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GÜTERSLOHER VERLAGSHAUS

Gütersloher Verlagshaus. Dem Leben vertrauen


Katharina Kunter

500 Jahre Protestantismus Eine Reise von den Anfängen bis in die Gegenwart

GĂźtersloher Verlagshaus


Bild S.2: Lutherdenkmal vor der Ruine der Dresdener Frauenkirche, 1992.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100

Lizenzausgabe 2011 für das Gütersloher Verlagshaus

© Palmedia Publishing Services GmbH, Berlin, 2011 Die Verwertung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne Zu-

stimmung von Palmedia urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verbreitung mit elektronischen Systemen. Karten: Peter Palm, Berlin

Layout und Satz: Felgner & Zierke, Berlin

Umschlagbild: Anton von Werner (1843–1915), Luther auf dem Reichstag zu Worms, © der Bildvorlage: akg-images Druck: Druckhaus Gera

Bindung: Leipziger Kunst- und Verlagsbuchbinderei Printed in Germany 2011

ISBN 978-3-579-08097-0 www.gtvh.de


Inhaltsverzeichnis Vorwort

7

I. Europa, die alte Kirche und die neuen Ideen

11

Kirche und Christentum vor der Reformation

12

Kirchenkritik, neue Frömmigkeit und Humanismus

II. Aufbruch, Widerspruch und Umbruch:

16

Die Reformation in Deutschland

21

Erster Protestant Deutschlands: Martin Luther

22

Die Evangelischen werden „Protestanten“

42

Die Reformation setzt sich durch Die evangelische Kirche entsteht Frauen und die Reformation

III. Vielfältig, radikal und alternativ:

33 44 46

Die Reformationen in Europa

51

Eroberung der Städte: Zürich und Genf in der Schweiz

54

Reformatorischer Widerstand in den Niederlanden

65

Königsreformationen in Nordeuropa Die Reformation in Frankreich

Reformation in den Ländern der Inquisition: Italien und Spanien Die Reformation im östlichen Mitteleuropa Reformationen in England und Schottland

IV. Der Protestantismus gewinnt Profil:

61 73 75 79 86

Das 17. und 18. Jahrhundert

97

Zwischen Krieg und Frieden

98

Puritaner und Erweckte in der Alten und Neuen Welt

104


Der Protestantismus in Kunst und Musik Inseln der Frömmigkeit

V. An der Seite der Macht – an der Seite der Machtlosen:

115 126

Das 19. Jahrhundert

137

Protestantismus und Moderne

138

Protestantismus und soziale Frage in Deutschland

158

Zwischen Thron und Altar

Mission, Kolonialisierung und Globalisierung

VI. Protestantismus in einer Welt der Möglichkeiten:

151 167

Das 20. Jahrhundert

175

Ökumenische Bewegung: Vision von der Einheit der Kirche

176

Der dunkle Schatten: Nationalsozialismus und Holocaust

193

Frauen bewegen Kirche und Gesellschaft

Theologie und das Denken über Gott im Aufbruch Versöhnung und Brückenbau Menschenrechte

Kirche der Freiheit

187 203 213 214 227

Ausblick

231

Zeitstrahl

234

Literaturempfehlungen

238

Bildnachweise

240


Vorwort

Vorwort Dieses Buch möchte Sie, liebe Leserin und lieber

traditionellen reformatorischen Bekenntnisses ent-

mus einladen. Es ist keine versunkene und keine

Gemeinschaften. Und obwohl sie alle die Bibel als

Leser, zu einer Reise in die Welt des Protestantisverstaubte Welt, wie es vielleicht im ersten Mo-

ment erscheinen mag, sondern eine, die viel mit unserer heutigen Art zu denken und zu handeln zu

tun hat. „Du bist protestantischer, als du denkst“,

wickelt haben – gegenwärtig sind dies etwa 30 000 einzige religiöse Autorität akzeptieren, gibt es beinahe genauso viele Auslegungen wie Richtungen oder sogar Einzelpersonen.

