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Wanda Luttrell

Ein Herz voller Kraft Biblische Frauen mit Profil


Inhalt

Einleitung

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1. Batseba ~ Thema: Vergebung 2. Die Mutter des verlorenen Sohnes ~ Thema: Hoffnung 3. Gomer ~ Thema: Barmherzigkeit 4. Hanna ~ Thema: Hingabe und Opferbereitschaft 5. Rebekka ~ Thema: Geduld 6. Abigajil ~ Thema: Mut 7. Hiobs Frau ~ Thema: Vertrauen 8. Die Frau des Gastwirts ~ Thema: Selbstachtung 9. Lydia ~ Thema: Gottes F체rsorge 10. Maria ~ Thema: Gehorsam

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Sie, ich und Johannes der T채ufer Fragen zum Nachdenken

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10 Maria Thema: Gehorsam Lesen Sie in der Bibel: Matthäus 1–2; Lukas 2

Maria schaute Jesus hinterher, wie er am Horizont verschwand. Er hatte gesagt, dass er seinen Vetter besuchen wollte, der am Jordan war und taufte. Sie wusste nicht, warum er so plötzlich zu Johannes wollte, aber er war ihr in der letzten Zeit oft ruhelos und grüblerisch vorgekommen. Sie seufzte auf. Ihr Ältester war immer anders gewesen, von seiner Geburt in jenem Stall in Bethlehem an und die ganzen Jahre seiner Kindheit und Jugend hindurch. Einmal, mit zwölf Jahren, war er, als sie nach den Passahfeierlichkeiten wieder von Jerusalem zurückgereist waren, auf einmal verschwunden gewesen. Sie hatten ihn schließlich im Tempel gefunden, wo er mit den Ältesten diskutiert hatte, die nur so über seine Kenntnisse der heiligen Schrif­ten staunten. Sie hatten mit ihm geschimpft: »Warum hast du uns nichts gesagt? Wir haben uns solche Sorgen gemacht ...« Er hatte sie ganz merk­würdig angesehen und geantwortet: »Wusstet ihr denn nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?« Maria war es kalt den Rücken heruntergerieselt bei diesen Wor­ ten, obwohl sie ja wusste, dass ihr Ältester einen besonderen Auf­ trag im Leben hatte. Von der Stunde an, wo der Engel Gabriel ihr angekündigt hatte, dass sie den Sohn des Allerhöchsten zur Welt bringen würde, hatte sie gewusst, dass ihr Erstgeborener kein gewöhnliches Kind sein würde. Er würde sein Volk aus seinen

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Sünden erlösen. Wie das geschehen sollte, konnte sie sich nicht vorstellen, aber sicher würde es etwas Gewaltiges sein. Als Jesus dann größer wurde, hatte sie ihm all die wunderbaren Dinge, die sie von dem Engel, von den Hirten, von den Weisen, von der Prophetin Hanna und von dem greisen Simeon im Tempel gehört hatte, erzählt. Er schien sie auf Anhieb verstanden zu haben. Sie selbst hatte mittlerweile viele Jahre lang über sie nachgegrübelt und wusste immer noch nicht recht, was sie von ihnen halten sollte. Und jetzt dieser plötzliche Entschluss, Johannes zu besuchen ... In der Schreinerei war gerade Hochbetrieb. Gut, Jesus hatte seine beiden nächstältesten Brüder gut in sein Handwerk eingeführt. Simon liebte es, mit Holz zu arbeiten, und war dabei, fast so ein guter Zimmermann zu werden wie Jesus selbst. Doch Maria wusste, dass Jakobus lieber beim Rabbi die Schriften studierte; sein Herz war einfach nicht in der Werkstatt. Das Herz von Jesus eigentlich auch nicht mehr. Früher hatte er gerne mit Josef gearbeitet. Sie wusste noch, wie er ihr einmal erzählt hatte, wie sehr er den Duft der Holzspäne beim Sägen mochte und das samtige Gefühl eines frisch gehobelten Bretts. Aber jetzt konnte es geschehen, dass sie ihn wie weggetreten an der Werkbank stehen sah, in seinen Händen ein Stück Holz, das er ganz vergessen zu haben schien, die Augen auf einen unsichtbaren Punkt gerichtet. Dann war er wieder der Alte und kam zu ihr, um ihr irgendetwas zu schenken, das er mit seinen begabten Händen getischlert hatte. Manchmal bekam sie Angst, wenn sie diese Hände ansah. Sie wusste selbst nicht, warum, sie war keine von den Ängstlichen. Nur ein Mal, an jenem Tag vor vielleicht dreißig Jahren, als der Engel Gabriel ihr erschienen war, hatte sie Angst gehabt, und auch da nur einen Augenblick lang, denn das Wunderbare, was der Engel ihr sagte, hatte ihre Angst gleich wieder vertrieben. »Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden«, hatte der Engel gesagt. »Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen; den sollst du ›Jesus‹ nennen.«

