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GÜTERSLOHER VERLAGSHAUS

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Reiner Knieling

Das Kreuz mit dem Kreuz Sprache finden für das Unverständliche

Gütersloher Verlagshaus

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Verlagsgruppe Random House FSC® N001967 Das für dieses Buch verwendete FSC®-zertifizierte Papier Munken Premium Cream liefert Arctic Paper Munkedals AB, Schweden.

1. Auflage Copyright © 2016 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Das Gütersloher Verlagshaus, Verlagsgruppe Random House GmbH, weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags für externe Links ist stets ausgeschlossen. Umschlagmotiv und S. 142, aus: Margarete Luise Goecke-Seischab und Erhard Domay: Die Botschaft der Bilder. Christliche Kunst sehen und verstehen lernen am Beispiel von 9 Farbtafeln und 9 Dias, Lahr/Schw. 1990, S. 96, © Margarete Luise Goecke-Seischab. Druck und Einband: Těšínská tiskárna, a.s., Český Těšín Printed in Czech Republic ISBN 978-3-579-08232-5 www.gtvh.de

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Vorwort Das Kreuz zieht an und stößt ab. Es fasziniert und macht hilflos. Es irritiert und beeindruckt. Manche lässt es ratlos zurück. Das Kreuz Jesu steht für die Kreuze dieser Welt: für das unendliche Leiden, die Schmerzen, die Menschen einander zumuten, für die Schande und die Verachtung, mit der sie einander verstoßen und töten. Das Kreuz Jesu steht auch dafür, dass Gott sich mit dieser Not und dem Schmerz identifiziert. Das Kreuz ist doppelt anstößig: Es stellt die Not der Welt ins Licht, statt sie einfach zu beseitigen. Es mutet uns eine Vorstellung von Gott zu, die unsere Sehnsucht gleichzeitig berührt und durchkreuzt. Das Kreuz zieht an und stößt ab. ... Manche lässt es ratlos zurück. Das gilt auch für die Deutungen, die mit dem Kreuz Jesu verbunden werden: Stellvertretung, Opfer, Sühnetod, Rechtfertigung, Versöhnung, Erlösung. Viele halten daran fest und verteidigen diese Vorstellungen, weil sie spüren, dass darin eine Kraft liegt, die nicht einfach aufgegeben werden darf. Andere können bestimmte Choralzeilen schon lange nicht mehr mitsingen, weil sie immer den Eindruck haben, Gott habe diese Leiden, diese Schmerzen, diese Opfer gebraucht, damit er gnädig sein könne, damit sein Zorn gestillt würde etc. Wie kann die Kraft des Kreuzes – die heilsame genauso wie die irritierende und verstörende – stimmig und verständlich zur Sprache kommen? Wie können wir Missverständnisse vermeiden, die regelmäßig mit dem Kreuz Jesu verbunden werden? Welche Potenziale wurden im Laufe der Jahrhunderte verstellt oder verdeckt? Was muss verabschiedet und was besser verstanden werden? Welche Deutungen sind angemessen? Wie können wir sie in die Diskurse und Lebensfragen unserer Zeit und GeVorwort

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sellschaft einbringen – und dann aus dem Dialog selbst profitieren? Dieses Buch ist für alle gedacht, die neue Sprache finden wollen für die Kraft, die im Kreuz liegt. Einzelne Grundgedanken habe ich bereits an anderer Stelle entwickelt und veröffentlicht. Jetzt habe ich sie in einen Gesamtentwurf eingearbeitet. Ich danke allen, die in Kursen und Seminaren mitgedacht haben und die das Manuskript aus unterschiedlichen Fachperspektiven kritisch durchgesehen haben! Ich danke ganz herzlich für alle »kollegiale Qualitätssicherung«. Nicht zuletzt danke ich dem Programmleiter des Gütersloher Verlagshauses, Diedrich Steen, für die fachkundige Begleitung und unkomplizierte Zusammenarbeit. Erfurt, im Oktober 2015

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Reiner Knieling

Vorwort

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Inhalt Teil 1:

Zugänge, Horizonterweiterungen, Perspektiven....................11 1.1 Stolpersteine, Fragen, Zugänge..............................................12 1.2 Inspirationen aus Kunst, Kirchengeschichte und Ökumene...........................................................................18 Keine Kreuzesdarstellungen außer Spott – Die ersten vier Jahrhunderte........................................................................18 Das Kreuz: Ort der Lebenskraft Gottes – 5. bis 10. Jahrhundert...........................................................................23 »Ein Tod, aus dem Leben entspringt« – Hoch- und Spätmittelalter...........................................................26 Das Kreuz als schöpferische Lebensmacht – Martin Luther.............30 Das Kreuz, der Mensch und die Natur – 17. und 18. Jahrhundert...........................................................................34 Unmenschliche Abgründe, verborgener Glanz und Widerstandskraft – Ende 19. und 20. Jahrhundert...............35 Das Kreuz – Ökumenische, kulturelle und geschlechtliche Vielfalt.................................................................39 Sprache finden für das Unverständliche.......................................43

1.3 Gottes Geheimnis, verborgen im Kreuz...............................45 Gottes Liebe – verborgen im Schmerz dieser Welt........................45 Das Kreuz in trinitarisch-energetischer Perspektive....................49 Spuren einer trinitarischen Kreuzeserschließung.........................55 Teil 2:

Gottes Geheimnis im Kreuz sprengt unsere Deutungen.......59 2.1 Fluch und Bestätigung: Wie passt das zusammen?.............61 2.2 Sühne – Opfer – Stellvertretung.............................................64 Festhalten oder verabschieden?....................................................64 Inhalt

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Die mittelalterliche Satisfaktionstheorie......................................65 Opfer und Sühne im Alten Testament: Neuausrichtung des Lebens auf Gott...........................................69 Stellvertretung im Alten Testament: Eröffnung neuer Lebensmöglichkeiten.........................................75

2.3 Die Auferstehung sprengt die Kategorien dieser Welt........84 In welchem Sinn ist Jesus stellvertretend für uns gestorben?.........86 In welchem Sinn ist Jesu Tod als Opfer zu verstehen?...................91 Anmerkung zu den »Notwendigen Abschieden«..........................98 In welchem Sinn hat Jesus die Strafe auf sich genommen?..............99 In welchem Sinn hat Jesus uns erlöst?.........................................102 Hat Gott Jesu Leiden gewollt?....................................................103 2.4 Leidensnachfolge, Kraft in der Schwachheit und Aufstehen gegen Unrecht und Gewalt................................105 2.5 Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit – Die Übersetzungsleistungen des Paulus.............................108 Rettung......................................................................................108 Frieden und Versöhnung...........................................................110 Gottesgerechtigkeit und Rechtfertigung.....................................114 Freiheit......................................................................................119 Und nicht zuletzt der Glaube.....................................................120 2.6 Sünde neu denken und von der Gotteskraft in Kreuz und Auferstehung her verstehen..........................123 Was ist das Neue, das durch Kreuz und Auferweckung in die Welt gekommen ist?..................................123 Sünde neu denken.....................................................................125 Schicksal, Tragik, Verstrickung..................................................127 Persönlich zu verantwortende Schuld........................................132 Scham........................................................................................134 Gottes Lebenskraft – wirksam in den verschiedenen Dimensionen der Sünde.....................................137

2.7 »Der Gott ist stachelig«.........................................................139

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Inhalt

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Teil 3:

Sprache finden für das Unverständliche..................................141 3.1 Das Kreuz als Teil einer faszinierenden Liebesgeschichte – oder: Die Basis dieses Buches in narrativer Form..................................................................145 Gottes Liebeskraft erleidet den Schmerz und sprengt das Grab........................................................................145 Wie es dazu kam – oder: Gottes Liebesgeschichte fängt nicht erst mit Jesus an.......................................................149 Wie Gottes Liebe konkret wird – zum Beispiel: Petrus...............153

3.2 Vom Kreuz reden in Gottesdienst und Verkündigung.......161 Wie vom Kreuz gesprochen wird – und wie es gehört wird........161

Raum für unterschiedliche Perspektiven und Auseinandersetzung mit den Deutungen des Kreuzes...............170 Die besondere liturgische Herausforderung...............................171 »Karfreitagsatmosphäre«?.........................................................175 Fremdenführerin und Zeuge, Theologe und »Gottesfrau«.........176

3.3 Drei Konkretionen.................................................................187 Sühne – Opfer – Stellvertretung.................................................187 Rechtfertigung – Freiheit – Glaube.........................................193 Gottes Geheimnis im Leidensweg Jesu.......................................197 Literatur.........................................................................................203 Anmerkungen..............................................................................212 Quellennachweise........................................................................224