Eine solche Entwicklung hatte der Mönch

heißt beispielsweise das Motto einer Öffentlich-

Martin Luther im 16. Jahrhundert natürlich nicht

mus. Damit ist gemeint, dass der Protestantismus

Suche nach Gottes Gnade und Erlösung bereits

keitskampagne des niederländischen Protestantisnicht nur eine Sache des persönlichen Glaubens ist, sondern auch unsere Wertvorstellungen, un-

sere Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen sowie unsere Kultur mitgeprägt hat. Es ist also kein

Zufall, dass Länder wie die Niederlande, Schweden, Norwegen, Dänemark oder die Schweiz und Kanada zu den „globalen Samaritern“ gehören, in

denen sich mehr Menschen als andernorts ehrenamtlich für die Einhaltung der Menschenrechte

engagieren und in denen die höchsten Beiträge an Menschenrechtsorganisationen gezahlt werden.

Wer die Welt von heute begreifen will – und

das gilt besonders für Europa und Nordamerika –, muss sich ihrem inneren Kompass nähern. Un-

vorhersehen können. Doch enthielt seine innere

jenen Funken an Individualität, der im Verlauf der Geschichte zu einem weiteren Wesensmerkmal des Protestantismus werden sollte. Denn als

Luther vor dem Kaiser und den Fürsten auf dem Reichstag in Worms 1521 ablehnte, seine Thesen zu widerrufen, nahm er als einer der ersten die

Freiheit des Einzelnen, der sich nur vor Gott alleine verantwortlich weiß, in Anspruch. Man möge

ihn durch die Heilige Schrift und vernünftige Argumente überzeugen, aber nicht durch Päpste und

Konzilien, denn diese können irren und hätten sich oft genug selbst widersprochen, begründete Luther seine Entscheidung.

Die neue, direkte Beziehung des Menschen zu

sere Reise beginnt daher mit der Reformation in

Gott, die allein durch die Bibel gestiftet wurde und

die von Martin Luther angestoßene Bewegung an

quien brauchte, bildete seitdem das geistliche und

Deutschland und in Europa. Sie verfolgt, wie sich

verschiedenen Knotenpunkten der Geschichte zu

einer weltweit verbreiteten christlichen Konfession entwickelte. Ihr besonderes Merkmal ist die

Vielfalt. Denn der Protestantismus ist mehr als

nur die Institution der evangelischen Kirche in den verschiedenen Ländern oder ihre leitenden Bischöfe. Er umfasst neben dem Luthertum, dem Calvinismus oder Teilen des Anglikanismus auch

Gruppen und Bewegungen, die sich abseits des

keine Vermittlung mehr durch Priester oder Reli-

geistige Fundament des Protestantismus. Jeder und jede Gläubige war nun sein bzw. ihr eigener Priester vor Gott und musste für sich selbst vor Gott

einstehen. Die Freiheit von der allmächtig erschei-

nenden Institution Kirche, von Dogmen und vom Druck der Umgebung ermutigte so zu eigenem

Denken und zu eigenverantwortlichem Handeln. Das ließ im Verlauf der vergangenen 500 Jahre bei

Protestanten und Protestantinnen ein besonderes,

7


Vorwort

gegenüber

machen konnte, war schneller versucht, auf eine

fig führte dieses zu konkretem gesellschaftlichem

Ideologie, die Nation oder die Gesellschaft. Die

individuelles

Verantwortungsgefühl

Gott, der Welt und sich selbst entstehen. Häuund politischem Engagement. In seiner berühmten Rede 1967 vor dem Lincoln-Denkmal in Washington drückte Martin Luther King diese pro-

testantische Verantwortung mit den Worten aus: „Now is the time to make justice a reality for all of God’s children“ ( Jetzt ist die Zeit, um Gerech-

neue weltliche Autorität zu setzten: den Staat, eine

starke Orientierung an der Welt wiederum barg

die Gefahr, dass der Protestantismus selbst zu einer rein weltlichen Sache wurde. So mag der Protes-

tantismus manchmal sehr als vom Zeitgeist getrieben erscheinen.

Bemerkenswert ist jedoch, dass der Protestan-

tigkeit zu einer Realität für alle Kinder Gottes

tismus im Laufe seiner 500-jährigen Geschich-

Freilich bestand diese Beziehung immer in bei-

Kontroversen aushalten konnte. Häufig wurde da-

werden zu lassen).

de Richtungen: vorwärts und rückwärts, in die Moderne und in die Antimoderne, in den Frieden

ebenso wie in den Krieg. Darin glich der Protestan-

tismus den anderen Religionen und Konfessionen. Luthers Einsicht, dass der Mensch immer zugleich

te Gegenreden und Abspaltungen, Proteste und

durch sogar etwas Neues geschaffen und konnten

Menschen für den Glauben an Gott gewonnen werden – bis hin ins 21. Jahrhundert, in dem sich der Thesenanschlag Luthers zum 500. Mal jährt.

