Heiko Krimmer
Die heilige Kuh in der Kirche Erlebnisse mit Gott in Indien
Inhalt Die missionarische Kuh ………………………………… 7 Adjai heißt Sieger ……………………………………… 10 Die böse Hand ………………………………………… 14 Von den Fesseln befreit ………………………………... 18 Vom Totenort kommt neues Leben ……………………… 21 Die Hochzeitsgemeinde ………………………………... 25 Der Mann mit dem zweiten Atem ………………………. 28 Im Angesicht der Feinde ………………………………... 30 Eine Göttin sucht Hilfe ………………………………... 33 Mit Blindheit geschlagen ………………………………... 36 Das gelbe Dorf wird weiß ……………………………… 39 Vom Feind beschützt …………………………………… 43 Wenn du durchs Feuer gehst ……………………………. 46 Aus dem Mund der Kinder ……………………………… 49 Jesus macht das Leben hell ……………………………… 52 Die letzte Chance ………………………………………… 55 Trommeln für Jesus ……………………………………… 58 Chinababu bleibt treu …………………………………… 62 Doni kann wieder gehen ………………………………... 65 Balama will nicht heiraten ………………………………. 68 Für uns bist du tot ………………………………………… 71 Gott sieht das Herz an …………………………………… 74 Ich will nicht schießen …………………………………… 77 Die Blitze-Frau …………………………………………… 80 Anhang: Die Nethanja-Story ……………………………………… 84
Die missionarische Kuh In Seragudem, einem Dorf im Ostsiler, hat Pastor Arun eine kleine christliche Gemeinde gesammelt. Zuerst waren die Menschen sehr misstrauisch gegenüber dem »neuen« Gott. Aber Arun erhielt die Erlaubnis, die Kinder in einer Tagesschule zu unterrichten. Es gibt dort nämlich sonst keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Die Tagesschulen sind oft ein »Türöffner« für das Evangelium. Kinder erhalten dort Unterricht in den Grundfächern Lesen, Rechnen und Schreiben. Unterrichtsbuch ist auch die Telugu-Bibel, also eine Bibel übersetzung in der Sprache, die in der Region gesprochen wird, weil andere Schulbücher nicht verfügbar sind. Doch gibt die Bibel durchaus auch schwierige Rechenaufgaben her: Wenn Jesus zum Beispiel bei der Speisung der fünftausend befiehlt, dass sich die Menschen in Gruppen zu je fünfzig lagern sollen, wie viele Gruppen ergibt das dann? Außerdem erhalten die Kinder Frühstück und ein warmes Mittagessen. Über die Kinder erreichte Arun die Herzen einiger Eltern. Zehn Familien waren im Laufe der Monate Christen geworden und hatten sich taufen lassen. Die kleine Gemeinde hatte eine einfache Lehmkirche gebaut, und dort war jetzt die Tagesschule untergebracht. Auch die Gottesdienste, die Bibel- und Gebetsstunden wurden dort gehalten. Auf dem Dach hatte Pastor Arun – wie bei den meisten unserer Kirchen – einen Lautsprecher montiert, sodass seine Predigten im ganzen Dorf gehört werden können. In Seragudem lebt Radendra mit seiner großen Familie. Er war im Dorf ein sehr angesehener Mann, besonders wegen seiner Kuh. Es war eine schöne Kuh mit blütenweißem Fell und wohlgeformten großen Hörnern. Die Menschen sahen 7
in ihr eine Göttin, und Diwa – Göttin – so nannte sie Radendra. Er lebte von seiner »heiligen« Kuh. Die Leute kauften die getrockneten Kuhfladen und benutzten sie als Medizin, besonders bei Erkältungen. Selbst dem Kuh-Urin, abgefüllt in kleinen Fläschchen, wurde Heilkraft nachgesagt. Dreimal in der Woche zog Radendra mit der Kuh Diwa durch das Dorf von Haus zu Haus. Dort trat dann stets die ganze Familie vor die Haustür, alle verneigten sich vor Diwa, ja knieten sogar nieder und beteten sie an. Die Hausfrau nahm dann einen Lappen und reinigte ehrfurchtsvoll die Hufe, der Hausherr stäubte ein wenig Farbpulver über die Hörner, und die Kinder bürsteten sorgfältig den Schwanz. Diwa bekam