Die sieben Wunder des Kreuzes Die letzten achtzehn Stunden vor Jesu Sterben Wilkin van de Kamp
Titel der niederländischen Originalausgabe: „Het wonder van het kruis“ © 2012 Wilkin van de Kamp Übersetzt aus der niederländischen Ausgabe von 2012 Crosslight Media, Postbus 32, 7120 AA Aalten, Niederlande ISBN: 978-94-90254-19-3 © 2014 Deutsche Ausgabe: Glaubenszentrum e.V. Dr.-Heinrich-Jasper-Str. 20, 37581 Bad Gandersheim www.glaubenszentrum.de ISBN 978-3-9816146-1-9 1. Auflage 2014 Alle Rechte zur Vervielfältigung vorbehalten. Die zitierten Bibelverse sind der revidierten Elberfelder Übersetzung (2008) entnommen. Aus dem Niederländischen übersetzt von Friedel Klompmaker Umschlaggestaltung: Glen van der Mull Satz: Glaubenszentrum e.V. Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany
I N H A LT Vorwort.....................................................................................13 1. Der Mann ohne Sünde..........................................................23 2. Die sieben Wunder des Kreuzes...........................................49 3. Blutstropfen in Gethsemane................................................59 4. Die Gefangennahme.............................................................75 5. Die Misshandlungen.............................................................85 6. Der Tausch...........................................................................107 7. Die Geißelung......................................................................121 8. Die Dornenkrone................................................................ 141 9. Die Verurteilung.................................................................155 10. Die Kreuzigung..................................................................163 11. Ein Speer in seiner Seite...................................................201 12. Liebe für seinen Leib........................................................223 13. Zwischen Kreuz und Auferstehung.................................233 14. Die Auferstehung..............................................................255 9
15. Mit Jesus leben..................................................................265 Synopsis: Sterben und Auferstehung des Jesus von Nazareth............................................................285
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ÜBERSICHT ÜBER DIE SIEBEN WUNDER DES KREUZES Das erste Wunder des Kreuzes: Das Blut Jesu reinigt mein Leben von all meinen Sünden.....68 Das zweite Wunder des Kreuzes: Das Blut Jesu erlöst uns von der Anklage des Bösen..............90 Das dritte Wunder des Kreuzes: Das Blut Jesu reinigt unser Gewissen......................................96 Das vierte Wunder des Kreuzes: In seinen Striemen ist uns Heilung geworden.....................125 Das fünfte Wunder des Kreuzes: Jesus befreit uns von jedem Fluch in unserem Leben.......... 142 Das sechste Wunder des Kreuzes: Das Wunder der Versöhnung mit Gott, dem Vater.............. 192 Das siebte Wunder des Kreuzes: Das Wunder der Neugeburt................................................... 219
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DER MANN OHNE SÜNDE „Den, der ohne jede Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“ (2.Kor 5,21 – NGÜ)
K APITEL 1 In meiner Kindheit wohnte in unserer Nachbarschaft ein alleinstehender Mann mit einer großen Leidenschaft für Briefmarken. Er hatte eine beeindruckende Sammlung mit einigen sehr kostbaren Exemplaren. Dies machte auf uns Kinder einen großen Eindruck. Er liebte es, diese Leidenschaft mit uns zu teilen, und es war dann auch nicht verwunderlich, dass viele Kinder selbst anfingen, Briefmarken zu sammeln. Bis zum heutigen Tag steht in meinem Bücherregal ein Album mit einer aus jener Zeit gesammelten niederländischen Briefmarkensammlung. Menschen mit einer Leidenschaft sind anziehende, attraktive Menschen. Ihre Leidenschaft beherrscht ihr Leben, bestimmt ihren Terminkalender. Sie wissen, wovon sie reden und wollen ihre Begeisterung mit anderen teilen. Menschen mit einer Leidenschaft ziehen andere Menschen an. Leidenschaft ist ansteckend und leicht übertragbar! ANZIEHEND In erster Linie hat die Gemeinde Jesu in Europa eine erneuerte Leidenschaft für Jesus Christus nötig! 23
Unsere Liebe für ihn können wir mit der zarten, reinen und nicht aufzuhaltenden Liebe zwischen zwei Menschen, die bis über beide Ohren ineinander verliebt sind, vergleichen. Sie können und wollen keinen Moment getrennt sein. Sie denken an nichts und niemand anderen als aneinander. Das ist wahre Leidenschaft. Diese Zuneigung bringt die Menschen um sie herum zum Lächeln und macht sie auf so viel Glück eifersüchtig. So darf unsere Liebe für Jesus aussehen. Wir sind von seiner bedingungslosen Liebe für uns ergriffen. Dies ist keine mystische Erfahrung oder eine Flucht aus der Wirklichkeit. Es ist das tiefe Bewusstwerden, dass Gott sich dieser Welt in einer Person geoffenbart hat: Jesus Christus, der aus Liebe sein Leben für uns gab, damit wir ewiges Leben empfangen und Gott als unseren himmlischen Vater kennenlernen dürfen. Eine Gemeinde, die von dieser Leidenschaft erfüllt ist, ist eine sehr anziehende Gemeinde! KRANK VOR LIEBE Das Buch Hohelied ist das Buch der Liebe. In ergreifender Weise wird beschrieben, wie zwei Verliebte nacheinander verlangen, welche Gefühle dies bei ihnen weckt und wie sie die Freude des Zusammenseins erfahren. Diese Beschreibung spricht auch über die Liebe Jesu (des Bräutigams) für seine Gemeinde (die Braut). An einer Stelle dieses Buches ruft die Braut den jungen Mädchen Jerusalems zu: „Ihr Mädchen von Jerusalem, ich beschwöre euch: Wenn ihr meinen Liebsten findet, dann sagt ihm, dass ich krank vor Liebe bin.“ (Hl 5,8 – Hfa) Was werden die Menschen sagen, wenn sie meine Leidenschaft für Jesus bemerken? Werden sie sehen, „dass ich vor Liebe krank 24
