Laura M. Fabrycky
Bonhoeffers Haus Schlüssel zu
Wie ich Welt und Weg Dietrich Bonhoeffers entdeckte
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Görden
Für alle freien Menschen, wo immer sie leben: Lasst sie nach Berlin kommen!
Inhalt
Dietrich Bonhoeffers Leben:
Eine kurze Chronologie 9
1. Kapitel
Ein Besuch im Haus mit dem Schlüssel in der Hand 13
2. Kapitel
In Erfahrung bringen, was geschehen ist 47
3. Kapitel Wurzeln der Identität 79
4. Kapitel
Die Losungen 115
5. Kapitel
Den Horizont erweitern 153
6. Kapitel
Bonhoeffer mit dem Fahrrad 185
7. Kapitel
Leben als Ars moriendi 215
8. Kapitel
Freundschaft mit Bonhoeffer 253
Epilog
Eine Geschichte zweier Häuser 283
Danksagung 299
Anmerkungen 302
Bibliografie 316
»Was ein Haus bedeuten kann, ist heute bei den meisten in Vergessenheit geraten, uns anderen aber ist es gerade in unserer Zeit besonders klar geworden. Es ist mitten in der Welt ein Reich für sich, eine Burg im Sturm der Zeit, eine Zuflucht, ja ein Heiligtum.«
Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.
Dietrich Bonhoeffers Leben: Eine kurze Chronologie
4. Februar 1906 Geboren in Breslau (heute Wrocław, Polen)
1912
Umzug der Familie nach Berlin
1914 Beginn des Ersten Weltkriegs
1918 Die Brüder Karl-Friedrich und Walter ziehen in den Krieg. Walter stirbt.
1923 Abitur; Beginn des Theologiestudiums an der Universität Tübingen
April–Juni 1924
1927
1928
1929–1930
1930–1931
Reise mit seinem Bruder Klaus, unter anderem nach Rom und Tripolis, Rückkehr nach Berlin, Beginn seines Studiums dort
Dissertation: Sanctorum Communio
Tätigkeit als Vikar in einer deutschen Auslandsgemeinde in Barcelona
Habilitation: Akt und Sein
Akademisches Jahr als Sloan Fellow am Union Theological Seminary, New York; mehrere Reisen
15. November 1931 Ordination an der St.-Matthäus-Kirche in Berlin-Mitte
1931
1932
Beginn der Lehrtätigkeit an der Berliner Universität (heute Humboldt-Universität); Tätigkeit in Ökumene und Seelsorge; Konfirmandenunterricht an der Zionskirche Berlin (bis ins Jahr 1932)
Kontakte zu Niemöller und anderen, die das Rückgrat der Bekennenden Kirche bildeten
30. Januar 1933 Hitlers Ernennung zum Reichskanzler
1. Februar 1933 Bonhoeffers Rundfunkvortrag »Wandlungen des Führerbegriffs«; die Übertragung wird abgebrochen
27. Februar 1933 Reichstagsbrand
23. März 1933
April 1933
Oktober 1933
August 1934
1935
1937
Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes mit diktatorischen Vollmachten für Hitler
Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte; Berufsverbote gegen Juden und andere als ›nicht-arisch‹ geltende Menschen
Bonhoeffer reist nach London und übernimmt dort eine Pfarrstelle
Teilnahme an einer ökumenischen Konferenz in Fanö, Dänemark; nach dem Tod des Reichspräsidenten Hindenburg wird Hitler Führer und Reichskanzler
Bonhoeffer kehrt nach Deutschland zurück und übernimmt in Pommern die Leitung eines Predigerseminars der Bekennenden Kirche; Begegnung mit Eberhard Bethge
Verhaftung Niemöllers; Bonhoeffer veröffentlicht Nachfolge; das Seminar wird geschlossen; Beginn der Sammelvikariate
1938 Bonhoeffer veröffentlicht Gemeinsames Leben
2. Juni–7. Juli 1939 Zweite Reise in die USA
1940 Die Gestapo verbietet die Sammelvikariate; Bonhoeffer wird Mitarbeiter der Abwehr
1941 Unternehmen Sieben
1943
20. Juli 1944
Verlobung mit Maria von Wedemeyer am 5. April; Verhaftung im Bonhoeffer-Haus; Gefangenschaft im Militärgefängnis Tegel
Scheitern des Stauffenberg-Attentats; in einem Bunker der Abwehr in Zossen werden Akten gefunden, die Bonhoeffer belasten; Überführung in das Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße
1945 Bonhoeffer wird in das Konzentrationslager Buchenwald verlegt; Transport nach Regensburg, Schönberg, schließlich in das Konzentrationslager Flossenbürg
9. April 1945
23. April 1945
Hinrichtung in Flossenbürg
Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg durch die US-amerikanische Armee
27. Juli 1945 Bonhoeffers Eltern erfahren aus dem BBC-Radio von seinem Tod; sie hören eine Trauerfeier für ihn, die aus London übertragen wird

Die Tür des Bonhoeffer-Hauses, Marienburger Allee 43, Berlin (Alle Fotos, soweit nicht anders vermerkt: David Fabrycky)
1. Kapitel
Ein Besuch im Haus mit dem Schlüssel in der Hand
Von meinem Haus zu Dietrichs Haus brauchte ich mit dem Fahrrad siebzehn Minuten – zehn Minuten plauderte ich mit Pfarrer Martin Dubberke, dem Geschäftsführer des Bonhoeffer-Hauses, dann leistete ich eine Unterschrift und bekam einen Hausschlüssel. Wir verabschiedeten uns, ich stieg wieder auf mein Fahrrad, das ich an der Straßenlaterne vor dem Haus angeschlossen hatte, und radelte zurück. Unterwegs auf der langen Straße, die parallel zur Autobahn A115 verläuft, staunte ich darüber, welche Bedeutung ein so kleiner Gegenstand haben kann. Dieser Schlüssel symbolisierte meine Sehnsucht, Dietrich Bonhoeffers Geschichte kennenzulernen und sein Leben zu meinem eigenen in Beziehung zu setzen. Außerdem stand er für das Vertrauen, das man mir entgegenbrachte, und für eine neue Aufgabe.