zu trinken und zu fressen, und die Familie zahlte Radendra fünfzig Rupien als »Opfer«. Diwa sollte so alles Böse und Unglück von Haus und Familie fernhalten. Eine Besonderheit allerdings hatte Diwa, die Kuh: Immer wenn sie an der kleinen Lehmkirche vorbei kam und dort Unterricht stattfand, blieb sie stehen und war nicht zum Weitergehen zu bewegen. Meistens legte sie sich sogar nieder und stand erst wieder auf, wenn der Unterricht zu Ende war. Sie drängte sogar zur Kirche, besonders am Sonntagmorgen, wenn Gottesdienst war. Radendra konnte versuchen, was er wollte – Umwege machen, im Stall gutes Futter auslegen etc., Diwa drängte zur Kirche. Sie war eine regelmäßige Gottesdienstbesucherin und Radendra zwangsläufig auch. Radendra machte gute Miene zum »merkwürdigen« Spiel. Er lernte dabei sogar viel, unter anderem lesen und rechnen wie die Kinder – Arun hatte ihm eine Bibel geschenkt, und er hörte die biblischen Geschichten mit und jeden Sonntag die Predigt. Das blieb nicht ohne Wirkung. Langsam öffnete sich sein Herz für die Jesusbotschaft. Er erlaubte, dass auch seine Kinder die Tagesschule besuchen durften. Nach fast zwei Jahren 8
kamen Radendra und seine ganze Familie zum Glauben und ließen sich taufen. Die Dorfleute beobachteten diese ganze Entwicklung mit Staunen, aber auch mit Furcht. »Wer hält jetzt das Böse und das Unglück von uns fern?«, fragten sie Radendra. »Du und wohl auch deine Kuh Diwa, ihr seid ja jetzt Christen geworden.« Und Radendra antwortete: »Ja, Diwa hat mir den Weg zum Gott Jesus gewiesen. Folgt doch einfach ihrem Weg. Jesus hat Kraft gegen den Bösen.« So füllte sich die Kirche in Seragudem, und viele fanden den Weg zu Jesus. Die »Kuh-Göttin« war zur Evangelistin geworden. Noch heute liegt sie bei jedem Gottesdienst im Hof der Kirche.
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Adjai heißt Sieger
Bonubagra, ein kleines Dorf in der weiten Flussebene des Godaveri. Die etwa 300 Menschen, die dort leben, haben ihr Auskommen. Die meisten sind Fischer und können vom Ertrag des täglichen Fangs gut leben. Im Sommer aber trocknet der Fluss fast aus. Dann bauen die Menschen auf den fruchtbaren Sandbänken Gemüse und Mais an. Rechtzeitig vor dem Monsunregen muss alles abgeerntet sein, denn dann wird der Fluss erneut zum reißenden Strom. Oft tritt er über die Ufer und überschwemmt große Teile seiner Umgebung. Deshalb ist Bonubagra auf einem Hügel gebaut. Trotzdem wurde das Dorf auch schon einige Male überschwemmt, aber meistens ohne größeren Schaden. Die Leute in Bonubagra beten den Fluss als Gottheit an. Sie bringen ihm Opfer und verrichten täglich bei Sonnenaufgang ihre Gebete am Ufer. Der Fluss bringt ihnen Leben, und in seinen »wilden« Zeiten schreckt seine Zerstörungskraft. Johnson, ein Pfarrer der Nethanja-Kirche, hat schon seit einigen Jahren im Dorf eine christliche Gemeinde gesammelt. Etwa 30 gläubige Getaufte leben als Leute Jesu in Bonubagra. Sie haben viele Widerstände und Anfeindungen zu erdulden. »Wir brauchen keinen neuen Gott«, sagen die Dorfbewohner zu den Christen. »Unser Fluss-Gott beschützt und beschenkt uns.« Vor zwei Jahren kam es zu einer außergewöhnlichen Überschwemmung durch die heftigen Monsunregen. Die Fluten erreichten das Dorf und zerstörten einige Hütten. Zwei alte Menschen kamen sogar in dem wilden Wasser ums Leben. »Der Fluss-Gott ist zornig. Er bestraft uns wegen eures neu10
