TRACIE PETERSON
Wohin mein Herz mich führt
freundlich zu ihr zu sein, aber ich werde nicht lügen. Wenn sie mich fragt, wie ich mich fühle, kann ich nicht lügen.« »Das erwarte ich auch nicht, Kathy.« Er klang so traurig, als wüsste er, dass es in ihrem Herzen ein nicht zu füllendes Loch gab, das Sunshine gerissen hatte. »Ich hoffe allerdings, dass du die Wahrheit mit Liebe sagst, wie es in der Bibel steht. Wenn du auf sie losgehst, nur damit sie sich schlecht fühlt, wie soll dadurch irgendetwas besser werden, was sie vor all den Jahren getan hat?« Kathy dachte daran, wie ihre Mutter gelitten hatte, die vielen Stunden, die diese um ihr jüngeres Kind geweint und getrauert hatte. Die Fragen und Ängste und ihre eigene Fantasie, die mit ihr durchging – mit all dem umzugehen war viel schwerer gewesen, als wenn ihre Mutter gewusst hätte, wo Amy war und was sie machte. »Wenigstens wird meine Wut – mein Wunsch, Amy in ihre Schranken zu verweisen – niemanden umbringen. Sie hat Mom so sicher umgebracht, als hätte sie ihr eine Waffe an die Schläfe gehalten. Mom hätte nie einen Herzinfarkt bekommen und wäre anschließend niemals so geschwächt gewesen, wenn Sunshine nicht einfach so herzlos verschwunden wäre.« Kathy stand auf und ging neben dem Bett hin und her. »Ich bin um deinetwillen froh, dass Sunshine sich entschlossen hat, nach Hause zu kommen, aber ich – ich hasse es. Es eröffnet eine ganze Reihe neuer Probleme, die bewältigt werden müssen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich die Kraft habe, mich noch einmal ihren Eskapaden zu stellen.«
Sunshine stand im Flur und hörte sich den Wortschwall ihrer Schwester an. Sie hatte keineswegs erwartet, nach zwölfjähriger Abwesenheit mit offenen Armen empfangen zu werden, doch sie hatte auch keinen offenen Hass erwartet. Kathy hasste sie – das war klar. Sie hasste sie so sehr, dass sie Sunshine für den Tod ihrer Mutter verantwortlich machte. Tränen strömten über Sunshines Gesicht. Warum hatte sie die Ent22
scheidungen getroffen, die sie getroffen hatte? Warum hatte sie so viele schlimme Dinge getan? Wenn ich nur nach Hause gekommen wäre, nachdem mir das Geld ausgegangen ist. Wenn ich nur erkannt hätte, welchen Schmerz ich durch meinen Egoismus verursacht habe. Doch Sunshine hatte gelernt, dass man das Leben nicht auf »was wäre wenn« aufbauen konnte. Nichts konnte die Vergangenheit ändern. Was getan war, war getan, und es gab keinen Weg zurück – egal wie tief die Reue war. Sie hörte, wie Kathy etwas davon sagte, um ihres Vaters willen Frieden zu halten, und erschauderte. Etwas war mit Vater ganz und gar nicht in Ordnung. Er war nur noch Haut und Knochen und er hatte etwas davon gesagt, dass er nicht gleich bei den ersten Symptomen zum Arzt gegangen war. Sunshine wollte wissen, was geschehen war und wie die Prognose aussah, aber sie hatte Angst zu fragen. Zum einen wusste sie nicht, ob sie mit der Antwort umgehen konnte. Und zum anderen wusste sie nicht, ob sie sich mit Kathys Feindseligkeit auseinandersetzen wollte. Sunshine entfernte sich vom Familienzimmer und ging in die Küche. Zu ihrer Überraschung sah sie noch immer gleich aus. Das alte Farmhaus war nicht mehr renoviert oder ausgebaut worden, seit sie gegangen war. Sie berührte die gesprenkelte Arbeitsplatte und dachte an all die Male, die sie sie hatte abwischen müssen. Wie sie die Hausarbeiten gehasst hatte. Große weiße Schränke luden sie ein, sie zu erkunden. Sunshine erinnerte sich, wie sie und Kathy sie als Überraschung für Mutter weiß angestrichen hatten. Vater war der Ansicht gewesen, dies wäre der perfekte Weg, die Küche ein bisschen aufzuhellen, und Mutter war begeistert gewesen. Sunshine entdeckte eine überraschende Erinnerung an ihre Kindheit in dem Pressglas aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise, das immer noch einige der Regale säumte. Ihre Mutter hatte das Geschirr von ihrer Urgroßmutter geerbt und es immer sehr gern benutzt. Sunshine erinnerte sich, dass sie einmal gefragt hatte, ob es gefährlich sei, das Geschirr für den Alltag zu benutzen, doch ihre Mutter hatte darüber gelacht. Sie hatte 23
