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TA B E A H A L B M E Y E R

Der Advokat und das M채dchen


Prolog Die Sonne stand hoch am Himmel über dem Meer an der Ostküste Englands. Der Wind trug die Wellen ans Ufer, wo die Gischt des Meeres eine willkommene Erfrischung auf den glühenden Gesichtern der Menschen war. Eine kleine Menschenmenge wartete vor einem großen Schiff, das bald ablegen sollte. Ein Mädchen von elf Jahren war unter ihnen. Sie blickte den Mann, der vor ihr kniete und den sie Papa nannte, an. Tränen rannen ihr über das schmale Gesicht. Ihre Lippen bebten und ihr Herz pochte wie wild. Zitternd strich sie ihm über die Wangen. Die Angst, dass sie ihn niemals wiedersehen würde und die Angst, dass ihm womöglich so schreckliche Dinge angetan werden könnten, dass er sogar sterben würde, schnürte ihr die Kehle zu. Sie schaute ihn einfach an und weinte. Niemals wollte sie sein Gesicht vergessen. Die blauen Augen, die sie sogar jetzt noch liebevoll anblickten, die etwas zu große Nase und die raue Haut, das ihr liebste und schönste Gesicht. Fast panisch sog sie seinen Anblick in sich auf. Auch der Mann blickte seine Tochter an. Er wischte ihr die Tränen von den Wangen und strich ihr mit seiner großen starken Hand über das blonde Haar. Sein einziges und bestes Mädchen. Dass er sie nie wiedersehen sollte! Oh Gott, bitte halte du sie in deinen Händen, betete er verzweifelt. Da schlug ihm eine Hand fest auf die Schulter. »Nun ist es genug! Komm mit. Es wird Zeit«, sagte eine barsche, unfreundliche Männerstimme. Der geliebte Vater erhob sich, küsste seine Tochter, seinen Sohn und seine Frau und sagte mit brüchiger Stimme: »Der Herr sei mit euch!« Die Frau nickte und flüsterte: »Und mit dir.« Dann wurde er weggezerrt. Das Mädchen wollte ihm hinterherlaufen, doch die Mutter hielt es zurück. Schluchzend rief es ihm hinterher: »Papa! Papa!« Er schaute zurück und rief: »Ich liebe dich« – und dann war er auch 3


schon die Rampe zu dem großen Schiff, das ihn von seiner Familie ins Ungewisse bringen sollte, hinaufgestoßen worden. Auf dem Deck herrschte geschäftiges Treiben. Die Menschen liefen aufgeregt hin und her und suchten ihre Kabinen. Der Vater aber war kein freiwilliger Passagier. Das Mädchen schaute ihm nach und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm mit ihrem Blick folgen zu können. Ja, sie sah ihn noch, denn er war groß. Dann war er weg. Für immer?

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4 William saß mit seiner Familie an dem großen Marmortisch in der Mitte des Esszimmers des Herrenhauses. Der Älteste am Tisch, Leonhard Auburn, regte sich gerade über die Unschicklichkeiten des Dienstpersonals auf: »Ich kann nur sagen: unmöglich! Unerhört, dieses Benehmen! Unerhört!« »Nun, Vater, wir haben mitbekommen, dass es etwas gibt, das dein Missfallen erregt. Möchtest du uns nicht auch mitteilen, was dich so aus der Fassung bringt«, sagte George L. Auburn, genervt von den ewigen Nörgeleien seines Vaters. Bevor dieser etwas erwidern konnte, griff Elisabeth Lowery Auburn, Williams Mutter, ein, um einen Streit zwischen den beiden Männern zu verhindern. »George, da gibt es tatsächlich etwas. Du erinnerst dich an das Dienstmädchen Joanna?« Ihr Ehemann nickte. »Sie hat während des Staubwischens die kleine goldene Uhr in meiner Suite auf dem Kamin mitgenommen.« »Wie bitte? Woher weißt du das?«, fragte Mr Auburn erbost. »Henry hat behauptet sie dabei gesehen zu haben. Es hat sich bestätigt, als ich Joanna fragte, ob es wahr sei und sie mir daraufhin weinend die Uhr brachte. Die Uhr hatte unter ihrem Kopfkissen versteckt gelegen.« »Was war ihre Entschuldigung?« »Sie wäre jeden Morgen zu spät in die Küche zum Frühstück servieren gekommen. Sie dachte, wenn sie eine Uhr hätte, würde das vielleicht nicht mehr passieren«, erwiderte Elisabeth mit einem Seitenblick auf ihren Schwiegervater. George wischte sich mit einer Serviette den Mund ab und fragte seine Frau: »Was denkst du?« Stets war er darauf bedacht, die Meinung seiner Ehefrau einzuholen.

