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Lorenz Reithmeier (Hrsg.)

Religiöser Missbrauch Ursachen – Auswirkungen – Heilung

GGE praxis Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche


Impressum Lorenz Reithmeier (Hrsg.) Religiöser Missbrauch Ursachen, Auswirkungen, Heilung (GGE praxis) 1. Auflage 2006 © Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche D-20095 Hamburg, Speersort 10 ISBN 3-9808340-8-5 Verantwortlich für diese Ausgabe: Katja Lehmann, Lorenz Reithmeier, Reinhard Fritsche Satz und Gestaltung: 11gen Design, Friedberg Druck: WinterDruck, Herrnhut


Inhalt

Vorwort ................................................................................................................ 6 Lorenz Reithmeier Was ist religiöser Missbrauch? .............................................................................9 Ein Fallbeispiel Einführung und Grundlagen ............................................................................... 15 Sonja Stark Die Gemeinde als geistliches System ................................................................. 61 Manfred Schmidt Missbrauch oder Übertragung? Wenn Leiter zu Opfern werden ......................... 85 Ursula Schmidt Opfer und Täter des Missbrauchs: Persönlichkeitsbildung in der frühkindlichen Entwicklung ................................ 95 Erwin Scharrer Religiöser Missbrauch in der Kindererziehung .................................................. 105 Jutta Franke Wie gehe ich mit Betroffenen in der Gemeinde um? ......................................... 113 Markus Hoffmann Literaturhinweise .............................................................................................. 138 Über die Autoren .............................................................................................. 140 Adressen und Hilfsangebote ............................................................................. 142


Es gibt nichts, was mein Gott nicht verändern kann. Es gibt keine Situation, die Gott nicht zum Guten wenden kann. Manchmal ist es schwierig, daran zu glauben. Vor vielen Jahren hätte ich auch nicht daran geglaubt. Und doch habe ich etwas ganz tief in mir gehabt, das hat mich immer angetrieben – dieses Wissen: Mein Gott wird es schaffen.

Ein Betroffener


GGE Praxis : Religiöser Missbrauch – Ursachen – Auswirkungen – Heilung

Vorwort Das Thema „religiöser Missbrauch“ hat viele Facetten. Es geht um „Gemeinden, die verletzen“, „Leiter, die religiösen Missbrauch ausüben“ oder „Machtmissbrauch“ und andere Unterthemen. Diese Problematik öffentlich in Seminaren und Publikationen zu behandeln, macht vielen Christen Angst. Andere sind dankbar, dass die Wahrheit endlich ans Licht kommt und Unterdrückung und Manipulation aufgedeckt werden. Wir haben uns für die Herausgabe dieses Buches entschieden, weil die Autoren selbst durch religiösen Missbrauch viel Not und Leid erfahren haben und weil sie damit nicht alleine sind. Das Wort Gottes und Jesus Christus selbst zeigen eine Wahrheit jenseits des Missbrauches auf und darüber hinaus Wege der Heilung. Dies wollen wir mit diesem Buch betonen. Die Realität des Missbrauchs betrifft alle kirchlichen Frömmigkeitsrichtungen wie Liberale, Evangelikale, Pfingstler und Charismatiker; Zweifler wie Fundamentalisten – oder wie man sie auch immer nennen mag. Letztendlich geht es dabei oft um die Frage der Macht und des Machtmissbrauchs in unseren Gemeinden und Kirchen. Dem steht das Evangelium diametral gegenüber: „Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen.“ (Ps 133,1) „Wenn es also Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen, dann macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“ (Phil 2,1-4) „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie auch ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13,14-15)


