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Die englischsprachige Originalausgabe erschien im Verlag Harrison House unter dem Titel The Power of the Blood Covenant – Uncover the Secret Strength in God's Eternal Oath © 2002 by Malcolm Smith. Th is translation of The Power of the Blood Covenant is published by arrangement with Harrison House. All rights reserved.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar. Bibelzitate, sofern nicht anders angegeben, wurden der Schlachter Bibelübersetzung entnommen. Bibeltext der Schlachter, © 2000 Genfer Bibelgesellschaft . Alle Rechte vorbehalten. Alle Bibelübersetzungen wurden mit freundlicher Genehmigung der Verlage verwendet. Hervorhebungen und Ergänzungen einzelner Wörter oder Passagen innerhalb von Bibelzitaten wurden vom Autor vorgenommen.

amp Amplified Bible, © 1987 The Lockman Foundation, www.lockman.org.

elb Revidierte Elberfelder Bibel, © 2006 SCM R.Brockhaus, Witten. eü Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 2016 Kath. Bibelanstalt GmbH, Stuttgart. kjv King James Version.

lut Lutherbibel, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.

msg The Message, © by Eugene H. Peterson 1995. NavPress Publishing Group.

nkjv New King James Version, © 1982 by Thomas Nelson.

nlb Neues Leben Bibel, © 2017 SCM R.Brockhaus, Witten.

Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson

Umschlagbild: Rene Bohmer/Unsplash

Übersetzung: Gabriele Kohlmann

Korrektorat: Th ilo Niepel

Satz: Grace today Verlag

Druck: CPI Clausen & Bosse, Leck

Printed in Germany

1. Auflage 2024

© 2023 Grace today Verlag, Schotten

Paperback: ISBN 978-3-95933-262-6, Bestellnummer 372262

E-Book: ISBN 978-3-95933-263-7, Bestellnummer 372263

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.

www.gracetoday.de

KAPITEL 1

Was fehlt?

Noch bevor sie ihn tatsächlich sahen, wussten die Astronomen bereits, dass der Planet, den wir heute als Pluto kennen, aufgrund seines Gravitationseinflusses auf andere Planeten zu unserem Sonnensystem gehört. Meine Reise in die Inhalte dieses Buches verlief ähnlich.

Als ich die verschiedenen Bücher der Bibel durchlas und die einzelnen Personen studierte, wurde mir bewusst, dass sie etwas gewusst haben, das mir nicht bekannt war. Dieses »Etwas« übte einen enormen Einfluss auf ihr Verständnis von Gott und der mit ihm verbundenen Errettung aus. Der mutige Glaube, den sie voller Autorität zur Anwendung brachten, war eine Reaktion auf dieses »Etwas«.

Während ich die Psalmen studierte und die in der Bibel festgehaltenen Gebete von Männern und Frauen Gottes las, wurde mir bewusst, dass die Art ihres Betens und ihrer Gottesverehrung eine Folge der Offenbarung war, die sie von diesem »Etwas« hatten. Ich erkannte, dass es sich hierbei – was auch immer es war – um das Fundament handelte, auf dem das Volk Gottes sein Leben aufbaute. Dieses »Etwas« war das Geheimnis ihres Lebens und ihres Wandels mit Gott und die Grundlage für ihre Taten in seinem Namen.

Am deutlichsten zeigte sich das im Neuen Testament. Auch dort konnte ich deutlich erkennen, dass die Gläubigen auf etwas reagierten, von dessen Existenz ich nicht wusste. Sie schienen Errettung ganz anders zu sehen, als ich es tat.

Was fehlt? 5

Ich war dazu erzogen worden, meine Errettung nach dem Vorbild eines Gerichtssaals zu sehen, in dem ich der zum Tode verurteilte Gefangene war und der Richter meinen Platz einnahm, um meine Strafe zu tilgen, wodurch ich entlastet und für gerecht erklärt wurde. Das war ein durchaus brauchbares Denkmodell, aber es fehlte etwas, das ich nicht genau benennen konnte.

Einige Wochen, nachdem ich Christus angenommen hatte, machte ich eine Erfahrung mit dem Heiligen Geist, die mein Leben auf dramatische Weise veränderte; doch als ich die Seiten des Neuen Testaments immer wieder durchlas, begriff ich, dass der Heilige Geist für die Verfasser zu ihrem wahren Leben geworden war. Durch eben diesen Geist definierten und verstanden sie ihre Errettung. Sie kannten ihn nicht nur als ekstatische Erfahrung, sondern als Gesamtkontext ihres Lebens.

Es war offensichtlich, dass sie kein zweites oder drittes Erlebnis hatten, das sie in diese Dimension des Lebens hineinkatapultierte. Es gab »etwas«, von dem sie wussten und anhand dessen sie das Kreuz, Jesu Blutvergießen, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt und die Gabe des Heiligen Geistes interpretierten – etwas, das mir unbekannt war. Dasselbe »Etwas« bestimmte das Wirken des Geistes sowohl in ihrem persönlichen Leben als auch in der Gemeinschaft der Gläubigen in einer Tiefe, die Lichtjahre über meine Erfahrung mit dem Heiligen Geist hinausging.

Der Kern des Bundes

Ich entdeckte, dass dieses »Etwas«, von dem ich nichts wusste, der Bund war, den Gott mit seinem Volk geschlossen hatte. Es fällt mir heute schwer, mich daran zu erinnern, wie ich die Bibel betrachtete, bevor ich den Bund erkannte und verstand. Ganz sicher

Die Kraft des neuen Bundes

Es fehlte dieses »Etwas«, das alles miteinander verband. Die Verheißungen Gottes waren das Wort Gottes und absolut verlässlich, aber sie schwebten wiederum in einem eigenen Raum ohne jegliche Verbindung zu einer mit Blut besiegelten Verpfl ichtung, die Gott eingegangen war.

Der Glaube war für mich ein Rätsel. Ich dachte über die Autorität nach, mit der die Helden der Bibel sprachen, und fragte mich, woher sie die Vollmacht hatten, solche Wunder in Existenz zu sprechen, und warum Gott ihre Worte würdigte. Mir war nicht klar, dass sie aus einer früheren Verpfl ichtung heraus sprachen, die Gott ihnen gegenüber eingegangen war.

Gebet fiel in dieselbe Kategorie: Was bedeutete es, im Namen Jesu zu beten? Es erschien mir einschränkend und befreiend zugleich. Ich wusste nicht, dass sein Name das Herzstück des Bundes ist. Selbst mit dem Lob, der Danksagung und der Anbetung in den Psalmen wurde ihm für »etwas« gedankt, von dem ich damals nicht wusste, dass es sein Bund und seine bundestreue Liebe waren.

