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Reinhard Holmer (Hrsg.)

Mit dem Trabbi in die Freiheit Deutsche Erlebnisse


Inhalt Vorwort.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Theo Lehmann Keine neuen Socken, keine neuen Predigten. . . . . . 11 Suse Chmell Er stößt die Mächtigen vom Thron.. . . . . . . . . . . . . . 17 Rolf Metzger Der Durchbruch .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Sabine Lehmpfuhl 2009 – zwanzig Jahre Wende. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Fritz Hähle Wie in den Tagen Nehemias .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Astrid Eichler Besuch vom Rat des Kreises. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Johannes Gerlach Schwerter zu Pflugscharen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Kordula Striepecke Kinderträume.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Christine Lieberknecht Ein Großer im kleinen Trabbi und das Bekenntnis zu Gott .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Hanna Winkler Bangen und Hoffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99


Doris Doering Die entscheidende Wende. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Dr.-Ing. Rainer Jork Und die deutsche Einheit kam doch!.. . . . . . . . . . . . 117 Reinhard Holmer Ein kleines B端chlein.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 J端rgen Stabe Leben zwischen Einsch端chterung und neuen Herausforderungen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Jochen Bohl Grenzg辰nger.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Martin Clemens Zeugen eines Wunders Gottes. . . . . . . . . . . . . . . . . . 159


Vorwort Es gibt Tage, die niemand in seinem Leben vergisst. Das sind bei unterschiedlichen Menschen meistens auch verschiedene Tage, weil das Leben jedes Einzelnen anders verläuft. Aber manche Tage vergisst einfach keiner und jeder könnte dazu eine Geschichte schreiben, auch wenn ein solches Ereignis schon zwanzig Jahre her ist. So ein Tag ist der 9.  November 1989. Es gibt wahrscheinlich wenige Menschen, die damals in Deutschland lebten, die nicht davon berichten könnten, wie sie die Öffnung der Berliner Mauer an diesem Tag erlebt haben. Diese Mauer hat ja das Leben unseres ganzen Volkes bestimmt, besonders aber das Leben der Menschen in der DDR. Nach dem Krieg hatten sich die verschiedenen Besatzungszonen sehr unterschiedlich entwickelt. Die Trennung zwischen Ost und West wurde immer strikter. Am 13.  August 1961 haben die Kommunisten dann das letzte Schlupfloch aus der DDR mit dem Bau der Berliner Mauer geschlossen und von da an verlief das Leben der Menschen in der Bundesrepublik und in der DDR sehr unterschiedlich. Es gehörte zur Ideologie der DDR-Führung, eine eigene DDR-Staatsbürgerschaft zu erreichen. Und obwohl es offiziell nie so gesagt wurde, gab es auch im Westen nur noch wenige Menschen, die an eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten glaubten. Für mich war es erschütternd, bei einem Besuch im Westen im Jahr 1988 von Jugendlichen zu hören, dass für sie Deutschland in Helmstedt (an der ehemaligen bundesdeutschen Ostgrenze) aufhören würde. Damals dachte ich: Damit haben die Kommunisten ihr Ziel ja doch erreicht.

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Aber dann kamen die aufregenden Wochen des Jahres 1989. Im Juni wurden die Proteste der chinesischen Studenten auf dem »Platz des himmlischen Friedens« in Peking durch das Militär mit einem Massaker beendet. Das erschütterte damals viele Menschen im Ostblock. Es machte die ganze Menschenverachtung der kommunistischen Regime deutlich. Im Juli brach Erich Honecker auf einer Tagung des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe der Ostblockländer) in Bukarest zusammen und musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Wir erhofften uns endlich Veränderungen. Im September flohen die ersten DDR-Bürger über Ungarn in den Westen, DDR-Botschaften im sozialistischen Ausland wurden besetzt und die Friedensgebete, die seit langem in den Kirchen abgehalten wurden und in der Nicolaikirche in Leipzig immer mehr Menschen zusammenführten, gewannen an Kraft. Im Oktober wurde der vierzigste Jahrestag der DDR gefeiert, Gorbatschow kam als Hoffnungsträger nach Berlin. Immer mutiger wurden die Demonstranten und schließlich gab es jene legendäre Pressekonferenz von Günter Schabowski in Berlin am 9.  November – die Mauer fiel und das veränderte das Leben von siebzehn Millionen DDR-Bürgern total. Eigentlich war dies ja keine Wende, sondern eine Revolution, aber – und das ist wohl das Einmalige daran – es war eine friedliche Revolution. Das hat es noch nie gegeben, dass eine Diktatur durch Kerzen und Gebete beseitigt wird, dass eine Gesellschaft vollständig verändert wird, ohne dass Blut fließt. Wie stark sich das Leben der Menschen durch diese friedliche Revolution verändert hat, wird in den vorliegenden Berichten deutlich. Es ist gut, dass Frauen und Männer zu Wort kommen, die aus ganz unterschiedlichen