Vorwort

„Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern die hatten alles gemeinsam.“ (Apg 4,32) Die Thematik des religiösen Missbrauchs ist für viele noch ein relativ junges Thema. Dabei hat schon Dietrich Bonhoeffer dieses Problem beim Namen genannt – auch vor dem Hintergrund des Machtmissbrauches durch die Nazis. In diesem Jahr feiern wir in Deutschland das Bonhoeffer-Jahr. Deswegen möchte ich ihn durch einige Passagen aus seinem Buch Gemeinsames Leben sprechen lassen: „In der geistlichen Gemeinschaft regiert allein das Wort Gottes, in der seelischen Gemeinschaft regiert neben dem Wort noch der mit besonderen Kräften, Erfahrungen, suggestiv-magischen Anlagen ausgestattete Mensch. Dort bindet allein Gottes Wort, hier binden außerdem noch Menschen an sich selbst.“ „Unzählige Male ist eine ganze christliche Gemeinschaft daran zerbrochen, dass sie aus einem Wunschbild heraus lebte. ... Das ist die Probe ... auf eine rechte christliche Gemeinschaft. Hat die Gemeinschaft dazu gedient, den einzelnen frei, stark und mündig zu machen, oder hat sie ihn unselbständig und abhängig gemacht?“ „Die geistliche Vertrauensfrage, die mit der Autoritätsfrage in so engem Zusammenhang steht, entscheidet sich an der Treue, mit der einer im Dienst Jesu Christi steht, niemals aber an den außerordentlichen Gaben, über die er verfügt.“ In diesem Sinne wünsche ich uns geistliche Wachsamkeit gegenüber jeglicher Form des Machtmissbrauchs. Sei er nun religiöser oder sonstiger Art. Ganz besonders danken möchte ich Sonja Stark, Manfred und Ursula Schmidt, Erwin Scharrer, Jutta Franke und Markus Hoffmann für ihre Bereitschaft, ihre Erfahrungen und Gedanken in dieses Buch einfließen zu lassen. Außerdem möchte ich Katja Lehmann für ihr Engagement bei der Bearbeitung der Texte und der Fertigstellung des Buches danken.

Lorenz Reithmeier


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Was ist religiöser Missbrauch?

Was ist religiöser Missbrauch? Ein Fallbeispiel Ich bin jemand, der Täter gewesen ist. Und jemand, der Opfer von einem System gewesen ist. Erst war ich in einer missionarischen Arbeit engagiert, die ziemlich heftige Strukturen hatte und teilweise extreme Lehrmeinungen vertrat. Ich bin aufgrund des Drucks und dessen, was in diesem Missionswerk schief gelaufen ist, weggegangen – und nach kurzer Zeit in das nächste Abenteuer reingestolpert: in einen Aufbruch unter Jugendlichen, der sich nach einiger Zeit ebenfalls zu einem missbrauchenden System entwickelt hat. Kennzeichnend für so ein System ist, dass die Mitglieder der Gruppe eine engere Beziehung untereinander haben als zur Außenwelt. Die Gruppe entwickelt spezifische Ordnungen und Abgrenzungen in ihrem Beziehungssystem, die, wenn sie gesund ausbalanciert werden, wichtig und richtig sind. Es können aber auch ungesunde Ausdrucks- und Verhaltensformen entstehen, wie in unserem Fall. Hier ist meine Geschichte: Das Interessante bei Gemeinden und Gruppierungen, die sich formieren und eine bestimmte Prägung annehmen, ist schon ihre Entstehungsgeschichte. Wir hatten eine klassische Entstehungsgeschichte. Wir waren ein Jugendaufbruch von jungen Erwachsenen, von Teenagern, innerhalb einer bestehenden Arbeit, die sehr evangelikal geprägt war. Wir haben für uns den Glauben entdeckt. Und wenn man Jesus entdeckt, ist man begeistert – besonders als Teenager. Da hat man so eine Dynamik in sich, da gehen einem, auch im positiven Sinne, alle Pferde durch. Wir haben eine Unbefangenheit gehabt und mit dieser Unbefangenheit haben wir eine Überzeugung entwickelt, dass mit uns als Gruppe das Wahre begonnen hat. Mit uns hat in der Kirchengeschichte die entscheidende Wende begonnen. Also, das Mittelalter, das war ja wirklich tiefschwarz, aber bis zu uns war alles genauso schwarz! Wir waren wer und wir waren immens wichtig. Und so ganz beiläufig gesagt, in manchen Aspekten waren wir wirklich wichtig.