Die Entdeckung des neuen Bundes, geschlossen im Blut Gottes, vergossen aus den Wunden des Herrn Jesus, ließ mir die Bibel in

Was fehlt? 7 habe ich nicht gewusst, dass alles von dem verborgenen Kern des Bundes ausging. Ich hatte ein Glaubenssystem, das zusammenhanglos war; jeder Teil stand für sich allein wie eine Insel in einem Meer namens Christentum, und kein Teil hatte eine wirkliche Verbindung zu den anderen Teilen. Ich glaubte, dass Gott das Universum erschaffen hatte, aber ich sah nicht, wie das mit unserer Errettung zusammenhing. Die Errettung war für mich ein Akt der Liebe Gottes, aber sie geschah einfach, ohne jede Verbindung zu bestimmten Verpfl ichtungen, die er damit eingegangen war. Meine Erfahrung mit dem Heiligen Geist war eine wunderbare Beigabe zur Errettung von der Sünde; ich sah sie aber nicht als notwendigen Bestandteil von allem anderen.

Ein kraftloses Evangelium

Tragischerweise ist die große Mehrheit der Gläubigen des 21. Jahrhunderts blind für die Tatsache, dass das Evangelium ihnen die Aufnahme in eine solche Beziehung zu Gott ankündigt und sie dazu befähigt. Da sie diese überwältigende Berufung nicht erkennen, begnügen sie sich mit dem wöchentlichen Besuch von Gottesdiensten, mit Gebetsübungen sowie Bibelstudium und mit der Einhaltung von Regeln, die sich größtenteils auf das physische Leben beziehen.

Ich bin kein technisch begabter Mensch. Tatsächlich könnte man mich als Analphabeten in Sachen Technik bezeichnen. In meinen späten Teenagerjahren war ich Pastor einer kleinen Gemeinde in einem Bauerndorf in Nordirland. Ich besuchte die Gemeindeglieder auf ihren Bauernhöfen mit dem Fahrrad. Um mir meine Aufgabe als Hirte zu erleichtern, schenkte mir einer der Bauern ein kleines Motorrad, das einem seiner Söhne gehört hatte. Ich hatte noch nie eine solche Maschine besessen oder auch nur davon geträumt, weshalb ich dieses Geschenk sowohl mit Furcht als auch Ehrfurcht entgegennahm. Niemand hatte mir erklärt, wie so ein Gefährt funktionierte oder was ich tun musste, damit es lief, und da es alt war, lag auch keine Betriebsanleitung bei.

Die Kraft des neuen Bundes einem völlig neuen Licht erscheinen. Das einem ungewissen Meer gleichende Christsein wich festem Land, und die Inseln der Wahrheit und des erlebten Glaubens fügten sich zu einem Ganzen zusammen. Ich lernte die Ruhe in Christus kennen und verstand den Platz des Heiligen Geistes in meinem persönlichen Leben und in der Gemeinde als Ganzes, wie es vor meiner Entdeckung des Bundes nie der Fall gewesen war.

Ich rüstete mich mit Helm und Motorradkleidung aus und machte mich auf den Weg, um die neue Erfahrung zu genießen, ohne Anstrengung an mein Ziel gebracht zu werden. Vorbei waren die Zeiten, in denen ich gegen den Wind bis zur Erschöpfung in die Pedale treten musste.

Am zweiten Tag jedoch stotterte der Motor und gab den Geist auf. Ich saß traurig und verwirrt da, ohne eine Ahnung zu haben, was los sein könnte. Ich begann, die Maschine über die Straße zu schieben. Ich schwitzte unter meiner schweren Montur und sehnte mich nach den alten Tagen eines verlässlichen Fahrrads. Ich stapfte Kilometer um Kilometer in der prallen Sonne. Ich war versucht, dieses elende Gefährt im Straßengraben zu entsorgen, aber ich wollte den Bauern, der es mir geschenkt hatte, nicht beleidigen. Der Verdruss über mein Geschenk und meine Betrübnis darüber, dass es so bald irreparabel kaputt gegangen war, wurden durch die Stimme eines freundlichen Bauern unterbrochen. Er hatte gesehen, wie ich meine Last über die Straße zerrte und rief mir zu: »Du kannst etwas von meinem Benzin haben, mein Sohn!« Freudig erstaunt blieb ich stehen, denn mir wurde klar: Mein Motorrad war gar nicht defekt, sondern der Sprit war einfach aufgebraucht!

Ich bin schon vielen Christen begegnet, die ihr Leben auf der Landstraße entlangschieben und kurz davor sind, es in den Straßengraben zu kippen, weil sie zwar das äußere Erscheinungsbild eines Christen haben, aber nicht die kraft volle Energie kennen, die das Herzstück des Glaubenslebens ist. Sie treiben sich selbst bis zur Erschöpfung an, wo sie doch eigentlich von der Energie eines anderen vorangetragen werden sollten.

Worin besteht das Evangelium? Wenn das, was wir für das Evangelium halten, nicht die Kraft Gottes zur Errettung ist, dann müssen wir uns fragen, ob wir es überhaupt verstehen.

Was fehlt? 9

Was ist biblischer Glaube? Für viele ist er die religiöse Version der Bekenntnisse, von denen die Autoren von Selbsthilfebüchern sprechen.

Wie können wir aufhören, uns vor Gott zu fürchten, und anfangen, ihn wirklich zu lieben? Ist es möglich, sowohl sein Freund als auch sein Diener zu sein?

Was ist wahre Heiligkeit? Sicherlich muss sie mehr bedeuten als das Einhalten einer Liste von Verhaltensregeln.

Was meinte Jesus mit der Aussage »Ich in euch und ihr in mir«? Das klingt nach viel mehr als zweimal die Woche in die Kirche zu gehen!

Wie überwinden wir Versuchung? Ist es eine Frage starker Willenskraft und Entschlossenheit?

Wie ist es möglich, Menschen zu lieben, die nicht liebenswert erscheinen? Wie können wir einander so lieben, wie Jesus uns geliebt hat? Wie können wir das Unverzeihliche verzeihen?

Tragischerweise gibt es Millionen von Gläubigen, die über die Antworten auf diese Fragen genauso gut Bescheid wissen wie ich über die Funktionsweise jenes Motorrads damals.

Ich möchte dir den Inhalt eines Briefes zeigen, den ich neulich erhalten habe:

Lieber Malcolm, wir kennen uns nicht, und ich bin dir auch nie begegnet, aber ein Freund von mir hat mir erzählt, dass ihm deine Lehre sehr geholfen hat. Er nannte mir deine Adresse und drängte mich, dir zu schreiben. Ich vertraue darauf, dass du diesen Brief lesen und mir einige Antworten geben wirst.