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Situationen berichten, wie sie diese Zeit erlebt haben. Es ist wichtig, dass diese Erlebnisse aufgeschrieben werden. Viel zu schnell wird die Geschichte vergessen oder später aus einer historischen Distanz heraus wissenschaftlich exakt beschrieben. Aber wie diese Ereignisse das tägliche Leben der Leute geprägt haben, das vermag der Historiker nicht deutlich zu machen. Das lässt sich nur erzählen. Immer wieder kann ich nur staunen, dass dies so möglich war – und das Beste daran ist, dass wir alle sagen können: Wir waren dabei! Reinhard Holmer

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Theo Lehmann

Geburtsdatum: 29. Mai 1934 Geburtsort: Dresden Familienstand: verwitwet Kinder: drei Derzeitige hauptberufliche Tätigkeit: Rentner Berufliche Tätigkeit zu DDR-Zeiten: Evangelist Erster Kauf im Westen: Siehe Beitrag »Kultgegenstand« aus DDR-Zeiten: Taschenmesser mit Flaschenöffner (70 Pfennig Ost)


Theo Lehmann

Keine neuen Socken, keine neuen Predigten Ohne geistlichen Beistand hätte ich das Kaufhaus eben nicht betreten sollen. Ich ging aber allein rein. Das war mein Fehler. So endete mein erster Kaufhausbesuch im Westen damit, dass ich völlig verwirrt und unverrichteter Dinge, wie ein verstörtes Huhn, wieder aus dem Tempel der tausend Möglichkeiten entfloh. Es war von mir keine Selbstüberschätzung gewesen. Ich konnte ja überhaupt nicht einschätzen, welches Abenteuer mir bevorstand. Ich hatte keine Ahnung, was von mir für eine intellektuelle Leistung verlangt werden würde, wenn ich bloß ein Paar Socken kaufen wollte. Kaufen können konnte ich. In meiner Jackentasche blähten sich fünf Zwanzigmarkscheine WEST, Grundausstattung und Begrüßungsgeld der freien Welt für den gelernten Ossi. Mit diesem Sümmchen ließ sich gewiss etwas Schönes anfangen. Ich fing ganz bescheiden, im wahrsten Sinne des Wortes ganz unten an: Ein Paar Socken war das Ziel meiner Begierde. Bisher war das im real existierenden Sozialismus kein Problem. Entweder lautete die Auskunft des Verkäufers: »Hamwanich.« Oder: »Sie sind hier falsch. Hier gibt’s keine Schlafanzüge. Keine Socken gibt’s ein Stockwerk höher.« Oder, das muss ehrlicherweise zugegeben werden, weil ja in der DDR nicht alles schlecht war, es gab welche. Meistens im frischen Betongrau mit flottem Muster und einem starken Anteil von Gummi,

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besonders am oberen Rand. Der kniff am Anfang, hing aber später schlaff um die Knöchel, weil die Gummiverstärkung nach dem dritten Waschgang in einzelnen Fäden he­rumbaumelte. Ab da mussten die Socken vor jeder Neubenutzung verschnitten werden. Das sollte nun nach der friedlichen Revolution ein Ende haben. Wozu hatten wir die roten Socken von der Bühne der Geschichte hinweggefegt? Damit sich Pfarrer Lehmann ein Paar schwarze Socken kaufen konnte. Einfach schwarz. Ohne Gummiverstärkung. Ich muss wahnsinnig gewesen sein, als ich dachte, ich könnte diesen Kauf allein, ohne kundige Beratung bewerkstelligen. Ich lasse jetzt mal das Kapitel über das weg, was ich staunenden Auges erleben musste, bis ich die richtige Abteilung gefunden hatte. Mit der Rolltreppe hatte ich übrigens keine Probleme. Rolltreppe fahren konnten wir Ossis schon vor der Wende. Mein Problem begann, als ich vor dem Regal stand. Was heißt Regal, das war eine Wand, Socke an Socke, wie die Eiszapfen in der Tropfsteinhöhle, an Stangen aufgereiht, so weit mein Auge blickte. Ich schielte vorsichtig nach links, dann nach rechts – beidseitig ebenfalls Regale voller Socken, der Anblick überfiel mich wie ein Wasserfall. Da hingen sie also, von pinkfarben bis pastorenschwarz, gepunktet, gestrichelt, genoppt unter der Sohle, an der Ferse verstärkt, Baumwolle, Schafwolle, Schurwolle, knöchelkurz, knielang, paarweise, dutzendweise, zu Hunderten, Tausenden – Hilfe! Ich war überwältigt. Es musste sich um die Jahresproduktion eines Riesenkonzerns handeln. Doch als ich verwirrt, unschlüssig und entscheidungsunfähig ans nächste Regal trat, hing das alles noch mal da, im Farbton vielleicht eine Nuance anders, mit leichtem Grünstich, aber ansonsten wie gehabt: gepunktet,

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