Skip to main content

362531

Page 1

BURKARD HOTZ & GUNTHER GEIPEL

UMKEHR ZUM LEBEN Botschaft zum Reformationsjubiläum

Beiträge zu Kirche und Gesellschaft

1


Impressum Burkard Hotz & Gunther Geipel Umkehr zum Leben. Botschaft zum Reformationsjubiläum Herausgegeben von: Arbeitskreis für Geistliche Gemeinde-Erneuerung e.V. Schlesierplatz 16, 34346 Hannoversch Münden www.gge-deutschland.de www.gge-verlag.de Titelbild: Alex Belomlinsky/iStockphoto.com Illustration Deutschlandkarte: © WoGi - Fotolia.com Satz und Gestaltung: Katja Gustafsson www.kulturlandschaften.com ISBN 978-3-9818340-1-7

2


Inhalt

Vorwort von Henning Dobers .......................................................................................... 5 Burkard Hotz: Das gegenwärtige Drama des landeskirchlichen Protestantismus. Ein evangelischer Ruf zur Umkehr ................................................................................... 6 A) Die theologisch-ideologischen Fehlentscheidungen ........................................ 6 B) Die ideologische Drift des landeskirchlichen Protestantismus ...........................17 C) Der ökumenische Weg der Buße ........................................................................ 27 Vater, Vergib!! Segenslinien und Schattenseiten in der evangelischen Kirche ......... 34 Gunther Geipel: Die Wahrheit suchen, feiern, teilen .................................................. 36 Teil Teil Teil Teil

I: „Logos-Philosophie“ – Die Vernunft zur Vernunft bringen .............................. 37 II: „Logos-Theologie“– Menschliche und göttliche Vernunft ........................... 42 III: Was ist Wahrheit? ............................................................................................ 49 IV: Die Wahrheit suchen, feiern, teilen ............................................................... 51

Komm Heiliger Geist ....................................................................................................... 56

3


Vorwort Von Henning Dobers

Oberhalb der Niagarafälle soll es ein Schild geben, das leichtsinnige Besucher und Wassersportler mit folgendem Text eindringlich warnt: „Beyond this point You are a dead man“ (Hinter diesem Punkt bist du ein toter Mann). Wer an dieser Stelle nicht umkehrt, ist nicht mehr zu retten. Die Beiträge der vorliegenden Broschüre sind mehr als nur eine beiläufige Ansammlung wohltemperierter theologischer Informationen aus Anlass des 500-jährigen Reformationsjubiläums. Sie sind eher zu verstehen wie die Aufschrift auf dem Schild vor den Niagarafällen. Ein Schild, das innerhalb des kirchlichen Mainstreams aufgestellt wird und dessen Botschaft eindringlich zu einer geistlichen Erneuerung aufruft: „Evangelische Kirche, kehr um zum Leben! Komm zurück zu deiner Berufung und deinem Auftrag – du bist in Lebensfahr und du bringst andere in Lebensgefahr!“. Burkard Hotz und Gunther Geipel, beide langjährige Pfarrer der evangelischen Kirche, der eine in Hessen, der andere in Sachsen, sind ihrer Kirche sehr verbunden. Sie schreiben nicht aus selbstgerechter Distanz heraus, sondern melden sich mit hoher Identifikation zu Wort. Beide schreiben von innen heraus, aus Treue gegenüber der Bibel als dem Wort Gottes und aus Liebe zu ihrer der Evangelischen Kirche. Während Burkard Hotz sich mit aktuellen inhaltlichen Entwicklungen der evangelischen Kirchen in Deutschland anhand exemplarischer Themen auseinandersetzt, stellt Gunther Geipel das Ganze in einen größeren geistlich-philosophischen Kontext gesamtgesellschaftlicher Trends. Innerkirchlich ist gegenwärtig auf breiter Linie eine Entnormierung und Relativierung der Bibel mit entsprechenden Folgen für Lehre und Leben evangelischen Glaubens zu beobachten. Dabei ist die Situation grotesk: Während auf der einen Seite jedes Jahr mehr Kirchensteuereinahmen erzielt werden, verliert die Evangelische Kirche auf der anderen Seite statistisch gesehen jährlich und ungebremst eine Großstadt an Mitgliedern. Kurz vor dem Reformationsjubiläum schwindet ihr gesellschaftlicher Einfluss, nimmt die Personalnot zu und wird der Traditionsabbruch immer deutlicher. Derweil suchen und finden viele Menschen geistliche und religiöse Erfahrungen vermehrt außerhalb der Kirche. Sie erwarten von der Kirche vor allem eines: Nichts! Dass das alles kein göttlicher Betriebsunfall ist sondern logische Folge von inhaltlichen Entscheidungen, zeigt der Beitrag von Burkard Hotz überdeutlich auf. 4