Ich schreibe dir, weil mein Leben als Christ eine einzige Katastrophe ist und ich mich an niemanden sonst wenden kann. Ich gehöre zur Leiterschaft meiner Gemeinde, und wenn ich

Die Kraft des neuen Bundes

Um es gleich vorauszuschicken: Wenn du mich in der Gemeinde, bei den wöchentlichen Zusammenkünften, beim geselligen Beisammensein mit anderen Gemeindegliedern oder beim Unterrichten meiner Sonntagsschulklasse für junge Erwachsene sehen würdest, kämst du nie auf die Idee, ich könnte anders sein als die Person, die du vor dir hast.

Es war nicht meine Absicht, ein Heuchler zu werden. Von Anfang an habe ich mein Bestes gegeben, um für Jesus zu leben. Ich habe mich dazu diszipliniert, jeden Tag zu beten, die Bibel zu lesen und sogar Bibelverse auswendig zu lernen. Ich beginne wirklich jede Woche mit dem Vorsatz, für Jesus zu leben. Aber ich scheitere jedes Mal. Das Leben, das meine Familie und die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, zu sehen bekommen, unterscheidet sich deutlich von dem, welches der Gemeinde vorgeführt wird. Ich bin schrecklich jähzornig und kann mich nicht beherrschen, so sehr ich mich auch bemühe. Ich kämpfe auch jeden Tag mit lüsternen Gedanken, und wenn ich geschäftlich unterwegs bin, sehe ich mir im Hotelzimmer pornografische Filme an. Ich habe einen Bruder, mit dem ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesprochen habe, und ich kann mich nicht dazu durchringen, ihm zu vergeben, denn er hat mein Vertrauen missbraucht und mich damit zutiefst verletzt. Wenn Christsein bedeutet, so zu lieben, wie Jesus geliebt hat, dann scheide ich wohl komplett aus.

Was fehlt? 11 dem Pastor oder einem der Diakone von meinem Leben erzählen würde, wüsste ich nicht, was dann geschähe. Ich weiß jedenfalls, dass ich in dieser Gemeinde nicht mehr willkommen wäre. Ich bete, dass du dies lesen wirst und in der Lage bist, mir zu helfen.

Vor allem aber liebe ich Gott nicht; ich finde keine Freude an meinem Gebet oder Bibellesen – ich tue es, weil man mir gesagt hat, dass es für mein Christenleben förderlich sei. Aber ich bin nicht mit dem Herzen dabei, wenn es darum geht, Gottes Anordnungen zu folgen und Gemeinschaft mit ihm zu pflegen; tatsächlich muss ich zugeben, dass ich die Menschen in der Welt manchmal beneide – sie sehen sehr viel zufriedener aus, als ich mich jemals fühle.

Vielleicht habe ich in den letzten zehn Jahren einfach immer so weitergelebt, weil ich in der Gemeinde eine Fassade aufrechterhalten kann, die meine Leiter und die anderen Leute dort zufriedenstellt. Sicher weißt du, was ich mit »Fassade« meine – die Regeln der Subkultur, der wir Evangelikalen angehören. Ich habe sie mir erst neulich wieder durch den Kopf gehen lassen. Wir sind die Leute, die bestimmte Dinge nicht tun; wir gehen nicht an gewisse Orte; wir rauchen nicht, trinken keinen Alkohol und kleiden uns nicht wie die Welt, vor allem nicht unsere bemitleidenswerten Frauen! Solange ich diese Regeln einhalte, halten mich alle für einen guten Christen.

Aber in den letzten Wochen habe ich mich mit mir selbst auseinandergesetzt und erkannt, dass sich die Bibel in erster Linie mit meinen Gedanken, Motiven und Beziehungen befasst und nicht so sehr mit Verhaltenslisten, wie ich sie mein Leben lang einzuhalten versuche und wie sie von der Gemeinde vorgegeben wurden. Die Bibel fordert mich vor allem dazu auf, Gott zu lieben, mich an ihm zu erfreuen und seinen Anordnungen aus Liebe zu ihm zu folgen.

Ich versage kläglich. Malcolm, die Wahrheit ist, dass ich Gott nicht liebe. Genauer gesagt habe ich Angst vor ihm. Ich gehe zum Gottesdienst und ich bete, aber nur, weil ich fürchte,

Die Kraft des neuen Bundes

Es gab Zeiten, in denen ich dachte, ich hätte eine Gotteserfahrung gemacht. Bei besonderen Veranstaltungen, bei denen mir die Hände aufgelegt wurden, spürte ich ein warmes Glühen in mir, das Aufflackern einer Freude, die ein paar Wochen anhielt, und ich frage mich, ob echte Christen diese Dinge dauerhaft spüren. Manchmal hörte ich eine Botschaft, die eine Anleitung für ein Leben als siegreicher Christ lieferte, und diese habe ich dann auch ausprobiert. Aber wenn ich bestimmte Dinge gemeinsam mit den Leuten aus dem Büro umzusetzen versuchte, fühlte es sich immer irgendwie gekünstelt an. Alle meine Hoff nungsschübe, dass ich ein solches Leben führen könnte, erweisen sich als Sackgassen und hinterlassen eine noch größere Verzweiflung in mir als zuvor.

Während der letzten Wochen habe ich mich selbst betrachtet und Bilanz darüber gezogen, wie mein Leben wirklich aussieht. Das hat mich vollends verzweifeln lassen. Dieser Brief ist mein letzter Versuch, jemanden zu fragen, dem ich vertrauen kann, ob ein Leben als Christ von normalen Menschen wie meinen Freunden und mir überhaupt gelebt werden kann. Sag mir ehrlich, Malcolm, ist es nur etwas

Was fehlt? 13 in die Hölle zu kommen, wenn ich es nicht tue. Ich schaue mir die anderen in meiner Gemeinde an, sogar meine Freunde, und frage mich, ob sie in der gleichen Verdrehtheit leben wie ich – warum sollte es anders sein? Sie haben keine Ahnung, wie ich wirklich bin. Schreien auch sie ihre Kinder an und schauen vielleicht auch sie sich heimlich Pornos an, wenn sie unbeobachtet sind? Spulen sie sonntags das übliche Programm ab, während ihre Herzen unberührt bleiben und Gott gegenüber ohne Liebe sind? Ist ihr religiöses Leben wie meines – nur eine hauchdünne Maske, die die wahre Person dahinter verdeckt?

Wenn ich vom Christsein nichts Besseres erwarten kann als das, was ich bisher erfahren habe, werde ich mich in aller Stille von alldem verabschieden. Ich kann nicht länger ein Leben führen, das so unfassbar oberflächlich und bedeutungslos ist. Bitte sei ehrlich zu mir, Malcolm – wenn du mir sagst, dass das Leben als Christ in der Praxis tatsächlich so funktioniert, werde ich niemandem erzählen, dass du das gesagt hast; ich werde deinen Brief verbrennen und aus allem aussteigen. Heute Abend findet in der Gemeinde ein Bibel- und Gebetstreffen statt und ich möchte daran nicht teilnehmen; eigentlich habe ich überhaupt kein Interesse, dort zu sein. Hingehen würde ich nur, um mir nicht den Stress anzutun, vom Pastor gefragt zu werden, warum ich nicht da war, und um vor meinen Freunden nicht als jemand dazustehen, der abtrünnig wird. Aber ich denke, ich werde trotzdem zu Hause bleiben, weil ich diese Spielchen einfach satthabe. Bitte antworte mir und sei ehrlich zu mir, ganz egal, wie die Antwort lautet.

