Beate Jakob Fulbert Steffensky Hans-Georg Filker
Einladen, glauben, heilen Kirche wächst
Inhalt Vorwort des Projektleiters ..................................... 7 Die heilende Dimension des Glaubens in der Gemeinde entdecken und leben . ...................................... 11 1. Ökumenische Impulse zu Gesundheit, Heilung und dem Heilungsauftrag der Gemeinde.................... 13 2. Heilung und heilende Dienste: das biblische Fundament..... .......................................... 16 2.1 Heilung als die Wiederherstellung gestörter Beziehungen ........................................... 16 2.2 Jesu heilendes Handeln als Zeichen des Heils ........ 16 2.3 Heilende Gaben und Dienste in den ersten christlichen Gemeinden . ............................. 20 3. Die heilende Dimension des Glaubens in den Gemeinden heute........................................ 23 3.1 Heilende Prozesse in den Gemeinden: Zeichen des Reiches Gottes . .......................... 23 3.2 Gebet und heilende Rituale: Schätze des Glaubens ..... .......................................... 24 3.3 Die Gemeinde als Lebensnetz . ....................... 26 3.4 Kurative und präventive medizinische Dienste ...... 29 3.5 Die Weltverantwortung der Christen . ............... 30 4. Beispiele und Impulse aus anderen Ländern ........... 30 4.1 A nglikanische Kirche: A Time to Heal ................ 31 4.2 Norwegen: Synergie zwischen Gemeinden und Staat ............................................... 32 4.3 »Religious Health Assets«: Religionen und religiöse Gemeinschaften als gesundheitsfördernde Ressourcen . . .......................................... 33
5. Lebendige und wachsende Gemeinden heute.......... 35 Zwischen Knast und Kanzleramt – wie das Evangelium in säkularisierten Städten (neu) geerdet werden kann. .............................................. 37 Kleine Herde oder großer Verein – wohin soll die Kirche wachsen? ................................................... 59 1. Was ist eine missionarische Kirche? . .................. 64 2. Die Duldung der fremden Gäste . .............. ........ 67 3. Die neue Religiosität .................................... 71 Anmerkungen ..................................... ........ 75
3. Die heilende Dimension des Glaubensin den Gemeinden heute 3.1 Heilende Prozesse in den Gemeinden: Zeichen des Reiches Gottes Wenn wir Heilung weiter definieren als die Wiederherstellung körperlicher/seelischer Gesundheit, dann öffnet sich ein weites Feld für die Praxis des heilenden Dienstes in den Gemeinden. Gemeinden, deren Mitglieder aus der Beziehung zu Gott leben, haben den Menschen als Ganzes und das Wohl der Einzelnen und der Gemeinschaft im Blick und Heilung bezieht sich auf alle Dimensionen des Lebens. Heilende Prozesse in den Gemeinden sind kleine oder große Schritte auf dem Weg zum Heil, zum Reich Gottes, zum Leben in Fülle. Und ein Blick auf unsere Gemeinden zeigt: Da geschieht schon sehr viel an Heilung – oft im Verborgenen – und es ist wichtig, dies dankbar wahrzunehmen und auch einmal zu benennen und anzuerkennen. Viele Menschen in den Gemeinden sind heilend im biblischen Sinne, auch wenn sie selbst ihren Dienst gar nicht ausdrücklich als heilend bezeichnen würden. Wichtig ist auch: Es gibt in den Gemeinden nicht auf der einen Seite Menschen, die heilende Dienste tun und andere, die sie empfangen. Wir alle sind auf Heilung angewiesen, manchmal mehr, manchmal weniger. Und jede und jeder hat Gaben, die zum Aufbau der Gemeinde beitragen und für andere heilend sein können. Als Gemeinde sind und bleiben wir eine Gemeinschaft von Unperfekten, von Menschen, die auf Gottes heilende Zuwendung angewiesen sind. Wir sind uns der Grenzen und der Vorläufigkeit all unseres heilenden Handelns sehr wohl bewusst. Wir wissen, dass immer 23
Gott der Heilende ist und Gottes heilende Kraft bleibt uns Menschen unverfügbar. Alle Heilung in dieser Welt ist unvollkommen und verweist auf das endzeitliche Heil, das alle weltliche Heilung übersteigt. Wenn wir Heilung selbst erfahren oder heilend wirken, dann bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen dem »Schon« und »Noch nicht« des Reiches Gottes, das mit Jesus begonnen hat: Das Reich Gottes ist im Heute schon Wirklichkeit. Heilende Prozesse sind darauf hingeordnet und zeigen es an, aber es ist noch nicht vollendet: Im Hier und Jetzt gehören Erfahrungen von Leid, von Krankheiten, Katastrophen, von Schuld und Versagen zu unserem menschlichen Leben dazu. Und doch dürfen, ja sollen wir im Vertrauen auf den Gott des Lebens (vgl. Weisheit Salomos 11, 26) mit Gottes heilender Nähe und Kraft in unseren Gemeinden heute rechnen.
