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T. H. L. Parker

Johannes Calvin Ein groĂ&#x;er Reformator


Inhalt Vorwort Einleitung 1. Kindheit und Jugend Kind der Kirche Student an der Artistenfakultät Ausbildung in der Philosophie 2. Orléans und Bourges Das Studium des Zivilrechts Freunde und Verwandte Bourges und ein Neuanfang Das erste Buch Flucht vor der Ungerechtigkeit 3. »Christianae Religionis Institutio« Ihr Charakter und Zweck Gesetz, Glaube und Gebet Die Sakramente Freiheit 4. Erprobungen in Genf Aus der Heimat vertrieben Genf im 16. Jahrhundert Die Autorität der Kirche Organisation in Theorie und Praxis 5. Der französische Prediger in Straßburg Häusliche und persönliche Angelegenheiten Die neue Institutio Der Römerbriefkommentar Genf überlegt es sich anders 6. Die Genfer Kirchenverfassung Die Ordonnances Ecclesiastiques Die Kirchengemeinde im Gottesdienst Calvin, der Prediger

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7. Widerstand gegen eine fromme Gesellschaft Der Widerstand formiert sich Calvins häusliches Leben Bearbeitung der Institutio und Kommentare zum Neuen Testament Der Widerstand wächst Der Kampf um die Kirchenzucht 8. Von der Niederlage zur Sicherheit Der Prozess und Tod von Michael Servet Der Fall der Perrinisten Die Genfer Universität Kommentare zum Alten Testament und die letzte Ausgabe der Institutio 9. Sorge für die Kirchen Der eine Leib Privatbriefe und offene Briefe Calvins Einfluss außerhalb von Genf 10. In Christus ist Sterben Gewinn

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Anhang I: Argumente für die Neudatierung Die autoritativen Quellen Wann begann Calvin in Paris? Die Länge des Kurses an der Artistenfakultät in Paris Die Länge des Studiums des Zivilrechts in Orléans Anhang II: Die Bekehrung Calvins

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Abkürzungsverzeichnis Quellen und Sekundärliteratur Die Schriften Calvins Register und Chroniken Frühe Biografien Andere frühe Werke Sekundärliteratur Register

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4. Erprobungen in Genf Aus der Heimat vertrieben Nach nur wenig mehr als einem Jahr in Basel begab sich Calvin gemeinsam mit du Tillet nach Italien. Der Grund dafür könnte lediglich gewesen sein, dass er, ein aus der Heimat Vertriebener, sich nirgendwo anders niederlassen konnte. Vielleicht war es aber auch so, dass er, auf der Suche nach glücklicheren Tagen, in denen er wieder in Frankreich leben könnte, in der Zwischenzeit an einem französischen Hof verweilen wollte, wo er einen guten, einflussreichen Posten, der eine Empfehlung für eine zukünftige Laufbahn in seinem eigenen Lande darstellte, besetzen konnte? Am herzoglichen Hof in Ferrara wurden einige Leute beherbergt, die an sich nicht zusammenpassten. Ercole II., der Sohn der berüchtigten Lucrezia Borgia, war sowohl ein Romanist als auch ein Parteigänger des Kaisers. Seine Herzogin, die Prinzessin Renée de France, war die Tochter König Ludwigs XII.; ihre Schwester Claude war mit Franz I. verheiratet. Sie war als Cousine zweiten Grades auch mit Franz und Margarete von Navarra verwandt und trat schon um ihrer Herkunft willen für die französische Sache gegen den Kaiser ein. Zum Herzog, einem großen Mäzen der Renaissance, kamen einige der großen Kulturschaffenden, wie Benvenuto Cellini (der jedoch dem Herzog seine Gastfreundschaft durch das Erschießen einiger seiner Pfauen vergalt – »sie waren das einzig Gute, das ich dort gesehen hatte«117). Zu ihr strömten aus Frankreich Reformtheologen und Reformatoren, die nach der Affäre des Placards geflohen waren – unter ihnen der Dichter Clément Marot. Zu ihr kam jetzt Jean Calvin, wahrscheinlich unter einem Pseudonym. Ist es möglich, dass sie ihm nicht nur Asyl gewährte (welches er bereits in Basel genossen hatte), sondern ihn auch beschäftigte, vielleicht als einen ihrer Sekretäre? Wir dürfen nicht versuchen, diese Geschehnisse mit unserer Kenntnis dessen, was später kam, zu beurteilen. Calvin hatte nicht die Absicht, Pastor zu werden oder ein öffentliches Amt zu 117 Life (Everyman Edition), S. 214.

