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Michael Weisbecker

Ausgewogenheit

Wie Christen bei kontroversen Themen in der Balance bleiben

GLORYWORLD-MEDIEN


1. Auflage 2014 © 2014 Michael Weisbecker © 2014 GloryWorld-Medien, Bruchsal, Germany Alle Rechte vorbehalten Bibelzitate sind eigene Übersetzungen des Autors. Lektorat: Dr. Dorit Bieneck Satz: Manfred Mayer Umschlaggestaltung: Kerstin & Karl Gerd Striepecke, www.vision-c.de Foto: fotolia Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN: 978-3-936322-92-7 Bestellnummer: 359292 Erhältlich beim Verlag: GloryWorld-Medien Postfach 4170 D-76625 Bruchsal Tel.: 07257-903396 (ab 15.12.14: 02801-9874200) Fax: 07257-903398 (ab 15.12.14: 02801-9874201) info@gloryworld.de www.gloryworld.de oder in jeder Buchhandlung


INHALT

Vorwort ............................................................................................. 7 EinfĂźhrung ........................................................................................ 9 1 Gott und die Welt .................................................................... 25 2 Freiheit und Gesetzlichkeit ...................................................... 35 3 Von Anti- und Hyper-Charismatikern ...................................... 47 4 Glaube kontra Werke ............................................................... 57 5 Gesundheit fĂźr alle? ................................................................. 67 6 Arm oder reich? ........................................................................ 85 7 Freiwillig vorherbestimmt ........................................................ 99 8 Die Rolle der Frau ................................................................... 111 9 Die Israel-Frage ....................................................................... 127 10 Gemeindestrukturen .............................................................. 137 Schlussbemerkungen .................................................................... 153 Zum Autor ..................................................................................... 158


VORWORT

Auf dieses Buch haben wir gewartet! Hier gibt es einen kräftigen Anstoß, ins Grübeln zu kommen – aber auch zum Schmunzeln. Als Christen sind wir in unserer Gesellschaft oft keine leuchtenden Beispiele, vor allem wegen der Zerstrittenheit in unseren Lehrmeinungen und dem Mangel an Liebe zueinander. Paulus bittet Gott für die Kolosser: Deshalb hören auch wir nicht auf, von dem Tag an, da wir es gehört haben, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens erfüllt werdet in aller Weisheit und geistlichem Verständnis (Kol 1,9). Diese Weisheit und das geistliche Verständnis helfen uns als Christen, im Zentrum des Willens Gottes zu bleiben. Dabei geht es hier nicht allein um den deutlich geoffenbarten Willen Gottes, sondern um Klärung von Einzelfragen, besonders im Blick auf die sogenannten „Reizthemen“ in Kirchen und Gemeinden. Fragen dazu werden in der Schrift oft nicht eindeutig beantwortet. Hier ist es Michael gelungen, genau diese nicht unwichtigen Punkte ausführlich zu behandeln. Der Leser darf sich freuen auf eine gut lesbare Lektüre mit einer Reihe lebensnaher und kontroverser Themen, die im Gemeinde-Alltag immer wieder auftauchen und für Diskussion sorgen. Sie werden im Licht der Bibel reflektiert und zum Teil als eigene Erfahrungen „durchlebt“. Michael hat als „Nicht-Pastor“ schon viel erlebt in der geistlichen Landschaft Deutschlands und auch international. Er versteht es, Missverhältnisse im Leben Einzelner und in der Gemeindepraxis auf amüsante Weise aufzudecken. Dankenswerterweise aber 7


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nicht, ohne uns, den Lesern, als guter Berater zu dienen. Er tut dies mit der ihm geschenkten Weisheit und dem Verständnis des obigen Pauluswortes. Ich wßnsche Michael eine weite Verbreitung seines Buches und jedem Leser eine konsequente Umsetzung des Erkannten. Obernkirchen, den 10.9.2014 Winfried Abram Freund des Autors

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EINFÜHRUNG

Verliere nie dein Ziel aus den Augen, sondern geh geradlinig darauf zu. Überlege dir sorgfältig, was du tun willst, und dann lass dich davon nicht mehr abbringen! Schau weder nach rechts noch nach links, sonst könntest du schnell auf Abwege geraten. Sprüche 4,25-27

