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BEATE BECKMANN-ZÖLLER

HINGABE UND UNTERWERFUNG Die befreiende Botschaft Christi in der Begegnung mit dem Islam

Vorworte von Gunther Geipel & Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz 1


Impressum Beate Beckmann-Zöller Hingabe und Unterwerfung. Die befreiende Botschaft Christi in der Begegnung mit dem Islam. Vorworte von Gunther Geipel & Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz Herausgegeben von: Arbeitskreis für Geistliche Gemeinde-Erneuerung e.V. Schlesierplatz 16, 34346 Hannoversch Münden www.gge-deutschland.de www.gge-verlag.de Titelbild: martin951/Fotolia.com Satz und Gestaltung: Katja Gustafsson www.kulturlandschaften.com ISBN 978-3-9818340-0-0

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Inhalt

Vorwort von Gunther Geipel ...........................................................................................5 Vorwort von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz .....................................................................6 1. Einleitung ......................................................................................................................8 2. Umgang mit Ängsten vor einer Islamisierung ......................................................10 3. Persönliche Begegnungen – unterschiedliche Gottesbilder .................................12 4. „Prophet“ unserer Zeit? ...............................................................................................13 5. Gott der Liebe – Gott der Barmherzigkeit .............................................................15 6. Symbole der Macht: Kaaba und Bilderverbot .......................................................18 7. Christliche Bilderfreundlichkeit – Nähe Gottes .........................................................20 8. Mütterliche versus väterliche Barmherzigkeit ............................................................22 9. Phänomenologie der Unterwerfung und der Hingabe ..........................................24 10. Die Berufung Jesu und Mohammeds .................................................................26 11. Politisch-gemäßigter Islam – Utopie oder reale Möglichkeit? .............................32 12. Islam als Versuchung für europäische Intellektuelle? .........................................35 13. Was die Bekehrung zum Islam mit „Sado-Maso“ zu tun hat ............................38 14. Unterwerfung der Frau unter den Schleier ..........................................................42 15. Tiefere Bedeutung des „Kopftuchs” .....................................................................45 16. Religiöse Gründe für Gleichberechtigung der Frau ........................................50 17. Abfall von Religion (Christentum) – Sehnsucht nach Religion (Islam)? ..........53 18. Privilegierung von islamischer Religiosität .............................................................56 19. Religionen als Entmündigungs- und Unterdrückungssysteme? .........................58 20. Sehnsucht nach Religion ........................................................................................60 21. Sehnsucht nach Freiheit ..........................................................................................61 22. Ich-Du-Verhältnisse: Diener Allahs – Kinder Gottes ..............................................63 23. Zusammenleben von „Kindern“ und „Dienern ................................................... 68

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Vorwort von Gunther Geipel Die Religionsphilosophin Beate Beckmann-Zöller schenkt uns mit ihrem Essay „Hingabe und Unterwerfung“ ein wunderbares Zusammenspiel von scharfsinnigen Analysen und Synthesen mit warmherzigen Liebeserklärungen. Die erste Liebeserklärung geht an Gott-Vater und seinen Sohn Jesus Christus. Die Schönheit dieser Liebesbeziehung, zu der jeder Mensch berufen ist, hat mich beim Lesen neu und tief bewegt: der Mensch ist – anders als im Islam – nicht Unterworfener, sondern Sohn und Tochter, Partner des Allmächtigen. Gott als die Quelle der Liebe freut sich, wenn wir ihn von Herzen wieder lieben! Dieses Geben und Empfangen, diese Liebe voller glücklicher Hingabe, taucht dann auch die Rolle der Frau und die Ehe in ein neues helles Licht: Da gibt es keine „Unterwerfung“ der Frau wie in einer sexistischwestlichen oder in einer traditionell-islamischen Kultur. Ein „gläubiges Staunen“ über die Menschenwürde und das Rollenbild der Bibel führt aber auch zum Schmerz darüber, dass das „christliche Abendland“ diese und viele andere Schätze seiner Kultur durch Gleichgültigkeit und zunehmende Unkenntnis verwirft und selbst zerstört. Wie die „Unterwerfung“ in der „sexuellen Revolution“ einer latenten Islamisierungsgefahr mit ihrer „Unterwerfung“ in die Hände spielt, macht Beate Beckmann-Zöller anhand Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung deutlich. Aber neben der scharfsinnigen Analyse und Synthese steht auch hier die Liebenserklärung: an die Muslime unter uns, die nichts Besseres und Heilsameres in unserem Land bekommen können als Liebe und den für sie völlig neuen Blick auf Vater-Gott und den liebenden Erlöser Jesus, der sich geopfert hat, statt andere in einer irregeleiteten Religiosität zu opfern. Im Kampf um Freiheit und Menschenwürde und angesichts der aktuellen politischen Situation kommt der indische Religionsphilosoph Vishal Mangalwadi übrigens zu genau dem gleichen Heilungsansatz für die „Wunde des Islam“. (Was einen klugen und frühzeitigen Gebrauch des staatlichen Gewaltmonopols nicht ausschließt.) Und wenn die junge pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai sagt: „Stifte und Bücher sind die Waffen, die Terrorismus besiegen“ und „Bildung ist die einzige Lösung“, dann dürfen wir uns daran erinnern, dass Meister Eckhart das Wort „Bildung“ einst so in die deutsche Sprache einführte, dass die Gottesebenbildlichkeit ins Menschherz „eingebildet“ werden soll. Es geht um das Bild und die Erfahrung dieses Gottes, der Liebe und Wahrheit zugleich ist! In diesem Sinne ist dieser Essay mit seinen Analysen, Synthesen und Liebeserklärungen ein herausragendes Bildungsbuch zur rechten Stunde. Pfarrer Gunther Geipel, GGE, Verantwortlicher des Vogtländischen Leiterkreises und Autor von „Theologie als Lobgesang“ und weiteren Veröffentlichungen. 5


