Andreas Sch채fer
Wenn die Seele Worte sucht Reden 체ber die Pilgerpsalmen
Inhalt
Vorwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Psalm 120.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
Psalm 121.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
21
Psalm 122.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
33
Psalm 123.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
45
Psalm 124.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
59
Psalm 125.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
69
Psalm 126 .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Psalm 127.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Psalm 128.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Psalm 129.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 Psalm 130.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Psalm 131.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Psalm 132.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 Psalm 133.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Psalm 134.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Anmerkungen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
Vorwort Die Psalmen sind das Gebetbuch des Volkes Israel, sie sind aber auch das Gebetbuch von Jesus. Jesus hat diese Psalmen gebetet, er hat sie auswendig gesprochen, er war in diesen Texten zuhause, die wir hier miteinander lesen. Zudem war er davon überzeugt, dass man ihn in den Psalmen wiederfinden kann. Aus den Psalmen heraus spricht der Christus zu seiner Gemeinde. In diesem Buch lesen wir gemeinsam die sogenannten Wallfahrtspsalmen, die Psalmen 120 bis 134, die in ganz besonderer Weise zusammengefasst sind. In den meisten Bibeln ist die Überschrift »Wallfahrtspsalmen« zu lesen, obwohl man nicht ganz genau weiß, was das ist. Entsprechend ist auch die Zahl der Auslegungsversuche mit der Zahl der Ausleger fast identisch. Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Bedeutung dieser kleinen Überschrift »Lied der Aufstiege«, wie es eigentlich in der hebräischen Sprache heißt. In den alten Lutherbibeln findet man als Überschrift: »Ein Lied im höheren Chor«. Bei Luther stand die Idee dahinter, dass der Prophet Hesekiel von insgesamt 15 Stufen spricht, die zum Tempel hinaufführen (Hes 40). Daher kam auch der Gedankengang der »Stufenlieder«, der »Lieder im höheren Chor«, dem Tempelchor. Hier war eine mögliche Vorstellung, dass auf jeder der 15 Stufen einer der Wallfahrtspsalmen gesungen wurde. Selbstverständlich gab es große, festliche Gottesdienste im Tempel. Zur Einweihung des Tempels traten viele Chöre auf dem Tempelgelände unterschiedlich arrangiert auf. Wir wissen weder, ob es Chöre gab, die sich bewusst auf den 15 Stufen verteilt aufstellten, noch, ob sie genau die 15 Wallfahrtspsalmen sangen. Einige Ausleger sagen, es handle sich hierbei um die nachbabylonischen Heimkehrlieder. Für diese Aussage muss man allerdings den zeitlichen Kontext aufsprengen und alle Lieder in die nachbabylonische Zeit verschieben, um die Psalmen dem eigenen historisch-kritischen Denken anzupassen. Andere denken allegorisch, indem sie sagen, diese Psalmen seien »Lieder der Aufstiege«, wobei es um den Glaubensaufstieg gehe und wir uns damit kontinuierlich zu unsrem Gott hochdenken würden. »Lied der Aufstiege« kann aber auch poetisch verstanden werden. Bei näherer sprachlicher Betrachtung der Wallfahrtslieder fällt 5 |
Wenn die Seele Worte sucht
nämlich auf, dass der klassische hebräische Parallelismus nicht vorkommt. Aufgrund der »Verkettungen von Worten« sagt man, dass es sich hier sprachlich um eine Aufstiegs-Kette handelt. Die meisten Überlegungen stimmen in der Vermutung überein, dass es sich um Pilgerlieder handelt, die bei den großen Wanderungen, z. B. zu den Wallfahrtsfesten des Volkes Israel, oder auch auf anderen Wegen, die Gott seine Gemeinde im Alten und im Neuen Bund geführt hat, gesungen und gebetet wurden. Man findet in den Auslegungen die unterschiedlichsten Formulierungen wie »Der Reisepsalter«, »Wallfahrtsbüchlein für Zionspilger« oder »Das Brevier«, also ein kurz zusammengefasstes Heftchen, mit dem man als Notration gut über die Runden kommen kann. Die Lateiner sagen: Das ist mein Vademekum (»Geh mit mir!«), also das, was mit mir unterwegs ist und was ich immer dabeihabe. Psalm 120 bis Psalm 134, die hat man dabei. Vielleicht hat man diese 15 Lieder nicht nur als Buch, sondern als Text im Kopf bei sich, um fröhlich seinen Weg gehen zu können. Die Textauslegungen zu diesen Wallfahrtspsalmen sind auf der Grundlage von Predigten entstanden, die auf der Langensteinbacher Höhe gehalten wurden. Natürlich entdeckt man überall die Spuren der mündlichen Rede. Hoffentlich stört es Sie nicht zu sehr beim Lesen. Ein herzliches Dankeschön gilt Eva-Maria Kurz und dem Lektorat des Hänssler Verlages, die in vielstündiger Arbeit dieses Buch ermöglicht haben. Jetzt hoffe und wünsche ich natürlich, dass dem einen oder anderen das Lesen einzelner Texte dieses Buches zum Segen wird. Der Segen des Herrn sei über euch (Ps 129, 8). Andreas Schäfer Langensteinbacher Höhe, Karlsbad