Bei vielen Dingen im Leben ist es gut und empfehlenswert, in der Mitte zu bleiben. Beliebtes und sprichwörtliches Beispiel dafür ist das Reiten – weil man sonst nämlich links oder rechts vom Pferd fällt. Auch einem Autofahrer kann man nur raten, sich an die Mitte seiner Fahrspur zu halten. Denn rechts davon drohen der Straßengraben oder die Alleebäume, auf der linken Seite der Gegenverkehr. Ein Fahrzeuglenker hat dies vor einigen Jahren in einem Baustellenbereich auf der A2 nicht beachtet. Das hatte für mich sehr unangenehme und schmerzhafte Folgen – zwei Stunden später erwachte ich, schwer verletzt, auf einem OP-Tisch aus meiner tiefen Bewusstlosigkeit … Die meisten werden mir wohl auch zustimmen, dass es im politischen Bereich ratsam ist, sich einigermaßen in der Mitte zu positionieren. Bei zu großer Abweichung nach links oder rechts wird man sogar vom Verfassungsschutz beobachtet und kann von dieser Seite mächtig Ärger bekommen. Wie ist es nun bei unserem Glauben? Bei den Überzeugungen, die wir haben und die wir nach außen hin vertreten?

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Ist hier ebenfalls eine mittlere Position erstrebenswert? Oder geht es hier nicht vielmehr darum, einen klaren und kompromisslosen Standpunkt einzunehmen und diesen zu verteidigen – auch auf die Gefahr hin, als intoleranter Fundamentalist bezeichnet zu werden? Die Antwort auf diese Frage ist – meiner Meinung nach – ein klares Jein. Ein Ja und ein Nein. Ein Ja zu einer felsenfesten und unverhandelbaren Position, wenn es um den Kern des Evangeliums, um die zentrale Wahrheit geht – ein Nein dagegen zum einseitigen und dogmatischen Beharren auf theologischen Standpunkten, wenn es dabei um Details geht, also um Themen, die zwar nicht völlig unwichtig, aber doch zweitrangig sind. Oft hört man, dass Christen bestimmte Dinge als „nicht heilsentscheidend“ oder als „nicht heilsnotwendig“ bezeichnen. Und kann dann anschließend verwundert beobachten, wie sie sich über genau diese Punkte ereifern und von anderen Christen distanzieren. Auf der anderen Seite trifft man auch immer wieder Christen, die infrage stellen, ob es wirklich nur eine Wahrheit und nur einen Weg zu Gott gibt, oder dies sogar verneinen. „Alle Menschen sind Kinder Gottes“ – ein gut klingender Satz, der auch in christlichen Kreisen sehr beliebt ist und gerne zitiert wird. Hatte doch der große Martin Luther King diese Worte häufig auf seinen Lippen. Und der war schließlich nicht nur ein hoch angesehener Menschenrechtler, sondern auch Christ und Baptistenpastor. Aber Aussagen werden nicht dadurch wahrer und richtiger, dass sie häufig wiederholt werden, auch nicht dadurch, dass sie aus prominentem Munde kommen. Allen aber, die ihn aufnahmen, [nur] denen gab er das Recht, sich Gottes Kinder zu nennen (Joh 1,12). So klingt die Aussage der Bibel zu diesem Thema. Nun, ich gebe zu, dass sich der Satz „Alle Menschen sind Kinder Gottes“ sehr gut anhört. Er hat so etwas Positives, Verbindendes. Das macht ihn zwar nicht richtig, aber das macht es für uns 10


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schwer, das Zitat aus unserem Repertoire zu streichen. Schade drum. Doch die gute Nachricht ist: Wir müssen auf diese schönen Aussage gar nicht ganz verzichten. Wir müssen nur ein Wort ändern. Dann klingt der Satz noch fast genauso gut – hat aber den entscheidenden Vorteil, dass er wahr ist und mit den biblischen Aussagen übereinstimmt. Er lautet dann in der neuen und richtigen Version: „Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes.“ Wenn es die zentrale Wahrheit des Evangeliums ist, die über Himmel und Hölle entscheidet, dann stellt sich natürlich sofort die Frage, worin denn nun diese Wahrheit besteht. Konkret: Welche Glaubensinhalte sind Voraussetzung, sich als Kind Gottes bezeichnen zu können? Und welche sind Beiwerk? Dazu macht der Apostel Johannes eine klare Ansage: Wer nun glaubt, dass Jesus ist der Christus, der ist aus Gott geboren (1 Joh 5,1). Was muss ein Mensch glauben, um aus Gott geboren – also um sein Kind – zu sein? So lautete unsere Frage, und hier finden wir die Antwort. Was uns sofort auffällt: Die Antwort ist sehr kurz, sie besteht nur aus vier Worten: „Jesus ist der Christus.“ Nur vier Worte. Aber jedes davon ist wichtig. Keines ist verzichtbar. Drei wären zu wenig, sie würden nicht ausreichen. Gehen wir kurz die Worte durch: · „Jesus“: Damit wird die menschliche Seite von Jesus Christus beschrieben. Ein Christ muss also glauben, dass es einen Menschen namens Jesus gab. Dies zu glauben ist auch nicht sonderlich schwer. Die Historizität der Person Jesus ist ebenso gut belegt wie die von anderen bekannten Menschen der Geschichte. Die Existenz des Menschen Jesus zu verneinen, ist ungefähr so einzustufen wie zu leugnen, dass Hannibal, Kleopatra oder Augustinus je gelebt haben – sehr realitätsfern. · „ist“: Ein ganz wichtiges Wort in unserem kurzen Satz. Caesar war, Napoleon war, Hitler war, alle anderen waren. Nur Jesus ist. Weil er auferstanden ist und lebt. Ein unverzichtbarer Glaubensinhalt für ein Kind Gottes. 11