zu Sunshine gesagt, dass es nur Gegenstände seien und dass Gegenstände nichts wert wären, wenn man sie nicht benutzen könnte. Sunshine ging von den Schränken weg zur Hintertür. Im Türrahmen waren noch die Kerben, wo Vater sie und Kathy immer gemessen hatte. Sunshine berührte liebevoll das eingeritzte Holz. Es war ein Teil ihrer Geschichte, der tatsächlich brauchbar schien. Hier war der Beweis, dass sie einmal als Kind in diesem Haus existiert hatte. Hier war der Beweis, dass sie einmal dazugehört hatte. Hinter der Tür gab es eine kleine geschlossene Veranda hinter dem Haus. Sie war in dem Jahr verkleidet worden, als Sunshine zwölf geworden war. Sie und einige ihrer Freundinnen hatten auf der Stelle eine Schlummerparty dort veranstaltet, doch sie hatte nur bis etwa Mitternacht gedauert, bis alle Mädchen ins Haus gegangen waren, nachdem die Geräusche der Nacht ihnen Angst gemacht hatten. Sunshine konnte nicht anders, als bei dieser Erinnerung zu lächeln. Das Leben war damals so einfach gewesen. Sie hatte geglaubt, man hätte sie mit Regeln und Verboten unterdrückt, aber wenn sie nur erkannt hätte, wie geschützt und geliebt sie war, wäre vielleicht alles anders gekommen. Da war es wieder. Wenn nur. Ach, wie sie die Entscheidungen bereute, die sie getroffen hatte. Kathy glaubte zweifellos, ihre Schwester hätte ein zauberhaftes Leben in Wohlstand und Glück geführt, doch da konnte Sunshine ihr die Illusionen nehmen. Sie hatte Zeiten mit beidem gehabt, doch an dem Leben, das sie sich nach ihrem Auszug von zu Hause aufgebaut hatte, war nichts Zauberhaftes oder allzu Gutes gewesen. Sunshine öffnete die Tür mit dem Fliegengitter zur Veranda und schaute über den Garten. Alles war genauso, wie sie es in Erinnerung hatte: die Wäscheleine ihrer Mutter, der Hühnerstall und der Hühnerhof, die Scheune und der Sturmschutzraum. Wie sie diesen Raum als Kind gehasst hatte. Die meisten ihrer Freunde hatten Keller unter den Häusern, aber nicht die Halberts. Dieses Haus war kurz vor dem Ersten Weltkrieg gebaut worden, und offensichtlich waren Keller in den Farmhäusern von Kansas nicht allzu sehr in Mode gewesen. Nichts war so Furcht einflößend, wie die scheinbare Sicherheit des Hauses zu verlassen und sich in den Sturm hinauszuwagen, um in den Schutzraum zu gelangen. 24
Sie erinnerte sich, dass sie als kleines Mädchen vor Angst geweint hatte. Die Stürme hatten sie erschreckt, doch der Schutzraum war ebenso furchterregend. Er war nicht mehr als ein Loch, das in den Boden gegraben und mit einem Gerüst aus Wellblech und Holz verstärkt war, und er war muffig und dunkel, mit einem Fußboden aus festgetretener Erde. Insekten – besonders Spinnen – hatten sich wohl am liebsten unter den groben Holzbänken eingenistet, wo die Familie das Unwetter aussaß. Sunshine hatte sich immer darum gesorgt, was wohl unter der Bank hervorkriechen könnte, und gebettelt, bei ihrem Vater auf dem Schoß sitzen zu dürfen. Im Lauf der Jahre hatte ihr Vater den Schutzraum ausgebaut, doch es war nie ein Ort, an dem Sunshine lange bleiben mochte. Selbst jetzt jagte ihr der Anblick der Tür, die aus dem Erdhügel hervorragte, einen Schauder über den Rücken. Sie wandte sich wieder zum Haus um und ging zum Küchentisch. Vor zwölf Jahren war dies der Schauplatz ihres Abgangs gewesen. Sie erinnerte sich an ihre Arroganz ... ihre mangelnde Liebe ... ihren bitteren Hass. Meine Träume schienen damals so wichtig. Ich dachte, ich wüsste es am besten – ich dachte, ich wüsste alles. Aber ich habe so vielen Menschen mit meiner Selbstsucht wehgetan. Sunshine seufzte und rieb mit der Hand über das glatte, aber stumpfe Holz. Sie lehnte sich zurück und schaute sich im Raum um. Kathy hatte nur wenig daran verändert. Natürlich wusste Sunshine nicht, wann ihre Mutter gestorben war, aber sie war froh, dass Kathy alles mehr oder weniger so gelassen hatte, wie es gewesen war. In diesem Raum war die Handschrift ihrer Mutter noch deutlich zu spüren, in den Möbeln, die sie gewählt, in den Farben, mit denen sie die Wände gestrichen hatte. Mom, wenn ich nur gewusst hätte ... Sie verdrängte diesen Gedanken. Ich kann das nicht. Lana hat gesagt, dass es zu nichts führt. Ich kann meine Handlungen in der Vergangenheit nicht mehr gutmachen oder die Entscheidungen ändern, die ich getroffen habe. Ich kann nur an der Gegenwart arbeiten.