Als wir im Sommer 2016 nach Berlin zogen, weil mein Mann eine Stelle in der US-Botschaft antrat, hatte ich nicht den Plan, eines Tages Interessierte durch das Bonhoeffer-Haus zu führen. Wir waren nicht einmal besonders daran interessiert, uns mit Bonhoeffer zu beschäftigen. Doch in den ersten Wochen nach unserer Ankunft stießen wir immer wieder auf seine Spuren. Schließlich war das ja einmal sein Berlin gewesen, und für die nächsten drei Jahre würde es auch unsere Stadt sein.
Unsere erste Station war ein Apartment-Hotel in Mitte. Das Hotel lag etwa eineinhalb Kilometer nördlich des Brandenburger Tors, dem symbolischen Zentrum dieser kreativen, energiegeladenen, von den Narben ihrer Geschichte gezeichneten Stadt. Während des ersten Monats genossen die Kinder und ich es, morgens etwas länger zu schlafen. David, mein Mann, machte sich im klaren Licht der Sommermorgende schon früh auf den Weg zur Arbeit. Wir übrigen Familienmitglieder waren frei, die Stadt zu erkunden, Einkäufe zu erledigen und uns mit den Möglichkeiten des Berliner Nahverkehrs vertraut zu machen. Damals waren die Kinder zehn, acht und fast zwei Jahre alt. Die beiden älteren hatten auf dem Hintergrund diverser Umzüge und einiger Erfahrungen mit dem Leben in anderen Kulturen eine beeindruckende Fähigkeit entwickelt, die unvermeidlichen Veränderungen geduldig zu ertragen, während ich radebrechend mit den Leuten redete und herauszufinden versuchte, wie wir unseren Alltag bewältigen könnten. Wie alle Familien des US Foreign Service leben wir nach einem Motto des Marine Corps: Semper Gumby – Immer flexibel bleiben.
Nachdem mein Mann seinen neuen Posten angetreten hatte, waren wir in den ersten Tagen mit jenen elementaren Dingen beschäftigt, die in der nebligen Verwirrung, die sich einstellt, wenn man einen neuen Ort sein Zuhause nennt, Orientierung geben. Ich begann, regelmäßig E-Mail-Updates an Freunde und die Verwandten daheim zu schicken. Ich erzählte von unserem neuen Alltag und davon, was mich gerade beschäftigte. Die rasch wachsende Anzahl schriftlicher Zeugnisse verschaffte mir die Gewissheit, dass wir immer noch gesund und munter waren, selbst an Tagen, an denen ich mich überfordert fühlte und mit der neuen Umgebung fremdelte. Höchst alltägliche Orte können durch ihr Anderssein einschüchternd wirken, und manchmal ärgerte ich mich über mich selbst, wenn ich
nicht wusste, wie »man dies oder jenes hier machte«, und mich so als Fremde zu erkennen geben musste.
Unser Apartment befand sich nahe der Humboldt-Universität, und der Lebensmitteldiscounter um die Ecke war meistens voll mit Studenten. Die kauften dort in der Regel nur kleine Mitnahmeartikel, zum Beispiel Tüten mit einer Nuss-Rosinen-Mischung, die, wie ich erstaunt feststellte, in Deutschland tatsächlich »Studentenfutter« genannt wird. Die Kids und ich sorgten im Laden als gewaltige, disruptive Abweichung von der üblichen Klientel regelmäßig für Aufsehen. Einmal, während ein Student gerade eine Flasche Bier, eine Schachtel Zigaretten und ein belegtes Sandwich bezahlte, häufte ich hinter ihm den Einkauf für eine fünfköpfige Familie aufs Band. Als ich an die Reihe kam, scannte der Kassierer die Waren schneller, als ich sie in Tüten packen konnte. Ich war überfordert, denn dass Kunden die gescannte Ware selbst einpacken müssen, kannte ich nicht. Einiges fiel von der kleinen Ablage auf den Boden. Himbeeren kullerten zwischen unseren Füßen herum. Der Kassierer fragte etwas – wahrscheinlich, ob ich den Kassenzettel wollte –, aber ich verstand kein Wort. Kein Ton, der aus seinem Mund kam, hörte sich an wie die einfachen, langsam geformten deutschen Sätze, die ich in meinen Sprachkursen eingeübt hatte. Mit einem müden Knirps im Tragegurt, zwei Töchtern im Grundschulalter, die sich bemühten, mir zu helfen, weil sie merkten, wie ich mich quälte, und einer langen Schlange von Kunden im Rücken, die uns missmutig beobachteten, konnte ich plötzlich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Stockend und in schlechter Aussprache sagte ich: »Wie bitte? Tut mir leid, ich spreche nicht gut Deutsch.« Dann lächelte ich breit, in der Hoffnung, dadurch etwas Sympathie zu erregen, während ich spürte, wie ich unter meinem Schuh eine Himbeere zerquetschte. Aber das machte die Situation nur noch unangenehmer: In Amerika ist es üblich, Fremde
einfach anzulächeln, in Deutschland allerdings gilt solches Verhalten als Zeichen von Beschränktheit. Und genauso fühlte ich mich ja auch.