Gunter Geipel ordnet diese Entwicklungen zusätzlich gesamtgesellschaftlich ein. Er identifiziert inmitten globaler Veränderungen und Verunsicherungen einen dreifachen philosophischen Pessimismus: Relativismus („So absolut kann man doch gar nichts sagen!“) im Verbund mit Subjektivismus („Jeder sieht es eben anders!“) sowie radikalem Konstruktivismus („Wir konstruieren doch alles selbst im Kopf und können nichts Sicheres wissen!“). Dass es auch anders geht, zeigt sein Zugang zu Jesus Christus als Wahrheit und Liebe Gottes in einer Person. Die Initialzündung der Reformation bestand in der Wiederentdeckung und damit Umkehr zur Bibel als verbindlichem Wort Gottes. Die erste der 95 Thesen Martin Luthers beginnt deshalb folgerichtig mit „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ u.s.w. (Mt 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll“. Die Reformation war eine geistlich motivierte Reformbewegung zur Ehre Gottes und aus Liebe zur Kirche. Sie leitete eine „Umkehr zum Leben“ ein. Und weil Luther und mit ihm andere Reformatoren die unmittelbare Kraft des biblischen Wortes erfuhren und demütig aus ihr lebten, nur deshalb kam es im 16. Jahrhundert zu einem tiefgreifenden, nachhaltigen und kulturprägenden positiven geistlichen Aufbruch in ganz Europa. Angesichts der von Gender und von pessimistischem Subjektivismus beeinflussten innerkirchlichen Megatrends bei gleichzeitig wachsender Bedeutungslosigkeit in der öffentlichen Außenwirkung bedürfen wir in der evangelischen Kirche einer substantiellen geistlich-theologischen Buße. Wir haben gesündigt. Wir sind vom Wege abgewichen. Das Reformationsjubiläum bietet für eine „Umkehr zum Leben“ eine ideale Möglichkeit. Wir sollten diese Gelegenheit in Kirche und Gemeinde nicht verpassen, wenn denn die Feierlichkeiten rund um das Reformationsjubiläum nicht zur musealen Lutherfolklore geraten sollen. Denn: „Beyond this point You are a dead man.“ Pfarrer Henning Dobers 1. Vorsitzender der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche

5


Burkard Hotz Das gegenwärtige Drama des landeskirchlichen Protestantismus. Ein evangelischer Ruf zur Umkehr

Vorbemerkung 500 Jahre nach dem reformatorischen Aufbruch ist zu beobachten, dass der landeskirchliche Mehrheitsprotestantismus seit Jahren konsequent und mit zunehmender Tendenz den Weg der Selbstsäkularisierung geht. Synoden und Kirchenleitungen äußern sich kritisch zu wesentlichen Werten der eigenen evangelischen Geschichte und Berufung. Gleichzeitig verliert die evangelische Kirche immer mehr Mitglieder und hat immer weniger Einfluss auf die Gesellschaft. Die folgende Bestandsaufnahme der kirchlichen Lage kann deshalb zunächst einen hoffnungslosen Eindruck machen, weil sie vieles im deutschen Protestantismus sehr verdichtet und mit Schmerz beleuchtet. Ich schreibe in einer Haltung der Identifikation als jemand, der Teil dieser Kirche ist und der sich mit ihr und ihren reformatorischen Grundwerten identifiziert. Deshalb ermutige ich, bis zum Ende des Textes auszuharren und ausdauernd auf den Guten Hirten und auf das Sendschreiben an die Gemeinde von Laodizea aus dem 3. Kapitel der Johannesoffenbarung zu schauen.

A) Die theologisch-ideologischen Fehlentscheidungen 1. Evangelische Kirche und der Papstbesuch 2011

„Was Luther umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist. ‚Wie kriege ich einen gnädigen Gott‘: Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen. Theologie war für Luther keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst, und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott. ‚Wie kriege ich einen gnädigen Gott?‘ Dass diese Frage die bewegende Kraft seines ganzen Weges war, trifft mich immer wieder ins Herz. Denn wen kümmert das eigentlich heute noch – auch unter Christenmenschen? … Muss man dem Säkularisierungsdruck nachgeben, modern werden durch die Verdünnung des Glaubens?... Aber nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur ihn ganz zu leben in unserem Heute. Das ist die zentrale ökumenische Aufgabe, in der wir uns gegenseitig helfen müssen: tiefer und lebendiger 6


zu glauben.“ (www.augustinerkloster.de/Papstbesuch 2011, Ansprache des Papstes im Kapitelsaal). Papst Benedikt benennt in der denkwürdigen Begegnung mit den Spitzen des deutschen landeskirchlichen Protestantismus präzise die Alternative, vor der die christlichen Kirchen angesichts des heutigen Säkularisierungsdrucks stehen: Entweder den christlichen Glauben in herausfordernder Fülle und Tiefe und in engagierter Präsenz zu leben oder mit dem Anspruch modern und zeitgemäß zu sein, ihn zu verdünnen, um dann diese verdünnte Version eben jener Modernität passgerecht als aufgeklärte Religion anzudienen. Während Benedikt engagiert für das erste warb, haben sich (wie noch zu zeigen sein wird) die Kirchen der Reformation mehrheitlich für die zweite Möglichkeit entschieden und sind konzeptionell und tatkräftig auf allen Ebenen mit der aktualisierten Verdünnung des Evangeliums beschäftigt. Um den selbstgewählten Anspruch, in der Mitte der Gesellschaft angekommen und so nahe bei den Menschen zu sein, einzulösen, modelliert die Evangelische Kirche ihre Botschaft gemäß den Bedürfnissen und Chancen ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz. 2. Der Paradigmenwechsel in der Evangelischen Kirche

