Thomas Schirrmacher
Rassismus Alte Vorurteile und neue Erkenntnisse
Inhalt Kurz und bündig .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... Vorwort .. . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .....
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I. Der Rassismus und seine Widerlegung . . . . . . . ..... 1. Was ist Rassismus? .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... Exkurs: Es gibt kein Ansehen der Person vor Gott! . .. Exkurs: Wichtige Bibeltexte gegen Rassismus .. . ..... 2. Menschenrassen gibt es nicht .. . . . . . . . . . . . . . . ..... Exkurs: Die Unsinnigkeit von Hitlers Rassengedanke . 3. »Schwarze«, »Gelbe«, »Rote«, »Weiße« .. . . . . ..... Exkurs: Die Äthiopier (»Mohren«) im Alten und Neuen Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 4. IQ-Rassismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 5. Wir sind alle »Mischlinge« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... Exkurs: War das Heiratsverbot mit Nichtjüdinnen im AT rassistisch? .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .....
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II. Zur Geschichte des Rassismus und seiner Begründung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 1. Geschichte der rassistischen Theorien .. . . . . . . ..... Exkurs: Evangelikale und Sklaverei .. . . . . . . . . . . . . ..... Exkurs: Todesstrafe für Sklavenhändler im Alten Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 2. Völkermorde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... Exkurs: Die Vielfalt der Kulturen in der Bibel .. . . ..... 3. Rassentrennung .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 4. Die Verquickung von Rassismus mit anderen Faktoren .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .....
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III. Die Situation in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . ..... 89 1. Zigeuner .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 89 2. Antisemitismus .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 91
3. Der Nationalsozialismus .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...... 92 4. Rechtsextremismus in den deutschsprachigen Ländern heute .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...... 95 Exkurs: Das »Volk« als Schöpfungsordnung? . . . ...... 100 Weblinks und Literaturhinweise .. . . . . . . . . . . . . . . ...... 103 Anmerkungen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...... 115
1. Samuel 16,7 (Gott zum Propheten Samuel): »Schau nicht auf sein Aussehen und seinen hohen Wuchs, denn ich habe ihn verworfen. Denn der HERR schaut nicht auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Der HERR aber sieht das Herz an.« Epheser 2,14-18 (über Juden und Heiden): »Denn Er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft. Durch das Opfer seines Leibes hat er abgetan das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst. Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.«
2. Menschenrassen gibt es nicht »Rasse« in der Biologie
Wie verwendet die Biologie heute den Begriff »Rasse«? Die Antwort ist eindeutig: »Rasse« verwendet man nur noch für vom Menschen gezüchtete Pflanzen sowie Nutz- und Haustiere. Hier züchtet der Mensch besondere Merkmale heraus und verhindert die Vermischung der Rassen durch weitere Kontrolle der Zucht – was ja beim Menschen unmöglich wäre. Für Wildtiere und -pflanzen findet der Begriff »Rasse« praktisch keine Verwendung mehr. Um biologische Arten – klar definiert durch die Grenze der natürlichen Kreuzbarkeit – zu unterteilen, traten allmählich