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Psalm 121
Wenn die Seele Worte sucht
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit! Psalm 121,1-8
Das Glaubensbekenntnis Lesen wir den ersten Vers von Psalm 121 einmal in einer alten Übersetzung der Lutherbibel: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.« Wir bemerken, dass man bei der Übersetzung dachte, die Berge seien Zeichen der Majestät, der Größe und der Offenbarung Gottes. Die GottesoffenbaIn unserem rungen auf den Bergen dienten zum besonderen Hören auf Gott und die Berge waren aktuellen Leben Schutzraum. haben wir Berge Eigentlich steht da in Vers 1 aber eine Frage. zu überwinden »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir [angesichts der Berge] Hilfe?« Der Leser, der Israel gut kennt, kann sich vielleicht einen Pilger im Jordantal vorstellen, der nach Jerusalem hinauswandern will und angesichts der im judäischen Bergland bedrohlich aufgetürmten Berge Angst bekommt. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, und angesichts dieser Berge stellt sich die Frage, woher bekomme ich jetzt Hilfe? Dann sind diese Berge eben nicht der Schutzraum oder Offenbarungsort. Hierfür haben wir im Neuen Testament einen Beleg in der Geschichte von dem Geschäftsmann, der, von Jerusalem aus, in das Jordantal hinunterging und mitten in den Bergen überfallen wurde. Er war hilflos, bis der barmherzige Samariter kam und sich seiner erbarmt hat. | 22
Psalm 121
In unserer heutigen Zeit haben wir die Berge des Lebens in ihrer ganzen Bandbreite vor uns. Fangen wir mit den kleinen Hügeln an, die im Alltag vor uns liegen, wie z. B. verschiedene Termine, die schwierig werden können, die einem Sorgen bereiten. Außerdem gibt es uralte Berge, die immer Wir sind schon in unserem Leben da waren, bleibende hilfsbedürftig Berge, schmerzlich bekannt in unserer Lebenskulisse, die wir nicht mehr loswerden. Immer wieder kommen neue Berge hinzu. Die schlimmsten sind wahrscheinlich die noch nicht sichtbaren aber doch schon erwarteten und gefürchteten Berge. Wir ahnen, was auf uns zukommt, und stehen da wie der Beter vom 121. Psalm und sagen: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, und wenn ich das alles so sehe, kann ich nur fragen: Woher bekomme ich jetzt meine Hilfe?« Ein Berg liegt hinter diesen normalen Bergen Ihres und meines Lebens, der uns wirklich Sorgen machen sollte. Das ist der Gottesberg, vor dem wir uns einmal offenbaren müssen, wenn unser Leben zu Ende ist und wir vor dem Ewigen stehen. Damit müssen wir zurechtkommen. Sehe ich mir mein Leben mit meiner Seele in all ihren Facetten bewusst an, dann steht auch das wie ein riesiger Berg vor mir und ich kann nur fragen: »Woher bekomme ich jetzt meine Hilfe?« Können wir angesichts dieses Berges, mit dem wir einmal vor Gott offenbar werden, Wie wird es sein, sagen: »Meine Hilfe kommt vom Herrn« (V. 2)? wenn wir vor Weil ich mich mit meinem Leben auf den verdem Thron des lasse, den der Vater, der Schöpfer des Himmels Ewigen stehen? und der Erde, stellvertretend für meinen Berg gesandt hat, damit meine Schuld, meine Vergangenheit, mein Leben von ihm gedeckt ist. Ist das unser Bekenntnis? Im Bibelunterricht mit jungen Leuten kamen wir auf Engel zu sprechen und haben im Hebräerbrief nachgeschlagen: »Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen?« (Hebr 1,14). Ich fragte dann die Jugendlichen, wer da eigentlich mit »die das Heil ererben sollen« gemeint sei. Die Frage fanden sie offensichtlich viel zu leicht, denn einer meinte ganz cool in seinem nordbadischen Slang: »Ha, mier sind g’meint.« »Mier«, das sind doch die, die an Jesus glauben. 23 |
Wenn die Seele Worte sucht
Könnten Sie auch so cool sagen: »Ich habe mein Leben auf diesen Jesus gesetzt und damit habe ich den entscheidenden Berg meines Lebens bewältigt!«? Jeder muss für sein persönliches Leben die Frage klären:Wie wird das sein, wenn ich einmal vor dem Thron des Ewigen meine Augen aufmachen werde? Woher kommt mir dann meine Hilfe? »Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat« (V. 2). In Jesus Christus habe ich meinen Eliëser, »Gott ist Hilfe«, gefunden.6 Das ist das In das Vakuum Glaubensbekenntnis, das wir, je länger wir mit ohne Jesus Jesus leben, umso fröhlicher bekennen. Zum setzen sich einen, wenn es um unseren Gottesberg geht, andere Mächte aber auch dann, wenn es um unsere Lebensweise und Lebenshilfe geht. Je banaler es geistig und geistlich in unserem Land zugeht, desto wichtiger ist es, ein solches Wort pointiert hineinzusagen: »Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.« Da, wo das Leben nicht mit Jesus gefüllt ist, da rutschen in das Vakuum der Persönlichkeit andere Mächte, andere Gedanken, andere Überzeugungen hinein. Umso wesentlicher ist das täglich gelebte Bekenntnis. Der Psalm bleibt da aber nicht stecken.
