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Johanna-Ruth Dobschiner

Zum Leben erw채hlt


Zeit sei. Alles war zeitlich genau eingeteilt, wir mussten uns strikt an den Plan halten. Das war der endgültige Abschied. Wir wussten es alle und machten es kurz. Das Wetter hatte zu unseren Gunsten umgeschlagen. Es war stürmisch, dunkel und trocken, als Nopje und ich dieses mir so liebgewordene Haus verließen. Der strömende Regen während des Tages hatte den harten Lehmweg und die Gleisanlagen durchweicht. Der Boden war glitschig, und unsere Gummistiefel blieben wiederholt im schlüpfrigen Schlamm stecken. Das Gehen war Schwerarbeit, aber wir mussten weiter. Unser Ziel war der »Urlauberzug« für Wehrmachtsangehörige, der die Grenze um 1.15 Uhr morgens passierte. Wir waren um 11.30 Uhr aufgebrochen und befanden uns um Mitternacht bereits tief in der Einöde. Es war stockdunkel, und wer konnte es uns verdenken, dass wir vor Kälte und Angst schlotterten, als wir zwei kleine Lichter auf uns zukommen sahen? Der Befehl: »Hinwerfen, nicht bewegen!« wurde sofort befolgt. Als die Patrouille vorbei war und ihre Lichter in der Ferne verschwanden, nahmen wir unseren Weg wieder auf. Bald erreichten wir die Bahnlinie. Nopje steckte ihren Stock mit einem weißen Socken daran fest in den Boden. Der musste ihr den Heimweg zeigen. Wenn sie von diesem Punkt geradeaus ging, würde sie das Pfarrhaus sicher wieder erreichen. Wir kämpften uns auf der rechten Schienenseite zur Station vor. Das würde der längste Weg sein, fast eine Stunde, und der Lehm war so weich und schlüpfrig. Ziemlich zum Ende kamen zwei weitere Menschen in unserer Richtung gegangen. Einer trug ein Licht, und wir verbargen uns einen Augenblick. Dann folgte Nopje ihnen, und ich sah, dass einer von ihnen sehr groß war. Domie! Der andere, ein Offizier, ging uns voran, und wir folgten seinem Zeichen. Wir schritten rüstig und zielbewusst aus um keinen Verdacht zu erregen. Schließlich hatten wir den festen Asphalt des Bahnsteigs unter unsern Füßen. Wir zogen unsere Gummistiefel aus und schlüpften in saubere Schuhe. Alles hing von den nächsten fünf Minuten ab. Keine Angst durfte in unseren Herzen sein, doch meins klopfte und hämmerte im Rhythmus mit der Dampflok. Nopje presste liebevoll und fest meine Hand, dann ging ich mit Domie weiter. Er öffnete die Tür des nächsten Wagens. Wir befanden uns »in der Höhle des Löwen«. Das war zweifellos der Urlauberzug. Er war vollgepackt mit Angehörigen der Wehrmacht, die vom Heimaturlaub kamen und zum Einsatz zur Front zurückkehrten. 183


