MICHAEL STAHL
ERlebt
25 wunderbare Geschichten aus meinem Alltag
GLORYWORLD-MEDIEN
1. Auflage 2015 © 2015 Michael Stahl © 2015 GloryWorld-Medien, Xanten, Germany Alle Rechte vorbehalten Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Einheitsübersetzung entnommen. Weitere Bibelübersetzung: Lutherbibel, Revidierte Fassung von 1984 (LUT). Lektorat: Dr. Dorothea Bieneck Satz: Manfred Mayer Umschlaggestaltung: Rainer Zilly, www.kreativ-agentur-zilly.de Umschlagfotos: Michael Stahl, Rainer Zilly Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN: 978-3-936322-96-5 Bestellnummer: 359296 Erhältlich beim Verlag: GloryWorld-Medien Beit-Sahour-Str. 4 46509 Xanten Tel.: 02801-9854003 Fax: 02801-9854004 info@gloryworld.de www.gloryworld.de oder in jeder Buchhandlung
Inhalt
Einleitung ........................................................................... 7 1 Geküsste Hände ........................................................ 17 2 Der schönste Tag seines Lebens ............................ 21 3 Die rettende Hand ..................................................... 25 4 Ein himmlischer Laster ............................................ 33 5 Der Anführer ............................................................. 39 6 Der Schrei nach Liebe .............................................. 43 7 Max, der Baumeister ................................................. 51 8 Die singende Putzfrau ............................................... 55 9 Die offene Tür ........................................................... 59 10 Die Todesnachricht .................................................. 61 11 Papa ist da ................................................................. 63 12 Fast im letzten Augenblick ...................................... 65 13 Papas Schweiß .......................................................... 67 14 Der Blumenstrauß .................................................... 69 15 Papas Bauch ............................................................. 73 16 Der dankbare Blinde ................................................. 75 17 Sein erstes Mal .......................................................... 77
18 Der Fünf-Euro-Schein ............................................... 79 19 Der Trotzkopf ............................................................ 85 20 Ein aufregender Besuch ........................................... 87 21 Die Dönerbude .......................................................... 89 22 Der Gangster ............................................................. 93 23 Der Getragene ........................................................... 99 24 Nach 34 Jahren ...................................................... 105 25 Die Müllkippe ........................................................... 109 26 Schatztruhe .............................................................. 115 Nachwort ........................................................................ 151 Zum Autor ...................................................................... 155
Einleitung
Es ist immer wieder ein aufregendes Abenteuer, ein neues Buch zu schreiben. Wer wird es lesen, was löst es in den Menschen aus, welche Wunder entstehen dadurch? ERlebt? Ist das ein Faktum, eine Hoffnung, ein Trost? Vielleicht sogar alles auf einmal. Finde es heraus! Lies dieses Buch mit Herz und Verstand. Gehe mit mir zu den Menschen, die ohne Hoffnung waren, zu den Sprachlosen, die nun singen. Gehe ein Stück des Weges mit denen, die wunderbare Wege gegangen sind. Höre jenen zu, die einst ohne Hoffnung und Trost waren. Begleite mich an das Bett von Sterbenden, die in letzter Sekunde das Leben fanden. Vielleicht gehst auch du neue Wege und stellst frohen und dankbaren Herzens fest: ER, also Gott, lebt ja tatsächlich. ER lebt nicht nur, sondern liebt uns alle und jeden Einzelnen persönlich auf eine unbeschreibliche, wundersame Art und Weise. Ja, ER lebt, und Gott wurde von vielen Menschen erlebt. Dieses Buch enthält viele Geschichten, die meine Freunde und ich in den letzten Jahren erlebt haben. Seit vielen Jahren sind wir in Schulen, Heimen, Gefängnissen, Gemeinden, Firmen usw. unterwegs. Dabei habe ich oft meine bewegte Lebensgeschichte erzählt. Viele sind dadurch neue Wege gegangen, hatten den Mut, um Vergebung zu bitten, und sprachen einen kleinen, aber doch sehr wertvollen Satz aus, der nur noch selten über die Lippen kommt: „Ich hab dich lieb.“ 7
ER LEBT
