JESUS + NICHTS = ALLES
TULLIAN TCHIVIDJIAN
Copyright © 2011 by Tullian Tchividjian. Die amerikanische Originalausgabe erschien im Verlag Crossway unter dem Titel Jesus + Nothing = Everything. All rights reserved. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bettina Krumm. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. Bibelzitate, sofern nicht anders angegeben, wurden der Schlachter Bibelübersetzung entnommen. Bibeltext der Schlachter, Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft. Alle Rechte vorbehalten. Alle Bibelübersetzungen wurden mit freundlicher Genehmigung der Verlage verwendet. Hervorhebungen einzelner Wörter oder Passagen innerhalb von Bibelzitaten wurden vom Autor vorgenommen. elb Revidierte Elberfelder Bibel © 1985, 1991, 2006, SCM R.Brockhaus im SCM Verlag GmbH & Co. KG, Witten. lut Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. neü Neue evangelistische Übersetzung, Copyright © Karl-Heinz Vanheiden. ngü Neue Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen, Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. nlb Neues Leben Bibel, Copyright © 2006, SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. Zitate aus den folgenden Bibeln wurden aus dem Englischen übersetzt: esv The Holy Bible, English Standard Version, Copyright © 2001 by Crossway. msg The Message, Copyright © by Eugene H. Peterson 2002. NavPress Publishing Group. Umschlaggestaltung: Dual Identity Inc. Corporate Design: spoon design, Olaf Johannson Lektorat: Sonja Yeo, Thilo Niepel Satz: Grace today Verlag Druck: CPI − Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany 1. Auflage 2017 © 2015 Grace today Verlag, Schotten Paperback: ISBN 978-3-95933-058-9, Bestellnummer 372058 E-Book: ISBN 978-3-95933-059-6, Bestellnummer 372059 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages. www.gracetoday.de
INHALT Danksagung ........................................................................................8 TEIL EINS: ALLES 1 Gottes Barmherzigkeit in meinem Elend ..............................12 2 Alles wollen ...............................................................................22 TEIL ZWEI: NICHTS 3 Immer noch auf der Suche ......................................................32 4 Schwarze Löcher ....................................................................... 43 TEIL DREI: JESUS 5 Jesus, alles und noch mehr ......................................................58 6 Die größte und beste Nachricht .............................................. 74 TEIL VIER: NICHTS 7 Völlig entäußert ........................................................................92 8 Heraus aus dem Schatten .......................................................112
9 10 11 12
TEIL FÜNF: ALLES Jetzt schon alles und später noch mehr ...............................140 Das Ausmaß unserer Reaktion .............................................168 Im Jetzt .....................................................................................186 In allem herrlich .....................................................................221
Sechsundzwanzig Bücher über das Evangelium ........................ 239 Anmerkungen .................................................................................243 Personen- und Themenindex........................................................247
DANKSAGUNG Ich muss etwas bekennen: Ich bin süchtig nach dem Evangelium. Es brennt in meinem Inneren. Und jeden Tag scheint es heißer zu werden. Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, darüber zu sprechen, darüber zu schreiben, darüber zu lesen, damit zu ringen, darin zu schwelgen, mich darauf zu stellen und Gott dafür zu danken. Ich bin wohl oder übel »kurzsichtig« geworden. Meine Leidenschaft ist nur noch eine einzige. Dinge, die weniger wichtig sind, lenken mich nicht mehr so leicht ab. Ich bin nicht mehr so ängstlich wie früher. Ich ärgere mich nicht mehr so schnell. Ich bin entspannter. Was andere von mir denken (egal, ob Gutes oder Schlechtes), interessiert mich nicht mehr so sehr wie früher. Ich genieße das Leben mehr. Der Druck ist weg. Ich beginne, die Länge und Breite der Freiheit zu verstehen, die Jesus für mich erkauft hat. Ich beginne zu verstehen, dass das Evangelium viel radikaler, unverschämter, befreiender, schockierender und unvernünftiger ist, als uns allen bewusst ist. Und ich fange an, das okay zu finden. Das Evangelium ist wie Aslan in den Chroniken von Narnia von C. S. Lewis – gut, aber nicht ungefährlich. In diesem Buch berichte ich davon, wie ich an diesen Punkt gelangt bin. Es stellt die befreienden theologischen und biblischen Lektionen in den Mittelpunkt, die Gott mich im Jahr 2009 – im schwersten Jahr meines Lebens – gelehrt hat. In diesem Jahr half Gott mir, inmitten von unerträglichem Leid, die Jetzt-Kraft des Evangeliums neu zu entdecken. Ich bin dennoch nicht ganz allein an diesen Punkt gekommen. Viele haben mir geholfen. Es gibt Unmengen von Menschen, die diesen Weg mit mir zusammen gegangen sind, die mich getragen 8 | JESUS + NICHTS = ALLES
haben, wenn ich es brauchte, und die an meiner Seite geblieben sind, wenn es für sie einfacher gewesen wäre, mich zu verlassen. Meine Gemeindefamilie von Coral Ridge: Ich liebe euch alle so sehr. Danke, dass ich euer Pastor sein darf und dass ihr mich die ganze Zeit unterstützt habt. Wir sind durchs Feuer gegangen, aber durch Gottes Gnade sind wir auf der anderen Seite wieder herausgekommen. Schnallt euch nicht ab. Die Revolution des Evangeliums hat gerade erst begonnen. Ihr Ältesten, Diakone und Mitarbeiter von Coral Ridge: Seit mehr als zwei Jahren stehen wir jetzt Seite an Seite und Rücken an Rücken. Danke für euren Schutz, euren Rat, eure Unterstützung, eure Liebe und eure Hilfe. Ihr seid alle liebe Freunde, treue Nachfolger Jesu und aufrechtstehende Soldaten der Gnade. Es ist mir eine Ehre, an eurer Seite zu dienen. Meine Mentoren: Es gibt viel mehr davon, als ich namentlich erwähnen kann. Doch zehn von ihnen haben mein Verständnis des Evangeliums in den letzten zwei Jahren besonders geschärft: Mike Horton, Steve Brown, Rod Rosenbladt, Gerhard Forde, Tim Keller, Paul Tripp, Elyse Fitzpatrick, Scotty Smith, Jerry Bridges und Harold Senkbeil. Ich bin Gott sehr dankbar für euch alle und dafür, wie ihr mich entweder durch eure Bücher oder eure Freundschaft und meistens durch beides herausgefordert und ermutigt habt. Meine Freunde bei Crossway: Ihr wart von Anfang bis Ende an diesem Projekt interessiert und habt es unterstützt. Es macht Spaß, mit euch zusammenzuarbeiten. Mein Lektor Thomas Womack: Du hast mir auch dieses Mal wieder dabei geholfen, meine Predigten in ein Buch zu verwandeln. Dein Talent sucht seinesgleichen und deine Freundschaft ist ein unverdientes Geschenk.