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Wir hatten tatsächlich etwas bekommen, was einmalig war. Nur die Art, wie wir damit umgegangen sind, war sehr unreif. Wir hatten einen sehr charismatischen und überzeugenden Leiter, der zugleich auch der Gründer unserer Gemeinschaft war. Wir sind diesem Mann bedingungslos gefolgt. Theologisch haben wir uns innerhalb des Shepherding Movement bewegt. Das war eine Jüngerschaftsbewegung, die Anfang der 80er Jahre sehr extreme Züge angenommen hat. Im Rahmen dieser Bewegung wurde klar definiert, was und wie ein Nachfolger Jesu ist, was er zu tun und zu lassen hat. Und rein äußerlich gesehen lief es die ersten fünf Jahre wirklich gut. Wir hatten Erfolg, und wer Erfolg hat, der macht zwangsläufig das Richtige – das dachten wir jedenfalls. Irgendwann, zuerst ganz nebenbei, veränderte sich das Beziehungsgefüge. Es entstand ein System der psychischen und geistlichen Gefangenschaft. Die Strukturen wurden mehr und mehr kontrollierend. Auch unsere theologischen Lehrmeinungen wurden zunehmend extremer. Die genannten Fehlentwicklungen beruhten auf Überzeugungen und geistlichen Wirklichkeitskonstruktionen von Menschen, die unreif waren. Aber wir haben uns diese Unreife damals nicht zugestanden. Wir waren sehr stolz und hatten eine überzogene Selbsteinschätzung und ein klares Absolutheitsdenken: Das, was wir sagen, ist richtig! Nur wir waren im Besitz der endgültigen Wahrheiten und Erkenntnisse! Die Konsequenzen Gehorsam war legitimes Mittel geistlicher Leitung. Wir hatten eine elitäre Denkstruktur und waren sehr darauf fixiert, etwas für Gott zu tun. Daraus entstand eine Art Werkgerechtigkeit. Die Liebe für Jesus sollte in nachhaltigem und intensivem Arbeiten für Gott sichtbar werden. Diese Werkgerechtigkeit war immer mit einem Appell an die Hingabe verbunden. Nur an dem Grad der Hingabe konnte man sehen, wie ernst es jemand meinte. Das Verlassen der Gruppe wurde damals fast gleichgesetzt mit dem Verlust des Glaubens – und das ist klassisch. Du kannst nur richtig glauben, du kannst nur richtig Jesus nachfolgen, du kannst nur ein wirklich erfülltes, hingegebenes Leben führen, wenn du hier bei uns bist! Es entwickelte sich ein System von ungesunder Autonomie und Abgrenzung. Unsere Gemeinschaft war praktisch wie ein operativ geschlossenes System, in das man hineintreten durfte bzw. sollte, es aber nur sehr schwer wieder verlassen konnte. Und

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Was ist religiöser Missbrauch?