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· „Christus“ (= „der Gesalbte“): Damit wird die göttliche Sendung von Jesus beschrieben. Ein Christ muss also glauben, dass Jesus von Gott gesandt wurde, sein Sohn ist – wie es an anderer Stelle heißt (vgl. Joh 3,16). · „der“: Ein kleines und unscheinbares Wort – aber genauso wichtig wie die drei anderen. Nein, es reicht nicht, zu glauben, dass Jesus ein Christus ist – neben Buddha, Mohammed und Nostradamus. Jesus ist ganz Mensch und doch Gott (wahrer Mensch und wahrer Gott), der einzige Mittler zwischen Himmel und Erde. Nach neutestamentlicher Aussage ist also derjenige ein Kind Gottes, der das oben Gesagte glaubt – nicht der, der es sagt, sondern der, der es glaubt. Und Glaube im biblischen Sinne ist nicht ein eventuelles Für-Möglich-Halten, sondern „eine gewisse Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ (Hebr 11,1). Charles H. Spurgeon, der bekannte englische Prediger und Theologe, soll am Ende seines Lebens sinngemäß gesagt haben: Mein Glaube, meine ganze Theologie hat sich im Laufe der Jahre immer weiter reduziert, und es sind schließlich nur noch vier Worte übrig geblieben, nämlich die Worte: „Er starb für mich.“ Und damit will ich mich fortan begnügen. Auch Spurgeon ist offensichtlich das Gleiche wie Johannes gelungen: das Evangelium in vier Worten auszudrücken. Eine bekannte und in zahlreichen christlichen Kreisen oft gehörte Aussage lautet: „Im Wesentlichen Einheit, im NichtWesentlichen (oder Umstrittenen) Freiheit, in allem die Liebe“ („In necessariis unitas, in non-necessariis (oder dubiis) libertas, in omnibus caritas.“). Während es unklar ist, von wem die Aussage ursprünglich stammt – wohl nicht von Augustinus, wie oft irrtümlich behauptet wird –, findet sie doch bei Christen unterschiedlichster Prägung breite Zustimmung. Nicht nur, dass dieser Satz schon seit dem 16. Jahrhundert von Lutheranern gerne zitiert wurde, nein, er fand sogar Eingang in das von Papst Johannes XXIII. einberufene zweite 12


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Vatikanische Konzil (1962–1965), das immerhin mit 2308 JaStimmen (70 Konzilväter stimmten mit Nein) verabschiedet wurde. Wenn doch fast jeder Christ dem obigen Satz zustimmen kann, dann sollte es doch relativ einfach sein, auf einen Nenner zu kommen. Oder doch zumindest, sich gegenseitig zu respektieren und stehenzulassen. Ein Blick in die Kirchengeschichte und auf die gegenwärtige Christenheit zeigt jedoch ein anderes Bild. Da wurde und wird kaum eine Gelegenheit ausgelassen, sich wegen kleiner Unterschiede in Detailfragen des Glaubens zu streiten, voneinander zu distanzieren, zu trennen und sich gegenseitig zu verunglimpfen. Angefangen von Taufe und Abendmahl bis hin zu Kleidung und Haartracht der Frauen … Während der Aussage „Im Wesentlichen Einheit, im NichtWesentlichen Freiheit“ im Allgemeinen zugestimmt wird, so meint doch jeder selbst entscheiden zu dürfen, was und wie viel denn nun wesentlich ist. Und kaum einer begnügt sich dabei mit so wenig wie Spurgeon oder der Apostel Johannes, die das Wesentliche mit vier Worten beschreiben konnten. Dabei muss man bei diesen beiden Herren noch berücksichtigen, dass sie ihre diesbezüglichen Aussagen erst im hohen Alter gemacht haben. Und zumindest von Spurgeon wissen wir, dass er die Dinge in jüngeren Jahren doch etwas komplizierter gesehen hat. Oft kommt die Weisheit erst mit dem Alter. Auf der anderen Seite ist aber auch das Alter bekanntermaßen kein zuverlässiger Schutz vor Torheit. Das erinnert mich an einen älteren, langjährig verheirateten Mann, der seinem Freund anvertraute: „Wir haben uns in unserer Ehe arrangiert. Die wichtigen Entscheidungen treffe ich, die unwichtigen meine Frau.“ „Und“, hakte der Freund nach, „hattet ihr schon viele wichtige Entscheidungen?“ „Bisher noch keine“, war die Antwort. Auch wenn der Mann in dieser Geschichte nur eine Witzfigur ist, so eignet er sich doch als Beispiel für unzählige Christen, die es noch nicht gelernt haben, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, und meinen, alles sei total wichtig. Sie führen einen Kampf, von dem sie meinen, dass es „der gute Kampf des