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Meine Kinder Gabe, Nate und Genna: Ich bete beständig dafßr, dass ihr die bedingungslose, unverdiente und unkontrollierbare Gnade Gottes immer mehr lieben lernt und zunehmend ihre freimachende Wirkung erfahrt. Er liebt euch, weil er euch liebt. Und ich auch. Bedingungslos. Vergesst das niemals!
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TEIL EINS
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Noch nie hatte ich so etwas Heftiges erlebt. Ich konnte kaum essen, hatte Schwierigkeiten mit dem Einschlafen und kämpfte ständig gegen Übelkeit. Ich fühlte mich völlig am Ende. Gott, was in aller Welt tust du? Ich brauchte Wiederbelebung. Es war der Sommer 2009, der Tiefpunkt in dem herausforderndsten und schwersten Jahr meines Lebens. Glücklicherweise fuhren meine Familie und ich Ende Juni, wie jedes Jahr, ein paar Wochen lang in den Urlaub. Noch nie hatte ich das so nötig gehabt.
So anders Der Gegensatz zu meinem Leben vor nur zwölf Monaten hätte nicht krasser sein können. Im Jahr davor war ich Pastor der New City Church, einer florierenden, fünf Jahre alten Gemeinde gewesen, die ich nördlich von Fort Lauderdale in Florida aufgebaut hatte. Mehrere hundert Menschen besuchten am Sonntagmorgen unsere zwei Gottesdienste in New City, für die wir Räumlichkeiten von der örtlichen Highschool angemietet hatten, und wir spürten, 12 | JESUS + NICHTS = ALLES
wie sehr wir in unserer Hingabe, einander und unserer bedürftigen Stadt die befreiende Kraft des Evangeliums zu bringen, zusammenwuchsen. Selbstverständlich hatten wir jede Menge zuversichtliche Erwartungen an unsere gemeinsame Zukunft. Es war aber auch verständlich, dass eine andere Gemeinde ein paar Meilen weiter südlich von uns ihrer Zukunft voller Unsicherheit und mit weitaus mehr Fragen entgegensah als wir. Die presbyterianische Coral Ridge-Gemeinde in Fort Lauderdale hatte meine Familie während eines Teils meiner Kindheit besucht, als wir in den 70er-Jahren nach Südflorida gezogen waren. Die Gemeinde war vor einem halben Jahrhundert von Dr. D. James Kennedy gegründet worden und erlangte durch ihre Fernsehgottesdienste (die wöchentlich um die 3,5 Millionen Zuschauer erreichten) und die von Dr. Kennedy ins Leben gerufene Bewegung Evangelism Explosion landesweite Bekanntheit. Die vielversprechenden Gemeinderäume – gekrönt von einer 90 Meter hohen Kirchturmspitze und einer Orgel mit 6.600 Orgelpfeifen – waren im Februar 1974 von meinem Großvater Billy Graham eingeweiht worden. Damals war ich 19 Monate alt. Doch im einundzwanzigsten Jahrhundert gingen die Besucherzahlen zurück, und mit Dr. Kennedys Tod im Jahr 2007 erlebte die Gemeinde einen weiteren harten Schlag. Als Coral Ridge sich schließlich auf die Suche nach einem Nachfolger für den einzigen Pastor begab, den die Gemeinde je gekannt hatte, tauchte in der Diskussion mein Name auf. Innerhalb von ein paar Wochen kontaktierten mich mehrere Menschen aus der Gemeindeleitung von Coral Ridge und baten mich, darüber nachzudenken, für dieses Amt zu kandidieren. Das war einerseits eine Ehre, doch andererseits war es überwältigend. Aber nachdem ich und auch andere darüber gebetet hatten, wurde mir klar, dass ich daran kein Interesse hatte. Ich wusste, dass ich bereits auf dem GOTTES BARMHERZIGKEIT IN MEINEM ELEND | 13
Posten war, an den Gott mich gestellt hatte und wo er ein bedeutendes Werk tat. Ich konnte mir nicht vorstellen wegzugehen. Als die Monate ins Land zogen, kam mir eine neue und faszinierende Idee. Was wäre, wenn Coral Ridge und New City sich zusammenschließen würden? Durch einige überraschende Entwicklungen und Gespräche Ende 2008 hatten Gruppen aus beiden Gemeinden den Eindruck, dass diese Idee Gottes Fingerabdruck trug. Schon bald empfanden die Teams aus beiden Gemeinden, dass es richtig wäre, einen solchen Zusammenschluss aufmerksam vor Gott zu prüfen. An einem Sonntag Mitte Januar 2009 wurde beiden Gemeinden öffentlich angekündigt, dass es möglicherweise einen Zusammenschluss geben würde. Danach würde ich leitender Pastor der neuen vereinten Gemeinde werden. Damals berichtete Fort Lauderdales führende Zeitung, dass die Coral Ridge-Gemeinde »erst nach Luft schnappte und dann Beifall spendete«, als sie die Ankündigung hörte. Aber in New City gab es Tränen. Ich betonte ihnen gegenüber meine Überzeugung, dass Gott uns bat, unser Liebstes auf den Altar zu legen. In den kommenden Wochen fragten sich viele Menschen innerhalb und außerhalb der beiden Gemeinden, ob ein solcher Zusammenschluss jemals wirklich gelingen könnte. Selbst die Zeitung in Fort Lauderdale wies auf offensichtliche Gegensätze hin, beschrieb mich als Pastor mit »ungepflegtem Gesicht«, »sonnengebräunter Haut«, dem »Surfen und Mainstream-Musik gefielen« – nicht gerade das Bild eines Pastors, das eine etablierte Gemeinde wie Coral Ridge während der vergangenen fünf Jahrzehnte entwickelt hatte. Die Zeitung zitierte mich mit den Worten, dass Coral Ridge über einen Zusammenschluss nachzudenken bereit sei, sei ein positives Zeichen ihrer Flexibilität: »Allen, die denken, Coral Ridge 14 | JESUS + NICHTS = ALLES
könne sich nicht verändern, zeigt dieser unkonventionelle Schritt, dass sie es können und auch dazu bereit sind.« Und doch hatte ich genauso viele Fragen wie alle anderen.