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Als sie den Engel fragte, wie das zugehen sollte, da sie doch noch eine Jungfrau war, hatte er geantwortet: »Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Macht des Allerhöchsten wird dich überschatten. Deshalb wird das Heilige, das du gebären wirst, der Sohn Gottes genannt werden.« Selbst das Wissen, dass ihre Nachbarn, ihre Verwandten, wahr­ scheinlich sogar Josef davon ausgehen würden, dass sie unehelich mit einem Mann geschlafen hatte, hatte sie nicht in Angst versetzt. Alles, was sie spürte, war eine demütige Dankbarkeit, dass Gott unter allen jüdischen Frauen aller Zeiten ausgerechnet sie dazu erwählt hatte, seinen Sohn – Jesus, Jeschua – zur Welt zu bringen. Der hebräische Name bedeutete »Erlöser«. Sie sollte nichts Geringeres sein als die Mutter des haMeschiach, des Messias, den Generationen von Propheten Israel verheißen hatten. Sogar als dann die Wehen einsetzten und es keinen Raum für sie und Josef in dem Gasthaus gab, hatte sie keine Angst gehabt. Sie hatte das ganze Gewicht ihrer Bestimmung auf sich gespürt, als die Wehen immer heftiger wurden. Aber als sie dann ihr Neugeborenes in die mit Stroh gefüllte Krippe legte, war nur noch Freude da gewesen. Sie hatte die Herrlichkeit Gottes geradezu greifbar gespürt, als oben der Stern schien und die Hirten sich andächtig in der Stallhöhle drängten, um den zu sehen, von dem die Engelscharen gesprochen hatten. Als ihre weiteren Kinder später hier in Nazareth zur Welt kamen, diesmal unter tatkräftiger Hilfe ihrer Mutter und der Hebamme, hatte sie ebenfalls keine Angst gehabt. Auch nicht, als sie sie aufzog. Selbst dann nicht, als Josef gestorben war und die Last der Kindererziehung sich allein auf ihre Schultern legte. Aber jetzt hatte sie zum ersten Mal Angst. Der Ernst seiner Sendung schien sich wie ein Bleigewicht auf Jesus zu legen. Sie spürte es, denn zwischen ihm und ihr war immer ein besonderes Band gewesen. Obwohl er ihr manchmal so vorgekommen war wie jedes andere Kind und sie ihn nicht viel anders aufgezogen hatte als seine jüngeren Geschwister. Sie hatte ihn gestillt, seine aufgeschlagenen Knie verarztet, ihn getröstet, wenn er weinte, und zugeschaut, wie

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er mit den kleinen Holzspielzeugen, die Josef für ihn fertigte, im Sand spielte. Dann hatte sie zugehört, wie er bei seiner Bar-Mizwa perfekt die vorgeschriebenen Texte rezitierte, und miterlebt, wie er ein guter Zimmermann wurde. Die Menschen in Nazareth sahen in Jesus nicht mehr als den Zimmermann, der der Sohn Marias und Josefs war und der mit ihren eigenen Kindern gespielt hatte. Ihre Töchter warfen hoff­ nungsvolle Blicke auf ihn, bevor sie sich empfänglicheren Kandi­ daten zuwandten. Aber Maria wusste, dass Jesus mehr war als der Sohn des Zim­ mer­manns. Er war der Sohn des Allerhöchsten. Sie selbst war nur das Gefäß gewesen, durch das der Erlöser in die Welt gekommen war. In der Hitze des Mittags fröstelte sie bei dem Gedanken, was für schreckliche Dinge ihren geliebten Erstgeborenen erwarten mochten. Der Erlöser der Welt zu werden, konnte nicht einfach sein. Es würde, ja es musste eine gewaltige Tat erfordern. Sie hatte Jesus bezüglich der Schriftstellen, die von dem Messias sprachen, befragt, worauf er ihr die Worte Jesajas über die Jungfrau, die einen Sohn gebar, und die Michas, dass der Erlöser aus Bethlehem kommen würde, zitiert hatte. Jesus war ja auch von einer Jungfrau und in Bethlehem geboren worden, aber Maria wusste, dass hinter diesen schlichten Worten noch mehr liegen musste. Sie hatte gehört, wie der Rabbi die Worte des Propheten Jesaja über haMeschiach vorlas: »Er wurde verachtet und von den Menschen abgelehnt – ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut, jemand, vor dem man sein Gesicht verbirgt. ... Doch wegen unserer Vergehen wurde er durchbohrt, wegen unserer Übertretungen zerschlagen. Er wurde gestraft, damit wir Frieden haben. Durch seine Wunden wurden wir geheilt!« (Jesaja 53,3.5). Sie schauderte und versuchte, die furchtbaren Worte wegzuschieben, aber sie verfolgten sie, und jetzt, wo Jesus ihren Händen zu entgleiten

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begann und sich auf den Weg zu etwas machte, das sie nicht verstand, verfolgten sie sie noch mehr. Schmerzen ... Krankheit ... Wunden ... »O, Jahwe«, rief sie verzweifelt aus. »Was für ein Opfer wird er bringen müssen? Wann wird es kommen? Wird er es tragen können? Werde ich es tragen können?«