Vorwort Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz Angesichts eines revitalisierten, zum Teil fanatisierten Islam kann es nur die Antwort eines revitalisierten und nicht fanatisierten Christentums geben. Aber kennen und achten die gegenwärtigen europäischen Christen ihre eigenen Quellen im Neuen Testament? Dies betrifft die religiöse Seite der Frage; die politische und rechtliche im Sinne einer Demokratisierung des „politischen Islam“ ist davon zu unterscheiden und von rechtsstaatlicher Seite zu klären. Nicht ausreichend sind jedenfalls die Rituale der Betroffenheit gegenüber dem Fanatismus, nicht ausreichend der lahme Toleranzbegriff der Gleichgültigen, nicht ausreichend das bloße Nebeneinander der „Kulturen“, das sich beispielsweise nicht einmal dem Grundgesetz gemeinsam verpflichtet weiß, sofern dieses Grundgesetz staatlich nicht hinreichend verpflichtend angewandt wird (etwa schon im ausgesetzten Schwimmunterricht für Mädchen). Der Religions-Dialog mit dem Islam, den die christlichen Kirchen anstreben, scheint bisher vorwiegend von der Betonung der Übereinstimmungen, weniger aber der grundlegenden Unterschiede (im Blick auf Jesus Christus und die Trinität) bestimmt. Es bedarf noch vieler Gespräche und mehr noch der historischen Verarbeitung, auch der Selbstbearbeitung islamischer Geschichte durch Moslems, um die Gewaltbereitschaft, die der Koran zeitabhängig vom 7. Jahrhundert deutlich präsentiert, unter modernen Bedingungen einzudämmen, d. h., in die vergangene Geschichte zu verweisen, und stattdessen andere Potentiale des Korans, die Verpflichtung seiner Gläubigen zur Barmherzigkeit etwa, herauszustellen, wie es z. B. Khorchide tut. Alles wird sich daran entscheiden, ob der Koran von seinen versöhnlichen oder seinen kämpferischen Suren her verstanden wird, ob von der frühen mekkanischen Phase Mohammeds (611-622 n. Chr.) oder seiner späten medinensischen Kriegszeit und den kampfbetonten Aufrufen her (622-630 n. Chr.). Der Schiit und deutsche Friedenspreisträger Navid Kermani sprach im Januar 20151 in Köln öffentlich von dieser unentbehrlichen Unterscheidung: „Dass hier diejenigen in besonderer Verantwortung stehen, in deren Namen die Gewalt verübt wird, liegt in der Natur der Sache. Als im Namen Deutschlands Krieg und Vernichtung über die halbe Welt gebracht wurden, war es auch und gerade an den deutschen Exilanten, die selbst gegen die Nazis gekämpft hatten, das bessere und andere Deutschland zu erklären.“ „In dem Augenblick, da sich Terroristen auf den Islam berufen, hat der Terror auch etwas mit dem Islam zu tun. Wir müssen die Auseinandersetzung mit der Lehre suchen, die heute weltweit Menschen gegeneinander aufhetzt

