Rolf Scheffbuch
Grafen und Fürsten im Dienst des höchsten Königs
Inhalt Anstelle eines Vorworts.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf (1700–1760)........ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Zarin Maria Feodorowna von Russland (1759–1828)........ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . 25 Barbara-Juliane von Krüdener, geb. von Vietinghoff (1764–1824).. ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .37 Fürst Alexander Galitzin (1773–1844)........ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Henriette, Herzogin von Württemberg, geb. Prinzessin von Nassau-Weilburg (1780–1857)........ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . 61 Charlotte von Bodelschwingh, geb. von Diest (1793–1869)........ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Graf Felician von Zaremba (1794–1874).. ....... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . 81 Sixt Carl von Kapff (1805–1879)....... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . 97 Lord Radstock (1833–1913)........ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . 111 Elvine Gräfin de La Tour, geb. Ritter von Záhony (1841–1916).. ....... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Friedrich von Schlümbach (1842–1901)...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Hedwig von Redern (1866–1935) . .... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . 151 Fürstin Sophie Lieven (1880–1964)....... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . 165 Dank . ............ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Text- und Bildnachweise.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf (1700–1760) Der Reichsgraf, der ein Arbeiter für Jesus war
Schon als junger Kavalier ein ganzer Christ Von früher Jugend an war er etwas ganz Besonderes, der Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf, Herr von Thürnstein, von Freydeck und von der Wachau – er, der Erfinder der »Herrnhuter Losungen«, der Dichter von »Jesu, geh voran« und vieler anderer geistlicher Lieder, der Pionier der evangelischen Weltmission und der Impulsgeber für das Zusammenrücken der weltweiten Christenheit. Im Jahr 1700 war er in Dresden zur Welt gekommen. Schon als junger Kavalier war er vom Scheitel bis zur Sohle ein nobler, geistreicher, weltgewandter Edelmann. Dabei war und blieb er ungekünstelt. Alles war natürlich: sein aufrechter Gang, sein erhobenes Haupt mit der hohen Stirn, die wohlgeformte schmale Nase, der durchdringende klare Blick. Seine ganze Persönlichkeit war wie von einem Zauber durchdrungen. 19-jährig machte er eine Bildungsreise quer durch Europa. In Paris meisterte er das feurigste Pferd, das ihm vorgeführt wurde. Aber er führte auch tiefe theologische Gespräche mit dem Kardinal von Paris. In Amsterdam gingen die vornehmen Bürger vom schmalen Gehsteig, um ehrerbietig dem jungen Grafen Platz zu machen. Die ganze Haltung des Grafen strahlte Würde aus. Im Umgang mit Menschen hatte er etwas ungemein Gewinnendes. Allerdings konnte Zinzendorf auch aufbrausen. Wenn er etwa unangenehme Nachrichten empfing, dann konnte er völlig außer sich geraten. Oft ließ er dann einfach alles stehen und liegen. Auf einsamen Wegen suchte er dann wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen. Allerdings brach manchmal auch eine Kanonade von Schimpfworten aus ihm heraus. Auch wegen Kleinigkeiten konnte er heftig werden. So geriet er später in Herrnhut außer sich, wenn bei einer von ihm geleiteten Versammlung eine Sitzbank nicht so aufgestellt war, wie es seinem Sinn für Formen entsprach. Streng konnte er dazwischenfahren, wenn in Versammlungen zu viel gehustet wurde oder wenn die Versammelten sich zu laut räusperten. Aber gleich danach war es ihm möglich, 9
