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REGENSCHIRMGLAUBE

Wenn es nach Regen aussieht, packst du den Regenschirm ein

Impressum

Regenschirmglaube von Katja Güthler

© 2021 Grain-Press Verlag GmbH Marienburger Str. 3

71665 Vaihingen/Enz

eMail: verlag@grain-press.de www.grain-press.de

Cover: Grain-Press Verlag

Druck: Wydawnictwo ARKA, Cieszyn, Polen (www.arkadruk.pl)

Verwendete Bibelübersetzungen:

ELB: Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

NGÜ: Neue Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen. Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.

SLT: Schlachter Übersetzung. Copyright © Genfer Bibelgesellschaft, CH-1204 Genf.

NLB: Neues Leben. Die Bibel © der deutschen Ausgabe 2002 / 2006 / 2017 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Max-Eyth-Str. 41, 71088 Holzgerlingen.

HFA: Hoffnung für Alle® (Hope for All)© 1983,1996, 2002, 2009, 2015 by Biblica, Inc.®

ISBN-13: 978-3-947454-94-5 Best. Nr.: 3598594

Inhaltsverzeichnis

Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit

Hebräer 13,8 ELB

EINLEITUNG

In der Gemeinde Gottes höre ich in den letzten Jahren einen gellenden inneren Schrei nach einem erlebbaren Gott. Einem Gott, von dem wir nicht nur theoretisch in der Bibel lesen, sondern einem Gott, der sich dadurch bestätigt, dass er die Dinge, die er in der Bibel schreibt, auch tatsächlich tut! Wenn Gott derselbe heute, morgen und in alle Ewigkeit ist, wo ist dieser Gott der Apostelgeschichte dann geblieben? Wo sind die Heilungswunder?

Wenn Gott sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme“, könnte es dann nicht tatsächlich sein, dass jeder Christ Gottes Stimme hören kann und dass Gott mit meinem Leben einen wunderbaren Plan hat?

Diese und viele weitere Fragen beschäftigen mich, seit ich Jesus Christus am 17. September 2000 in mein Leben eingeladen habe. Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich entschieden habe, an das zu glauben, was in der

Bibel steht, nämlich, dass Jesus Christus der einzige Weg zu Gott ist. Ich entschied mich, das zu glauben, auch wenn ich das meiste in diesem dicken Bibelwälzer einfach nicht verstand. In diesem Buch, das du in der Hand hältst, werde ich von den kleinen und großen Wundern erzählen, die Jesus Christus in meinem Leben getan hat. Ich weiß nicht, wo ich heute ohne ihn wäre.

Lieber Leser, ich möchte dich mit meiner Geschichte ermutigen, unabhängig von deinem Alter, Geschlecht, deiner Herkunft oder deiner Bildung. Gottes Zusagen gelten allen seinen Kindern, auch dir. Ich erzähle dir aus meinem Leben und nehme kein Blatt vor den Mund.

Mir hat Gott bewiesen, dass er tatsächlich gestern, heute, morgen und in Ewigkeit derselbe ist. Meine Geschichten sind keine vollständig ausgearbeiteten theologischen Theorien. Es sind ganz einfach Dinge, die ich erlebt habe, aus denen ich aber keine generelle WennDann-Regel ableite. Gott ist ein souveräner Gott, der mit jedem seiner Kinder einen Plan hat.

Und ich bete, dass Gott sich in deinem Leben um ein Vielfaches mehr offenbart, als er es bei mir getan hat, und dass meine Geschichte dich inspirieren und ermutigen wird, Gott noch mehr zu suchen. Also herzlich willkommen in meinem Leben!

Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich.

Johannes 14,6 ELB

1. DER ANFANG

Ich war 33 Jahre alt und hatte ein recht gutes Leben. Ein Leben ohne Gott.

Die kleinen und großen Herausforderungen des Lebens meisterte ich ziemlich gut.

Mein Mann Dieter und ich waren soweit finanziell unabhängig und hätte uns damals jemand gefragt, wie es uns geht, hätten wir mit einem zufriedenen Nicken geantwortet. Wir brauchten Gott eigentlich nicht, weil wir auch so sehr gut zurechtkamen.