Sünder wie auch von Gott Gerechtfertigter ist, er-

Am Ende der Reise steht ein persönlicher Dank

zurück in die eigene Vergangenheit und ermutigt

Töchter Thyra und Alva mussten viele, viele Stun-

laubt allerdings ausdrücklich einen kritischen Blick zum Neuaufbruch.

Die von Luther propagierte Selbstverantwor-

tung konnte jedoch ebenso zu einer Last werden. Denn wer seine Entscheidung nicht mehr von einer übergeordneten kirchlichen Instanz abhängig

an meine Familie. Anko und unsere beiden kleinen den auf mich verzichten – und auf viel Schönes, was wir gemeinsam hätten machen können. Dass

sie mir trotzdem diese Freiräume zum Schreiben geschenkt haben, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.

17 Jahre nach dem Mauerfall: Dresdener Frauenkirche mit Lutherdenkmal, 2006

8


I.

Europa, die alte Kirche und die neuen Ideen

Die mittelalterliche Kirche konnte sich auf die Frömmigkeit des Volkes stützen. Auf diesem Gemälde von Sir Lawrence AlmaTadema von 1864 sind Gläubige im 15. Jahrhundert beim Verlassen der Kathedrale Notre Dame in Paris zu sehen.


Europa, die alte Kirche und die neuen Ideen

Kirche und Christentum vor der Reformation Wie kommt es zu Veränderung in der Geschichte? Wann fängt etwas Neues an und wo lässt sich etwas

als „alt“ erkennen? Das ist eine der grundsätzlichsten Fragen für alle, die versuchen, die Vergangen-

heit zu bündeln und zusammen zu fassen – sie als „Geschichte“ zu schreiben. Laien und professionelle Historiker deuten dabei immer aus

ihrer eigenen Zeit heraus und von ihrem je-

weiligen Standpunkt her das Geschehene. Und je nachdem, wie sie selber die Ge-

genwart erleben und einschätzen, werden sie die Vergangenheit mit

besonderen Fragen bedenken und

abschließend beurteilen.

Das gilt auch für die Zeit vor,

während und nach der Reformation

im 16. Jahrhundert. Ein bekenntnis-

treuer Lutheraner, für den Luther der

Held der Kirchengeschichte ist, wird

sich dieser Zeit anders nähern als ein

Wissenschaftler mit Interesse für soziale

Fragen oder europäische Kulturgeschich-

te. Wer in Luther und der Reformation

die entscheidende „Zeitenwende“ vom

Im 19. Jahrhundert wurden viele Lutherstatuen errichtet. Dieses Gipsmodell für das Reformationsdenkmal in Worms wurde vermutlich von Ernst Rietschel geschaffen.

Mittelalter zur frühen Neuzeit sieht,

kann die Kirche und das Christentum vor

der Reformation glaubwürdig als alt, erstarrt und in der Krise schildern. Die Reformation leuchtet dann für ihn als Ereignis, das die Wende zum Bes-

seren gebracht hat. In Geschichtsbüchern lassen

sich für diese Sicht viele symbolträchtige Bilder finden: Der Übergang vom Dunklen ins Helle

oder von der Nacht in den Tag. „Im Morgenrot der Reformation“ lautete zum Beispiel der Titel eines Buches, das zum 400. Jubiläum der Reformation 1912 herausgegeben wurde.

12

Die Wirklichkeit in der Geschichte

ist jedoch vielschichtiger und komplexer als die meisten eingängigen Deutungen über die Geschichte. Die Moderne kam nicht über Nacht zu Luther

und nach Wittenberg, son-

dern es gab schon im späten

Mittelalter Aufbrüche und

Reformen in Kirche, Gesellschaft und Politik.

Europa im 16. Jahrhundert


Kirche und Christentum vor der Reformation

13


Europa, die alte Kirche und die neuen Ideen

den heutigen Staaten in Europa nur wenig gemein-

sam hatte. Zu den größeren Königreichen gehörten

im Westen die Königreiche Frankreich, England und Schottland, im Süden die Königreiche Kastilien, Aragon und Portugal, Neapel und Sizilien, im

Osten das Königreich Polen, das Großfürstentum Litauen und das Osmanische Reich.