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die Begriffe »Unterart« oder »Subspezies« an die Stelle, für die Pflanzen »Formen« und »Varietät«, die aber längst nicht so klar festgelegt sind wie die Arten und die darüber sich aufbauenden hierarchischen Begriffe. Alle Menschen dieser Welt sind beliebig miteinander »kreuzbar«, was heißt, dass prinzipiell jeder zeugungsfähige Mann mit jeder gebärfähigen Frau Kinder zeugen kann. Das ist ein untrügliches Kennzeichen, dass es sich bei allen Menschen um ein und dieselbe biologische Art handelt. Die Vereinten Nationen haben das treffend rechtlich so festgeschrieben – nebenbei eine erstaunliche Wiederbelebung der christlichen Tradition: »Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Sie sind gleich an Würde und Rechten geboren und bilden gemeinsam die Menschheit.«13 Im »Lexikon der Biologie« heißt es dazu: »In der Rassenkunde der Anthropologie wurde der Terminus ›Rasse‹ für die Klassifikation von Menschengruppen auf mehreren Niveaus unterhalb der Art Homo sapiens verwendet, wobei lediglich die sog. geografischen Großrassen (Europide, Mongolide, Negride) dem Status von Unterarten … hätten entsprechen können. Verschiedene populations- und molekulargenetische Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Einteilung in ›Rassen‹ beim Menschen keine genetische Grundlage hat«.14 Der Oldenburger Biologieprofessor Ulrich Kattmann hat in zahlreichen Veröffentlichungen vertreten, dass der Rassebegriff in der Biologie generell ebenso obsolet geworden ist wie in Bezug auf den Menschen. »Auch von biologischer Seite wird der Kritik am Menschenrassen-Konzept oft Unverständnis und Widerstand entgegengebracht, da man bei Aufgabe des Rassenbegriffs allgemeinbiologische Prinzipien verletzt sieht: Rassenklassifikation sei ein in der ganzen Biologie übliches Verfahren … Der Mensch habe biologisch keine Sonderstellung und sei daher wie alle anderen Tierarten zu behandeln. Das Rassenkonzept sei zum Verständnis der Evolution notwendig … Der Autor gesteht, dass er selbst lange Zeit ebenso
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gedacht hat … Die genaue Analyse zeigt jedoch, dass keines der Argumente, am Menschenrassen-Konzept festzuhalten, biologisch stichhaltig ist. Zunächst ist festzustellen, dass der Terminus ›Rasse‹ in der Zoologie weitestgehend obsolet ist und ausgiebig nur von Anthropologen und Haustierkundlern verwendet wird … Der einzige Objektbereich, in dem ›Rasse‹ als Fachwort angewendet wird, sind die Zuchtformen der Haustiere … Natürliche Populationen sind jedoch genetisch vielfältig und keineswegs mit Haustierrassen vergleichbar. Geografisch deutlich differenzierte Populationen werden zoologisch als Unterarten (Subspezies) bezeichnet. Die Unterteilung von Arten in Unterarten oder noch feineren Kategorien ist dabei keineswegs ein verpflichtendes biologisches Prinzip. Die zoologische Klassifikation ist nur auf dem Artniveau zwingend: Jeder sich zweielterlich fortpflanzende Organismus gehört notwendig einer biologischen Art an, die als Fortpflanzungsgemeinschaft definiert ist … Beim Menschen ist die Vielfalt innerhalb und zwischen den Populationen so komplex, dass es unzweckmäßig ist, diese Art zoologisch weiter zu untergliedern … Das Rassenkonzept ist einfach untauglich, die genetische Verschiedenheit der Menschen in ihrer individuellen und geographischen Vielfalt angemessen zu erfassen.«15
Rassen waren trotz großem Aufwand nicht zu finden
Der »Rasse«-Begriff beim Menschen ist eine der erfolgreichsten Ideen der Moderne. Vor 1400 in allen seinen Teilen unbekannt und im 18. Jh. allmählich entwickelt, dürfte ab dann bis Mitte des 20. Jh.s kaum jemand an der Existenz klar unterscheidbarer menschlicher Großrassen gezweifelt haben, obwohl es nie eine halbwegs anerkannte Einteilung solcher Rassen gegeben hat. Von 1850 bis etwa 1950 kann man von einer Blütezeit der rassenanthropologischen Messtechniken sprechen. Hautfarbtafeln, Augenfarbtafeln, Abmessen von Knochen, Körpergröße, Schädelmessungen, Verhältniszahlen waren an der Tagesord-
