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HEIDI GNEITING

Das Land des Lichts

Roman

GLORYWORLD-MEDIEN


1. Auflage 2013 © 2013 Heidi Gneiting © 2013 GloryWorld-Medien, Bruchsal, Germany Alle Rechte vorbehalten Bibelzitate sind der Lutherbibel, Revidierte Fassung von 1984, entnommen. Satz: Manfred Mayer Covergestaltung und Grafiken: Sonja Jordan, easycontact101@gmail.com Druck: Schönbach-Druck, Erzhausen Printed in Germany ISBN: 978-3-936322-73-6 Bestellnummer: 359273 Erhältlich beim Verlag: GloryWorld-Medien Postfach 4170 D-76625 Bruchsal Tel.: 07257-903396 Fax: 07257-903398 info@gloryworld.de www.gloryworld.de oder in jeder Buchhandlung


Inhalt 1 Die Lichtschleuse .................................................................... 7 2 Der Hirte … und der Königssohn ......................................... 19 3 Das Tal ................................................................................... 27 4 Auf der Berghütte ................................................................. 35 5 Die (T)raumreise .................................................................. 49 6 Beim König ............................................................................ 59 7 Das Tor des Lichts ................................................................ 69 8 Zurück ins Tal ....................................................................... 79 9 Ausgetrocknet ...................................................................... 89 10 Beim Bauern ......................................................................... 99 11 Der Weinberg des Königs .................................................. 109 12 Im Dorf ................................................................................. 115 13 Das Lichtschwert ................................................................ 125 14 In der Burg des Königs ....................................................... 137 15 Mit den Augen des Königs sehen ...................................... 153 16 Träger des Lichts ................................................................ 159 17 Abschied .............................................................................. 173 Quellenverzeichnis ..................................................................... 184 Nachwort zur Entstehung des Buches ..................................... 185


1 Die Lichtschleuse Ben war schon lange unterwegs, er wusste schon gar nicht mehr wie lange. Eigentlich seit er denken konnte. Wenn das wenigstens eine normale Reise gewesen wäre … Aber er war irgendwie fast immer in der Kälte unterwegs, selten gab es mal ein warmes Plätzchen, wo er verweilen und sich entspannen konnte. Deshalb war diese Reise ja auch so beschwerlich. Da es nämlich an manchen Orten besonders kalt gewesen war, hatte er sich warme Kleider zugelegt, das war ja nur naheliegend. Zuerst waren es warme Kleider für kältere Tage gewesen, gut gefüttert oder zumindest aus dicken Stoffen. Doch das half mit der Zeit nicht mehr, sich gegen die Kälte zu schützen. Und so trug Ben darüber mehr und mehr Jacken und Hosen aus Vlies. Aber nur für kurze Zeit. Wenn der Wind eisig pfiff oder unerwartete Kälteeinbrüche kamen, dann half nur noch eines, das hatte er schnell herausgefunden: Pelze, die schützten am besten. Manchmal, in Schneestürmen, trug er sogar zwei Lagen davon. Das half einigermaßen während des Sturms, aber er musste die Sachen ja auch mit sich herumschleppen, wenn es gerade nicht stürmte. Wohin sollte er damit? Man wusste nie, wann wieder überraschend ein Sturm oder ein Temperatursturz 7


kommen würde. Da musste man das warme Zeug gleich zur Hand haben. Und so kam es, dass Ben schwer beladen mit diesen ganzen Klamotten seines Weges zog. Immer mehr machte sich Erschöpfung in seinen Gedanken und in seinem Körper breit. Wie sollte das weitergehen? In letzter Zeit hatten die Stürme zwar nicht zugenommen, aber wenn sie kamen, waren sie eisiger denn je. Noch mehr Pelze? Schon der bloße Gedanke daran machte Ben richtig müde, vielleicht sogar lebensmüde. Beim letzten „Wintereinbruch“ hatte er sich eine riesige Pelzmütze zugelegt, die er sich über beide Ohren ziehen und tief in die Stirn drücken konnte. Er hörte und sah dann zwar nicht mehr gut, aber die Kälte konnte auch nicht mehr durchkommen … oder wenigstens nicht mehr so sehr. Aber das war auf die Dauer keine Lösung. Was die Reise außerdem noch beschwerlich machte, war die Tatsache, dass Ben fast ständig mit Durst zu kämpfen hatte. Die konstant niedrigen Temperaturen schienen das Land in gewisser Weise auszutrocknen. Viele Bäume und Sträucher waren dürr und kahl; die meisten davon waren nicht erfroren, sondern vertrocknet. Ben hatte sich schon so sehr an die kahle Landschaft mit den gelbgrauen Wiesen gewöhnt, dass es ihm gar nicht mehr auffiel, wie sehr hier frisches Grün fehlte. Nur an diesen Durst, der ihn ständig plagte, konnte er sich absolut nicht gewöhnen. Da es wenig Niederschlag gab und der Boden oft gefroren war, war frisches Wasser allgemein Mangelware. Aber nicht nur das Land litt unter dieser Trockenheit; auch die Luft war davon beeinträchtigt. Ben klebte manchmal die Zunge regelrecht am Gaumen. Zwar kam er ab und zu an halbvertrockneten Quellen vorbei, doch war er vorsichtig geworden, spontan daraus zu trinken. Sie waren meist verschmutzt, weil das Wasser nicht konstant floss. Außerdem schmeckte es oft schal und abgestanden. Ganz in Gedanken versunken hatte Ben sich an den Wegrand gesetzt, um etwas zu verschnaufen. Er hatte den Kopf vornüber geneigt und war fast am Einnicken. Deswegen hatte er die Veränderung um sich herum auch nicht gleich bemerkt. Heute war 8


