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J체rgen Stabe

Glaube, G채nse und Genossen Mein Leben in zwei deutschen Staaten


Inhalt Vorwort.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1. Einleitende Gedanken.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Zwischen Ängsten, Streichen und Bewahrungen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Vom gelernten Landwirt zum berufenen Menschenhirten.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Studentenzeit in Leipzig.. . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Gute Früchte .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. Eine starke Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. Brüder und Schwestern in Russland.. . . . . . . . 9. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.. . . . . . . . . . . .

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Gebet von Antoine de Saint-Exupéry.. . . . . . . . . . . . . 125


1.

Einleitende Gedanken Zeit ist ein kostbares Geschenk. Man kann sie einhalten und überschreiten. Kann sie mit Leben erfüllen oder totschlagen. Kann sie genießen oder verplempern. In meinem ersten Buch »Wunderbar geführt« habe ich von Ereignissen aus meinem Leben erzählt. Es waren nur kleine Mosaiksteinchen, die für mich einen tiefen Glaubenszusammenhang hatten. Auf Bitten vieler sehr verschiedener Menschen (Christen wie Nichtchristen) sehe ich mich geradezu dazu beauftragt, mehr davon zu berichten, welchen Inhalt »Gottes Zeit« bei mir hatte: Prägendes und Gutes, aber auch belastende und schwere Erfahrungen, Grenzen und Chancen. Sie hat einen Anfang und ein Ende. Sie kann aufbauen und zerstören. Es gibt Zeiten, die man festhalten, und Zeiten, die man schnell wieder vergessen möchte. Und manchmal kann die Begrenzung von Zeit auch Trost sein, wenn eine neue Zeit am Horizont sichtbar wird. Das biblische Buch des Predigers sagt vortrefflich in Kapitel 3, Vers 11-12: »Gott hat allem auf dieser Welt schon im Voraus seine Zeit bestimmt, er hat sogar die Ewigkeit in die Herzen der Menschen gelegt. Aber sie sind nicht in der Lage, das Ausmaß des Wirkens Gottes zu erkennen; sie durchschauen weder, wo es beginnt, noch, wo es endet.« Gottes Zeit zu erkennen, zu verstehen und anzunehmen gehört zu den wunderbaren Erfahrungen,

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bei denen man das Gute des Lebens nicht zum absolut unverlierbaren Maßstab machen und an dem Schweren nicht völlig zerbrechen muss. So waren auch die Zeiten meines Lebens durchwachsen und spannend. Im Rückblick möchte ich nichts missen, aber auch nicht alles noch einmal genauso erleben. Reife braucht Wachstum und unterschiedliches Wetter und den, der alles zu seiner Zeit geschehen lässt. So soll dieses Buch Durchlebtes und Durchlittenes, Sonnentage und Gewittergüsse, Verletzungen und Humor, Biografisches und Zeitgeschichte widerspiegeln und in allem Gottes Größe erkennbar machen.

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2.

Zwischen Ängsten, Streichen und Bewahrungen Meine Kinderjahre erlebte ich – geboren 1938 in Seifhennersdorf/Oberlausitz – während des Zweiten Weltkrieges und danach. Manches ist mir bruchstückhaft in Erinnerung geblieben, anderes habe ich längst vergessen. Ich erinnere mich noch deutlich an den letzten Heimaturlaub meines Vaters.

Vater mit Tochter Christine und Sohn Jürgen (1938)

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Mein belgischer Freund Robert (rechts), 1944 ins Lager verschleppt

Letzter Heimaturlaub meines Vaters (1944 in Russland vermisst)

Er trug die Uniform der Wehrmacht. Es waren für Mutter und uns Kinder noch einmal Stunden der Freude und Geborgenheit. Damals wussten wir noch nicht, dass es das letzte Mal war. Nach wenigen Tagen musste Vater wieder in den Krieg ziehen, um für »Führer, Volk und Vaterland« zu kämpfen. Dann, im März 1944 erreichte uns die Vermisstenmeldung aus Russland. Darin hieß es: »Bei den harten Abwehrkämpfen in Jaswin wurde Ihr lieber Gatte am 19. Februar 1944 vermisst.« Und dann folgte der makabre Satz: »So hart Sie das Schicksal über den schmerzlichen Verlust treffen mag, so möge doch die Gewissheit, dass er ein Leben in hartem Ringen um die Größe und den Bestand des deutschen Vaterlandes auf