An einem neuen Ort die üblichen sozialen und kulturellen Regeln und die Sprache nicht zu beherrschen ist eine Erfahrung, die die Demut fördert. An öffentlichen Orten wie Banken, Poststellen, Supermärkten und Ämtern gibt es tausend kleine Regeln, die man als Fremde nur erlernt, indem man gegen sie verstößt und dadurch zwischen den Einheimischen unangenehm auffällt. Schon der Kauf einer Banane in einer kulturell fremden Umgebung und anderen Sprache kann sich wie eine herkulische Anstrengung anfühlen. Und doch erwirbt man durch diesen Lernprozess, der über schwindelerregende Höhen und durch dunkelste Täler führt, schließlich Kompetenz und wachsendes Zutrauen. Auch unsere Beinmuskeln wurden in diesen ersten, autolosen Monaten in Berlin gestärkt. Die Kinder und ich wanderten zu verschiedenen Orten in der Stadt. Dabei nahmen wir oft von der Invalidenstraße eine Straßenbahn zum Hauptbahnhof, diesem Palast aus Glas und Stahl. Auch waren wir zwischen unserem Apartment und der etwa zwei Kilometer entfernten amerikanischen Botschaft viel zu Fuß unterwegs. Dort mussten verschiedene Verwaltungsformalitäten erledigt werden, und wir aßen mit Daddy zu Mittag. Der Weg dorthin führt auf der Luisenstraße nach Süden und dann über die Spree. Dabei durchquert man das Gelände der Charité, der Berliner Universitätsklinik, deren großes weißes Gebäude hoch über der Umgebung aufragt. Wenn das Licht der sommerlichen Abendsonne auf die Stadt fiel, hatte man von unserem Apartment im sechsten Stock einen grandiosen Blick auf dieses rosafarben leuchtende Gebäude. Ich war dankbar für die Orientierungshilfe, die das hohe Gebäude bot.
An einem Wochenende unternahm ich nachmittags allein einen Spaziergang. Ich schlenderte durch eine Neben-
straße auf dem Charité-Campus. Verschiedene Schilder wiesen die niedrigen Backsteingebäude mit ihren steilen Satteldächern als akademische Institute aus. Das kleine Campus-Viertel lag zwischen unserem Apartment und einem Kanal, der zur Spree führte. Jenseits des Kanals lag der Hauptbahnhof. Zwischen diesen Backsteinhäusern bemerkte ich ein Straßenschild. Bonhoefferweg stand darauf. Da ich nur einen Bonhoeffer kannte, nahm ich an, dass der Weg nach Dietrich Bonhoeffer benannt war. Erst später erfuhr ich, dass mein Weg nahe am einstigen Büro von Dr. Karl Bonhoeffer vorbeigeführt hatte, Dietrichs Vater, der als Direktor der Psychiatrie und Neurologie der Charité seinerzeit prominent war und großes Ansehen genoss. Karl Bonhoeffers Karriere war es, die die Familie 1912 nach Berlin führte – aus Breslau kommend, Dietrichs Geburtsstadt, die heute Wrocław heißt und in Polen liegt.
Auch wenn der Ruf seines sechsten Kindes ihm, was weltweite Wahrnehmung angeht, den Rang abläuft, war Karl Bonhoeffer doch in Deutschland eine historisch bedeutende Persönlichkeit. Er hat sogar im Berliner Volksmund Spuren hinterlassen: Noch heute sagen Berliner, wenn jemand in der Psychiatrie gelandet ist, der Betreffende sei jetzt in »Bonnies Ranch«.
Als mein Mann während dieses ersten Monats einen seiner den Kopf klärenden Dauerläufe durch die Stadt unternahm, kam er an der Mauer-Gedächtnisstätte und dem Dokumentationszentrum in der Bernauer Straße vorbei, wo in der Ära des Kalten Krieges die Berliner Mauer die Stadt durchtrennt hatte wie ein Messer, dass durch lebendiges Fleisch schneidet. Von Weitem erblickte er die Spitze eines Kirchturms und beschloss, diesen zum Wendepunkt seiner Joggingstrecke zu machen. Die Tür der stattlichen, im Stil der Neoromanik erbauten Kirche war unverschlossen, also warf er einen Blick hinein.
David kam mit einer Broschüre der Kirche nach Hause, die er mir in die Hand drückte, bevor er seine Laufschuhe aufschnürte. »Ich habe eine Kirche gefunden, die etwas mit Dietrich Bonhoeffer zu tun hat«, sagte er, noch etwas außer Atem. »Davor steht eine Statue, und es ist eine Gedenktafel für ihn angebracht.« Ich schlug die Broschüre auf und sah ein Foto, das Dietrich umgeben von einer Gruppe halbwüchsiger Jungen am Ufer eines Sees zeigte. Ich erinnerte mich an etwas, das ich über ihn gelesen hatte. Oh ja, natürlich – die Zionskirche! In dieser Gemeinde hatte Bonhoeffer Konfirmandenunterricht erteilt und dabei die Herzen einer Gruppe ziemlich wilder Jungen gewonnen. Endlich zogen wir in eine dauerhafte Bleibe um, in ein Haus am Rand des Grunewalds. Fünf Tage später gingen unsere Kinder in die Schule, und hier bot sich schnell die Möglichkeit, neue Freunde zu finden. Am ersten Tag kam ein deutsches Mädchen zu meiner Tochter, die in die dritte Klasse eingeschult worden war, und fragte auf Englisch, überraschenderweise allerdings mit einem schottischem Akzent: »Shall we be friends?«
Später in jenem Herbst luden wir dieses Mädchen zum Spielen zu uns nach Hause ein. Während die Kinder, vor Freude quietschend, die Treppe hinaufrannten, unterhielt ich mich mit Mareike, der Mutter. Ich kochte Kaffee und bot ihr von dem Bananenbrot an, das ich am Morgen gebacken hatte. Es schmeckte ihr sehr gut. »Very much an American thing, isn’t it?«, sagte Mareike, ebenfalls mit dem unerwarteten schottischen Akzent.
Wir kamen uns näher, indem wir einander Fragen stellten und so unser Leben kartographierten. Ihre Kindheit war unendlich viel interessanter – und historisch bedeutsamer – als meine. Sie erzählte mir davon, wie es war, im kommunistischen Ostberlin aufzuwachsen, dass sie als Kinder fast nie Bananen zu essen bekamen, und wie ihre Eltern erfindungsreich ihren Kaffeenachschub sichergestellt
hatten. Einmal sagte sie, leise – fast als müsse sie immer noch vorsichtig sein, oder einfach aus alter Gewohnheit: »Am schwersten war, dass man niemandem wirklich trauen konnte. Ich glaube, sich davon zu erholen, fällt niemandem leicht.« Sie und ihr Mann hatten viele Jahre in Schottland gelebt, was ihr deutlich schottisch eingefärbtes Englisch erklärte.