die, die das System dennoch verließen, wurden dabei sehr verletzt. Es gab keine Möglichkeit, dieses System „von außen“ zu korrigieren. Es ist auch von Anfang an ein starkes Hierarchiedenken aufgebaut worden, ein Streben nach Leiterschaft und somit auch nach Position im System. Nur wer in Leiterschaft war und eine Position hatte, hatte einen Wert in der Gemeinschaft. „Liebesentzug“ war legitimes Erziehungsmittel. Kritik war nur in eine Richtung erlaubt, und zwar von der Leiterschaft aus. Seelsorge kam innerhalb unserer Gemeinschaft einem überwachenden System gleich. Es war zwingend notwendig, dass jeder irgendwo in Seelsorge war. Und Seelsorger waren die Leiter. Damit waren die Leiter immer informiert, was im Leben der Einzelnen passierte. Kommunikation war gesteuert – und zwar immer von oben nach unten. So ist dann auch eine Atmosphäre der Angst entstanden – der Angst vor Fehlern. Ein anderer wesentlicher Aspekt war uneingeschränkte Unterordnung. Was ich, oder was wir im Nachhinein sehr stark gemerkt haben, ist, dass sich ein System entwickelt hatte, das Menschen unmündig gehalten hat. Wir sind dann immer mehr auf eine Krise zumarschiert. Menschen durchliefen uns als Gemeinschaft und wurden verletzt, verließen die Gemeinschaft und wurden als Abtrünnige gebrandmarkt. Es ist dann mehr und mehr zu einem Generationskonflikt gekommen – und zwar erstmal zwischen dem Gründer unserer Gemeinschaft und seinen engsten Mitarbeitern, die das System mitgeprägt haben. Mit der Zeit verstanden sie immer mehr, dass irgendwas falsch lief. Sie fingen an, selbst unter dem System zu leiden. Die Wende Gottes Wende war unser Zusammenbruch. Der damalige Hauptleiter hielt den Druck innerhalb der Gruppe nicht mehr aus und ging. Das war für uns erstmal das Ende. Wir konnten nicht einfach so weitermachen wie vorher. Wir waren immer noch 60-70 junge Leute und wir mussten uns jetzt den Konflikten und den Fehlentwicklungen stellen. Wir haben glücklicherweise nicht resigniert, sondern wir haben versucht, die Situation konstruktiv anzugehen. Der erste Schritt dahin war das Eingeständnis: Wir schaffen es nicht alleine, wir brauchen Hilfe. Wir durchbrachen unsere Abgeschlossenheit und suchten außerhalb der Gemeinschaft Hilfe und Ergänzung. So haben wir angefangen, einen internen wie auch externen Beraterkreis um uns zu sammeln. Wir sind aus dieser destruktiven Dynamik des Systems, aus dieser negativen Beziehungsdynamik heraus getreten auf eine Art Meta-Ebene,

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und haben uns die Situation von außen angeschaut. Ein anderer Schlüssel war für uns das Gebet. Gebet bedeutet, den Mut aufzubringen, Gott wieder zu vertrauen. Wenn man Menschen nicht mehr vertrauen kann, dann ist es umso wichtiger, dass man wieder lernt, Gott zu vertrauen – dass Gott es gut machen wird. Und dann sind wir einen Schritt weitergegangen, und der mag für den einen oder anderen, der das hier liest, herausfordernd klingen. Wir entschieden uns, uns unserer Schuld zu stellen. Ja, wir waren Opfer eines Systems, aber ein missbrauchendes System kann nur zu einem solchen System werden, soweit ich es auch zu meinem System werden lasse. Ich war mitverantwortlich für das, was geschehen ist, weil ich es mit zugelassen hatte. Die Leiter haben das Gute gewollt und das Schlechte gemacht. Wir als Gruppe haben auch das Gute gewollt – und wir haben das Schlechte an uns zugelassen. Auf dem Weg der Heilung haben wir ein neues Verständnis von Gnade, Erlösung und Freiheit entwickelt. Ein anderer, ganz wichtiger Bereich war das Thema Eigenverantwortung. Nicht die Leiter oder sonst irgendjemand anderes tragen Verantwortung für mich und mein Leben, sondern ich bin mit meinem Leben vor Gott selbst verantwortlich. Niemand wird mir diese Verantwortung abnehmen. Eigenverantwortung ist ein Recht, ein Privileg und das hat Gott mir zugesprochen. Es gehört zu meiner Ebenbildlichkeit, es gehört zu dieser Würde, die ich von Gott habe, dass ich Verantwortung tragen darf für mein Leben. Wir mussten uns neu die Fähigkeit aneignen, Kritik zu ertragen, Kritik wahrzunehmen und Kritik anzunehmen. Wir haben lernen dürfen, Vertrauen neu zu wagen – Vertrauen in Gott, aber auch Vertrauen im zwischenmenschlichen Miteinander. Ein ganz wichtiger Punkt für uns war, dass wir das „Priestertum aller Gläubigen“ für uns in Anspruch genommen haben und gesagt haben: Wir alle sind die Gemeinde. Wir gemeinsam sind Gottes Gemeinde. Der Weg aus der Krise Wir haben dann ein paar sehr praktische Schritte vollzogen. Wir waren uns einig, dass wir nach Monaten der Aufarbeitung einen Schlusspunkt unter die Vergangenheit setzen mussten. Um diesen Schlusspunkt zu demonstrieren haben wir einen Bußgottesdienst gefeiert. Wir haben uns eine geistlich reife Person als Zeuge dazu geholt und haben gesagt: Wir wollen gemeinsam umkehren. Wir wollen die Dinge auch vor