So ist es offensichtlich, dass sich die Kirchen der Reformation heute vom Grundanliegen der Reformation meilenweit entfernt haben. Nicht mehr die Frage nach dem gnädigen Gott, der in Seiner einzigartigen Barmherzigkeit den sündigen Menschen rechtfertigt, ihn von der zerstörerischen Macht der Sünde befreit und ihn liebevoll annimmt, ist entscheidend (denn der „gute Gott“ muss ja sowieso gnädig sein). Nicht mehr die Frage nach des Menschen Sünde und nach Gottes vergebender Barmherzigkeit prägt die Kirche (weder in ihrer Theologie noch in ihrer Seelsorge, weder in ihrer Verkündigung noch in ihrem ganzen öffentlichen Erscheinungsbild), sondern grundlegend für die Kirche ist die Frage nach der gnädigen Akzeptanz durch die Gesellschaft geworden, genauer gesagt, die gnädige Akzeptanz durch die politisch-kulturellen Eliten unserer Gesellschaft. So hat sich für die Kirchen der Reformation die Frage nach dem gnädigen Gott zur Frage nach der gnädigen Gesellschaft, nach der gesellschaftlichen Akzeptanz und Anerkennung verwandelt. Die gnädige Gesellschaft konkretisiert sich im gnädigen Mitmenschen. Für diese gnädig-wohlwollende Akzeptanz durch die gesellschaftlichen Milieus, Gruppierungen und Medien, die üblicherweise als „fortschrittlich“ gelten, wird nahezu jede Form der Verdünnung des Glaubens praktiziert. Mit dem Anspruch modern und auf der Höhe der Zeit zu sein, und nicht altmodisch, wie die katholische Kirche und die sogenannte evangelikale Gruppen innerhalb und außerhalb des eigenen Hauses, halten die evangelischen Kir7


chen ständig nach neuen gesellschaftlichen und politischen Bedeutungsfeldern und vermeintlichen relevanten Themen Ausschau. Dies hat für die Botschaft der Kirche den weitgehenden Verlust reformatorischer Theologie, den Verlust der existenziellen Tiefe und eine konsequente Moralisierung zur Folge. Dies ist u. a. ein Grund, weshalb evangelische Predigten heute oft so penetrant unduldsam und belehrend wirken: „Wir als Christen müssen doch … !“ Beschrieben wird dieser Verdünnungs- und Verflachungsvorgang des Glaubens und geistlichen Lebens unter der Parole eines evangelischen Freiheitsund Aktualitätsgewinns, mit dem Willen, „nahe bei den Menschen“ zu sein sowie dem Verweis auf die ausgrenzungsfreie Liebe Jesu. 3. Zwei Rückbauten und ein Neubau

Die vom derzeitigen landeskirchlichen Protestantismus praktizierte Verdünnung des Glaubens (man kann auch mit Recht von einer kirchlichen Selbstsäkularisierung sprechen), mit der man hofft, seine gesellschaftliche Bedeutung als Volkskirche zu retten, ist besonders durch zwei „Rückbauten“ und einen „Neubau“ gekennzeichnet. Der erste desaströse Rückbau ist die gängige Entnormierung der Heiligen Schrift. Aus der Bibel als Gottes autoritativem Offenbarungs-Wort wird eine Vielzahl völlig unterschiedlicher historischer Texte antiker Religiosität, deren Bedeutung überhaupt erst einmal fraglich ist. Also der Mensch ist nicht mehr wie zur Reformationszeit jener, der sich vor Gott und von Gott rechtfertigen lassen muss, sondern nun ist es die Schrift, die sich vor dem modernen/postmodernen Menschen und dem jeweiligen Zeitgeist rechtfertigen muss. Der zweite damit verbundene dramatische Rückbau ist der Bedeutungsschwund der Christologie, das heißt: Jesus Christus verliert in Theologie, Schriftauslegung, Gottesdienst und Glaube seine zentrale Stellung. Das Zentrum der christlichen Offenbarung geht auf bzw. unter in einer Form allgemeiner moralischer bzw. irgendwie lebenskundlicher Religion mit einem allseitigen „guten Gott“. Der grandiose Neubau des derzeitigen Protestantismus, verbunden mit einer massiven Abwertung der Gemeinde, ist ein neuer evangelischer Klerikalismus auf der Basis eines funktionalen Kirchenverständnisses. Dieses funktionale Verständnis der Kirche macht den Weg frei zur Installierung neuer macht- und geldfunktionaler kirchlicher Leitungs- und Entscheidungsbefugnisse und vermeintlich neuer regionaler Handlungsräume. 4. Die Entnormierung der Heiligen Schrift