Ich danke dir, Bob

Die Kraft des neuen Bundes für einige wenige außergewöhnliche Menschen, die nicht die gleichen Sehnsüchte haben wie wir und die wirklich die Welt hassen und Gott lieben? Und falls es doch für alle ist, gibt es dann etwas, das ich übersehen habe? Gibt es ein gewisses Maß an Hingabe oder gibt es eine Erfahrung, die ich machen muss, damit ich endlich als Christ leben kann? Oder ist mein Leben, wie ich es dir zu beschreiben versucht habe, das Äußerste, was ich erwarten kann?

Ich erhalte viele Briefe, in denen sich die gleiche Verzweiflung widerspiegelt, die Bob beschreibt. Traurigerweise hat er mit seiner Annahme recht, dass viele seiner Freunde, die neben ihm im Gottesdienst Loblieder singen, in der gleichen hoff nungslosen Konfusion leben, in der er sich befi ndet. Sie verstecken sich hinter einer Maske christlicher Aktivität, passen sich an und befolgen die vorgegebenen Verhaltensregeln, um den Anschein zu erwecken, sie würden Gott lieben. Ein Leben, das erfüllt ist von echter Gottesliebe und dem ehrlichen Wunsch, freudig und von ganzem Herzen seinen Willen zu tun, ist nur eine Fata Morgana in der geistlichen Wüste ihrer Existenz.

Viele haben in ihrer Verzweiflung die Hoff nung aufgegeben, die Art von Christenleben zu führen, wie es im Neuen Testament beschrieben steht. Warum ist das so? Die meisten dieser Menschen geben genauso aufrichtig wie Bob ihr Bestes und versuchen alles zu tun, was Gott ihrer Überzeugung nach von ihnen verlangt. So gut sie es eben vermögen, glauben sie an das Evangelium. Warum also ist ihr Leben so oberflächlich und leer?

Ist es möglich, dass diese Menschen nicht begriffen haben, worum es beim Evangelium wirklich geht? Kann es sein, dass sie nur Teile des Evangeliums gehört haben, während ihnen das Wesentliche entgangen ist?

Als ich in einer Gemeinde in Hongkong sprach, bat mich der Pastor um Rat. Er erzählte mir, dass viele der Gemeindeglieder, die regelmäßig die Sonntagsgottesdienste und die Bibelstunde am Mittwoch besuchten, unter der Woche auch in den buddhistischen Tempel gingen. Was auch immer er sage und lehre, ändere daran nichts. Er war frustriert und fragte mich, ob ich eine Antwort hätte. Im Laufe der Woche besuchte ich also den Tempel, um herauszufi nden, warum diese Gläubigen dorthin gingen. Die Antwort fand ich in dem großen Innenhof, der mit kleinen Tischen gefüllt

Was fehlt? 15

Ich befragte den Pastor zu den Themen seiner Predigten. Die Schwerpunkte lagen auf dem Himmel, der Wiederkunft Christi, der Hölle und dem Gericht sowie auf der Lehre über die Dreieinigkeit Gottes und das Werk Jesu am Kreuz.

Seine Leute kamen in die Kirche, um sich über den transzendenten Gott belehren zu lassen, der in historischen Ereignissen gewirkt hatte, der hoch über ihnen weilte, fernab von ihrem Alltagsleben. Die Erlösung, wie sie der Gemeinde beigebracht wurde, konzentrierte sich auf einen Jesus, der sie vor der Hölle retten und in den Himmel bringen würde, und auf die genauen Details der Ereignisse, die das Ende der Welt ankündigen würden. Doch Rat, wie sie ihr Leben im Hier und Jetzt meistern könnten, suchten sie bei Wahrsagern! Sie mussten unbedingt den Gott kennenlernen, der in ihnen und mit ihnen durch ihr Leben ging – die Quelle der Weisheit und der Kraft zum Leben.

Als ich in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, stellte ich fest, dass die Situation hier ganz ähnlich ist. Die wöchentliche Kost vieler Christen besteht aus der Aufforderung, der Hölle zu entfl iehen, um nach dem Tod in den Himmel zu gelangen, und viele der christlichen Bestseller beschäft igen sich mit Endzeitprophetie in all ihren komplizierten Einzelheiten. Aber wie man in der Kraft des Geistes lebt, wie man liebt und lebt wie Jesus, das sind Fragen, über die kaum gesprochen wird.

Dieses Buch ist meine Antwort an die vielen Gläubigen, die sich die gleichen Fragen stellen wie Bob. Ich möchte möglichst viele Gläubige mit einem Christentum bekannt machen, das im Hier

Die Kraft des neuen Bundes war, an denen Wahrsager saßen. An jedem Tisch standen Männer und Frauen Schlange, die eine Antwort auf ein Problem suchten. Sie wollten Ratschläge für ihr Geschäft oder ihre Ehe, Empfehlungen für den besten Zeitpunkt einer Reise und anderes mehr.

Was fehlt? 17 und Jetzt funktioniert und das uns befähigt, auf dem Weg zum Himmel im Himmel zu leben.

Die Antwort liegt darin, zu verstehen, dass das Evangelium die Offenbarmachung von Gottes Bund ist und es uns wissen lässt, wie wir inmitten der Finsternis des Weltsystems in seiner Autorität und Kraft leben und handeln können. Lass mich eine Warnung aussprechen: Es ist möglich, dass das, was ich dir im Folgenden mitteilen werde, dein gegenwärtiges Verständnis über das Evangelium und über die Art und Weise, wie das Leben als Christ gelebt werden sollte, auf den Kopf stellt. Wenn dein bisheriges Verständnis des Evangeliums keine Frucht in deinem Leben hervorbringt, dann solltest du jetzt sagen: »Vielleicht ist mir etwas entgangen und es wird Zeit, meinen Glauben gründlich zu überdenken.«

Willkommen in der Welt

der Bünde

Dieses Buch enthüllt die erstaunliche Geschichte des Evangeliums, indem es sie mit den Augen und Ohren derer betrachtet, die sie zuerst vernommen haben. Worte, die uns durch die Lektüre der Bibel vertraut sind, hatten für die ursprüngliche Zuhörerschaft eine Bedeutung, die wir als Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr kennen. Sie verstanden das Evangelium als Ausführung und Erfüllung eines Bundes.