bin“ (LUT)? Das ist heftig! Eine englische Übersetzung drückt es noch stärker aus: „Tell him I am lovesick! (Erzählt ihm, dass ich krank vor Liebe bin!“. Was für eine Leidenschaft, welch ein Herzensverlangen! DAS VIRUS DER LIEBE So darf unsere erste Liebe für Jesus sein und bleiben. Alles in uns streckt sich nach ihm aus. Wenn Sie morgens früh aufstehen, lassen Sie Ihr erstes Denken und Sprechen auf ihn gerichtet sein. Und wenn Sie abends spät ins Bett gehen, drücken Sie Ihr Verlangen leise nach ihm aus, während Sie einschlafen. So öffnen Sie Ihr Herz, um Tag und Nacht seine liebevolle Stimme zu hören. Versuchen Sie es doch einfach! Menschen, die eine Leidenschaft für Jesus haben, sind mit diesem himmlischen Virus der Liebe infiziert, die durch den Heiligen Geist in ihre Herzen ausgegossen ist (Röm 5,5b). Sie sind „krank vor Liebe“. Sie tun Dinge, die sie nie für möglich gehalten hätten. Das macht sie anziehend und hält sie ewig jung. Es ist diese Leidenschaft für Jesus, die die Gemeinde Jesu attraktiv und einladend macht für eine Welt, die auf der Suche nach Liebe ist. Dieses Virus der Liebe ist sehr ansteckend, unauslöschlich und vernichtet jede Form von Bitterkeit, Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit! Dies ist etwas, was die Gemeinde Jesu mehr als nötig hat! DIE ERSTE LIEBE Als der Apostel Johannes am Ende seines Lebens eine Begegnung mit dem auferstandenen Herrn hat, spricht Jesus mit ihm u. a. über seine Gemeinde in Ephesus. Er liebt seine Menschen und weiß alles über sie. Sie arbeiten hart, setzen sich 25
tatkräftig für die Arbeit in Gottes Königreich ein und werden wegen ihrer Ausdauer gelobt. Er sieht, wie sie das Böse nicht ertragen können, wie sie im Namen des Herrn gelitten haben und dass sie nicht müde geworden sind (Offb 2,2-4). Aber dann sagt er in seiner Liebe zu ihnen: „Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast“. Im heutigen Deutsch bedeutet das: „Ihr liebt mich nicht mehr so wie zu Anfang!“. Es geht um Leidenschaft! Sie hatten ihre Leidenschaft für ihn nicht ganz verloren, sie war jedoch merklich zurückgegangen. Und das ist etwas, was Jesus tief in seinem Herzen trifft. Darauf spricht er sie an: „Auf geht’s, liebe Leute, kehrt zurück zu dieser ersten Liebe! Kehrt zurück zu eurer leidenschaftlichen Liebe zu mir! Alles andere werde ich euch geben.“ In den Niederlanden kennen wir das Sprichwort „Die Arbeit geht vor dem Mädchen“ (Die Arbeit kommt vor dem Spiel); in Gottes Königreich ist dies jedoch genau anders herum. Unsere Leidenschaft für Jesus ist wichtiger als alles andere. Lassen Sie Ihre Leidenschaft nicht durch menschliche Enttäuschungen, viel Arbeit für Gottes Königreich oder schmerzliche Umstände betrüben. Dies darf nie geschehen. Wenn Sie merken, dass die erste Liebe abnimmt, dann „reißen Sie das Ruder drastisch herum“. Machen Sie eine radikale Kehrtwende, denn wer will noch länger Christ sein ohne Leidenschaft für Christus? Es ist diese Leidenschaft, die die stillstehende Gemeinde wieder in Bewegung bringen kann. EIN BRIEF VOLLER LEIDENSCHAFT Ich spreche gerne über meine größte Leidenschaft: Jesus. Er ist meine große Liebe, und er hat mich davon überzeugt, dass all mein Handeln und Sprechen von seiner Leidenschaft für diese Welt durchdrungen sein muss. Die Leidenschaft für Jesus in 26
uns wird Menschen verändern. Es ist noch nicht so lange her, da bekam ich einen Brief, der mich sehr berührte. Dieser Brief drückt die Leidenschaft Jesu auf ganz besondere Weise aus: Lieber Wilkin, kürzlich nahmen wir einen Freund (Frans) von uns zu einer Veranstaltung mit, in der du über die Leidenschaft für Jesus und die Liebe Jesu gesprochen hast. Frans hat eine schreckliche Jugend gehabt: Er wurde missbraucht und in verschiedenen Pflegefamilien und Heimen aufgenommen. Sein Verhalten wies auf ADHS hin, und schon in jungen Jahren wohnte er allein. Er hatte keine Ausbildung, und durch Mangel an Disziplin war er auf jeden Job angewiesen. Er konsumierte eine Menge Drogen und trank Alkohol. Jeder mied ihn. Eine Beziehung dauerte nie lange. Er hielt sich an keinen Termin und wenn er da war, dann zu 300 %. Der Kontakt mit Frans war ein sehr intensives Hobby. Er war ein Dieb und war vor allem nachts aktiv. Er besaß nichts und hatte zudem durch seinen Drogenkonsum noch viele Schulden. Immer hatte er eine Waffe bei sich; er hasste seinen Vater so sehr, dass er ihn umbringen wollte. Schon in jungem Alter (mit ungefähr 10 Jahren) kam er öfters zu uns. Frans liebte es, bei uns zu sein. Auch in späteren Jahren blieb der Kontakt bestehen, vor allem mit Wilmer, meinem ältesten Bruder. Im September vorigen Jahres nahmen wir ihn zu einer Heilungsveranstaltung von Jan Zijlstra mit. Dort hat er Jesus sein Herz gegeben. Er fand es großartig, aber bald schon fiel er in seine alten Gewohnheiten zurück. Er wohnte allein und hatte keine echten Freunde (wohl falsche). Der Kontakt blieb aber bestehen. Im Januar nahmen wir Frans zu der besagten Veranstaltung mit. Die Botschaft über die Leidenschaft für und von Jesus traf ihn tief. Frans vergoss dicke Tränen. Gott rührte an diesem Abend sein Herz an. Von nun an ging alles rasend schnell. „Zufällig“ begegnete ihm ein Mädchen aus seinem Hochhaus, die zu einer Pfingstgemeinde in 27