Im Norden erstreckten sich die Königreiche

Dänemark, Norwegen und Schweden. In der Mitte Europas erstreckte sich schließlich das Heilige Rö-

mische Reich Deutscher Nation, kurz das Reich.

An der Spitze des Reiches stand zwar der Kaiser. Doch die jeweiligen Herrscher der Fürstentümer, die Landesherren, besaßen die eigentliche Macht im Reich. Die Reichsbewohner waren also zuerst Untertanen ihrer Landesherren.

Gegenüber diesen weltlichen Herrschaften hat-

te sich im Mittelalter das westliche Christentum in

Gestalt der (katholischen) Kirche mit ihrem Ober-

haupt, dem Papst, als eine weitere Machtsphäre etabliert. Zwar verstand die Kirche ihre Autorität als „geistlich“, sie war aber ebenso eine reale po-

litische und wirtschaftliche Macht. Und sie war

darüber hinaus die mentale und kulturelle Kraft, Das tägliche Leben im 15. Jahrhundert war durch die Frömmigkeit der Menschen geprägt. Dieses Gemälde von Friedrich Herlin, das um 1465 entstanden ist, zeigt die Frau und die Töchter eines Altarstifters.

Blicken wir vor diesem Hintergrund nun auf Eu-

ropa um 1500, so lassen sich Wandlungen und Veränderungen ebenso ausmachen wie Krisenanzeichen

oder Stagnationen. Würde man es als ein Gemäl-

de malen – es würde deshalb kein Schwarz-Weiß-

Gemälde, sondern ein Bild mit bunten Farben, unterschiedlichen Schattierungen und verschieden starken Kontrasten werden. Ungefähr so viele Einwohner wie in der heutigen Bundesrepublik, also 80

Millionen, lebten damals in Europa; die allermeisten auf dem Land. Sie bewohnten ein Gebiet, das mit

14

die die Lebenswege der Menschen im Mittelalter

lenkte und ihre Vorstellungen prägte. Gleichzeitig hielt die Kirche mit ihren Riten und ihrer Volks-

frömmigkeit als eine Art sozialer Kitt die verschie-

denen Gruppen und Schichten zusammen. Sie bot ihnen also als Heimat Raum und Zeit. Denn Religion begleitete das Leben des mittelalterlichen Menschen vom Anfang bis zum Ende; von der

Taufe über die kirchliche Hochzeit hin bis zur Be-

erdigung auf dem Kirchhof. Klöster und Kirchen, Priester auf den Straßen, aber auch der Glaube an Dämonen und das Fegefeuer gehörten zum Alltag

und machten die christliche Kirche zu einer allumfassenden Autorität.


Kirche und Christentum vor der Reformation

Doch bekam dieses Bild im Verlauf des 14. Jahr-

Damit war zwar zunächst das Papsttum wieder

hunderts Risse. Zunächst wurde das makellose

stabilisiert und das westliche Christentum zusam-

an dem von Beginn an mit dem Papst der Stellver-

auch die Frage im Raum, ob denn ein von Bischö-

Bild der ewigen Stadt Rom angekratzt, des Ortes, treter Christi residierte. Denn 1309 verlegte der

französische Papst Clemens V. den Papstsitz in

das südfranzösische Avignon. Nicht nur, dass dort

einige Päpste in der Folgezeit in Saus und Braus

lebten: Auf einmal beanspruchten gleich drei Päpste die Macht: Gregor XII. (1335–1417, Papst 1406–1415), Benedikt XIII. (1342/3–1423, Papst

1394–1423) und Johannes XXIII. (1370–1419, Papst 1410–1415). Erst das Konzil von Kons-

tanz (1414–1418) konnte diesen Konflikt lösen, indem es die Gegenpäpste zum Rücktritt zwang

und schließlich 1417 Martin V. (1368–1431) zum neuen Oberhaupt der Kirche wählte.