»Schnallt euch an« Ich musste zugeben, dass ich in New City manchmal den Wunsch verspürt hatte, schneller, höher und weiter zu kommen, als wir bisher in unserer Gemeinde gekommen waren. Ich hatte persönliche Träume und war ehrgeizig, was unsere Entwicklung anbelangte. Aber ein großer Teil von mir hoffte, dass die Tür eines möglichen Zusammenschlusses mit Coral Ridge fest verschlossen bliebe, vor allem angesichts der Tatsache, wie sehr sich die beiden Gemeinden in Kultur, Denkweise und Erwartungen voneinander zu unterscheiden schienen. Als ich mich mit meinem Großvater darüber unterhielt, sagte er: »Das alles macht mir Angst, aber ich vertraue Gott, dass er handelt.« Und Gott handelte wirklich. Ich spürte deutlich, dass er die Sache vorantrieb. Den Ältesten beider Gemeinden ging es genauso. Im März stimmten sie einstimmig für den Zusammenschluss, den ein gemeinsames Team aus beiden Gemeinden geplant hatte. Im selben Monat predigte ich das erste Mal in Coral Ridge. Im Anschluss fand eine Abstimmung der Gemeinde statt. Mehr als 90 Prozent der Gemeinde von Coral Ridge stimmte für den Zusammenschluss. Am Ostersonntag versammelten sich die beiden Gemeinden das erste Mal gemeinsam. Einen Monat später, am 10. Mai 2009, wurde ich offiziell als leitender Pastor der vereinten Gemeinde eingesetzt.
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Am darauffolgenden Tag lieferte ich der Gemeinde durch meinen Blog eine schriftliche Botschaft mit dem Titel »Komm und stirb mit mir«. Zunächst rief ich mir die Eindrücke des vergangenen Abends ins Gedächtnis: Als eine neue Gemeinde feierten wir Gottes Verheißung, seine Gemeinde zu bauen. Durch das Gebet, den Lobpreis, die Predigt und die Gelübde kam Gott uns nahe und erinnerte uns daran, dass es nur um ihn und seine Ehre, seinen Ruhm und sein Ansehen geht. Gottes Gegenwart war sehr stark und unverkennbar. Ich wiederholte die Hauptaussage der ernüchternden Botschaft, die mein Freund John Wood, ein presbyterianischer Pastor aus Tennessee, uns an jenem Abend weitergegeben hatte: Mit dem Feuer Gottes in den Augen erinnerte er uns alle daran, dass wir sterben müssen, um Frucht zu bringen. Jesus sagte, wir müssen sterben, um zu leben. Das tägliche Leben eines Christen ist sein tägliches Sterben: Wir sterben unseren belanglosen Annehmlichkeiten, unseren Bequemlichkeiten, unseren überheblichen Vorlieben und selbstbezogenen Ansprüchen und leben für etwas viel Größeres als unsere Bequemlichkeit und Sicherheit. Gott tut alles durch Menschen, die begreifen, dass sie nichts sind. Und Gott tut nichts durch die, die denken, sie seien alles. Dann knüpfte ich an Johns Aussage an und brachte meine Erwartung zum Ausdruck, dass Gott in unserer gemeinsamen Zukunft in Coral Ridge Großes tun würde. Und ich sprach eine Einladung aus: 16 | JESUS + NICHTS = ALLES
Ich glaube, dass diese neue Gemeinde über all das hinaus wachsen wird, was wir erbitten oder uns vorstellen können, wenn sie voll ist mit Menschen, die sich am Evangelium berauscht haben: Menschen, die verstehen, dass wir unser Leben für einander niederlegen müssen, weil Christus sein Leben für uns niedergelegt hat. … Eine Gemeinde, die gesättigt ist mit dem Evangelium, ist eine Gemeinde, die voller Menschen ist, die alles geben, was sie haben, weil sie verstehen, dass sie in Christus bereits alles haben, was sie brauchen … Nachdem ich also rechtmäßig eingesetzt und beauftragt wurde, lade ich euch alle dazu ein, euer Leben lang mit mir zu sterben. Diese neue Gemeinde soll der Welt zeigen, wie das menschliche Leben und die Gemeinschaft aussehen können, wenn eine Meute auf Gott fokussierter Missionare ihr Leben dafür einsetzt, zu dienen, anstatt sich dienen zu lassen. Meine Abschlussworte waren: »Schnallt euch an.« All das – einschließlich meiner abschließenden Ermahnung – waren Worte, an die ich in den kommenden Wochen und Monaten zwangsläufig denken würde. Auch wenn ich erwartet hatte, dass harte Zeiten anbrechen, wenn sich zwei sehr unterschiedliche Gemeinden zusammenschließen, hatte ich keine Ahnung, wie hässlich und chaotisch es werden würde.