Hengelo gehörte. Zusammen mit ihren Freunden und Freundinnen ermutigten sie ihn, u. a. die Bibel zu lesen, zu beten, sein Leben Gott zu übergeben, ein heiliges Leben zu führen und seine Sünden zu bereinigen. Es gab eine radikale Veränderung: Menschen wurden um Vergebung gebeten, selbst Menschen, die ihn verletzt hatten. Fahrräder wurden wieder zurückgebracht; keine Drogen, Nikotin oder Alkohol mehr. Auch wollte er kein Skinhead mehr sein. Er bekam eine ordentliche Arbeitsstelle, um Schulden zu tilgen. Unter Jugendlichen und bei uns im Gebetskreis gab er Zeugnis. Seinen „zweiten“ Vater nannte er jetzt „Papa“. Seine Bibel fiel vom Lesen auseinander. Der Fernseher flog zur Tür hinaus. Frans wurde ruhig und weise. Er erzählte seiner Familie, Freunden und Bekannten von der Liebe Jesu. Während er mit diesen Dingen beschäftigt war, starb er ganz plötzlich. Zum Glück war er bei einer seiner Freundinnen aus der Gemeinde und nicht allein. Noch am Sonntag zuvor war er so traurig über die Spaltungen zwischen den Gemeinden. Samstagabend hatte er Teenies ermutigt und am Montagabend noch davon gesprochen, dass er so gerne Jesus begegnen möchte, um mit ihm zu sprechen. Am Donnerstag war sein erster Straßeneinsatz geplant. Jeder musste von der Liebe Jesu für Sünder, wie er einer war, hören. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein ...“ Wir gaben folgende Anzeige auf: Preist den Herrn, Frans K. ist zu Hause! Vor einigen Wochen eroberte Jesus sein Herz. Die Folge war eine überwältigende Leidenschaft für seinen Erlöser und Vater. Jeder sollte es hören (Röm 1,16a). Jetzt ist sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen: Am 8. April durfte er seinen Vater zum ersten Mal sehen! Im Namen all deiner Brüder und Schwestern, in Christus verbunden. 28
Diese Anzeige wurde in der regionalen und überregionalen Zeitung mit dem Datum der Beerdigung und der Adresse, wo der Trauergottesdienst stattfand, geschaltet. Durch den Tod hindurch entstand neues Leben. Die Folge war, dass bei den Zeitungsredaktionen viele Reaktionen auf diese Anzeige eingingen. Ein Journalist war auf der Beerdigung und schrieb einen Artikel darüber. Andere Journalisten interviewten die Bewohner des Hochhauses in Hengelo, in dem Frans gewohnt hatte. Die Trauerfeier war ein gemeinsamer Gottesdienst der niederländischen „Gereformeerden Kerk“ und der Pfingstgemeinde. Der Raum platzte aus allen Nähten und der Gottesdienst war mit der frohen Botschaft und vielen Zeugnissen angefüllt. Jemand kam während des Gottesdienstes zum Glauben und betete zum ersten Mal. Viele junge Menschen wurden angesprochen und wollten weiter darüber reden. Andere wurden von Gott berührt. Kurzum: Das Sterben von Frans ist wie eine Saat auf fruchtbarem Boden. Die Folgen: Bekehrung und Einheit, Aufruf zu einem heiligen Leben und Lebensübergabe an Gott. Preist den Herrn! Bert und Marieke SICH MIT JESUS IDENTIFIZIEREN Für mich wird Jesus immer faszinierender. Ich lese die Geschichten von ihm immer wieder und jedes Mal in einer anderen Übersetzung, denn ich will mehr von ihm lernen. Ich will alles von ihm und über ihn wissen. Mein Wissensdurst über ihn ist nicht zu stillen. Ich will mich ganz mit ihm identifizieren. Ich will denken, wie er denkt; lieben, wie er liebt; fühlen, wie er fühlt; glauben, was er geglaubt hat. Wenn ich all das lese, was über ihn geschrieben steht, versuche ich mir vorzustellen, wie er die Menschen anschaute, sie anrührte, sie ermutigte. Dieses Bild will ich als das wahre auf meiner 29
Netzhaut eingebrannt haben. Ich will ihn kennen, ihm folgen, so werden wie er: Jesus, der Mann ohne Sünde. Dies ist der Kern der frohen Botschaft, und das fasziniert mich enorm. Auch wenn ich weiß, dass dies niemand von uns je begreifen kann, denn Jesus hatte eine andere Natur als wir. UNSER SÜNDIGES WESEN Das Wort Gottes sagt, dass wir eine sündige Natur/ein sündiges Wesen haben. Die Bibel nennt es unser „Fleisch“ (Röm 7,5) oder der „alte Mensch“ (Eph 4,22). Deutlich ist, was unser sündiges Wesen hervorbringt: Ehebruch, Unzucht, Respektlosigkeit, Ausschweifung, Abgötterei und Spiritismus, Hass, Streit, Neid, Zorn, Rivalität, Uneinigkeit, Sektierertum, Eifersucht, Trunkenheit, Maßlosigkeit und dergleichen (Gal 5,19-21 – Hfa). Nichts in der ganzen Welt wird so unterschätzt wie die vernichtende Kraft der Sünde. Es zerstört unsere Beziehung zu Gott und zu unserem Nächsten. Jesaja lässt uns die Auswirkung der Sünde in unserer Beziehung zu Gott sehen: „Siehe, des HERRN Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht hart geworden, sodass er nicht hören könnte, sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass ihr nicht gehört werdet.“ (Jes 59,1-2 – LUT) Sünde bringt unwiderruflich Trennung; sie richtet eine Mauer zwischen Gott und den Menschen auf. Dies hat zur Folge, dass wir nicht in der Lage sind, die Hand Gottes in unserem Leben zu bemerken und die Stimme Gottes zu hören. Andererseits kann Gott uns auch nicht erreichen. Das Bibelbuch Klagelieder drückt es sehr eindrucksvoll aus: 30