Ich werde in diesem Buch über Wunderbares berichten, wobei das Wunder in uns selbst liegt. Diese ach so moderne Welt muss ja alles erklären und hat auf alles Antworten. Wer zu seinem Glauben steht, wird oft belächelt, manchmal sogar schief angeschaut. Andererseits drückt man sich in der „aufgeklärten“ Welt den Daumen oder wünscht sich „toi, toi, toi“, ohne den tieferen Ursprung dieser abergläubischen Bräuche zu kennen. Auch gibt es Friseure, die Haareschneiden bei Vollmond anbieten, und die doch so toll schlaue Welt rennt ihnen die Türen ein. Millionen fragen die Sterne und Karten um Rat … richten ihre Wohnung nach bestimmten Mustern und Farben ein, weil sie sich davon Glück versprechen. Da gibt es Fußballtrainer, die bestimmte Jacken und Hemden tragen, weil sie denken, das würde den Sieg ihrer Mannschaft fördern. Energiearmbändchen, Glücksbringer, Talismane … Millionen Menschen schwören darauf … Also bin ich „mal wieder“ so frei und berichte von dem, der zum Glück meines Lebens wurde, von dem, der uns Menschen geschaffen hat und uns liebt. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“, so steht es in der Bibel. Gottes Liebe ist Freiheit. So viel Freiheit, dass man sie auch ablehnen kann. Kurz bevor Jesus geboren wurde, suchten Maria und Josef eine Herberge. Doch überall sagte man ihnen dasselbe: „Wir sind schon voll.“ Auf unsere heutige Zeit bezogen, hat sich die Welt kaum geändert. Gott kommt den Menschen nah, klopft an die Herzenstür, doch die Welt sagt: „Wir sind schon voll, wir brauchen diesen Jesus nicht.“ Voll mit was? Man ist selbst Gott, hat seine eigenen Götter, seine Glücksarmbändchen, seine Horoskope und was sonst noch alles. 8
Einleitung
Wohin dann also mit diesem Jesus? Damals schickte man ihn in den Dreck. Im Stall, neben Ochs und Rind fand er Platz. Man wollte ihn nicht. Sein Name bedeutet übrigens „Gott rettet“. Man schlägt die Rettung Gottes aus. Man läuft ohne ihn durchs Leben und erhofft sich bei Tausenden von Dingen Glück und Kraft. Immer und immer wieder wurde Jesus abgelehnt. Als Pilatus dem Volk die Wahl ließ, wen er am Passahfest freilassen solle, Jesus oder Barabbas, da rief das Volk wieder: „Wir wollen diesen Jesus nicht!“ Also wohin mit diesem Jesus? Hinaus nach Golgatha, auf die Müllkippe Jerusalems, hinaus in den Dreck. Ich pflege immer zu sagen: „Wenn es euch dreckig geht, dann geht zu diesem Jesus, der kennt sich aus mit Dreck.“ In der Welt höre ich oft, dass alle Religionen im Prinzip an denselben Gott glauben. Ehrlich? Jesus wurde im Dreck geboren und starb im Dreck. Er heilte unzählige Menschen, behandelte die Menschen so unbeschreiblich kostbar. Er stillte den Sturm und sättigte Tausende mit fünf Broten und zwei Fischen. Er holte den Lazarus, den Jüngling aus Nain und die Tochter des Jairus vom Tod ins Leben zurück. Er wusch seinen Freunden am Abend vor seinem Tod die Füße, obwohl er wusste, dass diese Füße weglaufen würden, um zu flüchten oder ihn zu verraten. Er wird 39mal ausgepeitscht, man treibt Nägel in seine Hände und Füße, setzt ihm eine Dornenkrone auf und hängt ihn nackt ans Kreuz. So einen Gott gibt es tatsächlich noch einmal? Ein Gott, der so liebevoll Füße wäscht, der kommt, um zu dienen. Der den Petrus nach dessen Verleugnung besucht, ihm ein Frühstück macht und ihn dreimal fragt: „Hast du mich lieb?“ 9
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So einen Gott gibt es tatsächlich mehrmals??? In Jesaja 43 steht: „Weil du so kostbar bist, weil ich dich als so wertvoll erachte und weil ich dich lieb habe.“ Manchmal möchte ich die Bibel, die ich im Übrigen aktueller als je zuvor empfinde, in diese zwei Sätze zusammenfassen. Gott sagt uns, dass er uns lieb hat, und fragt dich und mich: „Hast du mich auch lieb?“ Ja, ich glaube, eines Tages werden wir alle vor ihm stehen und er wird uns diese Frage stellen: „Hast du mich lieb?“ Ich habe eine kleine Tochter, und kaum ein Tag vergeht, an dem ich sie nicht frage: „Hast du mich lieb?“ Ich weiß, dass sie mich liebt, aber ich höre es so gerne. So sind halt liebende Eltern. Als mein Vater starb, sagte ich ihm auch, dass ich ihn liebe, und er tat so, als würde er es nicht richtig hören. Heute weiß ich, er wollte es einfach nochmals hören, weil dieses Bekenntnis so kostbar und wertvoll ist. „Ich hab dich lieb.“ Dieser Satz ist wunderbar und er beschert Wunder. Dieser Satz verändert unsere Welt, und wenn es „nur“ die eigene kleine Welt um uns herum ist. Von einigen dieser Wunder will ich in diesem Buch berichten. Was mich sehr in meinem Leben geprägt hat, sind die Erfahrungen, die ich mit Sterbenden machte. Oft erlebte ich drei Dinge bei ihnen: 1. Sie bereuten die Dinge, die sie nie getan hatten, also dass sie ihren wahren Sehnsüchten nie bzw. kaum nachgegangen sind, 2. sie sehnten sich nach Liebe und Versöhnung und 3. sie beteten oder haben um Gebet gebeten. Immer wieder denke ich mir, wenn das alles im Sterben so wichtig ist, dann sollten wir genau dies HEUTE tun. 10
Einleitung