mengeführt. Doch stand mit dieser Entwicklung

fen geleitetes Konzil letztlich nicht mehr kirchliche Macht besäße als der Papst selber. Das war natürlich

keine Frage, die sofort einen unmittelbaren Einfluss auf die Gläubigen hatte. Sie deutete aber an, dass sich die Kirche und die Wahrnehmung von Kirche

veränderten. Das galt auch für die spirituelle Praxis vor Ort. Es wurden weiterhin Messen gelesen, Kinder beerdigt, seelischer Beistand gegeben oder Wall-

fahrten unternommen. Besonders in den Städten, die vom Aufblühen verschiedener Wirtschaftszweige profitierten und dadurch eine Art neue bürger-

liche Mittelschicht hervorbrachten, zeigte sich das Christentum in vielen neuen Formen. Es wurden

Jan Hus Der Nachname des Reformators (um 1370–1415) verweist auf seinen Geburtsort: Husinec (dt. Hussinetz) in Südböhmen. Zum Theologiestudium machte sich Hus nach Prag auf, wo er 1396 den Grad des Magister Artium erwarb und ab 1402 als Professor der Theologie an der Universität lehrte. Wie Wyclif, dessen Schriften in Böhmen bekannt waren, kritisierte er den weltlichen Besitz der Kirche, stellte die Autorität des Papstes in Frage und bezweifelte die Realpräsenz Christi im Abendmahl. Zusätzlich predigte er noch als Priester an der Prager Bethlehemkapelle auf Tschechisch anstatt wie sonst üblich auf Lateinisch. Damit wurde er Teil der böhmischen Nationalbewegung, welche die eigene Identität Böhmens im Reich unterstrich. 1410 verlor er seine Professur und wurde aus Prag verbannt. Unruhen brachen aus. Als sich Hus dann noch weigerte, den Inhalt seines Hauptwerkes „Über die Kirche“ von 1413 zu widerrufen, wurde er als Ketzer, zusammen mit seinen Schriften, auf dem Konstanzer Konzil 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die Verbrennung von Jan Hus auf einem kolorierten Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert.

15


Europa, die alte Kirche und die neuen Ideen

neue Kirchen, Klöster und Kapellen gestiftet, neue

bundenheit großzügig ausdrücken und machte da-

dere Reliquien, wie die Windel Jesu, öffentlich aus-

machte das Christentum präsent, und in gewisser

religiöse Gemälde in Auftrag gegeben oder besongestellt. Viele dieser Aktivitäten gehörten in den Sog

mit aus Religiosität einen Wirtschaftsfaktor. Geld Weise konnte man sagen, es machte auch die Tiefe der Gläubigkeit und Volksfrömmigkeit sichtbarer.

Kirchenkritik, neue Frömmigkeit und Humanismus Diese Entwicklung führte jedoch auch zu Kritik an

der Kirche und ihren Lehren: Priester, Bischöfe und andere kirchliche Amtsträger sollten sich von weltli-

chem Besitz und weltlicher Herrschaft lossagen und in Armut das Evangelium verkünden, forderte etwa

der englische Theologe John Wyclif. Er wurde um 1330 in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire geboren, war Priester und seit 1369 Doktor der Theologie an der Oxforder Universität. Nebenbei übernahm er seit 1368 kleinere Pfarrstellen. Vor diesem

breiten Hintergrund kritisierte er die starke Weltlichkeit und Besitzorientierung der Kirche. Sie solle in urchristlicher Armut leben, lautete eine seiner

Forderungen. Zudem bestritt er die politische Auto-

rität des Papstes und sprach sich für die Besteuerung von Kirchenbesitz aus. Dafür wurde er 1377 von

Papst Gregor IX. gebannt. Doch blieb er kirchenkritisch und stellte unter anderem die Abendmahlsleh-

re von der Umwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi in Frage. Daraufhin distanzierte

sich 1380 auch die Universität Oxford von ihm. Als

Ketzer stigmatisiert, zog sich Wyclif zurück. Bis zu

seinem Tod 1384 arbeitete er an der Übersetzung der lateinischen Bibel ins Englische.

In ähnlicher Weise formulierte eine Generation

John Wyclif auf einem Stich aus dem 18. Jahrhundert.

des beginnenden Frühkapitalismus. Wer Geld hatte, konnte seine eigene Frömmigkeit und Kirchenver-

16

später der böhmische Theologe Jan Hus seine Kri-

tik an der Kirche. Hus musste seinen Einsatz für eine ärmere und zugleich volksnähere Kirche mit dem Scheiterhaufen bezahlen.


