Skip to main content

394847

Page 1

Andreas Sch채fer

Am dritten Tag

Am_dritten_tag.indd 3

18.01.2008 13:58:29 Uhr


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 1. Er ist auferstanden (Matth채us 28,1-7)

7 9

2. Da begegnete ihnen Jesus (Matth채us 28,8-15)

21

3. Die Frauen am Grab (Lukas 24,1-12)

37

4. Die J체nger bei Emmaus (Lukas 24,13-35)

51

5. Die Gemeinde in Jerusalem (Lukas 24,36-49)

65

6. Der Auferstandene begegnet Maria (Johannes 20,11-18)

77

7. Die J체nger und der Jesusfriede (Johannes 20,19-23)

89

8. Thomas und die Seligpreisung (Johannes 20,24-29)

103

9. Der Auferstandene und das festgelegte Bekenntnis (1. Korinther 15,1-11)

119

10. Der Auferstandene und die kommende Auferstehung (1. Korinther 15,20-28)

135

11. Der Auferstandene und die neue Leiblichkeit (1. Korinther 15,35-49)

149

12. Der Auferstandene und die erwartete Zukunft (1. Korinther 15, 50-58)

161

Anmerkungen

175

Am_dritten_tag.indd 5

18.01.2008 13:58:29 Uhr


Vorwort Die Gemeinde des Auferstandenen – so lautet der Titel der Tübinger Vorlesungen über den Ersten Korintherbrief von Karl Heim.1 Gemeinde des Auferstandenen – diese Beschreibung hat mich immer schon fasziniert, weil es eine Gemeinde mit österlichem Profil beschreibt. Gemeinde des Auferstandenen – das heißt doch, dass die Zukunft der Welt entschieden und Jesus Christus der Herr ist; dass wir ihm und seiner Offenbarung mit jedem Tag entgegengehen und die Anbetung uns bestimmt. Gemeinde des Auferstandenen – das heißt doch, dass die Freude an Christus, dem großen Schlüsselträger (Offb 1,18) und Retter unser Leben bestimmt. Gemeinde des Auferstandenen – das heißt doch, dass Ausdauer, Geduld und Treue die Kennzeichen unserer Nachfolge sind, weil wir wissen, „dass unsere Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn“ (1. Kor 15,58). Diese Predigten wurden an den Osterfeiertagen in den Gottesdiensten auf der Langensteinbacherhöhe gehalten. Ich wünsche mir, dass sie Ihnen, dem Leser, eine kleine Hilfe zur echten Anbetung, neuen Freude und treuen Nachfolge sind. Auf zwei Dinge möchte ich noch hinweisen. Zum einen: Die Texte wurden, wie gesagt, ursprünglich als Predigten gehalten. Ich bitte also um Verständnis für alle deutlichen Spuren einer Rede. Bei der aufwändigen Umwandlung in einen Lesetext konnten und wollten wir nicht alles glätten. Dabei herzlichsten Dank an Eva-Maria Kurz und das Lektorat des Hänssler Verlages. Zum andern: Gerade die Predigtserie zu 1. Korinther 15 ist sicherlich nicht die einfachste und gängigste Kost am Osterfest. Andererseits ist sie einer der Zentraltexte des Apostels Paulus. Deswegen denke ich, dass sich die Anstrengung lohnt, und ermutige Sie zum Studium. „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1. Petr 1,3). Andreas Schäfer Langensteinbacherhöhe, Karlsbad   |

Am_dritten_tag.indd 7

18.01.2008 13:58:29 Uhr


Am dritten Tag

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellt sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm der das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was |  52