1 Andreas Platthaus, „Die islamische Bergpredigt steht in Sure 5,28“, in: FAZ vom 16.1.2015, 13.

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und Andersgläubige ermordet oder erniedrigt.“ „Vor allem aber liegt es an uns, dem höchsten Gebot des Islams, der Barmherzigkeit, wieder Geltung zu verschaffen. ‚Wahrlich, erhebst du deine Hand gegen mich um mich totzuschlagen, so erhebe ich doch nicht meine Hand gegen dich, um dich zu erschlagen’ – das werden heute die meisten für die Bergpredigt halten, ist aber doch unser eigener Koran, Sure 5,28.“ (Allerdings aus dem Alten Testament übernommen als Antwort Abels gegenüber Kain, bevor dieser ihn ermordet.) Und Kermani zitierte Ali Ibn Abi Talib: „Der Mensch ist entweder ein Bruder im Glauben oder ein Bruder in der Menschlichkeit.“ Es ist Beate Beckmann-Zöller zu danken, dass sie im Dienst derselben notwendigen Unterscheidung arbeitet, um einer oberflächlichen Gleichsetzung von Islam und Christentum im Blick auf Gewalt zu widersprechen und einen beträchtlichen Unterschied freizulegen: in den jeweiligen religiösen Grundhaltungen und der daraus entspringenden Lebenswelt – vor allem im Umgang mit Frauen. Dieser Dienst ist augenöffnend, um den Schatz annähernd wahrzunehmen, der in den Schatzkammern des Christentums für viele Gläubige gut verborgen liegt. Offenbar wird er nicht mehr häufig hervorgeholt und verblasst ungesehen. Aber diese Studie öffnet die geistige Schatzkammer, und sie soll und wird „ungläubiges Staunen“ hervorrufen (so nochmals Kermani), wenn die Reichtümer aufleuchten, die da seit zweitausend Jahren heißen: Freiheit und Hingabe, Ebengeburt von Mann und Frau, Menschlichkeit Gottes ... Prof. Dr. Dr. hc. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Professorin für Philosophie, Leiterin des Instituts für Philosophie, phil.-theol. Hochschule Heiligenkreuz/Wien.

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1. Einleitung Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben zunehmend Angst vor dem Zusammenleben mit Muslimen, aufgeschreckt durch verschiedene islamistische Anschläge.2 Wie können wir als Christen reagieren? Lassen wir uns von Ängsten mitreißen, verschließen wir die Augen vor möglichen Konflikten oder streben wir aktiv nach Frieden mit unseren muslimischen Mitbürgern? Um miteinander in Frieden – nicht in Gleichgültigkeit – leben zu können, müssen Muslime und Christen vom jeweiligen Glauben des anderen wissen. Und auch unsere säkulare Gesellschaft braucht ein religiös-christliches Grundverständnis, um die Wurzeln der eigenen Kultur, die nicht erst aus der Zeit der „Aufklärung“ im 17. Jahrhundert stammen, zu kennen, zu schätzen und sie nicht leichtfertig aufzugeben. Daher werde ich in meinem Essay die religiöse Grunderfahrung von Christen – die Hingabe an den Gott der Liebe – und von Muslimen – die Unterwerfung oder Ergebung unter den Gott der Barmherzigkeit – in ihren jeweiligen religiösen Begründungen skizzieren. Damit wird eine prinzipielle Orientierung möglich, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn diese Grunderfahrungen sind der jeweilige Schlüssel, mit dessen Hilfe wir einzelne Phänomene der jeweiligen Religion besser verstehen können. Es herrscht in unserer Gesellschaft viel Verwirrung und Orientierungslosigkeit: Was glauben Muslime, was glauben Christen? Was ist Kultur, was ist Religion? Gehören Phänomene von Gewalt, Dschihad, Geschlechtertrennung, Ehrenmorde zur muslimischen Religion oder haben sie „nichts mit dem Islam zu tun“ – wie gebetsmühlenartig wiederholt wird?3 Wie können diese Phänomene aus islamischer Sicht eingeordnet werden? Gehört Gewalt wesensmäßig zu allen Religionen? Während ein Katholik, der z. B. wie Guy Fawkes 1605 ein Sprengstoff-Attentat auf das englische Parlament verübt, sich dazu nicht auf das Leben Jesu berufen kann, kann ein Muslim, der mit der Waffe in der Hand für seinen Glauben kämpft, sich sehr wohl auf das Vorbild Mohammeds berufen. Ob er nach muslimischer Auffassung dazu religiös-berechtigt ist, diesem Vorbild in diesem Aspekt überzeitlich nachzueifern, ist eine andere Frage. Hat man das Christentum in den 1980er Jahren noch mit Gewaltlosigkeit, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung verbunden, so wird der christliche Glaube heute von meinen religionsfernen Studenten mit dem Islam ge-

2 Vgl. R+V-Studie 2016, https://www.ruv.de/presse/aengste-der-deutschen. 3 Vgl. Koopmans, Ruud, „Hass in der muslimischen Welt. Der Terror hat sehr viel mit dem Islam zu tun“, FAZ, 1.7.2016. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/hass-im-islam-terror-hatmit-der-religion-zu-tun-14317475.html.