als wenn nichts geschehen wäre, ins Zwanglose und Freundliche überzuwechseln. Im Blick auf die Ecken und Kanten seines eigenen Wesens hat Graf Zinzendorf bekannt: »Christen bringen es in der Moral oft nicht so weit wie die Weltleute. Denn sie haben kein heroisches Tugendstreben. Sondern bei ihnen zeigt sich ehrlich, was im Herzen ist. Sie wollen nicht mehr scheinen, als sie sind. Und sie sind nichts anderes als begnadigte Sünder.« Ein »Christ« zu sein, das war schon seit früher Jugend sein Anliegen. Geprägt hatte ihn die fromme Großmutter, die Landvögtin von Gersdorf. Danach waren auch die Schuljahre im Pädagogium in Halle prägend. August Hermann Francke machte ihm Eindruck: »Er ist wie ein Knecht, der sich darauf verlässt, dass sein Herr grenzenlosen Kredit hat.« Als ein von Christus Begeisterter begann Nikolaus Ludwig 1716 ein Studium an der Universität Wittenberg. Voll missionarischen Eifers wollte er auch andere Mitstudenten für Jesus gewinnen. Gerade auch seine Fähigkeit zum Reimen benutzte er zum Werben für Jesus. Denn immer wieder baten ihn Mitstudenten um Gedichte für festliche Anlässe. Aber selbst in Geburtstags- und Hochzeitsoden flocht Nikolaus Ludwig Erinnerungen an ewige Dinge ein. Jeden Morgen stimmte er die Saiten seines Herzens auf geistliche Dichtung ein, indem er von sechs bis sieben Uhr so viele Choräle hintereinander sang, dass ihm davon die Lippen trocken wurden. Eigene Gedichte fielen ihm dann so rasch zu, dass er sie so schnell gar nicht aufschreiben konnte. Er wollte feinster Kavalier und zugleich missionarischer Christ sein. »Denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir.« Auf seiner Bildungs- und »Kavaliers«-Reise besuchte der 19-jährige Reichsgraf in Düsseldorf auch die Gemäldegalerie des Kurfürsten. Dort kam es indessen nicht zu seiner »Bekehrung«, was leider oft behauptet und noch öfter nachgeplappert wird. Zinzendorf hat auch nicht bekannt, als er vor der Darstellung des gekreu10
zigten Jesus stand: »Das tat ich für dich, was tust du für mich?« Das stand vielmehr als Unterschrift unter jener Darstellung des Golgatha-Geschehens. Was Zinzendorf dort vor diesem Gemälde beeindruckte, das vertraute er seinem Tagebuch an. Da heißt es: »Ich bat den Heiland, mich mit Gewalt in die Gemeinschaft seiner Leiden zu reißen, auch wenn mein Sinn nicht hineinwollte!« Später konnte der aus höchsten Adelskreisen stammende Graf bekennen: »In heiliger Rigorosität habe ich mich dazu entschlossen, alles im Licht des Mannes am Kreuz zu sehen!« So war es sein Gebet: Erschüttre doch den trägen Sinn, der nichts von Arbeit weiß, und reiß ihn aus der Faulheit hin zu deinem Kampf und Schweiß! War zu der Herrlichkeit die Schmach dein ordentlicher Weg, so geht dir deine Herde nach auch über diesen Steg! Drum leit auf deiner Leidensbahn mich selber bei der Hand! Das war es, was Zinzendorf erlebt, durchlitten, durchkämpft hat. Besonders in jenen Jahren, als er schmählich aus seinem sächsischen Heimatland vertrieben worden war. Leicht fiel es dem Grandseigneur Zinzendorf nie, ja zu sagen zu der christlichen Gesetzmäßigkeit: »Denn durch Trübsal hiergeht der Weg zu dir!« Aber Jesus hat ihn nicht nur hineingerissen in die »Gemeinschaft mit seinen Leiden«, sondern er hat ihn auch darin festgehalten. Er hat es selbst erlebt, was er in die Zeile gefasst hat: »Führst du uns durch raue Wege, gib uns auch die nöt’ge Pflege!« Zerschlagen fühlte sich der Graf immer, wenn er von seinen Fußreisen quer durch Europa übermüdet und krank zurückkehrte. Mit der Postkutsche oder auf Pferderücken konnte er nicht unterwegs sein, »denn wir hatten kein Geld, und des Heilands 11
