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Reinhard Steffen

Eintritt

ins Leben Anregungen zum Gespräch Mit einem Inter view von Hanno Rauterberg

GGE thema

Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche


Impressum Reinhard Steffen Eintritt ins Leben (GGE thema) Anregungen zum Gespräch 1. Auflage 2007 © Geistliche Gemeinde-Erneuerung D-20095 Hamburg, Speersort 10 ISBN 978-3-9812055-0-3 Verantwortlich für diese Ausgabe: Katja Lehmann, Philomena Wagner Satz und Gestaltung: Michael Winterseel, Rotraud Schmara, Katja Lehmann Druck: WinterDruck, Herrnhut


Inhalt Vorwort (Friedrich Aschoff) ........................................................................5 Gott traut uns die Freiheit zu (Hanno Rauterberg) ....................................7 Ein Gespräch mit Reinhard Steffen 1

Gott lädt ein – aber niemand wird gezwungen ..................................19 Gott lädt ein ..............................................................................................21 Fundament des Lebens ..............................................................................27 Das Geschenk des Glaubens ......................................................................31

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Jesus heilt Kranke – aus Gnade gerettet .............................................35 Herr, wenn Du willst, kannst du! ..............................................................37 Glaube, der gesund macht .........................................................................41 Gottes Herrschaft durchbricht Grenzen .....................................................45

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Gottes Liebe in unserer Wirklichkeit ..................................................49 Ein Hohelied auf die Liebe ........................................................................51 Die Herausforderung der Liebe ..................................................................55 Gottes Chancen ergreifen ..........................................................................59 Jesus und die Sünderin ..............................................................................63 Den alten Menschen ablegen ....................................................................67

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Meine Zeit in seiner Hand ...................................................................73 Alles hat seine Zeit ....................................................................................75

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Der Heilige Geist – Gott wirkt auch heute ..........................................81 Die Dreieinigkeit Gottes begreifen ............................................................83 Brot, das vom Himmel kommt ...................................................................87 In das Lob Gottes einstimmen ...................................................................93 Vertrauen lernen .......................................................................................97 Ein Gott der Geduld und des Trostes ....................................................... 101

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Was rettet die Welt? Was rettet die Menschheit? ..............................107 Die Realität des Bösen .............................................................................109 Der Weg in die Freiheit – Eintritt in ein neues Leben ............................. 115 Gottes Ziele im Blick behalten ................................................................. 119 Gottes Rettungsgeschichte ......................................................................123 Ein Buch mit sieben Siegeln .....................................................................129 Aus allen Nationen, Völkern und Sprachen…...........................................133 Der gekreuzigte Jesus allein .................................................................... 137

Anhang Verzeichnis der Bibelstellen ....................................................................142 Danksagung ............................................................................................143

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Vorwort In 24 Predigten entfaltet Reinhard Steffen die Aufforderung Jesu an seine Jünger, ihre Berufung zum ewigen Leben zu ergreifen. Jesu Zusage: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Johannes 14, 19) will beherzigt und ergriffen werden. Die Basis unseres Christseins ist eine Lebensbeziehung zum auferstandenen Herrn. In seiner erfrischenden, klaren und überzeugenden Art konfrontiert uns der Autor hier mit den Grundfragen unseres Lebens. Mit Beispielen aus dem Alltag, die uns vertraut sind, holt er uns ab, um uns die Botschaft des Evangeliums verständlich zu machen. Dabei bringt er die Kernaussagen der Bibeltexte geschickt auf den Punkt. In sechs Themenkreisen wird der Leser in die Geschichte Gottes mit den Menschen eingeführt. Die einzelnen Kapitel berichten davon, dass die Gnade Jesu Christi in der Kraft des Heiligen Geistes erfahrbar ist. Sie führt uns näher zur Liebe Gottes, des Vaters. So klingt immer wieder das Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes an. Was mich neben der theologischen Klarheit der Predigten an diesem Buch besonders beeindruckt, sind die vielfältigen Erfahrungen eines Pastors, der sich vom Heiligen Geist leiten lässt. Reinhard Steffen gibt uns hier Anteil an seinem reichen Erfahrungsschatz. So kann man das Buch nicht nur zur geistlichen Erbauung lesen, sondern sich auch von den praktischen, alltagsnahen Erfahrungen inspirieren lassen. Man kann mit den Texten auch in Hauskreisen und anderen Kleingruppen arbeiten. Jede der Predigten ist dabei eine Einheit in sich selbst und enthält am Ende einige Fragen als Anleitung für weitere Gespräche. Dieses Buch macht Mut, weitere Schritte im Glauben zu gehen und das Leben mit Jesus zu wagen. Ich wünsche den Lesern, dass sie sich nicht nur geistlich anregen lassen, sondern dass sie eintreten in das Leben, zu dem wir von Gott berufen sind. Friedrich Aschoff

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„Gott traut uns die Freiheit zu“ Ein Gespräch mit Reinhard Steffen