Ihr Nachname, Bethge, kam mir bekannt vor. Er erinnerte mich an eine amerikanische Politologin, mit der ich während meiner Collegezeit korrespondiert hatte. Später, als ich bei einem Think Tank in Washington, D.C., arbeitete, haben wir uns dann persönlich kennengelernt. Auch wenn diese aufregende Zeit lange zurückliegt, zähle ich die inzwischen verstorbene Dr. Jean Bethke Elshtain immer noch zu meinen persönlichen und intellektuellen Heldinnen. Bethge, Bethke. Ich fragte Mareike, ob sie den Namen kannte und ob die Silben -ge und -ke austauschbar wären. »Könnte sie eine entfernte Verwandte von dir sein?«, fragte ich.
»Nein, ich denke nicht. Diese Schreibweise des Namens ist in unserer Familie unbekannt«, antwortete sie. Doch dann zeigte sie auf ein dickes, blaues Paperback im Bücherregal hinter mir, von dessen Rücken Dietrich Bonhoeffer dem Betrachter entgegenblickte. »Ich sehe, dass du da ein Buch über Dietrich Bonhoeffer hast. Vielleicht denkst du ja an Eberhard Bethge? Er war ein guter Freund Dietrich Bonhoeffers.«
»Oh ja, natürlich! Ich hätte den Namen wiedererkennen sollen!«, rief ich aus.
Sie trank einen Schluck Kaffee und sagte mit vollendeter Bescheidenheit: »Eberhard war mein Großonkel.«
In vielen deutschen Reiseführern gibt es die Formulierung, dass man »auf den Spuren« einer Person oder einer historischen Begebenheit unterwegs ist. Was Dietrich anging, hatten wir nicht lange suchen müssen. Wir waren
in seine Stadt gezogen und hatten schnell sehr präsente Spuren gefunden.
An einem Oktobertag im Jahr 2016 klappte ich meinen Laptop zu und seufzte. Die Nachrichten aus der Heimat wurden von Woche zu Woche schwerverdaulicher. Der Hass und die gegenseitige Verachtung, die den Präsidentschaftswahlkampf prägten, gruben sich auch tief in meine private Welt und persönliche Beziehungen ein. Das geschah vor allem über die sozialen Medien, die während unserer bisherigen Auslandsaufenthalte eine Lebensader der Verbundenheit gewesen waren. Doch jetzt brodelten in ihnen Bitterkeit und scharfe Auseinandersetzungen. Plötzlich benahmen sich »Freunde« und »Follower« wie diese Fernsehleute, die verächtliche Kommentare abgaben, statt einander Freunde und Nächste zu sein. Manche Menschen, die wir zu unseren Freunden gezählt hatten, wurden uns fremd. Jeden Tag wurde es schwerer, sich all das aus der Ferne anzuschauen.
Wir versuchten, in Deutschland heimisch zu werden, und währenddessen sah ich, wie das Amerika, das ich zu kennen geglaubt hatte, immer mehr aus den Fugen geriet. Wir hatten unsere vielen Kisten ausgepackt, Kaffeetassen und Brettspiele eingeräumt, entschieden, in welche Schublade die Socken kommen sollten, und die Bücher in die Regale einsortiert. Aber der Ort, den wir unser Zuhause genannt hatten – das Land, das wir hier jenseits des Meeres repräsentierten –, kam uns immer sonderbarer, ja, fremder vor. In unserem hyperpolarisierten und von Einzelinteressen bestimmten politischen System brach etwas auseinander, das nicht leicht zu reparieren sein würde; das spürten wir selbst aus dieser Distanz. Bänder mitbürgerlicher Verbundenheit zerfaserten. Auch in mir zerfiel etwas. Ein Ge -
fühl der Heimatlosigkeit und Hilflosigkeit bedrückte mich immer stärker. Ich wollte gleichzeitig kämpfen und fliehen.
Ein scheinbar aus dem Nichts kommender Gedanke verschaffte mir eine Pause von meiner Angst, eine barmherzige Ablenkung: Wo hat Bonhoeffer eigentlich gewohnt? Hier in Berlin, aber wo genau? Gibt es dort ein Museum? Wenn ja, könnte ein Besuch sich lohnen. Vor unserem Umzug nach Berlin hatte ich in einer Biografie Bonhoeffers gelesen, dass er sich einem Zirkel von Verschwörern angeschlossen hatte, die einen Mordanschlag und Umsturzversuch gegen Hitler und die Naziregierung ausführten – und damit scheiterten. Der Gedanke, einen Ort zu besuchen, an dem ich mehr über Bonhoeffer erfahren konnte, bot eine interessante Atempause von den Auseinandersetzungen in meiner Heimat.
Ich klappte den Laptop wieder auf und suchte online nach mit Bonhoeffer in Zusammenhang stehenden Orten in der Stadt. Auf dem Stadtplan entdeckte ich einen kleinen Punkt mit der Kennzeichnung Bonhoeffer-Haus, gar nicht weit von unserer Wohnung entfernt. Ich schaute mir die Webseite an und las, dass man sich für Besichtigungen anmelden konnte. Na, das war ja wirklich einfach! Sofort erkundigte ich mich per E-Mail nach einer englischsprachigen Führung.