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meinsam unter Generalverdacht gestellt: „Haben etwa nicht die christlichen Kreuzzüge direkt nach Jesu Tod begonnen, um das Christentum auszubreiten?“ Je weniger Grundwissen über das Christentum vorhanden ist, desto eher stellen sich solche Bedeutungs- und Wahrnehmungs-Verschiebungen ein – hier um rund 1000 Jahre: Der erste Kreuzzug, dessen Berechtigung hier nicht im Detail diskutiert werden kann, wurde 1095 ausgerufen; nicht jedoch um das Christentum auszubreiten, sondern um den Zugang zu den christlichen Pilgerstätten in Jerusalem frei zu halten.4 Auch die kritische Frage, wie das Verhältnis von Mann und Frau mit dem religiösen Verständnis von Gott zusammenhängt, soll im Folgenden gestellt werden. Was genau hat das weibliche Kopfhaar aus religiöser Sicht mit Allah zu tun? Unterdrücken beide Religionen Frauen? Gerade am Geschlechterverhältnis wird deutlich, wie Werte der Aufklärung, hier Freiheit und Gleichheit, durch unterschiedliche religiös-weltanschauliche Füllung bestärkt oder entkräftet werden können. Mir persönlich sind in meiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Religionsvergleich am Lehrstuhl für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft (TU Dresden) und den daraus erwachsenen Vorlesungs- und Vortragstätigkeiten mit Hilfe der Methode der philosophischen Religionsphänomenologie5, aber auch in persönlichen Begegnungen die Schätze des eigenen christlichen Glaubens wieder neu auf- und vernunft-begründet eingeleuchtet. Dadurch kann ich frei und mit Freude auf unsere muslimischen Nachbarn zugehen und im gemeinsamen ehrenamtlichen Engagement ins Gespräch kommen über unsere unterschiedlichen Gotteserfahrungen, auf einer einfachen menschlichen Ebene. In diesen Essay fließen einige meiner Vorträge ein; an manchen Stellen wurde der Vortragsstil beibehalten. Es geht mir darum, Grundstrukturen der Religionen anhand der Quellen (Bibel, Koran und Hadithe) in ihrer Unterschiedlichkeit und phänomenologischen Eigenwesentlichkeit aufzuzeigen.6

4 Vgl. Ballestrem, Tommy, „Ja, aber die Kreuzzüge …“, Kißlegg 2015. 5 Vgl. Beckmann, Beate, Phänomenologie des religiösen Erlebnisses, Würzburg 2003, 300-304. 6 Diese Grundstrukturen bestehen unabhängig von speziellen Einzelüberzeugungen unterschiedlicher islamischer Schulen und christlicher Konfessionen. Bezieht man die soziologisch zu untersuchenden Detail-Traditionen mit ein, findet man Ähnlichkeiten, die den Blick trüben und verwirren. Z. B. erinnert der Kirchengebots-Gehorsam und Legalismus vieler meiner katholischen oder auch evangelikaler Glaubensgeschwister (Fasten, Kleiderordnungen usw. betreffend) vielerorts an islamisches Alltagsleben und benötigt das Korrektiv der Glaubenstradition der Kirche insgesamt und vor allem der neutestamentlichen Quelle, die in der Kraft des Heiligen Geistes und mit wissenschaftlichem Rüstzeug auf die Gegenwart bezogen wird.

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2. Umgang mit Ängsten vor einer Islamisierung Es kann sein, dass uns das Gottesbild der Muslime und bestimmte Glaubensinhalte verunsichern, uns sogar Furcht einflößen, bis hin zur Furcht vor einer Islamisierung Europas. Angst ist kein guter Ratgeber, daher unterschied der Philosoph Sören Kierkegaard das Phänomen der „gegenstandslosen“ Angst, die das „Wovor“ gar nicht kennt, von einer Furcht, die genau weiß, was sie fürchtet. Furcht kann zwar auch lähmen – so wie das Kaninchen vor der Schlange –, aber sie kann auch Kräfte freisetzen und uns Menschen zu überlegten Handlungen motivieren. Realen Gefahren begegnet man nicht dadurch, dass man sie leugnet oder ignoriert. Vielmehr sollte man sie sachlich wahrnehmen, ohne sie zu übertreiben und ohne sie herunterzuspielen. Begründete Furcht kann uns warnen, sie wird aber niemals Furcht vor Menschen sein – das wäre eine undifferenzierte Fremdenfurcht (Xenophobie). Falls uns diese Furcht befällt, gilt es, aktiv dagegen vorzugehen, indem wir in einem Dialog- oder interreligiösen Begegnungszentrum mit Menschen der anderen Religion sprechen und aktiv und seelsorgerlich begleitet unsere Furcht vor fremden Menschen abbauen. Menschen, die kritische Fragen an „den Islam“ – den es natürlich nicht monolithisch, sondern nur in kultureller und Rechtsschulen-Vielfalt gibt – stellen, wird schnell „Islamophobie“ vorgeworfen, eine „undifferenzierte Furcht“ vor „dem Fremden“. Einem Menschen seine Angst vorzuwerfen, hat allerdings wenig Sinn, sondern diese Ängste sollten in der Seelsorge vor Gott gebracht und therapeutisch bearbeitet werden. Es soll im Folgenden weniger darum gehen, Ängste zu entkräften und schon gar nicht sie zu bestärken. Über Ängste muss man sprechen dürfen. Berechtigte Furcht gilt aber immer einem Gedankengebäude, einem politischen, ideologischen oder quasireligiösen System, das Menschen klein und unfrei hält, in dem Personen als Mittel zum Zweck missbraucht werden und das eher in die Gewaltbereitschaft als in die Gewaltlosigkeit führt. Allerdings wären wir schlecht beraten, Ängste zu politisieren. Problematisch wird es, wenn wir aus Furcht den Fremden zum „Feind“ werden lassen in der „Fremdenfeindlichkeit“. Wie könnten denn stattdessen Fremde zu Freunden werden? Wir können davon ausgehen, dass 95% aller Muslime so friedliebend sind wie alle anderen Menschen auch. Keine Lösung für unsere Ängste wäre es, wenn wir unsere Nachbarn dämonisieren und ächten. Ebenso unangebracht wären das Appeasement gegenüber terroristischen Gruppen wie auch das Ignorieren des Gewaltpotentials im Koran und im Leben Mohammeds. Die Annahme, der Terrorismus, der im „Namen des Islam“ verübt wird, sei allein mit politischen Mitteln bzw. durch Entwicklungshilfe zu lösen, geht fehl, da die religiöse Dimension ungleich tiefer sitzt und eine 10