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bekleiden. Ein Leben im Dienste der Wissenschaft scheint nun sein Ziel gewesen zu sein. Doch auch ein Gelehrter muss einer regulären Beschäftigung nachgehen, und die Tätigkeit als Sekretär einer französischen Prinzessin wird ihm sowohl den Lebensunterhalt als auch genügend Muße fürs Studium geboten haben. Falls er jedoch lange in Ferrara zu bleiben beabsichtigte, wurde er enttäuscht. Am Karfreitag, dem 14. April 1536, weigerte sich einer der französischen Schutzbefohlenen der Herzogin demonstrativ, zur Messe zu gehen. Er wurde gefangen genommen und verhört. Es kam heraus, dass auch andere in der Gefolgschaft Renées infiziert waren. Es wurden weitere Gefangennahmen durchgeführt. Die Herzogin trat für ihre Freunde ein und flehte um ihre Begnadigung, sodass der arme Papst Paul mit einem Ohr auf ihren Ehemann hören musste, der Gerechtigkeit forderte, und mit dem anderen auf die Ehefrau, die durch Margarete und den Apostolischen Nuntius in Frankreich agierte und ihre Freilassung erbat. Am Ende konnte Renée ihren Willen durchsetzen. Doch schon zuvor hatte Calvin zum ersten und letzten Mal von Italien Abschied genommen und war nach Basel und von dort aus nach Frankreich zurückgegangen. Das Edikt von Lyon vom 31. Mai erlaubte nämlich Häretikern unter der Bedingung, dass sie innerhalb von sechs Monaten mit Rom versöhnt würden, im Königreich zu leben. Schon ein paar Tage später war er am Justizpalast in Paris, wo er als »Magister Iehan Cauvin, Lizenziat der Rechte, wohnhaft in Paris«118 eine »Vollmacht«, unterzeichnet von zwei Notaren, ausstellte, mit der er Antoine, seinem Bevollmächtigten, der in Paris wohnhaft war, sich aber gegenwärtig in Noyon aufhielt, erlaubte, in der Regelung der elterlichen Angelegenheiten für ihn zu handeln. Es ist unmöglich, dass er in Basel die Kunde von dem Edikt erfuhr und dann bis zum 2. Juni nach Paris kam. Daher muss er schon vor der Verabschiedung des Edikts nach Frankreich zurückgekehrt sein, in dem Wissen (oder in der Hoffnung), dass man nichts gegen ihn unternehmen würde. Er muss also entweder einen persönlichen Geleitbrief gehabt oder zuvor von dem Edikt 118 Lefranc, La Jeunesse, S. 205.