Über jahrelanges Bibelstudium hinweg war mir das entgangen, was vor allem daran lag, dass das Bundeskonzept in der heutigen westlichen Welt fast unbekannt ist. In den Gesellschaften der Antike dagegen war dieses Konzept der Bünde nachweislich bekannt und ist es bei Völkern der Dritten Welt bis heute.

Die Menschen, die die Seiten und Geschichten unserer Bibel bevölkern, lebten in einer Atmosphäre, in der Bünde genauso allgegenwärtig waren wie die Luft zum Atmen. Alle Beziehungen waren in irgendeiner Weise mit einem Bund verknüpft , ob es sich nun um den Zusammenschluss von Nationen, Stämmen oder Einzelpersonen handelte. Die Familie wurde als ein Bund verstanden, und jedes Familienmitglied war eng mit den anderen verbunden und fühlte sich für den Bund verantwortlich.

Die Bibel enthält zwei Schriften, die unglücklicherweise die Bezeichnung »Altes Testament« und »Neues Testament« tragen. Das Wort »Testament« beschreibt jedoch nicht angemessen, was

Der alte Bund ist der Bund, der am Berg Sinai durch Mose, den Vertreter des Volkes, mit Israel geschlossen wurde. Es war der Bund des Gesetzes, der die Zehn Gebote und das Opfersystems beinhaltete, bei dem Lämmer, Stiere und Böcke geopfert wurden, um die Sünden des Volkes zu bedecken; Zeichen und Siegel der Zugehörigkeit zu diesem Bund war die Beschneidung aller männlichen Personen.

Der neue Bund heißt deshalb neu, weil er alles, was vorher war, alt und als Mittel zur Errettung unbrauchbar gemacht hat. Er war nicht einfach ein weiterer Bund, der den vorherigen verbesserte, so wie das diesjährige Automodell eine Verbesserung gegenüber dem letztjährigen ist. Das Wort »neu« bedeutet etwas völlig Neuartiges, etwas, das nie zuvor erdacht oder erträumt worden ist.1 Dieser Bund ist durch den Herrn Jesus vermittelt und in seinem Blut gegründet. Die Zugehörigkeit zu diesem Bund wird durch den Geist Gottes besiegelt, der das Gesetz in das Herz und das Verlangen der Menschen schreibt (siehe Jes 31,33). Er ist die Kraft des Bundes, die diejenigen, die ihm angehören, befähigt, dessen Verheißungen auszuleben.

Eine bindende Verpflichtung

Das englische Wort für »Bund«, nämlich covenant, kommt vom lateinischen convenire, was wörtlich »zusammenkommen oder zustimmen« bedeutet.2 Das hebräische Wort ist berit, was wörtlich »binden oder in Fesseln schließen; eine bindende Verpfl ichtung« bedeutet. In der Heiligen Schrift ist es der höchste Ausdruck einer verbindlichen Liebe und des Vertrauens und diente in der Regel

in der Welt der Bünde 19 diese beiden Schriften sind. Ihre korrekte Benennung lautet »alter Bund« und »neuer Bund«.

Wir brauchen eine funktionierende Defi nition des Begriffs »Bund«, die wir im weiteren Verlauf unserer Studie noch ausführlich erörtern können. Hier ist also unsere Defi nition eines Bundes, wie wir sie in diesem Buch verwenden werden: Ein Bund ist eine verbindliche, unumstößliche Verpflichtung zwischen zwei Parteien, die auf bedingungsloser Liebe gründet, die durch Blut und heiligen Eid besiegelt wird und die eine Beziehung schafft, in der jede Partei an bestimmte Verpflichtungen gegenüber der jeweils anderen Partei gebunden ist. Die Bündnisparteien unterstellen sich selbst der Strafe göttlicher Vergeltung, sollten sie später versuchen, sich diesen Verpflichtungen zu entziehen. Es handelt sich um eine Beziehung, die nur durch den Tod gebrochen werden kann.

In der Bibel sehen wir Bünde, die in den meisten Fällen ungleiche Bündnisse sind. Das heißt, sie werden einseitig geschlossen, von einer Person initiiert, die an Macht und Autorität weit überlegen ist, und einer Person von geringerer Macht und Position zum größeren Wohl gnädig auferlegt.

Wenn Bündnisse zwischen Sippen, Stämmen und Völkern eingegangen wurden, gab es immer bestimmte Elemente. Wir werden sehen, dass Gott beim Schließen seines Bundes mit uns nach dem Muster des menschlichen Bundesschlusses vorgegangen ist. Wenn wir die Bestandteile menschlicher Bündnisse kennen, können wir den Bund, den Gott mit uns in Jesus Christus geschlossen hat, besser verstehen.

Die Kraft des neuen Bundes dazu, eine Beziehung, die bereits seit einiger Zeit in der Entstehung war, zu defi nieren, zu bestätigen, festzulegen oder verbindlich zu machen.

Der Stellvertreter

Wenn eine Gruppe von Menschen bereit war, einen Bund mit einer anderen Partei zu schließen, wählte sie aus ihrer Mitte eine Person aus, die sie beim Zustandekommen des Bundes vertreten sollte. Das Wort »vertreten« bedeutet, den Willen eines anderen zu repräsentieren, mit Autorität für einen anderen zu sprechen und zu handeln; ein Stellvertreter oder Mittler zu sein.3 Der Stellvertreter kennt die Bedürfnisse und Wünsche derer, die er vertritt, und trägt deren Anliegen vor, indem er in ihrem Namen und für sie gegenüber der anderen Bündnispartei spricht.

Der Stellvertreter musste vom selben Blut und aus derselben Familie sein wie die, die er vertrat. Als Repräsentant versammelte er den Stamm, die Sippe oder die Familie in seiner Person und schloss den Bund in ihrem Namen und stellvertretend für sie. Der Stellvertreter wird auch als Garant des Bundes bezeichnet. Er als derjenige, in dem und durch den der Bund geschlossen wird, ist der Sicherheitsgeber dafür, dass die Bedingungen und Zusagen des Bundes eingehalten werden.

Für uns in der westlichen Welt ist das oft schwer zu verstehen, denn wir denken, dass das Leben mit dem Einzelnen beginnt und endet. Die Bibel führt uns in eine andere Denkweise ein, in der die Menschen »in« einer stellvertretenden Person sind, deren Handlungen und Leistungen zu den Handlungen und Leistungen der ganzen Familie, Sippe oder des Stammes werden.

Die wohlbekannte Geschichte von David und Goliat aus 1. Samuel 17 veranschaulicht diese Denkweise perfekt. Die Heere der Philister hatten Israel den Angriffskrieg erklärt und König Saul versammelte seine Truppen, um sie aufzuhalten. Die Philister waren ein großes Volk, ausgebildete Krieger, die ihre Feinde in Angst

Bevor die Schlacht begann, trat Goliat hervor und brüllte eine Kampfansage über das Tal. Das klingt in unseren Ohren seltsam, und ganz sicher nicht so, wie wir heute unsere Kriege führen!

Und er stellte sich hin und rief den Schlachtreihen Israels zu und sprach zu ihnen: Weshalb seid ihr ausgezogen, um euch für den Kampf zu rüsten? Bin ich nicht ein Philister, und ihr seid Sauls Knechte? Erwählt euch einen Mann, der zu mir herabkommen soll! Wenn er mit mir kämpfen kann und mich erschlägt, so wollen wir eure Knechte sein; wenn ich aber im Kampf mit ihm siege und ihn erschlage, so sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen! Und weiter sprach der

Philister: Ich habe am heutigen Tag die Schlachtreihen Israels verhöhnt; gebt mir einen Mann, und lasst uns miteinander kämpfen! — 1. Samuel 17,8–10

Er sagte damit, dass er die Philister vertrete, in gewissem Sinne zu ihnen geworden sei, sodass er ihre Geschichte in sich trug. Wenn er gegen einen entsprechenden Vertreter Israels kämpfen würde, wäre dies das Ende des Krieges. Die ganze Angelegenheit würde von zwei Menschen entschieden werden, die ihr Volk verkörperten.

Saul war der höchstgewachsene Mann Israels, aber er zog sich in sein Zelt zurück und bot demjenigen eine Belohnung an, der die Herausforderung annähme, die Goliat jeden Morgen und Abend

Die Kraft des neuen Bundes und Schrecken versetzten. Sie trugen Rüstungen aus Messing und einen Kopfschmuck aus langen Federn auf ihren Helmen, der sie größer erscheinen ließ, als sie tatsächlich waren. Es gab einige in ihren Reihen, die tatsächlich riesig waren – gigantische Männer, die über 2,70 Meter groß waren. Goliat von Gath war ein solcher Riese und der Held der Philisterarmee.

Als die Wochen vergingen, wurde der monströse Kerl immer dreister und stapfte durch das Tal, um den sich wegduckenden Israeliten seine Provokationen ins Gesicht zu schleudern. Die Israeliten hatten den Krieg im Grunde kampflos verloren; sie mussten sich jetzt nur noch formell ergeben und aus ihrer beschämenden Stellung herauskommen.

Nachdem das israelitische Heer sechs Wochen lang gedemütigt worden war, ließ der alte Isai, von dessen Söhnen einige als Soldaten an der Front waren, nach seinem Teenagersohn David rufen. Dieser war für eine Einberufung ins Heer zu jung, weshalb man ihn zu Hause zurückgelassen hatte, um die Schafe zu hüten. Isai beauft ragte David, herauszufi nden, was auf dem Schlachtfeld vor sich ging, und gab ihm einige Geschenke mit, die er seinen Brüdern geben sollte.

David kam gerade rechtzeitig, um die morgendliche Kampfansage zu hören, die von Flüchen und Verwünschungen gegen die Männer begleitet wurde, die Goliat als die feigen Memmen Sauls bezeichnete. David wusste nicht, dass dies bereits seit sechs Wochen so lief, und sah seine Brüder deshalb erwartungsvoll an, um zu sehen, wer als Erster auf die Herausforderung eingehen würde. Da erzählten sie ihm widerstrebend die beschämende Geschichte ihres Heeres, das keinen heldenhaften Vorkämpfer hatte.

David meldete sich sofort freiwillig. König Saul konnte nicht wirklich ablehnen. David war ein Israelit und daher qualifi ziert, den Platz Israels stellvertretend einzunehmen. Er erhielt die Erlaubnis, gegen diesen monströsen Kerl zu kämpfen.

Bestimmt kannst du dir denken, wie das israelische Heer reagierte, als die Nachricht durch die Schützengräben schallte, dass

in der Welt der Bünde 23 neu aussprach. Aber niemand nahm die Herausforderung des Riesen an, woran auch die Aussicht auf eine Heirat mit der Prinzessin oder lebenslange Steuerfreiheit nichts änderte.

Als er aus den Reihen des Heeres heraustrat, um der riesigen, gepanzerten Gestalt aufs Schlachtfeld zu folgen, hörte er auf, ein einfacher Bürger Israels zu sein. Er war sich der Bedürfnisse Israels voll bewusst und vertrat sie, da sie aus Feigheit nicht in der Lage waren, sich selbst zu präsentieren. Er verkörperte Israel in sich selbst, er verkörperte sein Volk; was ihm an diesem Tag widerfuhr, widerfuhr dem ganzen Volk. Sein Sieg oder seine Niederlage würde nicht nur im Heer zu spüren sein, sondern auch in jedem Dorf und jeder Stadt Israels im Leben der Menschen, die nicht an der Kampff ront dabei waren. In diesem Augenblick entschied sich die Geschichte eines noch ungeborenen Israeliten. Mit David trat nicht nur das gegenwärtige, sondern auch das zukünft ige Israel gegen Goliat an.

Goliat hatte seine eigene Frontlinie noch nicht erreicht, als David schon hinter ihm tänzelte und seine eigene Kampfansage machte:

David aber sprach zu dem Philister: Du kommst zu mir mit Schwert und mit Speer und mit Wurfspieß; ich aber komme zu dir im Namen des HERRN der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, die du verhöhnt hast!

An diesem heutigen Tag wird dich der HERR in meine Hand ausliefern, und ich werde dich erschlagen und deinen Kopf von dir nehmen, und ich werde die Leichname des Heeres der Philister an diesem Tag den Vögeln unter dem Himmel und den wilden Tieren der Erde geben, damit die

Die Kraft des neuen Bundes ein Stellvertreter gefunden worden war und Israel somit einen mutigen Kämpfer hatte. David sah nicht wie eine große Bedrohung für Goliat aus: ein unscheinbarer Hirtenjunge ohne Rüstung und lediglich mit einer Steinschleuder in der Hand. Aber er strahlte ein bemerkenswertes Vertrauen in Gott aus.

— 1. Samuel 17,45–47

Er tanzte um den riesigen Mann herum, die Steinschleuder wirbelte in seiner Hand. In Goliats Helm befand sich ein winziges Loch, auf das David zielte, und mit seinem Können und der Gnade Gottes ging der Stein hindurch und bohrte sich in die Schläfe des Philisters. Der Mann taumelte und fiel, und David nahm das riesige Schwert des Riesen und hieb ihm den Kopf ab.

Hinter ihm ertönte das Triumphgeschrei der zuschauenden Israeliten. Sie riefen den Sieg aus und stürmten die Talflanken hinunter, um die fassungslosen Philister zu verfolgen. Sie jubelten über einen Sieg, zu dem sie nichts beigetragen hatten außer sechs Wochen Feigheit. Und doch hatten sie recht damit. Es war ihr Sieg, denn sie waren »in« ihrem Stellvertreter gewesen und hatten seinen Sieg geteilt, als handle es sich um ihren eigenen. Aber ohne ihn hätte es keinen Sieg gegeben, denn er war der Garant für diesen Sieg.