Kirchenkritik, neue Frömmigkeit und Humanismus

Neben den theologischen und dogmatischen

ihre männlichen Ableger, die „Brüder vom ge-

S. 77–80) eine wichtige Rolle spielten, war es ei-

sich hier Männer zusammen, die sich im Hier und

Gesichtspunkten, die bei Wyclif und Hus (vgl. ner anderen spätmittelalterlichen Reformbewe-

gung vor allem um spirituelle Erneuerung zu tun.

meinsamen Leben“. Wie bei den Frauen fanden

Jetzt der inneren Nachfolge Christi stellen wollten

und dazu meditierten, beteten und die Bibel lasen.

Die Bergkirche in Deventer stammt aus dem 13. Jahrhundert. In Deventer wirkte der Prediger Geert Grote.

Hier ging es um eine „neue Frömmigkeit“, die auf

Zwar lebten auch sie nach den Idealen der Mönche

Sie ging auf den niederländischen Prediger Geert

ten aber kein lebenslanges Klostergelübde ab. Die

Lateinisch als Devotio Moderna bezeichnet wurde. Grote (1340–1384) zurück. Er gründete 1379 im

niederländischen Deventer ein Haus für unver-

heiratete Frauen, die als Laien ein gottesfürchtiges und besitzloses Leben führen wollten. Später

entwickelte sich daraus die verbindliche religiöse

Gemeinschaft der „Schwestern vom gemeinsamen Leben“, die allerdings keine Klostergelübde

hatte. Ähnlich erfolgreich verbreiteten sich auch

in Keuschheit, Armut und im Gehorsam. Sie legBruder- und Schwesternschaften der Devotio Moderna wuchsen schnell aus ihrem niederländischen

Ursprungsgebiet heraus und verbreiteten sich über

weite Landstriche Deutschlands, vor allem im Rheinland und im Elsass.

Ihre Ideen zu einer persönlichen, auf Erfahrung

fußenden Frömmigkeit wurden von Grotes Schüler Thomas von Kempen (um 1380–1471) aufge-

17


Europa, die alte Kirche und die neuen Ideen

griffen. Er schrieb die einflussreiche Schrift Von

Magdeburg ebenfalls Kontakt mit Brüdern vom

spirituelle Anleitung zu einem geistigen, christli-

Breiter und nachhaltiger als die Devotio Mo-

der Nachfolge Christi (De imitatione Christi), eine

chen Leben, die bis weit in das 20. Jahrhundert

derna veränderte aber schließlich die Bildungsbe-

Buch weltweit galt. Die Devotio Moderna beein-

Europa und mit ihm das westliche Christentum.

hinein neben der Bibel als das meist gelesene flusste schließlich auch Denker wie den Theologen Erasmus von Rotterdam (1466/69–1536), der in Deventer von Lehrern der Devotio Moderna unterrichtet wurde, oder auch Martin Luther, der in

Erasmus von Rotterdam Desiderius Erasmus, wie er sich auf Lateinisch nannte, wurde ursprünglich als Geert Geerts 1466 (oder 1469) in Rotterdam geboren. Er war ein Universalgelehrter und gilt als der bedeutendste Vertreter des christlichen Humanismus. Nachdem er 1487 in das Augustinerchorherrenstift Steyn bei Gouda eingetreten und 1492 zum Priester geweiht worden war, studierte er von 1495 bis 1499 in Paris, England und Italien. Dort wurde er 1506 in Turin zum Doktor der Theologie promoviert. Schon in dieser Zeit entwickelte er sich zu einer international hoch geschätzten Persönlichkeit. In England etwa erhielt er Zugang zum Königshaus und lernte den Humanisten und späteren Lordkanzler Thomas Morus kennen. Ihm widmete er seine 1511 veröffentlichte Satireschrift Lob der Torheit (Encomium Moriae), in der er die scholastische Theologie und kirchliche Missstände aufs Korn nahm. Erasmus war aber nicht nur ein Kritiker von Kirche und Theologie der damaligen Zeit, sondern auch ein sorgfältiger Sprachwissenschaftler. So gab er 1515/16 die erste kritische Textausgabe des griechischen Neuen Testaments mit lateinischer Übersetzung heraus, die später Martin Luther als Vorbild diente. Mit Luther stand Erasmus seit 1519 in Briefkontakt. Bereits zuvor hatte er sich sogar mehrfach für ihn eingesetzt. Beide einte etwa die Kritik am Ablasswesen und der scholastischen Theologie. Doch schnell wurde Trennendes sichtbar: So war Erasmus ein Verfechter der religiösen Toleranz und betonte 1524 in seiner Schrift Vom