„Wir, wir haben die Treue gebrochen und sind widerspenstig gewesen; du aber, du hast nicht vergeben. ... Du hast dich in eine Wolke gehüllt, sodass kein Gebet hindurchdrang.“ (Kla 3,42+44) Wegen unserer Sünden ist Gott für uns verborgen, unerreichbar! Er hat sich in eine Wolke gehüllt, sodass unsere Gebete ihn nicht einmal erreichen können! Viele Christen verstehen das nicht: Sie beschweren sich in Bezug auf ihre Gebete, dass der Himmel scheinbar aus Kupfer ist, vergessen jedoch, dass es ihre eigenen Sünden sind, die Gott daran hindern, ihre Gebete zu (er)hören! Sünde ist ein weitaus größeres Problem, als viele denken! Die ganze menschliche Natur ist mit einem Sündenvirus infiziert. Einige Menschen haben einen so sanftmütigen Charakter oder setzen sich mit solch einer selbstlosen Art für andere Menschen ein, dass ich denke: „Was für ein bezaubernder Mensch!“. Gott sagt jedoch: „Denn es ist kein Mensch auf der Erde so gottesfürchtig, dass er nur Gutes tut und niemals sündigt“ (Pred 7,20 – Hfa). Die Bibel sagt, dass wir in Adam alle gesündigt haben und dass durch ihn die Sünde in die Welt gekommen ist, und somit der Tod als König dieser Welt anfing zu regieren: „Durch einen einzigen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und als Folge davon der Tod. Weil nun alle Menschen gesündigt haben, sind sie alle dem Tod ausgeliefert. ... Hat aber der Ungehorsam eines einzigen Menschen zur Herrschaft des Todes geführt, um wie viel mehr werden dann alle, die Gottes überreiche Barmherzigkeit und seine Vergebung erfahren haben, durch Jesus Christus leben und einmal mit ihm herrschen. Es steht also fest: Durch die Sünde eines Menschen sind alle Menschen in Tod und Verderben geraten. Aber durch die Erlösungstat eines Menschen sind alle mit Gott versöhnt und bekommen neues Leben. Oder anders gesagt: Durch Adams Ungehorsam wurden alle Menschen vor Gott schuldig; aber 31
weil Jesus Christus gehorsam war, werden sie von Gott freigesprochen.“ (Röm 5,12+17-19 – Hfa) Die Sünde hat solche Macht über uns erhalten, dass unsere ursprüngliche göttliche Natur unwiderruflich in die heutige sündige Natur verwandelt wurde. Wir sind keine Sünder, weil wir gesündigt haben, sondern wir sündigen, weil wir Sünder sind! Und in unserem sündigen Wesen wirken allerlei sündige Begierden und Leidenschaften (Röm 7,5). Indem wir sündigen, sind wir zu Sklaven der Sünde geworden (Joh 8,34). In unserer sündigen Natur wohnt nichts Gutes (Röm 7,18). Sie ist feindlich gegenüber Gott gesinnt und lehnt sich gegen ihn auf (Röm 8,7). Sie kann Gott nicht gefallen (Röm 8,8). Dass der Mensch eine sündige Natur hat, sehe ich an dem beinahe nicht zu stillenden Hunger nach schlechten Nachrichten über Menschen. Der größte Teil der Medien hat sich bereits darauf eingestellt. Ich sehe es auch an dem Kontrast zwischen Arm und Reich, der in der sogenannten „Ersten Welt“ durch Habgier und Egoismus aufrechterhalten wird. Dies kommt einer modernen Form der Sklaverei gleich, indem man Produkte gegen einen entwürdigenden, niedrigen Lohn in den Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ produzieren lässt. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass wir nicht mehr die Sklaven eines Landes in ein anderes verschiffen, sondern die Produkte. Das finden wir zudem auch viel angenehmer, da wir auf diese Art und Weise mit diesen unehrlichen, menschenunwürdigen Verhältnissen nicht sichtbar konfrontiert werden. Ich sehe die sündige Natur in den Männern und Frauen von Bagdad, die ihre „eigenen“ Krankenhäuser, Museen, Schulen usw. ausplünderten, als das Regime von Saddam Hussein fiel. Ich finde die sündige Natur des Menschen in den Statistiken, die besagen, dass mehr als 40 Prozent der Niederländer angeben, sich keinem Gesetz zu beugen. Die Zahlen lügen nicht. Sie berichten, dass jedes Jahr 50.000 bis 80.000 Kinder miss32
handelt werden. Jedes Jahr sterben 50 bis 80 Kinder an den Folgen dieser Misshandlungen! Die Zahlen enthüllen, dass jeden Tag ca. 50.000 Niederländer eine Prostituierte besuchen. Jeden Monat klicken 20 Prozent der Internetbesucher erotische Seiten an (pro Monat werden allein von zu Hause aus schon mindestens 47 Millionen Sexseiten in den Niederlanden besucht)! Die Sexindustrie der Niederlande setzt pro Jahr ca. 1,6 Milliarden Euro um. Aber ich entdecke die sündige Natur auch in mir, wenn ich abends spät nach Hause komme und die Neigung verspüre, doch noch den Fernseher einzuschalten und die verschiedenen Sender entlangzuzappen, und dadurch meinen Geist mit dem Schmutz der Welt berieseln lasse. JESU GÖTTLICHE NATUR Aber Jesus hatte die Natur Gottes (2.Petr 1,4). Er war der „Mann ohne Sünde“. Das war der Grund, weshalb er als der Einzige imstande war, unsere Sünden auf sich zu nehmen. Denn Sünde hatte keine Macht über ihn. Wenn ich mit einer bestimmten Sünde ringe und diese nicht loswerde, kann ich jemandem, der mit derselben Sünde kämpft, nicht weiterhelfen. Wenn ich z. B. in Unreinheit lebe, indem ich mir Filme anschaue, die ich mir lieber nicht ansehen sollte, oder Frauen auf eine Art und Weise betrachte, die nicht in Ordnung ist, wie soll ich dann je jemandem helfen können, ein reines und heiliges Leben zu führen? Darum gab es auf Erden niemanden, der das Problem der Sünde für uns lösen konnte. Jesus, der Mann ohne Sünde, ist durch Gott in diese Welt gesandt worden, um uns von unserer sündigen Natur zu erlösen, die uns davon abhält, in der Gegenwart Gottes zu leben. Jesus ist gekommen, um uns aus der Sklaverei, der Macht der Sünde und der Angst vor dem Tod zu befreien: 33