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Glaubens“ (vgl. 1 Tim 6,12) ist. Dabei merken sie nicht, dass sie an der falschen Frontlinie kämpfen. Im Gleichnis vom Weizen und Unkraut (vgl. Mt 13,24-30) gibt Jesus den Erntearbeitern den Rat, sich um den Weizen und nicht um das Unkraut zu kümmern. Erst am Ende, also bei der Ernte, werde aussortiert. Jetzt – bis zur Ernte – sei das Säen und Fördern des Positiven angesagt, und nicht das Bekämpfen und Niedermachen des Negativen. Mit Anfang zwanzig besuchte ich – zusammen mit meiner mir kurz zuvor angetrauten Ehefrau – eine Bibelschule. Wir verbrachten dort sozusagen unsere Flitterjahre. Neben all dem Guten, was über diese Bibelschule zu berichten wäre, gab es doch auch einen großen Schwachpunkt, der uns das Leben und Studieren dort schwer gemacht hat. Und das war, neben einer gewissen Einseitigkeit, die endlose und verbissene Auseinandersetzung mit Randfragen des Glaubens – als ob das Reich Gottes und unsere Ewigkeit davon abhängen würden. Es liegt jetzt schon über dreißig Jahre zurück, aber ich erinnere mich noch sehr gut (oder besser gesagt: sehr ungern) an die Themen, die dort immer und immer wieder durchgekaut wurden. Die „Verlierbarkeit“ des Heils – um ein Beispiel zu nennen. Einmal gerettet, immer gerettet? Kann ein Christ auch wieder abfallen und verloren gehen? Weiteres Beispiel: die Entrückung! Findet sie vor oder nach der Großen Trübsal statt? Und als drittes Beispiel: die Geistestaufe und spektakuläre Geistesgaben. Sind sie heute noch erstrebenswert, oder nicht (mehr) vorhanden? Sind sie göttlichen, menschlichen oder dämonischen Ursprungs? Zu diesen drei Beispielthemen (und zu vielen anderen) findet man unter Christen – quer durch alle Länder und Denominationen – sehr unterschiedliche Ansichten. Selbst das „Handbuch des Glaubens“, die Bibel, macht zu solchen Fragen vielfältige Aussagen, die sehr interpretierbar und keineswegs eindeutig sind. Das hielt „unsere“ Bibelschule jedoch nicht davon ab, sich auf eine Erkenntnis festzulegen und diese als allein richtige Wahrheit zu bezeichnen. 14


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Ging es um die Einstellung eines neuen Lehrers, dann wurde der Mann erst einmal abgecheckt, ob er auch in allen Punkten auf Linie war. Lag er in einem Punkt daneben, wurde er aussortiert und kam für die Stelle nicht in Frage. Das machte die Zahl der möglichen Kandidaten sehr überschaubar. Besonders schwierig wurde es bei der Einladung von Gastsprechern – waren doch die meisten von ihnen in den Augen der Schulleitung nicht durch und durch rechtgläubig. Da die Schüler nach Möglichkeit vor falschen Einflüssen geschützt werden sollten, versuchte man, das Problem dadurch zu lösen, dass man die Gastlehrer bei der Einladung verpflichtete, bestimmte sensible Themen nicht anzusprechen und ihre persönliche Meinung dazu für sich zu behalten. Meistens ging es gut, aber nicht immer. Gelegentlich passierte es, dass einem Gastsprecher spontan eine unbedachte Äußerung herausrutschte. Das führte dann regelmäßig zu einem kleinen Schock bei den Schülern. Sie waren ganz verwirrt. Wie konnte es sein, dass solch ein bekannter und angesehener Prediger so daneben lag? Ihre Reaktion war verständlich. Waren sie doch bisher vor anderen Meinungen und Auslegungen immer nur gewarnt worden, sie seien falsch und unbiblisch. Dass es auch anders geht, erlebten wir dann später auf einer Bibelschule in England. Dort wurden kontroverse Fragen neutral und weitherzig angegangen. Die Lehrer erklärten die verschiedenen Positionen und Auslegungen, ohne sich dabei festzulegen, welches die richtige ist. Ja, meistens sogar, ohne zu sagen, welche Meinung sie selbst vertreten. Es war nicht verwunderlich, dass die Schüler dort einen wesentlich weiteren Horizont hatten und mit anders geprägten Brüdern und Schwestern deutlich gelassener umgehen konnten. Dort, an der christlichen Ausbildungsstätte in England, war es nicht nur erlaubt, alle Arten von christlicher Literatur zu lesen – die Schüler wurden sogar dazu ermutigt. Ganz im Gegensatz zu unserer deutschen Schule, wo wir ständig vor bestimmten Büchern und Publikationen gewarnt wurden. Der Bibelschule angeschlossen war ein christlicher Buchladen, bei dem wir meistens unsere Lektüre bestellten, die wir für den Unterricht lesen sollten. Dieser 15