Wir sollten heute das machen, was unser Herz uns sagt – um Vergebung bitten und sie gewähren, Liebe aussprechen und wieder anfangen zu beten. Kurz bevor ich dieses Buch schrieb, unternahmen meine Familie und ich einen Ausflug mit Freunden. Wir waren auf einer großen Ruine unterwegs auf schwierigem Gelände. Ich ging voraus und war tief in Gedanken, weil es einem Freund von mir nicht gut ging. Dabei bemerkte ich nicht, dass meine Tochter (6 Jahre) an mir vorbeilief. Der Rest der Truppe dachte, ich würde nach ihr schauen, und ich dachte, der Rest der Truppe würde das tun. Wie fatal, wenn man nicht miteinander redet. Miteinander zu reden ist der größte Feind von Missverständnissen und Streit, wie ich in Vorträgen oft erwähne. Auf einmal war meine kleine „Maus“ weg. Panik entstand, unsere Herzen klopften … alle liefen wie wild durch die Gegend und schrien den Namen meiner Tochter. Unzählige schreckliche Gedanken machten sich in meinem Kopf breit. Ich schrie nach Gott. „Gott, bitte hilf mir, hilf uns!“ Alle anderen Sorgen und Nöte wurden auf einmal unbeschreiblich klein. Trotz der Sorge spürte ich eine Ruhe in mir. Ich war mitten im Chaos nicht allein. Dieser Gott, mit dem ich lebe, den ich liebe, den ich in mein Herz und in mein Leben eingeladen habe, er war und ist da. Mitten im Sturm spürte ich seinen Frieden. Keine Worte können beschreiben, was in mir vorging. Eine unfassbare Angst, Tausende schreckliche Horrorszenarien, lähmende Gedanken, und inmitten all dieser Qual spüre ich Gottes Nähe. Ich lief wie ferngesteuert um die Ruine, mit all ihren steilen Abhängen, Schluchten und sonstigen Gefahren. Erinnerungen kamen hoch. Meine Frau und meine Tochter hatten Jahre zuvor einen grausamen 11
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Autounfall überlebt. Ich kenne also das Gefühl, wenn es einem den Boden wegzieht. In diesen Momenten fragt man nicht die Sterne um Rat und wünscht sich auch nicht „toi, toi, toi“. Das Daumengedrücke bringt auch nix, und all das, wovon Menschen sich Glück und Kraft erhoffen, erweist sich spätestens jetzt als total halt- und wertlos. In diesen Momenten zählt nur das aufrichtige Gebet: „Gott, bitte hilf mir.“ Wie damals auf der sinkenden Titanic, da kam man ganz zum Schluss auch auf das Wesentliche, auf die Wahrheit zurück. Dort spielte die Bordkapelle ganz zum Schluss „Näher, mein Gott, zu dir“. Wie von einer unsichtbaren Hand geführt, lief ich wie um mein Leben. Ja, meine Kinder sind mein Leben. Ich würde mein Leben für sie geben. So hat es Jesus übrigens gemacht, er gab sein Leben. Gott gab sein Leben für seine Kinder. Ich verstehe dies alles nicht bis ins letzte Detail, aber ich bin immer wieder von dieser Liebe überwältigt. Ich lief und lief, bis ich meine Tochter vor mir sah. Sie spielte und sah sich selbst gar nicht als „verloren“ an. Sie ahnte nichts von all den Gefahren, in denen sie sich befunden hatte. Ich fand sie und hätte die Welt umarmen können. Sie war verloren, und ich habe sie wiedergefunden. Tränen, Glück, Dankbarkeit und unbeschreibliche Freude. Ich glaube, so könnte man die Menschen in der Welt betrachten. Sie ahnen oft gar nicht, in welcher Gefahr sie sich befinden. Welch eine Freude, wenn sie in den Armen des Vaters liegen. Genau darum geht es in der Bibel: um die Liebe eines Vaters, des Vaters aller Väter, den himmlischen „Papa“. Ein Vater, der seine Kinder sucht. Sie verließen ihn, wollten autonom sein und verachteten ihn. Die Bibel ist die Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Manch 12
Einleitung
einer hat vielleicht sogar ein verstaubtes Exemplar der Bibel noch irgendwo verstaut. Ich höre sehr oft, dass die Bibel auch nur von Menschen geschrieben wurde und dass ohnehin schon alles überholt sei. Sind wir uns dessen wirklich sicher? Wenn man bei Google die Worte „Wie wird man“ eingibt, dann wird sofort „Wie wird man reich“ angezeigt. Es gibt zig Millionen von Angeboten, Tipps und sonstigen Anregungen, wie man reich werden kann. In meinem Leben habe ich viele „Millionäre“ kennengelernt. Die meisten von ihnen empfand ich gar nicht als reich, im Gegenteil. Ich sah sie oft nach ihren Aufritten, wenn die Kamera nicht mehr auf sie gerichtet war. Ich sah ihre ungeschminkten Gesichter und ihre Traurigkeit an der Hotelbar. Ich schaute in ihre leeren Augen, die voller Sehnsucht nach wahrem Reichtum waren. Oft waren es dieselben drei Dinge, die sie quälten, die ich so oft bei Sterbenden entdeckt habe. In dieses Streben nach Reichtum in dieser Welt passt die Bibel ganz und gar nicht rein. Heute wird man erschlagen von Castingshows. Alles muss immer besser, höher, weiter, schöner sein. Oft zählen nur noch Zahlen und Fakten. Wo bleibt da der Mensch mit all seinen Schwächen, wahren Sehnsüchten, seinem Versagen und seinen Tränen? Vor der Wahl zum Welt-Fußballer des Jahres sagte einer der Kandidaten: „Der zweite Platz ist der erste Verlierer.“ Dieser Satz, von einem Vorbild gesprochen, hat Auswirkungen, und ich denke, er bestätigt, wie viele in dieser Welt denken und fühlen. Wie nah ist mir doch die Bibel. Hier lese ich nichts von Topmodelmaßen und wie man immer reicher in dieser Welt wird. NEIN, hier entdecke ich ganz andere Geschichten. Geschichten von Verlieren, 13