Nach ein paar Tagen erhielt ich eine Antwort vom Geschäftsführer des Bonhoeffer-Hauses. Er bot mir einen Termin an, der für mich jedoch zeitlich nicht passte. Ich bat um einen anderen und fragte, ob wir unsere Kinder mitbringen dürften. Er versicherte mir, dass »Kinder im Bonhoeffer-Haus immer willkommen« seien. Schließlich fanden wir einen für alle passenden Termin: eine Morgenführung am Samstag, den 12. November 2016. Es war der Samstag nach den US-Präsidentschaftswahlen. Es war ein angenehmes Gefühl, nun eine solche Exkursion im Terminkalender stehen zu haben. Wir wussten, dass es eine
hektische Woche werden würde; ich musste unser Haus auf Besuch vorbereiten, und ein paar Tage später war bei uns eine große Feier geplant. Auch verfolgten wir aufmerksam die Wahlkampfberichterstattung aus den Staaten. Für meinen Mann brachte die Wahlnacht, wie bei den meisten Angehörigen des auswärtigen Dienstes, eine deutlich höhere Arbeitsbelastung mit sich. Aber ich hatte das Gefühl, dass eine kleine Auszeit, in der wir gezielt unser Wissen über die Stadt, die unser neues Zuhause war, erweiterten und uns mit dieser historisch bedeutsamen Persönlichkeit beschäftigten, uns allen gut tun würde. Und dass ich das so mühelos hatte arrangieren können, hob meine gedrückte Stimmung ein wenig.
An dem Dienstagmorgen, als in den Vereinigten Staaten die Wahl stattfand, brachte ich meinen Sohn in den Kindergarten und stieg auf dem Rückweg eine Station früher als an unserer sonst üblichen Umsteigehaltestelle aus dem Bus. Ich wollte die historische St.-Annen-Kirche in Dahlem besuchen. In der Nazizeit war Martin Niemöller dort Pfarrer gewesen. Er hatte als Reaktion auf die Einführung des Arierparagraphen in der Deutschen Evangelischen Kirche schon im Jahr 1933 den »Pfarrernotbund« gegründet und in der Bekennenden Kirche – der kirchlichen Gegenbewegung zu den mit den Nazis verbandelten Deutschen Christen – zu den Führungsfiguren gehört. Niemöller wurde 1937 verhaftet und war in verschiedenen Konzentrationslagern als sogenannter »persönlicher Gefangener« Hitlers interniert. Sein Schicksal wurde damals international bekannt, und 1940 war Niemöller auf der Titelseite des Time-Magazins abgebildet.
Niemöller, ein im Ersten Weltkrieg für seine Tapferkeit ausgezeichneter U-Boot-Kommandant, hatte Hitler anfangs unterstützt, weil er meinte, dass viele Ziele der Nationalsozialisten mit jenen des Christentums übereinstimmten – eine Auffassung, die Dietrich Bonhoeffer schon
zu Beginn von Hitlers Herrschaft abgelehnt hatte.1 Anders als Bonhoeffer fühlte sich Niemöller von der starken nationalen und konservativen Ausrichtung der Partei angezogen. Doch er änderte seine Meinung, bezog offen Stellung gegen die Gleichschaltung der Kirche und zog damit den Zorn des Führers auf sich. Kurz nach seiner Befreiung durch die Alliierten unternahm Niemöller eine Vortragsreise durch die USA, um über die Bekennende Kirche zu sprechen und amerikanische Christen zu Geldspenden für das vom Krieg verwüstete Deutschland zu bewegen.
Heute ist Niemöller in Amerika viel weniger bekannt als während des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach, aber viele kennen immer noch ein ihm zugeschriebenes
Gedicht:
Als die Nazis die Sozialisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.2
Ich wollte in Niemöllers Kirche beten. Also stieg ich aus dem Bus und ging durch die KöniginLuise-Straße zu dem Tor, das auf das Kirchengelände führt. Ich ging über den Friedhof und näherte mich dem Haupteingang dieser kleinen Kirche, ein schlichter rechteckiger Ziegelbau mit einfachem Holzturm. Schon im Mittelalter hatte hier ein Gotteshaus gestanden. Ich schritt über ein
Fußbodenmosaik an der Schwelle, das ein Kreuz zeigt, und stand vor verschlossener Tür. Also blieb ich auf dem Kreuz stehen, drehte mich um, so dass ich auf Friedhof und Kirchgarten schaute und bat Gott, meinem Land zu helfen, den richtigen Weg zu finden. Ich bat um Erbarmen angesichts all der sich in der Gesellschaft auftuenden Risse, die sich zu tiefen Brüchen zu entwickeln drohten. Ich betete, dass Gottes Wille geschehen möge. Mein Gebet schien mir passiv und hilflos, aber ich richtete meine Hände zum Himmel.
Als am Ende jener Woche der Samstagmorgen dämmerte, waren wir erschöpft, doch erfüllte unser bevorstehender Ausflug zum Bonhoeffer-Haus mich mit Energie. Also enterte die Familie zu fünft das neuerdings vorhandene Auto, und wir machten uns auf den Weg. Auf den schmalen kopfsteingepflasterten Straßen in der Nähe des Bonhoeffer-Hauses quälten wir unser nicht gerade kleines Gefährt teilweise über die Bordsteine. In der Marienburger Allee parkten auf beiden Seiten Autos, was die Straße praktisch einspurig machte. Um aneinander vorbeizukommen, müssen die Fahrer viel lenken und auf Bordsteine und Bürgersteige ausweichen. Hinter hüfthohen Mauern, Hecken und Lattenzäunen wohnen hier Berliner, die der gehobenen Mittelschicht angehören.
Das Bonhoeffer-Haus – Marienburger Allee 43 – steht an einem Seitenweg. An dieser kleinen Straße gibt es nur noch ein weiteres Haus, einen architektonischen Zwilling, beide Häuser wurden von der Bonhoeffer-Familie erbaut. Als wir auf Nr. 43 zugingen, bemerkten wir neben der Tür eine weiße Tafel, die auf den Denkmalcharakter des Hauses hinwies. Ein jovialer Mann mit Augen so groß und rund wie die Brillengläser, von denen sie umrahmt wurden, öffnete, winkte und begrüßte uns. Er hielt uns die Tür weit auf und führte uns in ein Besprechungszimmer zur Linken, wo bereits einige andere englischsprechende Besucher warteten.
