ROMAN
SCHULD
UND VERGIB UNS UNSERE
TRICIA GOYER
Lelia lachte. Draußen heulte der Wind. Ein später Frühjahrssturm bescherte dem Land Regen. Doch das Lachen des Mädchens genügte, um das ganze Haus hell zu machen. Michaela hatte heute Nachmittag das Federbett gebraucht. Ihre Muskeln schmerzten noch immer von dem Lauf zum Lager vor ein paar Tagen. Helene hatte heißen Tee und Plätzchen gebracht. Die verlegene Spannung der letzten Tage war fort. Michaelas Herz fühlte sich so leicht wie die Federn, mit denen ihr Bett gefüllt war. Irgendwie war Helene ihr jetzt näher als vorher. Sie hatte die Angelegenheit Gott anheim gestellt und ihre Beziehung zu Helene in seine Hände gelegt. »Schau mal!«, hatte Anika gerufen und war ins Zimmer gestolpert, angetan mit dem alten graugrünen Mantel ihres Großvaters und seinem geliebten Gamsbarthut. Ihr kleines Gesicht verschwand beinahe unter der Hutkrempe, was Michaela aber wirklich zum Lachen gebracht hatte, war der Anblick ihrer Oberlippe. Unter der kleinen Stupsnase prangte ein prächtiger Schnurrbart, aufgemalt mit Asche aus dem Herd. Als Anika zu allem Überfluss auch noch den schlurfenden Gang ihres Großvaters nachahmte, konnte Michaela nicht mehr an sich halten. Sie kicherte, und dieses Kichern steigerte sich und wuchs sich zu einem brüllenden Gelächter aus. Plötzlich, ohne Vorwarnung, war Lelia in ihr Lachen eingefallen. Aller Augen richteten sich auf sie, während sie kicherte wie ein Teenager – der sie ja war.
29. Mai 1945
VIERZEHN
Am Spätnachmittag schlief der Sturm ein, und Helene nützte die Gelegenheit, noch rasch zum Laden zu gehen, bevor er schloss. Sie summte leise vor sich hin, während sie die Straße entlangging, und hielt dabei Ausschau nach der Gestalt ihres Vaters. In letzter Zeit hatte er häufig alte Freunde besucht, mit ihnen über Politik geredet und Pläne für die Zukunft gemacht. Ihre kleine Welt summte förmlich vor allen möglichen Gerüchten. Gerüchte über die russische Besatzung. Über den Wiederaufbau der österreichischen Regierung. Darüber, wer in Zukunft an der Macht sein würde. Zu ihrer Zukunft, das wusste Helene, gehörte auch die Wiedereröffnung des Gasthauses. Sie hatten bisher von der Großzügigkeit anderer gelebt. Es waren Extrarationen von armen Bauern gekommen und andere kleine Spenden von Leuten, denen ihr Vater im Krieg geholfen hatte. Von den Amerikanern bekamen sie Brot. Doch jetzt würden sie bald wieder selbst etwas verdienen müssen.
»Was ist denn hier los?«, fragte Helene mit gespielter Strenge, die Hände in die Hüften gestemmt. Irgendetwas an Helenes breitbeinigem Dastehen oder ihrem kugeligen Leib, dessen Umfang sich über Nacht verdoppelt zu haben schien, musste Lelia komisch vorkommen, denn ihr Lachen wurde lauter und lauter. Schon bald lachten sie alle so, dass ihnen die Tränen über die Wangen liefen. Helene rang nach Atem. »Lelia, wir danken dir für dieses Lachen.« Michaela sah zu, wie Helene sich einen Stuhl an das Bett des Mädchens zog und Lelias Hand ergriff. »Schön, dass du da bist«, sagte Lelia ruhig und lächelte. Michaela wurde warm ums Herz. Ihr erstes Lachen und ihre ersten Worte. Vielleicht wird doch noch alles gut. In Gottes Händen war das nur eine Sache der Zeit. Ihre schwarzen Lederschuhe ließen die kleinen Pfützen, die hier und da auf dem Pflaster standen, aufspritzen. Die Luft roch frisch. Es war unendlich lange her, dass der Wind einen so süßen Duft mitgebracht hatte. Als sie um die Straßenecke bog, stockte sie kurz. Sie konnte nicht glauben, was sie sah! Da saß ein Mann aus ihrer Vergangenheit auf den Stufen zum Schneidergeschäft und rauchte eine Zigarette. Er war magerer, als sie ihn in Erinnerung hatte, aber sein beunruhigendes Grinsen war noch dasselbe. Arno Schröder. Friedrichs Freund. Der Mann, der bei der Leiche ihres Mannes den Brief an sie gefunden hatte. Was machte er hier? Ihre Finger krampften sich um den Metallbügel ihrer Einkaufstasche. Einen Augenblick begegneten sich ihre Augen. Sie beschleunigte ihren Schritt, konnte aber spüren, wie er sie ansah. Sie lächelte einem vorübergehenden Paar höflich zu. Ihr ganzer Körper schrie danach, umzukehren und nach Hause zurückzurennen. Aber sie wollte nicht. Sie wollte diesen Empfindungen nicht nachgeben, wollte sich von seinem Blick nicht einschüchtern lassen. Sind die Russen denn nicht hinter ihm her? Oder die Amerikaner? Wie konnte er so einfach nach St. Georgen zurückkehren? Das Grinsen auf Arnos Gesicht wurde breiter, als er sah, dass Helene schwanger war. Er ließ seinen Blick dreist über ihren Körper wandern, sodass sich ihr fast der Magen umdrehte. Sie ging ohne ein Wort an ihm vorbei und wäre beinahe noch am Lebensmittelgeschäft vorbeigelaufen. Im Eingang stand ihr Vater und rief ihr etwas zu. Als er ihr Gesicht sah, runzelte er die Stirn. Mit drei schnellen Schritten war er an ihrer Seite und geleitete sie die Stufen zum Laden hinauf.