In einer Predigt haben Sie einmal gesagt, dass der Glaube an Gott gelegentlich eine „Zumutung für jeden denkenden Menschen“ sein könne. Was ist denn für Sie die größte Zumutung? Wenn Sie den christlichen Glauben mit der Esoterik und manchen Weichspülreligionen vergleichen, wird der Unterschied sehr schnell deutlich. Den Esoterikern mit ihrem magischen Geraune und den Räucherstäbchen geht es ja vor allem ums Wohlfühlen. Der Mensch soll irgendwie an etwas Höheres glauben, auch wenn ihm nicht gesagt wird, was dieses Höhere eigentlich sei. Für uns Christen ist das nicht so einfach. Für uns gibt es eine viel höhere Verbindlichkeit, unser Gott verlangt eine Entscheidung, und er hat uns Texte gegeben, an denen wir uns reiben können und müssen. Auch wenn das manchmal eine Zumutung ist. Was ist so wichtig an der Reibung, an der Auseinandersetzung? Sie ist wichtig, um zu klären, was uns Christen ausmacht. Was ist mit unserem Glauben vereinbar und was nicht? Diese Fragen wurden in unserer Kirche lange vernachlässigt, erst langsam beginnt man wieder zu verstehen, dass doch nicht alle Religionen an dasselbe glauben. Zum Beispiel glauben wir an den Dreieinigen Gott, das tut kein Moslem. Ähnliches gilt auch für das Judentum. In vielem kann man sich verständigen, nur in der Frage, wer nun eigentlich Jesus ist, da geht es fundamental auseinander. Da wird kein konfessioneller Jude anerkennen, dass Jesus der Messias ist. Und wenn Jesus sagt, ich muss den Weg des Leidens gehen bis zum Kreuz, dann ist das für einen Moslem völlig unverständlich. Auch ein Gnostiker vermag nicht zu denken, dass eine Gottheit leiden kann. Gibt es denn für Sie Texte, an denen Sie sich besonders reiben? Als ich noch Gemeindepastor war, habe ich fast immer die für den jeweiligen Sonntag vorgeschlagenen Predigttexte gewählt. Das hat den Vorteil, dass man nicht immer über seine Lieblingstexte und -gedanken redet, was eine Gefahr ist, sondern sich auch Texten aussetzt, mit denen man vielleicht auf den ersten Blick nicht soviel anfangen kann oder die uns heute nur schwer zugänglich sind. Zum Beispiel das Gebot, seine Feinde zu lieben. Wohl kaum jemand würde von sich sagen, ja, ich habe Feinde. Keiner würde es zugeben. GGE-Thema – Eintritt ins Leben

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Haben Sie denn Feinde? Ich bin ja pensioniert, da ist man raus aus den Gefechtszonen. Aber während meiner aktiven Zeit gab es schon Leute – nicht Feinde, aber Gegner –, die mich und meine Arbeit ablehnten und mich bekämpften. Innerhalb der Kirche? Ja, innerhalb der Kirche haben mich manche abgelehnt. Was brachte die Leute auf? Wir boten und bieten ja in der Marktkirche in Hamburg-Poppenbüttel nicht nur die üblichen Sonntagsgottesdienste an. Es gibt auch viele Hauskreise, in denen sich die Gemeindemitglieder einmal in der Woche mit Bibeltexten beschäftigen, es gibt Lobpreisgottesdienste und es gibt Glaubenskurse. Und das ist ein Grund für Ablehnung? Vielen Kollegen war es unheimlich, dass meine Kollegin Barbara Hanzig und ich daran interessiert waren und sind, möglichst viele Menschen zu gewinnen, die ihr Leben auf Jesus ausrichten. Manche fürchten offenbar, dass sie es auch so halten müssten. Vielleicht fühlen sie sich auch von unserem Erfolg bedroht. Aber worin besteht die Bedrohung? Vielleicht liegt es daran, dass wir unbefangener mit dem Gedanken der Mission umgehen. Für viele in der Evangelischen Kirche ist ja Mission weiterhin ein Schimpfwort. Behauptet wird, man wolle die Menschen zu etwas zwingen, das sie nicht wollen. Auch fürchten manche, die Kirchenmitglieder würden fundamentalistisch oder biblizistisch oder sonst irgendetwas werden. Das halte ich für Unsinn. Sie fürchten sich nicht vor Mission? Nein. Ich glaube, das hat etwas mit meinem Elternhaus zu tun. Mein Vater war Pastor in Eilbek, es war für ihn ganz selbstverständlich, dass er um die Menschen geworben hat. Und ich habe es auch selbst bald erfahren, dass es ohne Mission nicht geht, schon in meiner ersten Gemeinde, in der St. Martinus-Kirche in Hamburg-Eppendorf. Dort gibt es gleich neben der Kirche ein riesiges Quartier mit Stiftswohnungen, in denen lauter ältere Menschen wohnen. Wenn Leute qua Alter fromm würden, dann hätten wir jeden Sonntag vier Gottesdienste abhalten müssen, das war aber nicht so. Dass Leute von sich aus oder per Zufall irgendeine Beziehung 8