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Er sprach oft von ihrer Klugheit und dies war tatsächlich so. Mrs Auburn handelte immer weise und war rücksichtsvoll gegenüber jedermann. »Ich denke«, sagte sie, ohne sich erst noch eine Meinung bilden zu müssen, »Joanna hat die Wahrheit gesagt.« »Pah!«, fiel ihr Leonhard ins Wort. »Die ist doch nur auf den Wert der teuren Uhr aus gewesen! Wahrscheinlich hätte sie das kostbare Stück bei ihrem nächsten Einkauf in der Stadt zu Geld gemacht!« George beachtete ihn nicht weiter und lauschte weiter den Ausführungen seiner Frau. »Doch trotzdem hätte sie niemals die Uhr ohne Erlaubnis mitnehmen dürfen. Solchem Personal können wir nicht trauen. Wir dürfen nicht noch einmal den Fehler machen wie bei Flora.« Flora war eine frühere Angestellte gewesen, die dem Hause durch Betrug beträchtlichen Schaden zugefügt hatte. George nickte. »Wir werden sie entlassen.« Leonhard schien auf einmal zufrieden mit dem Gesprächsverlauf. Megan, die einzige Tochter der Auburns, meldete sich zu Wort. »Wir werden eine Neue brauchen. Ella schafft die Arbeit nicht alleine.« »Wie wär’s mit dir?«, neckte William seine große Schwester. Megan tat die Bemerkung nur mit einem missbilligenden Stirnrunzeln ab. Sie war die Sprüche ihres kleinen Bruders gewohnt. George nickte. »Ich werde mich umschauen müssen.« Während er weitersprach, kam William eine Idee. Mary-Ann könnte doch als Dienstmädchen bei ihnen arbeiten! Sie würde gut bezahlt werden, müsste nicht in der Kälte stehen und ...! Das wäre einfach genial! Das Problem war, dass Mary-Ann krank und sicher noch nicht in der Lage zum Arbeiten war. Doch wie sollte sie ohne ärztliche Unterstützung wieder gesund werden? Vielleicht könnten sie ihren eigenen Arzt schicken? William würde mit seiner Mutter reden. Sie würde ihn verstehen und vielleicht guten Rat wissen.

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Nach dem Abendessen klopfte er an die Tür, die zu den Räumen der Herrin des Hauses führte. »Herein!«, ertönte die vertraute Stimme und William trat ein. Mrs Auburn saß auf einem der Sofas und trank eine Tasse Tee. »William! Setz dich zu mir! Was gibt es?« »Ich glaube, ich weiß, wen wir als Dienstmädchen einstellen könnten.« »Du?«, fragte Mrs Auburn langgezogen. »Ja, ich.« Er holte tief Luft. »Da wäre nur noch ein Problem ...« »Ach so! Na, das dachte ich mir schon«, schmunzelte sie. William ließ sich nicht beirren. »Dieses Mädchen hat wahrscheinlich eine Lungenentzündung. Ich fürchte, dass sie kaum gesund werden wird, wenn sie keine ärztliche Hilfe bekommt. Deshalb ...« »Deshalb möchtest du, dass wir unseren Arzt schicken und sie dann bei uns einstellen?«, fragte die Mutter zweifelnd. William nickte. Innerlich flehte er zu Gott, sie möge ihm doch seine Bitte erfüllen. Erwartungsvoll blickte er sie an. Mrs Auburn sah in ihre Teetasse, als gäbe es dort irgendetwas Interessantes zu sehen, und drehte sie in den Händen. »William? Du wünschst es dir sehr, oder?«, fragte sie dann leise ohne aufzusehen. »Na ja, ... wenn man schon von einem todkranken Menschen weiß, sollte man ihm auch helfen, meinst du nicht auch?«, wich er ihr aus. Mrs Auburn nickte. »Ja, ich denke, du hast recht.« Sie blickte lächelnd auf und stellte die Teetasse ab. William atmete erleichtert auf. »Wirst du mit Vater sprechen?«, fragte er hoffnungsvoll. Das wäre noch das letzte Problem, das zu lösen war. Ihm war von vornherein klar gewesen, dass er seine Mutter schnell auf seiner Seite haben würde, doch bei seinem Vater war er sich da nicht so sicher. Deshalb wollte er diese schwere Aufgabe lieber seiner Mutter überlassen. Von ihr würde sich sein Vater eher überzeugen lassen. »Das kannst du nun aber wirklich nicht von mir verlangen, William!« »Aber ... aber ...« »Ich werde natürlich meine Meinung nicht für mich behalten, da 28


