Joni Eareckson Tada
Der Gott, den ich liebe Meine Lebensgeschichte
Kapitel 29 Ich habe euch das alles gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. Hier auf der Erde werdet ihr viel Schweres erleben. Aber habt Mut, denn ich habe die Welt überwunden. Johannes 16,33
Zehn Tage später brach die Hölle los.
»Joni, wach auf!« Judy rüttelte mich hart an der Schulter. »W-was ist los?« Trotz meiner Benommenheit wusste ich sofort, dass etwas Schreckliches geschehen war. Judy schaltete den Fernseher ein und setzte sich auf meine Bettkante. Ich blinzelte. Dann erkannte ich hinter dicken Rauchsäulen die Türme des World Trade Centers. »Zwei Flugzeuge sind in die Twin Towers geflogen«, sagte sie gepresst. Es klang wie ein Alptraum. »War es ein Unfall?« An Judys Blick sah ich, dass es keiner war. »Im Radio haben sie gesagt, es waren Entführer. Ein drittes Flugzeug ist ins Pentagon geflogen. Es könnte noch mehr passieren.« Überall waren Trauben von Fernsehreportern zu sehen, die nervös nach Worten suchten, ihre Mikrofone schüttelten und im Stakkato ihre grauenhaften Nachrichten verkündeten: »Die oberen Stockwerke sind ein einziges Inferno …« »Aus den Bürofenstern schlagen die Flammen …« Alles, was sie sagten, schien irgendwie unwirklich, genauso unwirklich wie die Liveaufnahmen: Büroangestellte, die auf Fenstersimsen kauerten; kurze Filmszenen, die die Berichte bestätigten, dass Menschen aus den Fenstern sprangen; Tausende, die in Todesangst fliehend durch die Straßen rannten; und – o nein, nein! – die beiden riesigen Türme, die in einer immer höher werdenden Rauchwolke einstürzten, wie ster406
bende Giganten, und Hunderte, vielleicht Tausende unter sich begruben. Mein Verstand begriff nicht, was meine Augen sahen. Ich machte mich fertig, so schnell ich konnte, und rief meine Schwestern in Baltimore an. Ich wusste, dass sie weit entfernt von Washington und dem Pentagon waren, aber das Entsetzen darüber, was geschehen war, gab mir, gab uns allen plötzlich das Gefühl, verletzlich und schutzlos zu sein, sodass wir uns nur eines wünschten: die Stimmen unserer Angehörigen zu hören. Wir trösteten einander am Telefon: »Ist mit dir alles in Ordnung?« – »Ja, ja, mir geht es gut. Und dir?«, und hatten das Gefühl, wieder in unserem Haus am Poplar Drive zu sein und uns bei dem beängstigenden Klang der Feuerwehrsirene zusammenzudrängen, die uns aufforderte, Schutz zu suchen, weil die Russen jeden Augenblick die Bombe zünden konnten. Wir hatten den Atem angehalten und gewartet, dass das entsetzliche Sirenengeheul aufhörte, hatten nicht einmal zu flüstern gewagt, aus Angst, dass der Feind uns hören und durch die Hintertür ins Haus eindringen könnte. Die gleiche Angst packte mich jetzt. Nur, dass es sich hier nicht um eine Luftschutzübung handelte wie damals in den Fünfzigerjahren. Wir lebten in einer neuen Ära, einem neuen Millennium, und fürchteten neue Feinde. Die furchtbaren Bilder im Fernsehen glichen so sehr den Schreckensszenen aus dem Film Stirb langsam, dass ich mir ständig in Erinnerung rufen musste: Dies ist kein Kinofilm! Immerzu musste ich daran denken, dass Millionen Menschen jetzt fühlten und dachten und handelten wie ich: dass sie Familienangehörige anriefen, weinend und betend vor dem Fernseher kauerten, Stunde um Stunde warteten, wie gelähmt von den entsetzlichen Bildern, und gegen jede Hoffnung hofften, dass die Feuerwehrmänner und Polizisten nicht wirklich in die brennenden Gebäude hineingehen müssten, dass die Angestellten, das Reinigungspersonal und die Hausmeister noch rechtzeitig herauskommen würden, dass die Flugzeuge ohne Passagiere gewesen waren. Es klopfte; ich fuhr zusammen. Mir fiel ein, dass ich einen Termin mit unserem Architekten ausgemacht hatte. Unser Haus 407
