JULIE KLASSEN
Die Lady von
Milkweed Manor
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Über vergossene Milch soll man nicht weinen. Warum beklagen, was geschehen ist und nicht ungeschehen gemacht werden kann? Sophokles
Sie weiß nicht, ist es ein Traum oder Erinnerung – aber es ist ein wunderbares Gefühl. Sie ist in Sharsted Court und tanzt mit einem jungen Herrn, dessen Namen sie nicht mehr weiß oder den sie vielleicht auch nie kannte. Sie spürt den zurückhaltenden Druck seiner Hand auf ihrer behandschuhten Handfläche und sieht die warme Bewunderung in seinem scheuen Blick. Auch all die anderen bewundernden Blicke nimmt sie wahr, die ihr folgen, während sie sich mühelos den vorgeschriebenen Schritten des Tanzes hingibt. Sie empfindet, so hofft sie jedenfalls, keinen eitlen Triumph, nur reines Erstaunen und Entzücken angesichts der Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird. Ihre Schwester Beatrice ist heute Abend nicht anwesend. Die schöne Bea musste mit einer Erkältung zu Hause bleiben. Es tut ihr zwar leid für sie, aber es ist dennoch herrlich, so umschwärmt zu sein, so begehrt, so reizend in ihrem himmelblauen Seidenkleid. Sie hat Bewunderer zuhauf und das ganze Leben liegt leuchtend vor ihr. Die Musik endet und der junge Mann mit den goldenen Wimpern auf den blassen Wangen begleitet sie vom Tanzboden zurück. Ein flüchtiger Blick zeigt ihr grüne Augen und rotgoldenes Haar, doch als sie wieder hinsieht, hat schon ein anderer Tanzpartner seine Stelle eingenommen. Kühn legt er den Arm um sie, seine braunen Augen funkeln selbstsicher, ja dreist. Sie wendet sich ab, doch sie spürt seine Hand herrisch an ihrer Schulter, die sie wieder zu sich dreht. Sie möchte fliehen, die zudringliche Hand abschütteln. Stattdessen wachte sie auf. Verschwommen erkannte sie im Halbdunkel eine herabhängende 23
Hand. Jemand, der im Bett neben ihr lag, hatte den Arm um sie gelegt. Bea? Nein, antwortete ihr Verstand. Du bist nicht mehr zu Hause. Ein tiefes Grauen, schwarze, bittere Furcht stiegen in ihr auf. Bitte, bitte, lass alles ein Traum sein. Oh Gott, bitte ... Sie tastete unter die Decke und legte die Hand auf ihren Bauch, hoffte, ihn glatt und flach vorzufinden. Bitte. Ihre Hand fand eine weiche Wölbung. Sie zuckte zusammen, die Augen immer noch fest geschlossen. Es darf nicht sein. Es darf einfach nicht sein. Aber es war so. Charlotte, die auf ihrer Seite ganz an die Kante des durchgelegenen Bettes gerutscht war, schlug widerwillig die Augen auf. Die Hand war noch da, unheimlich wie die Hand in ihrem Traum. Vorsichtig schob sie den Arm von ihrer Schulter und rutschte noch etwas weiter nach außen, bis sie fast aus dem Bett fiel. Ihr Rücken schmerzte. Unfähig, eine bequeme Lage zu finden, drehte sie sich um. Durch die Bewegung, die ihr schwerer fiel, als sie sich noch vor einem halben Jahr hätte vorstellen können, quietschte das Bett. Nun lag sie Nase an Nase mit Mae, die am Abend zuvor offensichtlich Zwiebeln gegessen hatte. Auf der anderen Seite des Bettes klammerte sich eine weitere junge Frau an den Bettrand. Drei Frauen, sechs Seelen, auf einer schmalen Lagerstatt. Sie lagen nebeneinander wie Würstchen in einer Pfanne und wie diese immer wieder gleichzeitig gewendet werden, drehte Mae sich jetzt ebenfalls um und auch die dritte junge Frau drehte sich auf die andere Seite, ohne aufzuwachen. Charlotte konnte sich nicht an ihren Namen erinnern. Sie wirkte sehr jung. Charlotte war bereits zu Bett gegangen, als Mae hereingekommen war. Sie war todmüde gewesen und hatte gerade versucht, ihr Kopfkissen aufzuschütteln. Eine hübsche kleine Person, die etwa in ihrem Alter sein musste, war hereingekommen, hatte ihren Namen gemurmelt, sich ausgekleidet und war neben Charlotte ins Bett gekrochen, als hätten sie schon ihr ganzes Leben lang das Bett geteilt. Charlotte war selbst überrascht, dass sie kurz darauf tatsächlich eingeschlafen war. Sie hörte zwar noch, wie ihre zweite Zimmergenossin hereinkam, war aber zu müde, um sich ihr vorzustellen. Sie wollte nur noch schlafen. Im Schlaf konnte sie in ihr altes Leben zurückkehren. 24
Sie war kurz davor, wieder einzuschlafen, als sie aus einem anderen Teil des Hauses einen Schrei vernahm. Sie setzte sich so plötzlich auf, dass Mae neben ihr erwachte und stöhnte. »Lieg doch still!« »Ich habe etwas gehört.« »Was denn?« »Jemand hat geschrien.« »Daran solltest du dich gewöhnen.« Mae drehte sich um, ihr langer roter Zopf landete auf Charlottes Kissen. »Die Babys kommen hier immer nachts auf die Welt.« »Was?« »Hast du noch nie eine Frau in den Wehen gehört?« »Oh – nein, das habe ich nicht.« Mae antwortete nicht und Charlotte vermutete, dass sie bereits wieder eingeschlafen war. Sie saß ganz still und lauschte. Aber sie hörte nichts mehr. Schließlich legte sie sich zurück, um wenigstens noch ein paar Stunden unruhigen Schlafs zu finden.
