Randy Singer
DIE
VISION
8 Zwei Monate später Der Bluträcher wartete geduldig, bis Marcia Carver, die vielleicht stolzeste Großmutter von ganz Hampton Roads in Virginia, aus dem Princess Anne Country Club zurückkam, wo sie gerade mit den Zwillingen angegeben hatte. Ihr Mann würde natürlich noch im Büro sein und sich einen neuen Trick ausdenken, wie er Vergewaltiger, Mörder und Drogendealer aus dem Gefängnis freibekommen konnte, die ihm seine Drei-Millionen-Dollar-Villa am Nordende von Virginia Beach finanzierten. Der Rächer kauerte sich ins Gebüsch und überprüfte das tragbare Gerät, das GPS-Signale nutzte, um den kleinen Transponder aufzuspüren, der unter Marcia Carvers Lexus befestigt war. Sie war weniger als zehn Minuten entfernt. Das Auto ihres Mannes stand noch auf dem Parkplatz, verriet ihm ein ähnliches Gerät, das der Rächer an dessen Auto angebracht hatte. Zwei Wochen zuvor waren Marcias Sohn Bobby und ihre Schwiegertochter Sheri Ann mit den Erben des Carverschen Familienvermächtnisses aus China wiedergekommen. Zwillinge! Auf der Internetseite des jungen Paares war zu lesen, dass sie der Adoptionsagentur gesagt hatten, sie seien offen für Zwillinge, aber erst bei ihrer Ankunft in China hätten sie erfahren, dass sie tatsächlich stolze Eltern von zwei dreizehn Monate alten Zwillingen würden – einem pummeligen, pausbäckigen Mädchen namens Cail Ying und ihrem Bruder Chi. Die amerikanischen Namen waren wie zu erwarten anmaßend – Callie Ann Carver (eine Abwandlung des Namens ihrer neuen Mutter) und Robert Carver III. Der Rächer nahm an, dass die Carvers jemanden geschmiert und die Zwillinge für ein saftiges Bestechungsgeld gekauft hatten. Adoptionen von Zwillingen waren selten in China, vor allem dann, wenn einer der Zwillinge ein Junge war. Der Rächer ließ sich nicht durch das niedliche kleine Adoptionstagebuch täuschen, das Sheri Ann Carver online gestellt hatte, sodass es die ganze Welt lesen konnte. Oder von der detaillierten Beschreibung ihrer Reise durch China, die den Carvers dazu dienen soll35
te, das Heimatland ihrer Babys besser zu verstehen und zu schätzen. Oder von den Hunderten von Fotos von den Zwillingen, die Callie Ann ständig lächelnd zeigten, zahnlos und mit strahlenden Augen, während ihr Bruder einen unaufhörlich verwirrten Blick zur Schau trug, bei dem sein kleiner Mund ein O formte, während er eine zerschlissene Decke umklammerte. Sheri Ann war eine verwöhnte Südstaatenschönheit, nicht die Art Frau, die Mutterpflichten lange aushielt. Deshalb hätte der Rächer die Kinder entführen können, wenn sie wie die meiste Zeit in den letzten zehn Tagen in der Obhut ihrer Nanny waren, während Sheri Tennis spielte, im Fitnessstudio trainierte oder bei der Pediküre war. Aber das hätte nicht so deutlich gemacht, worum es ging, wie sein Plan es tun würde. Oma und Opa mussten den Schmerz ebenfalls spüren. Mit Blutgeld hatten sie dieses ganze Glück gekauft. Die Gerechtigkeit verlangte, dass es ihnen außerdem Schmerzen brachte. Atemlos kauerte der Rächer hinter den Büschen, als der Lexus sich näherte. Die automatische Beleuchtung der Einfahrt, die normalerweise von den Scheinwerfern des Autos ausgelöst wurde, ging nicht an. Der Rächer fragte sich, ob Marcia es merken würde. Marcia parkte das Auto und stieg aus. Sie öffnete die hintere Tür und begann, ihre Enkel zu kosen. Es war fast zu einfach. Geduckt schlich sich der Rächer an, legte ihr eine behandschuhte Hand über den Mund und verdrehte ihr den Hals, wobei er ihr gleichzeitig die Nadel ins Kreuz trieb. Marcia wehrte sich ein paar Sekunden und wurde dann schlaff. Der Rächer warf einen Blick auf die Zwillinge auf dem Rücksitz der Limousine und gab sich größte Mühe, gefühllos zu bleiben. Das kleine Mädchen lächelte den Rächer an und streckte die Arme aus, als würde der Rächer sie aus dem Kindersitz befreien. Der kleine Junge sah verwirrt aus, umklammerte seine Decke, verzog sein ängstliches kleines Gesicht und fing an zu weinen. Der Rächer schloss die Wagentür und dämpfte das Geräusch zumindest vorübergehend. Schnell, effizient schleppte der Rächer Marcia in die Büsche und harkte über die Fußabdrücke. Er ließ den Kofferraum aufschnappen und warf den Rechen hinein. Dann stieg der Rächer in den Lexus und 36
