„Ich und Franziskus präsentiert uns einen hervorragenden neuen Schriftsteller, in dem sich die seltene Mischung aus starkem Talent, Erzählkunst sowie fundierter und dennoch praktischer geistlicher Einsicht vereint. Er verwebt eine fiktionale zeitgenössische Geschichte mit dem Leben des Heiligen Franziskus und liefert so einen einzigartigen und bedeutungsvollen Beitrag zum aufkommenden Dialog über Glaube und Leben in der heutigen Welt. Von diesem begabten Autor darf man noch einiges erwarten!“ – Brian McLaren Autor/Aktivist (brianmclaren.net) „Es scheint, dass die Welt niemals müde wird, Franz von Assisi nachzuspüren, zu beschreiben, zu entdecken und zu lieben. Ian Cron tut es mit viel Einblick, Phantasie und Mut. Steigen Sie mit ein!“ – Father Richard Rohr OFM, Center for Action and Contemplation, Albuquerque, New Mexico
„Ich und Franziskus ist kein historisches oder geistliches Buch, auch wenn es Elemente von beidem enthält. Es ist ein Roman, der ein bisschen an dem inneren Kummer rührt, den viele von uns verspüren, wenn sie in einer modernen, westlichen Umwelt versuchen, Jesus treu nachzufolgen. Köstlich!“ – John Michael Talbot Gründer, geistlicher Vater und Generaloberer des Klosterordens The Brothers and Sisters of Charity in Eureka Springs, Arkansas
„In dem tiefen Ringen mit einer Glaubenskrise und der Erinnerung an einen Glaubensgiganten bahnt uns Ian Cron einen Weg der Gnade, Demut und höchsten Freude auch durch unsere „Ground Zero“ Dunkelheit. Dies ist ein lebensveränderndes Werk. Nun
folge auch ich in meinem Leben und künstlerisch den Fußstapfen des Heiligen Franz von Assisi.“ – Makoto Fujimura Künstler / Schriftsteller, New York City
„Dieses Buch über die Zukunft der Kirche läutet mit klassischen Wahrheiten, die das Herz wieder zum Leben erwecken. Ians Protagonisten waren für mich wie alte Freunde, die mich zu einer bemerkenswerten Reise eingeladen haben.“ – Wes Roberts Mentor für Leiterschaft, geistlicher Begleiter; Co-Autor von Reclaiming God´s Original Intent for the Church
„Cron hat die absolut beste Erklärung geliefert, wie wichtig eine sogenannte postmoderne Sicht des christlichen Glaubens ist, die ich kenne. Ich wäre gerne Teil einer Gemeinde, wie sein Held sie am Ende vorschlägt.“ – Gordon MacDonald Autor; Auslandskorrespondent des Leadership Journal; Vorsitzender von World Relief
Ich und Franziskus
Eine moderne Reise in den FuĂ&#x;stapfen des Heiligen Franz von Assisi
Ian Morgan Cron
Copyright © 2007 – Ian Morgan Cron Originally published in English under the title: »CHASING FRANCIS« published by NavPress, a division of The Navigators, U.S.A. P.O. Box 35001 Colorado Springs, CO 80935, USA All rights reserved © 2011 Grain-Press, Verlag im GrainHouse e.V. Marienburgerstraße 3, 71665 Vaihingen/Enz eMail: verlag@grain-press.de Internet: www.grain-press.de Übersetzung aus dem Englischen: Marion Berger Satz: Horst Schlittenhardt Cover: Daniel Pfefferle, Adaption der Originalvorlage Druck: Schönbach Druck, Erzhausen Quelle des Prologs zur Dreigefährtenlegende (Seite 9): Aus der Schrift „De cognatione sancti Francisci“ entnommen aus: Die Dreigefährtenlegende des heiligen Franziskus von Assisi und der „Anonymus Perusinus“, S. 81 Fußnote. ISBN 978-3-940538-09-3 (Amerik. Originalausgabe: ISBN-10: 1-57688-812-9, ISBN-13: 978-1-75683-812-9)
FĂźr Anne, Cailey, Madeleine und Aidan Pax et bonum
Vorwort Die Zahl der Biographien und Kommentare, die während der letzten achthundert Jahre über den Heiligen Franziskus geschrieben wurden, ist überwältigend. In Hope Against Darkness schreibt Br. Richard Rohr: „Laut dem Smithsonian1 Literaturverzeichnis wurde über niemanden so viel geschrieben wie über ihn.“ Als NavPress und ich zu Beginn überlegten, wie wir das Besondere am Leben und Wirken von Franziskus in die Diskussion über die Gemeinde in der heutigen postmodernen Zeit einbringen könnten, entschieden wir, dass es in erzählerischer Form geschehen sollte. Wir hofften, dadurch kein weiteres biographisches Werk auf das schon überfüllte, dem „Geliebten Heiligen“ gewidmete Bücherregal zu werfen. Damals wusste ich noch nicht, wie unverschämt schwierig es ist, einen Roman zu schreiben bzw. wie mühsam es werden würde, einige der revolutionären Ideen von einer der größten prophetischen Stimmen des letzten Milleniums auf ein paar hundert Seiten zu komprimieren, und, ach ja, sie dann auf die Kirche des zwanzigste Jahrhundert zu übertragen. Der Prozess erfüllte mich mit unglaublicher Demut. Sollte dieses Buch einige Leute dazu motivieren, sich die Spiritualität und den Dienst dieses wild dreinblickenden Heiligen näher anzuschauen, dann wäre ich schon sehr dankbar. Nach der Lektüre der ersten Entwürfe von „Ich und Franziskus“ fragten mich die Leute, ob die Putnam Hill Community Church nach dem Vorbild der Trinity Church in Greenwich, Connecticut,entworfen wurde, deren Pastor ich bin, und ob Chase Falson und ich ein und dieselbe Person sind. Die Antwort auf beide Fragen lautet entschieden Nein. Die Putnam Hill Community Church und Chase verkörpern ein Amalgam aus Gemeinden und Jesus1
Die Smithsonian Institution (kurz Smithsonian) ist eine US-amerikanische Forschungs- und Bildungseinrichtung, die zahlreiche Museen beinhaltet.
Nachfolgern, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Die Trinity Church inspiriert mich weiterhin mit ihrer Bereitwilligkeit, viele der Werte und Ideale, die Franziskus so am Herzen lagen, zu erforschen und zu übernehmen. Ich bin stolz darauf, sie meine Glaubensfamilie nennen zu dürfen. Obwohl Chase und ich dasselbe „erlösend unzufriedene“ Herz besitzen und seine innere geistliche Reise der meinigen teilweise gleicht, gehört seine Geschichte letztendlich ihm und nur ihm allein. Zum Schluss ein Bekenntnis - ich führe leider nicht das Leben eines Franziskus. Während ich an diesem Buch schrieb, verbrachte ich viele schlaflose Nächte mit der Frage, was es heißt, das Evangelium so schön und radikal zu leben wie er. Ich kann nur beten, dass ich eines Tages so mutig und versponnen bin, Jesus mit einer derart hoffnungslosen Selbstvergessenheit nachzufolgen. Ich danke meinem Lektor Dave Lambert, der die unzähligen Sünden eines Erstautors ertrug, Terry Behimer und Jeff Gerke von NavPress, die daran glaubten, dass diese Geschichte erzählenswert ist, Wes Roberts, Brennan Manning und Brian McLaren für die Ermutigung und Inspiration über die Jahre hinweg und Mako Fujimura und Rob Mathes, die mich überredeten, sie zu publizieren. Dank auch an meine Freunde in der Trinity Church – Joey Pierce, Andrea Mueller, Sean Witty, Sarah Hover, Tim Mackenzie, Michelle Morck, Hillary Berovici, Jenn Kaye, Melanie Sorensen, Sarah Bourgeois, Mary Lyons, Dianne Pierce, Mike und Katie Stallard, Laurel und Chris Scarlata, Chris Clark, Rod Bourgeois, David Pierce und den Rest meiner Pilgergefährten von Trinity – danke, dass ich mit euch reisen durfte.
Hell leuchtend wie ein Gestirn und wie der Morgenstern, ja wie die aufgehende Sonne, die die Welt in Flammen setzt, reinigt und fruchtbar macht, wie ein neues Licht am Himmel, so sah man Franziskus aufsteigen. Er beleuchtete nach Art der Sonne jene Welt, die gleichsam unter dem Frost, der Finsternis und der Unfruchtbarkeit des Winters erstarrt war, durch Wort und Werk mit strahlendem Feuer, glänzend durch Wahrheit, durch Liebe entzündend, durch vielfältige Frucht der Verdienste erneuernd und schmückend. Mannigfache Frucht tragende Bäume brachte er in den drei von ihm gestifteten Orden in bewundernswerter Kraft hervor; ja zu einem neuen Frühling führte er die Welt. – Prolog zur Dreigefährtenlegende
I Es war in unseres Lebensweges Mitte, Als ich mich fand in einem dunklen Walde; Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege. Wohl fällt mir schwer, zu schildern diesen Wald, Der wildverwachsen war und voller Grauen Und in Erinnerung schon die Furcht erneut! Dante, Inferno, Erster Gesang, Zeile 1-6
Als die ALITALIA mit der Flugnummer 1675 zum Sinkflug auf Florenz ansetzte, wedelte ich nervös mit den Seiten meiner Ausgabe von Die Göttliche Komödie. Die zwanzig Jahre in meinem feuchten Keller hatten einen feinen Schimmelstaub hinterlassen, der sich nun in der Luft verteilte. Einen Moment lang sah ich zu, wie die winzigen Sporen träge im Sonnenlicht schwebten, das durch die Scheibe fiel. Seit meiner Studentenzeit hatte ich das Inferno aus Dantes Klassiker nicht mehr gelesen. Im Alter von neunzehn war der gewichtige Inhalt dieser wenigen ersten Zeilen eine schlichte Vergeudung an mich gewesen. Jetzt, da ich sie mit den Augen eines Neununddreißigjährigen las, wünschte ich, ich könnte Dante anrufen und zum Lunch einladen. Ich hatte eine lange Liste mit Fragen an ihn. Durch die Patina des kondensierten Wassers am Flugzeugfenster blickte ich auf die toskanische Landschaft unter mir und wusste, dass ich „vom rechten Weg“ abgekommen war und „diesen Wald“, der „wildverwachsen war und voller Grauen“, betreten hatte. Vor zwei Wochen war ich noch Chase Falson gewesen, Gründungspastor der größten evangelikalen Kirche in Neuengland. Meine vierzehn Dienstjahre galten als Erfolgsstory zum Thema 11
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Gemeindewachstum. Ich zählte mich zu den wenigen Privilegierten, die der Himmel mit einem vollkommen exakten Kompass ausgestattet hatte. Ich wusste, wer ich war und wohin ich ging, und war mir sicher, dass ich eines Tages jedes Kästchen neben meinen Lebenszielen sauber abgehakt sehen würde. Ich hatte mich gemocht. Sehr. Heutzutage wird man von vielen Menschen abgelehnt, wenn sie merken, dass man aus evangelikalem Holz geschnitzt ist. Bist du erst einmal als konservativer Christ geoutet, gehen sie mit der präzisen Scharfsinnigkeit einer Zimmerpflanze davon aus, dass du ein rechtsgerichteter, selbstgefälliger Fundamentalist bist. Mein Onkel Bob empfängt mich jeden Weihnachten an der Tür meines Elternhauses mit einem Martini in der einen und einer dicken kubanischen Zigarre in der anderen Hand. Er haut mir auf den Rücken und ruft: „Schaut mal, wer da ist! Mr. EEEja-vangelikal!“ Es ist peinlich, aber Bob ist ein Idiot und kann nichts dafür. Jahrelang haben sich die Begriffe Neuengland und evangelikal praktisch gegenseitig ausgeschlossen. Mein Professor für Kirchengeschichte erzählte mir, dass Jonathan Edwards Neuengland als „Friedhof der Prediger“ bezeichnet hatte. So unheilvoll das auch klang, hielt es mich nach dem theologischen Seminar nicht davon ab, dem Ruf nach Osten zu folgen. Meine drei besten Freunde sahen mich ungläubig an, als ich ihnen von meiner Absicht erzählte, in Thackeray, Connecticut, einem verschlafenen Nest fünfunddreißig Meilen von der Wall Street entfernt, eine Gemeinde zu gründen. „Hast du den Verstand verloren? Selbst Gott fürchtet den Nordosten,“ sagten sie. Ich lachte. „So schlimm ist es auch wieder nicht. Ich bin dort aufgewachsen.“ „Aber du könntest zu einer der Megakirchen in Kalifornien oder Chicago gehen,“ wandten sie ein. Ehrlich gesagt war ich nicht daran interessiert, für eine Gemeinde zu arbeiten, die ein anderer aufgebaut hatte. Ich wollte ein Pionier 12
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sein, der „den Code“ für den geistlich dürren Nordosten „knackte“ und die Sache Christi in der evangeliumsresistentesten Region des Landes heroisch vorantrieb. Als Einheimischer war ich mir sicher, dass ich die kulturelle Landschaft gut genug kannte, um die Ivy Leaguers 1 zu erreichen, deren Häuser diskret hinter Steinmauern und schmiedeeisernen Toren verborgen lagen. Ein bisschen aufgeblasen, ich weiß, aber so war es nun mal. Und doch hatte ich es geschafft. Ich hatte eine Kirche errichtet, die nach der letzten Zählung jeden Sonntag von mehr als dreitausend Menschen besucht wurde – ein Herkulesstück in einem Teil der Welt, wo man allem misstraut, was entweder groß oder neu ist. Im Rückblick erkenne ich jetzt, dass die Putnam Hill Community Church auf meinem Glauben an einen beherrsch- und erklärbaren Gott gründete. Ich pflegte ein solch unbeugsames Vertrauen in meine konservative evangelikale Theologie, dass selbst manche der eher skeptischen Bürger sich bekehrten. Nach Jahren mit siebzig Arbeitsstunden pro Woche gedieh Putnam Hill zu einer Gemeinde, die randvoll war mit jungen Wall Streeters und deren Familien. Viele von ihnen kamen aus Enttäuschung darüber, dass sich das Glück nicht als optionales Zubehör zu ihrem Lexus SUV eingestellt hatte. Diese Welt war vor zehn Tagen explodiert. Während ich auf die Terrakottadächer hinunterblickte, die wie Tupfer auf den herannahenden Bergen der Toskana hockten, wurde mir der unfreiwillige Urlaub bewusst, in dem ich mich befand, und die Chancen standen gut, dass ich bei meiner Rückkehr keinen Job mehr hatte. Ich habe herausgefunden, dass es weniger diplomatisch ist, wenn man den Höhepunkt einer geistlichen Krise vor tausend Menschen erreicht. Im Nachhinein hätte ich erkennen müssen, dass ich am Rande eines gähnenden, existentiellen Abgrundes stand. Zwei Jahre lang war der Zweifel in den Brunnen meiner tiefsten Überzeugun1
Die Ivy League ist eine Liga im US-amerikanischen Hochschulsport und besteht aus acht der ältesten Hochschulen der USA.
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gen geflossen und hatte sich wie Blutegel festgesaugt. Das Baugerüst, das mein gesamtes Glaubenssystem stützte, schwankte, als ob eine unsichtbare Kraft es umzustoßen versuchte. Drei Monate, bevor sich das Leder ganz vom Ball löste, begannen meine Treffen mit Dr. Alistair McNally. „Mac“ stammt aus Dublin, ist fünfundsechzig, Psychiater und dreißig Meilen um Thackeray herum der einzige anständige Therapeut. Mit seinem weißen zerzausten Haar und seinem derben Humor ist er obendrein der einzige christliche Seelenklempner, den ich kenne, der bei den peinlichen Details aus deinem Leben nicht dieses lästige kehlige Brummen von sich gibt. Er besteht auch nicht wie ein bewusstseinskontrollierender Marsmensch auf ständigen Augenkontakt. Er ist einfach ein ganz normaler Kerl, der sehr viel mehr Meilen auf dem Tacho hat als ich, und ich mag ihn. Da Macs Sekretärin, Regina, ein Mitglied unserer Kirche ist, trafen wir uns außerhalb der Praxis in seinem Club im Schutz des Squashspiels. Meine wechselhaften Launen wurden immer mehr zum Gesprächsthema in der Gemeinde. Das Letzte, was ich gebrauchen konnte, waren Leute, die herausfanden, dass ich einen Psychiater konsultierte. Eines Tages saßen wir, nachdem Mac dreimal hintereinander haushoch gewonnen hatte, außerhalb des Courts auf dem Boden, um Atem zu schöpfen. „Und, wie geht’s uns diese Woche?“ fragte Mac. Ich seufzte auf. „Eigentlich schlechter als letzte Woche“, antwortete ich. „Ich kann immer noch nicht schlafen und habe drei Pfund zugenommen. Aber ich habe ein neues Hobby.“ „Welches denn?“ fragte er. „Verkehrsrowdy.“ Mac lachte. „Und was machen Sie, wenn Sie nicht schlafen können?“ „Sie meinen, wenn ich nicht gerade am Fernseher klebe und kiloweise Eiskrem verschlinge?“ fragte ich zurück. Mac lachte erneut. „Ja“.
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„Ich verbringe viel Zeit damit, an die Decke zu starren und alles in Frage zu stellen, woran ich die letzten zwanzig Jahre geglaubt habe. Ich verstehe nicht, was über mich gekommen ist. Ich war immer der „Bible Man“ - drücken Sie einfach auf den Knopf und ich liefere Ihnen die Antwort. Und bevor ich mich versehe, geht es mir wie Bertrand Russell. Jemand hat mir den Stuhl unter meinem Glauben weggezogen.“ „Und was für ein `Glaube´ war das?“ fragte er in seinem singenden irischen Akzent. „Ein unkomplizierter“, erwiderte ich. „Jesus nachzufolgen war so einfach. Auf jede Frage gab es eine logische Antwort, zu jedem Mysterium eine rationale Erklärung. An dem Tag, an dem ich auf die Bühne ging und mein Seminarzeugnis abholte, dachte ich, ich hätte eine ziemlich gute Vorstellung von Gott. Alles, was ich glaubte, stand sortiert und in Schachteln verpackt im Regal.“ Mac wischte sich mit einem Handtuch die Stirn. „Klingt nach einer Dragnet 2-Theologie“, meinte er. „Was bedeutet das?“ „Eine Art ´nur die Fakten, Ma´am`-Religion“, sagte er. „Ja, aber bei mir hat das zwanzig Jahre lang funktioniert. Jetzt habe ich mehr Fragen als Antworten.“ „Was für Fragen?“ „Gefährliche“, erwiderte ich mit gespieltem Ernst. Mac lächelte. „Zum Beispiel?“ „Zum Beispiel: Warum habe ich den heimlichen Verdacht, aus einer theologischen Schrift gelesen zu haben, die nicht von mir stammt? Ist das mein Glaube oder habe ich als Kind etwas übernommen, worüber ich nie wirklich nachgedacht habe? Wieso schäme ich mich für meine Fragen und Zweifel? Einst war mein Glaube voller Leben, jetzt erscheint mir alles so eintönig. Das macht mich ganz verrückt.“ „Wie kam es dazu?“, fragte Mac. 2
US-TV Serie: Polizeibericht.
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„Ich wurde über den Tisch gezogen“, sagte ich und klopfte mit dem Kopf des Schlägers gegen den Boden. „Von wem?“ „Schwer zu sagen. Von der gesamten christlichen Subkultur, schätze ich. Dieser winzige Teil der Welt war mal alles, was ich brauchte. Jetzt bin ich der Ansicht, dass er viel verspricht und wenig hält.“ Seit Monaten forderte alles, was nur im Entferntesten nach Evangelikalismus roch, meinen Würgreflex heraus. Bis dahin hatte ich immer alle Bücher verschlungen, die ein siegreicheres geistliches Leben in drei einfachen Schritten versprachen. Ich besuchte Konferenzen für Pastoren, auf denen prominente Sprecher mit einem Mund voll blendend weißer Zähne Reden schwangen und sich eher nach Tony Robbins als nach Jesus anhörten. Kürzlich lag in meinem Briefkasten die Einladung einer Megakirche zu einem Seminar über Gemeindewachstum und Evangelisation. In der Kopfzeile prangte das Thema der Veranstaltung: „Nimm für Jesus den Hügel ein!“ Auf einem Bild sah man den veranstaltenden Pastor mit der Bibel in der Hand neben einem Militärpanzer stehen. Vor ein paar Jahren war ich schockiert gewesen, als ein Freund aus dem Theologischen Seminar zum Katholizismus überwechselte, weil er fand, dass die Evangelikalen Jesus „mcdonaldisiert“ hätten. Allmählich verstand ich ihn. „Ich glaube nicht, dass die Wut der Knackpunkt ist“, sagte Mac. „Dahinter verbirgt sich ein anderes Gefühl.“ „Welches?“, fragte ich. „Angst“. „Angst wovor?“ „Sie fürchten, womöglich aus dem Spiel zu sein, falls sich in der Art, wie Sie Jesus nachfolgen, nichts ändert“, antwortete er. Mac stand auf, um sich am Wasserspender zu bedienen. Dass mich ein Kerl mit dünnen weißen Beinen, einem großzügigen Bauch und breiten Hintern im Squash so vernichtend schlagen konnte, war doch etwas peinlich. „Wie steht´s mit der Gemeinde?“ fragte er. 16
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„In der Klasse unserer jungen Erwachsenen halte ich gerade eine Lehrreihe zum Thema Absolute Wahrheit im Zeitalter des Relativismus.“ „Wie läuft es?“ fragte er. „Nicht so toll. Ich habe den Eindruck, dass ich Fragen zu beantworten versuche, die keiner stellt.“ „Sie auch nicht?“, fragte Mac sanft. Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Das Entmutigende daran ist, dass uns momentan die jüngere Generation davonläuft.“ „Irgendeine Ahnung warum?“ „Ich habe neulich eine ihrer Vertreter beiseite genommen und gefragt. Sie sagte, ich hätte „zu viele Gewissheiten“ und unser Sonntagsgottesdienst sei zu glatt. Sie streben alle in die hippe neue Gemeinde in Bridgewater, wo jeder auf Kerzen und Kinnbärte zu stehen scheint.“ Mac ließ sich auf den Boden nieder, um seine Knie auszustrecken. „Andere Pastoren in der Stadt schlagen sich mit denselben Problemen herum. Haben Sie schon mit irgendeinem von ihnen gesprochen?“ „Letzte Woche war ich bei einem Mittagessen für Pastoren.“ Mac verdrehte die Augen und kicherte. Es handelte sich um eine berüchtigte Ansammlung von Persönlichkeiten. „Und wie war´s?“ fragte er. „Es war ein Desaster. Einer der Sprecher zog über den Kulturkampf her und meinte, wir müssten dafür beten, dass Amerika „den Glauben seiner Gründungsväter wiederentdeckt“. „Oh je“, meinte Mac. „Danach steckten die Konservativen ihre Köpfe zusammen und diskutierten darüber, dass Amerika in den moralischen Abgrund schlittert und sie ihre Kirchgänger dazu bringen müssten, die Republikaner zu wählen. Als ich am liberalen Tisch vorbeiging, hörte ich, dass man die ´krypto-faschistischen Evangelikalen` davon abhalten müsste, das Land zu übernehmen“, machte ich meinem Herzen Luft. 17
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„Was taten Sie?“ „Ich hätte gehen sollen, aber ich blieb ein paar Minuten am konservativen Tisch stehen“, sagte ich. „Und?“ „Die Unterhaltung war so deprimierend, dass ich versuchte, etwas Humor hineinzubringen. Also sagte ich: ´Vielleicht sollten wir angesichts der drohenden Apokalypse Bunker bauen und einen Dosenvorrat anlegen.`“ Mac machte große Augen. „Wie haben sie reagiert?“, fragte er. „Sie starrten mich so böse an, dass ich dachte, mein Haar fängt gleich Feuer.“ Macs Gelächter hallte über den Flur. „Im Ernst, Mac, all die Fehden zwischen den konservativen und liberalen Theologen, den Guten und Bösen, habe ich gründlich satt. Jeder denkt, er hätte die Wahrheit für sich gepachtet. Am liebsten würde ich jeden Morgen mein Fenster aufreißen und schreien: ´Sagt mir, dass es noch mehr gibt. Es muss doch noch mehr geben!`“ Wir saßen eine Weile da und lauschten auf die Bälle, die von den Wänden der Courts abprallten. Ab und zu hörten wir, wie jemand wegen eines verlorenen Punktes etwas Obszönes schrie.“ Mac stand auf. „Haben Sie schon mal Die Truman Show gesehen?“, fragte er. „Den Streifen mit Jim Carrey?“ „Leihen Sie ihn aus. Er liefert uns etwas, worüber wir reden können“, sagte er. Ich erhob mich langsam. Im Internat hatte ich einen vorderen Kreuzbandriss im rechten Knie gehabt, und heute hatte ich meine Bandage vergessen. „Okay“, erwiderte ich neugierig geworden. „Ich fahre für drei Wochen nach Hause zu meiner Mutter. Wenn ich zurückkomme, rufe ich an, dann machen wir einen neuen Termin aus“, sagte er. Er hielt mir die Tür zum Court auf. „Eine weitere Lektion gefällig?“ fragte er spitzbübisch.
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Am Samstagabend kam Chip, unser student ministrie´s Pastor, vorbei, um mit mir Pizza zu essen und Die Truman Show anzuschauen. Für die Jugendarbeit bringt Chip alles mit, was sich ein Hauptpastor nur wünschen kann, und noch mehr. Er sieht gut aus, hat Charisma, ist sportlich, spielt Gitarre und geht nach Ansicht der Eltern auf dem Wasser. Das Einzige, was mich an ihm stört, ist, dass er in einem Zustand ständiger Überraschung lebt. Sobald ein Mensch ins Zimmer tritt, steht er auf, ruft „Alter!“ und umarmt selbigen, als hätte er ihn zehn Jahre lang nicht gesehen. Ich muss das wissen; er tut mir das schätzungsweise fünf Mal am Tag an. Ich wusste, dass Chip langsam ungeduldig wurde. Er ist zweiunddreißig und hat bereits angedeutet, dass er die Arbeit mit den Kids aufgeben möchte. Mir graut schon vor dem Tag, da ich ihn ersetzen muss. Mac hatte Recht. Die Truman Show war großartig. Jim Carrey spielt darin einen Kerl namens Truman Burbank, der in einer idyllischen Kleinstadt auf der kleinen Insel Seahaven aufwächst. Truman weiß nicht, dass er der Star der am längsten laufenden Reality Show der Fernsehgeschichte ist. Die Insel ist eine gigantische Soundbühne, seine Familie und Freunde sind Schauspieler, und fünftausend versteckte Kameras übertragen jede seiner Bewegungen in die Außenwelt. Doch mit der Zeit merkt Truman, dass irgendetwas nicht stimmt. Er spürt, dass es jenseits von Seahaven noch etwas anderes gibt, und obwohl alle versuchen, ihn zurückzuhalten, wächst in ihm der Entschluss, die Insel zu verlassen und die Wahrheit herauszufinden. Eines Tages flüchtet er in einem kleinen Boot, segelt durch einen gewaltigen Sturm und fährt gegen die Wand der Soundbühne, auf die der Horizont gemalt ist. Als er sich langsam daran entlangtastet, entdeckt er eine Tür und muss sich entscheiden. Kehrt er zu seinem perfekten Leben auf der Insel zurück oder begibt er sich durch die Tür hinaus in was immer ihn auf der anderen Seite erwartet? In der Schlussszene des Films verlässt Truman die einzige Welt, die er kennt, und entdeckt die wirkliche Welt. „Wenn das mal kein toller Film war“, sagte ich und schaltete den Fernseher aus. 19
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Chip zuckte mit den Schultern. „Er war ganz okay.“ Ich starrte ihn an. „Was soll das heißen, ´okay`? Er war voller Symbolik und Aussagekraft“, sagte ich. „Braveheart ist besser. Außerdem mag ich Jim Carreys Comedys mehr. Dumm und Dümmer ist total witzig“, antwortete er, den Mund voller Pizza. Ich stand auf. „Ist das dein Ernst? In diesem Film geht es um die Suche nach der Wahrheit, nach Transzendenz, nach einer höheren Realität. Dumm und Dümmer spielt nicht annähernd in dieser Liga“, entgegnete ich. „Hast du ihn schon gesehen?“, fragte er. Ich errötete. „Nein, aber...“ Chip erhob sich und durchwühlte seine Taschen nach dem Autoschlüssel. „Er wirkt halt nicht sehr glaubwürdig“, meinte er. „Warum sollte Truman die Insel verlassen wollen?“ „Du machst Witze, oder?“ „Er führte ein ziemlich gutes Leben.“ Langsam fragte ich mich, ob wir den gleichen Film angeschaut hatten, beziehungsweise überhaupt in derselben Galaxie lebten. „Aber Chip – er konnte doch gar nicht auf der Insel bleiben. Die ganze Sache war eine einzige Lüge!“ „Hast du gesehen, wie hübsch seine Frau war?“, fragte er. „Chip, wach auf!“ rief ich. Chips Miene verdunkelte sich und er verschränkte die Arme vor der Brust. „Chase, was ist zur Zeit nur los mit dir? Ich habe es langsam satt, immer wie ein Idiot behandelt zu werden. Du hast mich gefragt, was ich denke, und ich habe geantwortet“, sagte er. Das stimmte. In letzter Zeit provozierte ich ihn öfters. Und ich wusste auch warum. Chip war eine Ikone all dessen, woran ich mich rieb. Er vertrat die Parteilinie. Er stellte nichts in Frage. Und auf jedes Problem, das ihm das Universum zuwarf, wusste er eine einfache Antwort. Wie ein begossener Pudel folgte ich ihm zur Tür. 20
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„Es tut mir Leid, Chip. Ich fühle mich neuerdings ein bisschen ausgebrannt“, sagte ich reumütig. „Schon in Ordnung“, erwiderte er, aber ich wusste, dass es nicht so war. „Ich fahre jetzt besser nach Hause. Morgen erwartet mich ein anstrengender Tag“, gähnte er. „Ich habe den älteren Schülern erlaubt, mir den Kopf zu rasieren, falls sie genügend Sponsoren für unsere Missionsreise nach Mexiko finden. Ein paar von ihnen wollen ihre nichtchristlichen Freunde zum Zuschauen mitbringen.“ Nachdem Chip gegangen war, ging ich ins Bett und fand die x-te Nacht in Folge keinen Schlaf. Immer wieder spielte ich im Kopf alle Höhepunkte des Filmes durch. Man musste kein Wissenschaftler sein, um zu begreifen, warum Mac gewollt hatte, dass ich mir den Film anschaue. Ich war Truman. Ich argwöhnte, dass es jenseits der Insel des Evangelikalismus, auf der ich zwanzig Jahre zugebracht hatte, noch etwas anderes gab. Ich stand vor derselben Entscheidung. Sollte ich auf dieser Insel bleiben und an einer Gottesbeziehung festhalten, die ich zunehmend als schal und unbefriedigend empfand, oder würde ich sie verlassen und darauf vertrauen, dass es noch eine andere Art der Nachfolge gab? Sollte ich die Gemeinde weiterhin in die Richtung führen, an die ich selbst nicht mehr glaubte, oder nach einem neuen Weg suchen? Einen kurzen Moment lang ergriff mich ein Gefühl der Hoffnung und Erregung – dann kam die „du bist doch ein frecher Hund“ Stimme. Der Gedanke, meine kleine Insel zu verlassen, erschreckte mich. Ich begann zu verzweifeln. „Jesus, hilf mir hier heraus“, betete ich. „Einerseits will ich die Insel verlassen, andererseits kann ich mir nicht vorstellen, woanders zu leben.“ Ich zog mir die Decke über den Kopf, schlief langsam ein und träumte die ganze Nacht von undichten Booten und kochenden Meeren. Am nächsten Morgen tat ich im Gottesdienst etwas, was ich vorher noch nie gemacht hatte. Vielleicht stammte die Inspiration zu die21
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sem riskanten Schritt ja aus der Truman Show. Gegen Ende meiner Predigt zum Thema Anbetung wich ich von meinem Manuskript ab und begann zu improvisieren. Natürlich hatte ich das auch schon davor ein, zwei Sätze lang praktiziert, doch dies war ein ausgewachsener Exkurs. „Ich habe mir in letzter Zeit viele Fragen gestellt. Was, wenn Gott gar nicht so vorhersagbar und erklärbar ist, wie wir gerne glauben? Ich erinnere mich, dass ich in meinem ersten Collegejahr Faulkners Der Bär im Englischunterricht las. In der Geschichte verfolgt ein Junge namens Ike McCaslin die Spur jenes schwer zu fassenden Bären, der ein Symbol für den allmächtigen Gott ist. Nach vielen missglückten Versuchen wird ihm klar, dass er sich dem Tier ohne Gewehr und Kompass auf offenem Gelände stellen muss, um auch nur einen Blick von ihm erhaschen zu können. Einen flüchtigen Moment lang erscheint die herrliche Kreatur auf der Lichtung, schaut Ike über die Schulter an und verschmilzt wieder mit dem Wald wie ein Barsch, der in die Tiefen eines Sees verschwindet“, flüsterte ich. Während ich sprach, fragte ich mich, warum ich das nicht schon früher getan hatte. Ich vibrierte innerlich, durch meine Venen rauschte das adrenalingesättigte Blut. Dies war meine „Ich habe einen Traum“ Rede. Nach mehreren Minuten kam ich zum Schluss. „Was wäre, wenn wir hin und wieder die Instrumente weglegen, die Projektoren ausschalten, die Soundanlage herunterfahren und still darauf warten würden, dass Gott aus dem Wald tritt? Haben wir den Glauben, dass er bei uns erscheint?“ Ich war überwältigt. Ich hatte von einem Ort in meiner Seele aus gesprochen, von dem ich zwar immer wusste, dass er existierte, aber nicht, wie ich dorthin kam. Was ich gesagt hatte, war nicht vollkommen, aber vollkommen Ich. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhofft hatte. Eine Gruppe ekstatischer Gottesdienstbesucher vielleicht, die mich auf ihren Schultern durch den Saal trug und dabei meinen Namen skandierte. Selbst ein schwacher Applaus 22
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wäre nett gewesen. Stattdessen schauten alle, als hätten sie bei meiner Rede eine riesige Ladung Procain 3 ins Gesicht bekommen. Ich konnte das Universum förmlich gähnen hören. Nach dem Gottesdienst erklärten mir mehrere Leute, dass meine Predigt „interessant“ gewesen sei. Das, so wusste ich, bedeutete zehn Emails am Montagmorgen mit der Frage, ob ich kürzlich ein schweres Schädeltrauma erlitten hätte. Nicht lange und ich nahm eine gewisse Abwehrhaltung ein. Bill Archer war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Bill gehört nicht gerade zu den Feinfühligen unter uns. Er ist ein lauter Schulterklopfer sowie Besitzer einer Schädlingsbekämpfungslizenz, und seine Begabung, zur falschen Zeit das Falsche zu sagen, ist legendär. Wann immer er seinen Mund aufmacht, ist man gespannt, welchen Schaden er diesmal anrichtet. „Ich habe in meinem Leben ja schon manche Predigt gehört, aber die schießt den Vogel ab“, lachte er mit pfeifendem Atem. Bill war Anfang fünfzig, dicklich und hatte eine Haut, die durch das jahrelange Kettenrauchen teigig geworden war. „Woher hattest du die eigentlich? Aus dem Internet?“ Er glotzte in die Runde der neuen Besucher, mit denen ich mich gerade unterhielt, um zu sehen, ob es noch weitere Lacher gab, aber alle schwiegen zumeist betreten. Seelische Lavamasse begann aufzusteigen, zuerst in den Füßen, danach durch Knie und Brust in Richtung Schädeldecke. Der Ausbruch war nicht zu verhindern. Ich brachte mein Gesicht so nah an ihn heran, dass ich seine Haare in der Nase hätte zählen können. „Bill, warum setzt du dich nicht einfach hin und gönnst deinem Hirn eine Pause?“, presste ich zwischen den Zähnen hervor. Das Lächeln auf seinem Gesicht erstarb. Er murmelte etwas vom Sinn für Humor, der mir fehlen würde, und schlich davon. Die Dinge verschlechterten sich zusehends.
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Lokalanästhetikum.
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Es war ein neun Jahre altes Mädchen namens Iris Harmon, das mich zerbrach. Ich taufte Iris, als sie drei Monate alt war. Ihre Mutter, Maggie, war fünfunddreißig und erst seit kurzem trocken. Deren AA Sponsorin, ein Mitglied unserer Kirche, hatte ihr erzählt, dass Putnam Hill ein guter Ort wäre, um Wurzeln zu schlagen und eine höhere Macht zu finden. Maggie war in der katholischen Kirche groß geworden, hatte sogar katholische Schulen besucht – doch ihre Erfahrungen mit dem Katholizismus hatten bei ihr einen üblen Nachgeschmack hinterlassen. „Im Vierten Schritt meiner Reha musste ich meine Verbitterung gegen die Nonnen, die ich als Lehrerinnen hatte, aufarbeiten“, erzählte sie mir, als wir uns das erste Mal trafen. „Das ist so ziemlich vorbei. Ich kann mich jetzt hinten in eine katholische Kirche setzen und beten. Ich mag die Stille dort.“ Jeden Sonntag stand ich beim Kaffee nach dem Gottesdienst an der Seite dieses zerbrechlichen, stark nach Zigaretten und Reue riechenden Exjunkies. Sie war scheu wie ein Kaninchen, ihre Augen flogen in alle Richtungen und suchten beständig nach einem schnellen Fluchtweg. Eines Sonntags führte ich sie durch unser neues Gemeindezentrum und stellte sie einem unserer Ältesten vor. Mitten in der Unterhaltung ließ sie beiläufig die „F-Bombe“ fallen. Der Mann bekam einen Hustenanfall, als müsste er einen Volkswagen loswerden. Noch im selben Jahr fanden Maggie und Iris zu Jesus, und obwohl es eine Weile dauerte, bis wir sie zurechtgebogen hatten, wurden sie schließlich Teil unserer Familie. Ich begrub Iris vier Tage bevor ich mein Leben in die Luft jagte. Sie fiel vom Fahrrad, schlug mit dem Kopf gegen den Bordstein und wachte nie mehr auf. Ich war dabei, als Maggie den Ärzten gestattete, das Atemgerät abzustellen. Nachdem wir tagelang das Summen und Piepsen der Maschinen und Monitore gehört hatten, wurde es im Raum gespenstisch still. Er war schwül vor Verzweiflung. Maggie und ich hielten uns an den Händen und hefteten unseren Blick auf Iris´ kleine Gestalt, zierlich wie ein Spatz, in der 24
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Hoffnung, dass der Atem Gottes sie wieder zum Leben erweckte. Aber ruach kam nicht. Maggie fuhr mit den Fingern über Iris´ knorrige Beine, die sich schlaff und bewegungslos unter den weißen Laken abzeichneten, und flüsterte: „Oh Kind“, als habe sich ihr Mädchen lediglich den Kopf angestoßen und sei nach Hause gelaufen, um sich trösten zu lassen. Es war eine Totenklage, die das Universum dazu bringen konnte, in Schmerz und Übereinstimmung das Haupt zu beugen. Auf dem Krankenhausparkplatz wandte sich Maggie gegen mich. „Also wo ist Gott jetzt?“, fragte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Ich habe Christus mein Leben gegeben und alles gemacht, was Sie gesagt haben. Wie konnte er so etwas tun?“ Ihre Augen füllten sich mit Zorn. Etwas stieß mich über eine Grenze, von der ich nie gewusst hatte. Von einem Zimmer tief in meiner Seele aus sah ich eine Kiste, vollgestopft mit antikem Porzellangeschirr, die kippte und zu fallen begann. Ich beobachtete, wie ich in wilder Hast losrannte, um sie aufzufangen, doch ich erreichte sie nicht mehr rechtzeitig. Mit lautem Knall explodierte sie auf dem Grund meines Herzens. Holzsplitter und Porzellanscherben flogen durch meine Seele, während Maggie am Ende eines langen Tunnels zitternd vor Wut auf meine Antwort wartete. Ich stand in den Trümmern und eine Stimme flüsterte verachtungsvoll: Sag allem Lebewohl. Ich kam zum Glauben, als ich frisch am Stockford College in Danbridge, Massachusetts, begonnen hatte. Seit Generationen schon gab es an dieser wundervollen alten Schule eine ununterbrochene Linie von Falsons, die bis vor die Zeit des Bürgerkriegs reichte. Ich besitze ein Foto von mir, auf dem ich als Baby in den Armen meines Großvaters zu sehen bin und etwas trage, das aussieht wie ein unerträglich kratzender Wollpullover mit einem großen S vorne drauf. Seit dem Moment meiner Zeugung erwartete
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man von mir, dass ich eines Tages zu den Fighting Cardinals und der DKE 4 gehören würde. Meiner Meinung nach ist Stockford im Herbst der zauberhafteste Ort, den es gibt. Als ich das erste Mal im September auf dem Hof des College spazieren ging, kam ich mir vor, als sei ich mit dem Fallschirm mitten im Filmklassiker A Seperate Peace aus den Siebzigern gelandet. Die feurig lodernden Blätter der alten Eichen und Ahornbäume, die in einer langen Linie ihre Schatten auf den Fußweg hinauf zur Garnett Hall warfen, erzeugten in ihrer Pracht eine süße Melancholie im Zentrum meiner Brust. Die pure Schönheit dieses Ortes weckte in mir eine Sehnsucht nach etwas, das ich nicht beschreiben konnte, von dem ich aber wusste, dass es existierte. Während der freshman rush week lernte ich auf einer Party ein sehr hübsches Mädchen namens Leslie kennen. Eines späten Abends begleitete ich sie zu ihrem Wohnheim (unter weniger ehrenhaften Absichten, möchte ich hinzufügen), und unterwegs erzählte sie mir, dass sie „Christin“ sei. Noch nie hatte jemand so etwas zu mir gesagt, aber das spielte keine Rolle. Sie war so hübsch, dass mich auch die Mitteilung, sie sei ein Toaster, nicht hätte vergraulen können. „Du musst unbedingt Phil Barclay kennenlernen“, sagte sie mit dem ganzen übersprudelnden Enthusiasmus einer Cheerleaderin. „Wer ist das?“ Nichts hätte mir gleichgültiger sein können, doch es ging darum, das Gespräch in Gang zu halten. „Er ist der neue InterVarsity 5 Mitarbeiter auf dem Campus“, erwiderte sie. „Er ist von der Sportabteilung?“ Leslie lachte. „Nein, InterVarsity ist eine christliche Organisation. Ich weiß, ihr beide würdet euch gut verstehen. Komm doch morgen Abend zu unserem Treffen, dann stelle ich dich vor“, sagte sie mit einem Augenaufschlag. Mir war kaum bewusst, dass ich im Visier einer brillanten Evangelistin stand. 4 5
Studentenverbindung für junge männliche Studenten in den USA, gegründet 1844. Intervarsities sind Sportwettkämpfe unter den Hochschulen. InterVarsity ist eine überkonfessionelle, evangelistische christliche Studentenorganisation.
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Ich war kein viel versprechender Kandidat für die ganze Sache mit der „Wiedergeburt“. Als einziges Kind urbaner Episkopaler, die nicht einmal ansatzweise Interesse an der Kirche zeigten, war ich nicht im Tiefen Süden sondern in der Wiege des reichen Nordostens aufgewachsen. Meine Mutter stammte aus einer ländlichen Kleinstadt im Osten von Colorado und die Tatsache, dass ihre Eltern streng konservative Baptisten waren, wurde bei uns zu Hause kaum diskutiert. Einmal hörte ich sie einer Freundin erzählen, dass sie, nachdem sie mit einem Stipendium nach Smith gekommen war, das Joch ihrer „repressiven religiösen Kindheit“ gegen die eher dünnen spirituellen Wurzeln meines Vaters eingetauscht habe. Er wiederum behauptete, die Familie meiner Mutter treibe es „hektisch enthusiastisch“ mit der Religion, und ihre Hochzeit ohne Alkohol stelle noch immer eine Quelle der Peinlichkeit dar. Ich kann mich noch erinnern, wie ich einmal aus dem Internat nach Hause kam und meinen Vater fragte, ob wir Christen seien. „Um Himmels willen, nein!“, rief er aus und legte, zum selbigen blickend, seine Hand aufs Herz. „Wir sind Episkopale.“ Die Ehe meiner Eltern als Desaster zu bezeichnen, wäre milde ausgedrückt. Das Leben zu Hause glich einer Szene aus O´Neills Long Day´s Journey into Night. Mein Vater war ein großspuriger Alkoholiker, der sich jeden Nachmittag um fünf Uhr seinen ersten Scotch eingoss. Bis halb acht lief er benebelt im Haus herum, stieß gegen die Türrahmen und murmelte Entschuldigungen ins Leere. Manchmal stolperte er über mich, wenn ich im Wohnzimmer auf dem Fußboden spielte, und schaute verwirrt, als versuchte er, sich mit mir bekannt zu machen. Meine Mutter patrouillierte wie June Cleaver durch das Haus und träumte beim Aufräumen verloren von neuen Polstermöbeln. Es kostet viel seelische Energie, um diese Art Verleugnung aufrechtzuerhalten Als Phil kam, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, von einem beachtenswerten Mann „gesehen“ zu werden. Ich habe einmal gelesen, dass ein junger Mann, der keine Wertschät27
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zung durch einen älteren erhält, arm ist. Wenn das stimmt, war ich zum ersten Mal in meinem Leben reich. Wir verbrachten viel Zeit beim Lacrossespiel auf dem flachen Grashügel vor meinem Wohnheim oder im Gespräch beim Abendessen im Lancaster Union. Er hörte mir zu, als käme es auf jede Silbe meiner Worte an. Und dennoch gab es einen klaren Unterschied zwischen Phil und mir. Er stand auf solidem Boden, während ich ein Astronaut war, der schwerelos durch das All trieb. Ich hätte es seinem Vorsprung von zehn Jahren zuschreiben können, aber ich wusste es besser. Seine Füße waren in ein anderes Königreich gepflanzt. Meine waren überhaupt nicht gepflanzt. Als wir eines späten Abends in meinem Zimmer saßen, sprach Phil mit mir über das Evangelium. Alles schien so logisch und einfach. Die Vorstellung, ich sei das Objekt der Liebe Gottes, war berauschend. „Chase, gibt es für dich irgendeinen Grund, warum du Christus im Gebet nicht jetzt annehmen solltest?“ fragte Phil. „Ich denke nicht“, flüsterte ich den Tränen nahe. „Alles, was du tun musst, ist, Jesus dein Herz zu übergeben. Bitte ihn, der Mittelpunkt deines Lebens zu werden“, drängte er. „Wie soll ich das machen?“ Phil setzte sich neben mich aufs Bett. „Wir können gemeinsam dafür beten“, antwortete er. „Du meinst laut?“ Schweiß bildete sich auf meiner Stirn und rann mir über den Rücken. „Ich kann dir das Gebet vorsagen und du sprichst es nach“, beruhigte er mich. „Was, wenn ich mir nicht alle Worte merken kann?“, fragte ich. Ich besuchte gerade einen Kurs in “Die Literatur der Hebräischen Schriften“ und hatte soeben die ersten fünf Bücher des Alten Testaments gelesen. Daher wusste ich, dass es keine gute Idee war, Gott auf die Nerven zu gehen. „Mach dir keine Sorgen, es geht nicht um Worte. Es geht um das Herz“, erwiderte er. 28
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Ich konnte mir nicht vorstellen, mit jemandem laut zu beten, vor allem nicht mit einem Profi. „Ich glaube, das ist etwas, was ich lieber alleine tue“, sagte ich. Auf den Stufen von Jennings Hall schüttelte Phil mir die Hand und sagte, dass er mich am nächsten Tag anrufen würde, um zu hören, wie es mir ginge. Es war zwei Uhr morgens, als ich mit den Händen in den Taschen und bebenden Schultern hinaus auf den Hof trat. Es war zu kalt für Oktober. In der Nachbarschaft hatten die Leute vor dem Schlafengehen ihre Holzöfen beladen und der Geruch des brennenden Eichenholzes lag süß in der Luft. Ich starrte in den Himmel und entdeckte zum ersten Mal das Nordlicht. Mein Großvater hatte mir schon davon erzählt, dennoch traf mich seine Schönheit völlig unvorbereitet – rote, gelbe und grüne Lichtsäulen hingen wie Vorhänge am Firmament. Ich setzte mich auf die Stufen der Collegebibliothek und flüsterte in Tränen badend Ja zur Nacht. In den folgenden vier Jahren traf ich mich jeden Freitagmorgen mit Phil, damit er einen „Jünger“ aus mir machen konnte. Durch ihn gelangte ich zu der Überzeugung, dass ich mein Leben in den Griff bekam, wenn ich täglich Stille Zeit hielt, in die Kirche ging, den Zehnten gab, anderen von meinem Glauben erzählte und einem Kreis angehörte, in dem ich Rechenschaft ablegen musste. Er nannte die Bibel „Betriebsanleitung“, und wie die meisten Leitfäden sollte sie erklären, wie der Apparat funktionierte. Fand man in der Heiligen Schrift keine Antwort, dann las man sie schlichtweg nicht gründlich genug. Phil war ein hervorragender Apologet. Er bestückte mich mit Büchern von Autoren, die den rationalen Glauben verteidigten und bewirkten, dass ich die Vier Geistlichen Gesetze so auswendig lernte, als hätte Mose sie mitsamt den Zehn Geboten von Gott empfangen. Diese systematische Form der Religion wirkte auf ein Kind, welches geistlich völlig chaotisch aufgewachsen war, sehr anziehend – so anziehend, dass ich mein Leben darauf verwettete.
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Ich bezweifle nicht, dass Phil es gut meinte. Ich bezweifle auch nicht, dass der Jesus, der in jener Herbstnacht um mein Herz warb und es gewann, noch immer real ist. Es ist einfach nur so, dass ich mich irgendwo entlang des Lebensweges nach etwas zu sehnen begann, wovon mir Phil nie erzählt hatte. In den Tagen nach Iris´ Gedenkgottesdienst fühlte ich mich elend. Meine Trauer und Verwirrung konnte ich nirgendwohin tragen. Nur selten verließ ich meine Wohnung oder ging ans Telefon. Abends trank ich ein Glas Wein nach dem anderen in der Hoffnung, besser einschlafen zu können, aber es benebelte meinen Kopf nur und machte mein Herz noch bleierner. Einmal rief ich in angetrunkenem Zustand Mac gegen drei Uhr morgens an. Ich sprach auf seinen Anrufbeantworter und erklärte weinerlich und zusammenhanglos, wie einsam ich sei. Plötzlich packte mich die Wut und ich sagte, dass ich Gott und meine Gemeinde hasste. Ich war auf die andere Straßenseite geraten, schlängelte mich kreuz und quer durch den Verkehr, prallte von einer Leitplanke gegen die nächste, so dass die Funken sprühten und Radkappen rollten. Währenddessen hörte ich den Sonntag herannahen wie das Grollen eines Güterzuges in den Schienen, bevor er um die Ecke biegt. Ich hätte jemand anders bitten sollen, die Predigt zu halten, aber ich war nicht der Typ, der um Hilfe bat. Ein schwerer Fehler. Am Sonntag war der Saal gerammelt voll. In jeder Gemeinde gibt es ein oder zwei Kinder, die allen gehören, und Iris war eines davon gewesen. Die Umarmungen dauerten an diesem Morgen etwas länger, und hier und da sah man noch gerötete Augen. In der Woche davor waren die Leute scharenweise erschienen, weil sie einfach das Bedürfnis nach Gemeinschaft hatten. Seit drei Wochen präsentierte ich eine Serie von Fastenbotschaften über die letzten Worte Jesu. An jenem Sonntag sprach ich über seine trauervollen Worte „Mich dürstet“. Den Vortrag dazu hatte ich im Sommer ausgearbeitet: Ich wollte aufzeigen, warum der Durst nach Gott unnötig war. Meine Prämisse lautete, dass wir nur 30
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die biblischen und historischen Indizien für die Göttlichkeit Jesu sowie die forensischen Umstände zur physischen Auferstehung untersuchen müssten, um unweigerlich zu dem Schluss zu kommen, dass das Evangelium wahr ist. Wer an diese offensichtlichen Fakten glaubte, das Übergabegebet sprach und im Gehorsam lebte, schöpfte daraus lebenstragendes Wasser für seine ausgedörrte Seele. Bis Punkt drei lief alles gut. Dann begannen die Zahnräder zu knirschen und abzubrechen. Es war dasselbe schreckliche Krachen, wie ich es zuerst auf dem Krankenhausparkplatz mit Maggie gehört hatte. Doch diesmal klang es ohrenbetäubend. Ich schaute auf meinen Predigttext hinunter und verstand zum ersten Mal, was es bedeutete, an Dyslexie zu leiden. Es schien, als wären alle Worte auf meinem sorgfältig ausgearbeiteten Blatt in eine Massenkarambolage geraten. Ich schüttelte den Kopf und hoffte, dass die Buchstaben quer über das Blatt huschen und sich wieder zu sinnvollen Begriffen ordnen würden. In meinem Hals bildete sich ein Knoten und eine Woge der Niederlage und Verbitterung überrollte mich. Der Auftritt war zu Ende. Verzweifelt versuchte ich, mich zu fangen und auf mein Thema zurückzukommen, doch ich stürzte weiterhin auf die Erde zu. Kein Hochziehen des Steuerknüppels konnte das Flugzeug aus seiner tödlichen Spirale reißen. Zum zweiten Mal in meinem Leben wich ich vom Manuskript ab. „Nachdem ich Iris diese Woche beerdigt habe, ist etwas mit mir passiert“, sagte ich langsam und zögerlich, mit einer Stimme, die ganz anders war als sonst. Am liebsten hätte ich in Zungen geredet, in einer Sprache des Geistes, die diesen Menschen, die ich liebte, vermitteln konnte, was meiner Seele widerfahren war. Ich starrte nach unten – mein Herz pochte so heftig, dass die Vorderseite meines Hemdes pulsierte. Ich fragte mich, ob man es über mein Knopflochmikro hören konnte. „In der Nacht, in der Iris starb, starb auch etwas in mir ... da war diese Stimme in meinem Kopf ... oder besser, diese Kiste Porzellan, die irgendwo tief unten aufschlug ... mein Glaube starb nicht plötzlich ... es geschah langsam ... ich habe alles versucht, um ihn zu31
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rückzugewinnen, aber ...“. Ich brach ab und versuchte, meine Gedanken neu zu ordnen. Im Saal erklang nervöses Husten. Benommen und angewidert setzte ich mich auf den Rand der Bühne und wusste, dass nichts von dem, was ich sagte, irgendeinen Sinn ergab, nicht einmal für mich. Ich sah die Leute, die ich getraut, Ehepaare, die ich beraten, Kinder, die ich getauft und Männer und Frauen, die ich zum Glauben geführt hatte. Ich war von einem Kummer erfüllt, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte und kein zweites Mal erleben wollte. Und dann, wie ein Alkoholiker bei seinem ersten Treffen mit den Anonymen Alkoholikern, bekannte ich gequält: „Ich habe meinen Glauben verloren.“ Jedes Quäntchen Sauerstoff war aufgesaugt. Ich blickte auf und sah Maggie mit einem feinen Lächeln auf den Lippen in der vordersten Reihe sitzen und mir zunicken. Es war, als würde sie einen kleinen Jungen, der beim Erstklässler-Theater seinen Text vergessen hatte, zum Weiterspielen ermuntern. Mühsam fuhr ich fort: „Immer hatte ich auf alles eine Antwort, ich schlug einfach die Bibel auf und schon war sie da. In Wahrheit findet man da aber gar nicht alle – zumindest ich nicht. Ich habe versucht, euch davon zu überzeugen, dass das Christentum logisch und verständlich ist, als ließe sich Gott festlegen und in Dateien packen, aus denen er nicht mehr herauskommt. Sobald die Ungewissheit an die Tür klopfte, verkroch ich mich hinter dem Sofa, bis sie wieder abzog. Jetzt bin ich es, den dürstet.“ Meine Kehle war so zugeschnürt, dass es wehtat, meine Stimme müde und heiser. „Und der Jesus, den ich seit zwanzig Jahren kenne, unternimmt nichts dagegen.“ Ich erhob mich. „Und unsere Gemeinde? Ich meine, ist das alles? Menschen, hungrig nach Gott, kommen zu uns herein, unterschreiben auf einer Karte, dass sie uns in allem vertrauen, was wir tun, und werden anschließend domestiziert.“ Ich breitete meine Arme aus und sah zur Decke empor. „Putnam Hill - Alles, was Sie von einer Kirche gewohnt sind und Weniger“, rief ich aus.
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Ich war erschöpft. Das Wasser meiner Taufe rann mir übers Gesicht. Ich schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich sind wir alle Dummköpfe.“ Damit schlurfte ich den Mittelgang entlang zum Ausgang. In meinem Büro angekommen schloss ich die Tür und ließ mich auf das Ledersofa fallen, das ich unter die großen Fenster mit Blick auf unser Gelände geschoben hatte. Der Thomas Kinkade Druck an der Wand hinter meinem Schreibtisch war ein Geschenk von einem älteren Ehepaar, das ich getraut hatte. Ich starrte ihn skeptisch an: das warme, idyllische Licht, die häusliche Geborgenheit in einem Wald – all das wirkte wie Hohn auf mich. Ich sah diese porträtierte Welt so, wie sie wirklich war – nicht existent. Ein paar Minuten später flog die Tür auf und Ed Dalton, mein Hauptältester, marschierte herein. Ed war Geschäftsführer bei einer der größten Fluggesellschaften der Welt gewesen. Er sprach gerne davon, dass ein Ältestenmeeting im Vergleich zu Verhandlungen mit Arbeitnehmerverbänden nichts sei. Er war dafür bekannt, dass er kein Blatt vor den Mund nahm. „Was war das eben?“, fragte er. „Ed, ich ----“ „Hast du den Verstand verloren?“, brüllte er. Ich rieb mir die Augen in der Hoffnung, dass er dadurch verschwinden würde. „Gib mir bitte eine Minute, dann ---“ „Ich rufe die Ältesten zusammen. Wann können wir uns treffen?“ „Ich weiß nicht“, stammelte ich. „Ich denke, ich brauche erst mal einen Tag, um ---“ „Nicht morgen, heute.“ Ich war zu müde zum Streiten. „Sechs Uhr?“ „Fein“, sagte er und stürmte so wütend hinaus, wie er hereingekommen war. Ein paar Minuten später vernahm ich Schritte vor der Tür, gefolgt von einem leisen Klopfen. Ich war sicher, dass der nächste Älteste gekommen war, um mir den Kopf zu waschen, aber, Gott segne 33
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sie, es war Maggie. Stolz und Tränen mischten sich in ihren Augen. „Das war die beste Predigt, die Sie je gehalten haben.“ In diesem Moment furioser Gnade schloss mich Maggie in ihre Arme, und ich weinte. Am selben Abend erschienen sechs der neun Ältesten in meiner Wohnung. Den ganzen Nachmittag lang hatte ich mich auf den Moment vorbereitet, da diese Männer, die ich allesamt liebte, wie ein Zug Krähen den geraniengesäumten Schieferplattenweg heraufmarschiert kamen. Bevor sie noch klingeln konnten, lief ich zur Fliegengittertür und hielt sie schweigend auf. Wir setzten uns im Kreis ins Wohnzimmer. Nach einigen Minuten des Wartens, dass jemand den Anfang machte, gab ich mein Bestes, um das Eis zu brechen. Der scharfe Sarkasmus in meiner Stimme überraschte mich selbst. Innerhalb weniger Stunden war meine Zerknirschung in Wut und Gereiztheit übergegangen. „Ich würde euch ja etwas zu trinken anbieten, aber für Kaffee ist es wohl schon zu spät.“ Die Luft im Raum war so dick vor Unbehagen, dass man sie hätte mit einem Messer schneiden und als Kuchen servieren können. Ed ergriff zuerst das Wort. Als Chefältester hatte er den Aufschlag. „Chase, vor ein paar Stunden haben wir uns getroffen und beschlossen, dass du eine Auszeit brauchst.“ Ich hatte ihn noch nie in einem solch beflissenen Ton reden hören. „Wie lange?“, fragte ich. „Lange genug, damit du dir über manches klar werden kannst, und ---“ sein Blick wanderte von einem zum anderen im Raum. „Und?“, fragte ich. Er blickte zu Boden und stieß die Luft durch die Zähne. Plötzlich wirkte er älter als sonst. „Und lange genug, damit wir uns in der Gemeinde darüber klar werden können, was wir tun sollen. Schon bevor das heute passiert ist, haben sich die Leute gefragt, ob du nicht aus Putnam Hill fortgehen solltest. Niemand kann die Tatsa-
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che bestreiten, dass du diese Gemeinde aufgebaut hast. Aber du hast dich verändert.“ Als nächstes sprach Peter Collins. Peter, Thackerays beliebtester Kinderarzt, war ein feiner Kerl. Jahrelang hatte er mich jede Woche angerufen, nur um sich zu erkundigen, wie es mir ging. „Seit geraumer Zeit bist du nicht mehr du selbst, Chase“, sagte er. „Wir wissen zudem von deinen Zusammenkünften mit Dr. McNally“, warf Hal Frick ein und klang dabei wie die Böse Hexe des Westens aus Der Zauberer von Oz. Offenbar besaß Macs Sekretärin Regina ein gutes Mundwerk. „Deine Launen verängstigen die Mitarbeiter – und weiß Gott, du schuldest Bill Archer eine Entschuldigung“, fügte er hinzu. Bill und Hal waren die besten Freunde. Sie verdienten einander. Ich sackte in meinem alten Lehnsessel zusammen. „Was schlagt ihr also vor?“ Mein Zorn verwandelte sich nun in Scham, ein wohlbekanntes Muster bei mir. Ed fuhr fort. „Wir möchten, dass du Urlaub nimmst. Chip kann sich hier um alles kümmern, solange du weg bist.“ Ich konnte es nicht fassen. Vierzehn Jahre mühevollste Arbeit sollten in die Hände eines Kerls, der auf Dumm und Dümmer stand. „Und was dann?“, fragte ich. „Wir wollen nicht vorgreifen. Wenn du zurück bist, setzen wir uns wieder zusammen und schauen, wo wir stehen“, entgegnete Ed. Guter alter Marvin Ballard. Er sprach nie viel bei den Treffen, aber wohin er kam, war Gott gegenwärtig. „Tut mir Leid, Chase“, murmelte er. Ich erinnere mich nicht mehr, was die anderen anschließend dachten oder sagten. Es entstand eine Diskussion über meine weitere Bezahlung und darüber, dass ich das Büro nicht mehr betreten oder mit den Gemeindemitgliedern verkehren sollte. Man fürchtete wohl, ich könnte um meinen Job kämpfen wollen und am Ende die Gemeinde spalten. Zuletzt begleitete ich sie zur Tür. In dem Augenblick, da ich glaubte, das Schlimmste sei vorüber, drehte sich Ed noch einmal um und sagte: „Chase, wir haben diese Kirche 35
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gemeinsam aufgebaut. Ich habe es dir wahrscheinlich nie gesagt, aber ich habe dich immer wie einen Sohn geliebt. Was du heute getan hast, hat mir das Herz gebrochen. Vielleicht hätte ich es merken müssen, als du aus den Gleisen gerutscht bist, aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass du zu so etwas wie heute fähig bist. Noch nie war ich von einem Menschen so enttäuscht wie im Augenblick von dir.“ Zum ersten Mal in unserer vierzehnjährigen Freundschaft sah ich Tränen in Eds Augenwinkeln. Bei mir selbst fielen die letzten Bollwerke des Trotzes. Ich sehnte mich danach, von diesem Mann in die Arme genommen zu werden, während ich ihn um Vergebung bat. In meinem Herzen schwang eine außer Kontrolle geratene Abrissbirne. „Ich hoffe jedenfalls, dass du dich wieder fängst“, schloss er. Ohne auf meine Antwort zu warten, ging er davon. Auch gut. Ich hatte nichts dazu zu sagen.
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II Die geographische Pilgerschaft ist der symbolische Akt aus einer inneren Reise heraus. – Thomas Merton, Mystics and Zen Masters
Franziskus wünschte sich, dass alles Pilgerschaft und Exil singt. – Thomas von Celano, Vita II
Nach meinem Gespräch mit der Gemeindeleitung setzte ich drei Tage lang keinen Fuß vor die Tür, aus Angst, auf der Straße oder in einem Laden jemandem aus der Gemeinde zu begegnen. Ich ließ mir chinesisches Essen bringen, trank Diätcola in toxischen Mengen und sah mir die Wiederholungen von Alle lieben Raymond an. Ich versuchte Mac zu erreichen, doch sein Anrufbeantworter sagte, dass er noch immer verreist sei und das Band erst bei seiner Rückkehr abhören würde. Da kam mir die Idee, Onkel Kenny anzurufen. Kenny ist der älteste Cousin meiner Mutter. Weil sie zusammen aufgewachsen und als Kinder so eng befreundet gewesen waren, bestand meine Mutter darauf, dass ich ihn Onkel nannte. Nach dem College lehnte Kenny das Jurastudium ab und unterrichtete stattdessen Englisch an der Highschool in Durango, Colorado. Als er neununddreißig Jahre alt war, kehrte seine schwangere Frau Susan gerade von einem Besuch bei ihrer Familie in Wisconsin zurück, als das Flugzeug, in dem sie saß, über die Landepiste hinausschoss. Alle an Bord waren sofort tot. Die Verwandtschaft meint, er habe sich nie vollständig von dem Verlust erholt. Die Tatsache, dass er zwei Jahre später das Undenkbare tat, beweise das – er verließ den konservativen Schoß der Baptisten und wechselte 37
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zu den Katholiken. Aber nicht nur das, er wurde auch Priester bei den Franziskanern. Ein konservativer Baptist, der zu den Katholiken überläuft, ist dasselbe wie ein Papst, der Mormone wird. Das langfristige Überleben des Kosmos steht auf dem Spiel, wenn solche Dinge passieren. Der Grund, warum meine Mutter das Entsetzen der Familie über Kennys Konvertierung nicht teilte, mag darin liegen, dass sie bereits zu den Episkopalen gehörte. Beide waren sie nun angesehene Mitglieder im Club der Schwarzen Schafe. Ungefähr bis zu meinem neunten Lebensjahr kam Onkel Kenny an allen großen Feiertagen zu uns nach Hause. Auf seine Besuche freute ich mich genauso sehr wie auf den Nikolaus oder Osterhasen. Die Sonne Colorados hatte sein Gesicht gegerbt, und seine Augen waren von einem auffallenden Kobaltblau. Wenn er kam, jagten wir über den Hof oder gingen den Hügel hinunter zum Staubecken, um Schwarzbarsche zu angeln. Er gehörte zu den Gemütern, die mit Gott vertraut zu sein schienen. Schon als Junge empfand ich, dass er etwas Leuchtendes an sich hatte. Im Gegensatz zu meinem Vater nahm Kenny die Menschen um sich herum uneingeschränkt wahr. Trotz seiner liebevollen Art stellte er hohe Ansprüche. Er tolerierte es nicht, wenn man nicht sein Allerbestes gab – aber für den Fall, dass man es nicht schaffte, hielt sein Herz ein Sicherheitsnetz des Erbarmens bereit. Kennys Geist war mindestens ebenso geschmeidig wie sein Herz gütig. Nach seiner Priesterweihe setzte er seine Studien an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom fort und wurde ein geachteter Geistlicher Rat. Zwanzig Jahre lang hütete er die Seelen angehender Priester, bevor er sich halb zur Ruhe setzte. Nun verbrachte er seine Zeit damit, zwischen den Klöstern von Assisi und Rom hin und her zu pendeln. Ich bin mir nicht sicher, was mich dazu beflügelte, bei ihm anzurufen. Es war Jahre her, seit wir länger miteinander gesprochen hatten. Als ich anrief, erklärte mir ein junger Postulant in holprigem Englisch, dass Kenny gerade die Messe las. Zwei Stunden später 38
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klingelte das Telefon und ich hörte diese vertraute Stimme mit all ihrer Wärme und Gnade, wie ich sie von Kind auf kannte. Ich fand keinen Einstieg zum Beweggrund meines Anrufs. Wir redeten einige Minuten lang über die Familie, bis Kenny selbst darauf zu sprechen kam. „Chase, du hast mich doch nicht angerufen, weil du glaubst, etwas nachholen zu müssen, oder?“ „Ich habe ein Problem, Onkel Kenny“, erwiderte ich. Am anderen Ende herrschte kurzes Schweigen. „Was für ein Problem?“, fragte er ruhig. Ich stieß einen Seufzer aus. „Gott.“ „Ah“, machte er. Offensichtlich waren einem geistlichen Berater solche Bekenntnisse nicht unbekannt. Innerhalb der nächsten zwei Stunden erzählte ich ihm alles. Ich berichtete von meinem Zusammenbruch im Gottesdienst, von meiner Ernüchterung gegenüber der Kirche und meinem schwankenden Glauben. „Ich kann nicht mehr so weitermachen, Kenny. Ich bin sicher, dass es einen Jesus gibt, den ich noch nicht kenne. Wie finde ich ihn nur?“ Ich hielt inne, um Atem zu schöpfen, und Kenny nutzte die Pause. „Komm nach Italien“, sagte er. „Was?“ „Komm nach Italien.“ Ich wollte gerade einwenden, dass ich das unmöglich tun konnte, als mir dämmerte, dass ich das sehr wohl konnte. Die Ältesten hatten mich gebeten, zu verschwinden, und ich konnte mich nicht ewig in meiner Wohnung einschließen. „Bist du sicher? Ich will dir nicht zur Last fallen“, sagte ich. „Es wäre lustig. Außerdem habe ich so eine Ahnung, dass ich jemanden kenne, der dir helfen kann“, meinte er. „Aber er ist kein Exorzist, oder?“, fragte ich. „Ihr Katholiken steht ja ungemein auf Exorzisten.“ „Nein“, lachte er. „Er ist kein Exorzist.“ „Was soll ich mitbringen?“ fragte ich. „Ein offenes Herz, einen offenen Geist. Oh, und ein Tagebuch.“ 39
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„Ein Tagebuch? Wozu?“ „Vertrau mir“, meinte er. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich diese Worte hörte. Fünf Tage später flog ich nach Italien. Auf meinem Gang durch den Flughafen von Florenz befiel mich dieselbe Angst, die Kinder ohne Begleitung nach einem langen Flug empfinden müssen. Diese armen Kids haben mir schon immer Leid getan. In der Regel erwartet sie am Gate eine überaus fröhliche Empfangsperson mit Walkie Talkie, heftet ihnen ein lächerlich großes Smiley an die Brust und eskortiert sie zur Gepäckausgabe, wo ihre Verwandten bereits händeringend auf sie warten. Als ich das Flugzeug verließ, sehnte ich mich nach einem solch tröstlichen Beistand, der mir bei der Suche nach Kenny half. Ich hätte sogar das Smiley auf meiner Brust ertragen. Zum Glück ist der Florenzer Flughafen klein. Es war unschwer zu erkennen, dass der Mann neben dem Gepäckkarussell mit dem braunen Kapuzenhabit und dem Strick um die Taille Onkel Kenny war. Gelassen stand er im Tumult schreiender und winkender Italiener (Italiener schreien und winken auch im Schlaf), als sei er die Nabe einer geheimnisvollen Gebetsmühle, um das sich die Welt notgedrungen drehen muss. Von seiner Aufmachung abgesehen, sah er aus wie die betagte Version des Cowboys aus der alten Marlboro Werbung. Eins neunundachtzig groß und drahtig, das Gesicht ein Liniennetz tiefer Furchen. Ich schmunzelte, als ich ihn mit Zigarette, Birkenstockschuhen und einem alten Lederrucksack über der Schulter sah. „Hallo Onkel Kenny“, sagte ich. Er wandte sich um. Seine Augen, voller Kraft und Güte, erhellten sich. Er hüllte mich in seine Tunika und flüsterte mir ins Ohr: „Hallo, Chase Falson. Hallo.“ Als Gott die Sprache erschuf, versäumte er Worte einzufügen, die der blendenden Schönheit der Florenzer Altstadt gerecht werden. 40
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Das glattpolierte Kopfsteinpflaster auf den Straßen birgt Geschichten aus lang vergessenen Tagen. Kenny setzte mich am Hotel ab und fuhr weiter, um Verschiedenes zu erledigen. Er versprach, rechtzeitig zurück zu sein, um mich zum unvergesslichsten kulinarischen Erlebnis meines Lebens abzuholen. „Vertrau mir“, rief er mir durch das Beifahrerfenster zu, „du hast erst dann gegessen, wenn du in Firenze gespeist hat.“ Kennys Wagen entfernte sich langsam vom Bordstein. „Wann lerne ich den Exorzisten kennen?“, brüllte ich. „Heute Abend!“, schrie er, als er davonbrauste. Ich weiß nicht, warum Kenny mir ein Zimmer im Helvetia & Bristol, einem der teuersten und feudalsten Hotels in Florenz, gebucht hatte. Ende des neunzehnten Jahrhunderts erbaut, erinnert jeder Raum an die glorreiche Geschichte der Stadt. Als der Page die Tür zu meinem Zimmer öffnete, verschlug es mir den Atem. Es enthielt dicke Seidenvorhänge, eindrucksvolle Kunstgegenstände, eine elegante Ausstattung und die Aussicht auf den Dom. Nachdem ich meine Taschen ausgepackt hatte, ging ich nach unten und wartete draußen auf Kenny. An der angrenzenden Ecke stand ein verlassenes Karussell, dessen Lichter längst gelöscht worden waren und dessen Lied nicht mehr erklang. Die bemalten Holzpferde hingen ohne fröhliche Reiter auf dem Rücken gefangen im Scheintod. Während ich sie anstarrte, fragte ich mich, wen Kenny zum Abendessen mitbringen würde. Mein „Exorzist“. War er ebenfalls Priester oder ein Therapeut? Meine Gedanken über den mysteriösen Fremden rückten sofort in den Hintergrund, als ich Kennys alten Fiat erspähte, der quer durch den Verkehr jagte. Eine Gruppe Fahrradfahrer schrie und vollführte Gesten, die ich zu Hause nie gesehen hatte, deren Bedeutung jedoch nicht schwer zu erraten war. Kreischend hielt der Wagen direkt vor mir am Randstein. Er glich einem Ding, welches Mel Gibson in Mad Max II – Der Vollstrecker hätte lenken können.
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Zwischen dem Zustand des Autos und Kennys Fahrkünsten geriet die Fahrt zum Restaurant zu einer Übung zum Aufbau meines Glaubens. Kenny hatte bezüglich des Essens nicht übertrieben. Es bildete einen Vorgeschmack auf das große endzeitliche Bankett – Salat, warmes Brot, Linguini in rosaroter Wodkasahne mit Räucherlachs und Erbsen obenauf, dazu reichlich Tafelrotwein. Als der letzte Gang abgeräumt war, wusste ich, dass alles, was ich bis dahin gekostet hatte, ein Schatten dessen war, wozu Gott Nahrungsmittel ursprünglich vorgesehen hatte. „Ich hatte gehofft, dein Freund würde hier sein. Kommt er zum Dessert?“, fragte ich. „Nein, ich denke nicht“, sagte Kenny. Ich war ein wenig enttäuscht. „Wann werde ich ihn kennenlernen?“ Kenny goss noch etwas Wein in unsere Gläser. „Die Identität meines Freundes wird dich möglicherweise überraschen.“ „Wer ist der Mann?“, fragte ich. „Sein Name ist Giovanni de Pietro de Bernardone.“ „Ist er Franziskaner?“ „Definitiv.“ „Also, wer ist er?“, fragte ich ungeduldig. „Franz von Assisi.“ Ich ließ meinen Löffel fallen. Auch als evangelikaler Protestant weiß ich, dass Franziskus ein katholischer Heiliger aus dem dreizehnten Jahrhundert ist und berühmt dafür, dass er in den Gärten anderer Leute plastische Vogelbäder hochhält. „Du machst Witze, oder?“ Kenny nahm einen Schluck Wein. „Nein, Franziskus ist --- “ „Du meinst, ein Kerl, der seit achthundert Jahren tot ist, kann mir helfen?“ „Ich weiß, es klingt verrückt, aber --- “ sagte Kenny. Ich betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. „Kenny, du willst doch nicht etwa, dass ich Katholik werde, oder?“ Ich war mir nicht si42
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cher, ob das Baptistenherz meiner Großmutter einen weiteren „Papisten“ in der Familie verkraften würde. Kenny lachte. „Keine Sorge, ich bin nicht darauf aus, dich zu bekehren“, sagte er, während er eine Zigarette anzündete. Ich war so vor den Kopf gestoßen, dass ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte. Ich versuchte zu begreifen, dass ich den ganzen Weg nach Europa zurückgelegt hatte, um einen Toten zu treffen. Ich beugte mich vor. „Kenny, warum hast du mir das nicht am Telefon gesagt?“ „Wärst du dann gekommen?“, fragte er. Ich schwieg. „Chase, gib mir dreißig Minuten, um dir alles zu erklären. Wenn ich dich nicht überzeugen kann, spendiere ich dir ein Rückflugticket erster Klasse. Abgemacht?“ Kenny zog seinen Stuhl um den Tisch herum zu mir heran. „Nach unserem Gespräch neulich Abend wurde mir bewusst, dass ein Priester im Mittelalter mit derselben Ernüchterung zu einem seiner Vorgesetzten hätte kommen können“, sagte er. „Es fällt mir schwer, das zu glauben.“ „Sei dir da nicht so sicher. Das Mittelalter war eine Epoche des Umbruchs, und die Leute hatten die herkömmliche Art der Nachfolge Jesu satt.“ „Und da erschien Franziskus auf der Bildfläche?“ Kenny nickte. „Als das Ansehen der Kirche und des Christentums gerade seinen Tiefpunkt erreicht hatte, kam Franziskus.“ „Was verstehst du unter Christentum?“ Ich wollte sichergehen, dass wir über die gleiche Sache redeten. „Manchmal bezeichnen wir damit den Teil der Welt, der von Christen bewohnt ist. In Wirklichkeit aber war das Christentum im engeren Sinne ein Ideal, welches über die Jahrhunderte hinweg der Inspiration diente“, erklärte Kenny. „Franziskus hauchte ihm wieder Leben ein und rettete es.“ Ich hob die Augenbrauen. „Rettete es? Wie?“ Kenny winkte dem Kellner, damit er uns Kaffee brachte. „Indem er ein kompletter Idiot war“, sagte er. 43
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„Wie bitte?“ „Franziskus war verrückt genug, mehr als irgendein anderer in der Geschichte ein jesusähnliches Leben zu führen, und das veränderte die Welt. Man nennt ihn immer noch ´der letzte Christ`“, erklärte er. Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. „Und du glaubst, er kann das heute wieder tun? Die Kirche retten?“, fragte ich. „Sie könnte seinen Rat gebrauchen“, antwortete er. „Wieviel Zeit habe ich noch?“ Ich lächelte und sah auf die Uhr. „Sechsundzwanzig Minuten.“ Kenny blies den blauen Rauch in die Luft. „Wie mache ich mich?“ „Du hast noch keine Verbindung zwischen mir und Franziskus hergestellt.“ „Ich denke mir das so. Lass uns umherreisen. Lass uns Orte besuchen, die in Franziskus´ Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, und sehen, was passiert“, sagte er. Ich beugte mich über den Tisch. „Das ist alles?“, fragte ich. „Yeah“, antwortete Kenny. „Ich habe einen Nervenzusammenbruch und du willst mich durch die franziskanischen Heiligenschreine führen?“ „Ich mache keine Führungen“, sagte Kenny indigniert. „Wir gehen als Pilger.“ „Als Pilger?“ Ich sah uns beide auf blutigen Knien altertümliche Stufen hinaufkriechen, um eine weinende Marienstatue zu berühren. So etwas hatte ich schon im Discovery Channel gesehen und jedes Mal Zustände bekommen. „Kenny, ich bin Protestant. Wir pilgern nicht.“ Kenny drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus. „Du weißt gar nicht, was Pilgerschaft wirklich ist, oder?“ Ich war versucht, ihm als Antwort die Zunge herauszustrecken und zu sagen: „Doch!“, aber ich beherrschte mich. „Das Wort Pilgerschaft leitet sich aus dem lateinischen Wort peregrinus ab und bezeichnet einen Menschen, der im Exil durch die
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Welt wandert und auf der Suche nach einer geistlichen Heimat ist. Wenn ich mich nicht irre, klingt das reichlich nach dir.“ Es war schwierig, mit ihm darüber zu streiten. „Betrachte es so“, fuhr er fort, „eine Wallfahrt ist eine Art Beten mit den Füßen. Du unternimmst eine Pilgerreise, weil du weißt, dass in deiner Seele etwas fehlt und die einzige Möglichkeit, es zu finden, die heiligen Stätten sind, Plätze also, an denen Gott sich anderen Menschen offenbart hat. An heiligen Orten wird etwas mit dir gemacht, wozu du selbst nicht in der Lage bist.“ Ich signalisierte dem Kellner, uns mehr Kaffee zu bringen. Ich wusste, dass ich es später bereuen würde, aber der Jetlag begann mich einzuholen. „Kenny, ich will nicht unhöflich sein, aber was du da beschreibst, klingt ein wenig gespenstisch.“ „Hast du schon mal von der „Spiritualität des Ortes“ gehört?“ „Nein.“ „Wenn ein Pilger einen heiligen Ort besucht und dessen Geschichte hört, passiert etwas Mystisches. Die geistliche Energie dieses vergangenen Ereignisses wird freigesetzt und spricht zu dem Herzen des Pilgers. Besonders wenn man es mit einem Ritual verknüpft.“ „Du glaubst daran?“, fragte ich. „Klingt abgefahren, ist aber eigentlich nichts Ungewöhnliches. Erinnerst du dich an die Zeit, als ich dich ins Yankee Stadion mitnahm?“ „Natürlich.“ Es gehörte zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Mein Vater weigerte sich, mit mir zum Baseball zu gehen, denn er hielt es für den Sport des gemeinen Volkes. Kenny hatte seine Liebe zu diesem Spiel an mich weitergegeben, und dafür schuldete ich ihm Dank. „Weißt du noch, was du empfunden hast, als wir in den Park hineingingen? Wie ehrfürchtig du vor dem Spielfeld und dem Lärm der Zuschauer gestanden bist? Ich wette, du dachtest in dem Moment an die Geschichte des berühmten Spielers, der nach einer ganzen Serie Home-Runs den spielentscheidenden schlug und sagte: ´Es geschah hier.` Dann vollzogen wir das Ritual, indem wir 45
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unsere Yankeemützen aufsetzten, Hotdogs kauften, Fähnchen schwangen und mit allen anderen die Baseballhymne: Take Me Out to the Ball Game sangen. Und was passierte? Ritual und Raum trafen aufeinander, und die Energie der Sternstunden dieses Stadions wurde freigesetzt. Wir fühlten etwas Transzendentes. Das ist es, wovon ich rede“, sagte er. Ich schüttelte den Kopf. „Kenny, ich bin dir sehr dankbar für alles, was du für mich tun willst, wirklich. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das etwas für mich ist.“ „Christen gehen auf Pilgerreisen seit der Zeit Jesu.“ „Kenny ---“ „Schon mal von Thomas Merton gehört?“ Jetzt hatte er meine Aufmerksamkeit. Merton war ein Trappistenmönch, der in den fünfziger und sechziger Jahren durch seine Bücher über das kontemplative Leben berühmt geworden war. Als junger Christ hatte ich eine tiefe Mertonphase durchgemacht. „Klar, ich habe manches von ihm gelesen“, sagte ich. In Wirklichkeit kannte ich alles, was er je geschrieben hatte. „Merton glaubte fest an die Pilgerschaft und die Spiritualität der Orte. Heilige Stätten zogen ihn nicht deshalb an, weil er sie kannte, sondern weil er überzeugt war, dass sie ihn kannten.“ Okay... „Kenny, hältst du das nicht für leicht irrational?“, fragte ich. „Wer sagt denn, dass Gott stets rational ist?“ Vor drei Jahren hätte diese Frage eine heiße intellektuelle Diskussion entfacht. Ich hätte C.S.Lewis, Francis Schaeffer, Josh McDowell und Lee Strobel in den Zeugenstand gerufen und Kenny zum Mittagessen verspeist. Doch nach allem, was geschehen war, hatte ich mich zu der Vorstellung erweichen lassen, dass Gott auch eine unlogische Seite haben könnte. Kenny legte den Kopf schief. „Bist du dabei?“ Ich blickte in seine Augen und fragte mich, ob ich ihm trauen konnte. Woher sollte ich wissen, dass er seit unserer letzten Begegnung nicht den Verstand verloren hatte. „Ich bin mir nicht sicher,
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ob es das ist, was der Arzt verordnet hat. Aber – der Patient ist verzweifelt. Ich bin dabei.“ Kenny legte seine Hand auf meine. „Keine Sorge, Gott wird kommen.“ Ich lächelte. „Wir machen also einen Ausflug?“, fragte ich. „Yep“. Kenny griff unter den Tisch nach seinem Rucksack und fing an, mir Bücher und mehrere Bündel Artikel in die Hand zu drücken. „Was soll das?“, fragte ich. „Hausaufgaben“, antwortete er. Ich las einige der Titel. G.K.Chesterton: Franziskus. Der Heilige von Assisi. Paul Abatier: Leben des heiligen Franz von Assisi. Adrian House: Franz von Assisi: Ein revolutionäres Leben. Arnold und Fry: Franziskus: Ruf zur Umkehr. Donald Spoto: Heiliger wider Willen. Johannes Jörgensen: Der heilige Franz von Assisi. Ich stapelte die Bücher auf dem Tisch. „Werde ich geprüft?“, fragte ich. „Verlass dich drauf.“ Ich hatte Recht gehabt mit dem Kaffee. Als Kenny mich im Hotel absetzte, war ich völlig aufgedreht. Zu viele Zweifel und Hoffnungen wirbelten in meinem Kopf herum. In nur sechsunddreißig Stunden war ich vom einfachen Protestanten zum katholischen Mystiker aufgestiegen. Sieht nach einem Rekord aus, dachte ich. Ich zog einen der Artikel hervor, die Kenny mir gegeben hatte: St.Francis: Postmoderner Heiliger, und las ihn zweimal, da er nur zwanzig Seiten hatte. Anschließend nahm ich mein Tagebuch, lehnte mich gegen den Sims meines Hotelfensters mit Blick auf den Palazzo Strozzi und begann zu notieren. Tagebucheintrag: Das Helvetia&Bristol Habe soeben den Artikel über den heiligen Franziskus gelesen. Die Einführung enthält einen Auszug aus The Francis Book. „Rembrandt malte ihn, Zeffirelli verfilmte ihn, Chesterton pries ihn, Lenin starb 47