„Die Kinder aber sind wir, Menschen aus Fleisch und Blut. Christus ist nun auch ein Mensch geworden wie wir, um durch seinen Tod dem Teufel – als dem Herrscher über den Tod – die Macht zu entreißen. So hat er alle befreit, die aus Furcht vor dem Tod ihr ganzes Leben hindurch Gefangene des Teufels waren.“ (Hebr 2,14-15 – Hfa) Das größte Opfer, das Jesus auf sich nahm, war, dass er seine Sündlosigkeit aufgab und sich mit unserer Sünde identifizierte! JESU GEBURT: EIN WUNDER DER SCHÖPFUNG Sein Kommen in diese Welt wurde von vielen übernatürlichen Ereignissen begleitet. Der Prophet Jesaja hatte schon 700 Jahre zuvor prophezeit, dass der Messias von einer Jungfrau geboren werden sollte: „Jetzt gibt euch der Herr von sich aus ein Zeichen: Eine Jungfrau wird schwanger werden ...“ (Jes 7,14a – Hfa) Die Welt versteht dies nicht. Und manchmal denke ich, dass viele Christen es auch nicht verstehen. Die Sünde hat unser Menschsein, unser Denken, unsere Gefühle, unsere Sinnesorgane, unsere Emotionen und unseren Körper so durchdrungen, dass wir sagen: „Ein Mann ohne Sünde? Das gibt es nicht! Und Jesus soll von einer Jungfrau geboren werden? Das geht schon gar nicht!“. Und menschlich gesehen geht das auch nicht. Aber für Gott ist nichts unmöglich! Unser Denken muss verändert werden. Für Gott war es unmöglich, dass Jesus von einem Mann und einer Frau gezeugt werden sollte. Dann hätte er Teil an unserer sündigen Natur gehabt. Darum musste Gott ein Wunder tun! Ab dem Moment der Empfängnis, als der Heilige Geist über Maria kam und Gott in ihrer Gebärmutter ein Schöpfungswun34
der vollbrachte, klopfte das Herz Gottes in diesem Baby. Jesus hatte nicht die erblichen Gene Josefs, sondern die seines Vaters im Himmel. Josefs Berufung war es, ein guter Adoptivvater für Jesus zu sein. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dies ein reicher Segen Gottes ist. Die Geburt Jesu ist ein großes Wunder. So etwas hatte nach Adam und Eva noch nie auf Erden stattgefunden: ein Mensch ohne Sünde, vom ersten Moment an! Eine unglaubliche Geschichte, aber im Grunde genommen ist das ganze Leben Jesu eine Verkettung unglaublicher Ereignisse. EINE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE Manchmal frage ich mich, ob Gott seinen Erlösungsplan extra so kurios ausgearbeitet hat. Auf jeden Fall hat er sich nicht bemüht, eine glaubwürdige Geschichte daraus zu machen! Er wählte ein unbedeutendes Mädchen von ungefähr 16 Jahren aus, die Mutter Jesu zu werden; ein Mädchen von unbedeutender Herkunft. Sie wurde nicht auf natürliche Art und Weise schwanger. Nein, sie wurde schwanger, weil sie durch die Kraft des Heiligen Geistes überschattet wurde. Gott hat es Maria nicht einfach gemacht. Wer würde ihr Glauben schenken? Wie sollte sie diese Geschichte Josef erklären? Und wenn er es glauben würde, sollte Jesus sein Leben lang das Gerede und den Spott hören: „Jesus ist ein uneheliches Kind!“ Mit welchen Augen betrachte ich die Geburt Jesu? Er wurde in einem armen Stall geboren, in einem ärmlichen Dorf eines Landes, das durch grausame Besetzer unterdrückt wurde. Niemand hätte es bemerkt, wenn Gott nicht ein großes himmlisches Heer von Engeln ausgeschickt hätte, um die Geburt seines Sohnes sicher bekannt zu machen. Aber was macht der große Regisseur? – Er schickt seine Engel zu einer Gruppe Hirten, dem Abschaum der Gesellschaft! Es stand im Vorhinein schon fest, dass beinahe niemand ihrer Geschichte Glauben 35
schenken würde. Diese Männer durften nicht einmal als Zeugen vor dem jüdischen Gerichtshof auftreten! Ist dies die Art und Weise, die Welt zu überzeugen? Ist dies die Art und Weise, eine Welt zu retten? Wer glaubt denn so etwas? Die „kuriose“ Geschichte von Jesu Geburt, sein Leben, seine Kreuzigung und Auferstehung kann nur von Gott ausgedacht sein. Wenn es eine menschliche Idee gewesen wäre, wären alle unglaubwürdigen Elemente gestrichen worden, um die Geschichte wenigstens ein bisschen glaubhaft erscheinen zu lassen. Aber die Bibel lehrt uns etwas anderes: „Denn Gott in seiner Weisheit hat es den Menschen unmöglich gemacht, mit Hilfe ihrer eigenen Weisheit Gott zu erkennen. Stattdessen beschloss er, alle zu retten, die einer scheinbar so unsinnigen Botschaft glauben. Die Juden wollen Wunder sehen, und die Griechen suchen nach Weisheit. Wir aber sagen den Menschen, dass Christus am Kreuz für uns sterben musste, auch wenn das für die Juden eine Gotteslästerung ist und für die Griechen blanker Unsinn. Und dennoch erfahren alle, die von Gott berufen sind – Juden wie Griechen –, dass sich gerade in diesem gekreuzigten Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit zeigen. Was Gott getan hat, übersteigt alle menschliche Weisheit, auch wenn es unsinnig erscheint; und was bei ihm wie Schwäche aussieht, übertrifft alle menschliche Stärke.“ (1.Kor 1,21-25 – Hfa) Wir können es beinahe nicht glauben, dass ein Mensch auf der Erde gelebt hat, ohne jemals gesündigt zu haben. Wir können uns nicht vorstellen, wie es ist, nicht mit Sünde infiziert zu sein, da wir ganz einfach nicht wissen, wie es ist, ohne Sünde zu leben. Unser Leben ist durch die Macht und den Einfluss der Sünde so beeinflusst. Wir wissen noch nicht einmal die Hälfte davon, wie destruktiv dies ist! Sünde hat eine so vernichtende Wirkung in sich, dass unsere ganze menschliche Natur damit angesteckt ist. Dadurch ist die ganze Lebensge36