Am Morgen wachte Charlotte auf und stellte fest, dass sie allein im Bett lag. Sie erhob sich rasch, schlüpfte in ihr graues Tageskleid und ging dann dem Geräusch von Schritten und weiblichen Stimmen nach, durch die Eingangshalle in das große Esszimmer, das sie gestern auf dem Weg zu Mrs Moorlings Arbeitszimmer gesehen hatte. Der Raum besaß auf beiden Seiten Türen und war mit Tischen vollgestellt – er diente offensichtlich sowohl als Speise- als auch als Arbeitszimmer. Dem Beispiel der anderen folgend, trat Charlotte an einen langen Tisch an der Wand und legte sich ein Stückchen Brot und einen zähen Brocken kaltes Hammelfleisch auf einen Teller. Dazu goss sie sich eine Tasse schwachen, aber zum Glück warmen Tee ein. Sie setzte sich allein an einen Tisch, aus Angst vor den Fragen, die die anderen Mädchen ihr zweifellos stellen würden. Sie hatte ihr Brot noch nicht einmal zur Hälfte gegessen, als Gibbs, die Helferin, die sie am Abend zuvor in ihr Zimmer begleitet hatte, mit einem schweren, ledergebundenen Buch in der Hand erschien und vor ihr stehen blieb. Sie sprach mit kühler Tüchtigkeit. Ihre ausdruckslosen Augen blick25
ten Charlotte nur kurz an und richteten sich sogleich wieder auf das Buch in ihrer Hand. »Nun also, wozu taugen Sie?« »Wie bitte?« »Wofür kann man Sie einsetzen? Waschen, kochen, nähen ...?« »Ich habe Erfahrung in Handarbeit. Sticken und ...« »Gut. Dann werden Sie Strümpfe stopfen. Zweiter Tisch ... los, an die Arbeit.« Charlotte nahm noch einen Bissen Brot, ließ den fettigen Hammel liegen und trank ihren Tee aus. Sie trug das Geschirr zurück zum Buffet und ging schließlich, als ihr keine Entschuldigung mehr einfiel, zögernd zu dem Tisch, den Gibbs ihr gezeigt hatte. Im Vorübergehen sah sie die geneigten Köpfe der anderen, eng zusammengesteckt, wie auf eine Schnur gezogene Perlen. Sie hörte ihr Tuscheln und Lachen und fürchtete, dass sie über sie sprachen. Die erste, die den Kopf hob und in Charlottes Richtung blickte, war eine blonde Frau mit langem, grobknochigem Gesicht und überraschend freundlichen Augen. »Setz dich doch.« Sie räumte ihre Stopfsachen beiseite, sodass Charlotte sich neben sie setzen konnte. »Danke«, sagte Charlotte leise, mit niedergeschlagenen Augen. »Du bist neu hier.« »Ja.« Charlotte zwang sich zu einem Lächeln und machte sich an die Arbeit. Sie versuchte, einen Strumpf zu finden, an dem noch genügend Material übrig war, um ihn zu stopfen. »Ich bin Sally, Sally Mitchell.« Die blonde Frau lächelte, wobei sie zwei nicht ganz einwandfreie Zahnreihen entblößte. Ihre Vorderzähne standen leicht vor und waren auch nicht ganz gerade. Aber es war ein freundliches Lächeln. Anders als die prüfenden Blicke aus schmalen Augen, die die anderen ihr zuwarfen. »Ich bin Miss Charlotte ... Smith.« »Miss Charlotte, ja?«, meinte eine andere Frau. Charlotte blickte rasch auf und sah einen braunen Wuschelkopf, eine spitze Nase, einen Mund wie ein Strich. »Und ich bin Lady Bess Harper«, flötete die Frau mit hoher affektierter Stimme und streckte geziert die Hand aus, wie zu einem Handkuss. Die anderen Frauen lachten. 26