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Buchladen hatte die Anweisung, keine Bücher zu verkaufen, deren Inhalte nicht mit der Theologie der Schule übereinstimmten. Das betraf zum Beispiel die gesamte charismatische Literatur. Um die Ausgewogenheit zu wahren, muss ich an dieser Stelle allerdings auch erwähnen, dass ich bei zahlreichen charismatischen Gemeinden einer ähnlichen Zensur begegnet bin. So sind mir Pfingstkirchen bekannt, in denen gewisse Schriften auf dem Index stehen und auf Anordnung des Pastors von den gemeindeeigenen Büchertischen nicht verkauft werden dürfen. Das betrifft so ausgezeichnete Bücher wie „Der Schrei der Wildgänse“ von Wayne Jacobsen, „Heidnisches Christentum?“ von Frank Viola oder „Häuser, die die Welt verändern“ von Wolfgang Simson. Ich gehe deshalb davon aus, dass auch mein Buch an dem einen oder anderen Ort der Zensur zum Opfer fallen wird … Bei der Suche nach den Ursachen für theologische Einseitigkeit, für den Hang zu extremen Positionen, für das Überbetonen von Nicht-Wesentlichem konnte ich vor allem zwei Gründe ausmachen. Da ist zunächst einmal der Wohlstand und die Sicherheit, in denen wir Christen – speziell in den führenden Industrieländern – leben. Wenn im Zweiten Weltkrieg durchnässte, frierende und ausgehungerte Christen unterschiedlicher Prägung nebeneinander im Schützengraben lagen oder sich einen Raum im Konzentrationslager teilten, dann hatten sie andere Prioritäten als wohlgenährte, verbeamtete, medienhofierte Theologen, die sich zu Gesprächen und Konferenzen in klimatisierten Räumen treffen, zu denen sie ihr Chauffeur in ihrer großen Limousine gefahren hat. Menschen, die keinen echten Herausforderungen gegenüberstehen, deren existentielle Fragen geklärt sind, neigen dazu, sich Nebensächlichem und relativ Unwichtigem zuzuwenden und dies in den Mittelpunkt zu stellen. So kommt es dann zu Auswüchsen wie der Gurkenkrümmungsverordnung in der EU und der Rechtschreibreform in Deutschland. Und während man im Kriegseinsatz, dankbar für eine Feuerpause, mit allen anwesenden Christen in der Kaserne das Abendmahl feierte – notfalls auch mit Wasser und Baumrinde in Ermangelung der originalen Zutaten –, diskutiert 16


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man in Zeiten von Frieden und Wohlstand lieber mit handverlesenen Christen über die Bedeutung des Mahls aus katholischer, lutherischer und reformierter Sicht, und ob dabei ein Kelch zum Einsatz kommen muss oder ob es auch diese kleinen Schnapsgläschen sein dürfen … Der zweite Grund, warum es immer wieder zu Grabenkämpfen und Lagerbildungen in der Gemeinde Jesu kommt, liegt sicherlich in großem Maße an der griechischen Denkweise, die besonders unter westlichen Christen vorherrschend und sehr ausgeprägt ist. Sie steht im Gegensatz zum hebräischen Denken, welches die Grundlage für das Handeln Gottes und für die Texte der Bibel ist. Dies wird sofort deutlich, wenn wir uns anhand einiger Kernaussagen die Unterschiede dieser beiden Denkweisen ansehen und sie einander gegenüberstellen (hebräisches Denken in kursiver Schrift): · Der Mensch besteht aus drei Teilen – Geist, Seele und Körper –, die nebeneinander existieren, eine unterschiedliche Wertigkeit haben und sich teilweise behindern oder sogar bekämpfen („Die Seele und der Geist sind im Körper gefangen, ja förmlich eingekerkert.“). Der Mensch ist ganzheitlich, alles an ihm ist gut und gleichwertig („Wisst ihr nicht, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist … ?“). · Gedanken sind abstrakte Konzepte, die oft keinen direkten Bezug zum Alltag und zum eigenen Erleben haben („Wie verstehst du diesen Bibeltext? Lass uns darüber diskutieren.“). Gedanken sind Teil eines Menschen, nicht trennbar von seinen Überzeugungen und Handlungen („Was tust du, um diesen Bibeltext zu verstehen und umzusetzen? Wie kann er unser Leben verändern?“). · Der einzelne Mensch, das Individuum, steht im Mittelpunkt („Was macht das mit mir, wo und wie kann ich mich am besten verwirklichen?“). Die Gemeinschaft ist das Wichtigste, der Einzelne hat sich einzufügen („Was kann ich beitragen, wie kann ich die Gruppe fördern?“). 17