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Kathy stand vor dem Zimmer ihres Vaters in der Stille. Sie wusste, dass sie ihre Schwester suchen und die Schlafcouch fertig machen sollte, aber in ihrem Herzen kämpfte sie. Sie kämpfte damit, dass sie um ihres Vaters willen freundlich sein musste, und damit, dass sie ihr Herz schützen musste – um ihretwillen. Ihr Brustkorb schmerzte noch immer von dem Gefühl, ihre Schwester dort stehen zu sehen, als sie die Tür geöffnet hatte. Im ersten Jahr, nachdem Sunshine gegangen war, hatte Kathy voll und ganz erwartet, dass sie die Tür öffnen und so etwas passieren würde. Dann war ein weiteres Jahr vergangen und dann drei und fünf und zehn. Kathy hatte aufgehört zu glauben, dass Sunshine je zurückkehren würde, als das zehnte Jahr vergangen war. Das war das Jahr, als sie angefangen hatte, Sunshines Zimmer als Abstellraum zu benutzen. Es hatte ganz unschuldig angefangen. Ihr Vater hatte Kathy gebeten, einige alte Fotos auf dem Dachboden zu suchen, und die Sommerhitze hatte es unmöglich gemacht, in dem beengten, drückend heißen Raum zu arbeiten. Ihr Vater hatte vorgeschlagen, alles vom Dachboden herunterzuholen und es in Sunshines Zimmer zu stellen, damit es für Kathy an dem kühleren Platz leichter war, alles zu sichten. Die Kisten voller Erinnerungen und alten Stücken aus der Vergangenheit nahmen immer noch allen Raum im Zimmer ihrer Schwester ein. Kathy hatte sich darum kümmern wollen – besonders, weil die Farm verkauft werden sollte. Natürlich gab es bisher noch keinen Käufer. Zumindest keinen, der die Farm als Gesamtpaket kaufen wollte. Kathy schob ihre Bedenken beiseite. Sie konnte sich keine Sorgen um den Verkauf der Farm machen und sich gleichzeitig mit Sunshine befassen. »Ich schätze, jetzt werde ich mich um ihr Zimmer kümmern müssen«, murmelte sie. Immerhin brauchte Sunshine, wenn sie sehr lange bleiben wollte, ein ordentliches Bett und etwas Privatsphäre. Kathy stieß sich von der Wand ab und beschloss, dass es an der Zeit war, sich mit der vorliegenden Situation zu befassen. Sie ging hinauf zum Wäscheschrank und zog frisches Bettzeug hervor. Einem nachträglichen Einfall folgend griff Kathy auch nach einem Ventilator, da sie sich daran erinnerte, dass Amy ... Sunshine ... gern einen Ventilator laufen ließ, 26
während sie schlief. Das Haus war nie mit einer Klimaanlage ausgestattet worden und die Nächte waren in den langen, schwülen Sommern sehr warm. Sie dachte daran, dass sie sich ihrer Schwester stellen musste, und für einen Moment stieg Panik in ihr auf. Eine Art Krieg tobte in ihr, mit einer verbitterten, wütenden Frau, die viel älter schien, als sie wirklich war, auf der einen Seite, und einem ängstlichen – nein, zu Tode geängstigten – Mädchen, das gezwungen gewesen war, zu früh zu viel Verantwortung zu übernehmen, auf der anderen. Keine von beiden spendete Kathy besonders viel Hoffnung oder Trost. Ihre Arme begannen zu schmerzen, weil sie die ganzen Sachen immer noch festhielt. Es hatte keinen Zweck, das Unvermeidliche hinauszuschieben.
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