Donna Wir hatten ihren Sohn Todd schon einmal sicher aus dem Irak herausgebetet. Dann schickte mir meine Freundin (nennen wir sie Donna) erneut eine E-Mail, in der sie mich bat, für sie zu beten. Der junge Marinesoldat war wieder in den Irak abkommandiert worden. Er war zu einem kurzen Heimatbesuch in Amerika gewesen, und an diesem Morgen würde sie ihn wieder zum Flughafen bringen. Ich fühlte mit ihr mit. Obwohl ich selbst keine Flugangst kenne, bin ich immer ganz fertig, wenn ich eines meiner Kinder in ein Flugzeug setzen muss. Ich hasse es, zuzuschauen, wie die Maschine zu einem kleinen schwarzen Punkt wird, der in den Wolken verschwindet, der jederzeit in einen Sturm geraten oder eine Panne haben kann und der mein Kind immer weiter von mir wegträgt. Ich wusste, dass es für Donna noch schwerer war, denn wenn das Flugzeug ihres Sohnes sein Ziel sicher erreichte, warteten anschließend noch größere Gefahren auf ihn, in einem Land, wo Krieg und Terrorismus herrschten. Es war feige von mir, aber ich war froh, dass ich nicht dabei war, als sie sich voneinander verabschiedeten. u Donna schob den Gedanken an den bevorstehenden Abschied von Todd beiseite und konzentrierte sich auf die perfekten Bügelfalten seiner Uniform, die blitzblank geputzten Schuhe, die keck auf seinem blonden Schopf sitzende Mütze. Wie schön er ist.

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»Weiter darfst du nicht, Mama«, sagte Todd. »Du weißt ja, wie ernst sie es heutzutage mit der Sicherheit am Flughafen nehmen.« »Ich weiß, Junge«, antwortete sie. Sie trank die Liebe ein, die sie in seinen blauen Augen sah, in dem Wissen, dass dieser Blick ihr im besten Fall lange und im schlimmsten für immer reichen müsste. Todd drückte sie fest an sich. »Ich liebe dich, Mama«, sagte er, und seine Stimme wurde rau. »Danke, dass du immer für mich da warst, auch wenn ich es nicht wollte.« Er lachte leise. Sie brachte es nicht fertig, ihm zu antworten. Sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter und kämpfte gegen die Tränen an, die kommen wollten. Er schüttelte kurz ihre Hand. »Mach dir keine Sorgen, mir passiert schon nichts. Bete einfach für mich. Ich habe immer gesagt: ›Keiner hat so einen Draht zu Gott wie meine Mutter.‹« Sie lachte unsicher. »Das werde ich jeden Tag machen. Mehrmals. Viele Male.« Und in den langen Nächten auch, wenn ich die Nachrichten von dem nächsten Terrorangriff gehört habe und mich frage, ob sie dich auch in die Luft gesprengt oder erschossen haben. »Flug 744 ist jetzt zum Einsteigen an Gate 2 bereit«, plärrte der Lautsprecher. Ihr Herz setzte einen Moment aus, sie schaute Todd ein letztes Mal an. Alle Worte waren gesagt. Er umarmte sie wieder, küsste sie flüchtig auf die Wange und ließ sie los. »Tschüs. Ich schreibe dir oder rufe an.« Dann rannte er den langen Gang entlang; ein Mal drehte er sich kurz um, um ihr zuzuwinken. Sie winkte zurück und schaute ihm hinterher, bis er durch die letzten Türen verschwand. Dann drehte sie sich um und ging langsam zurück zu der Sitzreihe an der großen Panoramafensterwand, wo sie zuschauen konnte, wie die Maschine an Höhe gewann, nachdem sie ihre Schleife über dem Flughafen gedreht hatte. Sie holte ein Papiertaschentuch aus ihrer Jackentasche und ver­suchte vergeblich, sich die Tränen abzuwischen, die ihre Wangen hinun­ terströmten, als die Maschine um die Ecke des Gebäudes in Sicht kam und zur Startbahn rollte. Als sie mühelos startete und sich höher und höher in den Himmel schraubte, zog ihr Herz sich zusammen.

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Sie achtete nicht mehr auf die Menschen um sie herum und ließ den Tränen freien Lauf. Sie schluchzte und schluchzte, dass ihr ganzer Körper zitterte. Mein lieber Sohn, die Frucht meines Körpers, die Liebe meiner Seele, ist in diesem winzigen Punkt da oben in den Wolken. Der Gedanke nahm ihr die letzte Kraft; sie sank auf den Sessel, der hinter ihr stand. Todd ging freiwillig in den Irak. Sie hatte mit Engelszungen ver­ sucht, ihn davon abzubringen. Umsonst. Er wollte für sein Land kämp­fen, er wollte seinen Teil beitragen. »Freiheit gibt’s nicht zum Nulltarif, Mama«, hatte er ihr gesagt. »Bisher hat noch jede Generation mit ihrem Blut für die Freiheit zahlen müssen, die wir hier in Amerika haben. Jetzt bin ich an der Reihe, und wahrscheinlich komme ich gesund wieder zurück, wenn alles vorbei ist. Vater hat zahllose gefährliche Einsätze über Vietnam geflogen, und als er zurückkam, hinkte er ein bisschen – das war alles.« »Ja, und er hatte diese furchtbaren Albträume, bis zu seinem Tod«, hatte sie geantwortet. Aber sie hatte gewusst: Ihr Sohn hatte recht. Sie konnte es nicht leugnen: Eigentlich war sie stolz auf seinen Mut und seinen Patriotismus. Wenn er nur sein Leben Gott übergeben hätte, bevor er ging, dachte sie. Dann würde ich, wenn ihm etwas passiert, wenigstens die Gewissheit haben, dass ich ihn im Himmel wiedersehen werde. Aber er hatte ihr gesagt, dass er für eine Bekehrung zu Christus noch nicht bereit war. »Kann schon sein, dass ich eines Tages Christ werde, Mama, aber erst muss ich ganz sicher sein, dass das was Echtes ist, und nicht etwas, das ich nur mache, weil Vater und du mich bei jeder Gelegenheit mit zur Kirche geschleppt habt, als ich klein war.« Die Angst kroch Donna den Rücken hinauf. Was, wenn Todd dort im Nahen Osten sterben würde? Was, wenn das Flugzeug, in dem er gerade saß, abstürzte? Dann wäre er für immer verloren ... »O, Gott«, flüsterte sie verzweifelt, während sie von dem Fenster