18

gemeinsamen Leben gehabt haben soll.

wegung des Humanismus das spätmittelalterliche

Zunächst galt Italien, und insbesondere Florenz, als das Zentrum des Humanismus. Seine Vertreter waren vor allem junge Gelehrte und Wissen-

schaftler, die sich als Vorhut einer neuen Zeit und

freien Willen (De libero arbitrio) gegen Luther die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen. Damit kam es zum Bruch zwischen Luther und Erasmus bzw. zwischen der Reformation und dem Humanismus. Erasmus ließ sich von 1524 bis 1529 in Basel nieder. Dann siedelte er 1529 ins katholische Freiburg über, kam aber 1535 nach Basel zurück, wo er ein Jahr später an Typhus starb.

Erasmus von Rotterdam auf einem Gemälde von Hans Holbein (1520).


Kirchenkritik, neue Frömmigkeit und Humanismus

eines neuen Denkens verstanden. Sie wollten das

der Scholastik. Der Humanismus motivierte nun

griff auf das Erbe der Antike die europäische Ge-

Fontes) viele Gelehrte, sich intensiv mit dem grie-

finstere Mittelalter hinter sich lassen und im Rücksellschaft grundlegend erneuern. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen stand die umfassende Bildung des Menschen, wobei Sprache und Literatur einen

mit seinem Motto „Zurück zu den Quellen“ (Ad chischen und hebräischen Originaltext der Bibel

zu beschäftigen. Mit sorgfältigen Übersetzungen, gründlicher Textkritik und von der Antike inspi-

besonders hohen Stellenwert hatten. Neben La-

rierten Interpretationen machten sich die Huma-

den Humanistenkreisen intensiv die griechischen

und zu erklären. Sie versuchten, das neue Men-

tein und der lateinischen Literatur wurden nun in Denker und Schriften gelesen, studiert und diskutiert. Das lag unter anderem auch daran, dass nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch den osmanischen Sultan Mehmed II. (1432–1481) viele griechische und jüdische Gelehrte nach Itali-

en fliehen mussten, weil nun ihre Heimat, das Byzantinische Reich, zerstört war. Sie brachten nicht

nisten jetzt daran, die Bibel besser zu verstehen

schenbild der Renaissance mit einer geistigen Erneuerung der Kirche zu verbinden. Man bezeich-

nete sie deshalb auch als christliche Humanisten. Der bekannteste Vertreter dieses christlichen Humanismus in Europa wurde der niederländische Theologe Erasmus von Rotterdam.

Von Italien aus gelangte der Humanismus seit

nur ihre Sprache, sondern auch lange verschollen

dem Ende des 15. Jahrhunderts nach Mitteleuropa.

ten auf Griechisch mit. Das weckte ein neues li-

die sich buchstäblich mit den neuen Gedanken auf

geglaubte oder erstmals zugängliche Handschrifterarisches Interesse an den antiken Werken und an der Bibel. Denn die Bibel war im Mittelalter zwar schon mit der Büchereinteilung, wie wir sie

heute kennen, bekannt, aber nur in ihrer lateini-

schen Version (Vulgata). Doch schon mittelalterliche Theologen, wie zum Beispiel Petrus Abaelar-

dus (1079–1142), waren bei ihrem Bibelstudium immer wieder auf unverständliche oder wider-

sprüchliche Aussagen der Bibel gestoßen und hat-

ten sich dafür eingesetzt, diese Stellen im Zweifel aus dem Zusammenhang des Textes zu erklären

und zu interpretieren – und nicht mit der damals an den Universitäten üblichen logischen Methode

Es waren häufig wandernde Gelehrte und Lehrer, den Weg machten und dafür sorgten, dass diese

Schritt um Schritt an verschiedenen Orten Gehör fanden. Dabei hielten die Humanisten auch über

die Grenzen hinweg zusammen. Sie bildeten per-

sönliche und briefliche Netzwerke, trafen sich in Diskussionsgruppen und standen sich in Konflik-

ten bei. Manchmal waren sie auch eine Art Geheimbund, denn weil sich ihre Ideen und Vorstel-

lungen gegen die an den Universitäten herrschende

und von der Kirche getragene Scholastik richteten, mussten sie vorsichtig sein. Für die mittelalterliche Kirche waren die neuen Ideen des Humanismus gefährlich.