startete den Motor, wobei er versuchte, das Weinen des kleinen Jungen zu ignorieren, während er über die Auffahrt zurücksetzte. Später in dieser Nacht sah sich der Rächer die im Fernsehen ausgestrahlten Bitten der Carvers um die Rückgabe ihrer Babys an. Mit einem Achselzucken schüttelte er die Belohnung von einer Million Dollar ab, die die Carvers sofort jedem anboten, der Informationen hatte, die zu einer sicheren Rettung der Zwillinge führen konnten. Hier ging es nicht um Geld. Die Gerechtigkeit verlangte diese Maßnahme. í í í
Das Päckchen kam zwei Tage nach der Entführung in Robert Carver Seniors Büro an. Es enthielt eine Nachricht von dem Kidnapper und ein Stück von Chi Yings zerschlissener Decke. DNS-Tests würden bestätigen, dass die Blutflecken auf der Decke sowohl zu Cail als auch zu Chi gehörten. Aus strategischen Gründen bestand die Polizei darauf, dass Informationen über die Decke und die dazugehörige Nachricht nicht der Öffentlichkeit bekanntgemacht wurden, und die Carvers stimmten zu. Die Polizei führte die Fahndung fort, als könnten die Babys immer noch am Leben sein, obwohl die Carvers bereits mit dem Trauerprozess begonnen hatten. Die Nachricht war auf einem Tintenstrahldrucker ausgedruckt worden und enthielt ein Zitat aus der Bibel, vollständig mit Quellenangabe: Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen. 2. Mose 20,5 Am Fuß der Nachricht hatte der Entführer eine Unterschrift getippt – eine biblische Anspielung, die den Eltern und Großeltern das Herz zerriss. Der Bluträcher.
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9 Catherine O’Rourke starrte auf ihren Computerbildschirm. Am Tag nach der Carver-Entführung war ihr Artikel auf der Titelseite der Abendausgabe erschienen. Am nächsten Tag war ihre Story über die Geschichte der Adoption der Zwillinge wieder auf der Titelseite gewesen, auf der oberen Hälfte, sowohl in der Morgen- als auch in der Abendausgabe. Jetzt saß ihr Redakteur ihr im Nacken und wollte noch eine Story über Tag drei, etwas, was noch einen Platz auf dem Titel wert war, doch Catherine fand nichts. Die Untersuchung war zum Stillstand gekommen. Die Pressekonferenz des Polizeichefs von Virginia Beach Arthur Compton vor ein paar Stunden war eine Zeitverschwendung gewesen. Die Ermittlungen der Polizei führten in alle Richtungen. Es hatte keine Lösegeldforderung gegeben. Sie konnten keinerlei Fuß- oder Fingerabdrücke und keine DNS-Spuren finden. Catherine starrte auf die Fotos des süßen kleinen Geschwisterpärchens, Fotos, die sie an der Wand ihrer Büronische befestigt hatte. Die Zwillinge hatten runde, pummelige Gesichter und strahlende kleine Augen. Sie konnte nicht glauben, dass jemand ihnen wehtun könnte. Das Motiv musste Geld sein. Aber warum keine Lösegeldforderung? Würden die Babys stattdessen auf dem Schwarzmarkt verkauft werden? Catherine nahm ein paar letzte Verbesserungen an ihrer Story für einen Hintergrundbericht über die Carver-Familie vor. Die Anwaltskanzlei der Carvers wurde natürlich besonders herausgestellt. Drei Generationen männliche Carvers hatten sich einen Namen als Strafverteidiger gemacht. Kein Fall ist zu kontrovers für die Carvers, hatte Catherine geschrieben. Um die Story aufzupeppen, hatte sie ein paar angesehene Verteidiger zitiert, die sie früher am Tag angerufen hatte. Ein junger Anwalt namens Marc Boland hatte ihr das prägnanteste Zitat geliefert: »Die Carvers glauben an die Verfassung. Sie glauben, sie tun die schmutzige Arbeit, die unsere Gründer im Sinn hatten, als sie unser Rechtssystem aufstellten. Ihr wichtigstes Arbeitsprinzip ist, dass jemand die vertreten muss, die nicht für sich selbst sprechen können.« 38