Ich habe in meinen Erinnerungen an diesen ersten Besuch gekramt, aber was ich in dem Moment, als ich über die Schwelle des Hauses trat empfunden habe, ist mir nicht mehr präsent. Es ging in den alltäglichen mütterlichen Mühen unter: Ich gab auf unser Nesthäkchen acht, hoffte, dass wir alle den kulturellen Gepflogenheiten angemessen folgten, und verscheuchte meine plötzliche Sorge, es könnte möglicherweise doch keine ganz so kluge Idee gewesen sein, die Kinder mitzubringen. Woran ich mich aber erinnere: Ich spürte deutlich, ein Zuhause betreten zu haben – kein Museum, keinen historischen Freizeitpark oder gar das Mausoleum eines toten Helden. Das Haus strahlte etwas Heimeliges aus, mit seinen knarrenden Dielenbrettern, dem warmen, angenehmen Duft von Holzbalken und Büchern, und einem uns wohlig einhüllenden Gefühl der Ruhe und Ordnung. Das Bonhoeffer-Haus war ein Zuhause, das seine Tür für uns öffnete. Und drinnen verwandelten wir Touristen und zufällig versammelten Fremden uns in willkommene Gäste.
Ich ging durch eine kleine Diele und entdeckte ein großes, durch die Sonne leicht verblichenes Bild Dietrich Bonhoeffers zur Linken und eine Treppe aus Kiefernholz zur Rechten. Eine Schautafel in der Diele über einer kleinen weißen Garderobe informierte in deutscher Sprache über wichtige Daten und Ereignisse. Wir gingen nach links durch eine verglaste Flügeltür in einen Raum, in dem die anderen Gäste an einem großen Konferenztisch saßen.
An den weißen Wänden dieses Besprechungszimmers hingen neun Tafeln mit Collagen aus Schwarzweißfotos zwischen den hohen Fenstern. Die deckenhohen grauen Vorhänge waren geöffnet. Die Tafeln wirkten wie Seiten, die man einem alten Familienalbum entnommen hatte. Beim Betreten des Raums fällt der Blick zuerst auf das gespenstische Bild des verwüsteten Innenraums einer Synagoge. Die Synagoge wurde in der Nacht vom 9. auf den
10. November 1938 zerstört, der Nacht des brutalen Pogroms der Nazis gegen jüdische Bürger und der Zerstörung ihrer Gotteshäuser und Geschäfte in ganz Deutschland. Diese Schautafel zeigt auch das Foto eines traditionellen Wegkreuzes am Straßenrand, die Figur des gekreuzigten Jesus, geschützt durch ein kleines Holzdach und daneben einem Schild mit der Aufschrift Juden sind hier nicht erwünscht.3
Wir setzten uns zu den anderen an den Tisch und packten Papier und Malstifte für unseren kleinen Sohn aus. Unser Gastgeber, Martin, stellte sich als Geschäftsführer des Hauses vor und fragte, warum wir hergekommen seien. So gab er uns Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Jeder Besucher antwortete und gab die Frage weiter wie den Sammelkorb im Gottesdienst. Als ich an die Reihe kam, sagte ich diplomatisch, als würde ich locker eine Münze in den Korb werfen: »Wir sind hier, um etwas über diesen bemerkenswerten Menschen zu erfahren, und« –ich zögerte, suchte nach den richtigen Worten, versuchte, weiter entspannt zu bleiben – »Inspiration dafür zu finden, wie man in turbulenter Zeit seinem Glauben treu bleibt.« Meine Antwort verdeckte den dumpfen Schmerz in mir, der nun wieder über mich hereinbrach, als ich an die hinter uns liegende Woche dachte.
Zermürbend und verwirrend war sie gewesen. Zum ersten Mal seit dem Auspacken unserer Umzugskartons und dem Aufhängen der Bilder hatten wir einen Gast bei uns willkommen geheißen, und dann hatten wir ein paar Tage später in unserem Haus eine große Feier veranstaltet. Wir waren bis in die frühen Morgenstunden aufgeblieben, um die Verkündung des Wahlergebnisses mitzuverfolgen, und die Müdigkeit nach dieser langen Nacht wirkte noch nach. Vor allem hatten wir aber das Gefühl, dass der Boden unter unseren Füßen trügerisch geworden war. Die politische Landkarte, die wir zu kennen glaubten, war ausradiert. Wie
ich befürchtet hatte, erwies sich die Präsidentschaftswahl weder als Heilmittel für die Risse, die sich in der Gesellschaft aufgetan hatten, noch als Ventil für die politischen Kränkungen und die Wut. Seltsamerweise wirkten die Sieger defensiv und weinerlich, die Verlierer geschockt und unwirsch. Für diejenigen, die sich von den starken politischen Polarisierungen bedrängt fühlten, zeigte der Kompass in ihren Händen infolge all der magnetischen Störungen wild in alle möglichen Richtungen. Schlimmer noch: Der Stolz, den ich oft auf die amerikanische Form der Demokratie empfunden hatte, lag nun in Trümmern. Unsere demokratischen Gewohnheiten waren schwach geworden, und aus der Ferne schien es mir, dass die formellen Rituale unseres politischen Lebens nicht fähig waren, sie wiederzubeleben. Ich litt unter dem Heimweh nach einer Welt, die ich für selbstverständlich gehalten, die aber so, wie ich sie mir vorstellte, vielleicht nie wirklich existiert hatte. Mitarbeiter des Auswärtigen Dienstes und die mit ihnen in den Auslandsmissionen lebenden Familienmitglieder sind ja durchaus mit politischen Machtwechseln vertraut, und sie leben und arbeiten im Kontext der jeweils vom amerikanischen Volk ins Amt gewählten Administration. Amerika und unsere demokratischen Prozesse zu erklären gehört zum diplomatischen Alltagsgeschäft. Aber wie unser damaliger Botschafter vor und nach der Wahl gegenüber der deutschen Öffentlichkeit wiederholt anmerkte, wurde es immer schwieriger zu erklären, was zum Kuckuck daheim in der amerikanischen Politik eigentlich vor sich ging!