geistliche Bearbeitung braucht – Gebet und relevante theologische Antworten. Islamistischer Extremismus ist religiös motiviert, erlangt Motivation aus dem Vorbild und den konkreten Taten Mohammeds, die als überzeitlich gültig und nicht als historisch-bedingt verstanden werden. Daher müssen wir uns auch religiös mit islamischen Grundhaltungen beschäftigen, sie verstehen und darauf auch – neben politischen Strategien – religiös antworten. Und die christliche Antwort kann nur eine der Liebe sein, wobei Liebe niemals ohne Wahrheit, Klarheit und Festigkeit zu haben ist. Um nicht von unseren Ängsten – ob sie nun zu Recht bestehen oder nicht – daran gehindert zu werden, unseren muslimischen Nachbarn in Liebe zu begegnen und ihnen zu dienen, müssen wir uns Jesu Empfehlungen für den Umgang mit Angst ansehen. Zunächst können wir Geborgenheit finden in der Beziehung zu ihm: „In der Welt habt ihr Angst, aber ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33). Sicherheit für Leib und Seele aber erleben wir allein in Christus: „Fürchtet euch nicht vor dem, der nur den Leib tötet, fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele verderben kann.“ (Mt 10,28) Darüber hinaus hat Jesus aber bereits vorhergesagt, dass es Christenverfolgungen – wie jetzt im Nahen Osten und in vielen Ländern – geben wird: „Ihr werdet um meines Namens Willen verfolgt werden.“ (Mt 5,11; Joh 15,20; 2 Tim 3,12) In seiner Liebe jedoch können wir frei von Furcht leben, und wenn es noch nicht gelingt, dann können wir danach streben: „In der Liebe ist keine Furcht. Wer sich fürchtet, rechnet noch mit Strafe, in der vollkommenen Liebe ist keine Furcht.“ (1 Joh 4,18) Wir sollten heute Solidarität mit den verfolgten Christen in muslimischen Ländern leben. Und wir können die christliche Tugend der Tapferkeit wieder neu entdecken: nur wer Angst hat, kann tapfer sein. Christlich tapfer sein heißt, nicht zurückweichen von Jesus, den Geschwistern und seinem Gebot der Liebe, auch unter der Bedrohung von Gesundheit, dem eigenen Ruf und dem eigenen Leben. Andererseits heißt tapfer sein nicht, unbedacht und unnötig eine Bedrohung herauszufordern. Unsere Ängste sollten wir also als „freundschaftliche Herausforderungen“ verstehen, uns sachlich mit islamischen Glaubensüberzeugungen auseinanderzusetzen. Die „Angst vor dem Islam“ zeigt uns etwas über uns aufgeklärte Europäer, über unser Verhältnis zu christlichen Werten, zu unserem metaphysischen Bedürfnis, zur Geschlechterfrage, zur Politik, zu Gott. Die Ängste von „patriotischen Europäern“ deuten auf die Frage nach unserer Identität: Wer sind wir Europäer im Gegenüber (nicht im Gegensatz) zu den anderen? Was sind unsere Wurzeln?