sollte einen Anbau erhalten, und wir hatten eine Farbe für den Verputz aussuchen wollen. Angesichts der jüngsten Ereignisse schien mir eine derartige Beschäftigung geradezu absurd; ich bat um Vertagung. Der Architekt wirkte ebenfalls erleichtert. Aber ich konnte nicht den ganzen Tag zu Hause vor dem Fernseher sitzen. Ken war in der Schule und unterrichtete, und ich sollte schon längst im Büro von Joni and Friends sein. Dort liefen bereits E-Mails aus der ganzen Welt ein, in denen die Menschen ihrem Entsetzen und ihrer Sorge Ausdruck gaben. Es hatte den Anschein, als fürchte die ganze zivilisierte Welt, dass die Vereinigten Staaten ausgelöscht würden. Jede Nachricht enthielt die Versicherung: »Wir beten für Amerika und sein Volk.« Es fiel uns allen schwer, uns auf die Arbeit zu konzentrieren. Über etwas anderes als den Terroranschlag zu sprechen – inzwischen hieß es, es sei ein Terroranschlag gewesen –, schien fast unmöglich, irgendwie zu banal. Auf dem schwarzen Brett listeten wir auf, für wen wir beten wollten: Überlebende … Familienangehörige … Feuerwehrleute und Rettungsdienste … und die vielen, die höchstwahrscheinlich ihren Verbrennungen und Verletzungen erliegen würden. Gegen vier Uhr nachmittags waren wir völlig erschöpft und wie betäubt. Wir machten Feierabend. Judy fuhr mich nach Hause – ich war zu erschüttert, um selbst zu fahren. Unterwegs hörten wir Radio. Die ganze Nation fragte: Wer sind diese Ungeheuer, die Flugzeuge als Raketen benutzen und Tausende von Menschen umbringen? Wer ist dieser Feind? Warum sind wir zum Gegenstand eines so leidenschaftlichen Hasses geworden? Welche großen Städte sind als nächste an der Reihe? Vielleicht Los Angeles? Eine unheimliche dunkle Wolke begann den Horizont meines Geistes zu verfinstern. Nie zuvor hatte ich solche Gedanken gehegt. Gedanken an Krieg. Einen Krieg, der nicht im Persischen Golf oder in Vietnam stattfand, sondern in unserer Heimat. Es hatte etwas Befremdliches, wegen einer solchen Banalität wie dem Abendessen am Supermarkt anzuhalten, doch als wir auf den Parkplatz einbogen, wurde meine Aufmerksamkeit von einer kleinen Gruppe von sechs oder sieben Teenagern mit Irokesenhaarschnitt und Skateboards abgelenkt, die mit unvorstell408
barem Lärm und Gegröle vor dem Supermarkt auf und ab fuhren und das Schild, das direkt über ihnen hing und auf dem zu lesen war »Skateboards verboten«, völlig ignorierten. »Schau nur diese Kinder«, sagte ich zu Judy, »ich fasse es nicht, dass sie an einem Tag wie heute so etwas tun können. Jemand sollte mit ihnen sprechen.« Judy schwieg. Dann sagte sie: »Warum machst du es nicht?« Warum eigentlich nicht?, dachte ich. Ich fuhr zu der Gruppe hinüber und sprach sie mit fester Stimme an: »Meine Herren, haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?« Das Klappern der Skateboards verstummte. Mein plötzliches Erscheinen – vielleicht auch mein Rollstuhl – hatte sie so verblüfft, dass erst einmal Stille herrschte. Ich sah, dass sie sich nicht entscheiden konnten, ob sie weglaufen oder mich anpöbeln sollten. Ich fuhr fort: »Ich möchte Ihnen etwas sagen.« »Ich hab Angst vor Ihnen, Lady«, rief einer von ihnen, sprang auf sein Skateboard und begann in sicherer Entfernung erneut, seine Kreise zu drehen. »Angst vor zwei älteren Frauen, von denen eine im Rollstuhl sitzt?«, fragte Judy, die plötzlich neben mir stand. Seine Freunde kicherten. Das war gut – einen Augenblick lang hatte ich ihre Aufmerksamkeit. »Meine Herren«, wiederholte ich in der Hoffnung, sie würden ihr Benehmen dieser Anrede anpassen, »heute Morgen haben Tausende von Menschen ihr Leben verloren, weil verbrecherische Menschen das Gesetz gebrochen und für so etwas wie Autorität lediglich Verachtung haben.« Mein Gesicht rötete sich, in meinen Augen standen Tränen. »Wie können Sie, die Sie dieses furchtbare Geschehen mit ansehen mussten, Ihrerseits dermaßen ungerührt gegen ein Gesetz – diese Vorschrift – verstoßen?« Ich wies mit meinen Augen auf das Schild über ihnen. Die Jungen hörten zu – ein paar von ihnen sahen mich aufmerksam, fast erleichtert an, andere blickten zu Boden. »Mit Ihrem Verhalten beleidigen Sie die Menschen, die gestorben sind, und die, die versucht haben, sie zu retten.« Stille breitete sich aus. »Bitte, kommen Sie her zu mir«, fuhr ich fort, »wir wollen für die Familien beten. Kommen Sie näher. Neigen Sie Ihren Kopf mit mir.« 409