Der heutige Kern-Schaden der Kirchen der Reformation ist der Verlust des grundlegenden und normierenden Zeugnisses der Heiligen Schrift sowohl für den Glauben und das Handeln der Kirche als auch für die Lebenspraxis 8


des einzelnen Gläubigen. Während die Reformation eine Bibelentdeckungsbewegung war, sind die heutigen Kirchen der Reformation sehr bibelkritisch und -distanziert, weil dieses Buch doch zu viele „toxische“ Stellen enthalte. Auch die an sich erfreuliche Neuausgabe der Lutherbibel zum Reformationsjubiläum wird an diesem Zustand der Distanz höchst wahrscheinlich nicht viel ändern, weil der heutige kirchliche Geist insgesamt selbst viel zu bibelkritisch und damit entwertend ist. Die Bibel wurde in ihrer Auslegung in unserer Kirche über Jahrzehnte radikal subjektiviert und durchrationalisiert und hat damit in der Folge den Jenseitsbezug verloren. Der biblische Kanon zerfällt in eine Vielzahl ganz unterschiedlicher antiker religiöser Texte, deren Bedeutung für das Heute von Glaube und Kirche sich überhaupt erst beweisen bzw. rechtfertigen muss. Landesbischof Meister (Hannover) illustriert dies in einem Vortrag aus dem Jahr 2014 („Die Bibel als Grundlage von Glauben und Theologie“, gehalten am 22.5. vor der Delegiertenkonferenz der AMD in Krelingen) sehr anschaulich. „Die Bibel ist nicht einfach Autorität, weil … sie einfach Gottes Wort enthält. Hier haben die modernen Säkularisierungsprozesse zu einer grundsätzlichen Infragestellung nicht nur der biblischen Autorität geführt. Autorität muss heute notwendigerweise eine sich legitimierende Autorität sein. In diesem Sinne kann die Bibel nur noch dann als Autorität anerkannt werden, wenn sie in der individuellen Lebensführung als hilfreich, sinn- und lebenserschließend erfahren wird.“ Der Mensch und das, was ihm irgendwie plausibel ist, ist hier der Maßstab des biblischen Wortes! Der Mensch ist hier die Prüfinstanz, er ist der Herr des Verfahrens. In einer solchen „Defensiv-Hermeneutik“ verliert das Gegenüber der biblischen Botschaft jedes Profil, verliert jedes Recht, als herausfordernde Anrede und Anspruch Gottes sich Gehör zu verschaffen! So wird sie zu einer Kirche, um es mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen, „… die sich selbst ihre Götter macht … die einen Gott haben will, wie er ihr gefällt und die nicht danach fragen will, wie sie Gott gefalle.“ (Aus der Predigt: Mose- und AaronKirche vom 28.5.1933). Wie weit, wie schmerzhaft weit, ist doch der heutige landeskirchliche Protestantismus vom Barmer Bekenntnis der Bekennenden Kirche entfernt, die 1934 sagte: „Jesus Christus, wie ER uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben!“ (1. These des Barmer Bekenntnisses.) Wer so heute in unseren Kirchen von Jesus Christus und der Heiligen Schrift spricht, spricht in arroganter Sektenhaftigkeit und ist klar als dialogfeindlicher Fundamentalist geoutet. So exklusiv kann und darf heute in Zeiten des gesellschaftlichen Pluralismus landeskirchlich nicht mehr gesprochen werden! 9


Nun ist eine gravierende Folge des kirchlichen Verfalls der Autorität und Wertschätzung der Bibel, dass die Bibel lesende Gemeinde von der Kirche selbst als äußerst problematisch empfunden wird, wenn sie nicht durch eine historisch-kritische und polit-ideologisch sich auf dem neuesten korrekten Stand befindliche Theologie angeleitet wird, die ihr sagt, wie biblische Aussagen richtig zu verstehen sind; und ganz besonders, wie man sie nicht verstehen darf. So übt besagte ideologisch-korrekte Theologie in den Kirchen der Reformation auf den unterschiedlichsten Ebenen ihr strenges Lehramt aus! Damit verfällt das Grundelement und Erkennungsmerkmal der reformatorischen, ja generell jeder geistlichen Erneuerungsbewegung, nämlich die Bibel lesende Gemeinde, der Bibel lesende Christ dem Verdikt des naiven vorurteilsverhafteten Biblizismus, den es ja gerade zu überwinden gilt. Erst die verschiedenen Siebe einer zeitgemäßen Theologie, die das Bibelwort vorsortieren und Aussagen, die als freiheitsfeindlich, menschenrechtswidrig und ausgrenzend empfunden werden oder werden könnten, aussortieren, verhindern einen solchen schädlichen Biblizismus und ermöglichen – falls es überhaupt notwendig ist – die passgerechte Bibellektüre im aktuellen landeskirchlichen Modernitäts-Protestantismus. Wie sympathisch reformatorisch klingen dagegen die Worte des römischkatholischen Kardinals, der alle Christen dazu einlädt, die Bibel zu lesen und sich von ihr ansprechen zu lassen: „Die Bibel ist vom Volk Gottes geschrieben ... sie ist deshalb gerade auch dem Glauben der einfachen Menschen übergeben. Um die rein historischen, wissenschaftlichen Dinge auszulegen, braucht es natürlich die Gelehrten, die Spezialisten. Den eigentlichen Sinn der Bibel aber begreift gerade auch der einfache Gläubige. Sie ist wirklich allen gegeben und auf ihre Weise auch allen verständlich.“ (Josef Ratzinger, Gott und die Welt, München 2000, S. 133). So haben sich die Zeiten geändert und konfessionelle Positionen in überraschender Weise die Fronten gewechselt! In den „evangelischen“ Prozessen der theologisch-ideologischen Zensur und der konsequenten Moralisierung, des Ewigkeitsverlustes und der Subjektivierung hat die Bibel nicht nur den Charakter des objektiven Wortes Gottes verloren, ja sie hat damit als ehemals traditionelles Grundlagen-Buch der Kirche, als der Kirche vorgeordnete „norma normans“ nunmehr einen galoppierenden Bedeutungsverfall. Die Kirche, die ihrem Wesen nach durch dieses Wort der Heiligen Schrift begründet, ja geschaffen ist, verweigert groteskerweise diesem Wort die autoritative Vollmacht der Begründung, der Stiftung der Einheit und der prophetischen Kritik und macht damit selbst die Auslegung und Handhabung der Bibel zu einem Manövrierfeld, das einerseits beliebig befahren werden kann, andererseits heftige ideologische Grenzzäune aufweist. Die Bibel wird zum Steinbruch, aus dem man sich das wenige herausholt, was man noch braucht. 10