Ich wunderte mich über die äußerliche Ruhe, mit der Domie mich für die lange und gefährliche Reise unterbringen wollte. In Ausdruck und Benehmen passte er sich gut den anderen Soldaten in Uniform und Zivil an. Heftig eine Abteiltür nach der anderen aufreißend, schrie er: »Nirgends Platz? Schrecklich.« Er musste deutsch reden, denn das erregte keinen Verdacht. Ich hielt mich dicht hinter ihm und fragte mich, wo er mich wohl endlich unterbringen würde. Dann war mein Schicksal entschieden. Er stieß mich hinein und rief: »Na, endlich! Auf Wiedersehen, und gute Reise!« »Bis Utrecht«, fügte er leiser hinzu und schaute mir tief in die Augen. Das bedeutete mir alles. Dann gab er mir seinen pastoralen Segen und empfahl mich der Obhut des Hirten unserer Seelen. Die Abteiltür schlug zu, und ich bahnte mir in dem trüben Licht einen Weg zu dem einzigen freien Sitzplatz. Man sollte sich nur einmal vorstellen, ich – hier! Wer glaubte nicht mehr an Wunder? Meine sieben Mitreisenden in Uniform blinzelten mich verschlafen an. Ich entschuldigte mich in gutem Deutsch, und alle fielen wie von höherer Macht gezwungen wieder in Schlaf. Seltsamerweise war ich ebenfalls schlafbedürftig, setzte mich bequem zwischen ihnen zurecht und segelte ins Traumland. Da dies die einzige Haltestelle jenseits der Grenze war, ratterte der Zug weiter durch bis Utrecht. Als er endlich mit einem Ruck zum Stehen kam, wachten alle fast gleichzeitig auf und lächelten einander verlegen an. Langsam und ruhig erhob ich mich, streckte mich und rieb meine Augen noch einmal und stieg mit einem freundlichen »Auf Wiedersehen, alles Gute!« aus. Da war ich also! Ich fühlte mich erfrischt, als ich auf dem Bahnsteig landete, der schon von Menschen wimmelte. Ganz normale Menschen, Männer und Frauen, die zur Arbeit gingen. Es war einfach herrlich, sich unter Menschen zu mischen und einer von vielen zu sein. Während ich meine augenblickliche Lage noch in vollen Zügen genoss, kam jemand auf mich zu und redete mich wieder in irreführendem Deutsch an. Ich wurde wie eine alte Bekannte begrüßt. »Gute Reise gehabt?« Das war das Kennwort. Ich beteiligte mich also an dem Spiel und ging neben ihm her auf das nächste Glied in der Kette zu. Es war ein anderer Zug auf einem anderen Bahnsteig, und mein Begleiter brachte mich in ein besonderes Abteil. Zwei Menschen lächelten mich an. Sie schienen Vater und Sohn zu sein, und ich lächelte zurück. Der Kontakt war geknüpft, doch behielten wir auch weiterhin den Anschein bei, dass keinerlei Verbindung zwischen uns bestand. Dieser Teil der Reise war fast normal zu nennen. Es war wunderbar, frei

zu sein und herumzuschauen, sich frei zu bewegen und zu handeln wie ein normaler Mensch. Da es noch früh am Morgen war und ich niemand hatte, mit dem im mich unterhalten konnte, begann ich, glücklich und zufrieden vor mich hinzuträumen. Ich war sehr hungrig, meinte aber, dass Essen wohl nicht in Frage käme. Ich steckte mir noch ein Stückchen Zucker in den Mund und war restlos befriedigt. Mit geschlossenen Augen träumte im weiter. Das sollte ein langer Tag und eine lange Reise werden. Es war ein Glück für mich, dass mich meistens ein gesunder Schlaf übermannte. Ich hatte keinen Hunger mehr. Der Körper akklimatisiert sich an solche Situationen. Das Schweigen meiner Mitreisenden fiel kaum auf; jeder schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und niemand fühlte sich danach, das Schweigen zu brechen. Gegen Abend erreichten wir den südlichen Teil Hollands. Hier war ich noch nie gewesen. Selbst die Landschaft sah hier anders als daheim aus. Überall gab es Hügel und Täler, hübsche Dörfer und viel mehr Kirchen. Es sah so aus, als ob der abendliche Berufsverkehr begonnen hatte. Die Stationen, an denen wir vorüberfuhren, waren voller Menschen, und die Straßen waren sehr befahren. Unser Zug hielt nicht auf jeder Station, doch trotzdem begann sich das Abteil allmählich zu leeren. Zuletzt waren die beiden Männer und ich allein. Der ältere Mann war ungefähr 45 Jahre alt, und der jüngere, der mir als sein Sohn Dirk vorgestellt wurde, ungefähr achtzehn. Nach einem freundlichen Grüßen gaben sie mir eine Butterbrotdose, die noch frisches Brot und Käse enthielt. Der Junge hatte einen kleinen Obstladen in seiner Tasche, und die Orange, die er hervorbrachte, gab mir neuen Lebensmut! Viel wurde nicht gesprochen, bis sie erkannten, dass ich für den nächsten Schritt bereit war. Heerlen! Wir stiegen aus und mischten uns unter den abendlichen Strom von Menschen. Alles war wohl durchdacht. Sie brachten mich zu einem einsamen Bauerngehöft draußen vor der Stadt, wo uns ein herrliches Mahl erwartete. Ich durfte mich waschen und umziehen. Wenn meine Kleider gewaschen wären, würden sie einem anderen Mädchen zugute kommen. Meine neuen Sachen passten mir ausgezeichnet. Ich begann die Erregung des Abenteuers zu verspüren. Oom Henk und meine Wirtin zogen sich zurück, um die Vorkehrungen für die nächsten vierundzwanzig Stunden zu besprechen. Dirk und ich unterhielten uns über oberflächliche Dinge, die ewigen Bemerkungen über das Wetter nicht ausgenommen. Als die älteren Herrschaften zurückkamen, erfuhren wir, dass sie sich entschlossen hatten, noch die letzte dunkle Nacht zu benutzen, um mich