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Versagern, schuldig Gewordenen, von Ausgestoßenen, Einsamen, Traurigen. Die Bibel, in einem Zeitraum von ca. 1500 Jahren von vielen verschiedenen Menschen geschrieben, folgt dem heutigen „Trend“ überhaupt nicht. War die Welt nicht schon immer so gestrickt? Höher, weiter, besser? Mitten in unsere Habgier hinein kommt so ein ganz anderes Buch. Es handelt von Verlierern, von ängstlichen Menschen, von Menschen, die enttäuscht wurden und wiederum andere enttäuschten. Hier geht es um Schwäche, Schuld und Versagen. Mit dem Wort Schuld haben heute sehr viele Menschen Probleme. Wohin mit ihr? Man verdrängt sie, flüchtet vor ihr oder betäubt sich. Doch Schuld ist allgegenwärtig. Jeden Tag befassen sich Versicherungen, Gerichte oder Psychologen millionenfach damit. Sehr wohl kennt also der wahre Verfasser der Bibel die wahren Sehnsüchte der Menschen. Tief in uns steckt die Sehnsucht nach wahrem Reichtum, nach Befreiung von Schuld, Versagen und nach Heilung unserer Wunden. Kein Glücksbringer befreit uns davon. Verdrängen bedeutet nur, dass alles, was uns beschwert, immer noch da ist. Keiner kann sich selbst erlösen. Die Bibel ist die Geschichte Gottes mit den Menschen und beinhaltet unendlich viele Geschichten von Menschen mit Gott. Das imponiert mir zum Beispiel so sehr an den Jüngern Jesu. Jesus hat sich nicht die schlausten herausgesucht, denn dann hätte die Nachwelt behauptet, sie hätten die Menschen mit Weisheit und Klugheit überrollt. Es waren keine Krieger, sonst hätte man später vielleicht noch gemutmaßt, dass sie die Menschen eingeschüchtert und bedroht hätten. Nein, einfache Burschen waren es, die weder superschlau noch 14
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übermächtig stark waren. Im Gegenteil. Als es darauf ankam, ließen sie Jesus im Stich und hatten alle Furcht. Menschen, die versagten, wegliefen, sich versteckten, die einst voller Schuld und Scham waren, veränderten die Welt. Zu dieser Bande von Schuldigen und Ängstlichen gehöre auch ich. Wer Fehler bei mir sucht, wird sie finden. Aber ich kenne den, der alle meine Schuld und all mein Versagen ans Kreuz gebracht hat. So bin ich frei, obwohl ich noch schuldig bin und es immer wieder mal werde. Jeden Augenblick gibt uns Gott die Chance, mit ihm neu anzufangen. Ein paar Männer und Frauen, die wohl nie einen Songcontest gewonnen hätten, weder Topmodelmaße noch ein dickes Bankkonto hatten und bestimmt auch nie zur Wahl des Weltfußballers aufgestellt worden wären, haben die Welt verändert. Dies ist ein kleiner Beitrag von mir, diese Welt ebenfalls ein wenig zu verändern. Selbst wenn es nur die Welt eines einzelnen Lesers ist. Jeder, der sich selbst ändert, verändert die Welt um sich herum. Dieses Buch will bezeugen, dass sich nichts verändert hat. Gott ist heute derselbe, der er immer war. Er begegnet heute noch vielen Menschen durch Träume, Freunde, in der Natur, im Lächeln eines Menschen, dem Blick eines Babys, dem Regenbogen, in der Musik und durch unzählige wunderbare Erlebnisse. Von einigen dieser wunderbaren Erlebnisse werde ich hier berichten. Viele Menschen können bezeugen, dass dies alles wahr ist. Manche Namen und Angaben sind geändert, um die Personen zu schützen. Viele Menschen wurden von der Liebe Gottes berührt, wurden durch sie bewegt und bezeugen: „JA, ER lebt“, weil sie ihn wahrhaft erlebt haben. 15
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Am Ende des Buches wirst du noch eine Schatztruhe finden, in der es vieles zu entdecken gibt. Vielleicht sogar mehr, als du offensichtlich suchst. Lies die Geschichten mit dem Herzen und bedenke, dass Gott auch dich eines Tages fragen wird: „Hast du mich lieb?“ Entdecke in all diesen Erzählungen Gottes unbeschreibliche Liebe. Gestatte dir zu weinen. Weinen reinigt die Seele. In der Bibel steht: „Gott wird abwischen alle Tränen“, und dass er alle Tränen, die wir weinen, in einem Krug sammelt. Welch eine unbeschreibliche Liebe, wenn ein Liebender die Träne eines geliebten Menschen auffängt. Gott hat versprochen, dass keine Träne vergebens ist. Erlaube dir zu lachen. Ich bin mir sicher, im Himmel wird eine unendliche Freude sein, da wird Lachen sein. Wer also Lachen kann, hat schon ein Stück des Himmels auf Erden. Schön, dass du bis hierher gelesen hast, denn nun beginnt unsere Reise, eine Reise mit vielen wunderbaren Erlebnissen. Gehe mit mir an traurige, einsame und dunkle Orte, an denen es hell geworden ist. Gehe mit mir zu den Sprachlosen, die wieder sprechen, und zu den Hoffnungslosen, die wieder Hoffnung haben. Es geht nicht um Ehre und Ruhm für uns selbst. Ohne Gott könnte ich nichts, aus mir selbst käme nichts hervor. Es geht allein um ihn und um die Tatsache, dass Gott heute noch Wunder tut, da er die Liebe ist. Gott hat nie aufgehört, uns zu lieben – NIE. Ich wünsche dir ein erfülltes Leben, ja dass ER es füllt, denn nur dann ist es wahrhaft erfüllt. Herzlichst Euer Michael 16
1 – Geküsste Hände