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wegging, das nur noch den leeren Himmel zeigte, »bewahre du meinen Sohn. Stelle deine Engel um ihn herum. Und schicke ihm jemanden, der ihn mit deiner Wahrheit erreichen kann. Lass ihn nicht ohne dich in die Ewigkeit gehen.«

Das hässliche Entlein Mutter Ente liebte alle ihre Kinder, aber sie musste zugeben, dass das Große etwas merkwürdig aussah. Einige fanden es schlicht hässlich. »Potthässlich«, lautete die Meinung der Graugans. Armes Ding. An Land stolpert es fast über seine eigenen Füße, aber wenn es einmal im Wasser ist, gleitet es so elegant über den Teich wie eine Libelle durch die Luft. Zu dumm, dass es nicht die ganze Zeit im Wasser sein kann. Es war irgendwie groß und schlaksig, nicht so süß und flauschig wie seine kleinen Geschwister. Nicht, dass Mutter Ente das je laut gesagt hätte. Das arme Kind musste sich schon so genug anhören, ohne dass seine Mutter es auch noch schlechtmachte. Die Zeit verging, das große graue Kind wurde noch größer, und Mutter Ente merkte, dass es sich gar nicht wohlfühlte unter den anderen Tieren auf dem Hof. Sie sah deutlich, dass die spitzen Bemerkungen der anderen Enten, der Gänse und Hühner ihm wehtaten. Und so war sie nicht überrascht und protestierte nicht, als es eines Tages beschloss, fortzugehen. Ein wenig schämte sie sich schon über die Erleichterung, die sie verspürte, als sie dem hässlichen Entlein hinterhersah, wie es über die Wiese watschelte und bald hinter der Hecke verschwunden war. Sie wusste, dass sie es nie vergessen würde, und sie wünschte ihm alles Gute, aber es war offensichtlich, dass es nicht zu den anderen hier passte. Wahrscheinlich hat Mutter Ente nie erfahren, dass dieser komische Vogel, den sie ausgebrütet hatte und der wie eine Ente lief und wie eine Ente schwamm, gar keine Ente war. Er war ein

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eleganter Schwan, von einer Schönheit und Anmut, mit der keine der Enten, Hühner und Gänse, die ihn so verspottet und verachtet hatten, mitkam. Er sah anders aus, weil er anders war.

Maria verstehen Wir wissen nicht, wie Jesus aussah, aber es kann nichts Hässliches an ihm gewesen sein. Er war ja der Schöpfer alles Schönen. Aber manchmal muss Maria sich ein wenig wie die Mutter des hässlichen Entleins vorgekommen sein; ihr Ältester war so anders als seine Brüder und Schwestern. Nicht selten wird ihr Gedächtnis sie flüsternd an all das Wunderbare bei seiner Geburt und in seinen Kindheitsjahren erinnert haben. Seit es Israel gab, muss sich jedes jüdische Mädchen gefragt haben, wie es wohl wäre, die von Gott Erwählte zu sein, die den Messias zur Welt brachte. Als der Engel Gabriel Maria verkündete, dass sie diese Erwählte war, war ihre einzige Frage die, wie dies bei ihr, die noch Jungfrau war, technisch möglich wäre. Anders als bei der Frau des Gastwirts entsprang Marias demütige Art nicht aus mangelnder Selbstachtung. Ihre innere Antenne scheint ganz auf Gott ausgerichtet gewesen zu sein; sie war bereit, alles zu tun, was er sie heißen würde. Sie war »die Dienerin des Herrn«, und als solche nahm sie die Rolle, die Gott für sie vorgesehen hatte, bereitwillig an. Dass Maria einen gewissen Einfluss auf Jesus hatte, zeigt sich in dem Bericht über die Hochzeit zu Kana in Johannes 2. Maria hat Angst, dass das Ansehen der Gastgeber beschädigt wird, wenn der Wein ausgeht, bevor das Fest zu Ende ist, und wendet sich an Jesus, der doch bestimmt etwas machen kann. Als Jesus sie sanft zurechtweist und ihr sagt, dass seine Stunde noch nicht gekommen ist, kann Maria dies nicht erschüttern, und sie weist die Diener schon einmal an, alles zu tun, was Jesus ihnen sagt. Worauf der Schöpfer des Weinstocks seiner Mutter den Gefallen tut

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und gewöhnliches Wasser in allerbesten Wein verwandelt; der gute Ruf der Gastgeber ist gerettet. Angeblich soll Adolf Hitler von seiner Mutter in die Welt des Okkulten eingeführt worden sein; sie soll auch die Erste gewesen sein, die ihm seinen Hass auf die Juden einimpfte. Wenn das stimmt, dann kennen wir alle das furchtbare Ergebnis dieses mütterlichen Einflusses. Hitler ließ Millionen Juden ermorden und ging als einer der ganz großen Bösen in die Geschichte der Menschheit ein. Dagegen wusste Gott ganz genau, was er tat, als er die schöne junge Maria zur Mutter seines Sohnes wählte. Sie war genau die Art Persönlichkeit, durch die er in den Kindheitsjahren Jesu dessen menschliches Wesen geprägt haben wollte.

