Babylon 3 BABYLONS ERBEN
Heimreise
.
Merab erwachte, als draußen auf der Straße ein Pferd wieherte. „Cyrus!”, dachte sie und sprang aus dem Bett. Sie lief hinüber zum Wasserkrug und goss etwas in die Waschschüssel, warf sich das Wasser ins Gesicht und trocknete sich mit dem rauen Leinentuch ab. Ihr Vater, der jüdische König Jojachin, galt immer noch als Kriegsgefangener, deshalb musste die Familie auf manches verzichten, was in anderen Königshäusern wie selbstverständlich zum Komfort gehörte. Merab hatte keine Zofe, keine Dienerin. Sie zog ihr Reisekleid an, das sie vor ein paar Wochen selbst geschneidert hatte, ohne zu ahnen, wie schnell sie es benötigen würde. Sie hatte es einfach ,auf Verdacht’ genäht, weil sie von fernen Ländern träumte, von prächtigen Städten – dabei war sie bisher noch nicht einmal aus Babylon und den umliegenden Feldern herausgekommen. Im Garten schmetterte die Amsel ihr Morgenlied. Die Sonne tastete sich gerade über die Mauern von Babylon und schickte einen Strahl in Merabs Spiegel. Die Prinzessin schloss für einen Augenblick geblendet die Augen und lachte. Dann fuhr sie mit kräftigen Bürstenstrichen über ihr schwarzbraunes, langes Haar, das ihr wie ein Schleier über den Rücken hing. Ihre Aussteuertruhe, ihr Reisekorb, ihr Bündel für unterwegs, alles stand schon seit zwei Tagen fertig gepackt neben der Tür. Dann hörte sie Schritte im Flur und die Stimme, in die sie sich von Anfang an verliebt hatte. Es klopfte leise: „Merab, meine sanfte Taube, bist du schon auf?” Ihr Herz klopfte einen schnellen Wirbel, als sie ihm öffnete. 4
5
Cyrus, der Kronprinz von Anschan und Persien, trug an diesem Tag seine Nationaltracht. Unter der bestickten Tunika schauten Hosenbeine hervor, über die Schultern hatte er einen weiten Kapuzenmantel geworfen, der bis zu den Knöcheln reichte. Sein Kupferhelm glänzte und blitzte. Sie machte große Augen. „Das ist meine Galauniform”, lächelte Cyrus und zog sie in die Arme. „Gefalle ich dir?” Sie legte ihren Kopf in seine Halsbeuge und flüsterte: „Mein schöner Krieger ...” Seine braunen Augen wurden weich, er strich ihr über das Haar und sagte: „Meine Leute warten vor dem Haus. Wir müssen aufbrechen.” Merab nickte. Inzwischen trappelten viele Füße durch den Flur. Merab ließ einen letzten Blick über ihr Zimmer schweifen. Wann würde sie es wiedersehen? Sie strich noch einmal mit der Hand über ihr Bett, dann straffte sie die Schultern und ging hinaus. Königin Ephah schluchzte auf, und König Jojachin wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, als Merab an der Hand von Cyrus vor sie trat und bat: „Vater, Mutter, gebt uns euren Segen zum Abschied.” „Aber Kinder! Ohne Essen wollt ihr fort? Der Tisch ist gedeckt!” Cyrus zögerte, aber Merab schüttelte den Kopf. „Ich könnte jetzt keinen Bissen herunterbringen. Sei mir nicht böse, Mutter.” Die Eltern umarmten ihre Tochter ein letztes Mal, dann waren die Körbe und Kisten in der offenen Kutsche verladen. Cousine Nalusch, die darauf bestanden hatte, als Anstandsdame und Begleiterin nach Persien mitzureisen – „... das arme Kind! Ganz allein zu fremden Leuten!” – raffte ihre Röcke und kletterte ächzend auf die Sitzbank. Cyrus hob seine Merab mit einem Schwung hinauf. Kisalu, sein Bursche und Freund, nahm die Zügel und schnalzte mit der Zunge. Die beiden Kutschpferde zogen an. Merab winkte, so lange sie ihre Eltern auf der Straße sehen konnte. Danach blieb sie eine Weile still und in sich gekehrt. Cyrus bemerkte es nicht; er war viel zu sehr damit beschäftigt, sein Reitpferd zu zügeln, das endlich davonpreschen wollte. Aber die Straßen hatten sich schon gefüllt. Händler 6