Als Martin uns alle also fragte, warum wir hergekommen waren, wusste ich, dass die Fragen, die ich ins Bonhoeffer-Haus mitgebracht hatte, größer und existenzieller waren, und mich nicht einfach nur die Neugierde auf einen inspirierenden Menschen antrieb. Ich suchte nach einer Karte, die uns helfen konnte, nach Hause zu navigieren,
und ich wünschte mir Worte, die meine Zuversicht stärkten.
Martin begann dann, über Bonhoeffers Leben zu sprechen, und was er erzählte, lenkte meine Aufmerksamkeit weg von meinem inneren Schmerz hin zu dem Ort, an dem wir alle nun saßen. »Dietrich Bonhoeffer wuchs nicht in diesem Haus auf«, begann Martin. Es war 1935 für die Familie entworfen und gebaut worden, zusammen mit dem Nachbarhaus, damit Karl Bonhoeffer und seine Frau Paula, geb. von Hase, ihr Alter in Gesellschaft ihrer großen Familie verbringen konnten. Karl Bonhoeffers Mutter, Julie Bonhoeffer geb. Tafel, bezog ebenfalls Räume in dem Haus und starb dort im Jahr 1936. Im Obergeschoss richteten Karl und Paula ein Mansardenzimmer für ihren unverheirateten erwachsenen Sohn Dietrich ein. Von den Fenstern aus sieht man aufs Nachbarhaus, wo Ursula Schleicher, geb. Bonhoeffer, eine von Dietrichs älteren Schwestern, mit ihrem Mann Rüdiger und ihren Kindern wohnte, darunter auch die Tochter Renate, die später Eberhard Bethge heiratete, Dietrichs besten Freund.
Auch nach seiner Pensionierung hielt Dr. Karl Bonhoeffer noch gelegentlich Patientensprechstunden ab, und das große Besprechungszimmer im Erdgeschoss, in dem wir nun saßen, war ursprünglich zweigeteilt gewesen: ein Wartezimmer und ein Sprechzimmer. Hinter Martin führte eine verglaste Flügeltür zu einem kleinen Wintergarten, in dem die Familie in der kalten, dunklen Jahreszeit Sonnenlicht tanken konnte. Martin zeigte nach draußen und meinte, wir sollten uns dort dichten Wald vorstellen, denn das Bonhoeffer-Haus stand damals am Rand einer Neubausiedlung im Grunewald. Hier, am Ende einer Sackgasse, unmittelbar an den Wald grenzend, sei es zusammen mit seinem Nachbarhaus »ideal für Verschwörer-Treffen« gewesen – ein Hinweis darauf, wie wenig echte Pensionärsruhe die Bonhoeffers hier tatsächlich hatten genießen können.
Anhand der neun Tafeln mit Fotokollagen beschrieb unser Führer Schlüsselmomente im Leben der Bonhoeffers: Dietrichs glückliche Kindheit mit seinen Eltern und Geschwistern in Breslau, dann in Berlin, der Beginn des Ersten Weltkriegs, in dem sein Bruder Walter fiel, und wie sehr sein Tod Paula und die gesamte Familie erschütterte, die vielen Stationen von Dietrichs Ausbildung, und das Erstarken des Nationalsozialismus. Als Martin sich der zentralen Tafel mit der Synagoge, dem Kruzifix und dem Schild zuwandte, lenkte er unsere Aufmerksamkeit von der Bonhoeffer-Familie zu den umfassenderen Realitäten, Institutionen, Themen und Denkmustern im Deutschland jener Zeit. Die Familie erlebte mit, wie der Nationalsozialismus zunehmend fast alle Aspekte des Lebens der Deutschen durchdrang, und dass die Kirche in Deutschland nicht einfach nur passives Opfer dieser Durchdringung war. Martin machte unmissverständlich deutlich, dass die Kirche in der Nazizeit gegenüber ihren Nächsten und Mitbürgern versagt hatte und dass die beiden einander gegenübergestellten Fotografien dieses Versagen versinnbildlichten: »Man erzählt, dass damals, als die Kirche die Botschaft akzeptierte, Juden seien nicht willkommen –man den Juden also sagte, sie wären im Haus Gottes nicht willkommen –, Jesus selbst die Kirche verließ.« Er wollte uns klar machen, dass die Kirche zweifellos moralisch versagt hatte, dass damit aber untrennbar auch ein theologisches Versagen verbunden gewesen war. Denn letztlich hatte sich ein beträchtlicher Teil der Kirche die nationalsozialistische Ideologie zu eigen gemacht und zugelassen, dass ihre theologischen Schätze für politische Zwecke missbraucht wurden. Viele dachten damals, der Erfolg der nationalsozialistischen Bewegung sei der Beweis, dass sie Gottes Wille sei.
Martin schloss seinen Vortrag an der Tafel, die Dietrich im Militärgefängnis Tegel zeigte, und berichtete von den letzten Tagen, bevor er am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde. Dann lud Martin
uns ein, ihm nach oben in Dietrichs Zimmer zu folgen, wo die Gestapo ihn am 5. April 1943 verhaftet hatte. In feierlichem Ernst gingen wir zurück in die Diele und stiegen die hölzerne Treppe hinauf, deren Geländer sich glatt und massiv anfühlte.