kannst du sicher sein. Doch fragen musst du ihn schon selbst! Schließlich ist es ja deine Idee.« William nickte resigniert. Vielleicht sollte er sich die ganze Sache doch noch einmal überlegen? »Aber jetzt erzähl mal! Woher weißt du von ihr? Und weshalb ist sie so geeignet? Wie heißt sie überhaupt?« William erzählte seiner Mutter was sich zugetragen hatte. Während er das tat, wurde ihm klar, dass er auf keinen Fall aufgeben durfte. »Sie ist sogar mit einer schlimmen Krankheit zur Arbeit gegangen und das will doch was heißen«, schloss er. Mrs Auburn erwiderte nichts darauf. Sie würde sich ihr eigenes Bild von dem Mädchen machen müssen. Schönheit soll ja blenden, dachte sie bei sich.

William stand vor dem Zimmer seines Vaters und biss auf seiner Unterlippe herum. Wie sollte er das Gespräch mit seinem Vater nur anfangen? Wie sollte er ihn davon überzeugen, dass Mary-Ann ein tüchtiges Mädchen war? Er fuhr sich übers Gesicht und hielt die Hand an die Tür. Sollte er klopfen? Aber was sollte er sagen? Er atmete tief durch und lockerte seinen Hemdkragen. Er setzte wieder zum Klopfen an, da öffnete sich plötzlich die Tür und der in Gedanken versunkene George rempelte gegen William. »Oh, Vater, tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken! Ich wollte gerade anklopfen ...« »Was gibt’s?«, fragte George verärgert. »Ich wollte mit dir wegen der fehlenden Hilfskraft sprechen.« Verwundert schaute George ihn an. »Welche ...? Ach so. Hm. Setz dich schon mal in den Herrensalon, ich komme sofort. Muss nur noch schnell etwas erledigen!« Und weg war er. William seufzte. Ausgerechnet in den Herrensalon! Da konnte seine Mutter ihm nicht zu Hilfe kommen! 29


Er ging zu dem Salon, in dem sie sich treffen wollten, und setzte sich. Sein Vater musste den Butler schon informiert haben, dass er sich im Salon eine Kaffeepause gönnen wollte, denn Henry stand schon im Zimmer. Das Kaminfeuer knisterte leise und der Kaffee stand bereits auf dem Tisch. Gedankenversunken stand William da. »Wünschen Sie auch eine Tasse Kaffee, Mr Auburn?«, fragte Henry. »Wie?«, stotterte William. »Eine Tasse Kaffee?« »Ja, bitte.« William setzte sich. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich endlich die Tür öffnete und George hereinkam. William hatte es nicht anders erwartet. Nichts war George wichtiger als seine Arbeit und er nahm sich immer sehr viel Zeit dafür. Ächzend setzte sich der Hausherr neben William und nahm die Tasse entgegen, die Henry ihm entgegenhielt. »Danke, Henry. Sie können jetzt gehen!« George nahm einen Schluck von seinem Kaffee und seufzte zufrieden. »Also, Sohn, nun erzähl mal! Wer ist dieses Mädchen?« »Na ja, sie ist sehr tüchtig und ich glaube, sie würde glänzend zu uns passen. Sie ... sie heißt Mary-Ann Barnes und ...« »Barnes? Barnes ... irgendwoher kenne ich diesen Namen!« »Ja, Vater, du kennst vielleicht die Geschichte um Michael Barnes. Aber seine Tochter wohl kaum.« Stirnrunzelnd blickte George seinen Sohn an. »Aha«, sagte er dann langsam. »Jetzt erinnere ich mich! Das ist dieser Mörder! Der, der den Howard-Smith-Jungen umgebracht hat, nicht wahr?« William nickte. »Und seine Tochter willst du in unser Haus holen? William, das kann doch nicht dein Ernst sein«, brauste er auf. William begann zu schwitzen. Wenn er ihn doch nur überzeugen könnte! »Nun, du selbst hast mir beigebracht, dass man jeden Menschen ausschließlich für seine eigenen Taten verantwortlich machen soll.« William war erstaunt, wie ruhig seine Stimme klang. 30


George rieb seinen Bart zwischen den Fingern und schaute seinen Sohn mit zusammengekniffenen Augen an. Das war ein Argument. »Außerdem ist sie todkrank!« »Und da sagst du außerdem?« »Du kannst doch ein junges Mädchen nicht einfach so sterben lassen! Noch dazu, wenn sie genau die Richtige für uns wäre!« »Und wer garantiert mir das?« »Du könntest deinem Sohn glauben. Und unseren Doktor schicken, damit sie wieder gesund wird.« »Ha! Dass ich nicht lache! Unseren Doktor willst du schicken? Zu einem dahergelaufenen Mädchen?« »Sie ist kein dahergelaufenes Mädchen«, hielt William verzweifelt dagegen. »Ach nein?« William schüttelte den Kopf. »Bitte, Vater.« Der Angesprochene seufzte. »Du willst also tatsächlich, dass wir unseren Arzt zu der Tochter eines Mörders schicken, damit sie wieder gesund wird und für uns arbeiten kann?« »Ihre Mutter ist dieTochter von einem hohen Offizier aus Frankreich. Nur weil der Vater einen Fehler ...« »Einen Fehler? Ich würde sagen ein Verbrechen!« »Ich gebe zu, einen sehr großen Fehler. Aber nur weil er einen sehr großen Fehler begangen hat, darf man nicht die ganze Familie verachten. Wenn sie stirbt, ist niemand mehr da, der die Familie versorgen kann. Soweit ich weiß, reicht das Einkommen der Mutter nicht aus. Außerdem hat sie noch einen kleinen Bruder, der wäre dann auch nicht versorgt!« Still hatte George zugehört. Er war auch immer sehr für Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft gewesen. Aber die Tochter eines Mörders? Es wollte ihn innerlich fast zerreißen. Er blickte in die Augen seines Sohnes, die ihn flehend ansahen. Seufzend rieb er sich seine Stirn. »Es schadet uns doch nichts, wenn wir den Doktor schicken«, sagte William gerade. »Woher kennst du sie überhaupt?« 31


»Na ja, ich ... ich fuhr gerade in der Kutsche vorbei und da stand sie an einer Straßenecke, sterbenskrank und, na ja, dann ist sie in Ohnmacht gefallen und ich habe sie nach Hause gebracht«, stotterte William verlegen. George lehnte sich zurück. Ach so war das also! Vielleicht hatte sein Sohn ja wirklich recht. Schließlich schadete es ihnen ja nicht, wenn sie den Hausarzt schicken würden. »Hast du deine Mutter schon informiert?« »Ich habe ihr die Sache ans Herz gelegt.« »Und was meinte sie?« »Sie ist einverstanden.« George nickte. »Nun gut, Sohn. Wenn du unbedingt willst, schick den Arzt! Aber lass mich dann in Frieden mit der Geschichte. Wenn sie gesund werden sollte, können wir weiterreden.« William war baff. Er hatte es gar nicht für möglich gehalten, dass er es ohne die Hilfe seiner Mutter schaffen würde, seinen Vater zu überzeugen. Vielleicht war Rechtsanwalt doch ein passender Beruf für ihn! »Oh, danke, Vater, du bist der Beste!«, rief William und konnte gerade noch an sich halten, seinem Vater nicht wie früher um den Hals zu fallen. George winkte mit verlegenem Gesichtsausdruck ab. William stürzte hinaus, um seiner Mutter von der Neuigkeit zu berichten. Morgen früh würde er den Arzt gleich zu Mary-Ann schicken.

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