Der Bundeseid

Wir mögen mit dem Wort »Bund« und den damit verknüpften Begriffen etwas fremdeln, weil das Wort in unserer heutigen Gesellschaft selten verwendet wird; und selbst wenn es verwendet wird, so wird es mit einem Vertrag gleichgesetzt.

Befreien wir unser Denken in diesem Zusammenhang gleich einmal von dem Begriff »Vertrag«. Ein Vertrag ist ein Mittel, mit

Willkommen in der Welt der Bünde 25 ganze Erde erkenne, dass Israel einen Gott hat! Und diese ganze Gemeinde soll erkennen, dass der HERR nicht durch Schwert oder Spieß errettet; denn der Kampf ist die Sache des HERRN, und Er wird euch in unsere Hand geben!

Ein Bund ist etwas völlig anderes. Ein Bund geht weit über den Austausch von Besitz und Dingen hinaus. Es ist die Hingabe der eigenen Person und des eigenen Lebens an einen anderen und die vorbehaltlose Annahme dieser anderen Person und ihres Lebens.

Ein Bund wird mit einem Eid besiegelt. Ein Eid ist eine feierliche Bekräft igung, eine Selbstverpfl ichtung zur Erfüllung der gesprochenen Worte unter Berufung auf Gott. Die Bündnispartner der alttestamentlichen Zeit beriefen sich auf Gott als Zeugen für die Wahrheit ihrer Worte. Außerdem riefen sie Gott an, ihre Kraft zu sein, durch die sie die Bedingungen des Bundes würden einhalten können. Schließlich riefen sie Gott noch an, er möge stets über beide Parteien wachen, um sicherzustellen, dass der Bund tatsächlich eingehalten würde. Indem sie Gott anriefen, während sie einen Eid ablegten, machten die beiden Parteien Gott zur dritten Partei des Bundes. Ein mit dem Eid geschlossener Bund war nicht weiter verhandelbar und konnte nicht mehr geändert werden.

Wir verlangen einen Eid von Personen, die vor Gericht aussagen, oder von Leuten, in die wir vorschussweise großes Vertrauen setzen, wie beispielsweise Repräsentanten, die ein öffentliches Amt übernehmen. Wenn solche Eide abgelegt werden, wird der Ausdruck »So wahr mir Gott helfe« verwendet. Dieser Zusatz bedeutet, dass Gott der Richter sein wird, wenn die Worte, die bei der Aussage gemacht bzw. in einer Erklärung abgegeben werden, falsch sind oder wenn die Person ihnen untreu wird.

Die Kraft des neuen Bundes dem Eigentum und Güter von einer Person auf eine andere übertragen werden.4 Verträge sind für beide Parteien verhandelbar und können geändert oder sogar gekündigt werden. In einem Vertrag werden Zusagen gemacht, die so viel wert sind wie der Charakter der beteiligten Vertragspartner, deren Unterschriften das Dokument besiegeln; daher können Verträge leicht gebrochen werden.

Der Segen oder die Verheißungen des Bundes

Jeder Bund aus der Zeit des Alten Testaments enthielt die Zusagen, die jede beteiligte Partei der jeweils anderen gegenüber machte, ebenso die Verpfl ichtungen, die jede Partei im Hinblick auf das Wohl der anderen Partei übernahm. In 1. Samuel 20, in einem Bund zwischen David und Jonatan, schwor David, Jonatan zu segnen.

Und erzeige die Gnade des HERRN nicht nur, solange ich noch lebe, und nicht nur an mir, damit ich nicht sterbe, sondern entziehe auch meinem Haus niemals deine Gnade, auch dann nicht, wenn der HERR die Feinde Davids allesamt vom Erdboden ausrotten wird! — 1. Samuel 20,14–15

Jahre später segnete David Mefi-Boschet mit dem Segen, den er Mefi-Boschets Vater Jonatan im Bund geschworen hatte.

Und David sprach zu ihm: Fürchte dich nicht; denn ich will gewiss Gnade an dir erweisen um deines Vaters Jonathan willen und will dir alle Felder deines Vaters Saul wiedergeben; du aber sollst täglich an meinem Tisch das Brot essen! — 2. Samuel 9,7

Solche Zusagen, Bedingungen und Verpflichtungen wurden oft aufgeschrieben und zu bestimmten Zeiten verlesen, um an den miteinander eingegangenen Bund zu erinnern.

Das Bündnisopfer

Beim Zustandekommen eines Bundes wurde immer Blut vergossen. Ein Tier wurde geschlachtet und sein Kadaver mittig in zwei Hälften geteilt. Die Parteien, die den Bund schlossen, schritten den blutgetränkten Weg zwischen den Teilen des zertrennten Tieres ab. In anschaulicher Symbolik verkündeten sie, dass sie in einen Tod eintraten und sich auf den Weg in ein neues Leben machten. Sie starben einem Leben, das nur ihren eigenen Interessen galt, und gingen durch diesen Tod hindurch zu einer neuen Beziehung der Einheit mit der anderen Bündnispartei.

Sie vergossen auch ihr eigenes Blut, meist aus dem rechten Arm oder der rechten Hand. Sie hoben ihre blutenden rechten Arme und riefen Gott an, ihr Zeuge zu sein. Die Kombination aus blutigem Opfer und eigenem Blutvergießen ergab die kraft volle Aussage, die jeder damit indirekt machte: »Ich werde diesen Bund halten, auch wenn dafür mein Blut vergossen werden muss. Wenn ich diesen Bund breche, soll mein Blut vergossen und mein zerstückelter Körper den Aasfressern vorgeworfen werden.«

In 1. Mose 31,43–54 wird von einem Bund zwischen Jakob und Laban berichtet. Keiner der beiden vertraute dem anderen, und es war bestenfalls eine wackelige Vereinbarung. Doch in den Versen 48–49 fügen sie dem Ganzen einen Eid hinzu:

Und Laban sprach: Dieser Steinhaufen sei heute Zeuge zwischen mir und dir! Darum wird er Gal-Ed genannt und Mizpa, weil er sprach: Der HERR wache zwischen mir und dir, wenn wir einander nicht mehr sehen! — 1. Mose 31,48–49

Nachdem sie Gott als Zeugen und Wächter des Bundes angerufen hatten, wussten beide, dass sie die Zusagen des Bundes niemals brechen und damit davonkommen konnten.

Das Bündnissiegel

Die Narben von den Wunden an ihren Armen waren die Siegel an ihren Körpern, mit denen die Beteiligten erklärten, dass sie Parteien des Bündnisses waren. Sie wurden von ihnen mit Stolz getragen und wiesen sie als Bündnispartner aus. Oft wurden die Namen der Bündnispartner zu einem neuen Namen zusammengefügt, um zu verkünden, dass sie durch das beim Bundesschluss vergossene Blut zu einer Einheit zusammengefügt worden waren.