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3. Persönliche Begegnungen – unterschiedliche Gottesbilder Fremde Überzeugungen und Lebensweisen kann man aus reflektierten Gründen auf politischer und geschlechteranthropologischer Basis ablehnen und doch zugleich mit den Vertretern der Überzeugungen befreundet sein. Dazu ist allerdings ein hoher Reifegrad in der Personalität Voraussetzung. Man kann Menschen mit anderen Überzeugungen auch durch das eigene Vorbild für die eigene Lebensweise zu gewinnen versuchen. Die Spielregeln für ein Zusammenleben werden schließlich durch die Gastgeber, nicht durch die Gäste definiert. Wie können wir Bürger derart „beheimatet“ sein, dass wir unsere Heimat gastfreundlich öffnen und Fremde einladen, sich mit zu beheimaten? Das ist möglich, wenn wir unsere Heimat – gerade auch unsere religiöse Werte-Heimat – verstehen und schätzen, um sie daher schützen zu können. Schützen können wir sie aber weder dadurch, dass wir uns abgrenzen, noch dadurch, dass wir anderen etwas aufoktroyieren, sondern allein dadurch, dass wir andere gemäß „unserer heimatlicher Spielregeln“ (d. h. der Menschenrechte und darüber hinaus positiv christlicher Sitten und Gebräuche) daran teilhaben lassen. Bei all den Unterschieden, um die es im Folgenden gehen wird, ist die offene und freundschaftliche Haltung in der persönlichen Begegnung mit Muslimen wichtig; eine Haltung der Liebe gegenüber Fremden und der Barmherzigkeit gegenüber Notleidenden, die unsere Hilfe brauchen. Obwohl Christen und Muslime gemeinsam an Gott, den Schöpfer des Universums, an den Gesetzgeber und Richter glauben, haben die beiden Religionen allerdings unterschiedliche Bilder von Gott. Diese Gottesbilder wiederum prägen unterschiedliche Menschenbilder aus und führen zu Lebenswelten, die sich stark unterscheiden. Oft sind wir daher enttäuscht voneinander, weil wir erwarten, dass der andere aufgrund des gemeinsamen Glaubenshintergrundes exakt so reagieren müsste wie ich selbst. Aber wir müssen die Realität der unterschiedlichen Lebenswelten und Gottes-Bilder sehen, damit wir nicht mit falschen Erwartungen in den Dialog eintreten. Unterschiedlichkeit in den Gottesbildern heißt allerdings nicht, dass wir nicht zusammen leben und arbeiten können. Die Differenz der Glaubenswelten von Christen und Muslimen möchte ich anhand eines Romans der Gegenwart erläutern, der inzwischen auch auf Deutschlands Bühnen (Hamburg, Berlin) Einzug hielt: Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung7 spielt mit der Angst vor einer Islamisierung Europas.

7 Köln 2015.

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Es geht um die Werte Europas und den Wettstreit von christlicher und muslimischer Religiosität. Zwischen den fiktiven Personen und Aussagen des Romans, den realen Interview-Meinungen des Autors, Nachrichten-Meldungen der Gegenwart und religiösen Quellen des Islam und des Christentums werde ich im Folgenden hin und her springen, die Sprünge habe ich aber m. E. sorgfältig gekennzeichnet.

4. „Prophet“ unserer Zeit? Houellebecqs Roman Unterwerfung über die Islamisierung Frankreichs Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung8 ist eine negative Utopie (Dystopie) bzw. „politische Fiktion“ über die Islamisierung Frankreichs im Jahr 2022 und den Untergang des christlichen Abendlands. „Unterwerfung“ – oder auch „Ergebung“ ist übrigens die Übersetzung für den arabischen Begriff „Islam“.9 Der Roman erschien genau an dem Tag, als Islamisten einen Anschlag auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo verübten, am 7.1.2015. Natürlich ist das ein Zufall, wenn auch ein denkwürdiger. Das Attentat war ein Versuch, die französische Gesellschaft mit Gewalt und Schrecken islamistischen Spielregeln zu unterwerfen – wenig später auch durch den Angriff auf den jüdischen Supermarkt und den der Hacker auf den französischen Fernsehsender „TV5 monde“. Die Attentäter brachten mit ihrem Ausruf „Allahu akbar – Allah ist am größten“ ihr islamisches Gottesverständnis mit Morden zum Ausdruck, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Das Freiheitsverständnis (Freiheit der Meinungsäußerung) sollte verwirrt werden. Psychologisches Ziel solcher Attentate ist es, Menschen unserer europäischen Gesellschaft dazu zu bringen, dem „Islam“, den es natürlich nicht in einheitlicher Konstitution gibt, – dem Propheten Mohammed oder dem Koran – keine Kritik entgegen zu bringen, die als Beleidigung und Ehrverletzung angesehen wird, damit uns nicht Ähnliches passiere. In Houellebecqs Roman dagegen erfolgt die Islamisierung Frankreichs „politisch vernünftig“: Zunächst gibt es zwar ebenfalls einige kleine radikalislamische Anschläge und die europäische Bevölkerung fühlt sich durch eine

8 Köln 2015. 9 Zwar wird heute von Islamwissenschaftlern auch der Begriff „Hingabe“ als Übersetzung gewählt, er erweist sich allerdings aus religionsphilosophischer Perspektive als falsch gewählt, wie später gezeigt wird. Immer wieder wird auch der Begriff „Frieden“ als Übersetzung von „Islam“ (Wurzel: s-l-m) angesprochen, hält sprachwissenschaftlichen Untersuchungen allerdings nicht stand. Vgl. https://www.orientdienst.de/muslime/minikurs/islam-was-bedeutet-dieses-wort/.