Schmerzhaftes Crescendo Mit dem Zusammenschluss und dem Leitungswechsel begann eine kleine, aber sehr lautstarke Gruppe von Langzeitmitgliedern GOTTES BARMHERZIGKEIT IN MEINEM ELEND | 17
aus Coral Ridge, praktisch jeder Veränderung, die wir in der Gemeinde einleiteten oder andachten, Widerstand entgegenzusetzen. Es wurden (teilweise anonyme) Blogs veröffentlicht, Nachrichten und Briefe mit falschen Anschuldigungen über mich in Umlauf gebracht. Nur drei Monate nach meiner Ankunft wurde ein heftiger Feldzug gestartet, um mich wieder loszuwerden, und er erhielt immer mehr Auftrieb. Einige begannen zu beklagen, sie hätten einen großen Fehler gemacht, als sie dem Zusammenschluss zugestimmt hatten, und beschwerten sich, das Ganze hätte sich zu einer »feindlichen Übernahme« entwickelt. Ihr Umgangston war oft gereizt und bösartig. Kampflinien wurden gezogen, Gerüchte verbreitet und die Stimmung meiner Unterstützer sank. Missverständnisse, Enttäuschungen und Leid schwollen an wie ein Crescendo. In meiner Entschlossenheit, das umzusetzen, was wir für notwendige Veränderungen in der Gemeinde hielten, machte ich weiter – doch der Widerstand war fast heftiger, als ich ertragen konnte. Ich geriet unter heftigsten Beschuss – und war mehr als bereit aufzugeben und die Flucht zu ergreifen. Ich wurde über andere Stellenangebote im Land informiert, und glaub mir, sie waren verlockend. Es wäre so einfach gewesen, vor dem Trubel wegzulaufen, in dem ich mich befand, und nie wieder zurückzuschauen. Das alles geschah also gerade, als im Juni 2009 glücklicherweise die Urlaubszeit an die Tür klopfte. An unserem ersten Urlaubsmorgen wachte ich auf und war noch immer mit dem Elend erfüllt, das seit so vielen Wochen nur schlimmer wurde. Ich schlug meine Bibel auf; mein Bibelleseplan enthielt für jenen Tag auch das erste Kapitel des Briefs, den Paulus an die Kolosser geschrieben hatte. Als ich diese Verse las – die herrliche Botschaft, die wir auf den folgenden Seiten zusammen untersuchen werden –, wurden meine Augen geöffnet. Gottes Heiliger Geist half mir zu sehen, dass 18 | JESUS + NICHTS = ALLES
Christus und das Evangelium unfassbarerweise mehr als genug sind. Ich konnte es mit größerer Klarheit und tieferem persönlichem Bezug sehen als je zuvor. Ich spürte, wie die Ketten meines Elends abfielen. Meine wirkliche Situation rückte in den Blickpunkt. Mir war vorher nie bewusst gewesen, wie abhängig ich von menschlicher Bestätigung und Annahme geworden war, bis mir in der aufgewühlten Auseinandersetzung in Coral Ridge so viel davon genommen wurde. Früher wurde ich in jeder Gemeinde, zu der ich mich zählte, weitestgehend angenommen, anerkannt und geschätzt. Ich hatte mich in der Gemeinde immer geliebt gefühlt. Jetzt befand ich mich zum ersten Mal in der unbehaglichen Lage, dass ich heftig abgelehnt wurde und mir mehr als nur eine Handvoll Leute misstrauten. Nun wurde mir bewusst, wie sehr ich mich auf etwas anderes – etwas Weiteres – verließ als auf die Bestätigung und Annahme und Liebe, die mir in Jesus bereits gehörten.
In Farbe In meinem Elend forderte ich von Gott eine Erklärung. Schließlich hatte ich alles getan, worum er mich gebeten hatte – ich hatte mein Liebstes auf den Altar gelegt. Und jetzt das? Wie Jona im Bauch des großen Fisches diskutierte ich mit Gott und begründete, warum Gott mir eine Rettung schuldig war. Müde, ängstlich und wütend bestand ich darauf, Gott solle mir mein altes Leben zurückgeben. Die sanfte, jedoch direkte Antwort Gottes, die ich mir an jenem Morgen von den Seiten des Kolosserbriefs entgegenkam, war einfach, aber ernüchternd. »Du willst nicht dein altes Leben zurückhaben, sondern deine alten Götzen, und ich liebe dich zu sehr, um sie dir zurückzugeben.« GOTTES BARMHERZIGKEIT IN MEINEM ELEND | 19
Gott forderte mich heraus, besser zu verstehen, was ich in Christus bereits hatte. Viel länger, als mir bewusst war, hatte ich mich von der Bestätigung anderer abhängig gemacht – um mich wichtig zu fühlen. Gott begann mich aus dieser Sklaverei zu befreien, indem er mich dazu drängte, das Evangelium neu zu entdecken. Ich lernte auf die harte Tour, dass nur das Evangelium uns von der Sucht nach Anerkennung frei machen kann – dass Jesus an unserer Stelle alle Erwartungen erfüllt hat, damit wir nicht unter dem versklavenden Druck leben müssen, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Seine frohe Botschaft begegnete mir in meiner Finsternis, als ich sie am dringendsten brauchte. Durch sein befreiendes Wort wurde ich verwandelt, befreit und erfrischt. Ich begann, die facettenreichen Ausmaße des Evangeliums noch strahlender wahrzunehmen. Das Evangelium verwandelte sich für mich von etwas Vagem, Einfarbigem zu etwas Buntem, Lebendigem und Strahlendem. Ich entdeckte auf neue Art und Weise die Jetzt-Kraft des Evangeliums – dass das Evangelium uns nicht nur von der Vergangenheit und für die Zukunft rettet; es rettet uns auch in der Gegenwart von der Versklavung unter Dinge wie Angst, Unsicherheit, Wut, Eigensinnigkeit, Bitterkeit, Ansprüchen und Unbedeutsamkeit (mehr von alledem später). Mein Leid überzeugte mich immer wieder aufs Neue davon, dass die Kraft des Evangeliums nach unserer Bekehrung genauso notwendig und wichtig ist wie davor. In unserer neuen Gemeinde würden immer noch Schwierigkeiten auf uns zukommen. In vielerlei Hinsicht lagen die schlimmsten Kämpfe sogar noch vor uns. Sie lasteten auf meinem Herzen, auf den Herzen meiner Familie und auf den Herzen vieler Menschen in der Gemeinde. Aber durch diese Feindseligkeiten machte 20 | JESUS + NICHTS = ALLES
