Michael Kotsch
Atheismus Der neue Streit um Gott
Inhalt Kurz und bündig .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... Vorwort des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .....
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I. Der »neue Atheismus« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 11 II. Atheismus gestern und heute .. . . . . . . . . . . . . . . ..... 2.1 Atheismus in Asien .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 2.2 Atheismus in der Antike .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 2.3 Atheismus im Mittelalter .. . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 2.4 Atheismus im Islam .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 2.5 Atheismus in der Neuzeit .. . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 2.6 Der Atheismus im 19. Jahrhundert . . . . . . . . . ..... 2.7 Der Atheismus im 20. Jahrhundert . . . . . . . . . .....
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III. Zwischen Atheismus und Agnostizismus . . . ..... 27 IV. Typen des Atheismus .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 4.1 Der praktische Atheist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 4.2 Der suchende bzw. zweifelnde Atheist .. . . . . ..... 4.3 Der leidende Atheist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 4.4 Der intellektuelle Atheist . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 4.5 Der kämpferische Atheist .. . . . . . . . . . . . . . . . . . .....
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V. Richard Dawkins und der Gotteswahn .. . . . . . . ..... 5.1 Richard Dawkins – ein Porträt .. . . . . . . . . . . . . ..... 5.2 Dawkins’ Argumentationsstil .. . . . . . . . . . . . . . ..... 5.3 Gott und die Gottesbeweise .. . . . . . . . . . . . . . . ..... 5.4 Gott und die Naturwissenschaften .. . . . . . . . . ..... 5.5 Gott und die Wissenschaftler .. . . . . . . . . . . . . . ..... 5.6 Gott und die Evolution .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 5.7 Gott und die Religionen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 5.8 Der Atheismus und die Erkenntnistheorie .. . .....
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VI. Gottesbeweise .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...... 60 6.1 Was Gottesbeweise beweisen und was nicht .. . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...... 60 6.2 Die prominentesten Gottesbeweise/ Gotteshinweise .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...... 63 VII. Zehn Gründe gegen die Existenz Gottes .. . ...... 74 VIII. Zehn Gründe für die Existenz Gottes .. . . . ...... 81 IX. Zehn Aussagen der Bibel über Gott .. . . . . . . ...... 89 X. Zehn Tipps für Gespräche mit Atheisten .. . . ...... 91 Literaturhinweise .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...... 93 Anmerkungen .. . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...... 97
V.
Richard Dawkins und der Gotteswahn
»Der Gotteswahn«12 – weltweit haben sich bereits über eine Million Exemplare verkauft. Schon der Titel will provozieren: Im Grunde, suggeriert Richard Dawkins, leidet ein Mensch, der an Gott glaubt, unter einer Art Psychose, von der er dringend geheilt werden sollte.
5.1 Richard Dawkins – ein Porträt Clinton Richard Dawkins wurde 1941 in Nairobi geboren. Sein Vater war Angehöriger der britischen Streitkräfte und wurde während des Zweiten Weltkriegs nach Kenia versetzt. Die Familie kehrte 1949 nach England zurück, wo er an der Universität von Oxford Biologie studierte. Im Anschluss daran blieb Dawkins in Oxford, um bei dem Nobelpreisträger Nikolaas Tinbergen (Ethologie [Verhaltensforschung]) zu promovieren. Von 1967–1969 war er als Assistenzprofessor der Zoologie an der University of California in Berkeley tätig. Von 1970 bis 1995 war Dawkins Dozent für Zoologie am New College der Universität von Oxford. Seit 1997 ist er gewähltes Mitglied der Royal Society of Literature und seit 2001 auch gewähltes Mitglied der Royal Society. 1995 wurde er Charles Simonyi Professor of the Public Understanding of Science am Museum für Naturgeschichte der Oxford University. Der ungarischstämmige Simonyi lebt heute als äußerst erfolgreicher Softwareentwickler in den USA und betrachtet sich als Anhänger Dawkins’. Für die Einrichtung der Professur spendete der Milliardär 1,5 Mio. Pfund. Bei der Neubesetzung dieser Stelle will sich Dawkins 2008 aus Altersgründen zurückziehen.