Und sei es der exklusive Hinweis auf die inhaltlich entkernte Liebe Jesu, die niemand ausgrenze. Begrüßt und gelobt wird dieser Prozess als evangelische Hermeneutik der toleranten Vielfalt. Bei näherer Betrachtung ist allerdings diese gelobte Vielfalt sehr eintönig und auch wenig tolerant. Ich sehe in diesem ganzen Prozess des kirchlichen Autoritäts- und Bedeutungsverfall der Bibel die große satanische Versuchung, den großen Angriff des Feindes. Ein wesentliches Kennzeichen dieser Versuchung, oder noch klarer, dieses dämonischen Angriffs auf die Evangelische Kirche ist die Umdeutung, dass der zerstörerische Verfall des Wortes Gottes als Ausdruck evangelischer Freiheit gepriesen wird. So sägt die Kirche des Wortes den Ast ab, auf dem sie sitzt, bzw. sie zerstört durch die Auflösung ihres eigenen Fundaments sich selbst. Theologisch-geistlich ist die kirchliche Normalität häufig lau und leer gelaufen. Die Bibel als Quelle von Leben, Glaube und Lehre spielt oft keine Rolle. Ich habe viele kirchliche Versammlungen und Pastorentreffen erlebt, in denen die Bibel überhaupt nicht vorkam. Falls sich bei einer kontroversen Diskussion doch einmal einer der Gesprächspartner auf biblische Aussagen bezog, also klassisch den sogenannten Schriftbeweis führte, wurde er häufig mit der Aussage neutralisiert: „Ach, was soll das, mit der Bibel kann man doch alles beweisen!“ Ja, biblisch-theologisches Wissen wird gerade auch von kirchlich ausgewiesenen Interpreten immer wieder dazu benutzt, um durch Hinweise auf die Widersprüchlichkeit und die geschichtliche Rückständigkeit der Bibel ihre Autorität zu problematisieren und damit ihre Bedeutung zu entwerten. So erleben sich immer mehr Pfarrer immer weniger als Verkündiger des Wortes Gottes, als Hirten und Seelsorger ihrer Gemeinden, gegründet in der Heiligen Schrift und inspiriert durch den Heiligen Geist, sondern als Manager einer gesellschaftlichen Großorganisation, die durch die Steigerung ihrer Aktivitäten dem Mitglieder- und Bedeutungsverlust der eigenen „Filiale“ gegensteuern sollen! Kein Wunder, dass es immer mehr Ausgebrannte im Pfarrberuf gibt. 5. Verlust der Christologie und Abkehr von Mission

Es gibt nichts Schlimmeres (und nichts Langweiligeres!) als ein Christentum ohne den von den Toten auferstandenen und wiederkommenden Jesus Christus, der uns in seine Nachfolge ruft und heute in der Kraft des Heiligen Geistes mitten unter uns ist. Unsere Kirchen sind auf dem besten Wege, genau dies zu installieren: Ein Christentum ohne Jesus Christus! Da man als moderne Religion der Liebe, der Vielfalt und der Toleranz die Sünde und ihre zerstörerischen Auswirkungen im irdischen Leben und besonders in der Ewigkeit als unzeitgemäß und fundamentalistisch ablehnt, 11