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· Das ewige Leben ist unabhängig vom irdischen Leben und beginnt nach dem Tod. Die irdische Existenz ist schon ein Teil der Ewigkeit und des Reiches Gottes. · Man versucht, Gott zu beweisen und seine Existenz zu begründen. Man setzt die Existenz Gottes voraus und konzentriert sich auf die Beziehung zu ihm. · Denken ist linear, Ereignisse sind chronologisch und in einer Zeitlinie, Prophetien erfüllen sich und sind dann ohne Bedeutung. Denken ist zirkular, Ereignisse wiederholen sich, Prophetien können sich an mehreren historischen Zeitpunkten erfüllen. · „Entweder – oder“ (dualistisch, unvereinbar, einander ausschließend) „Sowohl – als auch“ (monistisch, verbindend, gleichwertig nebeneinanderstehend) Besonders die letzte Aussage der Gegenüberstellung bringt es auf den Punkt. Entweder – oder! Mit dieser Grundeinstellung stößt man in der Bibel auf unzählige Widersprüche. Ein simples Beispiel: Antworte dem Toren nicht nach seiner Torheit, dass du nicht wie er wirst. Antworte aber dem Toren nach seiner Torheit, damit er nicht denkt, er sei weise (Spr 26,4-5). Die Reaktion eines griechisch denkenden Christen auf diesen Ratschlag: Ja was denn nun? Wie soll ich jetzt dem Toren antworten? Nach seiner Torheit oder nicht nach seiner Torheit? A oder B? Nach reiflicher Überlegung entscheide ich mich für A. A ist besser als B. Und beides kann ja nicht gleich richtig sein, weil es im Gegensatz und damit im Widerspruch steht. Ich werde versuchen, die B-Anhänger durch Argumente zu überzeugen, dass A richtig ist. Oder zumindest besser. Und wenn sie nicht einsichtig sind, werde ich mich wohl von ihnen trennen müssen … Für einen hebräisch denkenden Christen ist das überhaupt kein Problem. Seine Reaktion: Welche Weisheit in diesen Sätzen enthalten ist! Genial! So sind sie, die beiden Seiten der Medaille, man 18


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hätte es nicht besser ausdrücken können. A und B ergänzen sich perfekt. Je nach Situation und Begleitumständen werde ich mich an A oder an B orientieren. Das muss ich gleich meinen Freunden erzählen … Schon innerhalb einer Kultur gibt es große Unterschiede, was die Denkweisen betrifft. Ich denke dabei vor allem an den Unterschied zwischen den Geschlechtern. Nicht umsonst spricht man von der „weiblichen Logik“. Die unterscheidet sich ganz wesentlich von der männlichen – auch wenn dies im Zeitalter des Feminismus und Genderismus in bestimmten Kreisen geleugnet und als politisch inkorrekt gebrandmarkt wird. Dem nicht-ideologisierten Bürger ist das aber intuitiv klar. Und deshalb konnte es auch ein Buch mit dem Titel „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ bis oben in die Bestsellerlisten schaffen. Nun sind kulturelle Besonderheiten noch größer als geschlechtsspezifische. Ist es für Männer schon nicht immer leicht, die Frauen zu verstehen (und umgekehrt!), so ist das Verständigungsproblem zwischen westlicher (= griechischer) und östlicher (= hebräischer) Kultur noch ausgeprägter. Und wir brauchen nicht erst in die arabischen Länder oder in den Fernen Osten zu reisen oder Migranten und Gastarbeiterfamilien zu besuchen, um diesen Unterschied festzustellen. Wir können ihn auch in den Kirchen und Gemeinden unseres Landes erleben. Hier finden wir überwiegend vom griechischen Denken geprägte Christen, die sich – was ihren Glauben betrifft – auf eine bestimmte theologische Richtung und auf einen gewissen Lebensstil festgelegt haben. Sie sammeln sich gerne mit Gleichgesinnten, die den gleichen Stil und die gleiche Lehre bevorzugen, in entsprechenden Gruppen. Und distanzieren sich dann – bewusst oder unbewusst – von Christen und Gemeinden mit anderer Prägung. Das ist meist recht subtil und nicht immer leicht zu erkennen. Aber wenn ich Dialoge wie den folgenden höre, dann klingeln bei mir die Alarmglocken: „Können wir nicht mal Bruder XY als Gastsprecher einladen?“ – „Ach ich weiß nicht. Grundsätzlich spricht ja nichts dagegen. Aber er hat nicht die gleiche DNA wie wir. Daher passt er nicht in unsere Gemeinde und wird uns nicht voranbringen …“ Das ist nichts anderes 19