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Dawkins ist bekennender Atheist und ein bekanntes Mitglied der Brights-Bewegung, einem Zusammenschluss von Künstlern und Wissenschaftlern zur Verbreitung des Atheismus: »Ein Bright ist eine Person mit einem naturalistischen Weltbild, frei von Übernatürlichem. Wir Brights glauben nicht an Geister, Elfen oder den Osterhasen oder an Gott.«13 Dawkins ist ferner Mitglied der britischen Skeptics Society sowie verschiedener anderer Organisationen zur Förderung von humanistischem und atheistischem Gedankengut sowie einer stärkeren Säkularisierung des britischen Staates. Die Atheist Alliance International (Internationaler Atheisten-Verband) vergibt seit 2003 den Richard-Dawkins-Preis für atheistisches Engagement in der Öffentlichkeit. In seinen Veröffentlichungen stellt Dawkins die Evolution als grundlegenden Mechanismus der biologischen und kulturellen Entwicklung dar: The Selfish Gene (1976; dt. »Das egoistische Gen«); The Extended Phenotype (1982/1999); The Blind Watchmaker. Why the Evidence of Evolution Reveals a Universe Without Design (1986; dt. »Der blinde Uhrmacher«); River out of Eden. A Darwinian View of Life (1995; dt. »Und es entsprang ein Fluss in Eden«); Climbing Mount Improbable (1996; dt. »Gipfel des Unwahrscheinlichen. Wunder der Evolution«); Unweaving the Rainbow. Science, Delusion and the Appetite for Wonder (1998; »Der entzauberte Regenbogen«); A Devil’s Chaplain (2003); The Ancestor’s Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Evolution (2004); The God Delusion (2006; dt. »Der Gotteswahn«).
5.2 Dawkins’ Argumentationsstil Dawkins gibt sich in seinem Buch »Der Gotteswahn« keine Mühe, objektiv zu argumentieren. Religiöse Gegner, selbst anerkannte Wissenschaftler, werden diffamiert, Gläubige
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werden polemisch als dumm oder sogar böswillig hingestellt. Über Gott meint er, sich lustig machen zu können: »Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger, ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.« (S. 45) Und weil seine religiösen Gegner so gefährlich sein sollen, scheint gegen sie jedes Mittel zulässig zu sein. Religion ist für Dawkins Aberglaube (S. 97), sie wirke wie ein krankmachender Virus (S. 260). Der Glaube an Gott sei eine Fehlfunktion der Evolution (S. 261), die bei Menschen ähnlich berauschend wirke wie Alkohol (S. 231). Thomas von Aquin schlussfolgert in seinem Gottesbeweis, dass alle irdischen Bewegungen einen Ursprung haben und folglich Gott der erste ultimative Beweger sei. Entsprechend argumentiert Dawkins: Aller irdischer Gestank habe einen Ursprung und insofern könne Gott als »überragender Stinker« bezeichnet werden (S. 111). Dawkins spricht von »alberner Sabbatvorschrift« (S. 329) und »verlogenen Kreationisten« (S. 254). Überzeugte Christen sind für Dawkins gemeingefährliche Fundamentalisten, vergleichbar mit massenmordenden Fanatikern (S. 60; 64; 254; 398f.). Atheismus geht für Dawkins einher mit »höherer Bildung, Intelligenz oder Nachdenklichkeit« (S. 318). Fußnoten und konkrete wissenschaftliche Informationen sucht man im »Gotteswahn« vergeblich. Die im Text zitierten Bücher sind äußerst selektiv und werden meist nur ganz allgemein genannt. Die angeführten Daten erscheinen eher wie ein Sammelsurium atheistischer Standard-Argumentationen. Im Literaturverzeichnis sind qualifizierte philosophische, religionswissenschaftliche oder theologische Fachbücher Mangelware, vor allem solche, die von nicht-atheistischen Autoren verfasst wurden. Am ausführlichsten verweist Dawkins
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auf seine eigenen Bücher (S. 539). Unter den Adressen, die Dawkins zur weiteren Information für den interessierten Leser angefügt hat, sucht man Hinweise auf religiöse, theistische oder auch nur anerkannte philosophische Organisationen und Persönlichkeiten vergeblich (S. 535f.). Spätestens hier wird deutlich, dass Dawkins, der vehement gegen die vorgebliche Einseitigkeit und Unsachlichkeit religiöser Vertreter protestiert, selber als Ideologe für den Atheismus agitiert. Es geht dem »Wissenschaftler« Dawkins nicht um den Austausch von Argumenten. Er bemüht sich nicht einmal, die Positionen seiner Gegner ernsthaft darzustellen. Er will, wie er selbst angibt, für eine Ideologie werben: den Atheismus. Wer den »Gotteswahn« liest, bekommt nicht das Gefühl, Dawkins wolle seine Gegner überzeugen – er will sie fertigmachen. Dawkins’ Zielpublikum sind auch nicht die Religiösen, die er bedenkenlos vor den Kopf stößt. Wie Alister McGrath zu Recht feststellt, schreibt Dawkins vor allem für verunsicherte Atheisten, deren Selbstbewusstsein er zu stärken versucht.14 Darüber hinaus aber will er Unentschiedene vom Atheismus überzeugen. Dazu gehören Agnostiker, die die Frage nach der Existenz Gottes lieber offen lassen, Naturwissenschaftler, die darauf beharren, dass die Wissenschaft keine Aussagen über die Existenz Gottes machen kann (S. 76-88), und Zeitgenossen, die vor allem wegen der christlichen Kultur (Gemälde, Literatur, Musik) und den kirchlichen Traditionen (Taufe, Hochzeit, Gottesdienst, Moral) am Glauben hängen (S. 345). Den einen wirft er Inkonsequenz vor, den anderen empfiehlt er den schönen religiösen Rahmen zu behalten, auf Gott aber zu verzichten. Es geht nicht darum, neutral Fakten abzuwägen, es geht darum, zu bekehren, »zum Atheismus zu bekehren« (S. 16).
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5.3 Gott und die Gottesbeweise Am besten ist Dawkins, wo er sich mit Gottesbeweisen auseinandersetzt (S. 108-129). Methodisch problematisch ist natürlich, dass er sich ausschließlich mit christlichen Gottesbeweisen beschäftigt und die Argumente anderer Religionen nahezu gänzlich ignoriert. Wie auch immer: durchaus nachdenklich stimmt seine Kritik an den klassischen Gottesbeweisen Thomas von Aquins (S. 108f.; vgl. die Darstellung der Gottesbeweise S. 59ff.). Neu ist diese Kritik allerdings nicht. Eigentlich wiederholt Dawkins nur, was Immanuel Kant schon vor mehr als 200 Jahren in seiner wesentlich detaillierteren »Kritik der reinen Vernunft« zu Papier brachte, wobei Dawkins Thomas von Aquin insofern Unrecht tut, indem er seine Gedanken aus dem Zusammenhang seiner Zeit und seiner Denkvoraussetzungen reißt. Mit einer gewissen Häme weist Dawkins auf das missglückte Gebetsexperiment hin, das auf Initiative der Physikers Russell Stannard bis 2006 durchgeführt wurde (S. 89ff.). Diese durchaus ernsthafte Studie ergab bei Patienten, für die gebetet wurde, keine erkennbar bessere Heilung. Doch spricht dieses Ergebnis nicht, wie Dawkins meint, gegen die Existenz Gottes. Es zeigt lediglich, dass Gebete keine magische Wirkung haben. Das behaupten gläubige Menschen in der Regel aber auch nicht. Immerhin sehen sie Gott als souveränes Wesen an, das eigenständig entscheidet, wo es ein Wunder tun will und wo nicht. Schließlich heilt nach christlicher Auffassung nicht das Gebet, sondern Gott. Über die Existenz Gottes sagt dieses Experiment jedoch nichts aus. Wenn die Bitte eines Teenies nach Taschengelderhöhung nicht erhört wird, sagt das ja auch nichts über die Existenz der Eltern aus. Zu Recht verweist Dawkins darauf, dass Bewahrungen in Unfällen oder die gefühlte Gewissheit der Nähe Gottes als subjektive Erfahrungen nur schwer als Gottesbeweise verallge-
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meinerbar sind (S. 75f.; 122f.). Durchaus humoristisch stellt er fest, dass man auch einfach die Existenz eines »fliegenden Spaghettimonsters« behaupten könne, das sich dem Menschen in persönlichen Erfahrungen mitteile. Dawkins schlussfolgert, da es das behauptete Monster offensichtlich nicht gebe, existiere auch Gott nicht. Dabei übersieht er geflissentlich, dass »Spaghettimonster« an dieser Stelle nur ein anderer Name für »Gott« ist und dass ein hypothetisches Spaghettimonster nicht schon deshalb als nichtexistierend angesehen werden darf, weil es absurd klingt (auch die Existenz von Quarks klang bis vor wenigen Jahrzehnten für die meisten Menschen vollkommen unsinnig). Folglich könnten übernatürliche Erfahrungen tatsächlich auf die Existenz eines übernatürlichen Wesens hinweisen, ganz gleich ob man es dann »Gott« oder »Spaghettimonster« nennt – sofern die Betroffenen nicht betrügen, sondern von wirklichen übernatürlichen Erfahrungen berichten. Untersucht werden müsste natürlich die Glaubwürdigkeit der behaupteten göttlichen Mitteilung. Wunder lässt Dawkins als Hinweis auf Gott nicht gelten, weil sie den allgemeinen Naturgesetzen widersprechen und weil sie die Existenz Gottes oder zumindest die Realität eines übernatürlichen immateriellen Bereichs der Wirklichkeit nahelegen würden. Eher nimmt Dawkins an, dass so genannte Wunder auf Irrtum, Täuschung oder Halluzinationen zurückgehen. Wunder, die nur von einzelnen Menschen berichtet werden, tut er als Illusion oder Betrug ab. Schwieriger wird es für Dawkins bei Wundern wie den seltsamen Erscheinungen von Fatima (»Sonnenwunder« 1917), die von 70 000 Menschen bezeugt wurden. Er hält es in diesem Zusammenhang für viel wahrscheinlicher, dass sich eine Art Massen-Halluzination ereignet hat, als dass ein Naturgesetz außer Kraft gesetzt worden wäre (S. 128f.). Hier stellt sich natürlich die Frage, wie denn etwas Übernatürliches plausibel gemacht werden kann, wenn jeder Hinweis entweder auf die Naturgesetze zurückgeführt oder als Wahrnehmungstäuschung interpretiert wird. Anscheinend
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