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zu Gott aufbauen, ist eben extrem selten. Die Kirche muss Angebote entwickeln, die ihnen entsprechen und die ihnen überhaupt erst eine Entscheidung für den Glauben ermöglichen. Da sind die Grundkurse eine große Hilfe. Und der gewöhnliche Gottesdienst reicht nicht? Der ist doch auch eine Art Glaubenskurs? Vor 30 Jahren mag das noch richtig gewesen sein. Da waren Gottesdienste noch eine Attraktion, die für sich stehen konnte, heute aber ist das anders. Um ein Beispiel zu nennen: Es gibt in Stuttgart eine Gemeinde, da sind jeden Sonntag 2000 Menschen im Gottesdienst. Meine Frau und ich sind dort hingefahren, weil wir gerne wissen wollten, wie es dazu kommt. Die Predigt war auch sehr ordentlich, aber es gab keinen Starprediger oder sonst irgendetwas Spektakuläres, das den Erfolg hätte erklären können – einfach eine milde Pfingstkirche, also ohne Vaterunser und Segen, was mir immer fehlt bei solchen Kirchen. Bei näherem Nachfragen erfuhr ich dann: Der Erfolg gründet nicht im Gottesdienst, sondern in einem Riesensystem von rund 50 Hauskreisen. Das zeigt: Es braucht einen Unterbau, in dem die Gemeindemitglieder eine Beziehung untereinander und zu Gott aufbauen können, und diese Beziehung spiegelt sich dann im Gottesdienst. Geht es also in dem Streit, den Sie mit manchen Kollegen haben, gar nicht so sehr um theologische Fragen, sondern eher um die richtigen Gemeindestrukturen? Eine Strukturfrage hängt ja nicht in der Luft, sondern verkörpert auch bestimmte Überzeugungen. Dazu gehört, dass ein Pastor in den Hauskreisen möglichst vielen Leuten möglichst viel Raum gibt, sodass sie sich ihren Gaben entsprechend entfalten können. Das wollen viele nicht, das ist ihnen zu riskant. Als Pastor haben sie ja die Hauskreise, vor allem wenn es viele sind, nicht im Griff. Eine Angst vor Kontrollverlust? Ja, natürlich. Mir ging das aber nicht so, vielleicht weil ich das Prinzip schon aus der Gemeinde meines Vaters kannte. Dort gab es fünf, sechs Kleinkreise für Jugendliche, in denen trafen wir uns einmal im Monat. So fiel es mir nicht schwer, mich auf das System der Hauskreise einzulassen. Die Anregung kam aus der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung, der GGE. Und es fiel Ihnen nicht schwer, diese Anregung aufzugreifen? Naja, das ist so eine Neugier. Lass uns mal gucken, lass uns mal ausprobieren, auch wenn man manches dann wieder verwirft. Warum sich nicht einlassen auf etwas Unbekanntes? Ich glaube, meiner Kollegin bin ich damit manchmal schwer auf die GGE-Thema – Eintritt ins Leben

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Nerven gegangen (lacht). Wenn ich mal wieder auf einem Kongress war, bin ich häufig mit irgendeinem neuen Gemeindekonzept zurückgekommen. Wir haben das dann nicht immer eins zu eins umgesetzt, aber manche Erneuerung ging doch davon aus. Ist das nicht widersprüchlich? Am Anfang unseres Gesprächs sagten Sie, es ginge ihnen stark um Klärung, darum, das Spezifische des christlichen Glaubens herauszuarbeiten. Nun betonen Sie, wie wichtig das Experimentieren sei, und Sie plädieren dafür, dass sich die Gemeinden für das Unerprobte öffnen. Wie passt das zusammen – Grenzbestimmung und Selbsterneuerung? Vielleicht kann das eine nur durch das andere gelingen. Nur wenn ich als Christ weiß, wer ich bin und was meinen Glauben ausmacht, kann ich mich für Wagnisse offen halten und mich auch auf Dinge einlassen, die andere erst einmal ablehnen würden. War das für Sie von Beginn an so? Das hat sich entwickelt. Ich bin 1970 ordiniert worden, dann war ich ein dreiviertel Jahr in Nairobi und dann für zehn Jahre in der Eppendorfer Gemeinde, schließlich für rund 25 Jahre in Poppenbüttel. Vieles hat sich erst nach und nach ergeben. So war ich 1978 auf einer kleinen Tagung in Harburg, es gab dort kluge Vorträge von Theologieprofessoren und an den Abenden Gottesdienste. Da hieß es, man könne sich auch persönlich segnen lassen. Das war mir neu. Gesegnet wurde bei Trauungen, Konfirmationen, aber für einen selber, das war ungewöhnlich. Nun bin ich ein wenig scheu und konnte mir das erst nicht so gut vorstellen, im Beisein aller vorzutreten, mich zu exponieren. Doch gegen Ende des Gottesdienstes hieß es, nun sollten nur die bleiben, die am Segen interessiert wären, das war mir dann sehr angenehm. Das war für mich eine Entdeckung, eine neue Erfahrung. Sie haben dann in Poppenbüttel sehr viele Menschen dafür gewonnen, sich ebenfalls auf diese und andere Entdeckungen einzulassen. Durch die Glaubenskurse und Hauskreise war und ist dort das Gemeindeleben sehr rege, viele hundert Menschen kommen zu den Gottesdiensten. Haben Sie den Eindruck, dieser Erfolg zieht Kreise? Im Rahmen der GGE haben sich zwar immer einige Pastoren mit ähnlicher Ausrichtung getroffen und ausgetauscht. Und auch jetzt treffen sich einige jüngere Pastoren, um weiter über alternative Formen des Glaubenslebens nachzudenken. Ansonsten, muss ich leider sagen, ist das Interesse nur sehr gering. Zum Beispiel die Glaubenskurse – ich kann mich nicht erinnern, dass jemals irgendein Pastor im Pfarrkonvent gefragt hätte, was wir da eigentlich machen und was 10