Vor vielen Jahren, als ich noch aktiv im Sicherheitsdienst tätig war, hatte ich die Ehre, Nacht für Nacht eine 82-jährige Dame zu bewachen. Viele Stunden verbrachte ich sogar am Bett der alten Dame. Wir sprachen wirklich über Gott und die Welt. Mit der Zeit wurden unsere Gespräche immer tiefer. Am Ende beteten wir sogar zusammen. Nach einigen Monaten war meine Aufgabe dort beendet. Wir verloren uns jahrelang aus den Augen. Eines Tages erfuhr ich, dass die alte Dame an Demenz erkrankt war. Spontan rief ich sie an, stellte jedoch zu meinem Entsetzten fest, dass sie mich nicht mehr erkannte. Kurze Zeit später wurde ich von einer Bekannten gefragt, ob ich gemeinsam mit ihr die alte Dame, die nun kurz vor ihrem 90. Geburtstag stand, besuchen möchte. Das ließ ich mir natürlich nicht nehmen. Wir fuhren gemeinsam zu der einst sehr wohlhabenden und einflussreichen Frau. Es war ein Samstagabend. Bevor ich in ihr Haus hineinging, bat ich Gott um Beistand. Ihre Haushälterin empfing uns an der Tür und informierte uns über den Zustand der Frau: sie würde niemanden mehr erkennen und habe auch seit zwei Jahren mit niemandem mehr gesprochen. Aufgeregt, was mich wohl erwartet, ging ich ins Haus. Da saß sie, zusammengekümmert in einem Rollstuhl. Der Anblick tat mir sehr weh, und doch, trotz all ihrer Gebrechlichkeit strahlte sie Wärme und Güte aus. Ich 17
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nahm ihre Hände und hielt sie in meinen. Ich fragte sie, ob sie mich noch kennen würde, da begann sie zu nicken. Es war unbeschreiblich, nach all den Jahren erkannte sie mich tatsächlich wieder. Ich streichelte ihre Hände. Bevor ich weiter berichte, muss ich mein Herz offenbaren. Wenn ich solche Dinge schreibe, erlebe ich alles noch einmal und bin zutiefst berührt. Da saßen wir nun, die Dame und ich, händchenhaltend, und meine Bekannte und die Haushälterin saßen daneben. Dann fragte ich sie: „Ist es gut, dass ich da bin?“ Sie nickte. Ich wiederholte meine Frage, und dann geschah es. Sie öffnete ihren Mund und fing nach zwei Jahren wieder an zu sprechen: „Ja, das ist sehr gut.“ Da saßen wir drei nun und konnten es kaum fassen, ein Wunder war geschehen, oder wie soll ich das sonst nennen? Ja, ich weiß, es wird schon ein paar schlaue Erklärungen dafür geben. Eine Frau, die niemanden mehr erkannte und nicht mehr sprach, erkennt und spricht wieder. Durch wildes Gestikulieren gab sie den beiden Damen zu verstehen, dass sie mit mir alleine sein wollte. Die beiden verließen das Zimmer. So saß ich nun da, allein mit dieser wunderbaren Lady. Dann nahm sie meine Hände und führte sie an ihr Gesicht. Tränen liefen herab, sie küsste meine Hände und benetzte mit ihren Tränen meine Hände. Nun weinte auch ich. Welch eine Geste, welch ein Moment. Diese einst einflussreiche Frau saß nun zusammengekauert in ihrem Rollstuhl. In ihr war kaum noch Leben, und doch erfüllte sie den Raum mit Liebe und Wertschätzung. Bevor ich die Dame besuchte, hatte ich ja Gott gebeten, mitzugehen. 18
1 – Geküsste Hände
Nach dem Unfall meiner Familie schrie ich Tage und Wochen nach Gott. Als ich meine kleine Tochter vermisste, rief ich nach ihm … und so viele Tausende Male stieg mein Flehen zu ihm empor. Er war immer da. Ich war es, der so oft weglief. Er war treu, auch wenn ich untreu war. Er war da, als ich ging. Ja, und nun war ER in diesem Raum. Ich fragte die Dame, ob sie spürbar mit mir beten wolle. Unter Tränen nickte sie. So begannen wir das Vaterunser zu beten. Kaum hörbar, flüsterte sie jedes Wort mit. Sie hatte dieses großartige Gebet nie vergessen. Sie hatte fast alles vergessen – wer sie selbst ist, wer die anderen Menschen sind –, aber Gott hat sie nicht vergessen, denn er hat sie auch nie vergessen. Es war das einzige Gebet, das Jesus uns gelehrt hat. „So sollt ihr beten.“ Nicht, wir müssen, sondern wir sollen. Er weiß, was gut für uns ist, lässt uns aber aus seiner Liebe heraus immer die Freiheit, alles, was er uns anbietet, auch abzulehnen. Als wir das Gebet beendet hatten, sagte sie laut und deutlich „AMEN“. Das ist das Siegel unter alle Gebete. Es bedeutet: „So sei es.“ „Ja, ich bestätige, das ist die Wahrheit.“ Ich glaube, es war eines ihrer letzten Worte, vielleicht sogar ihr letztes. Denn drei Wochen später starb sie. Es hatte so sein müssen. Gott hat alles so eingefädelt. Unser letztes Treffen, unsere gegenseitige Wertschätzung, die Tränen und unser gemeinsames Gebet. Während ich diese Zeilen in den PC tippe, blicke ich auf meine Hände. Hände, die von dieser Dame gehalten wurden, die ihre Tränen auffingen und die geküsst wurden. 19
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Ihre letzten Worte richtete sie zu Gott, dem Vater, und das gab ihr wahren Frieden. Frieden, den all ihr Reichtum ihr nie gegeben hatte. All die Häuser, die Autos und das ganze Geld spielten am Ende keine Rolle mehr. Am Schluss war es ein Gebet, das sie reich machte, ihr bis in alle Ewigkeit wahren Reichtum bescherte. Es ist mir eine Ehre, von dieser Dame gekßsst geworden zu sein und mit ihr gebetet zu haben, bevor sie in den Himmel ging.