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nung. Was wurde nicht alles weltweit mit gewaltigem Aufwand gemessen und katalogisiert. Wenn es je eine Möglichkeit gegeben hätte, die Menschheit anhand messbarer Größen in überschaubare und unterscheidbare Rassen einzuteilen, hätte man sie finden müssen. So aber entstanden nur ungezählte Rasseneinteilungstheorien und es wurde – das hat vor allem Stephen Jay Gould in seinem Klassiker »Der falsch vermessene Mensch« nachgewiesen – unsauber gearbeitet, das heißt, die Daten zurechtgebogen und interpretiert, bis das gewünschte Ergebnis vorlag. Anfangs setzte man etwa auf die Hirngröße als Kennzeichen der Rassen und ihrer Wertung. Als aber klar wurde, dass Eskimos, Samen, Malaien und Tataren die größten Hirne haben, ließ man das Merkmal fallen.16 Man wusste sowieso längst, dass Hirngröße und Intelligenz nicht automatisch zusammenhängen und konnte sich so gut herausreden. Es gab nie eine allgemeingültige Einteilung in Menschenrassen, sondern nur immer neue und wechselnde Vorschläge, die viele Forscher sogar während ihres Forscherlebens widerriefen.17 Das gilt auch für das Dritte Reich, in dem völlig widersprüchliche Rasseneinteilungen miteinander konkurrierten. Diese Epoche der Messtechniken mündete in eine kritische Epoche ein, deren erste Vertreter seit dem Ersten Weltkrieg dem Rassismus die Grundlage hätten entziehen können, hätte man auf sie gehört. Die wichtigsten Kritikpunkte waren: 1. Erbmerkmale und Umweltmerkmale werden nicht genügend unterschieden. Bevor Messergebnisse verglichen werden, müsste bewiesen sein, dass sie erblich bedingt sind und über viele Generationen konstant bleiben. 2. Die Messergebnisse täuschen ein Nebeneinander von Rassen vor, obwohl die Weltbevölkerung ein gleitendes Kontinuum von verschiedenen Bevölkerungsmischungen darstellt. 3. Jeder Forscher erstellt seine eigene Typologie.
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4. Die Typologien halten tatsächlicher Feldforschung vor Ort nicht stand. Es ist eben einfach, das Foto eines typischen »Deutschen« in einem Atlas neben das eines »Russen« zu stellen, aber schwierig, den Deutschen in Deutschland und den Russen in Russland zu finden. Wir sind eben alle Mischlinge durch Jahrtausende der Handelsbeziehungen, Völkerwanderung, Flüchtlingsströme, Kriege und Liebesehen quer durch alle Kulturen. 5. Die Erkenntnis wuchs mehr und mehr, dass man die Unterschiede in Sprache, Kultur oder Religion der Menschen nicht an biologischen Vorgaben oder den Genen festmachen kann, sondern sie je für sich eine lange Kulturgeschichte haben, in die jeder in seiner Kindheit durch Sozialisation allmählich hineinwächst. »Die klassischen Argumentationen des biologischen Deterministen versagen, weil alle Merkmale, auf die sie sich zur Unterscheidung von Gruppen berufen, gewöhnlich Produkte der Kulturentwicklung sind.«18 Wenn etwa in einem armen Dorf in Afrika alle Kinder gemeinsam auf der Straße spielen und aufwachsen und mit wenig Schulbildung voneinander lernen, werden sie auf reines Akzeptieren von Wissen durch Größere und Stärkere geprägt. Denn es sind immer die älteren und stärkeren Kinder, die den Ton angeben. Das Kind wird dadurch auch auf das Lernen durch Frontalunterricht und das Wiedergeben von Erlerntem geprägt. Wächst ein Kind aus demselben Dorf bei bildungsnahen Eltern auf und durchläuft eine gute Schulbildung, wird er – wie etwa in Deutschland üblich – nicht mehr von älteren Kindern erzogen und bestimmt, sondern gewinnt seine frühe Prägung aus der Beziehung zu Erwachsenen, die ihn zum Selbstständigsein erziehen wollen. Das Ergebnis ist dasselbe wie in Deutschland. Umgekehrt: Ein deutsches Kind, das als Baby in einem armen afrikanischen Dorf adoptiert würde, würde dasselbe Lernverhalten entwickeln wie ein afrikanisches Kind dort.
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