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Teil 1:

Zugänge, Horizonterweiterungen, Perspektiven

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1.1 Stolpersteine, Fragen, Zugänge Karfreitag ist sperrig geworden. Seine herausragende Stellung als hoher Feiertag hat er verloren. Viele bleiben den Karfreitagsgottesdiensten fern und kommen lieber an Ostern. Andere halten die Tradition aufrecht und spüren dann: Was da gefeiert wird, entfaltet nicht mehr die Kraft, die es einmal hatte. Hat unsere Zeit einfach keinen Zugang zu dem, wofür Karfreitag steht? Wenn ja, woran liegt das? An der Botschaft von Karfreitag? An den sperrigen Symbolen? An der Atmosphäre? An den fehlenden Brücken? An der mangelnden Erschließung? An unserer Scheu, uns dem grausamen Tod am Kreuz auszusetzen? Manchmal frage ich mich: Warum ist das an Weihnachten anders? Und ich vermute: weil Weihnachten nicht so bedrohlich wirkt. Das Baby ist zwar gefährdet, bedroht, verletzlich. Aber wir können es in Wärme und Geborgenheit hüllen. Wir können als Mitleidende und Fürsorgende auftreten. Wir müssen uns nicht mit dem Baby identifizieren. Wir können uns kümmern, auch um das Baby in uns. Wie viel Freundlichkeit und Fürsorge und Beziehungsvertiefung geschieht an Weihnachten! – Neben den Verpflichtungen, den Streitereien in der Familie, den Einsamkeiten etc., die es natürlich auch gibt. – Wie viele Geschenke werden gekauft, gebastelt und überbracht, manchmal auch für Fremde! Wie viele Menschen freuen sich! In allem liegt die Sehnsucht nach Frieden auf Erden, mit und ohne die ausdrückliche Ausrichtung auf Gott. Gott als Baby – gefährdet, bedroht, verletzlich. Das ist leichter zu verkraften als ein hingerichteter Mensch oder gar ein hin­ gerichteter Gott, bei dem man nichts mehr machen kann. Dem wir nicht mehr helfen können. Und der sich scheinbar auch selbst nicht helfen kann. Da ist die Zumutung viel größer: dass Gott das mit sich machen lässt! Das passt nicht in menschliche 12

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Gottesvorstellungen. Das Kreuz ist eine mächtige und erschütternde Frage an unsere Vorstellungen von Gottes Macht und die Kraft seiner Liebe. Wenn Gott das mit sich machen lässt, was heißt das für uns? Dass unsere Wünsche nach zügiger Beendigung des Leides oft nicht in Erfüllung gehen? Dass Gott uns in der Regel nicht aus dem Leid heraus erlöst, sondern durch das Leiden hindurch? Hat die Christenheit deshalb angefangen, das Kreuz zu »vergolden«? Hat sie angefangen, das Kreuz mit Heils­ erwartungen und Heilsvorstellungen zu umgeben, die mehr den eigenen Wünschen entspringen, als den biblischen Quellen? Hat sie eine Theorie entwickelt, die das Kreuz als notwendig und gut und heilsam darstellte und damit seine Schrecken in den Hintergrund drängte? Wollte sie sich durch die Rede von der »Heilsnotwendigkeit« des Todes seine Brutalität vom Leib halten? – Hans-Joachim Iwand, mutiger Streiter der Bekennenden Kirche mit hohem Respekt biblischer und protestantischer Theologie gegenüber, formulierte es in seiner Christologievorlesung so: »Wir haben uns die Härte des Kreuzes, die Offenbarung Gottes im Kreuz Jesu Christi dadurch erträglich gemacht, daß wir es in seiner Notwendigkeit für den Heilsprozeß verstehen lernten [...]. Dadurch verliert das Kreuz den Charakter der Kontingenz, des Unbegreiflichen.«1

Das spiegelt sich auch in meiner eigenen geistlichen und theologischen Entwicklung. Ich habe schon zu Jugendzeiten nicht verstanden, warum ein »stellvertretender Sühnetod« für Gottes Liebe notwendig sein sollte. Ich hörte oft: ›Jesus ist für dich gestorben.‹ Doch mir konnte niemand richtig erklären, warum sich gerade darin Gottes Liebe zeigt. Schon im Religionsunterricht und in der Jugendgruppe fragte ich: Wie konnte Gott Gefallen haben am Tod seines eigenen Sohnes? Warum rettet er 1.1 Stolpersteine, Fragen, Zugänge