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als eine fromme Umschreibung von: „Bruder XY ist ungeistlicher und weniger richtig als wir.“ „Nicht die gleiche DNA!?“ Was für eine Aussage! Sind wir nicht alle Kinder Gottes, die denselben Vater haben? Haben wir im Biologieunterricht nicht aufgepasst? Kennen wir nicht die Mendelschen Gesetze der Genetik und Vererbung? Dann sollten wir wissen, dass Kinder desselben Vaters auch die gleiche DNA haben. Gelegentlich trifft man aber auch auf sehr direkte – ja plumpe – Aussagen zu dieser Thematik. So etwas wurde mir aus dem frommen Siegerland berichtet. Dort gibt es einen für deutsche Verhältnisse relativ hohen Bevölkerungsanteil, den man als entschiedene Christen bezeichnen kann. Diese Christen versammeln sich meist in lokalen Ortsgemeinden, die überwiegend drei Denominationen angehören. So gibt es in den meisten Orten – auch wenn es nur kleine Dörfer mit ein paar hundert Einwohnern sind – jeweils eine Gemeinde der Landeskirche, eine Freie evangelische Gemeinde und eine Brüdergemeinde. Die Mitglieder der Gemeinden werden dabei in drei Klassen mit aussagekräftigen Bezeichnungen eingeteilt: Die Landeskirche ist die Heimat der „Magermilchchristen“. In den Freien evangelischen Gemeinden treffen sich die „Vollmilchchristen“. Und in den Brüdergemeinden sitzt „der Rahm“. (Hierbei darf jeder seine eigenen Vermutungen anstellen, von welchem Gemeindeverband diese Klassifizierungen vorgenommen worden sind.) Entwickelt sich nun ein Christ innerhalb eines solchen Systems geistlich weiter und dringt zum hebräischen – und somit zum biblischen – Denken durch, dann hat er ein Problem. Er passt nicht mehr in eines der Lager und verliert seine Heimat. Er ist nun nicht mehr separativ, sondern integrativ. Nicht mehr polarisierend, sondern verbindend. Nicht mehr einseitig, sondern ausgewogen. Und da sich seine griechisch geprägten Geschwister gerne ausschließlich mit Gleichdenkenden umgeben, ist er nirgendwo wirklich geschätzt und willkommen. Es ist wie im politischen System. Um in einer Partei Ansehen genießen und Karriere machen zu können, muss man dem Parteiprogramm im Wesentlichen zustimmen und es zu seinem eigenen 20


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machen. Solche Programme können sich durchaus gelegentlich ändern – je nach politischer Wetterlage. Von den Parteimitgliedern wird dann eine zeitgleiche Änderung ihrer Standpunkte erwartet. Abweichler werden bestraft. Nicht unbedingt durch sofortigen Parteiausschluss – sie dürfen durchaus auch weiterhin zahlende Mitglieder bleiben (Thilo Sarrazin lässt grüßen). Bestraft werden sie vielmehr durch Ignorieren und Zurückstellen bei der Vergabe von Listenplätzen, Posten und Ämtern. Dass sie nur kaltgestellt, nicht aber unverzüglich „exkommuniziert“ werden, hat neben den weiterhin sehr willkommenen Mitgliedsbeiträgen noch einen anderen, wohlkalkulierten Grund im Blick auf die Außenfassade der Partei: Eignen sie sich doch hervorragend, um die parteiinterne Vielfalt sowie Toleranz und Meinungsfreiheit zu demonstrieren. Interessant wird es, wenn sich Glaube und Politik die Hand reichen – so wie es in Amerika der Fall ist. Während in Deutschland der Glaube von Politikern kein Thema ist, das im Vordergrund steht, so ist das in den USA völlig anders. Hier, in „God‘s Own Country“, wo sich ungefähr die Hälfte der Bewohner als „Born Again Christians“ (wiedergeborene Christen) bezeichnen, spielt der Glaube in der Politik eine große Rolle. Kein Bewerber um ein hohes Amt – wie beispielsweise das des Präsidenten – kann es sich erlauben, sich als nichtreligiöser Mensch zu präsentieren. Damit würde er sich jeder Chance berauben, in das angestrebte Amt gewählt zu werden. Fast alle Politiker sind dort irgendwie „christlich“. Sie teilen sich dabei in zwei Lager auf. Da sind auf der einen Seite die eher konservativen Christen, die auch als „Religiöse Rechte“ bezeichnet werden. Sie sind überwiegend, aber nicht ausschließlich, in der republikanischen Partei beheimatet. Dann gibt es auf der anderen Seite die eher liberalen Christen, folgerichtig auch „Religiöse Linke“ genannt. Man findet sie mehrheitlich bei den Demokraten. Kommen wir nun zum eigentlichen Punkt: die ethischen Positionen der beiden nicht nur bei Wahlen miteinander rivalisierenden Gruppen. Die konservativen christlichen Politiker erheben ihre Stimme gegen Abtreibung und gegen die gleichgeschlechtliche 21