Ende der Rebellion Wir alle haben das rebellische Wesen der alten Mutter Eva geerbt – die einen weniger, die anderen mehr. Ich habe mich früher oft gefragt, warum meine Kinder eine besonders große Portion mitbekommen zu haben schienen, bis ich eines Tages ihre Mutter etwas genauer unter die Lupe nahm. Ich möchte keine Rebellin sein. Ehrlich nicht. Ich möchte, wie Maria, anstandslos und bereitwillig gehorchen, wenn Gott mir etwas sagt. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich just hier am meisten zu kämpfen habe. Paulus hätte mich gut verstanden: »Wenn ich Gutes tun will, tue ich es nicht. Und wenn ich versuche, das Böse zu vermeiden, tue ich es doch« (Römer 7,19). Es scheint, dass es Maria, anders als Paulus und mir, nie in den Sinn gekommen ist, bei Gott »Nein« zu sagen. Fast überall, wo sie in der Bibel vorkommt, begegnet sie uns als Frau, die die Rolle, die Gott ihr zugedacht hatte, bereitwillig annahm. Können Sie sich ihren Schmerz vorstellen, als sie miterleben musste, wie Jesus wie ein gemeiner Verbrecher durch die Straßen Jerusalems geschleift und ausgepeitscht und misshandelt wurde, bis

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das liebe Gesicht fast nicht mehr wiederzuerkennen war? Spüren Sie es, wie Marias Herz brach, als sie dort unter dem Kreuz stand und zuschauen musste, wie die Soldaten erbarmungslos ihre Nägel durch die Hände trieben, denen sie beigebracht hatte, eine Tasse zu halten, und durch die Füße, die sie das Laufen gelehrt hatte? Hören Sie, wie sie zu Gott schrie und ihn bat, ihrem Kind wenigstens einen Teil dieses furchtbaren Leidens abnehmen zu können? Aber keine Spur von Auflehnung. So wie sie die Ankündigung der Geburt von Jesus durch den Engel akzeptiert hatte, so akzeptierte sie auch, dass ihr Sohn für die Sünden der Menschen sterben musste, obwohl jeder Hammerschlag, der die Nägel tiefer in das Holz trieb, ihre Seele zerrissen haben muss. Wir müssen dabei auch noch bedenken, dass Maria das, was da geschah, wahrscheinlich erst nach der Auferstehung von Jesus wirklich begriff, als sie zusammen mit ihren anderen Kindern den anbetete, den sie so gut gekannt und doch nicht gekannt hatten. Aber Maria musste sie nicht stellen, die furchtbare Frage »Warum?«. Tief drinnen wusste sie: Für diese Stunde am Kreuz hatte sie damals in dem Stall, vor 33 Jahren, die Wehen der Geburt ertragen. Sie hatte sich nicht vorstellen können, was für Schreckliches ihr Sohn würde tragen müssen, aber so viel war ihr von Anfang an klar gewesen: Es würde etwas kosten, es würde etwas ganz Besonderes erfordern, der Erlöser der Welt zu werden.

Michal Nicht jeder Frauengestalt in der Bibel war es gegeben, die Schmerzen und Enttäuschungen des Lebens so zu nehmen wie Maria. Als Sauls schöne junge Tochter Michal sich in David verliebte, war Saul, der Davids wachsende Beliebtheit bei dem Volk nicht ertragen konnte, hocherfreut. Dies war die Gelegenheit, seinem Rivalen eine Falle zu stellen! »Ich will sie ihm zur Frau geben, aber sie soll ihm zum Verhängnis werden, sodass er den Philistern in die Hände fällt«,