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dabei herauskommt. Sie empfinden es eher als eine Hinterfragung ihrer eigenen Systematik, fast als einen Angriff. Und die Kirchenleitung? Die könnte solche Modelle doch fördern. Die diskutiert lieber über die Zusammenlegung von Gemeinden und Landeskirchen, über die Zahl der Bischöfe und ähnliche Strukturfragen. Unsere Kirchenoberen verstehen halt unter Gemeinde normalerweise die Mitgliederkartei. Ob jemals jemand von diesen Kartei-Menschen in der Kirche auftaucht, ist egal, die Kartei ist wichtig. Während für mich die Frage wäre, ob sich dort Leute treffen, ob sie dort miteinander leben. Das würden die Kirchenoberen wohl auch so sagen. Die Realität ist aber eine andere. Viele Kirchen stehen leer, manche sollen sogar geschlossen werden, und trotzdem ist bislang fast alles beim Alten. Neulich war ich hier in der Umgebung – meine Frau und ich sind nach der Pensionierung nach Schiffbek gezogen – in der Kirche. Es war ein Abendmahlgottesdienst, doch außer mir war nur noch ein weiterer Besucher gekommen. Manchmal kommt sogar gar keiner. Ich wäre dafür, so eine Kirche zu schließen – oder sie in eine Missionsstation zu verwandeln. Alles andere ist absurd. Angesichts dieser schwierigen Lage der Kirche – würden Sie sich heute abermals für den Beruf des Pastors entscheiden? Das ist schwierig zu sagen. Ich wusste ja lange Zeit gar nicht, dass ich Pastor werden wollte. Wir sind sechs Kinder in unserer Familie, und die Gemeinde mit ihren verschiedenen Gruppen und Treffs war für mich wie ein warmer Strom, in dem man gut mit schwimmen konnte. Bis zum Abitur dachte ich, vielleicht wäre auch Lehrer ein guter Beruf. Naja, dann wurde mir aber klar: Als Lehrer hast du nur mit Schülern zu tun, als Arzt nur mit Kranken. Als Pastor hingegen mit allen möglichen Menschen in ganz unterschiedlichen Lagen, das schien mir sehr attraktiv zu sein. Und das wäre wohl heute auch noch so. Und war für Sie das Theologie-Studium ein Schock? (lacht) Ja, das sagen ja manche – dass die Theologie einen vom Glauben entfremdet. Ich habe aber auch Professoren erlebt, die ihre Vorlesung mit einer kurzen Andacht begannen, die also ihre eigene praxis pietatis gefunden hatten und sich nicht genierten, ihren Glauben auch zu zeigen. Ich habe in Hamburg studiert, später ein Semester in Tübingen, zwei in Erlangen, an einer Fakultät, die eine Menge der Bibel stehen lässt. Vor allem Walter Künneth war für mich wichtig, der in der Bekennenden Kirche eine wichtige Rolle gespielt hatte, bei ihm habe ich auch GGE-Thema – Eintritt ins Leben

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promoviert, wenngleich er mit meinem Thema nicht soviel anfangen konnte. Ich habe mich mit dem Theologen Albrecht Ritschl beschäftigt, dem Vater der Liberalen, und mit dem, was er über Kirche dachte. Auch damals haben Sie schon die Strukturfragen umgetrieben? Wir haben viel über die lutherischen Bekenntnisschriften nachgedacht, darüber also, was das Kirchenverständnis Luthers ausmacht. Verkürzt gesagt, ist für ihn Kirche dort, wo das Evangelium verkündet wird und die Sakramente angemessen verwaltet werden. Die Kirche daran zu messen, fand ich ungeheuer interessant, und finde das auch heute noch. Was ist daran so interessant? In dem Moment, in dem Sie sagen: Sakramente und Verkündigung sind die Mitte, da hat das natürlich auch Auswirkungen. Die ganzen sozialen Dimensionen treten dann in den Hintergrund, und das Soziale war ja gerade in den sechziger und siebziger Jahren die einzige Existenzberechtigung für Kirche. Sie waren kein 68er? Nein, wirklich nicht. Ich habe natürlich Marx und Lenin gelesen, das gehörte damals einfach dazu. In meiner Gemeinde in Eppendorf gab es sogar emsige Bemühungen des Kirchenvorstands, dass wir mit der DKP ein Jugendzentrum betreiben. Heute fasst sich da jeder an den Kopf, das war damals aber ein sehr ernstes Thema. Es gab viele, die dachten, Marxismus sei so etwas wie Christentum in Vollendung. Mir war aber klar, dass die Menschenbilder nicht kompatibel sind. Der Sozialismus glaubt an den guten Menschen, ich als Christ wäre eher skeptischer. Warum? Schauen Sie sich zum Beispiel an, was in Kriegszeiten passiert, wenn alle Anstandsregeln, alle Konventionen wegfallen: Dann zeigt sich der Hang des Menschen zum Bösen besonders offensichtlich. Aber den 68ern innerhalb der Kirche ging es doch auch darum, die Welt durch das Christentum zu verbessern. Was stört Sie daran? Im Prinzip nichts. Allerdings sind mir die Versuchungsgeschichten aus dem Neuen Testament immer sehr vor Augen. Dort stellt der Teufel Jesus auf die Probe, indem er die totale Weltveränderung verheißt: Alle werden satt, und die ganze Macht fällt Jesus zu, das ist sein Versprechen. Jesus aber sagt: Nicht mit mir. Er enttäuscht die Hoffnung des Menschen, mit Macht alles in Ordnung zu bekommen. Für Jesus 12

