Andreas Schwantge
Uli – ein Zeuge weiß zu viel
Inhalt
1.
Kein ganz normaler Vormittag
7
2.
Erste Informationen
17
3.
… ein guter Stolperer fällt nicht!
31
4.
Die Geldübergabe
43
5. Warum nur …?
59
6.
73
Das Geständnis
Noch eine Frage
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1. Kein ganz normaler Vormittag Uli war auf dem Weg zur Schule. Gedankenverloren schlenderte er an diesem Montagmorgen den Gehweg entlang. Er achtete weder auf die Schaufenster der Geschäfte, an denen er vorbeiging, noch auf die Autos, die links neben ihm auf der Hauptstraße fuhren. Auch die wenigen Fußgänger, die ihm begegneten, bemerkte er kaum. Nur noch wenige Tage, dann begannen die großen Ferien. Über sein Zeugnis brauchte sich Uli keine großen Gedanken zu machen. Wie jedes Jahr würde es wieder ausgezeichnet sein – vom Fach Sport einmal abgesehen. Bei seinen Freunden sah es da ganz anders aus. Doch dank Ulis Nachhilfe würden alle in die nächste Klasse versetzt werden. Auch Muck und Banni, die fast sitzengeblieben wären. Morgen – das hieß in genau 32 Stunden – würde Marion kommen. Sie hatte schon schulfrei, da in ihrem Bundesland die Ferien früher begonnen hatten. Seit Ulis Ferienaufenthalt und ihrem gemeinsamen Abenteuer* hatten sie sich regelmäßig geschrieben. Und nun wartete Uli sehnsüchtig auf das Wiedersehen. Ob sie sich sehr verändert hatte? Wie sie nun wohl aussah, nach einem Jahr? Ob sie sich immer noch so gut verstanden, wie damals? Schon seit rund 200 Metern ging Thomas neben Uli her. Schweigend schaute er auf den Boden und setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Uli merkte nichts von dem, was um ihn herum geschah. * siehe: Uli jagt den Brandstifter
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„Guten Morgen, Herr Kommissar!“, hörte er plötzlich neben sich. Uli zuckte zusammen. Thomas war es endlich zu bunt geworden, die ganze Zeit neben Uli herzulaufen, ohne beachtet zu werden. „Ich … ich ... äh ...“, stotterte Uli. Thomas musste lachen. „Du bist ja ganz durcheinander! – Ein neuer Kriminalfall???“ Uli schüttelte den Kopf. „Nee, davon habe ich die Nase voll!“ „Das sagtest du schon öfter“, bekam er zur Antwort. Im Schulhof waren die anderen schon vollzählig versammelt. Pepp und Muck lehnten am Schulzaun, Meggi und Radieschen schwatzten eifrig miteinander. Banni war der erste, der Uli und Thomas entdeckte. Sogar ihm fiel auf, dass den ‚Kommissar‘ etwas beschäftigte. Kaum waren Thomas und Uli näher gekommen, fragte Banni auch schon: „Mensch, Uli, was geht dir denn heute durch den Kopf?“ Ehe Uli antworten konnte, schaltete sich Radieschen ein. „Der sieht aus, als wenn er verliebt wäre …“ Uli lief puterrot an, holte tief Luft und schaute so böse zu Radieschen, dass Banni das Gesicht verzog. „Oh ... oh ...“ „Wie kommst du denn auf so was?“, fragte Uli ärgerlich. Radieschen grinste. „So wie du gucken die im Fernsehen auch immer, wenn sie verliebt sind.“ Verwirrt suchte Uli nach den richtigen Worten. 8
„… ich glaube, du guckst zuviel in die Röhre – hast ja schon ganz eckige Augen!“ Alle lachten, und Uli atmete auf. Die Situation war ganz schön peinlich gewesen. Radieschen hatte zum Glück nicht daran gedacht, dass Marion zu Besuch kam. Uli hatte es nämlich vor ein paar Tagen erwähnt. Und seine Freunde waren natürlich auf das Mädchen gespannt, mit dem er so viel erlebt hatte. In diesem Augenblick klingelte es. Der Unterricht begann. In der zweiten Stunde hatten sie Geschichte. Zuletzt war der Dreißigjährige Krieg behandelt worden. Heute sollte alles wiederholt werden. Der Geschichtslehrer wollte dabei die letzten mündlichen Noten vor dem Zeugnis machen. Ausgerechnet Banni wurde als erster an die Tafel gerufen. „Georg“, begann der Lehrer, „wir haben uns mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigt. Kannst du mir sagen, wann er begann?“ Banni wurde blass. Seine sonst schon helle Haut wirkte nun fast totenweiß. „Äh …“‚ begann er, „der Dreißigjährige Krieg …“ Da fiel ihm ein, dass er vor kurzem in den Nachrichten gehört hatte, dass in Deutschland seit über 60 Jahren Frieden war. Blitzschnell rechnete er: Über 60 Jahre … davor 30 Jahre Krieg … Und irgendwie verrechnete er diese Zahlen mit dem Ende des zweiten Weltkrieges im Jahr 1945. Warum? Das hätte er wahrscheinlich nicht erklären können. Auf jeden Fall kam Banni bei seinem Rechenkunststück auf die Zahl 1915 ... „… der Dreißigjährige Krieg begann etwa 1915!“ Puh, das war geschafft! 9