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Invasion von Muslimen bedroht. Als Abwehr formiert sich im Roman ein rechtsextremistischer militärisch-operierender Nationalismus, die Bewegung der „Identitären“. Um einen Rechts-Ruck zu verhindern und die Gefahr eines neuen Nationalsozialismus abzuwehren, wählen die liberalen Franzosen der bürgerlichen Mitte 2022 eine islamische Regierung unter einem moderat-islamischen Präsidenten. Am 13. November 2015 ereignete sich dann in Paris der zweite sechsfache Anschlag „im Namen des Islam“ mit über 130 Toten, und es erfolgte – tatsächlich – ein deutlicher Rechtsruck in Frankreich anlässlich der Regionalwahlen. Manchen mag Houellebecq daher als „Frankreichs Prophet“10 oder auch als „Orakel“11 erscheinen. Houellebecqs Roman ist keineswegs anti-islamisch, sondern im Gegenteil Islam-freundlich. Der Autor selbst sympathisiert mit dem Glauben an einen Schöpfer-Gott, allerdings ohne Erlöser Jesus Christus, dessen Funktion er so wenig verstehe wie die Muslime12. 2002 war der Autor noch von muslimischen Verbänden vor Gericht angeklagt, weil er „ihre dumme Religion“ verachtet habe. Mittlerweile zeigt Houellebecq deutlich seine Sympathie: er habe den Koran gelesen und er habe ihm gefallen.13 Houellbecq hält den Inhalt seines Romans ganz nüchtern für „eine Beschleunigung der Geschichte“: „Ich verdichte eine Entwicklung, die meiner Meinung nach im Bereich des Wahrscheinlichen liegt.“14 Houellebecq jongliert mit Ängsten, die er in der Bevölkerung wahrnimmt, Ängsten vor Rechtsradikalismus ebenso wie vor Islamismus, und damit treffen die Sorgen nicht nur der Pegida-Bewegung hier auf fiktionalen Grund. Die realen Ängste werden allerdings nicht erst von Houellebecq provoziert, sondern er findet sie bereits vor und deutet die Zeichen der Zeit. In diesem Sinne können wir ihn zu Recht als einen „säkularen Propheten“ bezeichnen: „Ich suche nicht die Provokation, ich mache meine Arbeit: Widersprüche aufdecken, Schwachstellen in der Gesellschaft finden, den Finger auf die Wunde legen

10 Möller, Barbara, Die Welt, 25.2.2015. http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article137802536/ Houellebecq-ist-Frankreichs-Prophet.html. 11 Maus, Stephan, „Das Lumpen-Orakel Ein bewegtes Treffen mit Michel Houellebecq, dem Schriftsteller der Stunde“, in: Stern 6 (29.1.2015), 103–106. 12 Leik, Romain, „Ich weiß nichts“, in: Der Spiegel 10/2015, 28.2.2015. http://www.spiegel.de/ spiegel/print/d-132040413.html. 13 Radisch, Iris, in: Zeit online, 23.1.2015. http://www.zeit.de/2015/04/michel-houellebecq-unterwerfung-charlie-hebdo-frankreich-radikalisierung. 14 Simons, Stephan, „Michel Houellebecqs Vision: Wenn sich Frankreich dem Islam unterwirft“, in: Spiegel online, 6.1.2015. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/michel-houellebecqs-unterwerfung-frankreich-unter-dem-islam-a-1011332.html.

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und kräftig zudrücken.“15 Und es tut weh, diese Zusammenhänge zu hören. Auch der Vertreter des „Euro“-Islam, der emeritierte Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi (1944 in Damaskus geboren), sagt uns seit Jahrzehnten nüchtern eine Islamisierung Europas voraus, in der wir politisch und gesellschaftlich nur wählen könnten, ob es eher ein „Euro“-Islam oder ein „Scharia“-Islam werden würde: Unter „Euro“-Islam versteht Tibi eine europäische (gegenüber nahöstliche oder afrikanische) Form des Islam, mit Anerkennung der Werte der Aufklärung wie Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit und mit alleinigem Bezug auf die fünf Säulen des Islam: Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten, Wallfahrt. Unter „Scharia“-Islam versteht er eine Form des traditionellen Islam, der die Geschlechtertrennung aufgrund der „Unreinheit“ der Frau einschließt ebenso wie die militärische Gewaltanwendung gegen Ungläubige, militärische Ausbreitung, islamische Rechtsprechung und politische Staatsform.16 Nach 25 Jahren verabschiedete sich Bassam Tibi nun im Juni 2016 von seiner Vision eines „Euro-Islam“: der „Kopftuch“-Islam habe seines Erachtens gesiegt.17