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2 – Der schönste Tag seines Lebens
Lange war er geplant, der Besuch in einem Kinderheim. Manche sprachen von schwererziehbaren Kindern und Jugendlichen. Sie kamen aber nicht so auf die Welt. Sie hatten Sehnsucht nach Liebe, einem wärmenden Nest, nach Geborgenheit. Wenn Liebe fehlt und Entwürdigungen stattfinden, dann „zieht so mancher Mensch nicht mehr richtig mit“, es ist dann also auch „schwer“ ihn zu „er-ziehen“. Es war vorgesehen, mit den Kids in einer Turnhalle herumzutoben und ihnen aus meinem Leben zu berichten. Ich wurde dabei von mehreren aus meinem Team begleitet. Bereits am Parkplatz wurden wir von einigen Jungs empfangen. Zur Begrüßung gab es ein paar kritische Blicke und ein paar „nette“ Worte. Da es eine christliche Einrichtung war, erzählten mir die Betreuer, dass sie für diese Veranstaltung gebetet hätten. Das war gut. Wir alle können nicht mehr als unser Bestes geben, den Rest macht ER. Als ich offen und ehrlich aus meinem Leben berichtete und auch meine Schwächen und Ängste nicht beschönigte, fingen die Kinder an, mir zu vertrauen. Wir lachten und tobten stundenlang in der Halle herum. Dann kamen wir zu einem ganz besonderen Reflexspiel, das wir mit Tennisbällen seit vielen Jahren mit unseren Teilnehmern trainieren. Es benötigt absolute Konzentration, Motorik, Koordination und eine
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Riesenportion Schnelligkeit. Vor allem aber braucht es gute Gedanken, da negative uns lähmen und bremsen. In all den Jahren schafften es nur extrem wenige Leute, diesen Ball unter bestimmten Bedingungen zu fangen. Auch an diesem Tag schaffte es fast niemand, bis auf einen. Das war Pascal. Ein Leben lang wurde er von seinem Vater geschlagen, und im Heim hatte er unter den Gleichaltrigen auch nichts zu lachen. In der Schule lief es erst recht nicht gut. Sein Leben war also voller unerfüllter Sehnsüchte, voller Gewalt und Entwürdigungen. Doch von den Betreuern erhielt er sehr viel Wertschätzung; sie waren echte Vorbilder. Die kleine Sporthalle war voll. Voll mit Teilnehmern, Erziehern, Besuchern sowie meinem Team und mir. Auf die Frage, wer den Mut habe, das Spiel vor allen vorzumachen, da meldete er sich – der so oft verletzte, unterdrückte und doch so wunderbare Kerl. Was würde passieren, wenn er den Ball nicht fängt, was sehr wahrscheinlich war, da sich bei diesem Spiel schon viele die Zähne ausgebissen haben. Würden sie ihn auslachen, um ihn anschließend Wochen und Monate mit seinem angeblichen Versagen zu konfrontieren? Da stand er nun im Mittelpunkt. Ich betete im Stillen für ihn. Schon seltsam, so viel Elend auf der Welt. In vielen Teilen der Welt fehlt es an Wasser und Brot, und ich bete dafür, dass der Kerl einen kleinen Ball fängt. Es war eine atemberaubende Stille. Manche wünschten ihm sicherlich, dass er den Ball nicht fängt, damit sie wieder einen Grund hätten, ihm weh zu tun. Ich warf den Ball über den Kopf, während er mit dem Rücken zu mir stand. Und das Unglaubliche geschah: Mit einer nie zuvor gesehenen Leichtigkeit fing dieser 22
2 – Der schönste Tag seines Lebens
Junge den Ball. Alle waren begeistert, denn keiner in der Halle hatte dies fertiggebracht. Er wollte es nochmals versuchen und fing ihn wieder und dann sogar noch ein drittes Mal. Die Halle tobte. Lachend und voller Freude lagen wir uns begeistert in den Armen. Selbst jene, die ihn so oft verletzt und belächelt hatten und vor denen er Angst hatte, klatschen ihm nun bewundernd zu. Er wurde an diesem Tag zum Helden. Am Ende des Tages belohnten wir alle Teilnehmer mit einer Urkunde und Pascal zusätzlich mit einer Medaille. Wieder klatschten alle. Einen Tag später schrieb mir Pascal eine bewegende E-Mail, in der mich ein Satz besonders beeindruckte. Pascal schrieb: „Das war der schönste Tag in meinem Leben.“ Ich vermute, dass diese Aussage sehr tief beschreibt, wie sein Leben bis dahin verlaufen war. So wurde dieser Tag, an dem er dreimal den Ball fing und eine Medaille und Urkunde bekam, zum schönsten Tag seines Lebens. Kleine Gesten, ein Lob und Wertschätzung waren es, die Pascals Leben veränderten. Dies war mein Wunsch für ihn, den ich in einem Gebet formulierte: dass er spüren soll, dass das Wunder in uns liegt, was auch immer die Welt uns angetan hat. Wir haben die Gabe, durch Wertschätzung uns selbst und die Welt um uns herum zu verändern. Einer seiner Betreuer schrieb mir einige Tage danach, dass sich im Leben von Pascal und im Verhalten der anderen zu ihm seit diesem Tag so viel verändert habe. Auch heute haben wie noch per E-Mail Kontakt. Er schrieb mir mal, dass er endlich weiß, was er kann, und dass, wenn er Gott und sich vertraut, er alles schaffen 23
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kann. So können wir also von diesem wunderbaren Jungen lernen. Seine Geschichte berührt mich. Er hatte den Mut, etwas zu tun, auch auf die Gefahr hin, dass seine Leiden und seine Ausgrenzung noch schlimmer werden. Mut wird aus Liebe geboren, aus Vertrauen in Gott und in sich selbst. Pascals Mut wurde belohnt. Es war aber auch mutig von den anderen zu loben, statt weiterhin Beleidigungen auszusprechen, und mit den Händen zu klatschen, mit denen sie ihn zuvor geschlagen hatten. Mut schafft Veränderungen. Eine kleine Aktion hatte riesige Auswirkungen. Diese Geschichte hat nicht nur die Anwesenden von damals berührt. Sie berührt weiter die Herzen der vielen, die das nun lesen, vielleicht sogar deines.