Bess lehnte sich zurück und sah Charlotte kalt an. »Ich frage mich echt, warum du hier in Milkweed Manor bist und nicht die Straße ein Stück weiter oben.« »Was meinen Sie?« »Queen Charlotte ist doch oben am Bayswater Gate. Da gehörst du eigentlich hin, mit deinem Namen und allem.« »Queen Charlotte?«, wiederholte Charlotte verwirrt. Mae, ihre hübsche Schlafgenossin, sagte: »Vielleicht meint sie, eine Königin pro Ort ist genug und möchte lieber unsere sein.« »Aber nein, ich ...« An diesem Punkt warf Bess Harper, die dünnen Lippen missbilligend verkniffen, sodass sie fast verschwanden, ein: »Das Queen Charlotte Wöchnerinnen Hospital. Willst du behaupten, du hast noch nichts davon gehört?« »Nein. Sollte ich?« Bess sah vielsagend auf ihre Taille und Charlotte kämpfte gegen den Drang an, beschämt den Blick zu senken. Sie fädelte einen Faden ein und sagte leise: »Es ist mein erstes Mal.« »Natürlich«, sagte Mae, »wie für uns alle.« Bess grinste boshaft. »Klar, für mich auch. Das sowieso.« Sally beugte sich zu Charlotte hinüber und erklärte freundlich: »Sie nehmen hier nur Mädchen, die vorher noch nie schwanger waren.« »Sie wollen uns bessern«, sagte Bess. »Uns auf den geraden und schmalen Weg der Tugend zurückführen und so weiter.« »Einen Fehler können sie vergeben«, seufzte Sally. »Aber wenn es noch einmal passiert, ist man erledigt.« »Ja«, sagte Charlotte. »Ich glaube, die Vorsteherin sagte, das Manor House sei für ›bedürftige ledige Frauen, die ihr erstes Kind erwarten‹.« »Bedürftig? Also bedürftig bin ich«, sagte Bess. »Oder was meint ihr?« Mae nickte. »Und wie.« »Ich glaube, wir alle bedürfen jetzt einer Tasse Tee«, sagte Bess. »Einverstanden.« Sally grinste und erhob sich. »Und ein paar Marmeladentörtchen.«
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Ab und zu blickte Charlotte auf, sah sich im Raum um und versuchte, sich die Gesichter der etwa zwei Dutzend junger Frauen einzuprägen. Neugierig fragte sie sich, wo wohl das Mädchen war, das letzte Nacht bei ihr und Mae im Bett geschlafen hatte. Ihre Zeit war doch ganz sicher noch nicht gekommen. »Mae, darf ich fragen, wie das andere Mädchen heißt, das bei uns im Zimmer wohnt?« »Du meinst die kleine Becky.« »Ja. Ich sehe sie hier nirgends, oder?« »Nein. Ich fürchte, sie ist heute Morgen an der Reihe.« »Sie ist an der Reihe? Kommt etwa ihr Kind?« »Nee. Sie ist an der Reihe, sich von einem dieser Knochenflicker untersuchen zu lassen. Du weißt schon.« »Oh ...« »Lieber sie als ich.« Mae schauderte. »Was meinst du damit?« »Das wirst du noch schnell genug herausfinden.« Gibbs trat an den Tisch und tippte mit einem stumpfen, tintengeschwärzten Finger auf ihr großes Buch. »Miss Smith, Sie sind die Nächste.« »Verzeihung?« »Zur Untersuchung. Alle Mädchen werden von einem unserer Ärzte untersucht.« »Oh, ich verstehe.« »Im Moment ist er noch mit einem anderen Mädchen beschäftigt. Warten Sie hier, ich rufe Sie, wenn es so weit ist.« Damit drehte sie sich um und ging. Charlotte blieb bewegungslos sitzen und starrte ihr nach. »Du siehst ja zu Tode erschrocken aus.« Sally legte ihre Hand auf Charlottes. »Du brauchst keine Angst davor zu haben.« »Es sei denn, sie kommt zu Dr. Preston«, sagte Mae. »Der Mann ist wie ein Waisenjunge im Süßwarenladen, ganz Augen und Hände, und leckt sich unaufhörlich die Lippen.« »Wahrscheinlich denkt er sich, warum nicht zugreifen – immerhin ist die Bar ja bereits geöffnet.« Bess’ scharfes Gesicht sagte alles. »Einmal mehr macht da auch nichts mehr aus.« 28