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MATHIAS CHRISTIANSEN

Tod an der

GRENZE


Prolog Ostberlin, Dienstag, 15. November 1983, 21:50 Uhr Der Einsatzbefehl war in dem Augenblick gekommen, als Joachim Fork sich gerade mit dem Gedanken angefreundet hatte, dass an diesem Abend wohl nichts Aufregendes mehr passieren würde. Abgesehen von ein paar unwichtigen Meldungen, die er weitergeleitet hatte, war nichts Besonderes zu tun. Und als diensthabenden Offizier interessierten ihn die abendlichen Aufräum- und Reinigungsaktivitäten im Objekt wenig. Also hatte er sich entspannt zurückgelehnt und zum neuen Sport-Echo gegriffen, um die Zeit sinnvoll zu nutzen und ein wenig zu lesen. Aber die Zeitung war noch nicht einmal aufgeschlagen gewesen, als das Telefon geklingelt hatte und der Befehl gekommen war. Schweigend hatte Fork den Anweisungen des Majors gelauscht und sie laut und deutlich wiederholt. So, wie es die Dienstvorschrift verlangte. Als er den Hörer auf die Gabel zurücklegte, war er im Bilde. Er wusste, worum es ging und dass einiges auf dem Spiel stand. Und er sah dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen, denn eine Sache würde anders sein bei diesem Einsatz. Eine entscheidende Sache: Er sollte das Kommando führen. Es war nicht das erste Mal, dass sie mit dem Mannschaftswagen ausrückten. Direkt an die Grenze. Dorthin, wo seit zweiundzwanzig Jahren und drei Monaten der Weg zum Westteil der Stadt durch einen Stacheldrahtzaun, einen Betonwall und strenge Bewachung versperrt war. Dorthin, wo vor einer Woche mehrere Kompanien damit begonnen hatten, eben diesen Wall, den sie nicht nur im Westen Die Mauer nannten, noch höher zu machen. Nach und nach und möglichst rasch sollte das Bauwerk um einen guten halben Meter an Höhe gewinnen. Drei Meter sollten es werden und damit ein für alle Mal unüberwindbar. Unüberwindbar, bedrohlich und abschreckend. So sollte sie sein, die Mauer. Und Fork zweifelte nicht 7


Fork trat einen Schritt nach vorn. Es war außerordentlich dunkel an dieser Stelle des Rangierbahnhofs und noch hatte Fork das Gesicht des Mannes nicht gesehen. Als er zwei Schritte gemacht hatte, sprang der Unbekannte zur Seite, überwand ein paar Signalspanndrähte und steuerte die Ausfahrt der Laderampe an. »Stehen bleiben!«, brüllte Fork erneut und setzte sich ebenfalls in Bewegung. Der Mann stolperte und stürzte. Schnell rappelte er sich wieder auf und versuchte, seine Flucht fortzusetzen, aber in diesem Moment hatte Fork ihn erreicht, riss ihn an der Jacke herum und ... Fork glaubte seinen Augen nicht zu trauen: Es war Bernd! Sein eigener Bruder stand vor ihm! »Bernd!«, keuchte er. »Bist du übergeschnappt? Was hast du hier zu suchen?« Regen prasselte auf sie hernieder und im gelblichen Schein der Laternen des Rangierbahnhofs glaubte Fork, so etwas wie Hass im Gesicht seines Bruders zu erkennen. Fork konnte es einfach nicht glauben – sein eigener Bruder war ein ... Feind der Republik? Ein Krimineller? Einer, der mit den imperialistischen Aggressoren im Westen gemeinsame Sache machte? Ohne zu antworten, riss sich Bernd los und versuchte weiter zu fliehen. »Bleib stehen!«, brüllte Fork. »Bleib endlich stehen, du feiger Hund!« Aber Bernd blieb nicht stehen, sondern versuchte davonzukommen. Fork umfasste seine Pistole fester, während er Bernd hinterherrannte. Unter seinen Stiefeln knirschte der Schotter und es kostete ihn einige Kraft, vorwärtszukommen ohne zu stolpern. Aber dieses Problem machte auch Bernd zu schaffen; er kam immer wieder ins Schlingern. »Bleib doch endlich stehen!«, rief Fork erneut, aber deutlich leiser. Langsam ging ihm die Puste aus. Er riss die Pistole hoch und entsi14


cherte sie. In dem Moment, als er sie in die Höhe hielt, um den bei flüchtenden Tätern vorgeschriebenen Warnschuss abzugeben, wurde ihm zum ersten Mal die Tragweite dieser Situation bewusst: Wenn er die Vorschriften nicht verletzen wollte und sein Bruder auf den Warnschuss nicht reagieren und stehen bleiben würde, dann ... In diesem Augenblick stürzte Bernd erneut. Diesmal über eine unbeleuchtete Weichenlaterne, die er offenbar nicht bemerkt hatte. Fork beschleunigte seinen Lauf und war in wenigen Augenblicken bei Bernd, der gerade mühsam versuchte, sich wieder aufzurappeln. Fork griff nach der Jacke seines Bruders und zerrte ihn zu Boden. Die Waffe fiel ihm aus der Hand. »Lass mich los«, stöhnte Bernd. »Lass mich verschwinden. Ich habe euren Staat so satt! Ich will nur weg, verstehst du? Nur weg ...« Fork drückte den Kopf seines Bruders auf das Gleisbett und versuchte, ihm einen Arm auf den Rücken zu drehen. Es war eine total verrückte Geschichte, in die er hier geraten war. Eine elende und vollkommen wahnsinnige Geschichte. Sein eigener Bruder, ein Krimineller! Joachim Fork schossen tausend Gedanken durch den Kopf: Welche Strafe erwartete Bernd? Sicher würde er für viele Jahre ins Zuchthaus wandern. Und was wäre, wenn er ihn laufen ließe? Wenn er behaupten würde, Bernd sei geflohen? Würde man ihm glauben? Nein, diese Version würde ihm keiner abnehmen, selbst wenn sie stimmen sollte. Man würde Sippenhaft betreiben und anstelle von Bernd ihn einsperren. Und dann ... Ehe er zu einem Entschluss kam, wie er mit Bernd weiter verfahren sollte, riss dieser sich aus der Umklammerung los und hatte Forks Pistole in der Hand. »Mensch, Bernd«, keuchte Fork, »mach doch keinen Mist!« Bernd sprang auf und hielt den Lauf der Waffe auf Fork gerichtet. Langsam, Schritt für Schritt ging er rückwärts und entfernte sich von seinem Bruder, der seinerseits versuchte, sich aufzurichten, um ihm zu folgen. »Bleib wo du bist!«, schrie Bernd und seine Stimme hatte einen 15


merkwürdigen Klang. Einen so merkwürdigen Klang, dass Fork in der Bewegung innehielt. Aus dem Augenwinkel heraus glaubte er wahrzunehmen, dass sich auf der Ladestraße etwas bewegte. Hatten die Genossen mitbekommen, wohin er gegangen war, und beobachteten nun, dass hier am Ablaufberg etwas Dramatisches passierte? Bernd war mittlerweile gute zehn Meter entfernt und Fork nahm an, dass er sich im nächsten Moment umdrehen und davonlaufen würde. Aber das passierte nicht. Stattdessen blieb er stehen. Er blieb einfach stehen und rührte sich nicht. Fork zögerte einen Augenblick. Eine Sekunde oder vielleicht auch zwei. Nicht länger. Dann sprang er auf, rannte auf Bernd zu und trat diesem direkt in den Bauch. Beide stürzten zu Boden und Fork fragte sich, warum sein Bruder überhaupt stehen geblieben war und ob er ihn jetzt vielleicht abknallen würde. Aber Bernd schoss nicht. Er lag da, blickte Fork direkt in die Augen und in seinem Gesicht stand ein eigenartiger Ausdruck, den Fork nicht beschreiben konnte und den er auch noch nie zuvor bei seinem Bruder gesehen hatte. Durch den Hauch, den sie beide beim schnellen Atmen ausstießen, sah Fork plötzlich einen Schatten von links auf sie zukommen. Erst glaubte er, es sei einer von den Genossen, aber dafür war der Schatten entschieden zu groß. Dann wusste er, was es war: Ein Güterwagen! Er rollte fast lautlos heran und Fork bekam Angst. Es war keine gute Idee, sich hier im Gleisbett zu prügeln. Es war gar keine gute Idee. »Da!«, stieß er hervor und deutete auf den näher kommenden Waggon. Bernd schien schnell zu begreifen, denn er rollte sich instinktiv zur Seite und riss Fork mit sich. Der Güterwagen war inzwischen fast auf ihrer Höhe und Fork hörte das leichte Zischen der Räder. Es war wie ein leises Singen. Wie eine Melodie. Eine Melodie, dachte er, eine schöne Melodie inmitten dieser unwirklichen Szene. Das Singen wurde lauter und die Melodie dramatischer, und eigentlich war das Singen gar kein Singen mehr, sondern ein Schreien. 16


Ein furchtbares, ein wahnsinniges Schreien. Ein unmenschliches Schreien und Fork drückte die Hände auf seine Ohren, um es nicht länger ertragen zu müssen. Dann riss es mit einem Schlag ab und in diesem Moment erkannte Fork, woher das Schreien gekommen war: Sein Bruder lag blutüberströmt neben ihm und war ... tot.

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1. Kapitel Berlin, 21. Dezember 2006 Brodersen stand am Küchenfenster und starrte in die Dämmerung. In der Scheibe spiegelte sich sein unrasiertes Gesicht und er erschrak darüber, wie schrecklich er im schwachen Licht der Adventsbeleuchtung aussah. Der Kommissar wusste, dass er älter geworden war. Aber so alt? Er fühlte sich vollkommen ausgelaugt und zerschlissen. Seit drei Wochen war er krankgeschrieben. Offiziell litt er an einer schweren Bronchitis, aber der Arzt hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass sein Leiden wohl ganz andere Ursachen hatte. Bei Frauen würde man es Wechseljahre nennen, hatte der Doktor gesagt und eine ebenso undefinierbare wie süßsaure Grimasse dazu geschnitten. Nun denn, die ganze Wahrheit hatte Brodersen ihm auch nicht gesagt. Seit er im vergangenen Jahr geheiratet hatte, fühlte der Kommissar sich zwar in mancher Hinsicht besser, aber in stillen Momenten musste Brodersen sich zu seiner eigenen Verwunderung eingestehen, dass er so richtig glücklich nicht war. Er hatte hin und her überlegt, war aber zu keiner Erkenntnis gelangt, woran dies liegen könnte. Christiane war eine treu sorgende Ehefrau, intelligent, attraktiv, warmherzig, aber irgendetwas schien trotzdem zwischen ihnen zu stehen. Irgendetwas, das Brodersen weder benennen noch erklären konnte. Vor ziemlich genau vier Jahren war Christiane in sein Leben getreten. Wieder in sein Leben getreten, musste man wohl sagen, denn exakt siebzehneinhalb Jahre zuvor hatte er ein Verhältnis mit ihr gehabt. Ein Verhältnis, das nicht folgenlos geblieben war. Nur dass Brodersen bis zum neuerlichen Auftauchen seiner ehemaligen Freundin nichts von seiner Vaterschaft gewusst hatte und ebenso erstaunt wie geschockt war, als ein junger Mann, der den Namen 18


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