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gibt es keine Kompromisse. Er ist fest entschlossen: Nur sein Weg zum Tod kann die Welt verändern. Das kann man bestreiten, wenn man will, so ist aber seine Überzeugung. Aber was heißt diese Form der Weltveränderung konkret? Das heißt zum Beispiel, dass ich mir nicht vorstellen könnte, meine Predigten auf einer einsamen Insel zu halten, fern von Zeit und Raum. Ich finde es zentral, dass bei aller Begriffsklärung auch die täglichen Erfahrungen einfließen. Dass also der Glaube nichts Entrücktes ist, nichts, was auf eine höhere Sphäre beschränkt wäre. Ist das auch der Grund dafür, dass Sie in Ihren Predigten das Pathos, alles Salbungsvolle vermeiden? Sie sind ja bekannt für Ihre eilige, unprätentiöse Art des Vortrags. Ich weiß, das ärgert viele Leute. Ich empfinde das schnelle Sprechen auch eher als Manko. Doch stimmt es, dass ich das Pathetische vermeide. Es geht ja beim Predigen nicht um Gefühlsduselei. Ist Glauben nicht auch eine Frage des Gefühls? Sie dürfen nicht vergessen, ich komme aus Hamburg. Und als Hamburger trägt man seine Gefühle nicht in die breite Öffentlichkeit hinaus. Diese Gefühle sind aber in meinen Predigten durchaus da, eingewoben in Erfahrungen oder Erlebnisse, von denen ich erzähle. Außerdem macht die Predigt ja nur ein Sechstel des Gottesdienstes aus. Und gerade in den Liedern und Gebeten haben auch die Emotionen ihren Raum. Das heißt aber auch, dass in Ihren Predigen die offenen Fragen, die Zweifel eher selten sind. Da haben Sie Recht, Zweifel sind nicht mein erstes Thema. Woran liegt das? Vielleicht liegt das daran, dass für mich die Liebe Gottes, seine Barmherzigkeit und sein Wohlwollen mir so gegenwärtig sind, dass mir im Vergleich dazu vieles andere nicht so wichtig erscheint. Wie erfahren Sie diese Liebe? Ich empfinde zum Beispiel die Lebendigkeit der Poppenbüttler Gemeinde als ein GGE-Thema – Eintritt ins Leben

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großes Geschenk. Dass dort so viele Leute kommen, das haben ja nicht wir Pastoren bewirkt. Die Freiheit, mit der dort die Menschen eigene Projekte in die Hand nehmen, ihr Elan, ihr Mut, das sind schon Gnadenbeweise. Mir wird das immer klarer, je mehr Abstand ich zu meiner aktiven Zeit dort bekomme. Eigentlich waren wir gar nicht dankbar genug. Und gibt es keine Situationen des Zweifels, in denen Sie denken: Gott, wo bist Du? Wie kannst Du das zulassen? Doch, die gibt es natürlich. Vor ein paar Jahren zum Beispiel verunglückten in der Nähe vier Jugendliche bei einem Autounfall am Neujahrsmorgen, einen von ihnen hatte ich sogar konfirmiert. Es legte sich großes Entsetzen über den Stadtteil, Ratlosigkeit schaute mich an, jede Form von Deutung oder Erklärung wäre Unsinn gewesen. Ich weiß nicht, warum Gott das zulässt. Die Frage stellt sich, aber ich kann sie nicht beantworten. Und wahrscheinlich müssen wir, solange wir auf dieser Erde sind, solche Fragen aushalten. Das Leben geht nicht auf. Wir müssen damit rechnen, dass wir bestimmte Dinge nicht zuordnen, nicht erklären können. Wäre nicht auch der Zustand, in dem sich die Kirche hier in Deutschland befindet, ein Grund für Zweifel? Sicher hätte ich mir gewünscht, dass in mehr Gemeinden ein Aufbruch geschieht, mehr Hauskreise entstehen. Das ist nicht so gewesen, das fand ich enttäuschend, aber eher im Sinne von Trauer, nicht von Vorwürfen. Manche hatten ja sogar an eine bevorstehende Erweckung geglaubt, und meinten, wir müssten nur genug beten oder uns endlich mit den Juden versöhnen, dann würde die große Bekehrung beginnen. Das ist aber barer Unsinn. Es gibt keine Bedingungen, Erweckung ist ein Geschenk. Sie können dafür beten, mehr aber nicht. Manche glauben auch, dass Gott einen Plan habe für ihr Leben. Sie fragen: Was hat er mit mir vor, wie kann ich seinen Willen erkennen? Stellen Sie sich solche Fragen? Ich finde solche Fragen sehr schwierig. Gottes Willen zu erkennen, ist nicht so einfach. Gott spricht nach meiner Erfahrung nur selten klar und eindeutig. Es gibt natürlich Situation, die sind relativ eindeutig. Als wir zum Beispiel hier nach Schiffbek gezogen waren, haben uns die hiesigen Pastoren angeboten, die Lobpreisgottesdienste, die Glaubenskurse und Hauskreise zu übernehmen. Das haben meine Frau und ich gerne angenommen, und es durchaus als einen Wink Gottes verstanden. Meist aber ist die Lage sehr viel komplizierter. Einige Menschen sagen, sie erhielten Eindrücke und Bilder, in denen Gott ihnen etwas mitteilen möchte. 14

