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C INDY M C C OR MICK M A RTIN USEN

Prolog IN

WÄ L DE R N GRENZE 12 . A P R I L 1945

DEN ÖST ER R EICHISCHEN

NA HE DER TSCHECHISCHEN

Die f alsche W ahrheit

Wa h r h e i t Roman

»Unsere Kraft reicht für keinen einzigen Schritt mehr. Und so sterben wir heute Nacht.« Brigitte Kirke rannte außer Atem durch den Wald, in der Erwartung, dass sich jeden Moment eine Kugel in ihren Rücken bohrte. Ihr Bruder Edgar war schneller als sie, ihr immer nur ein kleines Stück voraus. Er wurde ihr Ziel, das sie weiterlaufen ließ, wenn sie nicht mehr zu können glaubte. Sie rannten, krochen unter Ästen und Unterholz hindurch. Die feuchten Blätter und Kiefernnadeln dämpften ihre Schritte. Endlich erreichten sie ihr nächstgelegenes Versteck und ließen sich unter niedrigen Zweigen nieder. »In der Dunkelheit, von der Welt vergessen. Wir sterben heute Nacht.« Sie waren schneller hierher gerannt, als sie für möglich gehalten hatte. Jetzt, hier an diesem Ort, war absolute Stille notwendig. Doch ihr Herz ließ sich nicht zur Ruhe bringen, und ihr Atem wurde nicht gleichmäßiger. Brigittes Lungen brannten, als sie laut keuchend um Luft rang. »Sei still, oder man wird uns finden«, flüsterte Edgar scharf. Sie hielt sich den Mund zu und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Baumstamm, fest entschlossen, sich nicht zu bewegen oder auch nur ein Geräusch von sich zu geben. Die Angst ließ sie völlig verstummen. »Wir wollten im Frühjahr durch die Felder laufen. Wir träumten und hofften vergeblich. Wir sterben heute Nacht.« Brigitte wollte dieses Lied, das ihre Gedanken gefangen nahm,

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nicht hören. Diese Verse, geschrieben und gesungen von einer Frau, die später in Brigittes Armen sterben würde, war nun in ihrer Erinnerung kein Trost, sondern der Fluch dieser Nacht. Edgar berührte ihren Arm, und sie drehte sich nur ein wenig um; so als ob sogar diese kleine Bewegung ihren Aufenthaltsort verraten könnte. Er versuchte sie zu beruhigen, so wie er es immer tat, wenn er ihr über den Kopf strich oder ihr zuzwinkerte. Immer der große Bruder, sogar jetzt. Sie wünschte, seine Augen sehen zu können, seinen Gesichtsausdruck, doch die Nacht war schwarz. Ein Windhauch bewegte die Blätter. »Wir waren beinahe frei«, flüsterte Brigitte und wurde plötzlich sehr traurig. »Beinahe, aber –« Der sanfte Wind legte sich, bevor er antworten konnte. Brigitte kämpfte gegen ihre Tränen an und wünschte sich, dass irgendjemand das hier in Ordnung brachte. Sie war es leid, einfach nur zu überleben. Sie wollte leben, doch sie hatte es satt, immer um nur einen weiteren Tag zu kämpfen. So sollte es nicht sein, nicht jetzt, wo der Krieg fast vorbei war – nicht nach all den Hindernissen, die sie bereits überwunden hatte. Niemand sollte nur Schritte von der Freiheit entfernt sterben. Irgendwie wurde das, was sie für richtig hielt, immer wieder gestört. Nachdem sie das Toben der Hölle überlebt hatten, würden sie vielleicht kurz vor der Aussicht auf Leben sterben. »Wer wird sich erinnern, wenn wir alle heute Nacht sterben?« Eine Zeit lang waren Edgar und sie zur Ruhe gekommen, weil sie glaubten, niemand habe sie über die tschechoslowakische Grenze in die österreichischen Wälder verfolgt. Sie spielten Karten, erzählten Geschichten und träumten, während sie sich in dem Unterschlupf versteckten, zu dem die alte Frau, der sie zu vertrauen gelernt hatten, ihnen Essen brachte. In den vergangenen Wochen hatten sie Flugzeuge mit der Kennzeichnung der Alliierten an den Seiten über ihre Köpfe hinwegfliegen sehen. Edgar sagte, bald würden sie Coca-Cola trinken, so wie er es versprochen hatte. Sie würden die berühmte Statue einer Frau sehen, die ihre Fackel der Hoffnung in der Hand hielt, und in Amerika ein neues Leben finden.