erscheint der Mensch auch nicht als verlorener und erlösungsbedürftiger Sünder. Ja die Sünde ist dem modernen bzw. postmodernen Protestantismus ein eher peinlicher Begriff. Von Sünde wird höchstes in ethischen Zusammenhängen noch gesprochen, z. B. beim Umgang mit der Umwelt, in Fragen der Wirtschaftssysteme oder jetzt in der Flüchtlingskrise. Sünde aber als existenzielle Kategorie des Menschen und der Schöpfung, jenes Verfallensein in die Ablehnung Gottes und damit die Zerstörung des eigenen Ursprungs und die Auflehnung gegen Gott und Sein Gebot, erscheinen zunehmend als fremd. Man ist im Grunde ja ok. Damit wesentlich verbunden verlieren Gericht und Gnade, ja das ganze rettende Heilswerk Gottes in und durch Jesus Christus, Sein versöhnendes Sterben und Seine siegreiche, neues Leben schenkende Auferstehung massiv an theologischer Bedeutung und erst Recht an geistlicher Kraft. Die exklusive Erlösung des Menschen durch Jesus Christus, weil der Mensch, jeder Mensch als Sünder Jesus braucht, das erscheint als Relikt, als ein antimodernes sektiererisches Denken, als Toleranz und Aufklärung gefährdender Exklusivanspruch des christlichen Glaubens, der ja Gott sei Dank überholt sei. Ganz nebenbei wird Gott degradiert als tröstender Lebensbegleiter. Dieser Verlust der Zentralität von Jesus Christus angesichts eines neuprotestantischen Verständnisses des Menschen, dessen Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit verschwiegen wird, hat sehr folgenschwere Auswirkungen. Die folgenschwerste ist wohl, dass natürlich jede Mission, jedes missionarische Einladen zum Glauben an Jesus Christus, überflüssig werden. Ja, Mission wird sogar kirchlich verdächtigt, manipulative Vereinnahmung oder das Ausnutzen einer Notsituation zu sein. Wie sehr wird gegenwärtig betont, dass Flüchtlinge sehr wohl unsere diakonische Hilfe, aber nicht den Glauben an Jesus Christus brauchen, denn das wäre unfair, ja unmenschlich, das würde sie überfallen und ihnen die innere Heimat nehmen, nachdem sie schon die äußere verlassen mussten. Welch ein verzerrtes, ja negatives Bild vom befreienden und tröstenden Glauben an Jesus Christus! So ist es natürlich auch konsequent, dass derzeit in Kirchenleitungen über einen offiziellen Missionsverzicht besonders dem Islam gegenüber nachgedacht wird. Die Rheinische Kirche hat als Vorreiterin im September 2015 in einer sogenannte Arbeitshilfe mit dem Titel: „Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen“ dieses Nachdenken öffentlich zu Papier gebracht. Einer der „Spitzensätze“ dieser Arbeitshilfe, der einen, auch wenn man schon einiges an theologischer Verdrehung gewohnt ist, sprach- und fassungslos macht, lautet: „Eine strategische Islammission oder eine Begegnung mit Muslimen in Konversionsabsicht bedroht den innergesellschaftlichen Frieden und widerspricht dem Geist und dem Auftrag Jesu Christi und 12


ist entschieden abzulehnen.“ (Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen, Ev. Kirche im Rheinland 2015, S. 18) Nach dieser Lesart ist also der Auftrag Jesu Christi, auf gar keinen Fall Menschen zum Glauben an IHN einzuladen. Der Geist Jesu verbietet uns Mission und Bekehrung, weil sie den gesellschaftlichen Frieden bedrohen! Was für Verdrehung des biblischen Sachverhaltes! Diese Arbeitshilfe ist kein rheinischer Karnevalsscherz sondern ein in jeder Weise typisches Dokument des sich selbst amputierenden ToleranzProtestantismus. Eines Protestantismus, der auf diese Selbst-Amputation im Namen von Toleranz und Dialog sogar stolz ist. Mit einem schier „missionarischen“ Drang versuchen die Autoren dieser Arbeitshilfe den Christen die Mission erst madig zu machen, dann auszureden und dann zu verbieten. Das ganze Dokument verströmt den Geist, christliche Mission als schlimmen Fundamentalismus und böse Dialogverweigerung niederzumachen. Von „islamischer Mission“, die es sehr engagiert gibt, ist dagegen in dieser Arbeitshilfe zur religiösen Weggemeinschaft überhaupt keine Rede. Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, der „Ökumeneminister“ der weltweiten Evangelischen Allianz hat eine Analyse dieser Arbeitshilfe erarbeitet und ins Internet gestellt, aus der ich mit großer Zustimmung zitiere („Mission und Dialog gehören zusammen! Eine kritische Stellungnahme zur Arbeitshilfe ‚Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen‘ der Ev. Kirche im Rheinland“ von Thomas Schirrmacher 2016, als pdf-Datei erhältlich) und der ich gerade unter rheinischen Landessynodalen eine große Verbreitung wünsche: Einige Auszüge daraus: • •