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Auch mit solchen Bildern muss man sehr vorsichtig umgehen. Ich finde, man sollte sie sich notieren und mit jemanden darüber reden, der ein wenig mehr Abstand hat. Haben Sie selber solche Bilder und Eindrücke? Im charismatischen Sinne fällt mir da im Moment nichts ein. Vor dem letzten Glaubenskurs, den ich hier abgehalten habe, hatte ich den Eindruck gehabt, da würden bestimmt 20 Leute kommen. Es kamen aber nur drei. Unsere Wahrnehmung Gottes ist eben immer nur eine menschliche Wahrnehmung. Und leicht folgen wir nur unseren eigenen Hoffnungen, unseren Lieblingsgedanken, die wir dann gerne Gott zuschreiben wollen. Vielleicht denken manche: Wenn Gott nicht zu mir spricht, wenn er sich mir nicht offenbart, wie kann ich dann an ihn glauben? Wie kann ich gewiss sein, dass es ihn überhaupt gibt? Dass es ihn gibt, finde ich nicht zweifelhaft. Was macht Sie so sicher? Das ist schwer zu beantworten. Es ist so ein Grundvertrauen in seine Gnade und Barmherzigkeit. Wir haben das in unserem Elternhaus mitbekommen, es ist eine Basis für alle Glaubensdinge. Wo die Verlässlichkeit der Eltern so groß ist, kann man sich auch die Verlässlichkeit Gottes gut vorstellen. Und wer solche Eltern nicht hat? Ich muss an die Geschichte denken, in der Johannes der Täufer im Gefängnis sitzt und Zweifel bekommt: Ist Jesus nun der Richtige oder nicht? Er schickt seine Leute und die fragen Jesus: Bist Du, der da kommen soll, der Retter, der Messias? Oder sollen wir auf einen anderen warten? Interessanterweise sagt Jesus weder ja noch nein, sondern er sagt: Guckt euch doch mal um, was hier passiert. Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündigt. Es sind genau die Formulierungen, die Jesaja im Alten Testament benutzt, um die Heilszeit zu beschreiben. Und noch heute lässt sich etwas davon erfahren, zum Beispiel im Heilungsgebet für Kranke. Inzwischen zweifele ich nicht daran, dass es solche Heilungen gibt. Inzwischen? Wir haben genug erlebt, um zu sagen: Das ist eine Realität. Natürlich, das klappt nicht immer, aber dass es Heilung durch Gebet gibt, davon bin ich überzeugt. Ich GGE-Thema – Eintritt ins Leben

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habe mir von vielen Leuten ihre Erfahrungen aufschreiben lassen und habe sie gesammelt. Manches würde ich heute wegschmeißen, weil es sich um vage Fälle handelt, die von der Interpretation des einzelnen abhängen. Andere Fälle sind so überzeugend, dass sie eine große Beweiskraft besitzen. Und was sind Ihre eigenen Erfahrungen? Sie meinen den Herzinfarkt vor einigen Jahren? Da war für mich das Herzensgebet der Russen sehr wichtig: Oh, Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner. Das wird im Takt des Ein- und Ausatmens gesprochen. Als ich von der Operation sehr geschwächt war, bekam dieses Gebet für mich seltsamerweise etwas ungeheuer Wichtiges. Es gibt ja so Zeiten, wo man das extrem Schlichte braucht, weil es zu mehr nicht mehr reicht. Hat Ihnen das Gebet über die Angst hinweg geholfen? Angst hatte ich gar keine (lacht). Ich hatte noch nie eine Operation nötig gehabt, deshalb war eher meine Neugier geweckt. Das klingt ein wenig komisch, aber die Operation hatte für mich etwas Spannendes. Sie hatten keine Angst zu sterben? Eigentlich nicht. (lacht) Der Tod stand mir nicht vor Augen, nicht als ernsthafte Bedrohung. Ich finde auch eher den Vorgang des Sterbens schwierig, dass man zuvor soviel regeln und vorbereiten muss. Sie wissen schon, die ganzen Erbschaftsfragen und ähnliche Dinge. Hingegen ist der Tod für mich kein Schrecken, ich stelle mir vor, dass Jesus mich erwartet, dass er mich auf der anderen Seite in Empfang nimmt. Letztlich also, dass die Beziehung bestehen bleibt. Es gibt keinen Bruch? Nein, es ist eher so wie bei einem Kind, das nach Hause kommt und Sie nehmen es in Empfang – das ist kein technischer Vorgang. Mir gefällt das biblische Bild des Leibes Christi, zu dem alle gehören, die an ihn glauben. Zu diesem Leib gehören für mich nicht nur die, die hier auf Erden leben, sondern auch alle anderen. Das Dabeisein, das Dazugehören, das bleibt auch nach dem Tode. Es ist also nur die Frage, wie man dahin kommt. Und wie kommt man dahin? Man wird angenommen aus purer Gnade, nicht aus irgendwelchen Leistungsgründen, nicht weil man ein besonders frommes Leben geführt hat. Das ist nun mal elementarste lutherische Dogmatik, und die finde ich ungemein gut und befreiend. 16