19


II.

Aufbruch, Widerspruch und Umbruch: Die Reformation in Deutschland

1529 disputierten Martin Luther und Ulrich Zwingli im Marburger Schloss ßber ihre unterschiedlichen Verständnisse des Abendmahls. Kolorierte Radierung, 1847.


Aufbruch, Widerspruch und Umbruch: Die Reformation in Deutschland

Erster Protestant Deutschlands: Martin Luther Der Humanismus war ein Beispiel für die vielfälti-

gen Aufbrüche in Kultur, Kirche und Gesellschaft, die den Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert prägten. Er umfasste zwar nur eine kleine, bil-

dungsorientierte Gruppe. Doch die Kritik an der

Kirche, die in diesen Kreisen geübt wurde, konnten viele Menschen in Europa nachvollziehen.

Insofern bildete der Humanismus eine wichtige

Voraussetzung für die spätere Reformation. Spannt

man den Bogen noch weiter und betrachtet auch Kirchenkritiker wie John Wyclif und Jan Hus, so

wird deutlich, dass Martin Luther nicht der ers-

te war, der Missstände und Fehlentwicklungen in der Kirche sah und entsprechend scharf kritisier-

te. Vielleicht hätten sich auch ohne Luther Kräfte der Erneuerung in Reich und Kirche durchgesetzt und dadurch politische, soziale und religiöse Ver-

änderungen in Gang gebracht. Die Geschichte lief nicht direkt auf Luther als ihren Erlöser zu; sie ist auch ohne ihn denkbar.

Und doch machte der Bergmannssohn aus dem

Mansfelder Land im heutigen Bundesland Sach-

sen-Anhalt in einem entscheidenden Moment den Schritt aus der Kirche in die Öffentlichkeit hinaus und trug damit dazu bei, dass sich das westliche

Christentums seit dem 16. Jahrhundert langfristig veränderte. Damit stieg Luther zum ersten Pro-

testanten und zu einer herausragenden religiösen Symbolfigur der evangelischen Kirche, insbesondere in Deutschland, auf.

Darüber hinaus wurde er wie kaum eine andere

Person in der deutschen Geschichte zur Projekti-

onsfläche von Deutungen und Sinnstiftungen. Als eine „riesenhafte Inkarnation deutschen Wesens“

bezeichnete ihn Thomas Mann. Für Hermann Hesse repräsentierte Luther „in seiner Stärke und

22


Erster Protestant Deutschlands: Martin Luther

23


UNVERKÄUFLICHE LESEPROBE

Katharina Kunter 500 Jahre Protestantismus Eine Reise von den Anfängen bis in die Gegenwart Gebundenes Buch, Pappband, 240 Seiten, 22,0 x 29,0 cm

ISBN: 978-3-579-08097-0 Gütersloher Verlagshaus Erscheinungstermin: März 2011

Eine anregende Reise durch die Geschichte des Protestantismus - Ein unterhaltsamer Ausblick auf das Reformationsjubiläum 2017 - Mit zahlreichen Karten, Abbildungen und Kurzbiografien Kaum eine geistliche Bewegung hat die Welt der Neuzeit so sehr verändert wie der Protestantismus. Mit der Forderung, allein die Heilige Schrift zur Grundlage des christlichen Bekenntnisses zu machen, haben Martin Luther und die Reformatoren seiner Zeit die Tür für einen offenen und unabhängigen Austausch darüber geöffnet, was die biblischen Quellen in der Gegenwart bedeuten. Aber auch die politische Geschichte und die Kulturgeschichte Europas hätten ohne die Auflehnung gegen die Vorherrschaft der katholischen Kirche einen völlig anderen Verlauf genommen. Die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter erzählt die Geschichte des Protestantismus und seiner internationalen Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert. Von der Reformation in vielen Ländern Europas spannt sich der Bogen über das Zeitalter der Religionskriege, die Industrialisierung und die Weltkriege bis hin zu den evangelischen Kirchen unserer Zeit. Zahlreiche Karten und Abbildungen sowie viele Zusatzinformationen zu bedeutenden evangelischen Männern und Frauen sowie Ereignissen machen „500 Jahre Protestantismus“ zu einer historischen Reise der besonderen Art.


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