Sache musste ausgerichtet werden«. Zinzendorf war jedoch kein geübter Fußgänger. Er trug sein Haupt hoch, er war immer voller Gedanken und achtete nicht auf Weg und Steg. Er ging sehr schnell, schützte sich auch nicht wirklich vor Kälte und Regen. »Er trat nicht nur auf Stock und Stein, sondern stieß überall an, so dass er bald Blasen an den Füßen bekam, die er manchmal so zurichtete, dass man sie aufschneiden musste.« Jedoch ganz am Boden, wie nie zuvor, fühlte sich Zinzendorf in der großen Krisenzeit seines Wirkens, also in der so genannten »Sichtungszeit« zwischen 1743 und 1750. Die Gottesdienste der von Zinzendorf gegründeten Brüdergemeinen waren als Freudenfeste gestaltet worden – mit Musik, Kerzen, Fahnen, Aufführungen. Alles, was das Gemüt ansprechen konnte, war aufgeboten worden. Der von allen angehimmelte, später jung verstorbene Zinzendorf- Sohn Christian Renatus (1727–1752) betrat mit dreißig Gefährten den Saal, alle in weißen Gewändern. Viele Teilnehmer gerieten in Ekstase. Während des Gebets und vor allem danach waren alle wie außer sich. Verzückungszustände rauschhafter Art brachen auf. Man war der Überzeugung, mit Christian Renatus sei Christus selbst gekommen. Gefährlich durchpulste das fürstliche Blut der Zinzendorfs das Verlangen, wirkliche »Siege« des Christus Jesus erleben zu können. Plötzlich jedoch wurden dem Grafen die Augen geöffnet. Harsch beendete er die Auftritte. »Das ist ja Nonsens!«, so kanzelte er »Christel«, seinen geliebten Sohn ab. Stellvertretend für die ganze Gemeine bekannte der Graf: Wir haben den verlassen, das wiederhole ich, der eigen Blut gelassen, für mich, ach ja, für mich. … Ich kann vor Weh nicht reden, mir geh’n die Sinne zu. Deck du den großen Schaden mit deinem Blute zu! 12
Damals rang sich Zinzendorf durch, den Gliedern der Herrnhuter Gemeinen zu raten: »Redet nicht zu viel und zu oft von eurem neuen Leben! Redet überhaupt nicht so viel von euch selbst!« »Es ist das einzige und selige Gesetz der Christen: Tauge nichts, wolle nichts, könne nichts. Zapple nur, bitte nur, glaube nur! In der Stunde, da einer glaubt, kriegt er auch die Gnade, willig zu werden zum Bekennen, zum Nachfolgen und zum Leiden!« Der Reichsgraf ließ auf den Grabstein seiner Frau Erdmuthe Dorothea, geb. Gräfin Reuß (1700–1756), die Worte setzen: »Auch das Leben war tot«. Damit war Jesus gemeint, der sich selbst als »das Leben« bezeichnet hatte. So wollte Zinzendorf die Realität von Leiden, Sterben und Trauer nicht durch eine Siegesstimmung überspielen, sondern er war bereit geworden, den Leidens- und Todesweg von Jesus mitzugehen.
Der Graf und die mährischen Geschwister Nikolaus Ludwig von Zinzendorf hatte als junger Graf das verwahrloste Gut Berthelsdorf in der Oberlausitz gekauft. Eigentlich wollte er dort und auf den umliegenden Gütern nach dem Vorbild Franckes so etwas wie ein zweites »Halle« mit vielen Bildungseinrichtungen aufbauen. Es sollte ein Schulungszentrum werden, eine Kommandozentrale, von der Impulse in die schlafende Christenheit hineingehen sollten. Aber dann kam alles ganz anders. In Berthelsdorf waren, als der Graf noch als sächsischer Justizrat in Dresden weilte, versprengte Gruppen von Flüchtlingen aufgetaucht. Es waren Reste der mährischen Brüderkirche, die in ihrer böhmischen Heimat bis aufs Blut verfolgt wurde. Es waren kleine Handwerker wie Schneider, Zimmerleute, Messerschmiede. Sie kamen arm, abgerissen, von schweren Erlebnissen gezeichnet. Zum Bau von primitiven Flüchtlingshütten wies ihnen Zinzendorfs Verwalter einen Platz unterhalb des sanften Hügels an, der den Namen »Hutberg« trug. Der Zimmermann Christian David, der Anführer des Flüchtlingstrecks, schlug seine Axt in 13