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Was ist religiöser Missbrauch?

Gott beim Namen nennen. Wir sind auf jeden Einzelnen zugegangen, der die Gemeinde verlassen hat und der verbannt, verbrannt und verletzt war – das waren damals so um die 120-150 Menschen und haben uns persönlich bei ihnen entschuldigt. Das war für uns ein gewaltiger Schritt. Zu sehen, was wir verursacht hatten, zu sehen, wie viel Not und wie viel Schmerzen wir zugefügt hatten, das war sehr schmerzhaft. Und manche von denen, die verletzt wurden, schaffen es bis heute nicht in irgendeinen Gottesdienst zu gehen, sich irgendwelchen geistlichen Autoritäten auszusetzen. Leiterschaft innerhalb einer Gemeinde wahrzunehmen ist eine Gradwanderung, ist keine leichte Aufgabe. Man lebt immer wieder in der Gefahr die Führungsverantwortung, die einem zugewiesen wird, nicht so wahrzunehmen wie man sie wahrnehmen soll. Im Rückblick auf die elf Jahre, die seit unserem Zusammenbruch vergangen sind, muss ich aus meiner Sicht sagen, dass ich in verschiedenen Situationen meine eigene Leitungsverantwortung nicht immer gut wahrgenommen habe. Ich habe Fehler gemacht. Ich habe Fehler Menschen gegenüber gemacht, innerhalb und außerhalb der Gemeinde, ich habe mich ihnen gegenüber versündigt, habe meine Autorität und meine Verantwortung, die ich von Gott bekommen habe, nicht immer in der Art und Weise wahrgenommen, wie ich sie hätte wahrnehmen sollen. Das Gute ist, dass ich umkehren durfte und darf. Das habe ich aus der Krise gelernt. Ich darf auch als Leiter umkehren. Ich darf Schuld bekennen. Ich darf sagen: Ja, ich habe etwas falsch gemacht. Fehler zu begehen ist schmerzhaft und unangenehm. Aber dieser Weg der Umkehr und Buße ist mir immer offen geblieben. Dieser Weg hat mit nie geschadet, sondern ich bin charakterlich wie auch menschlich daran gereift und in der Gnade Gottes gewachsen. Und dafür bin ich meinem Gott sehr dankbar. Ein Betroffener