Ihre Augen flogen zu Arno hinüber und wieder zu ihrem Vater zurück. »Was macht er hier?« »Die Amerikaner haben ihn in Bayern aufgegabelt und liebenswürdigerweise mit nach Hause genommen.« Die Stimme ihres Vaters klang ruhig, aber Helene spürte den Zorn, der dahinter glomm. »Wissen sie denn nicht, wer er ist?«, fragte sie. Sie schritten zusammen durch die Regalreihen mit den fast leeren Böden. »Nein. Wahrscheinlich hat er gelogen und gesagt, dass er zum regulären Heer gehört hat. Sie schicken die Soldaten nach Hause.« Er hob das Kinn. »Sie sind keine Bedrohung mehr, jetzt, da der Krieg zu Ende ist.« Ihr Vater sprach ein wenig zu laut, fand sie. Vielleicht würde sie sich nie mehr daran gewöhnen, in aller Öffentlichkeit ihre Meinung zu sagen. Sie ließ das Thema fallen, aber das Unbehagen, das sie befiel, als sie den Mann sah, konnte sie nicht abschütteln. »Vielleicht sollten wir es ihnen sagen«, meinte sie. »Wir sollten zu Josef gehen und …« Ihr Vater strich sich über das Kinn. »Glaubst du wirklich, Josef wird sich anhören, was du zu sagen hast?« Das saß. Sie wusste, dass er Recht hatte. Nein, sie konnte nicht zu Josef gehen. »Ich sehe hier nichts, was mich interessiert.« Helene brach den Gang durch die Regalreihen ab. Sie konnte sowieso nicht klar genug denken, um noch zu wissen, was sie hatte kaufen wollen. »Bringst du mich heim?« Als sie diesmal an ihm vorbeigingen, waren Arnos Frau und zwei seiner Töchter im Teenageralter bei ihm. Helene beschleunigte ihre Schritte, aber nicht genug. »Helene, Herr Katz, wie schön, Sie zu sehen«, rief Edda vom Eingang aus. »Wissen Sie schon, dass Arno zurückgekehrt ist?«
Eddas Wangen waren rot vor Anstrengung, so schnell war sie zu Helene gelaufen. Helene blieb stehen und versuchte zu lächeln. Sie sah Edda ins Gesicht, ihrem Mann schenkte sie nicht einmal einen flüchtigen Blick. »Was für ein Glück für Sie«, sagte Helene in ihrem liebenswürdigsten Ton. Der Griff ihres Vaters um ihren Arm verstärkte sich. Sie wusste, dass er sie warnen wollte. Sie musste aufpassen, was sie sagte. »Wie … wie schön für Sie.« Die Augen der Frau wurden groß, als sie Helenes Bauch sah. »Ach, ich wusste ja gar nicht, dass Sie schwanger sind. Sie sind mir ja eine Heimlichtuerin!« Helene lächelte steif. »Friedrich und ich haben immer auf eine günstige Gelegenheit gewartet, es bekannt zu geben, aber wie wir alle wissen, ist sie nie gekommen.« »Wie dumm von mir. Sie haben ja Recht. Es tut mir Leid. Ich hatte vergessen, dass er fort ist.« Ihr Vater lüftete den Hut. »Bitte entschuldigen Sie uns jetzt. Meine Tochter wird zu Hause gebraucht«, sagte er höflich und zog sie weiter. »Es ergibt einfach keinen Sinn«, sagte Helene, als sie außer Hörweite waren. »Anika hat keinen Vater. Und dieses werdende Kind auch nicht. Unser Leben hat sich von Grund auf geändert, und andere leben weiter, als sei nichts geschehen.« Ihre Einkaufstasche schlug bei jedem Schritt gegen ihre Beine, doch sie schien es überhaupt nicht zu spüren. Als sie schon fast vor der Haustür waren, brach ihr Vater endlich das Schweigen. »Und was glaubst du, wäre passiert, wenn Friedrich zurückgekommen wäre? Was würde er von deinem jetzigen Leben halten? Was würde er sagen, wenn er erfahren hätte, was du getan hast?« Michaelas und Lelias Gesichter erschienen vor ihrem geistigen Auge. Und Anikas. Das Lachen heute Nachmit-
tag. »Du hast Recht. Ich könnte nicht zu ihm zurück.« Ihr Vater klopfte ihr auf die Schulter. »Und du wolltest es auch gar nicht.« Sie traten durch das Gartentor und stiegen die Stufen hinauf. »Du hast eine zweite Chance bekommen«, sagte er schlicht. Seine Hand lag auf dem Geländer. »Ich sage nicht, dass es leicht wird ohne Mann. Der Himmel weiß, wie schwer es mir fiel ohne deine Mutter. Aber du wirst stark und mutig werden. Jetzt schlägt das Wurzeln, was deine liebe Mutter tief in deine Seele gepflanzt hat.« Stärke und Mut. Helene sann über diese beiden Worte nach, als sie durch die Vordertür ins Haus gingen. Das waren genau die Eigenschaften, die sie brauchte, wenn ein Mann wie Arno Schröder wieder in der Stadt war.