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3 – Die rettende Hand
Es war ein 11. Juli. Der Todestag meines Papas. Gemeinsam mit meiner Kollegin hatte ich im Schwarzwald ein Schulprojekt und spät am Abend durfte ich noch vor Konfirmanden und ihren Eltern sprechen. Es war ein sehr heißer Tag mit weit über 30 Grad. Die Klamotten klebten an mir. In der Schule ging es um das Thema Mobbing. Die Klasse hatte es damals ganz besonders auf einen 14-jährigen Jungen abgesehen. Er war der Kleinste und Schwächste. Da gab es einige Jungs, die es sich zur täglichen Aufgabe gemacht hatten, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen, wie sie dem Jungen auf vielfältige Art und Weise Schmerzen zufügen konnten. Da ich als Kind selbst durch diese Hölle lief, wusste und fühlte ich, wie es ihm wohl jeden Tag erging. Ich kenne den schlimmsten Tag der Woche für Menschen, die in Schule und Beruf gequält werden. Viele nehmen an, es wäre der Montag, in Wahrheit ist es aber der Sonntag. Am Sonntag leiden unzählige Menschen – nicht weil wir so viele Kriege in der Welt haben, sondern weil wir Kriege in Klassenzimmern und in Büros haben. Eine seltsame Welt, in der wir leben. Sie klagt Gott für die Kriege und das Chaos an und bemerkt ihre eigene Kriegsführung in ihrem eigenen kleinen Universum nicht mehr. In der Pause nahm mich die Lehrerin beiseite und erzählte mir, dass der Junge auch zuhause wohl 25
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Schreckliches durchmache. Kinder wie dieses machen sich kaum Gedanken, was am nächsten Tag in Mathe und Deutsch drankommt, sie fragen sich vielmehr, was man ihnen morgen wohl antun wird, wie der Schulweg sein wird und was sie in den fünf Minuten Pause erleiden müssen. Auch nach Schulschluss haben viele noch nicht ihre ersehnte Ruhe, da geht’s dann im Internet weiter. Von der Lehrerin erfuhr ich, dass der Junge bei seiner Mama wohnte. Aber was dem Jungen tatsächlich auf der Seele lag, wusste keiner. Er redete nicht über seine Gefühle, was bei Jungs und Männern nicht selten ist. Als das Projekt zu Ende war, packte ich meine Sachen und lief zum Auto. Dort blieb ich eine Weile im Auto sitzen und musste – wie so oft – erst einmal das Gehörte und Gesehene sacken lassen. Oft bete ich dann und lege das Erlebte in Gottes Hände. Ich verstehe so vieles nicht und habe gelernt, es in seine Hände zu legen. Gerade wenn es sich um Schweres handelt, kommt es nicht selten vor, dass ich ein Stück „mitleide“. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass sich der Junge mir anvertraut, doch leider hatte ich nicht die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch. Meine Gedanken kreisten um den Jungen, als er plötzlich an meinem Auto vorbeilief. Ich wusste, es ist nie zu spät. Jetzt war die Gelegenheit da, um mit ihm von „Mann zu Mann“ zu reden. Leider fehlen mehr und mehr Männer in unserer Gesellschaft. In den Kindergärten gibt es kaum Männer, in den Grundschulen auch immer weniger. Jede zweite Ehe wird geschieden, und viele Männer sind zwar körperlich anwesend, in Gedanken jedoch in der Firma 26
3 – Die rettende Hand
oder bei nicht erfüllten Sehnsüchten; viele leiden auch an Erschöpfung. Da saßen wir nun auf einer kleinen Steinmauer. Er wusste, dass ich ihn verstand. Ich erzählte ihm aus meinem Leben, wie oft ich als Bub traurig war. Endlich war die Zeit reif, der Junge packte aus. Ich glaube, er erzählte mir alles. Als seine Eltern noch zusammen waren, wurde er oft von seinem Vater geschlagen. Die Mutter war hilflos und litt sehr unter ihrem Mann. Als die Ehe schließlich zu Ende ging, hatte das Martyrium des Jungen jedoch noch kein Ende, da er alle zwei Wochen zum Vater „musste“. Niemandem erzählte er von seinen Schmerzen und von seiner Sehnsucht nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Hinzu kam, dass die Mama kaum Geld hatte und ihrem Sohn viele Dinge nicht kaufen konnte. Aus Geldmangel konnte er an manchen Dingen nicht teilnehmen und litt dadurch zusätzlich. Nachdem er total ausgepackt hatte, spürte ich seine Erleichterung. Endlich war es raus. Seine Situation hatte sich dadurch zwar noch nicht verändert, aber zum ersten Mal hatte er sich seinen ganzen Schmerz von der Seele geredet. Erleichtert, aber weinend, saß er mir auf der kleinen Steinmauer gegenüber. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich die Lehrerin das Schulgebäude verlassen. Ich fragte den Jungen, ob er mir vertraute. Er nickte bestätigend. Ich nahm ihn an der Hand und ging mit ihm der Lehrerin entgegen und wir beide erzählten ihr alles. Endlich wusste sie, was dem Jungen alles auf dem Herzen lag. Ich drückte den jungen Mann, er schenkte mir ein dankbares befreites Lächeln und fuhr mit seinem Fahrrad davon. Zurück blieben die Lehrerin 27
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und ich auf dem kleinen Schulhof; meine Kollegin wartete im Auto. Die Lehrerin war dankbar und versprach mir, sich um den Jungen und auch um seine Mama zu kümmern. Kurz vor der Verabschiedung meinte die Lehrerin, es sei ein Wunder, dass der Junge endlich Einblick in seine Seele gewährt habe. Seit Jahren kämpfe sie für den Jungen, ohne jedoch richtig an ihn heranzukommen. Ich fragte die Lehrerin, was ihr selbst im Leben Kraft gebe. Als wir in die Tiefe gingen, stellte sich heraus, dass sie ihren eigenen Wert gar nicht so richtig kannte. Ich war glücklich, sie mit ein paar Worten und Büchern beschenken zu können. Wir umarmten uns. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie lächelte und uns hinterherwinkte. Wir fuhren weiter zu unserem nächsten Ziel. Vor ca. 200 Personen durfte ich über Liebe und Vergebung sprechen. Nach dem Vortrag wurde ich von einigen Menschen noch umringt und es ergaben sich viele persönliche Gespräche. So ging der Tag langsam zu Ende. Hier noch ein Lächeln, da noch ein paar Hände schütteln und dann ab Richtung Heimat. Die Hitze und all das Erlebte – die vielen traurigen Geschichten, die Tränen – und vor allem die Gedanken an meinen verstorbenen Vater setzten mir sehr zu. Mir wurde schwerer und schwerer ums Herz und ich hatte noch über 300 Kilometer Fahrt vor mir. Eine erdrückende Aufgabe nach dem Erlebten mit der Sehnsucht nach meinem Papa. Also schickte ich ein kleines Gebet in den Himmel. Ich legte den Jungen, seine Mama, die Lehrerin sowie einige andere Menschen in die Hände Gottes, mit der Bitte, dass er sie behüten und leiten möge auf ihrem weiteren Weg. Ich sagte Gott, wie es mir ging, und bat 28
3 – Die rettende Hand
ihn um ein kleines Zeichen. Ich fühlte mich wie jemand, der unterging und kaum noch Kraft hatte. Keine fünf Minuten später geschah etwas Unglaubliches und ich bin so froh, dass ich es mit einem Bild untermauern kann. Auf einmal hatte ich den Impuls, an der nächsten Raststätte rauszufahren. Ich traute meinen Augen kaum, denn was ich neben mir erblickte war ein gigantischer bulgarischer Truck mit dem Motiv des sinkenden Petrus.