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Einführung und Grundlagen

Einführung und Grundlagen Sonja Stark

1. Was ist religiöser Missbrauch? In den letzten Jahren bin ich sehr vielen Menschen begegnet, die aufgrund von Erfahrungen mit Missbrauchscharakter ihre Gemeinden verlassen haben. Das vorhergehende Fallbeispiel zeigt symptomatisch, wie es dazu kommen kann. Was sind das für „schlechte Erfahrungen“, die Christen dazu bringen, ihre Gemeinden zu verlassen? Handelt es sich dabei nur um „normale“ Verletzungen, oder um mehr? Jeder Christ kann in Gemeinden und christlichen Organisationen Verletzungen erleben. Leider gehört es für jeden von uns zum Leben dazu, dass wir verletzt werden oder anderen Verletzungen zufügen können. Geschieht dies aber in einem religiösen Rahmen kann das für die Betroffenen zerstörerische Auswirkungen haben, wie das Fallbeispiel gezeigt hat. Oft dauert es Jahre, solche Erfahrungen aufzuarbeiten. Der Ausdruck „religiöser“ Missbrauch ist kein neues Schlagwort. Bereits vor mehr als zehn Jahren wurde das Thema in einigen Büchern zur Sprache gebracht. Allerdings gibt es bis heute viele Gemeinden, die sich der Problematik des religiösen Missbrauchs verweigern. Das Thema führt immer noch zu Missverständnissen. Die meisten Menschen können sich nur schwer vorstellen, dass religiöser Missbrauch eine zerstörerische Wirkung haben kann. Viele Jahre lang war ich selbst der Meinung, dass sexueller Missbrauch doch sehr viel verletzender sei als der religiöse Missbrauch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dies nicht unbedingt der Fall ist. Das „Besondere“ am religiösen Missbrauch ist, dass dieser oft „im Namen Gottes“ geschieht und somit die Gottesbeziehung stark negativ beeinflussen kann. Religiöser Missbrauch ist oft an negative Erfahrungen mit falsch verstandener geistlicher Autorität verbunden. „Geistliche Machtmenschen“ üben auf zerstörerische Art Kontrolle über die Menschen aus, die ihnen anvertraut sind.

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Sie missbrauchen ihre Macht. Und Macht wird immer dann zerstörerisch, wenn sie mehr für sich beansprucht als ihr zusteht und versucht, diesen Anspruch durchzusetzen. Es ist mir ein großes Anliegen, hier eine ausgeglichene Lehre zu vermitteln. Es sollte an dieser Stelle betont werden, dass religiöser Missbrauch meistens nicht vorsätzlich geschieht. Oft werden solche Menschen Täter oder Opfer von religiösem Missbrauch, die etwas besonders Großes und Exklusives für Gott tun wollen. Auch liegen meistens tiefere Defizite in der Persönlichkeit von Betroffenen hinter dem missbrauchenden Verhalten. Opfer von religiösem Missbrauch haben oft schon in der Kindheit mit Manipulation und Grenzüberschreitungen Erfahrung gemacht. Täter dagegen werden zu Missbrauchern, um Unsicherheit in menschlichen Beziehungen zu kompensieren. Darauf werden wir später noch näher eingehen. Nur wenn Leiter bereit sind, anderen gegenüber Rechenschaft abzulegen, an sich selbst zu arbeiten und Gottes Gnade immer wieder für sich in Anspruch zu nehmen, kann religiösem Missbrauch effektiv vorgebeugt werden. Ziel dieses Arbeitsheftes ist es, die Problematik des religiösen Missbrauchs in Gemeinden verstärkt zu einem Gesprächsthema zu machen. Wir möchten Betroffenen Hilfestellung geben und praktische Ratschläge für den Umgang mit religiösem Missbrauch vermitteln. Gottes Herz schlägt für Menschen, die Zerbruch erlebt haben: „Er ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“ (Ps 34,17) Er sieht, wie manche seiner Schafe ungeschützt und verloren ohne Hirten herumirren. Diese Menschen fühlen sich oft wie ein Boot ohne Ruder, das im Sturm herumgewirbelt wird. Die Enttäuschung und Verletzungen sitzen oft so tief, dass Betroffene nichts mehr mit Gott oder mit Gemeinden zu tun haben wollen. Heilung von religiösem Missbrauch kann daher auch als ein Versöhnungsdienst an Gemeinden verstanden werden.