schoben ihre Karren, Besucher aus anderen Ländern schlenderten an den Palästen vorüber, machten Halt an den weißen Straßenaltären und bewunderten die geschmückten Statuen. Die kleine Reisegruppe kam an der Esagila vorüber, dem Tempel des Stadtgottes Marduk, dessen Tempelturm Etemenanki 90 Meter weit aufragte. Man musste den Kopf in den Nacken legen, um den blauen Hochzeitstempel zu sehen, der wie ein Edelstein in der Sonne funkelte und beinahe die Wolken küsste. Weiter ging es durch die Prozessionsstraße. Die fast lebensgroßen Löwen, mit denen die blau glasierte Mauer verziert war, schienen neben ihnen her zu schreiten, und dann waren sie am Ischtartor. Merab seufzte, als sie unter dem breiten Torbogen durchkamen. Sie liebte dieses Kunstwerk, vom großen Nebukadnezar erdacht. In drei Etagen übereinander waren Fabelwesen abgebildet – die Babylonier nannten sie Sirrusch oder Schlangengreif – und erhofften sich von ihnen Schutz für ihre Stadt. Oben und unten am Tor hatte Nebukadnezar eine Zierleiste von Margeriten anbringen lassen, und Merab staunte wie immer über diesen König, Architekten und Feldherrn, der sich nicht zu erhaben war, bescheidene Blumen abzubilden. Vor einer Woche hatte sie Nebukadnezar zum ersten Mal aus der Nähe gesehen, war zur Audienz befohlen worden. Nebukadnezar hatte ihrer Heirat mit Cyrus zugestimmt und ihnen alles Gute gewünscht. Und jetzt war sie schon unterwegs auf ihrer ersten großen Reise. Ihr Vater erzählte oft von Jerusalem. In seiner Erinnerung war seine Heimatstadt noch immer voller Glanz, vor allem der Marmortempel Salomos, der mit seinen goldenen Dachzinnen die Sonnenstrahlen zurückwarf, so dass ein großes Leuchten über dem Tempelplatz lag. Merab wusste aber, dass dieser Platz schon seit vielen Jahren verwüstet war, von verkohlten Steinen übersät. Nebukadnezar hatte die Stadt geschleift, weil der damalige König Zedekia seinen Treueeid gebrochen und gegen Babylon Krieg geführt hatte. Nur ein Drittel der Bürger Jerusalems hatten die Belagerung überlebt, die anderen waren in der Schlacht 7
gefallen oder vom Hunger oder von der Pest dahingerafft worden. Nebukadnezar hatte die Überlebenden nach Babylon umgesiedelt. Dort hatten sie eine neue Heimat gefunden, aber viele dachten noch sehnsüchtig an Jerusalem wie ihr Vater. Ob ihr Volk eine Zukunft hatte? Merab zuckte die Achseln. Jetzt wollte sie an ihre eigene Zukunft denken. Jeden Tag mit Cyrus erwachen, mit ihm sprechen, mit ihm ausreiten, das war ihr ein Fest! Sie jammerte nicht über die Sonne, die ihr nun schon stundenlang auf den Kopf brannte. Sie klagte nicht über das Gerüttel in der Reisekutsche, wenn Cyrus besorgt nachfragte. Sie war glücklich, und dieses Glück wollte sie sich nicht