Oben führte die Tür zur Rechten in Dietrichs Zimmer. Die Einrichtung ist schlicht. Ein dünner Teppich liegt vor einem Einzelbett. Bücherregale, die Dietrich mit seinem Freund Eberhard zusammen gebaut hat, stehen an den Wänden, darin Bücher aus Dietrichs Besitz sowie Fachzeitschriften, in denen seine Aufsätze veröffentlicht wurden. Zwar wurden die Originale vor langer Zeit einer Forschungsbibliothek übergeben, aber im Bonhoeffer-Haus stehen Exemplare der gleichen Werke.4 Gegenüber der Tür befinden sich die Fenster. Der Blick geht auf das Nachbarhaus und dessen Garten. Dietrichs Originalschreibtisch mit einer Lampe von blaugrüner Farbe steht vor den Fenstern. »Wenn Bonhoeffer sich hier aufhielt«, erzählte Martin und durchbrach damit das andächtige Schweigen der Gruppe, »zogen oft Rauchschwaden durchs Zimmer.« Dietrich war starker Raucher. Martin zeigte uns einen kleines Brandloch auf der Schreibtischunterlage aus blaugrünem Samt.
Rechts neben der Tür steht Dietrichs Clavichord. Martin öffnete den Deckel und demonstrierte, wie leise das Instrument ist: »Dietrich konnte darauf spielen, ohne die anderen im Haus zu stören.« Der junge Dietrich zeigte schon früh musikalisches Talent, besonders auf dem Klavier. Seine Familie fragte sich, ob er Pianist werden wollte. Als er dann als Teenager verkündete, Theologie studieren zu wollen, erschien ihnen das sonderbar, sogar irregeleitet. Aber er gab das Musizieren nie auf, und sein musikalisches Wissen und Können waren eng mit seinen theologischen Einsichten und seiner christlichen Glaubenspraxis verbunden – das Clavichord erinnert daran. Gleich links neben dem Instrument befindet sich ein kleiner Nebenraum mit
einem Kleiderschrank, sowie Waschbecken und Spiegel, verborgen hinter einem Vorhang.
Anders als das Betreten des Hauses fühlte sich das Betreten dieses Zimmers magisch an. Doch sehr schnell verflog der imaginative Zauber. Das Zimmer dieses Helden sah so normal aus. Hier schlief ein ganz Großer, doch das Zimmer ist so klein und karg, vollkommen normal. Auch der Schreibtisch hat ein absolut gewöhnliches Maß; der Brandfleck zeugt von einfachen menschlichen Gewohnheiten und sogar von einem Hauch Nachlässigkeit. Alles in diesem Zimmer weist auf Dietrich Bonhoeffers schlichte Menschlichkeit hin, was seine Einsichten, seinen Mut und seine aufopferungsvollen Entscheidungen nur noch schärfer hervortreten lässt.
Nachdem die Gruppe etwas Zeit in dem Zimmer verbracht hatte, stiegen wir die Treppe wieder hinunter und warfen eine Spende in den dafür vorgesehen Metallkasten in der Diele. Wir dankten Martin für seine Gastfreundschaft und gingen zu unserem Wagen zurück.
Während mein Mann und ich die Kinder für die kurze Heimfahrt anschnallten, bestürmten sie uns mit Fragen: »Wer wohnte nochmal in dem Haus? Warum sind wir da hingegangen? Gibt es etwas zu essen?« Ich versuchte, ihnen mit einfachen Worten zu erklären, wer Bonhoeffer war, wie er und seine Familie und viele seiner Freunde versucht hatten, »die bösen Leute« aufzuhalten, die Nazis, die in Deutschland an die Macht gekommen waren. Aber allein schon das Wort Nazi in ihr Leben einzuführen, war für eine junge Familie an einem Samstagmorgen ziemlich schwere Kost. Der Wagen rollte rumpelnd über das Kopfsteinpflaster heimwärts.
Die Straßen wurden breiter und waren nun geteert, und als das Rumpeln und Poltern aufhörte, wurden auch wir ruhiger. Ich sah die Bäume und Häuser vorbeihuschen und seufzte laut: »Das war erstaunlich.« Doch immer noch emp-
fand ich die Erschöpfung, den seelischen Schmerz und die Fragen, die ich in das Bonhoeffer-Haus mitgebracht hatte. Auf dem Rückweg zu unserem Haus fuhren wir am S-Bahnhof Grunewald vorbei, dessen Pfefferkuchenhaus-Charakter durch das Mahnmal Gleis 17 eine morbide Komponente bekommt.5 Von diesem Bahnhof wurden Tausende jüdische Berliner Bürger in Konzentrationslager deportiert. So versuchten die Nazis, Berlin »judenfrei« zu machen. Schließlich sagte ich: »Meine Fragen wurden nicht so beantwortet, wie ich es mir gewünscht hatte.« Mein Mann nickte schweigend.
Erstaunlicherweise hatte ich zwar nicht bekommen, was ich mir erhoffte, spürte aber, dass sich, trotz meines Kummers über die politischen Entwicklungen in meiner Heimat, eine neue Hoffnung in mir regte. Zuzuhören, wie Martin in jenem Haus Dietrich Bonhoeffers Geschichte erzählte, befeuerte meine Phantasie, was unser eigenes Zuhause anging. Wenn auch kein einziger Aspekt meines Lebens dem Bonhoeffers glich, war das Bonhoeffer-Haus doch Zeugnis menschlicher Erfahrungen, die ich aus meinem eigenen Alltag kannte. Wortlos offenbarte das Haus Realitäten, belebte die Erinnerung an Dinge, deren Wichtigkeit mir dadurch wieder bewusst wurde. Das Haus besaß seine eigene stille Art der Kommunikation über die unausgesprochenen Wahrheiten des menschlichen Lebens. Ich spürte, dass der verwirrt wirbelnde Kompass in mir seine Orientierung wiedergewonnen hatte; meine Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat, das Gefühl, sich im Exil zu befinden, war jetzt durch neue Hoffnung erhellt. Ich wollte mehr über die Geschichte herausfinden, deren stummer Zeuge dieses Haus ist. Ich wollte, dass auch andere Menschen diese Erfahrung machten.
Glücklicherweise erhielten wir in Berlin viel Besuch, was mir gute Gründe gab, ins Bonhoeffer-Haus zurückzukehren. Wenn wir mit unseren Besuchern über mögliche Aus-