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Beinahe glaubte ihm Brigitte. Einige Augenblicke lang gestattete sie sich zu fragen, ob sie vielleicht ihre Eltern finden würden – oder einige ihrer alten Freunde aus Prag. Sie würden sich nicht mehr verstecken müssen. Nie wieder verstecken. Und nie wieder Angst. Doch die Pläne waren der Wirklichkeit gewichen. Diese war an diesem Abend in Form des Motorengeräusches eines Fahrzeugs gekommen, das sich langsam die Bergstraße hinaufbewegte. Sie hatten wenig Zeit zur Flucht und wenige Alternativen für einen Ausweg. Die Straße und der Wald auf der einen Seite würden nun unter Beobachtung stehen. Bevor sie in den Wald geflohen waren, hatte Brigitte nur vier Soldaten gesehen, die auf die Hütte zukamen – aber vier waren schon genug. Hinter ihnen war ein steiler Abgrund. Vor vielen Wochen hatten sie vor einem V-förmigen Felsen gestanden. Edgar hatte gemeint, dass er fünfundsiebzig Meter hoch sei. Es hatte ihr Angst gemacht, dort zu stehen – sich vorzustellen, auf diese Weise zu sterben. Sie war bis an den Rand gekrochen und hatte dabei einige lockere Steine hinuntergestoßen, die fielen ... fielen ... fielen, bis sie auf dem Grund der Schlucht weit unter ihnen aufschlugen. Nun bildeten die Soldaten und die Felsen eine enge Schlinge um sie. Brigitte und Edgar wussten, dass sie in der Falle saßen – ebenso wie die Soldaten und ganz sicher auch der Mann, der sie beinahe ein Jahr lang gejagt hatte. Edgar hatte mehrere provisorische Verstecke ausfindig gemacht, doch das nahende Tageslicht würde sie bloßstellen ... wenn die Männer überhaupt so lange warten würden. Erneut kam Wind auf und Brigitte zog ihre Knie an die Brust. Sie rieb ihre Beine durch die schmutzige Wollhose hindurch und langsam kehrte das Gefühl zurück. »Manchmal geschehen Wunder«, sagte Edgar leise, entgegen ihrer Abmachung, nur zu sprechen, wenn Wind ging. »Wir könnten es schaffen.« Brigitte schüttelte den Kopf. »Kein Amerika, keine Freiheitsstatue, keine Coca-Cola. Erzähl mir nicht, dass wir das erleben werden«, erwiderte sie. Nicht, dass sie ihm den Versuch übel nahm. In seinem Bestreben, sie auf jede erdenkliche Art und Weise zu beschützen, machte er oft Versprechungen, die er nicht halten konnte.

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Edgar antwortete lange Zeit nicht. Dann schließlich, kaum hörbar, sagte er: »Wir müssen uns trennen.« »Wir haben uns versprochen zusammenzubleiben«, flehte Brigitte. »Du gehst nach Süden, aber achte auf die Schlucht – dreißig Meter von hier«, beharrte er. »Wir treffen uns am nächsten Versteck.« »Nein.« »Ich gehe vorwärts und verstecke mich, bis sie an mir vorüber sind. Wenn wir durchhalten, vielleicht bis zum Morgen, könnten wir in Sicherheit sein. Wenn einer von uns es schafft, kann er dem anderen helfen. Die Alliierten sind nicht mehr weit. Berlin wird kapitulieren; möglicherweise hat es das schon. Sie wissen, dass sie nur noch wenig Zeit haben. Das könnte uns retten. Brigitte, halte nur noch einen Tag lang durch!« Sie starrte auf sein Profil, das noch dunkler erschien als das Dunkel der Nacht. War das die letzte Erinnerung, die sie an ihren Bruder haben würde? Die Blätter raschelten laut, als er aufstand und sie neben sich hochzog. »Wenn wir uns trennen, gibt es noch Hoffnung. Einer kann sich besser verstecken als zwei.« Hoffnung. Sie wollte in ihr aufkeimen, doch Brigitte wusste, dass diese Versuchung zu groß war. Obwohl sein Plan theoretisch funktionieren konnte, fürchtete sie, was er vorhatte. Er könnte versuchen sie zu schützen, indem er sich selbst opferte. Diese Verzögerung könnte sie retten, doch das würde sie nicht zulassen. Ihre Verfolger würden ihn umbringen. »Ich bin kein Kind mehr.« Brigitte zerbrach sich den Kopf, um einen Ausweg zu finden. »Wir können mit ihnen verhandeln. Er braucht uns, um das Versteck zu finden. Wir werden ihm helfen, an die Brosche der Kaiserin zu kommen. Wir werden ihm raten zu fliehen, bevor die Alliierten eintreffen. Er will die Brosche, nicht uns.« Es klang sogar in ihren eigenen Ohren wie ein Märchen. Brigitte wusste, dass der Mann, der sie jagte, schon viele vor ihnen verfolgt und getötet hatte – immer auf der Suche nach der Brosche der Kaiserin Sissi und deren unschätzbar wertvollen Smaragden.