schichte Jesu für uns ein großes Mysterium. Darum ist Jesus selbst für viele, und das auch für einige Christen, eine mystische und unbegreifliche Figur geworden. WIE ANDERE IHN SAHEN Wie sahen ihn die Menschen, die ihn leibhaftig gekannt haben? • Petrus, der mehr als drei Jahre mit Jesus unterwegs war und ihn am Kreuz hat sterben sehen (1.Petr 5,1), bezeugt, dass Jesus nie gesündigt hat und dass aus seinem Mund keine Lüge kam (1.Petr 2,22). • Johannes, der Apostel, den Jesus besonders liebte, schreibt: „Und ihr wisst, dass Jesus in dieser Welt erschienen ist, um die Sünden der Menschen wegzunehmen, und dass er selbst ohne jede Sünde ist“ (1.Jo 3,5 – NGÜ). • Selbst die Frau des Pilatus mischt sich in die Gerichtsverhandlung ein, indem sie ihrem Mann ausrichten lässt: „Unternimm nichts gegen diesen Mann. Er ist unschuldig! Ich habe seinetwegen in der letzten Nacht einen furchtbaren Traum gehabt“ (Mt 27,19 – Hfa). Sie nennt ihn selbst dikaios (griechisch), was übersetzt tadellos und ohne Schuld bedeutet. • Dreimal geht Pilatus zu den geistlichen Führern und dem Volk, um zu fragen, wessen Jesus beschuldigt wird. Dreimal wird die Anklage geändert. Dreimal sagt Pilatus: „Ich finde keine Schuld an ihm, dieser Mann ist unschuldig!“. Schlussendlich erliegt er der Forderung der jüdischen geistlichen Führer, da seine Position in Gefahr gerät. Er gibt Jesus zur Kreuzigung frei. Aber nicht ohne vorher öffentlich seine Hände in Unschuld zu waschen! Er sagt: „Ihr habt diesen 37
Mann zu mir gebracht und ihn beschuldigt, dass er die Menschen aufhetzt. Ich habe ihn vor euch verhört und bin zu dem Urteil gekommen: Dieser Mann ist unschuldig!“ (Lk 23,14 – Hfa). • Selbst Judas, der ihn verraten und überliefert hat, sieht, dass Jesus der „Mann ohne Sünde“ ist. Bevor er sich erhängt, sagt er verzweifelt: „Ich habe gesündigt, denn ich habe schuldloses Blut überliefert“ (Mt 27,4). • Und als der römische Offizier unter dem Kreuz sieht, was geschehen ist, verherrlicht er Gott und sagt: „Wirklich, dieser Mensch war gerecht“ (Lk 23,47b). Er gebraucht dasselbe Wort wie die Frau des Pilatus: ein tadelloser Mensch, ohne Schuld. • Jesus selbst sagte einmal zu den geistlichen Führern: „Wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir dann nicht?“ (Joh 8,46 – GNB). In der ganzen Bibel ist dies das Zeugnis über Jesus Christus. Es ist der Kern des Evangeliums. Hier beginnt die Botschaft des Kreuzes: Jesus kann unsere Schwächen verstehen. Er ist in allem versucht worden, wie wir; nur gesündigt hat er nicht (Hebr 4,15). Er ist heilig und ohne jede Schuld (Hebr 7,26). EINE ANALYSE DES CHARAKTERS Oft versuche ich mir vorzustellen, wie Jesus gelebt hat. Wie sieht jemand aus, der nie gesündigt hat? Wie ist sein Charakter? Ich habe versucht, Jesu Charakter zu analysieren, bis ich entdeckte, dass die Bibel selbst uns eine exakte Beschreibung seines Charakters gibt. Als Paulus der Gemeinde zu Galatien aufzählt, was unsere sündige Natur hervorbringt (Gal 5,19-21), verschweigt er uns nicht, wie die Frucht des Geistes, oder an38
ders gesagt, der Charakter Jesu (seine göttliche Natur) aussieht. Jesus war von Liebe, Freude, Frieden und Geduld erfüllt. Er war durch und durch freundlich, gütig, treu, sanftmütig und enthaltsam (Gal 5,22). Dann habe ich angefangen, das Leben Jesu zu studieren, und entdeckte: Jesus besaß eine reine Seele, einen reinen Geist und einen reinen Körper! JESUS HATTE EINE REINE SEELE Die Augen eines Menschen sind der Spiegel seiner Seele. Was haben Sie gesehen, als Sie in die Augen Jesu schauten? Wie ist es, wenn man ein „Mann ohne Sünde“ ist? Die Seele ist der Ort unserer Gefühle, unseres Willens und unseres Verstandes. Unsere Gefühle sagen unserem Verstand oftmals den Kampf an, um unseren Willen gefangen zu nehmen! Meine Gefühle sagen manchmal: „Benimm dich normal, das ist schon verrückt genug“. Und mein Verstand sagt: „Was werden die Menschen wohl sagen, wenn ich dieses oder jenes tue?“. In meiner Seele kann sich ein gewaltiger Streit zusammenbrauen, sodass mein Wille gelähmt wird. Man sieht auch, dass der eine mehr ein Gefühlsmensch und der andere mehr ein Verstandesmensch ist. Bei Jesus entdecke ich jedoch, dass er all seine Gefühle und seinen Verstand unter die Herrschaft des Heiligen Geistes bringt. In all seinen Emotionen sehe ich eine Authentizität, die mein Vorstellungsvermögen fast übersteigt. Jesus konnte durch den Heiligen Geist froh sein (Lk 10,21), aber auch verärgert und böse (Joh 11,33). Er war mit den Menschen sehr mitfühlend und konnte durch den Heiligen Geist innerlich so berührt werden, dass er um sie weinte (Joh 11,35; 13,21). Auch Angst war eine Emotion, die Jesus gut kannte. Im Garten Gethsemane überfiel ihn eine tiefe Angst wegen dem, was jetzt kommen sollte (Mk 14,33). 39
Aber in diesen Situationen hat Jesus seinen Willen dem seines Vaters untergeordnet: „... doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ (Lk 22,42) „Meine Nahrung ist, dass ich dem gehorche, der mich gesandt hat, und sein Werk vollende.“ (Joh 4,34 – GNB) Jesus ließ sich nicht von seiner Seele oder seinen Gefühlen leiten. Seine Seele war seinem Geist unterworfen, der wiederum mit dem Geist seines Vaters verbunden war. Auch seine Geistesgegenwart, seine Weisheit und Erkenntnis überraschte viele. Von seiner Kindheit wird erzählt: „Das Kind aber wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm.“ (Lk 2,40) Als zwölfjähriger Junge saß er inmitten der Tempellehrer, hörte ihnen zu und stellte viele Fragen. „Alle aber, die ihn hörten, gerieten außer sich über sein Verständnis und seine Antworten“ (Lk 2,47). Oft haben die geistlichen Führer vergeblich versucht, ihn mit einer Fangfrage in die Falle zu locken. Jedes Mal überraschte sie Jesus mit einer unerwarteten Antwort, sodass die Menschen sich verwunderten und von seiner Weisheit und Erkenntnis tief beeindruckt waren (Mt 22,15-33). Jesus war anders als wir, da seine Seele nicht von der Sünde beeinflusst war. JESUS HATTE EINEN REINEN GEIST Jesus hatte nicht nur eine reine Seele, sondern besaß auch einen reinen Geist, der nicht durch die Sünde beeinflusst war. Der menschliche Geist ist geschaffen, um mit Gott, der Geist ist, Kontakt zu suchen. Gottes Geist richtet sich in erster Linie 40