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Einführung und Grundlagen

2. Definitionen des religiösen Missbrauchs Susanne ist 40 Jahre alt. Seit über 20 Jahren sind sie und ihr Mann in einer Gemeinde aktiv und gehören zum Leitungsteam. Susanne wird seit Jahren von ihrem Mann sowohl körperlich als auch emotional missbraucht. Da sie den letzten körperlichen Angriff nun knapp überlebte, hat sie ihren Mann wegen Körperverletzung bei der Polizei angezeigt. Die Gemeindeleitung ist informiert, stellt sich aber hinter den Ehemann. Die Gemeindeleitung erklärt, dass sie davon ausgehen, dass beide Ehepartner Ehebruch begangen haben. Dies ist aber keineswegs der Fall. Der Ehemann ist weiterhin als Lobpreisleiter in der Gemeinde aktiv. Susanne darf allerdings nicht mehr am Abendmahl teilnehmen und verlässt daraufhin die Gemeinde. Dies ist nur eins von vielen Beispielen, wie sich religiöser Missbrauch auswirken kann. Anstatt das Opfer zu schützen, wird religiöse Macht missbraucht, um die Wahrheit zu verdrehen. Das Ergebnis ist, dass die Frau tief verletzt die Gemeinde verlässt. Wie schon erwähnt, geht es hier hauptsächlich um den Missbrauch von Macht. In unserem Falle geschieht dieser Missbrauch in einem geistlichen bzw. religiösen Kontext. Es gibt einige Definitionen für religiösen Missbrauch, die man der auf Deutsch erhältlichen Literatur entnehmen kann. An dieser Stelle möchte ich zwei Definitionen vorstellen: 1. Ken Blue (Geistlichen Missbrauch heilen, Brunnen, 1997) Missbrauch, gleich welcher Art, liegt vor, wenn ein Mensch Macht über einen anderen Menschen hat und diese Macht so missbraucht, dass der andere verletzt wird. Und geistlicher Missbrauch liegt dann vor, wenn eine Leiterpersönlichkeit, die geistliche Autorität über einen anderen hat, diese Autorität benutzt, um Druck oder Zwang auszuüben, und damit dem ihm Untergebenen geistliche Wunden zufügt. Geistlicher Missbrauch unterscheidet sich von anderen Arten des Missbrauchs auch darin, dass er selten mit der Absicht zu verletzen verübt wird.

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2. David Johnson und Jeff VanVonderen (Geistlicher Missbrauch. Die zerstörerische Kraft der frommen Gewalt, Projektion J, 1996) Geistlicher Missbrauch ist der falsche Umgang mit einem Menschen, der Hilfe, Unterstützung oder geistliche Stärkung braucht, mit dem Ergebnis, dass dieser betreffende Mensch in seinem geistlichen Leben geschwächt und behindert wird. Geistlicher Missbrauch kann geschehen, wenn eine führende Persönlichkeit seine oder ihre geistliche Stellung dazu benutzt, einen anderen Menschen zu kontrollieren oder zu dominieren. Dazu gehört auch, dass die Gefühle und Meinungen eines anderen missachtet werden, ohne dass sich der Betreffende Gedanken darüber macht, welche Auswirkungen dies auf das Leben, die Gefühlswelt oder das geistliche Wohlergehen des anderen hat. So angewendet wird Macht dazu missbraucht, die Stellung oder Bedürfnisse dieser führenden Persönlichkeit zu bestätigen.

3. Was sagt die Bibel zu diesem Thema? „Sowohl das Alte als auch das Neue Testament warnen uns vor falschen Propheten und geistlichen Systemen, die neben dem Tod Jesu am Kreuz religiöses Verhalten fordern, um von Gott angenommen zu werden. Uns allen wird aufgetragen, geistlich wachsam zu sein.“ (Geistlicher Missbrauch, Projektion J, 1996) Religiöser Missbrauch ist nichts Neues. Auch zu Jesu Zeiten hat es dieses Phänomen schon gegeben. Hier einige biblische Beispiele aus dem Neuen Testament: Matthäus 23,4 „Sie binden aber schwere und kaum erträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf

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Einführung und Grundlagen

die Schultern; sie selbst aber wollen sie nicht mit einem Finger berühren.“ (Schlachter) Matthäus 23,13 „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein, aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen.“ (Einheitsübersetzung) Matthäus 23,27 „Weh euch ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen, innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.“ (Einheitsübersetzung) Jesus benutzt hier eine sehr direkte Sprache. Er warnte die Menschen nicht vor dem damaligen „Abschaum“ der Gesellschaft (Prostituierte, Steuereintreiber), sondern vor den Menschen, die „schwere Bürden binden und auf die Schultern der Menschen legen“, eben den Schriftgelehrten und Pharisäern. Die Pharisäer haben mit ihren Lehren oft ein falsches Gottesbild vermittelt. Ken Blue beschreibt die Pharisäer in seinem Buch Geistlichen Missbrauch heilen (Brunnen, 1997) auf folgende Weise: „Sie stellen Gott als gesetzlichen Richter dar, der diejenigen favorisiert, die seine religiösen Regeln einhalten und die verachtet, die dies nicht tun. Moderne Prediger, die Gottes Annahme einer Person von religiöser Leistung abhängig machen, sind die heutigen Pharisäer.“

4. Wo findet religiöser Missbrauch statt? Religiöser Missbrauch kann in vielen religiösen Zusammenhängen stattfinden. In der Seelsorge, der Kindererziehung, in Gemeinden, Organisationen oder Bibelschulen. Sie kann sowohl durch Einzelne ausgeübt werden, wie auch durch religiöse Systeme. Nachfolgend werden einige Kennzeichen von missbrauchenden Systemen näher beschrieben. Wird religiöser Missbrauch durch Einzelne verübt, agieren die Täter meistens nicht allein oder isoliert, sondern sind oft Teil eines

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größeren Systems, das den Missbrauch unterstützt. Deswegen soll hier der Schwerpunkt auf dem missbrauchenden System liegen.

4.1 Das missbrauchende System Religiöser Missbrauch ist oft schwer zu erkennen, da es unterschiedlich starke Missbrauchsstrukturen in Gemeinden (missbrauchendes System) geben kann und man diese nicht in schwarz-weiße Kategorien einordnen kann. Vieles wäre einfacher, wenn es einen „Messstab“ für religiösen Missbrauch geben würde. Nachstehend werden einige Eigenschaften aufgezählt, die oft in Gemeinden mit Missbrauchsstrukturen vorhanden sind. Starke Abhängigkeitsbeziehungen Menschen geraten durch Gemeindesysteme in Abhängigkeit zu anderen Menschen in Leitungsfunktionen. Sie übernehmen Verhalten, Werte und Glaubensüberzeugungen der Leiter, ohne diese zu hinterfragen. Die Lehren der Gemeinde werden als die Wahrheit verinnerlicht, da sie als absolut hingestellt werden. Oft können diese Menschen keine Entscheidungen mehr alleine treffen, da die Gemeindeleitung in allen Dingen von ihnen Rechenschaft fordert. Wenn Gemeindeglieder sich darauf nicht einlassen, kann das für sie negative Konsequenzen haben und ggf. zum Ausschluss aus der Gemeinde führen. Die Mitglieder werden die Gemeindeleiter nicht nur bei finanziellen Fragen, sondern auch bei Fragen der Partnerwahl, Berufsentscheidungen und vielen anderen mehr um ihre Meinung und ggf. um Erlaubnis bitten. Systeme, in denen Missbrauch geschieht, basieren oft auf unausgesprochenen Verhaltensregeln, die selbstverständlich für jeden gelten. Im schlimmsten Fall kann das ganze Privatleben eines Gemeindemitgliedes von der Leiterschaft kontrolliert werden. Eine solche Abhängigkeit schafft aber auch ein starkes Gemeinschafts- und Verbundenheitsgefühl untereinander. Da Menschen sich grundsätzlich nach Gemeinschaft

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