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»Warum sollte er uns am Leben lassen?« Edgar hob plötzlich die Hand. Sie lauschte und spähte zwischen den Bäumen hindurch, so wie er. »Lichter. Wir können nicht zulassen, dass sie uns fassen – durch ihre Hand zu sterben, wird noch schlimmer sein.« Sie zögerte, nicht willens, sich in das Ungewisse zu stürzen, das jenseits von ihm lag. »Lass dich von deiner Angst vorwärts treiben – aber sei klug.« Edgar hielt ihre beiden Arme fest und küsste sie auf die Stirn. »Jetzt geh!« Einen Moment lang verweigerten ihre Beine ihren Dienst. Dann schoss das Blut durch ihre Adern, und sie stürzte los in die Dunkelheit. In welche Richtung, das wusste sie nicht genau. Kaum dass sie Edgar zurückgelassen hatte, überfiel sie schon die Angst. Sie begann zu rennen. Verzweifelt versuchte sie, die Zweige, die ihr ins Gesicht schlugen, mit beiden Armen wegzubiegen. Ihre eiligen Schritte hallten laut wider, laut genug, dass die ganze Welt es hören konnte. Wo ging es nach Süden? Sie hatte vergessen zu fragen. Um sie herum tat sich ein einziges Labyrinth auf, während die Minuten zu Stunden wurden. »Wir sterben für nichts. Und dennoch sterben wir heute Nacht.« Sie hörte einen Ruf und blieb stehen; versuchte, über ihren eigenen Atem hinweg etwas zu hören. »Lauf, Brigitte! Geh nach ›drei‹!« Edgar rief ihr zu, sie solle zu ihrem dritten Versteck gehen. Dann durchschnitt ein Schuss die Nacht. Brigitte fiel zu Boden. Blätter drückten sich in ihr Gesicht. Sie fühlte keinen Schmerz. Sie war nicht getroffen. Edgar. Brigitte wollte zurücklaufen, doch die Angst trieb sie vorwärts, als sie wieder aufstand und weiterlief. Immer wieder schlugen ihr schmerzhaft Zweige entgegen. Ihr drittes Versteck war nicht mehr weit von hier. Doch vor ihr tat sich die Dunkelheit plötzlich auf. Sie blieb gerade noch rechtzeitig stehen. Steine rutschten den Abhang hinab in den gähnenden Abgrund unter ihr. Auf Händen und Knien kriechend,

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zerkratzt vom Unterholz und vom Fels blutig geschürft, suchte Brigitte den Rand der Schlucht nach dem Weg ab – oder nach einem Wunder. Als sie jemanden hinter sich hörte, erhob sie sich rasch. Sie wünschte, es sei Edgar, doch sie wusste, dass er es nicht war. Die Schritte verlangsamten sich in dem dichten Unterholz; dann wurde die Silhouette eines Mannes gegen den Nachthimmel sichtbar. Brigitte fühlte sich schutzlos und ausgeliefert, hier, zwischen ihm und dem Rand des Abgrunds. »Sag mir, wo ich sie finden kann«, sagte die Stimme. An diese Stimme erinnerte sie sich gut. »Wo ist mein Bruder?« Die Angst um Edgar ließ sie stark und entschlossen klingen. »Fräulein Brigitte Kirke. Sie sind ein kluges Mädchen. Sie wissen, was mit Ihrem Bruder geschehen ist. Sie wissen, wo Ihre Familie jetzt ist. Wie fühlt man sich, wenn man die letzte Überlebende ist?« Brigitte wich rückwärts ein paar Schritte in Richtung Abgrund. »Es hat lange gedauert, wieder mit Ihnen sprechen zu können. Was für ein Weg bis zu diesem Augenblick!« »Sie werden mich töten«, stellte Brigitte fest. »Sie sind jetzt wie alt – neunzehn Jahre? Sie haben eine Menge durchgemacht. Ich habe so lange nach Ihnen gesucht. Endlich ist ein Ende in Sicht und wir lernen uns persönlich kennen. Sie wissen, weshalb ich Sie suche. Sie wissen, was ich haben muss.« Brigitte zitterte. Seine Stimme war gelassen und ruhig, so als hätte er nicht eben ihren Bruder getötet ... als ob er nicht in Kürze sie töten würde. »Warum haben Sie uns das angetan? Es ist nur ein Schmuckstück.« »Die Brosche der Kaiserin ist viel mehr, als Sie jemals wissen werden.« In seiner Stimme lag eine Spur von Ärger. »Ich habe sie gesehen – wie kann sie das hier wert sein?« »Sie haben sie gesehen – ich wusste es! Sagen Sie’s mir. Sagen Sie mir, wo sie ist!« »Sagen Sie mir warum! Warum sind Sie so versessen darauf, dass Sie uns all das angetan haben?«

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Er antwortete nicht. Brigitte erinnerte sich, dass ihr Vater vor den ersten Deportationen gesagt hatte: »Wenn sie uns als Menschen sehen könnten, vielleicht würden sie uns dann nicht verfolgen.« »Ich bin doch nur ein junges Mädchen. Mein Bruder war gerade mal einundzwanzig.« »Sie werden mich hinbringen.« Brigitte hatte diesen Unterton in seiner Stimme schon einmal gehört. »Ich werde Ihnen nichts antun. Ich gebe Ihnen mein Wort.« Doch als er die Hand nach ihr ausstreckte, wusste Brigitte, dass seine Worte die reinsten Lügen waren. Die Wirklichkeit holte sie ein. Die Hoffnung war mit Edgar gestorben. Sie hatte nur einen Moment, um sich zu entscheiden. »Heute Nacht sterben wir. Wir sterben.« Brigitte drehte sich um und sprang.

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