nicht auf meine Seele (meine Gefühle oder meinen Verstand), sondern auf meinen Geist. Sein Geist will sich mit meinem Geist verbinden (1.Kor 6,17), sodass ich durch meinen Geist auf seinen Willen reagieren kann. Gott will, dass wir in unserem Geist feinfühlig werden, um seine Stimme zu verstehen, seinen Willen zu kennen und eine intime Beziehung mit ihm einzugehen. Natürlich wird auch meine Seele auf das persönliche Sprechen Gottes mit meinem Geist reagieren. Wenn der Heilige Geist mich von einer Sünde überzeugt, wird meine Seele nicht immer begeistert sein. Denn dies bedeutet, dass ich diese Sünde auch meinen Mitmenschen bekenne (Jak 5,16). Dies ist für meine Seele jedoch nicht immer angenehm. Ich erinnere mich genau an den Tag, als der Geist Gottes mir auftrug, jemanden aufzusuchen und ihn um Vergebung zu bitten, weil ich ihn für das gehasst hatte, was in der Vergangenheit zwischen ihm und meiner Frau geschehen war, als ich sie noch nicht kannte. Es war, als sei in meiner Seele eine Bombe explodiert. Alles in mir sträubte sich dagegen. Mein Verstand argumentierte, dass schließlich nicht ich der Schuldige sei, sondern er! Nicht ich musste um Vergebung bitten, sondern er! Ich reagierte emotional, und meine Gefühle lehnten sich dagegen auf. Ich war vollkommen verwirrt. In meinem Innern spielte sich ein Kampf ab, bei dem schlussendlich meine Seele gewann und ich keinen Kontakt zu dem besagten Mann aufnahm. Wochen vergingen, ohne dass ich etwas unternahm. Gott jedoch gibt niemals auf! Durch einen unbekannten Missionar, der in den Niederlanden auf Heimaturlaub war und unseren sonntäglichen Gottesdienst besuchte, sprach Gott erneut zu mir. Ganz unvermittelt stand er während des Gottesdienstes auf und sprach „ein Wort des Herrn“, indem er sagte, dass jemand anwesend sei, zu dem Gott gesagt hatte, dass er zu jemandem gehen solle, es bis jetzt jedoch ignoriert hatte. An diesem Morgen sprach Gott erneut: „Geh!“. Ich war so erschrocken, dass ich für einen Moment dachte, dass mein Name ge41
nannt wurde, so akkurat war dieses Wort der Erkenntnis. Dennoch traute ich mich nicht, diesen Schritt zu machen, ihn einfach anzurufen und einen Termin zu vereinbaren. Ich hatte Angst vor der Konfrontation, vor allem aber Angst vor der Konfrontation mit meinen Gefühlen und Gedanken in mir, von denen ich bereits überzeugt war, dass sie nicht gut waren. Dennoch hielt ich meine Gefühle und mein Verhalten für berechtigt. Bis Gott, der sehr viel Geduld mit mir hatte, ein drittes Mal zu mir sprach. Jetzt wusste ich, dass ich keine Wahl mehr hatte. Mein Innerstes, mein Geist, sagte mir, dass dieser Prozess zur Heilung meiner Seele beitragen würde. Ich nahm den Telefonhörer, betete jedoch im Stillen, dass er nicht zu Hause ist (Was ist der Mensch für ein kompliziertes Wesen!), aber wusste zugleich, dass Gottes Gedanken andere waren. Schlussendlich kam es dazu, dass ich mich mit dieser Person verabredete und sie besuchte. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich Kaffee getrunken habe (was ich sonst nie tue) und dass ich ihn – zu seiner großen Überraschung – für meine hasserfüllten Gedanken und Gefühle ihm gegenüber um Vergebung bat. An nichts anderes kann ich mich erinnern. Ich war wohl sehr angespannt, aber ich hatte es getan! Eine schwere Last fiel von meinen Schultern. Ich fühlte mich um vieles leichter und innerlich viel freier. Einige Wochen später kam dieser Mann sonntagmorgens in den Gottesdienst. Er hat sein Leben Gott übergeben und einige Zeit später durfte ich ihn taufen! Nicht meine Gefühle oder mein Verstand müssen meinen Willen leiten, sondern mein Geist, der mit Gottes Geist verbunden ist! Das geistliche Leben vieler Christen spielt sich hauptsächlich auf dem Niveau der Seele ab. Sie beklagen sich über zu lange Gottesdienste, unruhige Kinder, den Musikstil, die Kleidung oder die Wortwahl des Predigers. Außerdem können sie nicht „in die Anbetung geführt werden“, wenn die Musik zu laut oder zu leise ist. Sie reagieren auf eine liebevolle Korrektur mit „Gibt es keine gegenseitige Liebe mehr in der 42
Gemeinde?“ oder, was noch schlimmer ist, dass laut ihrer Ansicht „der Heilige Geist nicht mehr in der Gemeinde anwesend ist“. Diese Menschen kommen in die Gemeinde mit der Absicht, ihre Seele zu befriedigen. Sie richten sich auf Gefühlserfahrungen in ihrer Seele oder ihrem Verstand aus. Und wenn es nicht so geht, wie sie gerne wollen, dann fällt ihr Glaubensthermometer von „heiß“ auf „null“. Jesus dagegen war mit seinem Geist in allem auf den Vater ausgerichtet. Er sagte: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.“ (Joh 4,24) JESUS HATTE EIN REINES GEWISSEN In meinem Geist befindet sich auch mein Gewissen. Dadurch habe ich die Fähigkeit, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden. Das griechische Wort für Gewissen (suneidesis) ist von dem Verb suneido abgeleitet, was mitwissen, begreifen, etwas einsehen und verstehen bedeutet. Mein Gewissen ist eigentlich ein „Mitwisser“. Jetzt begreifen wir, warum Paulus sagen konnte: „Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Röm 8,16), und dass Jesus sagte: „Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, außer was er den Vater tun sieht; denn was der tut, das tut ebenso auch der Sohn.“ (Joh 5,19) Unser Gewissen ist allerdings durch die Sünde verseucht und abgestumpft. Sünde lässt Gottes Stimme in unserem Leben verstummen. Die Bibel sagt, dass unser Gewissen durch die Sünde gebrandmarkt ist (1.Tim 4,2). Es wird betäubt und gefühllos. Die Folge davon ist, dass unser Unterscheidungsvermögen ver43