Am_dritten_tag.indd 52

18.01.2008 13:58:34 Uhr


Die Jünger bei Emmaus

auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Lukas 24,13-35

Dank der gründlichen Recherche des christlichen Mediziners Lukas haben wir in seinem Evangelium die Langfassung des Berichtes über die Emmausjünger. Bei den anderen Evangelisten finden wir die Kurzfassung: „Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen“ (Mk 16,12). Seien wir also dankbar für die Langfassung im Lukasevangelium, sodass wir nicht auf diese kurze Randnotiz in Markus 16 angewiesen sind. Ich erinnere daran, dass Lukas seine drei entscheidenden Berichte im 24. Kapitel auf den Ostersonntag und auf Jerusalem, den heilsgeschichtlichen Mittelpunkt, konzentriert. Jerusalem ist der Ort, an dem die Sprengkraft des Evangeliums von Jesus, von Kreuz und Auferstehung ihren Anfang nimmt und die Gemeindegründung mit der Mission ihren Ausgangspunkt hat. Lukas ist der Evangelist, der uns mit seinen Osterberichten an die Offenbarung des Wortes bindet, das dem Zeichen vorausgeht. Niemand meine Christus erkennen zu können, außer durch das Wort, auch hier, in diesem Bericht.3 Bevor wir uns nun diesem Text widmen, sollten drei Probleme vorneweg geklärt werden. Das erste Problem ist, dass niemand genau weiß, wo Emmaus ist. Bekannt ist, dass es in einem Radius von 60 Stadien, also etwa 11 bis 12 Kilometer, um Jerusalem herum gelegen haben muss. Reisende des Landes Israels wissen, dass bis heute vier unterschiedliche Orte angeboten werden. Ein Emmaus bei Moza, wo heute Ausgrabungen stattfinden, ist zur Zeit ganz oben auf der Prioritätenliste, aber das heißt eigentlich wenig. Zweites Problem: Was wollten die Jünger in Emmaus? Vielleicht wollten sie nach den Feiertagen in ihren Heimatort zurückkehren. Manches deutet darauf hin, denn im 29. Vers taucht ja plötzlich eine Wohnung auf, in die sie hineingehen können. Vielleicht steckt noch mehr dahinter, z.B. ein innerlicher Rückzug, raus aus Jerusalem, raus aus der Enttäuschung, zurück in den Alltag. Auch das wissen wir nicht genau. 53  |

Am_dritten_tag.indd 53

18.01.2008 13:58:34 Uhr


Am dritten Tag

Das dritte Problem, wer ist die zweite Person in unserem Text? Es existieren verschiedene Theorien. Man weiß aber nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau war. War es die Frau von Kleopas, war es sein Sohn oder war es Lukas selbst? Auf alle drei Fragen haben wir keine abschließenden Antworten. Wer Kleopas ist, das wissen wir einmal hier aus Lukas 24 und aus der Parallelstelle Johannes 19. Aus der soliden Überlieferung der Kirchengeschichte kennen wir Kleopas als ausgesprochen bekannte Persönlichkeit der Urgemeinde. In Johannes 19 ist nachzulesen, dass seine Frau Maria eine der Frauen war, die unter dem Kreuz standen. Damit kommen wir mitten in das Leben der Urgemeinde hinein. Nach der Auferstehung von Jesus Christus und dem Pfingstereignis war das Dreigestirn Petrus, Johannes und Jakobus, als Säulen der Gemeinden, in Jerusalem tätig. Jakobus starb als erster den Märtyrertod (Apg 12). Petrus begann eine seiner Reisen nach Rom und Johannes war auch nicht vor Ort. Von den drei ursprünglichen Säulen der Gemeinde in Jerusalem war niemand mehr da. Der neue Mann, der die Gemeinde in Jerusalem leitete, war Jakobus, der Herrenbruder. Im Jahr 62 hat man Jakobus in einem Racheakt zusammengeschlagen und so lange auf ihn eingeprügelt, bis er tot war. Der Nachfolger des Jakobus im bischöflichen Amt dieser Jerusalemer Gemeinde war ein gewisser Simeon, dessen Vater Kleopas hieß. Nach der Überlieferung der Kirchengeschichte war Kleopas ein Bruder von Josef, dem irdischen Vater von Jesus. In Lk 24 ist also „ein Onkel“ von Jesus unterwegs, dessen Sohn nachher in der Jerusalemer Gemeinde bischöfliche Funktion hat. Es erscheint nur logisch, dass Lukas bei seinen Recherchen auf den Bericht vom Onkel von Jesus gestoßen ist, dem Vater des späteren Bischofs von Jerusalem. Kommen wir zu unserem Text zurück. Wenn wir den schlichten Satz lesen „und sie standen traurig auf dem Weg“, haben wir eine erste Osterreaktion. Eine Ostererfahrung erkennen wir, wenn es heißt: „Brannte nicht unser Herz auf dem Weg, als er uns die Schrift öffnete?“, und eine Osteraufgabe wird in dem Satz „sie erzählten, was sie auf dem Weg gesehen haben“ sichtbar. Da ich dachte, mit „Osterreaktion, Ostererfahrung und Osteraufgabe“ bleibt meine Gliederung nicht lange haften, ziehen wir einen Literaten, einen Theologen und einen Künstler für unsere Gliederung hinzu. Dann möchte ich nachdenken über: |  54

Am_dritten_tag.indd 54

18.01.2008 13:58:34 Uhr


Die Jünger bei Emmaus

Canetti und die Dumpfherzigen: die Oster-Reaktion; Luther und die Predigtlänge: die Oster-Erfahrung; und über Felger 4 und die Kleiderschräge: die Oster-Aufgabe.

1. Canetti und die Dumpfherzigen: Die Oster-Reaktion Die Männer gehen an diesem Ostersonntag Richtung Emmaus und diskutieren intensiv darüber, was da in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag abgelaufen ist. Dann kommt Jesus dazu: „Jesus selbst nahte sich ihnen und ging mit ihnen. Ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erDer kannten“. (V. 15b,16) Für mich wird an dieser Auferstandene Textstelle die Rolle der Gemeinde Jesu seit 2000 Jahren deutlich. Jesus ist dabei, aber für ist in Wort und unsere physischen Augen nicht erkennbar. Mahlgemeinschaft Woran ist Jesus für seine Gemeinde erkennerkennbar bar? Von den Emmausjüngern wurde er zum einen erkannt, als er das Brot brach (V. 30f). Zum andern sagen sie: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete und uns die Schrift öffnete?“ (V. 32). Hier wird deutlich, dass der Auferstandene in seinem Wort und im Zeichen der Mahlgemeinschaft erkennbar ist. Zum Zeitpunkt seines Wiederkommens wird das noch einmal ganz anders erkennbar, wenn er mitten in seine Gemeinde hineintritt und Der sagt: „Friede sei mit euch.“ Auf diese Weise Auferstandene leben wir in der Gegenwart Jesu, für unsere geht mit physischen Augen nicht erkennbar, aber sichtbar in den Zeichen des Wortes und der Mahlgemeinschaft. Er geht mit, er ist mit dabei. Kleopas und seinem Begleiter kann, wegen der Gefühle, die sie an diesem Ostertag bewegt haben, niemand einen Vorwurf machen. Viel mehr müssten wir uns, die wir uns ganz ähnlich verhalten, etwas vorwerfen. Wir leben viel später und wissen mehr als die damals an diesem Ostermorgen. In diesem Bericht entdecken wir, die Osterbotschaft dringt nicht durch. 55  |

Am_dritten_tag.indd 55

18.01.2008 13:58:34 Uhr


Am dritten Tag

Hier kommt Elias Canetti ins Spiel. Dieser Literaturnobelpreisträger beschreibt in einem Buch 50 Charaktere. Ganz knapp, aber unglaublich präzise, diagnostiziert er bestimmte menschliche Eigenschaften mit ganz bestimmten Begriffen und charakterisiert sie damit. Da gibt es zum Beispiel den Wortfrühen oder den Tränenwärmer, den Größenforscher oder den Leidverweser, traumhafte Charakterisierungen menschlicher Eigenschaften. Das macht Jesus auch, wenn er sagt: „Ihr, die ihr zu trägen Herzens seid.“ (V.25) In der Sprache Canettis übersetzt würde das lauten: Unsere Dumpf­ Ihr seid dumpfherzig. Interessant ist doch, dass herzigkeit trennt Jesus nicht sagt: Es tut mir leid, dass ich euch nur den Glauben anbieten muss und ihr jetzt uns vom leider euren Verstand abschalten müsst. Nein, Evangelium sondern es heißt: „Oh ihr Unverständigen!“ In der Heiligen Schrift steht nirgendwo, dass wir die funktionierenden Nervenzellen abschalten müssten. Das bisschen Denken, das wir hinkriegen, das bisschen Intellekt, das wir haben, schadet nie und hindert uns auch nicht an der Annahme des Evangeliums. Nicht unser Intellekt hält uns vom Evangelium ab. Auch wenn ein Satz wie: „Ich kann nicht einfach über meinen Intellekt hinwegspringen“ so schön klingt. Das Entscheidende, was uns vom Evangelium abhält, ist unsere Dumpfherzigkeit. Damit ist gemeint, dass im Zentrum unseres Lebens etwas dumpf, schwer, stumpf, langsam oder träge ist. Ein Dumpfherziger ist jemand, der merkt, dass seine kleine Welthoffnung zerstört wurde, der gekränkt oder auch traurig ist und im Meer des Selbstmitleides schwimmt. Er entwickelt einen leichten Ansatz zum Gottesvorwurf „wie kann Gott das machen mit diesem Jesus, ihn so einfach wegnehmen“, Wir leben bis hin zu dem Ärger: „Da kommen doch die nach Ostern Frauen und haben uns aus der Fassung geohne Ostern bracht.“ (vgl. V. 22) Gerade waren wir mitten in unserem Selbstmitleid, haben uns so richtig in die Depressionsphase eingeschlichen und da kommen die Frauen und bringen uns noch aus der Fassung. Wo kommen wir denn da hin? Wir wollen wenigstens in unserem Schmerz in Ruhe gelassen werden. Diese gedeckelte Jesussicht ist Kennzeichen des Dumpfherzigen. Will man ihn kurz und prägnant charakterisieren, |  56

Am_dritten_tag.indd 56

18.01.2008 13:58:34 Uhr


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
394847 by Fontis-Shop - Issuu