3.2 Gebet und heilende Rituale: Schätze des Glaubens Die abnehmende Zahl der Kirchenmitglieder in unserer Gesellschaft korreliert nicht mit einem Rückgang von Religiosität bzw. Spiritualität. Ganz im Gegenteil sprechen Religionssoziologen geradezu von einem »Resakralisierungsprozess« unserer postmodernen Gesellschaft.5 Die Offenheit für »das Heilige« und für Spiritualität äußert sich oft in einer Sehnsucht und Suche nach Heilung – nach der Erfahrung göttlicher Nähe in Krankheit, in Krisen- und Belastungssituationen. In diesem Bereich nun gibt es ein fast unüberschaubares Angebot aus dem Bereich der Esoterik: Heilung mit göttlicher 24
Energie wird angeboten und oft verkauft. Und nicht wenige Christinnen und Christen wenden sich mit ihrer Sehnsucht nach Heilung diesen Angeboten zu, da sie in ihren Gemeinden diese Dimension vermissen. Es ist deshalb an der Zeit, dass wir die heilende Dimension von Gebeten und Ritualen in unseren Gemeinden entdecken und wirksam werden lassen. Jeder Gottesdienst, den wir gemeinsam feiern, bietet die Möglichkeit, unser Leben mit all seinen Höhen und Tiefen vor Gott zu bringen und um seine heilende Nähe zu bitten. Wenn unser Leben im Gottesdienst zur Sprache kommt – in den Gebeten und in den Fürbitten – ist Gottes versöhnende und heilende Kraft erfahrbar. Wie gut tut es Kranken, wenn sie wissen, dass andere für sie beten und sie auf diese Weise tragen. Und wie »heilsam« kann es sein, ein persönliches Segenswort zugesprochen zu bekommen. Die Berührung im Zeichen der Salbung kann dies unterstützen. Dadurch können vielfältige heilende Prozesse in Gang kommen oder unterstützt werden. Aus den Erfahrungen mit Segnungsund Salbungsgottesdiensten in der Tropenklinik Paul-LechlerKrankenhaus in Tübingen weiß ich, dass dieses Ritual von den Patientinnen und Patienten, die oft sehr schwer körperlich krank sind, in aller Regel als sehr bewegend und als heilend erfahren wird – auch wenn das körperliche Befinden unverändert bleibt. Gebet und Rituale können heilende Prozesse anregen, die alle Dimensionen des Lebens betreffen: die Beziehung zu Gott und zu den Mitmenschen, die Beziehung zu sich selbst und die Einstellung zur Krankheit. Schließlich können wir auch damit rechnen, dass körperliche Beschwerden sich bessern oder geheilt werden. Bei all dem geht es darum, diese Prozesse als Ergänzung zur medizinischen Behandlung zu sehen, keinesfalls in Konkurrenz dazu. 25
Wenn wir um Heilung beten und heilende Rituale ausüben, müssen wir uns sehr deutlich gegenüber Missverständnissen abgrenzen: Es kann und darf in keiner Weise darum gehen, die Gebrochenheit des menschlichen Lebens zu verneinen und Heilung in irgendeiner Weise verfügbar machen zu wollen. Als Christinnen und Christen wollen und dürfen wir uns nicht dem »Gesundheitskult« unserer Zeit anschließen. Heilung in einem wesentlichen Sinne geschieht gerade dann, wenn Menschen sich trotz schwerer körperlicher Krankheit als von Gott angenommen und geliebt erfahren. Heilung durch den Glauben ist hingeordnet auf das Heil des Menschen, das unabhängig ist von körperlicher Heilung, diese aber auch nicht von vorneherein ausschließt. Auf diese Zusammenhänge weist auch das Motto der »Woche für das Leben« 2008–2010 hin: »Gesund oder krank – von Gott geliebt« und das Thema der diesjährigen Aktion: »Gesundheit – höchstes Gut?«