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die Welt nicht ohne solche Grausamkeiten? Und wenn es schon so grausam sein muss, warum wird das dann als Ausdruck der Liebe Gottes verstanden? Was ist das für eine Liebe? Die Frage brachte andere durcheinander, irritierte und verunsicherte sie. Deshalb musste, so hatte ich den Eindruck, die Sicherheit schnell wiederhergestellt werden: »Das ist eben so.« Oder, etwas differenzierter: »Gott kann die Regeln, die er aufgestellt hat, nicht einfach durchbrechen. Wegen seiner Gerechtigkeit ist Strafe für unsere Sünden nötig. Seine Liebe ist, dass er nicht uns straft, sondern seinen Sohn.« – »Wenn Gott gerecht bleiben will, muss die Sünde gesühnt werden.« – »Vor Gott wiegt jede Sünde schwer. Bei ihm gibt es nicht kleine und große Sünden.« Das hieß: Alle Sünden sind groß. Auf die Idee, dass alle klein sein könnten, kam niemand. Die Antworten befriedigten mich nicht: Warum unterliegt Gott einem Gesetz? Oder unterstellt er sich dem freiwillig? Auf meine Frage, warum Gott an so vielen Stellen – auch schon vor Jesu Tod – einfach gnädig ist, unverdient gütig oder unverschämt barmherzig, bekam ich dann keine Antwort mehr. Manche sagten: »Das mit dem Kreuz musst Du halt glauben.« Was auch immer ›das mit dem Kreuz‹ genau war. ... Manche ergingen sich in längeren Erklärungsversuchen. Meine Fragen waren am Schluss doch nicht vernünftig beantwortet. Ich dachte damals: Wenn meine Sünde auch noch so schrecklich sein mag, Gott muss doch – wenn er wirklich barmherzig ist – einen barmherzigen, weniger grausamen Weg finden, mit meinen Sünden fertig zu werden. So machte ich mich auf die Suche. Durch christliche Freizeiten, verschiedene Gespräche, durch das Theologiestudium, die Promotion, meine Arbeit mit Jugendlichen und in der theologischen Ausbildung begleitete mich die Frage: Wie kann ich das Kreuz verstehen? Kann ich es überhaupt angemessen verstehen? Wie verbinden sich damit Gottes Gütekraft, seine Liebesenergie und Friedensstärke? Ich hatte verschiedene Artikel 14

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dazu geschrieben. Einzelne Entdeckungen verbanden sich zu einem Bild. Irgendwann war mir klar: Ich kann Gottes Liebe am Kreuz nur dann finden, wenn ich sie zunächst woanders suche. Sie erschließt sich mir nur indirekt. Gottes Liebe entdecke ich vor allem und zuerst in der Menschwerdung und in der Auferweckung. Dort wird deutlich: In der Welt mag sich alles ändern – Menschen, ihre Bilder von Gott, Überzeugungen, Kulturen –, auf eines aber ist Verlass: Gott findet immer einen Weg für seine Liebeskraft und Zuwendung. Das hat er darin gezeigt, dass er in diesem Jesus von Nazareth ins Galiläa des 1. Jahrhunderts kam, zunächst abseits von dem religiösen Zentrum in Jerusalem und am Rand des damaligen römischen Großreichs. Auch seine Kreuzigung konnte diese Zuwendung Gottes nicht zerstören, vernichten, töten. Gott hat Phantasie genug, sich neu zuzuwenden und seiner Güte Kraft zu verleihen. Er erweckt den brutal Gekreuzigten von den Toten: Er stiftet neues Leben und lässt seine Geistkraft wirksam werden. So kommt Gott auch zu uns, hinein in unsere menschliche und religiöse Entwicklung, in unsere Zeit und Gesellschaft. Und er wirbt darum, sich auf ihn einzulassen, umzukehren, dem Leben zu dienen. Paulus hat das in dem Spitzensatz zusammengefasst: »So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.« (2. Kor 5,20) Es bleibt die Frage: Welche Bedeutung hat in all dem das Kreuz Jesu? Meine Suche nach Antworten wird auch durch Gottesdiensterfahrungen in der Passionszeit und am Karfreitag angestachelt: Dort erlebe ich teilweise hervorragende Erzählungen der Passionsgeschichte (dazu mehr in Teil 3). Ich kann mich hineinversetzen, die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven miterleben, mich mit dem Geschehen auseinandersetzen. Doch sobald es um die Bedeutung dieses Geschehens geht, werden auch eloquente und theologisch fitte Kolleginnen und Kollegen eigenartig sprachlos, hölzern, formelhaft. Entweder sie meiden 1.1 Stolpersteine, Fragen, Zugänge

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klassische Formeln ganz, z.B. dass Jesus »für uns« gestorben ist, dass er stellvertretend für uns sein Leben hingab etc. Oder sie nennen sie in dieser Formelhaftigkeit, ohne zu entfalten, was damit gemeint ist. Ich sage nicht, dass die Entfaltung leicht wäre. Und ich verstehe die Sorge vor Missverständnissen und Einseitigkeiten. Manchmal frage ich mich: Wirke ich auch so? So hilflos? So amtsmäßig? Mehr erlernt als überzeugt? Mehr der Tradition ergeben als von der eigenen Suche angetrieben? Gibt es nicht mehr zu sagen? Ich möchte mich nicht zufrieden geben mit der Wiederholung bekannter Formeln. Ich wünsche mir vielfältige Auseinandersetzung. Ich möchte etwas spüren vom Widerstand und den Entdeckungen der Einzelnen, ihrem Verstehen und den offenen Fragen. Andere Predigerinnen und Prediger entfalten die bekannten Formeln nach wie vor in vertrauter Weise. Aber es wirkt gleichzeitig eigenartig fremd, wenig im Leben, in den Fragen des Alltags, in dem Unverständnis der Gesellschaft verwurzelt. Wieder andere üben sich im Gegenteil. Sie verabschieden, was unverständlich wirkt. Sie suchen Worte, die akzeptabel scheinen. Das wirkt dann manchmal banal. Mein Eindruck ist: Beides wird der Störung durch das Kreuz, der Gottesgegenwart in der Tiefe, dem Geheimnis Gottes in dieser Welt, der Heilskraft, die von ihm ausgeht, nicht gerecht. Wenn ich nach der Bedeutung des Kreuzes frage, suche ich einen Weg, der weder in den bekannten Formeln stecken bleibt, noch sie einfach verabschiedet; einen Weg, der die Sprach- und Hilflosigkeit aushält und überwindet; einen Weg, der das Anstößige des Kreuzes ernst nimmt, aber nicht jede Deutung, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, für plausibel halten muss; einen Weg, der hoffentlich auch zu neuen Deutungen führt, in denen sich die alte Kraft des Kreuzes entfaltet; einen Weg, der dem Kreuz Facetten abringt, die an unsere gegenwärtigen Herausforderungen andocken und dort ihre Wirkung entfalten. 16

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Um mein Verständnis zu weiten, helfen mir Einblicke in die Kunst der Gegenwart und der vergangenen Jahrhunderte – und in die theologischen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontexte, die sich in dieser Kunst Ausdruck verschaffen. Dabei entdecke ich Facetten des Kreuzes, die sich nicht einfach in die Deutungen fügen, die ich gelernt habe. Das weitet meinen Horizont. Das führt mich zu Fragen, die mich weiterbringen. Einige der Entdeckungen stelle ich im nächsten Abschnitt vor.

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1.2 Inspirationen aus Kunst, Kirchengeschichte und Ökumene Ein Blick in die Kunst- und Kirchengeschichte zeigt Perspektiven und Aspekte in der Deutung des Kreuzes Jesu, die uns wenig oder gar nicht vertraut sind, die irritierend oder faszinierend fremd sind, die verstören und anziehen und sich manchmal überraschend mit gegenwärtigen Herausforderungen und Frage­perspektiven verbinden. Dabei geht es hier nur um Horizonterweiterung, nicht um einen kunst- und kirchengeschichtlich ausgewogenen Überblick über die Kreuzesdarstellungen und -deutungen. Es geht in der Betrachtung der Bilder auch nicht um eine kunstgeschichtlich gesicherte Einordnung. Das alles gibt es an anderer Stelle.2 Es geht vielmehr darum, in den Bildern Aspekte zu entdecken, die uns in unseren gegenwärtigen Bemühungen um das Kreuz inspirieren und weiterbringen könnten. Besonders eindrücklich ist für mich der Blick in das erste Jahrtausend: Dort finde ich besonders wenig von dem, was mir am Kreuz vertraut ist; und vieles, was mich überrascht.

Keine Kreuzesdarstellungen außer Spott – Die ersten vier Jahrhunderte Die einzige Darstellung des Leidens Jesu oder des Gekreuzigten, die aus den ersten vier Jahrhunderten überliefert ist, zeigt nicht die Verehrung des Gekreuzigten durch seine Anhängerinnen und Anhänger, sondern den Spott der Verächterinnen und Verächter: Ein Esel hängt am Kreuz. Daneben stehen ein Mensch und der griechische Satz: »Alexamenos sebete Theon – Alexamenos betet 18

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Gott an« (Abb. 1). Diese Wandzeichnung zeigt, wie »eselig« die Römer – die Karikatur wurde in einer antiken Kaserne in Rom gefunden – das fanden, dass die Christen einen Gott anbeteten, der den schrecklichen Tod am Kreuz starb: ein wehrloser und ehrloser Gott, ein Ausgelieferter, einer von abertausend Gekreuzigten, einer, der nichts zustande bringt. Einen solchen Gott nimmt man am besten gar nicht ernst. Ein solcher Gott kann nur ein Esel sein. Und die ihn anbeten, sind ihm ähnlich. »›Was auch nur Kreuz heißt, soll nicht nur vom Leibe der Bürger Roms fernbleiben, sondern auch schon von ihrem Denken, ihrem Auge und Ohr‹, erklärte Cicero. Es galt als Verletzung guter Sitten, in der Gegenwart anständiger Leute von einem so scheußlichen Sklaventod zu reden.«3 Davon sind »Frömmigkeit und Theologie der Alten Kirche [...] beherrscht«.4

Christinnen und Christen aber kamen vom Kreuz nicht los. Es gehörte untrennbar zu dem, den sie verehrten. Und gleichzeitig war die Peinlichkeit, die das im gesellschaftlichen Umfeld auslöste, unmittelbar zu spüren und prägend. Christinnen und Christen taten sich aber schwer mit dem Kreuz, zumal die eigenen Leiden in manchen Zeiten und Regionen des Römischen Reiches unerträglich werden konnten. In diesem Kontext gewannen sie einen Zugang über »die Symbolkraft des Kreuzes [...], freilich auf Kosten der Konkretheit des Leidens und Sterbens Christi und unter Übergehung der negativen Konnotationen des Symbols.«5 Irenäus von Lyon (2. Jh.) z.B. findet das Kreuz in vielen Lebensbereichen, »im Menschen mit ausgestreckten Armen, im Mast des Schiffes, in bäuerlichen Werkzeugen«. Er sieht darin Gottes Wesen in dieser Welt. Gottes Wesen zeigt sich am Kreuz als Gehorsam Jesu. So lockt Gott zurück in die Gottesbeziehung, die den Menschen verloren gegangen war. Für Irenäus steht das »Holz« des Kreuzes Jesu dem Para1.2 Inspirationen aus Kunst, Kirchengeschichte und Ökumene

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diesbaum als Symbol für den Ungehorsam der Menschen gegenüber. Durch Gottes Gegenwart im Gehorsam Jesu, durch das Kreuz also, setzt sich Gott in dieser Welt durch. Dem dient auch, dass er »in die gesamte Schöpfung ›hineingekreuzigt‹« ist.6 Das Kreuz wird zum Lebens- und Siegeszeichen. Das Fehlen von Kreuzesdarstellungen in den ersten vier Jahrhunderten hat unterschiedliche Gründe: (1) Die Christinnen und Christen mussten teilweise im Verborgenen bleiben und wurden zeitweise mehr oder weniger brutal verfolgt. Vieles von dem, was sie sich aufgebaut und was sie hergestellt oder erworben haben, ging verloren: Von den Schriften des Neuen Testaments haben wir nur die damals günstigen und wenig haltbaren Papyri, häufig nur kleine Stücke, die irgendwo an trockenen Orten überdauerten. Viele sonstige kirchen- und theologiegeschichtliche Quellen sind nicht im Original, sondern nur sekundär, z.B. in der Darstellung der Kirchengeschichte, die Eusebius von Caesarea im Jahr 325 verfasst hat, erhalten. (2) Ein zweiter Grund ist: Mit dem Kreuz ließ sich »kein Staat machen« im römischen Reich. Ein solcher ohnmächtiger, »eseliger« Gott war nicht attraktiv in einer Gesellschaft, die vielfach von Gewalt, Kampf und Krieg geprägt war. Rom liebte die Sieger, die Triumphzüge bekamen und denen in der Arena gehuldigt wurde; es verabscheute die Verlierer, über die man den Daumen senkte. Die Verspottung »Alexamenos betet Gott an« spiegelt, was Christen in den ersten Jahrhunderten allzu häufig erleben mussten. Das änderte sich im Laufe des 4. Jh.s, in dem das Christentum erst geduldet und dann zur Staatsreligion wurde. Durch diesen Wandel wurde das Kreuz allerdings zu einem Siegeszeichen im eher römischen Sinne (vgl. unten 6). (3) Die theologische Debatte der ersten Jahrhunderte ist von den Fragen nach der Einheit und Dreigestalt Gottes und nach den »Naturen« Jesu bestimmt. Bei der ersten Frage geht es um 20

