Das Mädchen, das niemand wollte
Tamara El-Mohasel
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Das Mädchen, das niemand wollte
Tamara El-Mohasel
Titel der niederländischen Originalausgabe: »Het meisje dat niemand wilde«
© 2025 Tamara El-Mohasel
Übersetzt aus der niederländischen 2. Auflage von 2025.
© 2026 Deutsche Ausgabe: Glaubenszentrum e. V. Dr.-Heinrich-Jasper-Str. 20, 37581 Bad Gandersheim www.glaubenszentrum.de
ISBN 978-3-947304-41-7
1. Auflage 2026
Alle Rechte zur Vervielfältigung vorbehalten.
Die zitierten Bibelverse sind, mit Ausnahme der angegebenen Stellen, der Elberfelder Übersetzung 2006 entnommen. Für die übrige Übersetzung gilt folgende Abkürzung:
LU = Luther-Übersetzung 1984
Satz: Jan Henkel, www.janhenkel.com
Umschlaggestaltung: Glenn van der Mull | Vrij Zijn
Druck und Bindung: Wydawnictwo ARKA, Cieszyn/Polen
Printed in Poland
I shouldn’t be alive
My future was six feet under One foot in the grave No hope to be saved I shouldn’t be alive But I’m a miracle child
»Tamara, wach auf, wir müssen gehen! Jetzt!« Schlaf trunken versuche ich zu verstehen, was los ist, aber mir bleibt keine Zeit, mich zu sammeln. Ich werde aus dem Bett gezerrt, bekomme ein paar Kleider zum Anziehen und fünf Minuten später sitzen wir zu viert in einem Taxi und rasen durch die Dunkelheit. Hinten im Taxi sitze ich zwischen meiner zehnjährigen Schwester und einer hochschwangeren Frau, die ich noch nie gesehen habe. Wer ist das? Erst Stunden später erfahre ich, dass sie die neue Frau meines Vaters ist. Ich kann mich nicht erinnern, sie zu kennen. Mein Vater sitzt vorne und schaut sich nervös um. Ich begreife nicht, was gerade mit mir passiert. Warum brausen wir mitten in der Nacht durch Amman? Meine Schwester ist genauso verwirrt wie ich und starrt ins Leere. An die Angst, die ich in diesem Moment verspüre, erinnere ich mich, als wäre es erst gestern gewesen.
Eine überwältigende Panik, die mich bis ins Mark trifft und die ich jahrelang mit mir herumtragen werde. Meine Angst ist so stark, dass ich glaube zu ersticken. Nie zuvor habe ich so etwas Beängstigendes erlebt. Überwältigt von dieser Panik, scheint mir, als müsste ich sterben. Das Gefühl akuter Gefahr und Schutzlosigkeit ist so stark, dass ich mich innerlich von allem, was um mich herum geschieht, abschotte. Diese Angst würde mich nicht mehr loslassen.
Meine Wiege stand im nordafrikanischen Libyen, einer ehemaligen Kolonie Italiens und Großbritanniens. Wir lebten dort, waren aber keine libyschen Staatsbürger. Meine Eltern hatten sich in Jordanien kennengelernt, wo sie aufgewachsen waren. Eines Tages ging mein Vater zu seiner Mutter und bat sie, eine Frau für ihn zu suchen. Er fand, es sei an der Zeit, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Als seine Mutter war es ihre Aufgabe, eine geeignete Partnerin für ihn zu finden. Ein Bruder meines Vaters hatte ein eigenes Unternehmen, in dem eine Sekretärin arbeitete. Seine Großmutter fand heraus, dass diese Frau noch nicht verheiratet war. Also sollte ein Arrangement getroffen werden. Es wurde Kontakt zur Mutter der Sekretärin – meiner Großmutter – aufgenommen, und so kam eins zum anderen. Meine Großmutter sorgte dafür, dass meine Mutter meinem Vater vorgestellt wurde, und 1972 wurden sie verheiratet. Eine längere Kennlernzeit war nicht vorgesehen und auch von Verliebtheit konnte keine Rede sein. Mein Vater brauchte eine Frau, meine Mutter wurde ausgewählt und das war’s. Meine Mutter freute sich darauf zu heiraten. Sie wollte gerne Make up tragen, doch ihr Vater hatte es ihr verboten. Erst wenn sie verheiratet war, hatte er gesagt. Natürlich ist es in unserer Kultur so gedacht, dass sich zwei Menschen lieben lernen, wenn sie verheiratet werden. Leider schien das bei meinen Eltern nicht zu funktionieren. Zwischen ihnen entstand keine Liebe. Sie mochten sich noch nicht einmal.
1973 zogen meine Eltern nach Libyen, wo mein Vater als Lehrer zu arbeiten begann. Ein Jahr später wurde meine Schwester
geboren. Obwohl meine Eltern nicht gut miteinander auskamen, waren sie glücklich über die Geburt ihrer ersten Tochter. Schließlich war das Kinderkriegen eines der wichtigsten Ziele einer islamischen Ehe. Nach dem Wochenbett nahm meine
Mutter ihre Arbeit als Direktionssekretärin und persönliche Assistentin bei einer Ölgesellschaft wieder auf. Ein Leben als Hausfrau und Mutter war nichts für sie. Obwohl meine
Schwester Freude ins Leben meiner Eltern brachte, verbesserte sich ihre Ehe dadurch nicht. Es gab immer mehr Streit, auch weil meine Mutter versuchte, eine gläubige Muslimin zu sein, während mein Vater nicht überzeugt war, dass der Islam der richtige Weg für ihn war. Er bezeichnete sich als Muslim, neigte aber zum Atheismus. Er selbst sagt, dass er vor allem auf der Suche nach der Wahrheit war.
Eine Ehe nach islamischer Tradition ist ein Akt der Anbetung Allahs. Ehemann und Ehefrau tragen gemeinsam die Verantwortung, dass die Ehe gelingt. Eine Frau darf nicht ohne triftigen Grund die Scheidung einreichen. Dennoch wollte sich meine Mutter scheiden lassen. Sie hatte es satt, von meinem Vater schlecht behandelt und geschlagen zu werden. Er wiederum fand, dass seine Frau sich nicht gut um meine Schwester kümmerte, was ein zulässiger Scheidungsgrund war. Also würde mein Vater die Scheidung einreichen.
Im Frühjahr 1977 stellte sich heraus, dass meine Mutter mit mir schwanger war. Das brachte die Pläne meiner Eltern völlig durcheinander. Statt sich über ein weiteres Kind zu freuen, überlegten sie, wie sie mich so schnell wie möglich loswerden konnten. Ein Muslim durfte natürlich keinen Schwangerschaftsabbruch vornehmen. Daran gab es nichts zu rütteln.
Doch die Ehe meiner Eltern war gescheitert. Sie standen kurz vor der Scheidung. Ein zweites Kind war nicht gewollt. »Un -
erwünscht«! Dieser Stempel wurde mir von Anfang an aufgedrückt. Ohne mich wehren zu können, wurde entschieden, dass es mich nicht geben sollte. Dennoch war ich da. Ich wurde vom Schöpfer gewebt und kunstvoll im Schoß meiner Mutter geformt. Es gab nur eine Möglichkeit, diesen wunderbaren Prozess zu stoppen: Mein Leben musste im Keim erstickt werden. Vor allem mein Vater drängte auf den Schwangerschaftsabbruch. Er hatte Kontakt zu einem Arzt in England aufgenommen und vereinbarte einen Termin, an dem mein noch unfertiges Wesen verschwinden sollte. Niemals würde ich die Welt zu Gesicht bekommen, und die Welt würde auch niemals mit mir Bekanntschaft machen.
Am 16. August 1977 landete ein Flugzeug am Flughafen Heathrow mit meinen Eltern und meiner Schwester an Bord. Tief verborgen im Bauch meiner Mutter besuchte auch ich diese europäische Metropole, eine Welt, die wir kaum kannten. Es muss eine beeindruckende Erfahrung für meine Familie gewesen sein. Die Atmosphäre aber war drückend. Das lag nicht nur an den für englische Verhältnisse ziemlich hohen Temperaturen, sondern auch an irgendetwas, das für Aufregung sorgte. Große Menschengruppen versammelten sich um Litfaßsäulen und Schaufenster, um die angeschlagenen Titelseiten verschiedener Zeitungen zu lesen. Menschen weinten und trösteten einander. Offensichtlich war etwas geschehen, das wie eine Schockwelle durch die Stadt ging. Es dauerte nicht lange, bis meine Eltern entdeckten, dass der Schock und die Trauer durch den unerwarteten Tod des legendären King of Rock’n’Roll, Elvis Presley, verursacht wurden. So traurig die Menschen auch waren, meinen Eltern war diese, für die westliche Welt schockierende Nachricht, herzlich egal. Der populäre Sänger und Filmstar war in der arabischen Welt
nicht viel mehr als ein dekadenter westlicher Künstler, der es kaum wert war, erwähnt zu werden. Meine Eltern hatten eine Mission: die Abtreibung ihres zweiten Kindes. Im Krankenhaus angekommen, wurde meine Mutter von einem Gynäkologen untersucht. Danach sollte im nächsten Behandlungszimmer der Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden. Aber zuerst musste festgestellt werden, ob der Embryo gesund und jünger als zwölf Wochen war. Das war die äußerste Frist, bis zu der ich entfernt werden durfte. Es sei denn, es bestünden medizinische Auffälligkeiten, die einen Abbruch bis zur 24. Woche erlaubt hätten. Zur Bestürzung meiner Eltern stellte der Gynäkologe fest, dass ich sieben Zentimeter groß war und damit für eine Abtreibung zu weit entwickelt. Meine Eltern mussten, Gott sei Dank, unverrichteter Dinge das Krankenhaus verlassen. Später erfuhr ich, dass nach islamischer Lehre ein Fötus erst nach 120 Tagen eine menschliche Seele erhält. Demnach war ich zu diesem Zeitpunkt noch kein Mensch. Dennoch gab es einen Schöpfer, der mich im Mutterleib wachsen ließ. Er sah mich und verschonte mein Leben auf wundersame Weise. Auch wenn meine Eltern mich nicht wollten, Gott wollte mich.
Nach einem kurzen Aufenthalt in London kehrten wir nach Tripolis zurück, wo meine Eltern wieder ihren Berufen nachgingen. Da meine Mutter schwanger war und ihr Kind zur Welt bringen musste, wurde die Scheidung vorerst aufgeschoben. Am 14. Februar 1978 wurde ich in eine Familie geboren, die mich eigentlich nicht haben wollte. Vielleicht hatten meine Eltern bei meiner Geburt liebevolle Gefühle für mich, aber der Schaden war bereits angerichtet und konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Auch wenn die muslimischen Gelehrten behaupteten, ich hätte zum Zeitpunkt der geplan -
ten Abtreibung noch keine Seele gehabt, das Unerwünschtsein hatte Spuren in mir hinterlassen. Tief im Inneren war ich mit dem Stempel »Unerwünscht« gebrandmarkt. Diese Ablehnung würde die ersten dreißig Jahre meines Lebens meine ganze Identität bestimmen.
Wie es bei Muslimen üblich ist, wurde mir direkt nach meiner Geburt der Gebetsruf »Adhan« in mein rechtes Ohr geflüstert. Nach der Lehre des Islams müssen die ersten Worte, die ein Baby hören soll, von der Größe des Schöpfers und dem Grund der Erschaffung des Kindes handeln. Warum ich Tamara genannt wurde, war mir lange nicht klar. Es ist alles andere als ein üblicher Name für ein muslimisches Mädchen. Später erfuhr ich, dass eigentlich ein anderer Name für mich ausgesucht worden war, aber Freundinnen meiner Mutter ließen mich offiziell unter dem Namen Tamara registrieren, was Dattelpalme bedeutet.
Wir lebten noch zwei weitere Jahre in Tripolis. Natürlich kann ich mich nicht daran erinnern. Ich weiß nur, dass ich lediglich meine Schwester zum Spielen hatte und viel weinte. Meine Mutter hatte keine Erklärung dafür, aber Allah hatte mich nun mal so geschaffen, sagte sie.
1980 war die Beziehung meiner Eltern endgültig am Ende, und sie beschlossen, sich nun doch noch scheiden zu lassen. Auf die nötigen Papiere wartend, kehrte meine Mutter mit meiner Schwester und mir zurück in unser Haus nach Amman, wo auch meine Großeltern mütterlicherseits lebten. Sofort nahm meine Mutter eine Stelle als Sekretärin am internationalen Flughafen von Amman an. Dabei waren wir Mädchen für sie eigentlich nur ein Klotz am Bein. Also brachte sie uns eines Tages zu meiner Tante, der Schwester meines Vaters. Da wir ja doch nur »ElMohasels« waren, fand sie, könne diese
Tante ruhig für uns sorgen. Sie selbst ging jeden Tag zur Arbeit und lebte ihr eigenes Leben.
Drei Monate nach uns kam mein Vater nach Jordanien zurück. Er wollte uns gerne sehen und sich um uns kümmern.
Unsere Mutter erlaubte es ihm, aber nur unter der Bedingung, dass er ihr jede Woche 60 Dinar (damals ein beträchtlicher Betrag) zahlte. Das tat er und holte uns bei unserer Tante ab. Nun versorgte vorrangig er uns: brachte uns zur Schule, kochte und ging gelegentlich mit uns auf den Spielplatz. Am Wochenende waren wir oft bei meiner Mutter.
An Amman erinnere ich mich vor allem als trockene und heiße Stadt. Die weißen Häuser hatten dicke Wände und kaum Fenster, sodass die glühende Hitze nicht hineindrang. Überall lagen Staub und Sand und, um irgendwohin zu gelangen, mussten wir meist weit laufen. Aber ich verbinde auch positive Erinnerungen mit meiner Heimatstadt. Zum Beispiel das angenehme Gefühl auf der Haut, wenn die Sonne warm herabschien. In der Schule wurde als erstes überprüft, ob unsere Hände sauber waren. War dem nicht so, bekam man einen Klaps auf die Hand. Ich erinnere mich nicht daran, Freunde oder Freundinnen gehabt zu haben. Ich spielte mit meiner Schwester und sonst mit niemandem. Auf Fotos aus dieser Zeit bin ich nie mit jemand anderem als meiner Schwester zu sehen. Jeden Morgen begannen wir den Tag mit Fuhl, einem sättigenden Frühstück aus Bohnen, Zitronensaft, Olivenöl, Chili und Fladenbrot. Es war warm und machte bis zum Mittag satt. Bis heute ist es mein Lieblingsgericht.
Zu Hause ging es stets hektisch zu. Besonders, wenn mein Vater und meine Mutter da waren, war es chaotisch und es gab viel Streit und Krach. Jeder schien, ständig wütend zu sein. Lügen waren an der Tagesordnung, und meine Mutter erklärte
mir, dass das schon in Ordnung wäre, solange man selbst damit seinen Frieden hätte. Außerdem war es völlig normal, geschlagen zu werden und anderen eine zu verpassen. Für mich war das so selbstverständlich, dass ich als Erwachsene meinen westlichen Freund verwundert fragte, warum er mich nicht schlug. Da erst verstand ich, wie tiefgreifend mich die Gewalt in meiner Kindheit geprägt und wie weitreichend all der Schmerz mein Verständnis von Liebe verzerrt hatten. Am deutlichsten erinnere ich mich an einen Tag, als ich mir heftig den Kopf gestoßen hatte. Es tat unglaublich weh, und ich blutete sogar. Während ich weinend auf dem Boden lag, schrien sich meine Eltern an und schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Doch um mich kümmerte sich keiner. Warum stritten sie, anstatt mir zu helfen? Ich sehnte mich so sehr nach Liebe und Geborgenheit, aber hatte ständig das Gefühl, nicht wichtig zu sein und dass meine Eltern nicht für mich da waren. Wenn ich mir die Fotos von damals anschaue, kann ich nirgends Freude oder Glück entdecken. Ich habe auch keine Fotos von Geburtstagen oder Festen. Obwohl wir eine große Familie hatten, erinnere ich mich nicht, dass wir jemals alle zusammen etwas feierten. Es gibt nur ein Bild, auf dem ein paar meiner Onkel zu sehen sind, und ich erinnere mich an ein einziges Foto, auf dem meine Eltern beide lachen. Dieses Foto wurde in London aufgenommen – an dem Tag, an dem sie mich abtreiben lassen wollten. Noch Jahre später wurde ich beim Anblick dieses Fotos wütend.
So wuchs ich in einer Familie ohne Struktur und Sicherheit auf. Wir aßen nie gemeinsam am Tisch, sondern nahmen einfach unseren Teller mit und gingen wieder unsere Wege. Dass meine Eltern inzwischen geschieden waren, wusste ich nicht. Sie hatten meiner Schwester oder mir nie erklärt, dass sie sich
nicht mehr liebten und getrennte Wege gehen wollten. Auch deshalb erlebte ich eines Tages etwas, das mich sehr ver wirrte. Ich war wohl etwa vier Jahre alt, als ich meine Mutter plaudernd nach Hause kommen hörte. In meiner kindlichen Unschuld versteckte ich mich in einem Schrank in ihrem Schlafzimmer, um sie zu erschrecken, sobald sie hereinkam. Doch dann hörte ich eine unbekannte Männerstimme. Während ich im Schrank saß, lachten sie miteinander und ich hörte, wie sie miteinander schliefen (auch wenn ich damals natürlich nicht wusste, was das genau war). Ich hatte Angst und traute mich erst wieder aus dem Schrank, als sie wieder gegangen waren. Ich habe nie mit jemandem darüber gesprochen, aber bis heute kann ich mich noch glasklar daran erinnern. Obwohl ich nur ein kleines Mädchen war, wusste ich tief im Inneren, dass etwas Falsches passiert war. Es verwirrte mich sehr. Ich hatte einen Vater und eine Mutter, die aber nicht zusammenlebten. Wenn sie doch einmal gemeinsam in einem Raum waren, gerieten sie sofort aneinander. Und jetzt war da auch noch ein anderer Mann bei meiner Mutter. Ich verstand nicht, wie das alles zusammenhing.
Ich fühlte mich nie in Sicherheit. Es gab viel Streit und kaum liebevolle Momente. Oft machten meine Eltern Witze über mich und lachten mich aus. Zum Beispiel reimt sich mein Name, Tamara, auf ein arabisches Wort für dumm. Auch das Wort für Eselin klingt ähnlich wie mein Name. Also wurde ich Tamara Hamara Habla genannt: dumme Eselin. Niemals wurde mein Name liebevoll ausgesprochen. Es schwang immer Ablehnung mit, was meine Identitätsentwicklung stark beeinflusste.
Wenn meine Schwester und ich zusammen spielten und sie zu weinen anfing, war es immer meine Schuld. Selbst wenn
ich meine Unschuld beteuerte, glaubte mir niemand. Ich war die Lügnerin. Meine Schwester war gewollt. Ich nicht. Das wurde mir immer wieder vor Augen geführt. Deshalb habe ich keine schönen Erinnerungen an meine Kindheit. Auch meine Schulzeit in Amman war eine schwere Zeit. Oft wurde ich ausgelacht und geschlagen. Um das zu vermeiden, zog ich mich zurück und mied den Kontakt zu anderen Kindern.
Mit etwa fünf oder sechs Jahren wurde mir zunehmend bewusst, dass ich nicht gewollt war. Als Kind tat ich alles, um die Liebe meiner Eltern zu gewinnen, aber es kam immer nur ein »Nein« zurück. Ich wurde geschlagen und durfte wenig. Gegenüber meiner Schwester wurde ich benachteiligt und fühlte mich dadurch minderwertig. Meine Schwester war immer die Gute, ich immer die Schlechte. Ich verstand nur nie warum. Es war ein Muster, das ich nicht begriff, aber immer wieder erlebte. Das war meine Welt. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, für alle um mich herum eine Last zu sein.
Meine Mutter versuchte, den Islam so gut wie möglich zu befolgen und erzog mich danach. Im Islam gibt es viele Bräuche und Rituale. Manche erinnern eher an Aberglauben. Zum Beispiel muss man seine Schuhe auf eine bestimmte Art und Weise ausziehen. Oder bevor man das Auto startet – oder mitten in einem Gespräch –, sagt man »Inschallah« (»Wenn Allah es will«). Ich bin überzeugt, dass viele Muslime auf diese Art aufrichtig ihren Glauben leben. Doch ich übernahm diese Prak tiken, ohne wirklich zu verstehen, was sie bedeuten. Trotzdem war ich stolz, eine Muslimin zu sein, denn das war etwas Gutes.
Nicht nur meine Mutter lernte einen neuen Partner kennen, auch mein Vater heiratete eine neue Frau. Seltsamerweise
erinnere ich mich kein bisschen an meine Stiefmutter – bis zu dem Tag, an dem ich sechs Jahre alt war und mein Leben völlig auf den Kopf gestellt wurde.