Der Glaubenszuspruch In diesem Psalm passiert etwas ganz Eigenartiges. Er beginnt, als ob jemand seine Wanderroute zusammensuchte: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.Woher kommt mir Hilfe?« Er spricht sein Bekenntnis: »Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.« Dann wechselt die Person und es folgt plötzlich ein ganz anderer Ton: »Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht« (V. 3f). Hier tritt also eine dritte Person auf. Bisher hatten wir nur den Beter und seinen Gott. Tritt jetzt ein anderer hinzu, der dem Beter etwas zuspricht? Handelt es sich um ein ermutigendes Selbstgespräch, wie wir es ja auch aus anderen Psalmen kennen? Z. B. Psalm 103,2: »Lobe den Herrn, meine Seele«, in dem der Beter mit der eigenen Seele spricht. Möglicherweise haben wir es hier mit einer Art Reise| 24
Psalm 121
segen zu tun, mit dem der eine dem anderen für die Reise den Segen zuspricht. Das finden wir im Alten Testament bereits bei Abraham, der seinem Knecht den Reisesegen mitgibt (1. Mose 24,7). Hier in Psalm 121,3f haben wir den wichtigen, unbekannten »dritten Mann«, der den Der »dritte Zuspruch des Glaubens gibt. Die Textstelle Mann« – kann sehr unterschiedlich gefüllt werden. Wir Kanal für den alle kennen aus unserem Glaubensleben, dass Glaubenswir uns die entscheidenden Dinge wie Verheißungen, Zusprüche und Herausforderungen zuspruch nicht selber sagen können; die kommen durch einen Kanal Gottes in unser Leben. Dieser »dritte Mann« ist der Kanal, den Gott benutzt, um bei Ihnen und bei mir mit dem Glaubenszuspruch anzukommen. Er spricht uns das zu, was wir brauchen, sei es in der Predigt, im Gottesdienst, in Bibelstunden, in der persönlichen Stille, durch ein Buch oder ein Gespräch. Es fällt auf, dass das Bekenntnis in Vers 2, so groß und wichtig es auch aussah, plötzlich hinter den folgenden Versen des Zuspruchs verschwimmt. Wir sind auf den Glaubenszuspruch angewiesen. Damit haben wir einen wesentlichen Grund, warum wir uns unter das Wort Gottes stellen. Denn wir brauchen immer wieder neu, dass Gott uns durch den unbekannten »dritten Mann« Glauben zuspricht und uns durch sein Wort das gibt, was wir für den nächsten Abschnitt unserer Pilgerwanderung benötigen. Gott legt uns im 121. Psalm ein geballtes Paket von GlaubensGott setzt zusprüchen auf den Tisch. Gegengewichte Unser Sohn brach einmal zu einer Radtour gegen die auf und bei der Verabschiedung steigerten wir Bedrohung uns immer weiter in Ratschläge hinein, was er der Berge alles zu tun und worauf er zu achten habe. Das machten wir so lange, bis der Junge einfach nur wegging. Gott macht das gerade umgekehrt. Er gibt uns in diesem Psalm ein riesiges Paket seines Zuspruchs. Das ist, als ob Sie ein Auto kauften, bei dem Sie nicht nur eine spärliche Grundausstattung haben, sondern im Komplettpreis alles mit enthalten ist. Das ist, wie wenn man begreift, dass man nicht nur eine eingeschränkte Versicherungsleistung bezahlt hat, sondern das volle Paket. Mit Psalm 121 setzt Gott Gegengewichte gegen die Bedrohung der 25 |