ich mich stärker von Gott abhängig als je zuvor. Als dieses schwere Jahr vorüber war, konnte ich zurückschauen und sehen, dass Gott mir größer erschien als je zuvor, ich hingegen so klein wie nie. Er hatte mich ausgezogen – mich aufs Neue ans Ende meiner selbst gebracht! Und wenn er das mit dir macht – wenn du eigentlich spürst, dass du nichts hast –, wird Jesus für dich mehr werden, als du dir je erhoffen oder vorstellen konntest. An jenem Junimorgen wurde Jesus plus Nichts ist gleich Alles – das Evangelium – für mich mehr als eine theologische Leidenschaft, mehr als ein erkenntnismäßiges Schlagwort. Es wurde mein greifbarer Rettungsanker. Als ich das Evangelium wiederentdeckte, konnte ich Folgendes erkennen: Weil Jesus stark für mich war, war ich frei, schwach zu sein; weil Jesus für mich gewonnen hatte, war ich frei, zu verlieren; weil Jesus jemand war, war ich frei, niemand zu sein; weil Jesus außergewöhnlich war, war ich frei, gewöhnlich zu sein; weil Jesus für mich erfolgreich, war ich frei, zu versagen. Das begann mein Leben erneut auf helle und befreiende Weise zu bestimmen. Ich glaube, Gott will, dass diese befreiende Wahrheit auch dein Leben und das Leben der Gemeinde bestimmt. Lass uns also zusammen die explosive Botschaft der Befreiung entdecken: Jesus plus Nichts ist gleich Alles.
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Der Satz auf dem Umschlag dieses Buches klingt doch richtig, oder nicht? Irgendwie klingt es gut: Jesus … plus Nichts … ist gleich Alles. Ich wette sogar, dass du kurz zustimmend genickt hast. Jedenfalls ist das keine Aussage, mit der du nicht einverstanden wärst – zumindest oberflächlich gesehen. Aber was bedeutet sie wirklich? Warum sollte sie einen weiteren Gedanken verdienen, geschweige denn einer genaueren Prüfung unterzogen werden? Wie kann sie mir und dir helfen? Dieser Satz hat zwar die Form einer Gleichung, aber ihr Ergebnis ist weniger eine Summe als eine Verwirklichung, ein Bestimmungsort, eine Erkenntnis – eine Erfahrung. Um sie also genauer zu untersuchen und besser zu verstehen, beginnen wir am Ende der Gleichung – mit »Alles«. Darauf werden wir uns auf den Anfangsseiten konzentrieren; danach werden wir uns behutsam von hinten nach vorne arbeiten. Mal sehen, was wir unterwegs entdecken werden. Und mit neuer und tieferer Einsicht (hoffe und bete ich) werden wir dann diese These von vorne nach hinten durch-
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gehen und alles aus ihr herausholen, was möglich ist. Thematisch gesehen ist die Kurzfassung dieses Buches also folgende: a) Alles b) Nichts c) Jesus d) Jesus e) plus Nichts f) ist gleich Alles Und jetzt schnallt euch an, denn eins weiß ich sicher: Jesus plus Nichts ist gleich Alles ist eine Wahrheit, die kein Mensch auf dieser Erde bereits völlig ergriffen hat. Diese Wahrheit ist so tief vergraben, dass sie nur darum bettelt, endlich ausgebuddelt zu werden, damit wir sie noch lieber gewinnen und noch intensiver genießen.
Wirklich alles? Ist es nicht interessant, dass diese stillschweigende Verheißung von Alles nichts ist, dem wir uns instinktiv widersetzen oder vor dem wir zurückschrecken? Ich bezweifle, dass deine Reaktion auf die erste Begegnung mit dem Titel dieses Buches war: »Wer will oder braucht schon ›alles‹? Gerade genug – und vielleicht sogar noch weniger – ist alles, was mich interessiert. Ich brauche nur das Minimum; lass es kümmerlich, leicht und klein sein. Mit Grenzen, Unzulänglichkeit, Einengung, Einschränkung – hey, damit kenne ich mich aus.« Nein, das hast du bestimmt nicht gedacht. Denn die menschliche Seele verlangt nach dem Gegenteil. Im Lauf der Geschichte konnten die Philosophen und Weisen nur feststellen, dass unser ALLES WOLLEN | 23
Herz ein Loch hat und dass wir eine allumfassende und unstillbare Sehnsucht nach mehr haben, nämlich danach, etwas Höheres, Tieferes, Volleres, Reicheres, Stärkeres, Weiseres, Sichereres, Glücklicheres zu erreichen. Ganz ehrlich: Wir wünschen uns ein besseres Leben mit gewaltigen und beeindruckenden Perspektiven. Wir sehnen uns nach völliger Annahme und Gunst, wir sehnen uns nach dauerhafter Zuneigung und Bestätigung, wir sehnen uns nach Sinn und Ziel und wir sehnen uns nach Freiheit von unseren Begrenzungen, Einschränkungen und Fehlern. Egal, auf welche Art wir das Privileg haben, Sicherheit, Glück, Hilfe, Rettung, Bestätigung und Sinnhaftigkeit zu erleben – es reicht noch nicht aus. Wir sehnen uns nach etwas, das wir noch nicht haben. Und egal, ob uns das bewusst ist oder nicht, es ist die Triebkraft all unseres Strebens. Wir verlangen nach mehr – manchmal zwar wild und ohne jede Logik, aber immer beständig und unaufhörlich. Wir versuchen alles, um die Leere in uns zu füllen, die wir so sehr hassen. Die weisesten Menschen der Welt haben daraus gefolgert, dass dieses Phänomen ein Hinweis auf Gott ist. Augustinus hat das vor sechzehn Jahrhunderten auf den Anfangsseiten seiner Bekenntnisse vielleicht am prägnantesten formuliert. Folgende bekannte Worte richtete er an den Herrn: »Für dich, o Herr, hast du das Menschenherz erschaffen. Und es findet keine Ruhe als in dir.