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dachte Saul (1. Samuel 18,21). Doch der Plan misslang, und mit Michals Hilfe entkam David noch weiteren Anschlägen des mörderischen Saul auf sein Leben. Happy End? Nicht unbedingt. Während David auf der Flucht vor Saul ist, verheiratet dieser Michal kurzerhand mit einem anderen Mann (1. Samuel 25,44). Als Saul tot ist, verlangt David, dass Michal zu ihm zurückkommt. Sie ist mittlerweile seit zehn Jahren mit ihrem zweiten Mann verheiratet – wahrscheinlich sogar glücklich, denn er folgt ihr weinend, als David sie holen lässt, bis man ihm befiehlt, umzukehren (2. Samuel 3). Warum ließ David Michal zurückholen? Hatte er sich auf einmal daran erinnert, wie sehr er sie in all den Jahren, in denen er sich eine Frau und Konkubine nach der anderen genommen hatte, geliebt und vermisst hatte? Nein. Er brauchte die Saul-Tochter aus politischen Gründen, als er den Thron ihres Vaters bestieg, und Michal wusste das genau. Die Art, wie ihr Vater und David sie manipulierten, machte Michal zynisch und bitter. Die Szene, die das Fass endgültig zum Überlaufen brachte, war, als sie aus dem Palastfenster schaute und ihren königlichen Ehemann in seiner Unterwäsche an der Spitze einer Prozession tanzen sah, zum Vergnügen der kichernden Sklavenmädchen. »Da verachtete sie ihn in ihrem Herzen« (2. Samuel 6,16; ELB). Vier Verse weiter heißt es: »Als David nach Hause zurückkehrte, um seine Familie zu begrüßen, kam Michal, die Tochter Sauls, ihm entgegen und sagte: ›Wie würdevoll der König von Israel heute aussah! Er hat sich vor den Mägden seiner Untertanen entblößt, wie es nur einer tut, der keine Scham kennt!‹« (2. Samuel 6,20). Wer will Michal Vorwürfe dafür machen, dass sie so bitter wurde? Die beiden Männer in ihrem Leben, die ihr größtes Vertrauen hätten genießen sollen, hatten sie als Figur auf dem Schachbrett des Spiels der Macht missbraucht. Aber sie ließ es zu, dass diese Bitterkeit sich auch zwischen sie und Gott schob und ihr den Segen nahm, den Gott eigentlich für sie bereit hatte. Michals Geschichte endet mit

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dem, was für eine Frau im damaligen Israel mit das Schlimmste war, was passieren konnte: »Michal aber, die Tochter Sauls, blieb ihr Leben lang kinderlos« (2. Samuel 6,23).

Zurück zu Maria Marias Reaktion auf den bitteren Becher, den sie trinken musste, war anders als bei Michal. Die Bibel berichtet uns wenig über die Gefühle, mit denen sie den schrecklichen Szenen, die zum Tod ihres Sohnes führten, beiwohnte, aber Bitterkeit scheint ihrem Wesen gerade so fremd gewesen zu sein wie Auflehnung. Donna hatte große Angst davor, was ihrem Sohn, der noch kein Christ war, dort in dem Krieg im Irak passieren konnte, aber auch sie war nicht bitter. Sie wusste, dass letztlich Gott die Lage unter Kontrolle hatte, und vertraute darauf, dass es sein Ziel war, Todd nicht ewig verloren gehen zu lassen. Sie nahm sich vor, darum zu beten, dass ihm nichts passierte oder dass ein Feldgeistlicher oder ein Kamerad ihm klarmachen würde, dass er Jesus Christus brauchte. Donna und ich beten immer noch für Todds Bekehrung. Ja, er ist von seinem Einsatz sicher zurück nach Hause gekommen. Gott hat Marias Ältesten nicht verschont dort am Kreuz. Hätte er es getan, wären wir alle verloren. Aber Maria hat ihren lieben Sohn wiedergesehen, als Sieger über den Tod. Vielleicht ist ihre Geschichte wie folgt weitergegangen. u Ein Vogel, den sie noch nie gesehen hatte, sang in dem Baum neben dem Brunnen. Sie wünschte sich, dass Jesus da wäre und ihr sagen könnte, was für ein Vogel es war. Sie vermisste sie, seine tiefgründigen Geschichten, sein Wissen darum, wie die Dinge in der Natur die tieferen Weisheiten Jahwes veranschaulichten. Wie

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hatte er noch gesagt? »Die Vögel säen und ernten nicht, aber ihr himmlischer Vater ernährt sie. Die Lilien arbeiten und spinnen nicht, aber noch nicht einmal Salomo in all seiner Pracht war so gekleidet wie sie.« Sie hatte verstanden, was er damit sagen wollte: dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte, weil Gott selbst für sie sorgen würde. Es war eine Lektion zum Thema »Vertrauen«. Doch manchmal hatte er in Bildern gesprochen, die hinter und unter der offensichtlichen Bedeutung noch einen tieferen Sinn zu haben schienen. Einmal, als sie den Weizen aussäten, der ihnen das Mehl für die Brote des nächsten Jahres liefern würde, hatte er wieder diesen fernen Blick in den Augen gehabt und eines der Körner zwischen den Fingern gerollt und gesagt: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.« Sie war ziemlich sicher, dass hinter diesem Satz mehr lag als eine Aussage über die Weizenernte, aber als sie ihn gefragt hatte, was er meinte, hatte er ihr versichert, dass sie es schon erkennen würde, wenn die richtige Zeit da war. Sie hatte Jesus jetzt seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, aber die Gerüchte über ihn gehört. Jesus hatte sich von Johannes im Jordan taufen lassen. Als er wieder aus dem Wasser stieg, so sagte man, kam auf einmal eine weiße Taube vom Himmel herab, setzte sich auf seine Schulter und eine Stimme rief: »Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich große Freude habe.« Nach seiner Taufe hatte Jesus sich in die Wüste zurückgezogen. Lange. Als er zurückkam, hatte er sich verändert, fanden seine Brüder. Er strahlte eine Vollmacht und Autorität aus, die sie an ihm bisher nicht gekannt hatten, und vollbrachte die unglaublichsten Wunder. Jakobus schwor Stein und Bein, dass er mit fünf kleinen Broten und zwei Fischen Tausende von Menschen satt gemacht hatte und dass noch körbeweise Essen übrig geblieben war. Simon sagte, dass er umherzog und Kranke heilte und Dämonen austrieb. Wenn die Gerüchte stimmten, hatte er sogar Tote auferweckt.