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Ehe. Nun, das ist zu erwarten und keine Überraschung. Allerdings treten sie auch durchweg für die Todesstrafe und den freien und unbeschränkten Handel mit Waffen ein. So steht es auch im Parteiprogramm der Republikaner. Die christlich-liberalen Mandatsträger besetzen jedoch bei allen genannten Punkten die dazu gegenteiligen Positionen: Sie sind für die Homo-Ehe (inkl. Adoptionsrecht) und für die Wahlfreiheit der Frau vor dem Lebensrecht des Kindes. Sie stimmen gegen Hinrichtungen und gegen unkontrollierten Waffenverkauf. Ohne hier eine Bewertung vornehmen zu wollen, muss man feststellen: Einem Christen, der in allen diesen vier Punkten (Abtreibung, Homo-Ehe, Todesstrafe, Waffenhandel) eine kritische oder ablehnende Haltung hat, bietet sich keine Möglichkeit, eine politische Heimat zu finden oder gar Karriere zu machen. Im polarisierten Parteiensystem ist er für keine Seite politisch korrekt und von daher auch nirgendwo willkommen. Da es in unserem Land eine stärkere Trennung gibt zwischen Staat und Kirche, lässt sich das oben Beschriebene nicht ohne Weiteres auf die politische Landschaft in Deutschland übertragen, wohl aber auf die geistliche Landschaft. In unseren Gemeinden, Missionswerken, Bibelschulen und sonstigen Einrichtungen laufen die Dinge im Großen und Ganzen nach diesem Muster ab. Es gibt eine große Anzahl von Themenfeldern, bei denen Christen sich gerne positionieren, nach Gleichgesinnten Ausschau halten und sich gegenüber anders Denkenden oder Handelnden abgrenzen. Wir werden uns im Folgenden einige Themen näher ansehen. Manche der Streitpunkte sind schon zweitausend Jahre alt, andere erst ein paar Jahrhunderte. Jede Epoche der Kirchengeschichte hat ihre eigenen kontroversen Themen, die von den Gläubigen, die in der jeweiligen Zeit leben, als besonders wichtig und diskussionswürdig angesehen werden. Was mich selbst betrifft, so habe ich mich schon als Fan der Mitte geoutet, als Befürworter der Ausgewogenheit. Ein ausgewogener Jünger Jesu, der seine Erkenntnis und seinen Standpunkt nicht zum Maß aller Dinge macht, hat das große Vorrecht, dass er mit allen Christen unterschiedlichster Prägung in eine entspannte, 22


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vorbehaltslose Beziehung eintreten kann – zumindest von seiner Seite aus. Er weiß: „Unser Wissen ist Stückwerk“ (vgl. 1 Kor 13,9) und bezieht das auch auf sein eigenes Erkennen – nicht nur auf das der anderen. Er beherzigt: „Einer achte den anderen höher als sich selbst“ (Phil 2,2) und wendet dies auch bei theologischen Unterschieden an. Ein einseitiger Christ dagegen, der neben seiner eigenen Erkenntnis keine andere stehen lassen kann, bringt damit automatisch zum Ausdruck, dass er sich selbst höher achtet als die anderen. Ein ausgewogener Nachfolger Jesu hat genauso viele Brüder und Schwestern wie Gott Kinder hat. Er reduziert die Zahl seiner Geschwister nicht auf den Bruchteil derer, die auf seiner Linie sind. Was er bei aller Ausgewogenheit nicht verhindern kann, ist die kritische Einstellung der anderen ihm gegenüber und ihr oft wenig brüderlicher Umgang mit ihm. So weit die einleitenden, grundlegenden Gedanken. Beschäftigen wir uns nun mit einigen problematischen Punkten und kontroversen Themen.

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