eine große Familie zu gründen. Dianne freute sich für sie, aber gleichzeitig schnitt ihr das Glück der anderen tief ins Herz. »Ich muss mich einfach durch Arbeit ablenken«, murmelte sie. »Das ist das beste Rezept gegen Einsamkeit.« Als sie sich dem Blockhaus näherte, kam ihr zu ihrer Überraschung Onkel Bram entgegengelaufen. »Koko hat ... das Baby kommt«, rief er. »Aber das ist zu früh«, antwortete Dianne und nahm die Stiefel aus den Steigbügeln. Bram übernahm die Zügel ihres Pferdes und sie glitt an Jacks muskulöser Flanke herunter. »Ich weiß. Ich glaube, es stimmt etwas nicht«, sagte er. Sein Gesicht war verzerrt vor Sorge. »Kümmerst du dich um Jack?« Dieser Bär von einem Mann, der nichts dabei fand, sich einem übellaunigen Stier in den Weg zu stellen oder eine Klapperschlange zu erschlagen, schien nur mühsam die Fassung zu bewahren angesichts dessen, was seiner Frau bevorstand. »Natürlich. Du musst ihr helfen«, sagte er. »Ich darf sie nicht verlieren.« Dianne wusste, dass Bram in Angst war, seit Koko sich kurz nach dem Jahreswechsel eine Erkältung zugezogen hatte. Die Krankheit hatte sich seither ständig verschlimmert und machte inzwischen auch Dianne große Sorgen. Sie befürchtete, dass sich vielleicht eine Lungenentzündung entwickelt hatte. In den letzten Tagen hatte die arme Koko mit einem tiefsitzenden, schmerzhaften Husten und einem Engegefühl in der Brust gekämpft, das ihr das Atmen schwer machte. 9
»Vielleicht hat der Husten die Wehen ausgelöst«, meinte Dianne. Brams Brauen zogen sich zusammen. »Sie ist so schwach. Es ist schrecklich, sie so sehen zu müssen.« Dianne drückte seinen Arm. »Es ist zwar nicht gut für das Baby, wenn es so früh kommt, aber diese Dinge hat man nicht im Griff.« Nach Kokos Berechnungen sollte das Kind erst in vier oder fünf Wochen kommen. Dianne konnte nur beten, dass die Wehen sich wieder beruhigen und das Baby sich noch ein bisschen Zeit lassen würde. Das Land am Rand der Zivilisation war auch so schon hart genug für Kinder. »Ich gehe zu ihr, vielleicht kann ich etwas für sie tun.« Unwillkürlich fielen ihr ihre jüngeren Schwestern ein, die sie auf dem Treck in den Westen verloren hatte. Ardith war erst zehn gewesen, als sie von einem durch heftige Regenfälle angeschwollenen Fluss fortgerissen worden war. Und Betsy war sechs gewesen, als ein Maultier ihr gegen den Kopf getreten hatte; sie war auf der Stelle tot gewesen. Dianne hatte schwer an den Verlusten gelitten. Im gleichen Jahr war auch noch ihre schwangere Mutter gestorben. So kam es, dass ihr nur ihre älteren Brüder geblieben waren: Trenton, den sie seit Jahren nicht gesehen hatte, und die Zwillinge Morgan und Zane. Zane arbeitete ganz in der Nähe als Grenzsoldat, während Morgan auf der Ranch geblieben war. Tief in Gedanken versunken ging Dianne ins Haus. Morgan würde ebenfalls nicht mehr lange bleiben. In den letzten Monaten hatte er sich angewöhnt, tage-, manchmal wochenlang unterwegs zu sein. Einmal hatte er von ein paar Höhlen im Nordwesten gehört, die er erforschen wollte. Davor war er in das Gebiet des Yellowstone River geritten, weil er die Wunder, von denen er gehört hatte, mit eigenen Augen sehen wollte. Bei diesem Abenteuer hatte er allerdings vor feindlichen Indianern fliehen müssen und war nur knapp dem Tod entronnen. Nein, es würde nicht mehr lange dauern, bis er sie endgültig verließ. In der Hütte herrschte eine beunruhigende Stille. Dianne zog rasch ihren Mantel und die Handschuhe aus und ging in das Schlafzimmer ihres Onkels und ihrer Tante. »Koko?« Die einzige Lampe in dem spärlich erhellten Raum warf seltsame, bedrohliche Schatten, als Dianne an Kokos Bett trat. 10
»Das Baby kommt ... zu früh«, brachte Koko mühsam heraus. Auf ihrer Oberlippe stand der Schweiß, obwohl es im Haus eisig kalt war. Mehr konnte sie nicht sagen, weil sie von einem Hustenanfall gepackt wurde. Dianne half ihr, sich aufzusetzen, und stützte sie, bis der Anfall vorüber war. Das Gesicht der sonst so hübschen Frau war vom Schmerz entstellt. Dianne wusste nicht, ob die Schmerzen von den Wehen oder von der Lungenentzündung kamen. Als sie wieder sprechen konnte, lehnte Koko sich schwach zurück und sagte: »Es hat schon vor ein paar Stunden angefangen. Erst dachte ich, es würde wieder aufhören. Aber jetzt spüre ich, wie das Baby kommt.« »Ich mache Feuer.« Dianne sah sich im Raum um. »Wo ist Jamie?« »Morgan hat ihn mitgenommen. Er hilft ihm, die Milchkühe in die Scheune zu bringen.« »Gut. So ist er wenigstens für ein Weilchen beschäftigt«, sagte Dianne, während sie hin und her ging und ein paar Sachen zusammensuchte, die sie für die Entbindung brauchte. »Ruh dich aus, so gut du es noch kannst. Ich bin gleich wieder da.« Dianne erinnerte sich noch sehr gut an Jamies Geburt und wusste, dass es noch Stunden dauern konnte. Sie zwang sich, nicht zu rennen, und sagte sich, dass ihre Angst Koko nicht helfen würde. »Wie geht es ihr?«, fragte Bram, der ebenfalls ins Haus gekommen war. »Sie hat Fieber und ist sehr schwach«, gab Dianne zu. »Sie hat seit Tagen nicht richtig geschlafen. Sie ist krank.« »Ich weiß. Sie hat es mir gestern gesagt.« Dianne wollte nicht mehr sagen; sie wollte ihren Onkel nicht noch mehr beunruhigen. Als sich Kokos Zustand einfach nicht bessern wollte, hatte sie schon daran gedacht, nach Virginia City oder Ennis zu reiten und einen Arzt zu holen, aber sie wusste nicht einmal, ob sich jemand die Mühe machen würde, wegen einer Halbindianerin mit ihr zurückzureiten. Koko schrie auf, was sie bei Jamie nie gemacht hatte. Dianne und Bram rannten in ihr Zimmer. »Das Baby kommt«, schrie Koko. Wieder wurde sie von einem Hustenanfall geschüttelt. Schließlich rollte sie sich auf die Seite und krümmte sich zusammen, während sie keuchend versuchte, Luft zu holen. 11