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Kenntnis erlangt haben. Auf jeden Fall wurde dies vermutlich von Renée arrangiert. Antoine brachte das Geschäft zum Abschluss, und so wurde das Landstück zum Preis von acht septiers verkauft, abgetreten, übertragen und den Messeigneurs, dem Prior und dem Konvent von Mont Saint-Lois, allgemein Regnault-by-Noyon genannt, für den Preis und die Summe von »sept vingtz quatres livres Tournois« (144 Pfund Tours) versprochen. Charles wird nur recht wenig Zeit gehabt haben, um seinen Anteil zu genießen. Bis Ende Oktober jenes Jahres hatten auch seine Streitigkeiten mit dem Kathedralkapitel ein Ende gefunden. Er starb auf deren Höhepunkt, denn der Eintrag in den Registres weist ziemlich eindeutig auf eine Ketzereianklage gegen ihn hin. Falls er sich dem evangelischen Glauben zuwandte, warum begleitete er dann nicht Jean, Antoine und Marie? Als er starb, wurde er bei Nacht unterhalb des öffentlichen Galgens begraben.119 Calvin, der folgerte, dass ihm Frankreich für die vorhersehbare Zukunft verschlossen bleiben würde, benötigte weniger als die Hälfte seiner sechsmonatigen Gnadenfrist. Als er das Land verließ, nahm er Antoine, ihre Halbschwester Marie und – wenn man dem parteiischen Lefranc Glauben schenken kann – den Kanoniker de Collemont sowie gewisse andere Einwohner von Noyon mit. Diese kleine Truppe setzte sich dann etwa Anfang August nach Straßburg in Bewegung, wo sie »vor den Stürmen und der Wut der Prälaten sicher« sein würde. Leider hatten Truppenbewegungen die direkte Route für sie zu riskant gemacht, und sie waren gezwungen, einen Umweg in den Süden zu machen. Dies brachte sie durch die Stadt Genf, wo sie für eine Nacht in einer Herberge Unterschlupf fanden. Genf war Calvin vom Hörensagen her nicht unbekannt. Pierre Robert hatte dort gewirkt; Louis du Tillet hielt sich wahrscheinlich jetzt dort auf. Er oder ein anderer Freund informierte Guillaume Farel über Calvins Anwesenheit, und Farel suchte ihn geradewegs auf. Farel handelte, während Engel debattierten, und er war durchaus fähig, einen völlig Fremden anzusprechen, um ihm seine 119 Ebd., S. 210.

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Pflicht darzulegen. Doch die Szene, die dann stattfand, wird noch glaubhafter, wenn wir annehmen, dass sie damals zumindest schon Bekannte waren. Calvin selbst erzählt die Geschichte in einem autobiografischen Fragment im Vorwort zum Psalmenkommentar: »Überall, wohin ich sonst gegangen war, hatte ich Sorge getragen, um zu verbergen, dass ich der Verfasser [der Institutio] war; und ich hatte beschlossen, darin auch fernerhin zu verharren, bis mich schließlich Guillaume Farel in Genf aufhielt, nicht so sehr durch Rat und Ermahnung, als durch eine schreckliche Beschwörung, die ich so empfand, als ob Gott vom Himmel seine mächtige Hand nach mir ausstreckte, um mich anzuhalten. Da der direkteste Weg nach Straßburg, wohin ich mich damals zurückziehen wollte, durch die Kriege verschlossen war, hatte ich beschlossen, kurz über Genf zu fahren, ohne mich länger als eine Nacht in jener Stadt aufhalten zu wollen. Kurz zuvor war das Papsttum durch diese vortreffliche Person, die ich genannt habe, und durch Meister Pierre Viret aus der Stadt hinausgejagt worden; allerdings hatte sich der Zustand noch nicht gefestigt, und unter den Stadtbewohnern gab es schlechte und gefährliche Gruppen. Dann entdeckte mich eine Person, die jetzt auf schändliche Weise aufbegehrt hat und zu den Papisten zurückgekehrt ist, und machte mich mit den anderen bekannt. Hierauf stellte Farel, der mit einem außergewöhnlichen Eifer zur Förderung des Evangeliums brannte, alle Bemühungen an, um mich zurückzuhalten. Und nachdem er gehört hatte, dass ich einige besondere Studien hatte, für welche ich mich freihalten wollte, und als er sah, dass er durch seine Bitten bei mir nichts erreichen konnte, ließ er sich zu der Verwünschung hinreißen, dass es Gott wohlgefallen werde, meine Ruhe und die Stille der Studien, welche ich suchte, zu verfluchen, wenn ich mich angesichts einer solch großen Notlage zurückzöge und mich weigerte, zu helfen und meine Unterstützung zu gewähren. Dieses Wort ließ mich so sehr erschrecken, dass ich die Reise aufgab, die ich unternommen hatte; da ich aber zugleich meine Gehemmtheit und Schüchternheit empfand, wollte ich mich nicht an irgendein bestimmtes Amt binden.«120

Auf diese Weise wurde Calvin für den Dienst der Reformation in Genf gewonnen.

120 OC, Bd. 31, Sp. 23-26; CTS, Bd. 1, S. xlii–xliii.

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