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Aber warum soll ich diese Geschichten nicht glauben?, dachte sie. Ist er nicht der Sohn Jahwes, der in Menschengestalt auf die Erde gekommen ist? Vielleicht wollte sie nicht wirklich verstehen, was es bedeutete, der Sohn Gottes in Menschengestalt zu sein, diese ungeheure Aufgabe zu haben, die Menschen aus ihren Sünden zu erlösen. Vielleicht zog sie es vor, ihn einfach als ihren geliebten Ältesten zu sehen, der einmal die Schreinerei des Vaters übernehmen würde und der abends hungrig nach Hause kam, um das Mahl zu essen, das sie ihm gerichtet hatte, und sich mit ihr über die gewöhnlichen Dinge eines gewöhnlichen Tages zu unterhalten. Aber sie wusste: Das war einmal, das hatte er für immer hinter sich gelassen. Die Menschen folgten ihm in Scharen, um seine Lehren zu hören und seine Wunder zu erleben. Wenn er nicht aufpasste, würde er sie nicht mehr los. Sie hatte sich schließlich von ihren anderen Söhnen überreden lassen, zusammen mit ihnen zu ihm zu gehen und zu versuchen, mit ihm zu reden. »In einer Synagoge hat er behauptet, haMeschiach zu sein«, berichtete Simon, »worauf die Leute versucht haben, ihn einen Felsen hinunterzustürzen. Wenn das so weitergeht, bringen sie ihn noch um! Aber auf dich, Ima, wird er hören. Wenn du ihn nicht zur Vernunft bringen kannst, wer dann?« Aber er hatte nicht auf sie gehört. Als seine Jünger ihm gemeldet hatten, dass seine Mutter und seine Brüder draußen standen und ihn sprechen wollten, hatte er geantwortet: »Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?« Und er hatte sich zu der Menge gedreht und gesagt: »Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und befolgen.« Ihre Söhne waren wütend gewesen, dass ihr älterer Bruder sie so abgewiesen hatte, aber Maria glaubte, zu verstehen, was er meinte. Er war dabei, sich von den irdischen Bindungen loszumachen und sich an seinen himmlischen Vater zu binden. Wie hatte er ihr und Josef noch gesagt, als er zwölf Jahre alt war: »Wusstet ihr denn nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?« Jetzt war es so weit ...

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Aber Maria hatte Angst um ihn. Er hatte den Zorn der jüdischen Oberen geweckt, als er sie mit Giftschlangen und weiß getünchten Gräbern verglichen hatte. Sie hatte gehört, dass die Pharisäer allen Ernstes überlegten, wie sie ihn beiseiteschaffen konnten. Sie seufzte tief. Sie wusste, dass sie nichts machen konnte, um dieses Kind ihres Herzens zu beschützen. Sein Auftrag, mit dem er in diese Welt gekommen war, musste erfüllt werden. Alles, was sie tun konnte, war, sich in den Willen Jahwes zu ergeben, wie immer, und zu warten, was geschehen würde. Gott hat Daniel vor den Löwen bewahrt und Schadrach, Meschach und Abed-Nego vor dem Feuerofen. Bestimmt wird er seinen eigenen Sohn vor den Sadduzäern und Pharisäern und vor diesen unberechenbaren Menschenmengen beschützen ... Sie wusste: Was kommen würde, würde nicht einfach sein. Hatte der greise Simeon sie nicht gewarnt, damals, als sie den kleinen Jesus in den Tempel gebracht hatten, um das vorgeschriebene Reinigungsopfer darzubringen? »Dieses Kind ist dazu bestimmt, viele in Israel fallen und aufstehen zu lassen«, hatte er prophezeit. »Es wird ein Zeichen sein, dem viele widersprechen werden, sodass die innersten Gedanken der Herzen ans Licht kommen. Und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen.« Sie hatte versucht, nicht über diese Worte nachzudenken, aber sie hatten sich ihr eingebrannt wie Buchstaben, die in einen Stein gemeißelt waren. Sie konnte sie nicht vergessen ... »Ima, komm schnell!« Jakobus kam auf sie zugerannt. »Wir müssen sofort nach Jerusalem. Sie haben Jesus gefangen genommen und bringen ihn vor den Hohen Rat.« Maria stöhnte auf. Jetzt fängt es also an, dachte sie. Der Gedanke schnürte ihr das Herz zusammen. u Maria saß auf einer Bank in den Gärten hinter dem Haus des Johannes. Ihre Hände waren in ihrem Schoß gefaltet. Johannes und