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Wir können uns die Ewigkeit nicht erarbeiten und auch sonst niemanden erlösen. Das ist sehr entlastend. Kann das nicht auch in Unverbindlichkeit umkippen? Wenn alles nur eine Gnadenfrage ist, warum sollte sich der Mensch dann um eine Beziehung zu Jesus bemühen? Sicher, das ist ein Risiko. Man könnte auch sagen: Gott traut uns diese Freiheit zu. Und viele verlieren sich in dieser Freiheit oder missbrauchen sie. Doch wer einmal die Liebe Gottes und seine Barmherzigkeit erfahren hat, der bleibt nicht gleichgültig. Es gibt eine Gegenreaktion, ein Gefühl des Staunens, auch der Überraschung. Und wo man staunt und dankbar ist, da löst sich auch die Unverbindlichkeit auf. Worüber können Sie staunen? Darüber, dass meine Frau und ich so glücklich und gut zusammenleben können. Dass wir gut versorgt sind, miteinander Seminare abhalten können. Vielleicht staune ich manchmal auch darüber, so dankbar sein zu können. Staunen Sie auch über sich selbst? Nein (lacht). Eigentlich nicht.

Die Fragen stellte Hanno Rauterberg

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Gott lädt ein – aber niemand wird gezwungen Jesus benutzt seine Gleichnisse dazu, um seinen Zuhörern – und heute den Lesern – nahe zu bringen, wie Gott ist. Fast immer ist er in einer Gestalt der Geschichte deutlich erkennbar. Einmal kann man Gott in einem großzügigen Gastgeber wiedererkennen. Erstaunlich undifferenziert werden die Gäste zum Fest eingeladen, ohne Rücksicht auf die soziale Einordnung. Und doch steht es wie selbstverständlich jedem frei, die Einladung anzunehmen. Wer andere Prioritäten setzt, erfährt, dass sein Wille geachtet wird. Niemand wird überredet oder überlistet oder unter Druck gesetzt. Die persönliche Willensentscheidung des einzelnen Menschen hat offenbar einen sehr hohen Stellenwert, bis hin zur Frage: Habe ich es nötig, der Einladung Gottes zu folgen? Habe ich seine vergebende Liebe nötig? Brauche ich für mein Leben nicht ganz andere Fundamente? Gott achtet die menschliche Entscheidung. Allerdings: Es hat Folgen, wie jemand seine Prioritäten setzt. Das wird niemand – auch bei wenig Lebenserfahrung – überraschen. Und die Gleichnisse Jesu sind manchmal von bedrückender Eindeutigkeit: Wer sich ausschließt, ist wirklich ausgeschlossen. Es gibt nicht wenig Menschen, die es schwer haben, sich beschenken zu lassen ohne eine Gegenleistung einzubringen. Sie befürchten – ausgesprochen oder nicht –, dass sie sich damit verpflichten. Sie befürchten Abhängigkeiten und unerträgliche Unterordnung, wenn sie nichts zurück geben und „wieder gut machen“. Wer so denkt und empfindet, hat es oft schwer, sich von Gott mit seiner Gnade beschenken zu lassen. Ihm wäre lieber, wenn jeder etwas einbringt, um so im Zusammenwirken – sozusagen kooperativ, jeder mit seinem guten Willen – eine gute Lösung zu finden. Aber Jesus stellt uns Gott anders vor Augen – als den liebevollen, schenkenden Vater. Er lädt ein, aber die Antwort gibt jeder für sich.