5. Hingabe an den Gott der Liebe – Unterwerfung unter den Gott der Barmherzigkeit Die schmerzende „Wunde“ unserer europäischen Gesellschaft legt Houellebecq in seinem Roman frei, indem er den Protagonisten François – den Franzosen schlechthin – alles verlieren lässt, was ihn in ein soziales Netzwerk in losester Form noch eingebunden hätte; von „Halt geben“ kann gar nicht die Rede sein: Seine jüdische Freundin, seine Arbeitsstelle an der Pariser Universität Sorbonne, seine Eltern. Allein und ohne Rück-Bindung – ohne religio – wird er sein nacktes „Ich“ schließlich dem islamischen Glaubens- und Wertesystem unterwerfen. Der Gestus der Unter-werfung wird im Roman zum einen auf die Übersetzung des arabischen Begriffs islam, zum anderen allerdings auch auf die sexuelle Unter-werfung der Frau unter den Mann verwendet. Dieser Gestus scheint uns im freiheitsliebenden aufgeklärten Europa zunächst völlig fern zu liegen. Wenn ich allerdings an den Erfolg des SadoMaso-Films 50 Shades of Grey im Jahr 2015 denke, in dem sich Anastasia dem sexuellen Missbrauch und den Perversionen Christians freiwillig unterwirft,

15 Der Spiegel, 10/2015, vgl. Anm. 12. 16 Tibi, Bassam, Euro-Islam. Die Lösung eines Zivilisationskonfliktes, Darmstadt 2009, 128-131. 17 Tibi, Bassam, „Warum ich kapituliere“, in: Cicero. Magazin für politische Kultur 6 (2016) 115-119.

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dann bin ich mir unsicher.18 Dieser unvermutete Zusammenhang mit dem Thema der Sexualität erscheint aus der Perspektive religiöser Praxis – was also Gebet, Almosengeben, Fasten usw. betrifft – wenig nachvollziehbar zu sein, soll aber im Folgenden erläutert werden. In seinem provozierenden Roman fällt mir als Religionsphilosophin und gläubiger Christin zudem auf, wie wenig Houellebecq den Kern des Christentums kennt und versteht. Für eine ganze Generation von religionsdistanzierten europäischen Intellektuellen scheint der christliche Glaube inzwischen ferner zu liegen als der islamische. Die Unkenntnis über die Grundlagen des christlichen Glaubens stammt zum einen sicher aus Negativ-Erlebnissen mit „Kirche“19, so dass man aufgrund schlechter Zeugen nicht mehr bis zum Kern des Christentums vordringen konnte. Zum anderen stammt die Unkenntnis aus dem Vorurteil, die „Kriminalgeschichte“20 sei die einzige Perspektive, aus der man auf das Christentum blicken könne. Aus dieser inzwischen selbstverständlichen säkularen Haltung unserer Zeitgenossen heraus – gestützt durch Wissenschafts-Gläubigkeit, unverbindlichen Relativismus und ein materialistisches Leben in der Komfort-Zone – kommen intellektuelle Europäer immer weniger auf die Idee, Jesus Christus und das Neue Testament als Quellen für unsere Werte von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit zu befragen. Wir können diese Perspektive aber zurück gewinnen und daraus neue Kraft von unseren Wurzeln her für Europa erlangen. Dazu hilft es, einen Vergleich anzustellen, wie sich die religiöse Grunderfahrung von Christen von der unserer muslimischen Mitbürger unterscheidet. Mit dieser Perspektive ist es leichter, ein Zusammenleben mit klaren Regeln zur Integration zu führen, anstatt Parallelwelten zu akzeptieren, die leicht zu Auseinandersetzungen führen können. Während man im Christentum von „Hingabe“ an den Gott der Liebe spricht, ist die Grundhaltung der Muslime die „Unterwerfung“ oder „Ergebung“ unter den Gott der Barmherzigkeit. Diese Begriffe scheinen sich so nah zu sein, dass man meinen könnte, sie seien austauschbar. Schließlich hat Papst Franziskus I. für das Jahr 2016 ein „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen.21 Zudem

18 Die Autorin des Buches Fifty Shades of Grey wurde vom TIME-Magazin unter die 100 einflussreichsten Personen der Welt gewählt. 19 „Kirche“ hat in Vergangenheit und Gegenwart durch einzelne Personen und als System Einzelne und Gruppen entmündigt und unterdrückt, in einem Missverständnis der Botschaft Christi – das soll hier nicht verschwiegen werden. 20 Deschner, Karlheinz, Kriminalgeschichte des Christentums, 10 Bde., Reinbek bei Hamburg 1986-2013. 21 Vgl. dazu den aufschlussreichen Band von Kardinal Kasper, Walter, Barmherzigkeit. Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens, Freiburg i. Br. 2012.

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