von den kleinen Widrigkeiten einer Reise rauben lassen. Ihre gute Laune steckte sogar Nalusch an, die mit hochrotem Gesicht neben ihr auf der Bank hockte und schnaufte, weil ihr heiß war. Am fünften Tag nach ihrer Abreise stießen sie auf eine breite Straße, die vom Norden herkam und an dieser Stelle nach Osten abbog. „Das ist die berühmte Königsstraße”, erklärte Cyrus. „Sie beginnt in Elam in der Stadt Susa und führt durch Mesopotamien und Kleinasien bis zu der Stadt Sardis, etwa 60 Tagereisen von hier entfernt. Auf dieser Straße galoppieren unsere Kuriere hin und her. Diese Straße ist der Lebensnerv der Kultur und des Handels.” „Warum führt sie dann nicht direkt nach Babylon?” Er lachte und setzte ein Schulmeistergesicht auf: „Kindchen, diese Königsstraße ist unendlich viel älter als Babylon. Sie will nichts mit dieser aufgeputzten, neureichen Stadt zu tun haben.” „Aber Cyrus!”, protestierte Merab. „An Babylon kommt man nicht vorbei, wenn man Kultur und Kunst sucht. Wie kann man das große Babylon einfach links liegen lassen?” „Erzähl mir nicht, dass du dein Herz an Babylon verloren hast”, sagte er und hob die Hände, als wollte er sie beschwichtigen. „Ich weiß, ich weiß, Babylon hält sich für den Nabel der Welt mit seinen Tempeln und Palästen und den Hängenden Gärten. Vor 8
hundert Jahren sprach keiner über diese Stadt, und wer weiß, was morgen ist?” Er zuckte die Achseln. „Städte werden groß und berühmt, und ein paar Jahrzehnte später sind sie nur noch Ziegelhaufen. So wie Jerusalem.” Merab biss sich auf die Unterlippe und senkte den Kopf. Dann atmete sie tief ein und lächelte: „Du hast Recht. Ich weiß noch so wenig von der Welt. Du musst mir alles erklären.” Cyrus rückte die Schultern gerade und hob das Kinn. „Aber natürlich, mein Täubchen. Sieh mal, dort drüben – eine Herberge, eine von vielen. Genau gesagt von 111 Poststationen. Hier werden wir rasten. Kisalu, ich glaube, wir sollten den Frauen vom Wagen helfen, damit sie sich die Beine vertreten können.” „Das mach ich schon!”, grinste Kisalu vergnügt und hängte die Zügel über einen Pfahl. Er war immer fröhlich und hilfsbereit. Nalusch hatte ihn bereits fest in ihr mütterliches Herz geschlossen. Cyrus ritt inzwischen hinüber zu einem Haus mit einem flachen Dach, saß ab und ging über den Hof, der von fünf Bäumen beschattet wurde. Der Wirt kam ihm entgegen. Die beiden redeten eine Weile, dann nickte der Wirt und rief nach seinen Knechten. Kisalu half den Frauen vom Wagen herunter, während ein Knecht die Pferde ausschirrte. Kisalu erklärte: „Wir bekommen neue Pferde. Unsere sind schon müde. Kommt ins Haus, da können wir uns erfrischen.” Sie rasteten zwei kleine Stunden, dann mahnte Cyrus zum Aufbruch. Merab fragte ihn: „Wechselt man in jeder Herberge die Pferde?” „Wenn man es eilig hat, dann schon”, erklärte Cyrus. „Wir sparen Zeit und schonen die Pferde. Das ist vor allem für die Kuriere wichtig. Sie schaffen die ganze Strecke in einer Woche.” „Aber dein Reitpferd hast du nicht ausgetauscht ...”, murmelte Merab. „Natürlich nicht.” Cyrus legte ihr die Hand auf den Arm. „Mein Pferd und meine Frau werde ich niemals austauschen. Darauf kannst du dich verlassen!” 9