•

„Mir gefällt durchweg der Ton des Papiers nicht, im Namen von Vielfalt und Toleranz de facto anderen Christen Mission zu untersagen“ (S. 2). „Die Autoren behandeln nur sehr, sehr wenige Bibeltexte und versuchen, ihnen einen neuen Sinn zu geben. Sie übergehen, dass die Breite der Evangelien, der Apostelgeschichte, der Paulusbriefe und selbst noch die Johannesoffenbarung Mission begründet und die Ausbreitung des Evangeliums unter den Völkern der Welt beschreibt, begrüßt und erbittet. Nirgends machen sie sich die Mühe, die Breite des Zeugnisses nur zu erwähnen, geschweige denn zu widerlegen“ (S. 2). „Zur gesellschaftlichen Realität gehört auch die wachsende Zahl der Migrantenkirchen in Deutschland. Es war die EKD, die sie als erstes im großen Stil respektierte, anerkannte und von ihnen lernen wollte … Gerade die Migrantenkirchen gehören zum bunter werdenden Bild in Deutschland. Statt aber von ihnen zu lernen, wird ihnen jetzt gewissermaßen etwas, was sie wesentlich mit ausmacht, verboten, nämlich ihre missionarische Ausstrahlung“ (S. 4). 13


Soweit zum Pionierprojekt der Rheinischen Landeskirche in Sachen Mission, das in exemplarischer Offenheit den selbstzerstörerischen Sinkflug des derzeitigen landeskirchlichen Protestantismus an der Begegnung mit dem Islam demonstriert. Mission im klassischen Sinne einer Einladung in die Jesusnachfolge ist vielen unserer landeskirchlich Verantwortlichen suspekt, unangenehm und eines arroganten und sektenhaften Wahrheitsverständnisses verdächtig, denn: Warum soll ein Mensch Jesus brauchen, wenn er zufrieden ist? Da die Ewigkeit keine Rolle spielt, gibt es auch keine Verlorenen. So bringt der Verlust der zentralen Ausrichtung der Kirche auf Jesus Christus eine Kirche hervor, die alles Mögliche sein will, aber auf keinen Fall missionarisch. Missionarische Gruppierungen gelten rasch als sektenhaft. Missionarische Positionen und Überzeugungen gerade dem Islam gegenüber werden rasch als islamophob und rassistisch gebrandmarkt. Und Rassismus ist die schlimmste aller Häresien, die der Neuprotestantismus konsequent ahndet. Wenn wir uns klar machen, dass es erst siebzehn Jahre her ist, dass im November 1999 die Synode der EKD „den missionarischen Auftrag der Kirche“ zum Thema hatte, ein prägnantes Referat von Prof. Jüngel hörte und so wunderbare Sätze in die Welt hinaus sprechen konnte: „Von dieser Tagung der Synode geht das Signal aus: Die Evangelische Kirche setzt das Glaubensthema und den missionarischen Auftrag an die erste Stelle…“ (Aus der Kundgebung der 9. Synode der EKD auf ihrer 4. Tagung zum Schwerpunkt: Reden von Gott in der Welt, Kirchenamt der EKD, Hannover 2000, S. 41), dann erscheint dies heute wie ein kurzfristiger missionarischer Fieberanfall, den der toleranzverdünnte landeskirchliche Protestantismus rasch wieder auskuriert und hinter sich gelassen hat. So fördert die derzeitige kirchliche Mainstream-Verkündigung den folgenschweren Aberglauben, dass wir Menschen zwar Lerngemeinschaften, Bildung und Aufklärung brauchen, aber gewiss keine Erlösung und erst recht keinen Erlöser Jesus, den Messias, den Sohn Gottes benötigen. So darf Jesus im besten Fall innerhalb kirchlicher Verkündigung und Öffentlichkeitsarbeit und erst recht im interreligiösen Dialog als ethischer Lehrer und Prophet eines allgemeinen und ausgrenzungsfreien Liebes- und Toleranzverständnisses präsent sein! 6. Der neue Klerikalismus und die Entmündigung von Gemeinden

Während die Kirche sich geistlich verdünnt und das Evangelium von Jesus Christus verdunstet, erschafft sie sich als gesellschaftlich starke und relevante Institution neu. Bei dieser „Neuerschaffung“ spielt das grundlegende und begründende Wort Gottes meist keine Rolle. Diese Kirche braucht keine geistliche Legitimation durch die Heilige Schrift. Wo sie noch vorkommt, 14