Die ganze Klasse bog sich vor Lachen. Auch Bannis Freunde mussten mitlachen. Nur seine Schwester Radieschen schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn und schüttelte den Kopf. So etwas konnte nur ihrem Bruder Georg passieren. Mensch, war das peinlich! Wieso mussten sie auch zusammen in einer Klasse sein? Banni war damals bei der ersten Klasse zurückgestellt worden und Radieschen war nur ein gutes Jahr jünger als ihr Bruder. Dennoch hätte er doch in die Parallelklasse kommen können – oder? Radieschen holte leise stöhnend tief Luft. Manchmal war es einfach zum Verzweifeln mit Banni ... Nun hatte auch der gemerkt, dass er irgendetwas Falsches gesagt hatte. Er verzog das Gesicht zur berühmten Bananenform und öffnete den Mund. Aber ehe sein ‚oh … oh …‘ zu hören war, sprach ihn der Geschichtslehrer an. Seine Stimme klang ruhig, ein wenig zu ruhig. „Na gut, Georg. Zahlen sind nicht jedermanns Stärke …“ Banni nickte und lächelte. „Hast du schon einmal etwas von der sogenannten ‚Liga‘ gehört, Georg?“ Bannis Lächeln wurde breiter. Natürlich hatte er schon von der ‚Liga‘ gehört! Er schluckte kurz und begann: „In der Bundesliga …“ „Georg!!!“, schrie ihn der Lehrer an. Vor Schreck fuhr Banni zusammen. „Willst du mich auf den Arm nehmen? – Was ist los mit dir?“ Niemand in der Klasse wagte zu lachen. So ein Blödsinn von Banni … Der schaute völlig verständnislos zu Boden.
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Plötzlich dämmerte es ihm: Dreißigjähriger Krieg – die katholische Liga und die evangelische – wie hieß sie noch einmal? – ja, die evangelische Union. „Entschuldigen Sie, ich habe wohl etwas durcheinandergebracht“, meinte Banni kleinlaut. „Den Eindruck habe ich auch!“ „Verschiedene katholische Gebiete gründeten damals die sogenannte Liga …“‚ begann Banni nun flüsternd. „Und ...?“ Der Geschichtslehrer war mit seiner Geduld am Ende. „Auf der anderen Seite vereinigten sich die Evangelischen zur Union, und …“ „Und was?“ „… und so kam es zum Krieg.“ Banni sank in sich zusammen. Hoffentlich war die Folter bald zu Ende. „So kam es zum Krieg.“ Der Geschichtslehrer holte tief Luft. „Na ja. Mir scheint, du hast zwar nicht alles verschlafen – aber daheim nachgelesen hast du‘s bestimmt nicht!“ Die Augen des Lehrers sprühten Funken. „Bis übermorgen lasse ich dir Zeit. Dann gibst du mir einen genauen schriftlichen Bericht über den Dreißigjährigen Krieg ab. Wenigstens zehn DIN-A4-Seiten. Schön eng beschrieben. In Schönschrift, versteht sich! – Und wehe dir, wenn ich da ein Wort von der Bundesliga lese.“ Mit gesenktem Kopf stand Banni vor der Klasse. Puh! Zehn Seiten! Eng beschrieben! Schönschrift! Jetzt tat er sogar seiner Schwester leid. Banni war eben – ach, er war eben so, wie er war ... „Du kannst dich setzen, Georg!“ Banni schlich zu seinem Platz und plumpste auf den Stuhl. 11
Der Lehrer rief jemand anderen aus der Klasse auf. Banni hörte nicht mehr zu. Zehn Seiten – und draußen schien die Sonne. Herrlichstes Sommerwetter … Der restliche Vormittag verlief ganz normal. Alle freuten sich, als die letzte Stunde begann: Musik. Da sie im Moment neuzeitliche Schlager durchnahmen, bestand der Musikunterricht meistens darin, dass sie CDs lauschten und sich dazu kurze Kommentare anhörten. Das war gerade das Richtige für die letzte Schulstunde. Außerdem lagen die Temperaturen seit einigen Tagen knapp unter ‚hitzefrei‘. Da wollte jeder so schnell wie möglich ins Freie! Als sich die Tür öffnete, interessierte sich die Klasse nur für die Anzahl der CDs, die die Lehrerin heute dabeihatte. Ihre Tasche schien gut gefüllt zu sein. Sicher würden sie nicht alle Lieder komplett anhören, die Lehrerin wählte immer einige Stücke aus. Aber bei der Anzahl von CDs konnte man die Musikstunde gelassen abwarten. Doch dann fiel allen – sogar Banni – der Gesichtsausdruck der Lehrerin auf. Irgendetwas stimmte nicht. Was war los? Hinter ihr betrat überraschend ein großer, schlanker Mann das Klassenzimmer. Seine Haare waren kurzgeschnitten, und er machte einen ruhigen, gepflegten Eindruck. Uli kam dieser Mann bekannt vor. Aber er wusste nicht, wann und wo er ihn schon einmal gesehen hatte. Es war totenstill im Klassenzimmer geworden. Die Musiklehrerin legte die Tasche mit den CDs auf das Lehrerpult und schaute dann mit sehr erstem Gesichtsausdruck die Klasse an. 12