en Jesusgottes.« Die Dorfbewohner drangen auf die Christen ein. Es kam zu Schlägen, und schließlich zerstörten sie sogar die kleine Lehmkirche. Pfarrer Johnson tröstete und ermutigte die Gemeinde. »Wehrt euch nicht und bleibt im fürbittenden Gebet. Jesus wird euch segnen«, sagte er. Raju war einer der schärfsten Gegner der Christen. Unablässig hetzte er gegen sie. Eines Nachts lauerte er mit einigen Genossen Pfarrer Johnson auf, und sie prügelten ihn halbtot. »Verschwinde von hier und nimm deine Anhänger mit, sonst werden wir euch alle töten!«, drohten sie ihm. Johnson erkannte Raju trotz der Dunkelheit, aber er verzichtete auf jegliche Anzeige oder Vergeltung. Eines Tages heiratete Raju. Es gab ein großes Fest für das ganze Dorf. Die Christen aber wurden ausdrücklich nicht eingeladen. »Ihr gehört nicht mehr zu uns«, wurde ihnen unmissverständlich klar gemacht. »Lasst euch bei der Feier ja nicht blicken«, drohten Raju und seine Freunde. »Ihr würdet nur Unglück über die Familie bringen.« Die Gemeinde schwieg, doch an ihren wöchentlichen Gebetstagen beteten sie intensiv und namentlich für Raju. Raju war überglücklich, und seine junge Frau Devi wurde schwanger. Er tat alles für sie, und beide bereiteten alles für das Baby vor. Jeden Tag opferten sie dem Fluss-Gott eine Schale Reis für eine glückliche Geburt. Dann setzten die Wehen ein. Erfahrene Frauen standen der Gebärenden bei, und schon nach fünf Stunden kam das Kind zur Welt. Ein Junge, höchstes Glück für Raju. Doch am Abend bekam der Kleine Atemnot. Er begann, immer schwerer zu röcheln. Es ging ihm zusehends schlechter. In höchster Sorge eilten Raju und Devi zum Medizinmann des Dorfes. Er untersuchte das Baby. Dann schüttelte er den Kopf: »Ich kann keine Ursache finden. Das Kind ist wohl von einem bösen Geist besessen.« Der Zauberer wurde gerufen. 11
Er verlangte zuerst eine hohe Bezahlung – zwei Ziegen und zehn Hühner, und dann begann er mit seinen geheimnisvollen Austreibungsritualen. Inzwischen wusste das ganze Dorf von dem Unglück der jungen Familie. Die Gesänge und Schreie des Dorfzauberers flößten allen Angst ein. Sie verschlossen ihre Häuser und Hütten. Der böse Geist sollte nicht bei ihnen Eingang finden. Doch auch der Zauberer konnte nichts ausrichten. Der Junge wurde immer schwächer und atmete unregelmäßig. »Euer Kind ist verflucht. Ich kann nichts machen«, mit diesen grausamen Worten gab er das Baby den Eheleuten zurück. Die waren völlig verzweifelt. Da kam Devi noch ein Gedanke: »Vielleicht kann der Christengott Jesus helfen. Gehen wir zur Kirche.« Es war Freitagabend. Die Christen treffen sich jeden Freitag zum Gebetsabend. Raju und Devi betraten zögernd die Kirche, wo die Gemeinde zum Gebet versammelt war. Devi stürzte auf Pfarrer Johnson zu. »Mein Kind stirbt, bitte deinen Gott, dass er hilft. Wir wissen sonst keine Hilfe mehr«, schluchzte sie. Auch Raju hatte Tränen in den Augen, getraute sich aber nicht zu bitten, zu sehr hatte er Pastor Johnson verfolgt. Der antwortete: »Jesus kann helfen, wir wollen bitten.« Sein kindliches Vertrauen steckte die anderen an, und die Gemeinde begann, für das Baby zu beten. Inzwischen war es schon ganz blau geworden und der Atem kaum noch spürbar. Doch das Kind starb nicht. Stunde um Stunde beteten die Christen und riefen Jesus um Hilfe an. »Zeige deine Güte und Kraft Herr, dass alle hier im Dorf sehen, wie du barmherzig, gnädig und mächtig bist«, das war der Grundton in dieser Gebetsnacht. Es wurde Tag. Zwölf Stunden schon hatten sie gebetet. Da wurde der Junge gesund. Er atmete tief und stetig, seine Haut 12