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sofort nach Mitternacht weiterzuleiten. Hier wurde ich offiziell Franziska genannt, da meine falsche Kennkarte mich als solche ausgab. Ich führte jetzt ein Doppelleben. Bald lernte ich, nur mein neues Leben zu führen. Mein neuer Name wurde ein Teil von mir, und mein Alter, Beruf und meine Adresse wurden für mich praktisch Realität. Ich lebte und fühlte mich als Franziska Dobber. Unser Weg führte uns durch Kornfelder. Es war dunkel, aber nicht kalt und weit friedlicher und weniger angsterregend, als die vergangene Nacht auf der Reise nach Süden. Eine sanfte Brise bewegte das Korn leicht hin und her. Dabei ertönte ein leise zischendes Geräusch. Warum gab es diese Sorge und Liebe und Aufmerksamkeit bis in alle Einzelheiten, um mich durchzubringen? Warum setzten so viele ihr eigenes und das Leben ihrer Familien aufs Spiel? Für mich? Ich erfuhr von meinen Reisebegleitern, dass meinen Mitgenossen im Untergrund Schlimmes zugestoßen war, während ich in Sicherheit gebracht wurde. Man hatte die Mäuse aufgespürt, nachdem man sie durch Menschen wie Oom Henk, Dirk und Domie in auserwählte Familien gebracht hatte. Einige Verräter hatten die Illegalen aufgespürt und sie um materiellen Gewinn verraten. Der Maulwurf, der beste Freund der Mäuse, hatte sie auf ihren Reisen geführt und begleitet, aber auch ihn hatte man ergriffen. Er war stark und gesund und hatte wenigstens eine Überlebenschance, aber die Mäuse, besonders die kleine, würden das nicht aushalten. Nach ihrer plötzlichen Gefangennahme schleppte man sie in ein Gefängnis in Amsterdam, dann in das Lager nach Westerbork und von dort … Das Schlimmste wurde durch einen Brief bestätigt, der Tante Jo einige Zeit später erreichte: »Als ich Freitagnachmittag auf der Station in W. stand, sah ich einen langen Zug vorbeifahren, der vom Zentrallager in Westerbork kam. Aus einem Viehwaggon riefen drei Frauen mir durch eine offene Luke, die mit Stacheldraht gesichert war, etwas zu. Ich konnte nicht näher herangehen, weil die ganze Station von feindlicher Polizei wimmelte, die alle Menschen daran hinderte, näher heranzukommen. Ich wusste, dass diese armen Menschen mir verzweifelt etwas sagen wollten, dann fing ich ihren Namen und ihre Adresse auf. Sie wollten Sie noch einmal grüßen. Hiermit entledige ich mich meines Auftrages. Hochachtungsvoll, Hauptmann K.« Würde die Weltmeinung den Feind nicht endlich dazu bringen, aufzugeben? Wie lange konnten wir und alle in ähnlicher Lage noch aushalten? Wie viele Tausende mussten noch durch Bomben, Hunger, Mord, Folter, 186


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