Ja, so fühlte ich mich. Wie ein Ertrinkender, der kaum noch Kraft hatte. Aus eigener Kraft schaffte es dieser Petrus nicht. Und ich in meinem Leben auch nicht. Wir alle sind auf die Hilfe eines anderen angewiesen. Viele Menschen bitten um Wunder, um Wasser und Brot, ein Dach über dem Kopf. Wir in Deutschland müssen nicht darum bitten, da die meisten von uns all dies haben. Ist es also nicht schon ein Wunder, dass wir dies alles haben? 29
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Wem danken wir dafür? Haben wir selbst uns Hände und Füße gegeben, die sich um all dies mühten? Unsere Gedanken, unsere Phantasie? Kommt alles vom Urknall? Liebe, Verantwortung, Würde, Wertschätzung, Danken, Bitten, Genießen, Empfangen … soll all das nur eine Verkettung unendlich vieler Zufälle sein? Dann wäre ja letztendlich alles ohne Sinn, also sinnlos. Daran mag ich gar nicht denken, es würde eine Leere in mir erzeugen. Wir sind gewollt und geliebt. Zu dem, der uns liebt, rief ich damals am Todestag meines Vaters. Ich hatte schwere Gespräche an diesem Tag, es war heiß, und am Ende des Tages war ich müde, traurig und schwach. Ja, ich bekenne, mich ab und zu müde, traurig und schwach zu fühlen. Nicht selten werde ich schuldig und versage auch noch. Jesus jedoch erweckt Freude in mir, er ist meine Hoffnung und meine Kraft. Letztendlich nahm er mir mein allergrößtes Problem, meine Schuld. Mitten in meine Müdigkeit, Traurigkeit und Schwäche hinein reicht er mir die Hand. Ich war so begeistert, als ich neben dem Truck stand. Minutenlang stand ich faszinierend vor dem Bild. Ich hatte Gott um ein Zeichen gebeten, und fünf Minuten später stand ich vor einer gigantischen „Zeichnung“. Ich verstehe so vieles nicht, warum manches so ist wie es ist. Aber ich vertraue darauf, dass Gott einen Plan für mein Leben hat. Wie oft habe ich wohl schon seine Wunder übersehen, einfach nicht registriert oder vor Schmerz und Bockigkeit nicht wahrgenommen. Nun aber stand ich leibhaftig vor dem Wunder, um das ich gebeten hatte. Nein, ich bekam sogar mehr, als ich mir je erträumte. Was für ein Augenblick. Völlig begeistert und gestärkt fuhren wir weiter. Nach einiger Zeit entschlossen 30
3 – Die rettende Hand
wir uns, eine weitere Rast einzulegen. Was ich auf diesem zweiten Rastplatz sah, kann ich kaum noch beschreiben. Nur wenige Meter vor mir stand ein LKW mit einem Herz-Jesus-Bild. Es war aber nicht nur irgendeines dieser Bilder, sondern jenes, das mich als 5Jährigen zu Jesus führte. Im Schlafzimmer meiner Eltern hing damals ein DIN-A5-großes Bild, auf dem Jesus abgebildet war. Ich hatte mich als kleiner Junge gefragt, wer wohl der Mann war, der so liebevoll schaute und Löcher in den Händen hatte. Auf diese Weise wurde ich damals schon neugierig auf Jesus Christus.
Ich konnte es kaum glauben, was an jenem Todestag meines Vaters alles geschah. So viele Geschichten, Tränen, Hoffnung, Neuanfänge und Gebete, und dann diese beiden LKWs, diese beiden Bilder. Das eine Bild, das mir als Kind Hoffnung und Halt gegeben hatte, und das andere, das meinen aktuellen Zustand perfekt beschrieb. 31
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Ich habe im Übrigen diese zwei Lastwagen nie wieder gesehen, außer am Todestag meines Vaters. Was empfinde ich, wenn ich an diesen Tag denke, mit all seinen Erlebnissen und den vielen unterschiedlichen Emotionen? Ich bin zutiefst berührt. Gott lässt uns unseren freien Willen, oft bekommen wir gar nicht, was wir uns wünschen, aber dafür das, was wir brauchen. Doch in allem, was geschieht, egal, ob es unerträglich heiß oder kalt ist, ob wir kämpfen oder bekämpft werden oder ob uns das Wasser bis zum Hals steht: Gott ist da, wir sind nie allein – NIE. Auch wenn ich schon oft in meinem Leben dachte, alle hätten mich verlassen, so war es nur mein Gefühl; in Wahrheit war Gott immer da und wird es immer sein. Denn er hat mein Herz berührt und ich bin tief bewegt, da ich ihn erlebt habe, weil ER lebt.
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