3.3 Die Gemeinde als Lebensnetz Menschen aus Gesellschaften mit großen sozialen Unterschieden und Menschen, die selbst Ausgrenzung erfahren haben, sind oft sehr sensibel für die soziale Dimension von Heilung. Zwei Beispiele dazu: Lisandro Orlov, der Leiter einer lutherischen Gemeinde in Buenos Aires, Argentinien, sagt: »Für mich hat Jesus geheilt, indem er sich Menschen am Rande der Gesellschaft zuwandte, sie anschaute und ihnen zusagte: ›Du bist ein Bürger erster Klasse‹!« Samuel Kabue, ein blinder Pastor aus Kenia, betont, für behinderte Menschen bedeute Heilung »die Akzeptanz, 26
Wiedereingliederung und Integration in die Mitte der Gesellschaft«. Menschen achten und wertschätzen und in die Gemeinschaft integrieren sind wichtige heilende Dienste in unseren Gemeinden. Schon dadurch, dass in einer Gemeinde Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten zusammenkommen, hat sie eine integrierende Funktion. Aber immer gibt es Menschen, die darauf warten, angesprochen und einbezogen zu werden. So hat die Gemeinde die Chance, ein Ort zu sein, wo jede und jeder angenommen und wertgeschätzt ist – unabhängig von Geschlecht, Alter, Leistungsfähigkeit, Hautfarbe etc. Möglichkeiten, dies umzusetzen, gibt es viele, zum Beispiel ein »Kirchencafé« nach dem Gottesdienst oder eine Gruppe in der Gemeinde, die es sich zur Aufgabe macht, aktiv auf Menschen zuzugehen, die neu in der Gemeinde sind oder am Rande stehen. Schön ist es, wenn die Beziehungen zwischen den Gemeindegliedern über die Treffen am Sonntag hinausgehen. Mit zur heilenden Dimension zählt die gegenseitige Hilfe im Alltag, die von der Kinderbetreuung bis zur Hilfe beim Suchen einer Wohnung oder eines Arbeitsplatzes gehen kann. In unserer Gesellschaft wird es für Menschen immer wichtiger, »sichere Orte« oder »geschützte Räume« zu haben, an denen sie sich mit ihren Schwächen und Nöten ungeschützt zeigen und aussprechen können und sich angenommen und verstanden fühlen. Gemeinden können bewusst solche Orte anbieten wie Hauskreise, Glaubensgesprächskreise, Trauergruppen, Selbsthilfegruppen etc. Besonders wichtig ist es für Menschen in Krankheit und in schwierigen Lebenssituationen, wie zum Beispiel nach dem Verlust eines Familienangehörigen, in Trennungssituationen oder nach dem Verlust des Arbeitsplatzes die Gemeinde als soziales 27
Netz zu erfahren. Kranke, ältere oder alte Menschen, die für längere Zeit oder auf Dauer nicht mehr am Gemeindeleben teilnehmen können, sind angewiesen auf Besuche, die signalisieren: »Du gehörst weiterhin dazu!« Großer Segen geht von Hospizdiensten aus, die vielfach auf die Initiative von Kirchengemeinden zurückgehen. Menschen, die Sterbende begleiten, tun durch ihr Dabei-Sein einen wichtigen heilenden Dienst. Weltweit, besonders aber in den Ländern des Nordens, nehmen die psychischen Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen und Angststörungen, zu. Hier haben Gemeinden besondere Möglichkeiten, sowohl Betroffene wie auch deren Angehörige zu stützen und zu begleiten. Gemeinden sind ein einzigartiger soziologischer Organismus, ein Lebensnetz mit vielfältigen Möglichkeiten, die Paul-Hermann Zellfelder-Held, Pastor einer Stadtgemeinde, so zusammenfasst: »Menschen aller Schichten und Altersstufen sind Gemeindemitglieder. Nichts geschieht außerhalb des Bereichs, der Ruf- und Sichtweite einer Kirchengemeinde. Jedes Glück, jedes Leid, jede Not ereignet sich in ihrem Bereich. Gemeinden haben ein umfassendes ›Lebenspotential‹, das Himmel und Hölle, Geburt und Tod, Feier und Trauer, Jung und Alt, Hilfe geben und Hilfe erfahren, Entlasten und Beistehen, Freiraum und Geborgenheit, Individualität und Sozialität umfasst.«6
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