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Gott lädt ein Jesus sagte zu ihm: Ein Mann veranstaltete ein großes Festmahl und lud viele dazu ein. Als das Fest beginnen sollte, schickte er seinen Diener und ließ den Gästen, die er eingeladen hatte, sagen: Kommt, es steht alles bereit! Aber einer nach dem anderen ließ sich entschuldigen. Der erste ließ ihm sagen: Ich habe einen Acker gekauft und muss jetzt gehen und ihn besichtigen. Bitte, entschuldige mich! Ein anderer sagte: Ich habe fünf Ochsengespanne gekauft und bin auf dem Weg, sie mir genauer anzusehen. Bitte, entschuldige mich! Wieder ein anderer sagte: Ich habe geheiratet und kann deshalb nicht kommen. Der Diener kehrte zurück und berichtete alles seinem Herrn. Da wurde der Herr zornig und sagte zu seinem Diener: Geh schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen herbei. Bald darauf meldete der Diener: Herr, dein Auftrag ist ausgeführt, aber es ist immer noch Platz. Da sagte der Herr zu dem Diener: Dann geh auf die Landstraßen und vor die Stadt hinaus und nötige die Leute zu kommen, damit mein Haus voll wird. Das aber sage ich euch: Keiner von denen, die eingeladen waren, wird an meinem Mahl teilnehmen. Lukas 14, 16-24 Ein großes Fest ist arrangiert. Man kann Gott in dem großzügigen Gastgeber wiedererkennen, von dem hier berichtet wird. Dieser Gastgeber möchte etwas Besonderes, etwas Wichtiges, mitteilen. Alles, wie es sich nach Form und Stil gehört, ist vorbereitet. Als der Termin näher rückt, schickt der Hausherr nochmals seinen Diener aus, um die geladenen Gäste an das Fest zu erinnern. Das war eine besondere Höflichkeit, wie sie in vornehmer Gesellschaft in Jerusalem üblich war. Das Gastmahl, das hier vorbereitet war, bestand nicht nur aus einem kalten Buffet, sondern der Tisch war elegant gedeckt, Silberleuchter gaben einen festlichen Glanz auf dem Damast-Tischtuch. Zahlreiche Gänge sollten gereicht werden, jeder Gast würde aufmerksam und umsichtig bedient werden. Feste solchen Ausmaßes stehen im Neuen Testament häufig für die Ewigkeit Gottes. Sie sind ein Bild für die himmlische Gegenwart Gottes. Jesus will uns mit diesem Gleichnis die Großzügigkeit Gottes verdeutlichen; alles ist reichlich vorhanden, nichts kleinlich abgezählt. Glanz, Freude und spannende Erwartung durchziehen die Festvorbereitungen. Dazu lädt dieser generöse Gastgeber also ein. Deswegen sind die Diener unterwegs, um uns zu erinnern: Ihr seid eingeladen, wir sind miteinander verabredet. Kommt, das Fest soll beginnen. Und alle sagen ab. Aber: Wen hat der Gastgeber eigentlich eingeladen? Was sind das für Leute? Wir haben gelesen: „…und er lud viele dazu ein.“ Viele lädt Gott ein, lässt sie einladen. Die Frage drängt sich auf: Sind Sie oder ich auch dabei? Warum sollte GGE-Thema – Eintritt ins Leben

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Gott uns einladen? Aus welchem Grund sollte Gott Sie oder mich in seine Ewigkeit aufnehmen? Ganz kindlich gefragt: Warum sollten gerade wir in seinen Himmel kommen? Warum ist er an uns interessiert, warum sollte er gerade uns in den Blick nehmen? Es lohnt sich, sich dieser Frage zu stellen. Gibt es irgendeinen Grund, warum Gott mich nach meinem Tode bei sich zu diesem Festmahl aufnehmen sollte? Wir könnten jetzt versuchen, unser Leben nach den guten Taten – sozusagen nach den Pluspunkten – durchzuforsten. Einiges wird uns schon einfallen, das in unserem Leben gelungen ist. Freundschaften und Liebe, die wir gelebt haben. Spannungen, die wir mit Geduld ertrugen; wo wir zum Frieden beigetragen haben, vielleicht in Geschäftsangelegenheiten. Es werden uns kleine Dinge des Alltags einfallen, Freundlichkeiten, die das Leben für uns und andere leichter gemacht haben. Ja, und deshalb sollten wir uns also den Himmel verdient haben? Deshalb sollte Gott uns einladen? Sie werden sich und das Leben gut genug kennen, um nicht auch die andere Seite der Rechnung in den Blick zu nehmen. Was habe ich auf der Minusseite stehen? Was ist mit den Situationen, wo das Ego, die Disziplinlosigkeit und die eigenen Interessen überhand genommen haben? All die Male, wo mich hinterher die Anklage überfiel: Was hast du da bloß gesagt? Wenn wir uns daran machen, alles aufzurechnen, werden wir, je länger wir rechnen, immer schlechtere Karten haben. Wenn wir konsequent sind, können wir am Schluss nur feststellen: Aus meiner Situation heraus habe ich nichts zu erwarten. Mag sein, dass es andere Leute gibt, die tatsächlich auf der Liste stehen, aber meinen Namen werde ich da nicht finden. Aber unsere Geschichte geht weiter: Der Gastgeber sorgt dafür, dass nach den Absagen der Ersteingeladenen noch die anderen geladen werden. Offenbar die Nichtsesshaften, die von den Plätzen und Gassen, die Armen und Verkrüppelten, Blinde und Lahme. Leute, die möglicherweise bei uns durch die Sozialhilfe fallen würden. Leute, die weder im Aussehen noch im Verhalten geeignet sind für ein solches Fest. Eindeutig, dass diese Menschen, wenn sie anfangen würden, ihr Leben aufzurechnen, noch weniger Anrecht auf einen Platz an der Tafel hätten. Und trotzdem werden die Diener geschickt, sie einzuladen. Was unterscheidet sie von den ersten Gästen? Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass sie alle der Einladung folgen. Und warum lädt Gott sie ein? Weil noch Platz ist, weil alle Vorbereitungen schon getroffen sind? Vielleicht auch… Aber das wäre zu oberflächlich für ein Gleichnis. Es 22

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