« Ist die Menschheit jemals besser beschrieben worden? Bist du in deinem Leben ruhelos? Wenn wir ehrlich sind, glaube ich, trifft das auf uns alle zu. Denn wir sehnen uns nach dem Alles. Zwölf Jahrhunderte nach Augustinus griff der brillante Pascal dasselbe menschliche Dilemma auf. »Denn alle Menschen verlangen, glücklich zu sein«, sagte er. »Das ist der Beweggrund von allen Handlungen der Menschen, selbst derer, die sich tödten und hängen.« (Wie scharfsinnig dieser Pascal doch ist.) Danach führte er 24 | JESUS + NICHTS = ALLES
das endlose Stöhnen und Seufzen der Menschheit als Bestätigung dafür an, dass niemand dieses innewohnende Verlangen wirklich stillen kann: »Alle klagen: Fürsten und Unterthanen, Vornehme und Geringe, Starke und Schwache, Gelehrte und Unwissende, Gesunde und Kranke, in allen Ländern, allen Zeiten, allen Altern, und allen Verhältnissen.« Solch eine umfassende Unzufriedenheit sollte uns überzeugen, »wie unvermögend wir sind zum Glück zu gelangen durch unsere Anstrengungen«, sagt Pascal, aber es ist eine Lektion, die wir nicht begriffen haben: »So, da die Gegenwart uns nie befriedigt, reizt uns die Hoffnung und führt uns von Unglück zu Unglück …« Dennoch, fährt Pascal fort: »daß es einstmals im Menschen ein wahres Glück gab, von welchem ihm jetzt nichts übrig ist als die Erinnerung und die ganz leere Spur, die er vergebens mit allem, was ihn umgiebt, aus zu füllen unternimmt, indem er in den Dingen, die da nicht sind, die Hilfe sucht, welche er von den gegenwärtigen nicht erhält und welche weder die einen noch die andern im Stande sind ihm zu geben.« Warum können sie es ihm nicht geben? Pascal kommt zu der scharfsinnigen Schlussfolgerung: »Weil dieser unendliche Abgrund nur ausgefüllt werden kann durch einen unendlichen und unveränderlichen Gegenstand – das bedeutet, nur durch Gott selbst.«1 Das Alles, nach dem wir uns sehnen, ist so gewaltig, umfassend, tief und hoch, dass es sich sogar so weit erstreckt – bis zu Gott selbst.
Unser Dilemma In unserer Zeit beschäftigt sich der Seelsorger, Pastor und Autor Paul David Tripp mit diesen Dingen. In seinem Buch A Shelter in ALLES WOLLEN | 25
the Time of Storm (Eine Zuflucht in stürmischen Zeiten) berichtet er von »dem Dilemma deiner Menschlichkeit«; und zeigt voll Fürsorge und Weisheit auf, wo das hinführen kann: Du hast die Einzelheiten deines Schicksals und Lebens sicher nicht im Griff, doch als ein rationales, zielgerichtetes, seelisches Wesen schreist du nach einem tiefen und bleibenden Gefühl des Wohlergehens. Auf deiner Suche entdeckst du sogar, dass du dazu angelegt bist, dich mit einem Jemand zu vereinigen … So gesehen ist jeder Mensch auf der Suche nach Gott; das Problem ist, dass wir das nicht wissen und dass wir auf unserer Suche nach Stabilität immer wieder aufs Neue versuchen, einen soliden Ersatz für Gott zu finden, der am Ende jedoch mit uns zusammen untergeht … Ein Fels muss her. Eine innere Ruhe, die tiefer ist als gedankliches Verstehen, menschliche Liebe, persönlicher Erfolg und die Anhäufung von Besitz. Es gibt einen Felsen, der dir Ruhe geben wird, wenn dir all die anderen Dinge genommen wurden. Dieser Fels ist Christus, und es ist in dir angelegt, dass du in ihm das findest, was du suchst. In seiner Gnade wird er mit dir nicht verstecken spielen. Schrei zu ihm in deiner Schwachheit und Erschöpfung. Er wird dich finden und dein Fels sein. Er ist der Fels, nach dem du dich sehnst, er ist der einzige, der dir das Gefühl geben kann, dass alles gut ist. Und wenn du deine Hoffnung in die trügerischen Felsen dieser gefallenen Welt aufgibst und dich nach dem wahren Felsen zu sehnen beginnst, wird er sich ausstrecken und dich auf festen Grund stellen.2
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An dieser Stelle kommen mir die bekannten Worte von C. S. Lewis aus Christentum schlechthin in den Sinn: »Wenn in uns ein Verlangen lebt, das durch nichts anderes auf dieser Welt gestillt werden kann, so geht doch wohl daraus hervor, dass der Mensch für eine jenseitige Welt erschaffen ist.«3 In Lewis’ Essay ist diese »jenseitige Welt« natürlich das ewige Leben in der Gegenwart Gottes, unseres Retters. Wir fassen also zusammen: Augustinus sagt, ohne Gott sind wir zur Ruhelosigkeit verdammt; Pascal sieht einen unendlichen Abgrund in uns, den nur Gott füllen kann; und in uns allen ist angelegt, dass wir Gott suchen, sagt Tripp. Und Lewis behauptet, dass all das daran bewiesen wird, wenn unsere tiefsten Wünsche unerfüllt bleiben. Um einen geistlichen Blick auf diesen in uns angelegten menschlichen Hunger nach dem Alles zu bekommen, muss man sich nur einige wenige Bibelstellen ansehen, auch wenn unzählige mehr uns in dieselbe Richtung lenken würden. 1. Mose 1 legt das stärkste Fundament für die Verbindung des Menschen mit der Allheit. Das allererste ist die Tatsache, dass wir in Gottes Bild geschaffen wurden. Das ist eine atemberaubende Tatsache, voller Reichtum und Geheimnisse. In einer bezeichnenden Weise Gott ähnlich zu sein – ihn irgendwie sogar zu repräsentieren, ihn in irgendeiner Weise widerzuspiegeln –, welche größere Verbundenheit mit unermesslicher Weite und Bedeutung und Sinnhaftigkeit könnte es sonst geben? Darüber hinaus betont dieses Kapitel, dass der neu erschaffene Mensch Herrschaft übertragen bekommt »über alles Lebendige, das sich regt auf der Erde« und dass er auswählen darf aus dem, was ihm zur Nahrung gegeben wurde, nämlich »alles samentragende Gewächs …, das auf der ganzen Erdoberfläche wächst, auch alle Bäume, an denen samentragende Früchte sind« (1Mo 1,28–29). ALLES WOLLEN | 27