zerrt wird und wir das Gute schlecht und das Schlechte gut nennen. Der Prophet Jesaja sagt: „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Schwarz Weiß und aus Weiß Schwarz machen, aus Sauer Süß und aus Süß Sauer!“ (Jes 5,20 – GNB) Jesu Gewissen war im Gegensatz dazu vollkommen rein. Sein Gewissen war nicht durch die Sünde beeinflusst! Darum konnte er zu Beginn seines Handelns der Versuchung Satans mit Bravour bestehen. Er durchschaute die Fallstricke des Bösen. Darum konnte Jesus, kurz bevor er sterben sollte, sagen: „... denn der Fürst der Welt kommt; und in mir hat er gar nichts ...“ (Joh 14,30). Jesus hatte ein klares Unterscheidungsvermögen. Er wusste, worauf es ankam und sah, was andere nicht sahen. Dies kam daher, dass seine Sinnesorgane völlig auf Gottes Geist abgestimmt waren. Darum konnte der Heilige Geist mit Kraft durch ihn wirken. JESUS HATTE EINEN REINEN KÖRPER Jesu Sinnesorgane waren auf nichts anderes als auf Gott ausgerichtet. Auch seine Sinnesorgane waren der Herrschaft des Heiligen Geistes untergeordnet. Er sah im Geist, hörte, fühlte, schmeckte und roch im Geist. Er sah, was die Herzen der Menschen bewegte (Mt 22,18), und im Geist sah und hörte er, wie sein Vater zu ihm sprach (Joh 12,49-50). Er spürte manchmal, wie die Kraft Gottes von ihm wich (Lk 8,46), und spürte, ob die Herzenseinstellung der Menschen echt war oder nicht (Joh 2,24-25 – GNB). Er konnte riechen, ob jemand einen Geruch des Lebens verbreitete oder einen Geruch des Todes (Mt 23,27). Jesus, der Mann ohne Sünde, konnte sich eine Frau anschauen, ohne sie zu begehren. Man fühlte sich in seiner Gegenwart 44
vollkommen angenommen, geliebt, sicher und beschützt. Er schickte nie jemanden mit der Nachricht weg: Für dich gibt es keine Heilung, für dich gibt es keine Erlösung oder Befreiung. Er konnte einen Aussätzigen, der von jedermann gemieden wurde, in den Arm nehmen. Die Ausgestoßenen nahm er an. Matthäus, den Zöllner, der vom ganzen Volk wegen seiner Kollaboration mit dem Feind gehasst wurde, hat Jesus aus Hunderten von Jüngern erwählt, um mit ihm zu gehen. Der gehasste Matthäus wurde von dem Mann ohne Sünde geliebt und angenommen. Auch suchte sich Jesus Simon, den Zeloten aus, einen Extremisten, der Israel mit dem Schwert von den Römern befreien wollte. Nicht jeder akzeptierte das. Aber Jesus sagte zu ihm: „Simon, du gehörst zu mir. Lerne von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Jesus wählte selbst einen Judas Iskariot zu seinem Jünger, obwohl er von Anfang an wusste, dass dieser ihn zum Schluss verraten sollte (Joh 6,64)! Mit welchen Augen schaue ich auf Jesus? Ist er für mich ein guter Mensch, ein Prophet oder Lehrer? Oder ist er der Sohn Gottes, der „Mann ohne Sünde“, der so rein und echt war, dass einer seiner Jünger ihn fragte, ob er ihnen Gott, den Vater zeigen könne. Darauf antwortete er: „So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9) WARUM GREIFT GOTT NICHT EIN? Unser sündiges Wesen kann nicht verändert oder in die göttliche Natur Jesu transformiert werden; absolut nicht. Gott weiß wie kein anderer, dass wir von uns aus nicht imstande sind, unser Wesen zu verändern; weder durch das Lesen der Bibel noch durch Beten und Fasten. Selbst der Heilige Geist kann 45
unser sündiges Wesen nicht verändern. In Gottes Augen ist unser sündiges Wesen hoffnungslos, unbrauchbar und unveränderlich. Ich höre so oft von Menschen: „Warum greift Gott nicht ein?“. Aber wo muss er denn eingreifen? Und vor allem: Wo liegt die Grenze seines Eingreifens? Hätte Gott eingreifen müssen, als Adolf Hitler beschloss, alle Juden in seinem Reich zu vernichten? Der Tod eines Mannes hätte das Leben von Millionen Schlachtopfern verschont. Hätte Gott eingreifen sollen, als ein „Vater“ sich gerade an seiner Tochter verging? Muss Gott in dem Moment eingreifen, wenn jemand in Gedanken Ehebruch begeht? Wer beschließt, wo Gott die Grenze zu ziehen hat, um einzugreifen? Seien wir doch ehrlich. Wenn Gott anhand seiner Normen und Werte in diese Welt eingreift, wird niemand am Leben bleiben! Das Nichteingreifen Gottes – obwohl wir es gern hätten – ist eine Tat seiner Gnade und Liebe. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn wird deutlich, dass Gott uns so sehr liebt, dass er uns nie zwingen wird, bei ihm zu bleiben! Aus Liebe hat Gott uns die Freiheit gegeben, unser eigenes Leben zu führen. Auch fühlte er bereits den Schmerz, den es ihm und uns bereiten würde! Gott liebt den Menschen so sehr, dass er ihm nie seine Liebe aufzwingt. Die Wahrheit ist jedoch, dass Gott sehr wohl eingegriffen hat! Obschon er es auf eine ganz andere Art und Weise tat, als wir erwartet hatten. Das Wunder des Kreuzes ist, dass Gott auf eine übernatürliche Weise in unser menschliches Bestehen eingreift. Um dies zu begreifen, müssen wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf die letzten achtzehn Stunden von Jesus von Nazareth richten.
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� Vater im Himmel, ich will meine Augen auf Jesus richten, der das Kreuz auf sich nahm. Öffne meine Augen, schenke mir einen klaren Verstand, damit ich sehe und verstehe, was du für mich getan hast. Schenke mir einen klaren Blick für das, was in den letzten achtzehn Stunden, bevor du starbst, geschah, damit ich die Botschaft vom Kreuz verstehen kann und vor allem das Wunder des Kreuzes auch in meinem Leben stattfinden mag. Amen.
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