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sich genommen hat, ein kleiner Trost sein.« Der Vater kam nie wieder, zurück blieb aber eine Spur dankbarer Erinnerung. Später fragte ich mich: Können Kriegsopfer trösten? Wer hatte eigentlich den Krieg auf sich genommen? Sollte der Sinn des Krieges im Opfertod bestehen? Die Familie hatte jedenfalls der Krieg zerrissen. Geblieben waren Erinnerungen und Gedichte von ihm und das, was uns die Mutter von Liebe, Gebet und Hoffnung unseres Vaters erzählt hatte. Das letzte Gedicht schrieb Vater am 23. Januar 1944 im Schützengraben, es heißt darin: Ich habe mich dir, mein Herr und Gott, geweiht und du bist mein. Das lässt mich im Dunkel der Zeit nicht allein. Und was auch immer kommen mag, ich leb von deiner Gnade Tag für Tag! Fast zur gleichen Zeit verband mich zum ersten Mal eine Jungenfreundschaft mit einem etwa achtjährigen belgischen Jungen. Ich weiß heute nicht mehr, woher er kam und wer seine Eltern waren. Oft saßen wir nebeneinander auf der Bordsteinkante unserer Straße oder spielten im Garten. Einzelerinnerungen fehlen mir. Ich weiß nur noch, dass wir uns von unseren Eltern und Geschwistern viel erzählten, aber wegen der Sprachprobleme nur die Hälfte verstanden. Das Schönste an unserer Freundschaft war, wenn wir einander den Arm um die Schultern legten und lachten. Eines Tages kam Robert nicht mehr. Es hieß, er sei mit einem Zug weggefahren. Hinter vorgehaltener Hand sagte man: in ein Lager. Damals wusste ich noch nicht, dass

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das Lager ein Konzentrationslager war. Robert kam nie wieder und eine kindliche Ahnung begann mir Angst zu machen. Mit dem Schulbeginn 1944 in Zittau nahm diese Ahnung eine zynische Gestalt an, die erste Widersprüche in mir weckte. Die Erwachsenen erzählten sich oft ganz leise und unbemerkt von russischen Vormärschen in Richtung Deutschland. Ausländische Radiosender verbreiteten Meldungen von der Front, die das Gegenteil von dem waren, was Göbbels Nachrichten behaupteten. Von »Endlösung« war die Rede. Unser erster Klassenlehrer kam immer in SA-Uniform, grüßte uns ganz forsch mit »Heil Hitler« und forderte uns zum gleichen Gruß auf. Um uns Knirpsen das Ganze schmackhaft zu machen, bekam jeder ein schönes Lederkoppel und ein Militärkäppi. Auf dem Schloss des Koppels war der Satz eingeprägt: »Gott mit uns!« Mit wem sollte Gott sein und warum? War Gott damals schon zu einer Marionette größenwahnsinniger Menschen erniedrigt worden? Warum wollte man Gott in Zusammenhang mit dem Krieg bringen? Ich empfinde es heute so: Der Mensch möchte sich Gott immer zum Wunschpartner seiner Vorhaben machen – hilft es nicht, so kann es auch nichts schaden. Zweimal in der Woche mussten wir am Nachmittag auf dem Schulhof antreten und »Räuber und Gendarm« spielen. Das hieß: Kampf Junge gegen Junge, bis einer Sieger ist, oder: Den Feind in seinem Versteck aufspüren, Hindernisse überwinden lernen und vor allem nicht zimperlich miteinander umgehen. Stolz durften wir uns »Kükengruppe« der Hitlerjugend nennen. Aber bald schon wurde aus dem Spaß

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