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Grundlagenklärung, um die Redlichkeit im eigenen Denken, sowie um die Selbstvergewisserung und Rechenschaft anderen religiösen Verständnissen und philosophischen Weltdeutungen gegenüber (Apologie). Das prägt auch die zweite Frage, wobei diese ausdrücklicher auf die »Sicherung« des in Christus erschienen Heils gerichtet ist: Damit dieses Heil durch und durch göttliches Heil ist, muss Jesus auch Gott sein. Damit es menschlich wirksam ist, muss er ganz in die Menschheit eingehen. Es war jedoch schwierig, das konsequent durchzuhalten, besonders im Blick auf das Kreuz: »Der theistische Gottesbegriff, nach dem Gott nicht sterben kann, und die Heilshoffnung, nach der der Mensch unsterblich werden soll, machten es unmöglich, Jesus wirklich für Gott und zugleich für gottverlassen zu halten.«7

(4) Damit verbunden war die Frage: Wie sollen die Göttlichkeit und die Menschlichkeit Jesu dargestellt werden – auch angesichts des Bilderverbots im Alten Testament? Es brauchte Zeit, um diese Frage zu klären. Die ersten Christusdarstellungen sind auch deshalb erst aus dem 4. Jh. überliefert (aus Katakomben und Kapellen, auf Sarkophagen und Gefäßen). Sie zeigen Jesu Taufe, Wundergeschichten, den guten Hirten, das Abendmahl, die Herrschaft des Erhöhten, den Verkündiger des göttlichen Wortes und Gesetzes.8 Es geht dabei jeweils mehr oder weniger deutlich darum, die Dimension des Göttlichen in dem Menschen Jesus zum Ausdruck zu bringen: seine göttliche Herkunft, seine Wunderkraft, seine Fürsorgehaltung und Verkündigung des göttlichen Wortes und nicht zuletzt seine himmlische Machtfülle. Das alles ließ sich scheinbar leichter zur Geltung bringen als das Kreuz. (5) Zu den theologischen Themen, die in den ersten Jahrhunderten wichtiger waren als die Entfaltung der Kreuzesdeutun1.2 Inspirationen aus Kunst, Kirchengeschichte und Ökumene

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UNVERKÄUFLICHE LESEPROBE

Reiner Knieling Das Kreuz mit dem Kreuz Sprache finden für das Unverständliche Paperback, Broschur, 224 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-579-08232-5 Gütersloher Verlagshaus Erscheinungstermin: Januar 2016

Traditionen verstehen, neue Deutungen entdecken Das Kreuz zieht an und stößt ab. Es zeigt, wie grausam Menschen zu Menschen sind. Und es trägt die Keimkraft neuen Lebens in sich. Wie kann Gott mitten im Schmerz dieser Welt entdeckt werden? Wie öffnen klassische Deutungen des Kreuzes – z.B. Stellvertretung, Opfer, Sühne, Rechtfertigung – Raum für eigene, neue Gotteserfahrungen? Welche Vorstellungen von Gott werden im Kreuz durchkreuzt? Reiner Knieling findet Antworten, die weder in den bekannten Formeln steckenbleiben, noch sie einfach verabschieden. Ein ebenso persönliches wie theologisch geerdetes Buch voller Anregungen, die Rede vom Kreuz neu zu wagen.


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