Selbstbewusst hielten wir damals recht wenig von „den Christen“ mit bewollstrümpften Beinen, Frisuren in Gebetsknödelform und langweiligen Gottesdiensten. Hinzu kam noch dieses absolut weltfremde Buch als Frontfigur. Hätte uns jemand erzählt, was in den kommenden Jahren passieren würde, hätten wir ihn schlichtweg für verrückt erklärt! Es fing damit an, dass ein Interessent bei meinem Mann Dieter im Versicherungsbüro

anrief. Aus dem anfänglichen Geschäftskontakt zwischen den Männern entwickelte sich recht schnell etwas mehr und wir trafen ihn und seine Frau auf ihre Einladung hin auch privat. Wir mochten die beiden sehr, irritiert hat uns nur, dass sie Christen waren und damit so gar nicht in die von uns dafür vorgesehene Schublade passten.

Die zwei standen mit beiden Beinen fest im Leben und er hatte einen gehobenen Job in der Automobilindustrie. Sie luden uns immer wieder zu christlichen Veranstaltungen ein und es entstand in uns eine Art innerer Kampf. Ein Satz, der unsere Haltung recht gut beschrieb, war z.B.: „Wir haben ein echt nettes Ehepaar kennengelernt. Total gute Ehe, er ist Key-Account Manager“ …. und dann naserümpfend mit tieferer Stimme: „Aber stellt euch vor, die sind Christen.“

Dennoch zog es uns zu ihnen hin, weil sie irgendetwas hatten, was wir damals noch nicht begreifen konnten. Wir wollten aber auf keinen Fall in dem Mühlrad der langweiligen sonntäglichen Gottesdienste landen, und ein Leben führen, das durch Gottes Verbote eingeschränkt wird. Das Ehepaar ließ aber nicht locker und sie luden uns einmal mehr ein.

Dieses Mal war es ein großes christliches Evangelisationsevent, das „Heaven‘s Gates and Hell‘s Flames“1 hieß. In dem Theaterstück ging es darum, dass Menschen, die aus den verschiedensten Gründen sterben, schließlich vor Gott stehen. Ein mächtiger Engel schaut im Buch

1 www.heavensgate.de

des Lebens nach, ob er den Namen des jeweiligen Menschen darin finden kann. Wenn er den Namen entdeckt, ertönt ein wundervoller Engelchor und der Verstorbene darf durch eine enge Pforte in den Himmel eintreten, so wie es in der Bibel verheißen wird. Steht er aber nicht in diesem Buch, drehen ihm alle Engel den Rücken zu und der Teufel begleitet ihn mit gewaltigem Getöse in die Hölle.

In mir löste dieses Theaterstück eine immense Angst aus und ich wusste, dass ich in dieser Nacht Albträume haben würde. Dementsprechend aufgebracht konfrontierte ich das Ehepaar: „Ihr Christen betreibt das ‚Geschäft mit der Angst‘, damit ich zu eurem Gott komme.

Aber das bewirkt bei mir genau das Gegenteil!“ Ich war sauer, ablehnend und hatte richtig Angst. Der Ehefrau des befreundeten Paares ging meine Reaktion sehr zu

Herzen und sie wusste sich nicht anders zu helfen, als mich zu fragen: „Katja, darf ich für dich beten?“ Nichtwissend, was das bedeutet, sagte ich, immer noch wütend Ja und wandte mich schon ab, um die Halle zu verlassen. Sie hielt mich aber zurück und sagte: „Halt, ich sollte doch für dich beten.“ Völlig irritiert fragte ich stirnrunzelnd: „Hier unter so vielen Menschen willst du beten?“

Sie: „Ja, dir geht es doch jetzt nicht gut, also bitte ich

Gott auch jetzt, dir zu helfen.“

Erstaunt hörte ich ihr zu, was sie unter Gebet verstand. Ich setzte mich also hin und das Ehepaar legte mir

nur ganz kurz die Hände auf die Schultern und nach einem Satz war das Gebet auch schon vorbei.

Sinngemäß sagte sie: „Herr, bitte gib Katja jetzt deinen Frieden und lass sie heute Nacht keine Albträume haben.“ Plötzlich passierte etwas mit mir.

Mein ganzer Körper fing an zu kribbeln und es breitete sich ein Friede und eine Freude in mir aus, wie ich es in meinem ganzen Leben zuvor noch nicht gespürt hatte. Alle Angst war plötzlich wie weggeblasen.

Heute weiß ich, dass Gott mir damals übernatürlichen Frieden durch den Heiligen Geist geschenkt hatte. Auf dem Heimweg im Auto sagte ich dann zu meinem Mann: „Dieter, jetzt will ich wissen, was in der Bibel steht. Ich will wissen, ob das die Wahrheit ist.“

EIN UNGEWÖHNLICHER

GRUND

FÜR EINE BEKEHRUNG

Da dieses besagte Ehepaar seit dieser Zeit zu unseren besten Freunden und Ratgebern zählt, stelle ich sie dir jetzt als Uli und Imke vor. Wir baten die beiden daraufhin, den Gutschein für einen Bibelkurs, den sie uns einmal geschenkt hatten, nun einzulösen. Wir trafen uns wöchentlich für etwa 9 Monate. Unter der Woche sollten wir in der Bibel lesen, und wenn wir uns dann sahen, bombardierten wir sie mit unseren Fragen. Viele konnten sie gleich beantworten. Bei manchen Fragen sagten sie, dass sie sich bis zum nächsten Mal Gedanken ma-

chen müssten. Aber es gab auch Dinge, die ich absolut nicht verstand! Wie zum Beispiel die Behauptung von manchen Gläubigen, das Selbstbefriedigung Sünde sein soll. Und überhaupt, wenn ich Christ werden sollte, dann hätte ich ja gar keinen Spaß mehr im Leben! Ein Verbot nach dem anderen. Die Antwort, die mir die beiden mit entsprechenden Bibelstellen gaben, war für mich nicht zufriedenstellend. Das Gefühl der christlichen Spaßlosigkeit blieb!

Du merkst bestimmt schon, dass ich bis dato dem christlichen Glauben etwas skeptisch gegenüberstand.

An einem Abend sagte Uli sinngemäß zu mir, dass Gott uns dabei hilft, wenn wir uns auf den Weg mit ihm begeben. Ein paar Tage später schoss mir ein Gedanke in den Kopf. Wie wäre es, wenn ich einfach mal etwas ausprobiere? Ich bezeichne mich oft gern schmunzelnd als Sofortistin. Wenn ich etwas beschlossen habe, setze ich das meist recht schnell und äußerst zielorientiert um, auch wenn es mich etwas kostet. Also probierte ich es einfach aus. Das Folgende beschreibe ich lieber sinnbildlich.

Stell dir vor, der Ehemann kommt abends hungrig nach Hause und will gemeinsam mit seiner Frau essen. Dann ist es von Vorteil, wenn die Frau zuvor nichts gegessen hat, da sie sonst satt ist und der Mann alleine essen muss. Und wenn der eine Partner sich jedem Heißhunger immer gleich hingibt, dann isst der andere oft alleine. Ich habe also in den darauffolgenden Wochen nicht

alleine gegessen. An einem Tag lief ich meinem Mann an der Haustüre schon heißhungrig entgegen und bat ihn darum, “ganz schnell gemeinsam etwas zu essen“. Er fragte mich in einer Mischung aus hocherfreut und platter Verwunderung: „Sag mal, nimmst du eigentlich sowas wie Appetitanreger“? Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass das „gemeinsame Essen“ unserer Ehe sehr gutgetan hat.

Viele Ehepaare kennen das: Die Sexualität im alltäglichen Zusammenleben ist oft angegriffen und es ist schwer, zusammenzufinden. Jeder sehnt sich nach Liebe, Vertrautheit und enger Verbundenheit. Das ist eine große Kraft in der Ehe. Wenn wir in der Ehe alleine essen und nicht gelernt haben, uns zu beherrschen, nehmen wir uns und unserem Partner etwas. Wohlgemerkt, ich spreche hier nur von meiner eigenen Erfahrung in der Ehe und ich mache daraus keine grundsätzliche Lehre für jede Lebenssituation! Ich habe gelernt, dass es gut für unsere Ehebeziehung ist, wenn wir es schaffen, unsere Sexualität rein zu halten. Es ist schon komisch, aber genau diese Geschichte war der ausschlaggebende Punkt, dass ich eine Entscheidung traf.

An einem unserer Bibelabende hatten uns Uli und Imke ein sogenanntes Übergabegebet auf einem DIN

A4 Blatt mit den folgenden Worten gegeben: „Wenn ihr irgendwann zu dem Schluss kommt, dass Jesus Christus

lebendig und die Bibel die Wahrheit ist, dann könnt ihr dieses Gebet zu Jesus sprechen.“2

Ab diesem Zeitpunkt seid ihr Kinder Gottes. Am 17. September 2000 sprach ich dieses Gebet. Ungefähr fünf Wochen später konnte auch Dieter nicht mehr anders und übergab ebenfalls Jesus sein Leben.

2 Am Ende dieses Buches schreibe ich ein paar Zeilen zu dem sogenannten Übergabegebet

Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage lange währen in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt.

2. Mose 20,12 ELB

2. EHRE VATER

UND MUTTER

Nach unserem Übergabegebet ging es Schlag auf Schlag. Wir fingen an, in eine freie evangelische Gemeinde zu gehen, die auch heute noch unser geistliches Zuhause ist. Da wir bis dahin nur standesamtlich getraut waren, heirateten wir im Dezember 2000 vor Gott, und im Mai 2001 ließen wir uns taufen. Da ich Kinder und Jugendliche sehr liebe, begann ich bald darauf, in der Gemeindejugend mitzuarbeiten. Unsere neuen Freunde Uli und Imke standen uns als Ratgeber zur Seite, denn unser Glaube war ja noch ein zartes Pflänzchen. Die erste herausfordernde Situation ließ nicht lange auf sich warten. Sie kam kurz nach unserer Bekehrung.

Eigentlich ist doch alles ganz einfach!

Wenn ich glaube, dass es bald regnet, dann nehme ich einen Regenschirm mit. Wenn ich also etwas glaube, dann handle ich danach und meinem Glauben folgen Taten.

So steht es auch in Jakobus 2,17 HFA Genauso nutzlos ist ein Glaube, der nicht in die Tat umgesetzt wird: Er ist tot.

Oh Mann, wenn das immer so einfach wäre…… aber dazu später mehr.

Zu dem damaligen Zeitpunkt hatte ich den Kontakt zu meiner Mutter komplett abgebrochen. Meine Eltern waren seit meinem 19. Lebensjahr getrennt. Mit meinem Vater hatte und habe ich eine sehr gute Beziehung. Mit meiner Mutter waren im Laufe der Jahre einige Dinge vorgefallen, die mich so sehr schmerzten, dass ich jeden Gedanken an sie eliminieren wollte. Darüber sprachen wir an einem Abend mit Uli und Imke, als das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ auf den Tisch kam. Dieses Gebot veranlasste mich, ziemlich emotional zu erzählen, was mir meine Mutter im Laufe der Jahre so alles angetan hatte. Und wie das oft bei verletzten Menschen ist, fand ich keine sehr guten Worte. Glaub mir, es gab viele Argumente dafür, warum ich dieser Mutter meiner Meinung nach keine Ehre entgegenbringen musste.

Ich erzählte, dass mein Bruder immer vorgezogen worden war und dass er von meiner Mutter ständig große Geschenke bekam. Ich fand mich auf ihrer Geschenkeliste eher auf den billigeren Rängen wieder.

Da meine Mutter über lange Zeit krebskrank war, half ich ihr auch einige Jahre finanziell.Trotzdem war ich immer nur die Tochter, die nicht genügte, die gegen den geliebten Sohn nicht ankam. Es war ungerecht und tat einfach nur weh.

Dann sagte Uli einen Satz, der mich tief ins Mark traf: „Katja, in der Bibel steht nicht, ehre Vater und Mutter, wenn sie es verdient haben. Im Gegenteil, dieses Gebot ist das Einzige, das eine Konsequenz nach sich zieht. Es heißt hier: „Tu das, damit du lange lebst…“ Die Eltern zu ehren ist ein sehr wichtiges Gebot, das mehrfach in der Bibel erwähnt wird. Nehmen wir noch einmal mein

Beispiel mit dem Regenschirm. Wenn ich glaube, dass es bald regnet, dann nehme ich einen Regenschirm mit. Sinnbildlich stand ich gerade voll im Regen.

Viel mehr noch, es war wie ein Wirbelsturm in mir. Ich musste meinen neuen Glauben auf den Prüfstand stellen. Sollte Gott wirklich wollen, dass ich diese Mutter ehre? Ja, sogar noch darüber hinaus, ich sollte ihr vergeben, auch wenn sie sich bei mir nicht entschuldigt! Und was, wenn sie mir erneut den „du bist nicht gut genugDolch“ ins Herz rammt? Wer fasst schon freiwillig mit der ganzen Hand auf die glühend heiße Herdplatte? Jedes Kind lernt, dass das keine gute Idee ist. Warum soll-

te ich mich dem bewusst aussetzen? Ich überlegte eine Woche, wie ich wohl aus dieser Nummer rauskommen würde.

Da in der Bibelstelle ja nichts von lieben steht, sondern nur von ehren und achten, beschloss ich, wieder mit meiner Mutter Kontakt aufzunehmen. Doch zuvor sprach ich mit Gott: „Herr, ich mache das nur aus Gehorsam dir gegenüber. Gefühlt sträubt sich alles in mir. Bitte hilf mir. Ich habe keine Ahnung, warum du so etwas verlangst. Ich weiß absolut nicht, wie du diese Situation zum Besseren wenden willst. Ich versuche dir jetzt einfach zu vertrauen.“

Meine Mutter freute sich sehr und wir trafen uns.

Bei mir war eher kühle Zurückhaltung angesagt, aber ich war Gott gehorsam. In den folgenden Wochen traf ich mich ab und zu mit ihr, ohne positive oder negative emotionale Spitzen. Wir gingen Lebensmittel einkaufen oder tranken gemeinsam Tee. An einem Nachmittag hatte ich den Eindruck, ich sollte mich bei ihr melden, um sie zu besuchen. Kurzerhand rief ich sie an und sagte, dass ich auf einen Tee vorbeikommen würde.

Wir saßen am Tisch und plötzlich tat meine Mutter etwas, was sie zuvor noch nie getan hatte. Sie erzählte mir aus ihrer Kindheit: „Weißt du Katja, mein Bruder Heinz wurde von meiner Mutter immer vorgezogen. Er bekam oft Geschenke und ich war immer nur die Tochter, die nicht genügte, die gegen den geliebten Sohn nicht ankam.“ Ich saß mit großen Augen da und mir kullerten

die Tränen über die Wangen. Meine Mutter fragte mich ganz perplex: „Warum weinst du denn jetzt?“ Ich antwortete: „Mami, weil du mir gerade meine Geschichte erzählt hast!“ Wir redeten anschließend lange darüber. Meine Mutter meinte: „Das stimmt nicht, dass ich dich nicht liebe. Ich dachte immer, du brauchst mich nicht, du kommst alleine so gut durchs Leben. Dein Bruder, der braucht mich.“

In gewissem Sinne hatte meine Mutter da auch recht. Durch die vielen Zurückweisungen entwickelte ich mich zum Leistungsmenschen. Ich wollte alles ganz besonders gut machen, damit mich meine Mutter endlich liebt. Irgendwann im Laufe meiner Kindheit habe ich wohl unbewusst beschlossen, ich kann das auch alles ganz gut alleine, ich brauche niemanden. Willkommen im „Liebe durch Leistung-Prinzip“.

Das war ein Widerspruch in sich. Ich gab alles, um mehr geliebt zu werden. Und wenn ich die Liebe dann bekam, konnte ich sie nicht annehmen, aus Angst enttäuscht zu werden und um ja keine Schwäche oder Abhängigkeit zu zeigen. An diesem Tag erkannte ich, dass wir Menschen alle bei Geburt leeren Gefäßen ähneln, die im Laufe des Lebens mit Erfahrungen gefüllt werden. Es ist nur logisch, dass nur das herauskommen kann, was sich darin befindet.

Diese Erkenntnis rechtfertigte das Handeln meiner Mutter keineswegs, aber ich konnte meine Vergangenheit neu bewerten, weil ich meine Mutter plötzlich ver-

stand. Sie handelte einfach so, weil sie es nicht anders gelernt hatte.

Ihre liebe Tochter signalisierte ja auch immer mit jeder Faser ihres Seins: Ich brauch dich eigentlich gar nicht und ich kann das auch ohne dich! Bis heute weiß ich noch nicht, warum meine Mutter an jenem Nachmittag aus heiterem Himmel anfing, aus ihrer Jugend zu erzählen. Ich vermute, Gott hatte da wohl seine Hand mit im Spiel und es kam im wahrsten Sinne des Wortes wirklich aus dem Himmel.

An unserer Taufe entschied sich meine Mutter auch für ein Leben mit Jesus.

Die Beziehung mit meiner Mutter wurde im Laufe der Jahre immer besser. Ich konnte sie nun achten und ehren. Aber von Liebe war ich noch sehr weit entfernt.

Leider schritt die Krebserkrankung immer weiter voran und im Sommer 2007 legte uns der Arzt der Palliativstation nahe, dass es doch gut wäre, wenn meine Mutter im Kreis der Familie ihren letzten Weg gehen könnte. Die letzten Monate ihres Lebens verbrachte meine Mutter bei uns im Haus. Es war eine harte Zeit. Jeder, der einmal eine schwerkranke Person gepflegt hat, weiß um die Herausforderungen. Aber es war auch eine sehr gesegnete Zeit der Heilung in unserer Beziehung.

Ein paar Wochen, bevor meine Mutter zu Jesus ging, saßen wir zusammen am Tisch. Ich schaute sie an und empfand plötzlich ein starkes Gefühl der Liebe für sie. Aus vollstem Herzen sagte ich zu ihr: „Mami, ich liebe dich.“

Heute denke ich noch sehr oft mit einem Lächeln an sie und habe ihr vollkommen verziehen. Ich sehe die vielen guten Dinge, die sie in meinem Leben bewirkt hat. In mancher Hinsicht bin ich ihr sogar ähnlich. Meine Mutter war nicht perfekt, aber ich konnte sie nun lieben. Hätte früher jemand zu mir gesagt, dass ich meiner Mutter ähneln würde, hätte ich ihn wahrscheinlich gleich mit Blicken exekutiert. Heute bin ich stolz darauf, wenn jemand das sagt.

Wo ich früher nur auf ihre Ablehnung mir gegenüber fokussiert war, hat Gott mir heute viele wunderschöne und auch witzige Dinge gezeigt, die meine Mutter ausmachten.

In den letzten Jahren haben wir sehr viel zusammen gelacht. Und wer meine Mutter kannte, erinnert sich bestimmt an ihr herzhaftes und ansteckendes Lachen. Sie betätschelte gerne alle und jeden mit ihren „niveagetunkten“ Händen und kniff ihnen in die Wangen. Du darfst jetzt gerne das Gesicht verziehen, ich mochte das auch nicht. Es war einfach ihr Ausdruck von Freude, Menschen kräftig in die Arme zu nehmen und zu drücken. Ihre Umarmungen waren legendär.

Wenn dir zufällig ein Pastor Hans aus Uganda über den Weg läuft, der von einer wildfremden, kleinen, rundlichen deutschen Frau erzählt, die nach dem Gottesdienst direkt auf ihn zurannte, ihn umarmte und nicht mehr losließ, dann war das meine Mutter.

Kennst du diesen kleinen Emoji, der Augen so groß wie Wagenräder hat? Genau so sah Pastor Hans´ Gesicht in diesem Moment aus.

Ja, meine Mutter war eine Emotionsbombe und sie liebte Jesus heiß und innig.

Einmal, kurz nach ihrer Bekehrung, besuchte sie uns im Gottesdienst. Wie es sich gehört, lauschte jeder andächtig der Predigt von Pastor Frieder. Plötzlich sprang meine kleine dynamische Mami auf, warf die Arme in die Luft und schrie laut - Halleluja Jesus- und jubelte. Und dann setzte sie sich wieder mit einem Engelsgesicht hin, als wäre es das natürlichste Verhalten in der Welt. Trotz ihrer langjährigen Krebserkrankung war das ein Ausdruck echter Lebensfreude. Damit hatte sie auch vielen Menschen auf den Krebsstationen bis zuletzt Hoffnung gegeben. Merkst du was, da hat sich etwas tief in meinem Herzen verändert. Gott hat meine abgrundtiefe Abneigung in Liebe verwandelt.

Es hat mich anfänglich viel Gehorsam gekostet, Kontakt mit meiner Mutter aufzunehmen und sie zu achten und zu ehren.Wäre ich nicht auf meine Mutter zugegangen, wäre sie höchstwahrscheinlich heute nicht bei Jesus im Himmel. Wer weiß? Dieser Segen ging auch weiter zu meinem Bruder Jan. Aber davon erzähle ich später.

Es lohnt sich, wenn wir das tun, was Gott uns sagt.Was aber noch viel wichtiger ist, er hilft uns auch dabei, diesen Weg zu gehen.

Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden.

Psalm 147,3 ELB

3. TAUFE IM GEIST UND HEILUNG

Beamen wir uns noch einmal gedanklich zurück in die Zeit kurz nach unserer Bekehrung. Es war im Frühjahr 2001. Ich hatte gesundheitliche Probleme. Nichts lebensbedrohliches, aber doch so, dass es mir sehr unangenehm war. Seit einer Nierenbeckenentzündung, die im Krankenhaus behandelt werden musste, war ich körperlich etwas geschwächt. Ich bekam 2 x wöchentlich Infusionen zum Aufbau des Immunsystems. Dazu hatte ich ständig Schmerzen in meinem rechten Unterarm und das Zugreifen machte mir Probleme. Eine Nahrungsmittelallergie gegen Kaffee, Zucker und Schweinefleisch hatte besondere Nebenwirkungen.

Vornehm ausgerückt bekam ich starke Flatulenzen. So ein wohlklingendes Wort für eine so unschöne Sache! Würdest du hier einen Thriller in den Händen halten, würde die Überschrift „Winde des Grauens“ hei-

ßen. Dieters Kommentar dazu war nur: „Erstaunlich, wie eine kleine Frau so stinken kann!“

Und schon standen Uli und Imke wieder parat, sie boten uns an, mit uns eine Heilungskonferenz in einer Baptistengemeinde in Freilassing zu besuchen. Sie erzählten uns von einem Prediger namens Bob Main, der dort sprechen sollte.

Bob war ein Pionier Gottes mit einem einzigartigen Lebenszeugnis. Der Schotte wurde durch Gott spektakulär von Krebs geheilt und war danach viele Jahre lang auf der ganzen Welt unterwegs, um Gottes Kraft zu demonstrieren.

Gelinde gesagt standen wir der ganzen Sache skeptisch gegenüber. Sollte Gott tatsächlich auch heute noch heilen? Das war für mich unvorstellbar.

Wir fuhren also zu viert zu dieser Konferenz. Ein Gemeindemitglied mit dem schönen Namen Joy öffnete für uns sein Haus und wir durften bei ihm übernachten.

Samstag morgens ging es los. Es war eine sehr lebendige Gemeinde, mit lautem Lobpreis, klatschen und tanzen. Das wirkte alles ziemlich befremdlich auf mich. Da es mir sowieso nicht gut ging, beschloss ich, die Nachmittagsveranstaltung zu schwänzen.

Ich lag im Bett und ruhte mich aus, als Joy ins Zimmer kam und mich fragte, weshalb ich nicht zu der Veranstaltung gehen wollte. Ich antwortete nur, dass die Art, wie die Leute in der Gemeinde ihren Gottesdienst feiern, befremdlich für mich und viel zu laut sei. Er fragte

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