Sie schlurften heran, und dann nahmen diese Kinder mit Irokesenhaarschnitt, Tattoos und Ohrringen ihre Skateboards in die Hand und hörten zu – oder vielleicht beteten sie ja auch mit –, wie ich Gott bat, die Familien zu trösten, die Rettungsmannschaften zu beschützen und den Verletzten beizustehen. Ich schloss mit der Bitte, dass er in die Herzen dieser jungen Männer einziehen und ihnen helfen möge, gute Bürger zu sein, gute Vorbilder für ihre Freunde. »Amen«, sagte ich. Dann dankte ich ihnen, und sie nickten und gingen in unterschiedliche Richtungen davon. Für den Augenblick war das Band, das sie zusammenhielt, zerrissen. Als Judy und ich eingekauft hatten und den Supermarkt verließen, rechneten wir fast damit, wieder den Lärm der Skateboards zu hören. Doch auf dem Parkplatz war niemand zu sehen. Judy ließ den Motor an und ich fragte mich laut: »Was sollen wir tun, wenn sie wiederkommen?« »Dann wirst du wieder mit ihnen reden«, sagte sie und lächelte mir im Rückspiegel zu. Diese seltsame Begegnung machte mir noch deutlicher, dass sich das Leben nach dem 11. September verändert hatte – urplötzlich und dramatisch verändert. Einerseits war ich voller Kraft und Energie, gespannt darauf, die Kühnheit, die ich in mir spürte, auf die Probe zu stellen und auch andere zu ermutigen, in diesen nie da gewesenen Zeiten Gott zu suchen. Andererseits wurde die unheilvolle Wolke immer dunkler und versetzte mich in eine schreckliche Weltuntergangsstimmung. Insgeheim machte ich mir große Sorgen wegen dieses neuen, fremden Feindes – so große Sorgen, dass ich nachts keinen Schlaf mehr fand. In mir tobte ein Kampf zwischen Mut und Feigheit, als ich über die Frage nachsann: Wenn sie Los Angeles angreifen, wird dann auch unser Viertel in Gefahr sein? Mit den gleichen Gefühlen beobachtete ich den Ansturm auf die Supermärkte und den Anstieg des Benzinpreises – dasselbe war 1994 nach dem Northridge-Erdbeben geschehen, bei dem unser Haus wie ein Puppenhaus durchgeschüttelt worden war. Aber das war eine Naturkatastrophe gewesen. Was wir jetzt erlebten, war so anders, so von Grund auf böse, so unnatürlich. Wird das Leben je wieder normal sein?, fragte ich mich, und daraufhin drängte sich 410
natürlich der Gedanke auf: Was wird, wenn die Wirtschaft zusammenbricht? Was, wenn wir unser Büro schließen müssen? Am nächsten Morgen fuhr ich im Rollstuhl in die Garage, um in mein speziell für meine Bedürfnisse umgebautes Auto zu steigen und selbst zur Arbeit zu fahren. Ich warf einen Blick auf den Dreivierteltonnen-Ford-Econoline und erstarrte. Da stand er, eine monströse Maschine, eine Massenvernichtungswaffe, die nur darauf wartete, gezündet zu werden. Ich fühlte mich plötzlich so verletzlich neben ihm, dass mir die Luft wegblieb. Ich hatte nur noch das Bild vor Augen, wie ich die Schnellstraße hinunter- und frontal in einen Wolkenkratzer hineinfuhr. Ich schauderte, machte kehrt, rief im Büro an und bat darum, dass mich jemand abholte. Je mehr man über terroristische Zellen hörte, die entschlossen waren, den Großen Satan – die USA – um jeden Preis auszulöschen, desto näher kam mir die dunkle Wolke, desto finsterer wurde sie und desto höher türmte sie sich vor mir auf. Das war kein normaler Feind mehr, der uns diesmal bedrohte. Es war ein Feind ohne Gesicht und ohne Namen, und er besaß nicht das kleinste Fünkchen moralischen Bewusstseins. In dieser Nacht und in der folgenden fiel es mir schwer, allein zu beten. Etwas anderes war es, wenn ich mit meinen Freunden im Büro betete oder wenn wir gemeinsam vor dem Fernseher saßen und beteten. Doch nachts, wenn ich im Bett lag und in der Stille und Dunkelheit ganz allein Gott gegenüberstand, hatte ich das Gefühl zu ersticken. Wieder einmal stand mein Vertrauen auf Gott und seine Allmacht auf dem Spiel. Ich mochte nicht daran denken, dass er den 11. September hätte verhindern können … und es nicht getan hatte.
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