hat sie meist nur ornamentalen Charakter. Diese Kirche versteht sich faktisch nicht als „creatura verbi“. Sie begründet sich selbst im Rahmen eines gesellschaftlich-funktionalen Wirklichkeitsverständnisses. So erleben wir eine erstaunliche Wandlung: Nicht mehr die biblisch-theologische Begründung ist für die Kirche entscheidend sondern ihre gesellschaftlich-funktionale. Spätestens in den 1970er und 1980er Jahren verloren die Kirchen der Reformation ihr gläubiges Vertrauen, die Kirche in Gottes Wort allein begründet zu sehen. Die These III des Barmer Bekenntnisses hatte sich im Leben der Kirche verbraucht, bzw. sie hatte ihre Plausibilität verloren. „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein Sein Eigentum ist, allein von Seinem Trost und von Seiner Weisung in Erwartung Seiner Erscheinung lebt und leben möchte.“ Es gab in der Kirche keine prägende biblisch-christologische Spiritualität mehr, die dieses Verständnis der Kirche kommunizierte und lebendig erhielt. Man brauchte ein Kirchenverständnis, so war man überzeugt, das sich auf gesellschaftliche Fakten, reale Bedürfnisse und sozialwissenschaftliche Analysen stützte. Der biblisch verankerten Sicht zur Begründung und Beschreibung der Kirche wurde die ideologische Verkennung und Überhöhung der Realität unterstellt. Sie wurde immer mehr in die evangelikale Schmuddelecke geschoben. Die gesellschaftlich-funktionale Begründung und Sichtweise der Kirche dagegen trennt sich bewusst von der bisherigen biblischen Sicht der Kirche, ihrer Begründung, ihrer Gestalt und ihrer Leitung. Falls man doch noch biblische Bezüge verwendet, sind sie nicht wesentlich. Auch kommt in diesem Kirchenverständnis, das folgerichtig auf Professionalität setzt, die mündige und bevollmächtigte Gemeinde und mit ihr das Priestertum aller Gläubigen – ein wesentliches Element der Reformation – unter die Räder. In einer professionalisierten Kirche sind Laien in ihrer Eigenständigkeit – nicht nur in ihrer Bibellektüre! – ein unkalkulierbares Risiko und daher eher unerwünscht. Doch müssen wir darauf noch einen genaueren Blick werfen, weil die Situation grotesk verwirrend ist. Einerseits besteht ja der begründete Eindruck, dass der landeskirchliche Protestantismus die Laien, ganz besonders in allen Formen der öffentlichen Wortverkündigung, massiv fördert und aufwertet. Der Grund dieser Entwicklung ist jedoch nicht das Bejahen und die Umsetzung eines allgemeinen Priestertums sondern die Erfahrung zunehmenden Pfarrermangels. Andererseits erleben Kirchenvorstände und Ältestenkreise als Organe der Gemeindeleitung immer mehr ihre Bedeutungslosigkeit, wenn es um die wirklich wichtigen geistlichen, theologischen und organisatorischen 15


Entscheidungen geht, gerade auch im Zusammenhang von Gemeindefusionen und Pfarrstellenverteilungen. Hier verkommt das „Priestertum aller Gläubigen“ zur ideologischen Formel, zur politisch korrekten Worthülse. Dafür bringt die gesellschaftlich-funktionale Sichtweise der Kirche entscheidend die Kategorien der Spezialisierung, der Effizienz und der Hierarchisierung in das Leben der Kirche ein. Kirchenleitung/Verwaltung muss ständig neu entscheiden, in welchem gesellschaftlichen Feld aktuell kirchliche Aktivitäten und Schwerpunktsetzungen notwendig sind und gebraucht werden (Zum funktionalen Kirchenverständnis, siehe die hervorragende Beschreibung in Christoph Bergner, „Die Kirche und das liebe Geld“, Stuttgart 2009, S. 114 ff). Und da alles effizient und transparent sein muss, wird ein permanentes System von Kontrollen, Bemessungen und sogenannte Qualitätskriterien entwickelt, was wiederum mit großem Aufwand eine Fusion nach der anderen zur Folge hat. Das ganze entwickelt sich als Dauerprozess von oben nach unten, da überhaupt nur in Kirchenleitung und Kirchenverwaltung ausreichend Kompetenz und finanzielle Übersicht vorhanden zu sein scheint, diese komplizierten Vorgänge einer gesellschaftlichen Großorganisation zu steuern. Daher ist das Ausmaß kirchlicher Selbstbeschäftigung enorm. Biblische Begründungen und theologische Maßstäbe spielen dabei eine äußerst untergeordnete Rolle. Das hat den großen „Vorteil“, dass man durch Gottes Wort auch nicht in Frage gestellt werden kann. Entscheidend wichtig dagegen sind dem neuen evangelischen Klerikalismus effiziente gesellschaftliche Organisations- und Entscheidungsmodelle und natürlich die Finanzströme, die dies ermöglichen. So lebt die evangelische Kirche seit Jahren in der komfortablen Lage, dass sie zwar ständig in großer Zahl Mitglieder verliert, aber ständig mehr Geld über die Kirchensteuer einnimmt, eine wahrhaft groteske Situation! Die greifbar schlimmste Folge dieses evangelischen Klerikalismus, der selbstbewusst daher kommt und ohne die Heilige Schrift auskommt, sind, wie gesagt, die Entwertung der Mitarbeit des „Priestertums aller Gläubigen“ sowie der Abbau der Gemeinden und ihrer Gottesdienste, also ihrer geistlichen Mitte. Gemeinden werden zu Filialen eines von oben nach unten durchregierten gesellschaftlichen Großbetriebs, die ihr Sortiment zentral geliefert bekommen. Obwohl dieses neue Verständnis der Kirche ja nichts als ihre eigene institutionelle Selbsterhaltung will, ist es offensichtlich, dass dieser kirchlichklerikale „Turmbau zu Babel“ ohne Zukunft ist. Falls in der nächsten Zeit die Kirchensteuer fallen sollte, wird diese falsche Entscheidung, Kirche durch institutionelle Stärke sichern zu wollen, noch rasanter offensichtlich. Spricht nicht hier das Wort an die Gemeinde von Laodizea (Offenbarung 3,15ff) mit prophetischer Aktualität zu unserer Evangelischen Kirche der Gengenwart? 16


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook