Voice of the Martyrs
Mit brennendem Herzen Frauen der Untergrundkirche
Inhalt Zum Geleit (Thomas Schirrmacher). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Vorwort (Manfred Müller).. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Einleitung: Herzen, die für Gott brennen.. . . . . . . . . . . . . . . . .
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Adel: Hoffnung in der Hölle.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Purnima: Ein Mädchen im Gefängnis, eine Seele in Freiheit.. . . . . . . . . 51 Aida: Stimme der Stummen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Sabine: Zeugin der Liebe Christi.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Tara: Leben auf der Flucht.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Ling: In der Schule des Leidens.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Gladys: Die Macht der Vergebung.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Mai: Zurück nach Vietnam … das Evangelium zu predigen.. . . . . 267 Anmerkungen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
Von Thekla bis Sabine: zum Geleit Christenverfolgung betrifft nicht nur Männer, sondern genauso auch Frauen und Mädchen. Als erste christliche weibliche Märtyrerin wurde seit dem zweiten Jahrhundert die von Paulus getaufte Thekla verehrt, wobei wie so oft Realität und spätere Legende schwer voneinander zu trennen sind. Die Basilika der Thekla steht bis heute in der Türkei über ihrer Wohnhöhle südlich von Seleuka – dem heutigen Silifke. In eher traditionellen Gesellschaften mag es so gewesen sein, dass Ehemänner und Väter, vor allem die Pastoren unter ihnen, eher das Ziel der Häscher waren. Aber auch dann litten die Ehefrauen und Mütter mit und mussten Familien ohne den Vater durchbringen oder die Gemeinden weiter betreuen. Der Mut der Ehefrauen stand in nichts ihren Männern nach. Es war beispielsweise – wie die Geschichte von Sabine in diesem Buch zeigt – Sabine Wurmbrand, die ihren Mann ermutigte, vor kommunistischen Herrschern und religiösen Würdenträgern öffentlich Zeugnis für Jesus abzulegen – der Beginn seiner langen Leidenszeit. Zwar wurde zunächst er lange Zeit inhaftiert, aber sie wurde weiter überwacht, schikaniert und schließlich auch selbst inhaftiert. Dass aber Frauen nicht bloß Mitleidende waren, sondern direkt selbst verfolgt wurden, zeigt sich nicht nur bei den Ehefrauen, die oft das Werk ihrer Männer fortführten oder wegen ganz eigener Leitungsaufgaben ins Visier der Verfolger gerieten, sondern auch bei verheirateten Frauen in Leitungsaufgaben und bei Ledigen, so ganz offensichtlich bei Missionarinnen, Diakonissen oder Nonnen. Die Römer kreuzigten auch Christinnen. Die Kommunisten verfolgten Männer und Frauen, wie im Falle der Wurmbrands. Ebenso nehmen die Verfolger bis heute wenig auf das Geschlecht Rücksicht. Im Laufe der Geschichte wurde aber – wie so oft – die Geschichte der Frauen seltener erzählt. In den letzten Jahren beginnt sich das
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zu ändern. Das ist nicht nur gerecht und geistlich, sondern auch wichtig. Auf diese Weise kann den Millionen von Frauen weltweit, die für ihren Glauben leiden, viel besser Mut gemacht werden. Dies Buch weist auch auf etwas hin, das für Außenstehende nur schwer zu verstehen ist: Christen bitten für ihre Verfolger. Nach dem Vorbild von Jesus Christus, der betete: »Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun«, einem Vorbild, dem als Erster bekanntlich Stephanus folgte, bringen auch verfolgte Frauen ihren Verfolgern keinen Hass entgegen, sondern Gottes Liebe und den sehnlichen Wunsch, dass die Verfolger selbst Jesus begegnen und ihren Irrtum einsehen mögen. Susanne Geske, die Witwe des 2007 im türkischen Malatya ermordeten deutschen Christen, hat davon zuletzt eindrücklich Zeugnis abgelegt, als sie im nationalen türkischen Fernsehen den Mördern ihres Mannes verzieh. Das Gebet des Stephanus’ wurde bei der Bekehrung des Paulus ebenso erhört, wie viele andere ähnliche Gebete in der Geschichte. Ich wünsche, dass das Buch allen Mut macht, für ihren Glauben auch dann einzustehen, wenn es Diskriminierung und Verfolgung nach sich zieht. Ich wünsche mir, dass das Buch Christen, die selbst so etwas nicht erfahren, ermutigt, für ihre leidenden Glaubensgeschwister einzutreten, sich aber auch die Frage zu stellen, wo ihr Glaube angesichts der in diesem Buch beschriebenen Vorbilder noch wachsen und gestärkt werden kann. Prof. Dr. phil. Dr. theol. Thomas Schirrmacher Sprecher für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz, Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit Geschäftsführer des Arbeitskreises für Religionsfreiheit der Deutschen und der Österreichischen Evangelischen Allianz
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Adel: Hoffnung in der Hölle Indonesien, 17 Uhr, Montag, 10. Januar 2000 Unter dem schaukelnden Schatten der Palmen versammelte Adel die Kinder um sich; es waren ungefähr fünfzig. Dann begann sie, mit lauter Stimme zu singen: »Vorwärts, Christi Streiter«. Die Kinder fielen zögernd ein. Sie konnte die Angst in ihren Augen sehen. »Ich will nicht sterben!«, rief einer der Jungen. Er war noch keine zehn Jahre alt. »Wir werden nicht sterben! Komm, klatsch mit uns in die Hände!« Adel beugte sich zu ihm hinunter und sagte es direkt in sein Ohr, damit er sie verstehen konnte. Der Junge begann, halbherzig mitzusingen. Sie sangen ein weiteres Lied, ihre Hände zitterten beim Klatschen. Adel versuchte, mit den Liedern die Schreie zu übertönen, die keine zwei Kilometer entfernt aus dem Tal heraufkamen. Sie musste verhindern, dass die Kinder zu weinen anfi ngen, vor allem die größeren. Wenn eines von ihnen in Tränen ausbrach, würde eine allgemeine Panik ausbrechen. Adel bewunderte die Tapferkeit der Kinder. Auch die anderen Eltern, die in kleinen Gruppen um die Kinder herumsaßen, schienen aus dem Gesang Mut zu schöpfen. Sie sangen weiter. Adel ließ ihren Blick über die Kinder schweifen. Da hinten saßen ihre beiden eigenen. Christina war schon neun, Christiano sieben. Adel befahl sich selber, tapfer zu sein – für ihre Kinder, für all diese Kinder. Sie vertraute fest auf Jesus Christus. Aber sie machte sich Sorgen, vor allem um ihren kleinen »Anto«, wie sie Christiano nannte, der noch so klein für sein Alter war. Sie bat Gott stumm um seine Bewahrung und war einmal mehr dankbar dafür, dass sie ihre Bibel geschnappt hatte, als sie aus dem Haus gerannt war. Jetzt schlug sie die zerlesenen
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Seiten auf, bis sie zu der bekannten Stelle kam: »Denn alles ist mir möglich durch Christus, der mir die Kraft gibt, die ich brauche« (Philipper 4,13). Dann blätterte sie zu dem Anhang ihrer Bibel um, wo etliche Lieder abgedruckt waren, und stimmte das nächste an. Einige der Kinder begannen zu jammern, dass sie Hunger und Durst hatten. Sie waren seit Mittag hier oben, und jetzt begann die tiefer sinkende Sonne den Himmel gelbbraun zu färben. Die Sonnenuntergänge konnten so romantisch sein hier auf der kleinen indonesischen Insel Dodi. Aber heute war die beginnende Dämmerung nur ein unheilvoller Vorbote der Dunkelheit, die bald auf ihr Dorf fallen würde. Plötzlich drang Methus Stimme laut durch das Singen der Kinder: »Renn! Adel, renn!« Adel hastete zur Kante des Abhangs und blickte angestrengt nach unten. Sie sah die unwirklichen Silhouetten von Männern, die den steilen Pfad nach oben hasteten. Wieder Methus Stimme: »Nimm die Kinder, Adel! Schnell! Rennt in den Wald!« Dann hörte Adel ein knisterndes Geräusch aus dem Tal und erstarrte. In den dunkler werdenden Himmel stieg eine Rauchsäule. Sie haben das Dorf angezündet. Sie wusste: Alle Häuser würden verbrennen, auch ihr eigenes. Was sollte sie machen? Methu helfen, der den felsigen Hang hinaufkletterte, oder zu ihren Kindern laufen? Es kam alles zu schnell. Vor Adels innerem Auge lief mit rasender Geschwindigkeit der Film ihres Lebens ab, Vergangenheit und Zukunft verschmolzen zu einem Punkt. Zwei wunderbare Kinder, ein liebevoller Ehemann … das Leben war gut gewesen. Sie drehte sich zu den Kindern um, warf dann einen letzten Blick in Methus Richtung und erinnerte sich an den ungeladenen Gast, der so störrisch auf dem Sofa ihrer Mutter gesessen hatte …
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»Nur Gott kann euch trennen« Juli 1989 »Mama, er sieht wie ein Affe aus!«, zischte Adel, während sie durch den Spalt der Küchentür zu dem jungen Mann hinschaute, der im Wohnzimmer saß. Ihre Mutter reagierte nicht. Adel mochte zu jung sein, um zu heiraten, aber etwas mehr Respekt vor diesem beharrlichen jungen Mann war angebracht. Jeden Tag um die gleiche Zeit kam er. Adel wusste nicht, ob sie sich eher geschmeichelt fühlen oder verärgert sein sollte, wenn Methu das nächste Mal auf dem Sofa Platz nahm und sein Anliegen wiederholte. Adel hatte dem Siebzehnjährigen mehr als ein Mal ihre Antwort gegeben. Doch entweder weigerte er sich, ihr »Nein« anzunehmen, oder er tat so, als ob er sie nicht verstand. »Ich will nicht heiraten, ich bin zu jung. Und wenn ich heiraten wollte, dann bestimmt nicht dich!« Adel war ebenfalls siebzehn und entwickelte sich zu einer attraktiven jungen Frau. Aber sie hatte kein Interesse, eine Beziehung anzufangen, obwohl es ihr nicht an Gelegenheiten mangelte. Methu ließ sich durch ihre eindeutigen Worte nicht erschüttern. Ruhig und höflich saß er da und versuchte ihr zu erklären, dass sie seine Frau werden musste. »Das ist Gottes Plan für uns beide, auch wenn du denkst, dass ich wie ein Affe ausseh’.« Adel musste kichern, als sie sah, wie ihre Mutter ein Grinsen unterdrücken musste. Methu ließ sich nicht abschrecken und ging zu der üblichen Frage über: »Also, willst du meine Frau werden?« Sie wusste, dass er für Argumente nicht zugänglich war, und blieb stumm sitzen. Wann würde der Kerl endlich gehen? Endlich erhob Methu sich vom Sofa, aber bevor er ging, zog er sein Hemd aus. Er faltete es säuberlich und legte es Adel auf den Schoß. »Da! Weil du mir nicht antwortest, lass ich dir mein Hemd da, damit es für mich weiter wartet.«
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Adel fühlte sich unwillkürlich geschmeichelt durch diese kindlich-ernste Geste. Vielleicht war er doch nicht so übel … Drei Monate später heirateten sie. Es war eine Hochzeit, wie sie auf der Insel üblich war. Sie begann früh an einem hellen Oktobernachmittag und ging bis spät in die Nacht. Das ganze Dorf war zusammengekommen, um den Feierlichkeiten beizuwohnen. Jeder bekam zwei komplette Mahlzeiten serviert. Es war alles so unwirklich. Wohl hundert Mal fragte Adel sich, ob sie nicht doch zu jung war und einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Sie war die Erste von ihren sieben Geschwistern, die heiratete. Was wusste sie denn von den Pflichten einer Ehefrau? Nur die Worte des Pastors nach der Trauung brachten ihr etwas Trost. »Adel«, sagte er ihr, »nur Gott kann dich und Methu wieder trennen.« Einen Monat nach der Hochzeit wurde sie schwanger, doch obwohl sie das Kind voll austrug, kam es, nach langen und heftigen Wehen, tot zur Welt. Adel und Methu waren am Boden zerstört. Doch fünf Monate später wurde Adel wieder schwanger. Diesmal wurde das Kind drei Monate zu früh geboren, und niemand gab ihm eine Chance. Die Freundinnen, die Adel besuchten, versuchten sie zu trösten: »Sei stark, wenn das Kind stirbt.« »Mein Kind wird nicht sterben!«, antwortete Adel. Sie war fest davon überzeugt, da konnten ihre Verwandten und Freunde reden, was sie wollten. Nein, sie würde nicht noch ein Kind verlieren. Und sie legte ihr winziges Neugeborenes vorsichtig auf ein Kissen und redete ihm zu, während sie gleichzeitig betete. »Warum bist du schon da, Christina?«, flüsterte sie. »Du hast noch nicht deine volle Zeit in meinem Bauch erreicht, und trotzdem bist du gekommen. Und obwohl du so klein bist, lieben Methu und ich dich, und ich weiß: Gott wird dich bewahren.« Zum großen Erstaunen der Verwandten und Dorfleute wuchs Christina zu einem gesunden Kleinkind heran, und zweieinhalb Jahre nach ihrer Geburt bekam sie einen Bruder, Christiano.
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Adel und Methu hätten nicht glücklicher sein können. Bald nach Christianos Geburt zogen sie in ihr eigenes Haus. Es hatte drei Zimmer. Die Wände waren aus Bambus, der Fußboden aus Lehm. Es war ein schlichtes Haus, aber es gehörte ihnen. Wenn die Kinder größer waren, würden sie sich vielleicht ein besseres, geräumigeres Haus leisten können, aber jetzt wohnten sie erst einmal in ihren eigenen vier Wänden und nicht mehr unter einem Dach mit Methus Eltern. Fast alle Familien in Adels Dorf waren Christen, und sie machte voller Begeisterung in der Kinderarbeit ihrer Kirchengemeinde mit. Es gab über fünfzig Kinder, die mehr oder weniger in Christinas und Christianos Alter waren. Adel las ihnen dieselben biblischen Geschichten vor, die ihr Großvater ihr vorgelesen hatte. Dass sie jetzt das machte, was ihr Großvater gemacht hatte – das Evangelium predigen, und wenn es nur für die Kinder der Nachbarschaft war –, es erschien ihr irgendwie ganz natürlich.
Vorboten des Dschihad Das Leben ging friedlich seinen Gang für Adel und die Menschen im Dorf, bis die Muslime ihren ersten »offiziellen« Besuch abstatteten. Der Albtraum – damals erkannte Adel noch nicht, dass es einer war – begann am 9. September 1999 um 15 U hr. Es war ein Tag, den Adel nie vergessen wird. Sie war in ihrem Haus. Plötzlich hörte sie draußen Geräusche und Stimmen. Sie lief nach draußen und sah als Erstes das Transparent, auf dem in großen Blockbuchstaben zwei Worte standen: Cinti Damai (»Liebt den Frieden«). Um das Banner herum standen dreißig Männer, Frauen und Kinder aus einem muslimischen Dorf namens Dahma. »Ihr Leute von Dodi«, verkündete ein dunkelhäutiger Mann mittleren Alters, »wir sind eure Nachbarn, und wir sollten Frieden miteinander halten.« Es gab keine Lautsprecher, aber seine dröhnende Stimme erreichte auch die hintersten seiner Zuhörer.
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