Man beachte das Ausmaß! Der von Gott geschaffene Mensch führte ursprünglich ein Leben, das nicht von Begrenzungen bestimmt wurde. Sein täglicher Lebensraum war durchdrungen von einem sehr realen Gefühl des Alles. Und dieses Alles enthielt vor allem eine ungehinderte Beziehung mit Gott selbst. Wenn du ans Ende der Bibel blätterst, siehst du, dass es dort darum geht, wie grenzenlos umfassend die Zukunft deiner und meiner menschlichen Existenz ist. Das gesamte Weltall ist frisch und neu, es gibt »einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen« (Offb 21,1). Der Herr verkündet auf seinem Thron: »Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!« (V. 5). Auch an dieser Stelle geht es wieder um gewaltige Ausmaße. Wir vergessen nicht, dass sich zwischen 1. Mose 1 und den letzten Seiten der Offenbarung eine monumentale Geschichte entfaltet, die von unberechenbaren Tragödien gekennzeichnet wird. Aber wir sollen auch hier begreifen, was Gott am Ende für sein erlöstes Volk tun wird: »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen« (Offb 7,17). Halte hier einen Augenblick inne. Können wir schon ermessen, was diese Aussage bedeutet und welche Erfahrung sie uns ermöglicht? »Und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen« (Offb 21,4).
Mehr als Gerede? Noch liegen Offenbarung 21 und 22 jedoch in der Zukunft. Heute erleben wir, dass wir die Ruhelosigkeit, auf die sich Augustinus bezieht, den Abgrund, den Pascal beobachtet, die Suche nach festem Boden, von der Tripp schreibt, und die unerfüllten Wünsche, 28 | JESUS + NICHTS = ALLES
die Lewis erwähnt, nicht völlig überwinden können – sie alle weisen uns auf Gott hin. Wenn diese Männer recht haben, dann gibt es ein Alles – eine Fülle, eine Vollständigkeit, ein überfließendes Leben –, das auch tatsächlich verfügbar und erreichbar ist, und es ist sicherlich jede Mühe wert, herauszufinden, wie wir dieses Alles tatsächlich erleben können. Doch die uns umgebende zynische und säkulare Kultur macht sich über dieses Wir-brauchen-Gott-so-dringend-Gerede lustig. Für sie erscheint das, wovon Augustinus und Pascal und die anderen sprechen, wie ein überheblicher Mythos – nichts anderes als altmodischer, sentimentaler Unsinn. »Oh nein«, werden moderne religiöse Denker schnell erwidern. »Es stimmt – Gott und nur Gott allein kann uns wirkliche Zufriedenheit bringen.« Doch ist diese Reaktion für viele oder die meisten dieser religiösen Menschen nicht nur bloßes Gerede? Ist das nicht nur eine nachgeplapperte Phrase, eine Idee, der man zwar beigepflichtet, sich aber nie wirklich zu eigen gemacht hat? Stimmt es nicht, dass das Leben der Religiösen am Ende so leer aussieht wie das aller anderen – und bei Weitem nicht die Zufriedenheit aufweist, von der sie behaupten, ihr Gott gebe sie ihnen? Und viele von ihnen wissen das. Tief in ihrem Inneren sind sie sich dieser schmerzlich enttäuschenden Ungereimtheit nur allzu bewusst. Also lassen sie ihre Seelen in eine traurige und erschöpfte Resignation abgleiten. Was soll’s? Warum mehr erwarten? Am Ende verlieren sie vielleicht sogar alle Zuversicht in die Behauptung, dass nur Gott Zufriedenheit schenken kann. Sie verlieren ihr echtes Gespür für das Alles. Doch tief in ihrem Inneren sind die Sehnsüchte natürlich immer noch da, genauso stark wie eh und je. Was also machen wir mit ihnen? ALLES WOLLEN | 29
STIMMEN ZUM BUCH »In unserer evangelikalen Kultur, in der vielen von uns nicht bewusst ist, dass das Evangelium nicht nur Kraft hat, uns zu retten, sondern auch, uns zu stärken und zur Reife zu bringen, macht dieses Buch unmissverständlich klar, welche Kraft das Evangelium tatsächlich für den Gläubigen birgt. Egal, ob du schon dein Leben lang in einer Gemeinde bist oder dich erst kürzlich bekehrt hast, dieses Buch wird deine Liebe zu unserem großartigen Gott und König entfachen.« Matt Chandler, Hauptpastor der »The Village Church«, Dallas (Texas, USA)