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die Seinen hatten versucht, sie zu trösten, aber ihre lieben Worte waren nicht zu ihr durchgedrungen. Immer wieder hörte sie ihn, den Schrei ihres Sohnes am Kreuz: »Eli, Eli, lama asabtani?« (»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«). Und danach, mitten im Todeskampf, hatte er wieder zu Gott geschrien und ihn gebeten, seinen Peinigern zu vergeben. »Maria, du musst etwas essen.« Johannes kam, in seinen Händen eine dampfende Schüssel. Sie schaute in sie hinein und spürte, wie ihr übel werden wollte. Warum?, wollte sie schreien. Essen muss man doch nur, wenn man weiterleben will. Johannes beugte sich näher. »Mutter, weißt du nicht, was in den Psalmen steht? ›Die Nacht ist noch voll Weinen, doch mit dem Morgen kommt die Freude.‹« Sie starrte ihn leer an. Freude? Sie würde sich nie mehr freuen. Johannes tätschelte ihre Schulter, stellte die Schüssel auf die Bank neben ihr und ging mit hängenden Schultern zurück ins Haus. Sie wusste, dass sie dankbarer sein sollte für die Liebe, die Johannes und seine Familie ihr erwiesen hatten, seit Jesus ihnen vom Kreuz aus zugerufen hatte: »Johannes, das ist deine Mutter – Mutter, dies ist dein Sohn.« Noch in seiner letzten Stunde hatte er an sie gedacht und seinen besten Freund gebeten, sich um sie zu kümmern, als ob sie seine Mutter wäre. So hatte sie sich zu ihm gehalten, nachdem sie den Leichnam in das geliehene Grab gelegt hatten. Sie war ihm gehorsam in sein Haus gefolgt, als es draußen dunkel wurde, hatte an den bitter schmeckenden Getränken genippt, die sie ihr reichten, und war schließlich für ein paar Stunden in einen Erschöpfungsschlaf gefallen. Als sie aufwachte, war ihr als Erstes, als ob sie es wieder vor sich sah, das arme, liebe, entstellte Gesicht, dessen Augen sie mit solch einer Liebe anschauten. Sie schloss die Augen, aber das Bild wollte nicht weggehen. »O, Jahwe«, rief sie innerlich. »Wie kostbar ist er gewesen, wie hab ich ihn geliebt!«

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Sie empfand keine Bitterkeit gegenüber Gott. Sie war einfach zerrissen und zerschlagen – nicht am Leib, wie Jesus, sondern in ihrer Seele. Hätte sie damals schon, in den Jahren seiner Jugend, gewusst, wie sein Leben enden würde, sie hätte es nicht ausgehalten. Jahwe war gnädig gewesen, dass er es ihr verborgen hatte. »Ich verstehe es immer noch nicht, Adonai«, flüsterte sie, »aber ich weiß, ich muss deinen Willen annehmen, so wie er es tat.« Mehr als ein Mal hatte sie gehört, wie Jesus gebetet hatte: »Nicht mein Wille, sondern deiner geschehe.« »Maria! Maria! Komm, schnell!« Johannes’ Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er kam herbeigerannt. »Er ist auferstanden! Er ist auferstanden, so, wie er es immer gesagt hat, wir hatten ihn nur nicht verstanden!« Die unglaublichen Worte brachen durch den Schmerznebel in Marias Kopf. Sie stand umständlich auf. Sie schaute in Johannes’Augen, mit Hoffnung, die vom Zweifel überschattet war. Johannes nahm ihre Hände in die seinen. »Maria! Der Stein vor dem Grab ist weggerollt, ich habe das leere Grab mit eigenen Augen gesehen! Ich habe die abgelegten Grabtücher berührt! Er ist auferstanden! Komm mit und schau dir’s an! Er ist nicht mehr da!« Was sagte der da? Die Worte drangen in ihr Bewusstsein, wurden groß. Dann kam die Freude. O, Jahwe, vergib mir. Ich habe dir mein ganzes Leben lang vertraut, aber in den letzten Stunden bin ich vor lauter Verzweiflung blind für deine Wahrheit gewesen. »Es ist vollbracht!«, hatte er ausgerufen in dem Augenblick, bevor er starb. Sie hatte gedacht, dass er seinen Tod meinte, aber jetzt wusste sie es besser: Er hatte den Auftrag gemeint, den zu erfüllen er auf die Erde gesandt worden war. Der Preis ist bezahlt. Diese furchtbaren Stunden an diesem barbarischen Kreuz und all das, was davor war, sein armer zerschundener Körper und sein vergossenes Blut – das war es also, was nötig war, um das Volk aus seinen Sünden zu erlösen. Er hatte versucht, es ihr klarzumachen, aber wie Johannes hatte auch sie es nicht begriffen. Bis jetzt.

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Wie hatte er noch gesagt? »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.« Er hatte gewusst, dass er dieses Weizenkorn werden sollte, das starb und zu neuem Leben erstand und damit allen, die an ihn glaubten, ebenfalls dieses Leben gab. »Natürlich ist er auferstanden«, sagte sie mit neuer Zuversicht, während sie den Arm nahm, den Johannes ihr hinhielt. »Siehst du es nicht, Johannes?« Sie lächelte zu ihm hoch. »Er hat nicht nur sein Volk aus seinen Sünden erlöst, er hat auch den Tod besiegt.« u In 1. Petrus 3,18 lesen wir: »Auch Christus hat gelitten, als er ein für alle Mal für unsere Sünden starb. Er hat nie gesündigt, aber er starb für die Sünder, um uns zu Gott zurückzubringen. Sein Körper starb, doch er wurde wieder zum Leben erweckt und lebt nun im Geist.« Es war die Auferstehung, die die Bedeutung der Kreuzigung veränderte, die aus dem grausamen Tod eines Unschuldigen den ewigen Triumph über die Sünde und den Tod machte. Als Jesus aus dem Grab herauskam, wusste selbst der Satan, dass das Spiel aus war. »Alle Kinder dürfen heim« – alle, die glauben.

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