Der Hintergrundbericht enthielt einen Abschnitt mit pikanten Spekulationen über die schändlichen Mandanten und zahlreichen Feinde der Carvers. Konnte die Entführung ein Racheakt sein? Aber Hintergrundberichte machten keine Titelseite. Catherine brauchte eine Story. Ihre Quelle beim Police Department rief dreißig Minuten vor Redaktionsschluss an. Sie wollte den Mann am liebsten drängen, aber sie wusste aus Erfahrung, dass sie sein Ritual nicht umgehen konnte. »Benutzen Sie Ihr Headset?«, fragte er. »Ja.« »Nehmen Sie es ab und nehmen Sie den Telefonhörer auf.« Catherine wartete einen Augenblick. Er war eine tolle Quelle, aber seine Paranoia konnte frustrierend sein. »Okay.« »Das hier ist inoffiziell, ohne Quellenangabe, und es wird nicht veröffentlicht, bevor ich es ausdrücklich erlaube.« »Gut.« »Sie würden, wenn nötig, ins Gefängnis gehen, bevor Sie meinen Namen preisgeben.« »Allerdings!« »Sie nennen meinen Namen weder Ihrem Redakteur, noch Ihren Autorenkollegen und auch nicht dem Rechtsanwalt der Zeitung.« »Vor allem nicht dem Rechtsanwalt.« Catherine sah auf die Uhr. Noch ein Fragenkatalog, bevor er anfangen würde zu reden. »Selbst unter extremer Folter werden Sie meine Identität nicht preisgeben.« Das erste Mal, als er das gesagt hatte, dachte Catherine, er meinte es ernst. Sie hatte seither gelernt, dass das nur seine schrullige Art war, seinen Standpunkt klarzumachen. »Denken Sie da an etwas Bestimmtes?«, fragte sie. »Ich habe in der Tat Recherchen über eine Foltermethode angestellt, die die Römer perfektioniert haben. Sie haben eine Person an einer Leiche festgeschnürt, von Angesicht zu Angesicht, bis die Verwesung der Leiche anfing, die lebende Person zu zersetzen.« 39
»Bäh«, keuchte Catherine. »Wo treiben Sie nur immer diese Sachen auf?« »Würden Sie unter diesen Umständen reden?« »Natürlich.« Die Quelle zögerte, auch dies ein Teil des Spiels. »Okay, ich lasse es darauf ankommen.« »Ich höre.« Catherines Finger schwebten über der Tastatur. »Das ist nicht zur Veröffentlichung bestimmt, aber wir haben eine Nachricht.« »Ich dachte, der Polizeichef hätte gesagt, es gäbe keine Lösegeldforderung.« »Die gibt es auch nicht. Das ist das Problem.« Er zögerte wieder und Catherine hörte den Ernst in seiner Stimme. Der Spaß war vorbei. »Wir glauben, der Entführer hat die Kinder getötet.« Catherine sah zu den Fotos hinüber und spürte, wie ihr die Brust eng wurde. »Aufgrund welcher Annahmen?« »Das kann ich nicht sagen. Es gibt Dinge, die wir aus strategischen Gründen zurückhalten müssen.« Catherine hasste diese Spielchen, aber sie hielt ihre Stimme neutral. Sie konnte es sich nicht leisten, ihre Quelle vor den Kopf zu stoßen. »Und was können Sie dann sagen?« »Diese Entführung ist kein Einzelfall. Wir glauben, sie hängt mit einer anderen Entführung zusammen, die vor zwei Monaten im Norden Virginias stattfand. Die da oben wollen keine Massenpanik, aber ich kann es nicht verantworten, das vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten. Wenn ich kleine Kinder hätte, würde ich es wissen wollen.« »Heißt das, ich kann diesen Zusammenhang öffentlich machen?« »Solange Sie meinen Namen da raushalten.« Catherine atmete tief ein, während ihre Finger über die Tastatur flogen. Massenentführungen! »Woher wissen Sie das?«, fragte sie. »Das kann ich nicht sagen.« »Aber irgendwas Handfestes müssen Sie mir geben. Wenn ich es nicht zumindest ein wenig untermauern kann, lässt es mich meine Redaktion nie herausbringen.« 40
Er zögerte, um den Eindruck zu erwecken, er dächte darüber nach. Catherine wartete ab. Sie wusste, er hatte diese Sorge bereits vorhergesehen. »Das entführte Baby in Washington, D.C., war Rayshad Milburn, ein drei Monate altes Baby, das seiner Mutter, Sherita Johnson, in einer Tiefgarage geraubt wurde. Der Vater ist ein zweifach verurteilter Straftäter namens Clarence Milburn, der ein paar Monate davor einer Anklage wegen Vergewaltigung und Mord aufgrund einer Durchsuchung ohne Durchsuchungsbefehl entgangen war. Die Cops dachten, sie hätten zwingende Umstände, aber der Richter war anderer Meinung.« Catherine tippte wie wild, während sie dieses neue Puzzlestück verarbeitete. »Wurde er von den Carvers vertreten?« »Nein. Aber der Vorgang der Verbrechen war sehr ähnlich. In beiden Fällen wurde das Opfer bewegungsunfähig gemacht und bekam dieselbe Art hochwirksamen Beruhigungsmittels gespritzt. Es gibt noch andere Verbindungen, aber das ist alles, was ich im Moment sagen kann.« »Was für andere Verbindungen? Was können Sie mir noch geben?« »Wir haben dieses Gespräch nie geführt«, sagte ihre Quelle. »Nicht, solange Sie nicht an einen verwesenden Leichnam gefesselt werden.« »Ich verstehe«, sagte Catherine. Ohne ein weiteres Wort legte er auf.
10 Am Tag darauf schaffte Catherine wieder einen Leitartikel, indem sie die Neuigkeit herausposaunte, dass die Carver-Entführung kein Einzelverbrechen war. Wie abzusehen verbreitete sich eine Panik unter Müttern von Kleinkindern, an die nur die Bestürzung der Staatsanwaltschaft von Virginia Beach heranreichte. Die Carver-Untersuchung hatte ein Leck! Wild entschlossen, es zu stopfen, lud der leitende Staatsanwalt Catherine zu einer Anhörung vor einer Anklagejury vor, um sie über ihre Quelle zu befragen. Als Catherine sich weigerte, sie preiszugeben, blickte er sie 41
finster an und drohte, sie von einem Berufungsrichter wegen Missachtung des Gerichts zur Verantwortung ziehen zu lassen. Catherine starrte nur finster zurück und so setzte er für den späten Nachmittag am Berufungsgericht von Virginia Beach einen Verhandlungstermin fest. Kurz nach sechzehn Uhr nahm Catherine im Zeugenstand Platz und schwor, die Wahrheit zu sagen. Sie schlug ein Bein übers andere und wieder zurück, versuchte es sich bequem zu machen. »Geben Sie bitte Ihren Namen und Ihren Arbeitsort an«, sagte Boyd Gates, der Stellvertretende Oberstaatsanwalt. Er war ein ehemaliger Navy SEAL und der beste Staatsanwalt der Gegend, der die eigentliche Arbeit vor Gericht tat, während sein Chef, Bezirksstaatsanwalt Anthony Brower, politische Reden hielt und Interviews in den Medien darüber gab, dass hart gegen das Verbrechen vorgegangen werden musste. Gates war kahl, Mitte vierzig und in Prozessen ein Starrkopf. Catherine sah William Jacobs an, den Anwalt, den die Zeitung angeheuert hatte. Jacobs war ein streberhafter Mann mit dünnen, grauen Haaren und einem besorgten Gesichtsausdruck. Die Reporter hassten es, wenn der konservative Jacobs an Verleumdungsprüfungen ihrer Artikel beteiligt war. Er fürchtete sich zu Tode davor, dass die Zeitung verklagt werden könnte, und sorgte immer dafür, dass die Reporter den guten Stoff abmildern mussten. Jacobs nickte Catherine kurz zu. »Catherine O’Rourke. Ich arbeite als Reporterin für die Tidewater Times.« »Ist dies ein Artikel, den Sie für die Zeitung von heute Morgen geschrieben haben?« Gates reichte Catherine eine Ausgabe und eine zweite der Richterin. »Ja«, sagte Catherine. »Das bedeutet es im Allgemeinen, wenn wir unseren Namen darunter schreiben.« Jacobs schoss einen missbilligenden Blick auf Catherine ab. »Finden Sie das lustig?«, verlangte Gates zu wissen. »Finden Sie etwas witzig an der Entführung der Carver-Zwillinge?« »Nein«, schoss Catherine zurück. »Ich finde das gar nicht lustig. Mir wird ein Gefängnisaufenthalt angedroht, wenn ich meine vertrauliche Quelle nicht preisgebe.« 42