»Es wird gerade sehr viel über das Evangelium geredet. Manche denken, dies sei nur ein Trend, der sich irgendwann wieder beruhigen und vorübergehen wird. Oh, ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass das Evangelium und der Wunsch, das Evangelium tiefer zu ergreifen, immer mehr zunehmen werden, bis unsere von der Sünde müden, ungläubigen, moralistischen, vergesslichen Herzen davon verwandelt und für Jesus in Brand gesteckt werden. Jesus + Nichts = Alles wird uns an die uralte und doch ewig aktuelle Wahrheit erinnern, dass wir alles, was wir brauchen, in der Vollkommenheit Jesu finden – nicht in uns, nicht in unserem guten Ruf, unseren Beziehungen, unserem Wohlstand oder unseren Errungenschaften –, einzig und allein in Christus. Wenn du bisher nicht in dem vollbrachten Werk Christi geruht hast, ist dieses Buch genau das Richtige für dich. Und wenn du schon seit Jahrzehnten darin ruhst, ist dieses Buch genauso gut für dich. Warum? Weil wir vergessen. Und weil wir – obwohl wir Jesus lieben – blind dafür sind, was sein Werk mit unserem alltäglichem Leben zu tun hat, und wir uns fragen, warum Freude und Begeisterung Fremdwörter für uns sind. Kauf dieses Buch. Lies es. Es wird dir helfen, tiefer in das Evangelium vorzudringen, und wird die frohe Botschaft noch tiefer in jeden Winkel deines Lebens bringen. Tullian Tchividjian versteht wie kaum ein anderer, dass das Evangelium in verzweifelten Situationen wie ein Leuchtturm der Hoffnung ist. Hör ihm zu – er wird dir dabei helfen, den Retter noch mehr zu lieben.« Elyse Fitzpatrick, Autorin der Bücher Because He Loves Me und Comforts from the Cross
»Tullian Tchividjian schreibt genauso, wie er predigt: als ein Mann, der nur Jesus und die lebensspendende Kraft der Gnade Gottes kennt. Die Botschaft des Evangeliums verändert alles und jeden, der sie annimmt. Dieses Buch erinnert mich daran, dass Jesus nicht nur alles ist, was wir brauchen – er ist alles, was wir wollen!« Jack Graham, Pastor der Prestonwood Baptist Church, Plano (Texas, USA)
»Man vergisst so leicht, worum es im christlichen Glauben geht. Viel zu oft verbreiten und glauben wir religiösen Lügen, die uns bis zur Verzweiflung treiben. Diese Finsternis ist mir sehr vertraut, denn mit diesem religiösen Zeug kenne ich mich gut aus – ich habe mich so oft abgemüht, mich so sehr angestrengt und so oft versagt, dass ich befürchte, ein zynischer alter Prediger zu werden. Jesus + Nichts = Alles ist wie kühles, klares, erfrischendes Wasser für einen durstigen Prediger und eine ausgetrocknete Gemeinde. Wenn du dieses Jahr nur ein Buch liest, dann lies dieses Buch. Wenn du dieses Jahr ein Buch verschenken willst, dann verschenk dieses Buch. Wenn du dich nach Erweckung in der Gemeinde sehnst, dann unterstreiche dir Dinge in diesem Buch und erzähl anderen davon, was du gelernt hast. Dann wirst du mit mir ›aufstehen und den Autor glücklich preisen‹. Aber noch viel wichtiger: Du wirst den Gott verherrlichen, der uns so sehr liebt.« Steve Brown, Professor em. der angewandten Theologie am Reformed Theological Seminary in Orlando; Radiosprecher bei Key Life
»Mach dich gefasst auf einen Evangeliums-Tornado! Tullian spricht aus seinem Herzen zu unseren Herzen und fordert den ›guten‹ Teil der guten Nachricht auf mutige und befreiende Weise zurück. Allen, die unter der Schwerkraft innerlicher und äußerlicher Gesetzlichkeit leiden (also uns allen), zeigt Jesus + Nichts = Alles anhand vieler kraftvoller Beispiele, dass es nur einen einzigen Rettungsanker gibt – die überwältigende, jetzt vorhandene Freiheit der uns rechtfertigenden Gnade Gottes. Kein Wenn und Aber – nur das belebende und befreiende Wort in all seiner Tiefe. Wenn du weißt, was dir guttut, dann wirst du es immer und immer wieder lesen (aber natürlich musst du nicht)!« David Zahl, Direktor von Mockingbird Ministries; Chefredakteur des Mockingbird Blog
»Ich hatte das Vorrecht zuzuschauen, wie dieses Buch entstand, lange bevor die Tinte ihren Weg auf das Papier fand. Aus diesem Grund ist Tullians Titel Jesus + Nichts = Alles alles andere als nur eine Formel oder Floskel. Glücklicherweise wurde aus dem geistlichen Sturm, in den Tullian gerufen wurde, bald eine Geburtsstätte für das Evangelium. Daraus hat sich nicht nur eine wortgetreue und frische Auslegung des Kolosserbriefs entwickelt, sondern auch ein Pastor und eine Gemeinde, die es wagen, das Evangelium der Gnade Gottes so ernst wie möglich zu nehmen. Ein tolles Buch mit einer noch tolleren Geschichte!« Scotty Smith, Pastor der Christ Community Church, Franklin (Tennessee, USA)
»Tullian Tchividjian weiß aus der Bibel und aus persönlicher Erfahrung, dass die größten Gefahren für die Gemeinde nicht außerhalb, sondern innerhalb der Gemeinde liegen und dass die größte dieser Gefahren das (auf Gesetzlichkeit beruhende) unterschwellige, trügerische und verlockende Vertrauen auf das eigene Selbst ist. Der vielleicht beste Beitrag dieses Buches ist die eindringliche Bitte an die Gemeinde, keine Angst vor den herrlichen Reichtümern und der Freiheit zu haben, die in der Gnade zu finden sind.« Paul Tripp, Vorsitzender der Paul Tripp Ministries, Autor von Werkzeuge in Gottes Hand und What Did You Expect?
»Das Ziel meines Lebens ist, Jesus mehr als alles andere zu genießen. Dieses Buch hat mir dabei geholfen! Tullian nimmt uns auf eine tiefgreifend theologische und doch sehr persönliche Weise mit in die Tiefen des Evangeliums von Christus allein und bringt uns erneut zum Staunen darüber, was Gott in seiner großen Liebe für uns getan hat. Lies es. Du wirst nie wieder etwas anderes wollen oder brauchen als Christus.« Britt Merrick, Gründer der Reality family of churches; Pastor der Reality-Gemeinde in Santa Barbara (USA)