Bündnisfreunde

Nach dem Zustandekommen des Bundes wurden beide Parteien als Freunde bezeichnet. Das Wort »Freund« ist im Sprachgebrauch unserer westlichen Gesellschaft stark abgewertet worden; doch in Kulturen, in denen das Schließen von Bündnissen praktiziert und verstanden wird, gibt es keine höhere Ehre, als der Freund einer Person genannt zu werden, denn dies verweist auf eine Bündnisbeziehung.

Dies erklärt, warum Abraham in der Bibel »Freund Gottes« genannt wird; dieser Titel ist eine bleibende Erinnerung daran, dass Gott einen Bund mit Abraham geschlossen hat.

Hast du nicht, unser Gott, die Einwohner dieses Landes vor deinem Volk Israel vertrieben und hast es dem Samen

— 2. Chronik 20,7

Das Bündnismahl

Jeder Bundesschluss endete mit einem Mahl, bei dem der Bund für gültig erklärt wurde und im Leben der beteiligten Parteien in Kraft trat. Dies war ein sehr wichtiger Teil des Bundesschlusses. Mit jemandem zu essen war immer eine Art von Bündnis, und es hatte eine noch weitaus größere Bedeutung, wenn es am Ende eines Bundesschlusses stand. Das Mahl war Ausdruck des Bundes, denn die beiden Vertreter aßen von demselben Brot und tranken von demselben Wein, um der Welt zu zeigen, dass sie eins waren und aneinander teilhatten. Wir haben Beispiele für solche Bündnismahle, die in Zusammenhang mit einem Bundesschluss zwischen verschiedenen Parteien eingenommen wurden:

Sie sprachen: Wir haben deutlich gesehen, dass der HERR mit dir ist, darum haben wir uns gesagt: Es soll ein Eid zwischen uns sein, zwischen uns und dir, und wir wollen einen Bund mit dir machen, dass du uns keinen Schaden zufügst, wie wir auch dich nicht angetastet haben und dir nur Gutes taten und dich im Frieden haben ziehen lassen. Du bist nun einmal der Gesegnete des HERRN! Da bereitete er ihnen ein Mahl, und sie aßen und tranken. Und am Morgen früh standen sie auf und schworen einander den Eid. Da ließ Isaak sie gehen, und sie zogen in Frieden von ihm weg. — 1. Mose 26,28–31

Die Kraft des neuen Bundes Abrahams, deines Freundes, gegeben auf ewige Zeiten?

Wir haben uns bereits den Bund angesehen, der zwischen Jakob und Laban geschlossen wurde. Man beachte, dass er mit einem Mahl am Ort des Bundesschlusses besiegelt wurde.

Komm, wir wollen nun einen Bund machen, ich und du; der soll ein Zeuge sein zwischen mir und dir! Da nahm Jakob einen Stein und stellte ihn als Denkmal auf. Und Jakob sprach zu seinen Brüdern: Sammelt Steine! Da nahmen sie Steine und errichteten einen Steinhaufen und aßen dort auf dem Steinhaufen. — 1. Mose 31,44–46

Die Gedenkstätte oder der Ort des Bundesschlusses

Der Ort, an dem der Bund geschlossen worden war, wurde zur Gedenkstätte für die Vereinigung der beiden Parteien geweiht. Manchmal wurde eine dauerhafte Gedenkstätte errichtet, um die nachfolgenden Generationen an das Geschehene zu erinnern. Manchmal wurde auch der Name des Ortes geändert, um den dort geschlossenen Bund widerzuspiegeln.

Liebende Güte

Teil eines Bundes zu werden bedeutete, in eine neue Stellung zu treten und Teil einer Beziehung zu werden, die am besten als Familie verstanden werden kann – nicht auf Grundlage von Geburtsbanden, sondern basierend auf dem an einen heiligen Schwur gebundenen Versprechen der uneingeschränkten Liebe. Der Eid

In der arabischen Welt gibt es bis heute das Sprichwort »Blut ist dicker als Milch«, was bedeutet, dass diejenigen, die durch das Blut des Bündnisses verbunden sind, ein stärkeres Band haben als diejenigen, die von derselben Muttermilch getrunken haben.

Der geschlossene Bund war für die Dauer des Lebens der beiden Parteien unter allen Umständen einzuhalten. Chäsäd ist das hebräische Wort, das die fortdauernde Beziehung zwischen den Bündnispartnern beschreibt, die ihre im Bund eingegangene Verpfl ichtung verwirklichen, alle gemachten Zusagen und übernommenen Verantwortlichkeiten einzuhalten.5 Chäsäd ist ein Wort, das sich nur schwer in die Sprachen der westlichen Welt übersetzen lässt, denn wir sind eine Gesellschaft, die nur sehr wenig über die Verpfl ichtung weiß, die mit der Zugehörigkeit zu einem Bund verknüpft ist. In verschiedenen Bibelübersetzungen werden unterschiedliche Wörter verwendet, um einzelne Aspekte der Bedeutung dieses Begriffs zu erfassen oder um bestenfalls zu versuchen, seine volle Bedeutung zu erschließen. So wird dieses Wort mit Barmherzigkeit, Freundlichkeit, unerschütterliche Liebe, treue Liebe, Bündnisliebe, liebende Güte oder einfach Güte übersetzt. Die Vielschichtigkeit des hebräischen Wortes chäsäd umfasst auch noch Begriffe wie Treue, Barmherzigkeit und Loyalität, in diesem Buch werden wir jedoch vorwiegend »liebende Güte« verwenden. Die erstaunlichste Nachricht, die der Menschheit verkündet werden kann, besteht darin, dass Gott uns in seiner bedingungslosen Liebe zu uns dazu aufgerufen hat, Teil der innigsten Beziehung und stärksten, unzerstörbaren Verbindung zu werden, die den Menschen bekannt ist und die sich in keiner Sprache der Welt voll und ganz ausdrücken lässt. Er hat uns zu einer Bündnisbeziehung mit sich selbst berufen, um in den Kreis der Freundschaft

Die Kraft des neuen Bundes schuf eine neue Art von Familie, die durch eine unzerstörbare Beziehung auf Leben und Tod miteinander verbunden war.

einzutreten, in dem Gott und die Menschheit in einer innigen Liebesbeziehung miteinander verbunden sind.

Dieser Bund ist Inhalt und Gegenstand des Evangeliums. Er wird der neue Bund genannt. Er besteht aus dem ewigen Schwur Gottes, dem Vergießen von Gottes Blut durch den Tod Jesu Christi und dessen Auferstehung und Auffahrt zum Vater in den Himmel. Der Heilige Geist wurde gesandt, um diesen Bund im Leben der Männer und Frauen, die ihr Leben Jesus Christus anvertrauen, zur Verwirklichung zu bringen.

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