er wohl in eine andere Gegend gekommen, der Himmel war ihm schon heute Morgen etwas heller vorgekommen als gewöhnlich. Die ansonsten fast geschlossene Wolkendecke, die das ganze Land ständig in einer Art Dämmerlicht hielt, schien etwas lichter. Abgesehen von der Kälte und der Trockenheit war dieser Mangel an Licht eigentlich das Schlimmste auf seiner Reise, fand Ben. Man konnte rein gar nichts dagegen unternehmen und war dieser Dämmerung hilflos ausgeliefert. An manchen Tagen hatte er das Gefühl, gar nicht richtig wach zu sein, sein Leben sozusagen zu verschlafen. Außerdem konnte er nicht besonders weit sehen, weil das Licht fehlte und somit der Weitblick. Aber auch sonst hatte das Dämmerlicht so seine Tücken. Ben hatte das Gefühl, auf seiner Reise schon öfter auf die eine oder andere Art betrogen, hinters Licht geführt worden zu sein. Durch die mangelnde Helligkeit fehlte ihm einfach der Durchblick. Einige hatten versucht, aus diesem Lichtmangel ein Geschäft zu machen und verkauften allerlei trübe Funzeln; anders konnte man diese Art von Beleuchtung wirklich nicht nennen, empfand Ben. Meist hielt dieses Licht nur kurze Zeit an und verbreitete einen so fahlen Schein, dass die Enttäuschung über das trübe Licht fast noch bedrückender war als das allgemeine Dämmerlicht. Ja, genau das war es: die Kälte, der Durst, der Lichtmangel, alles zusammen lastete auf der Seele und schien Ben das Leben zu rauben oder Leben nur in sehr eingeschränkter Form zuzulassen. Er blickte um sich. Das Licht hatte weiterhin zugenommen. Es kam eindeutig vom Ende der Straße her. Mit einem Mal war Ben hellwach. Neugierig stand er auf und ging auf dieses Licht zu. Als er sich bis auf einen Steinwurf genähert hatte, blieb er erstaunt stehen. Offensichtlich hatten das Licht auch noch andere bemerkt. Aus sicherer Entfernung beobachteten Einzelne oder auch ganze Gruppen, welche Szenen sich da an dieser „Lichtschleuse“ abspielten. Ja, es sah tatsächlich wie eine Art Lichtschleuse aus. Und das Ganze schien ein Grenzübergang zu sein. Ben kratzte sich am Kopf. In welches Land führte diese Lichtschleuse? Und überhaupt, in welchem Land war er bisher unterwegs gewesen? Er setzte sich erst mal; seine vielen Kleider und 9


Pelze drückten ihn ohnehin fast zu Boden. Vorsichtig schaute er sich um. Auch die anderen hatten mehr oder weniger schwere Kleidung an. Interessant, dachte er bei sich. Er hatte nämlich angenommen, dass nur er so kälteempfindlich war und alle anderen ganz locker mit der Kälte umgehen konnten. Aber hier in diesem Licht konnte er plötzlich erkennen, dass es den anderen genauso erging wie ihm. Diese Erkenntnis brachte Ben ins Nachdenken. Als Erstes nahm er seine dicke Pelzmütze ab und fühlte sich sofort wohler. Endlich konnte er wieder richtig sehen und hören. Aber was er sah, ließ ihm Mund und Augen offen stehen. Immer wieder traten Einzelne aus dem Dämmerlicht vor zur Lichtschleuse. Manche verließ der Mut noch kurz bevor sie das wirklich helle Licht erreichten, andere traten mutig bis zum Licht vor. Doch auch hier mitten im Licht zögerten sie noch und manche kauerten nieder, fasziniert von diesem Licht, aber doch irgendwie unfähig oder unentschlossen weiter zu gehen. Offensichtlich konnte keiner so richtig abschätzen, was ihn auf der anderen Seite erwartete, in diesem „Land des Lichts“. Oder wie sonst sollte man dieses Land nennen? Aber einige traten auch mutig in die Öffnung, die so aussah wie eine offene Tür, ein Lichttor, durch das extrem helles Licht von der anderen Seite hereinflutete. Ihre schweren Kleider schienen sich in nichts aufzulösen, sobald sie in der Türöffnung standen … oder besser gesagt sich in Lichtkleider, strahlend helle Kleider, zu verwandeln. Und das war dann auch das Letzte, was man von ihnen sehen konnte, bevor sie in dieses „Land des Lichts“ eintauchten. Offensichtlich brauchte man seine alten schweren Kleider in diesem anderen Land nicht mehr. Ben atmete tief ein und versuchte das Gesehene irgendwie zu verarbeiten und einzuordnen. Kindheitserinnerungen stiegen in ihm auf. Seine Tante, die er sehr mochte, hatte ihm von einem König und dem Land des Lichts erzählt. Ein König, der mit Liebe und Sanftmut herrschte, aber doch – oder gerade deshalb – große Autorität und Kraft hatte. In ihrem Haus hatte man das Gefühl, in diesem Land des Lichts zu leben. Trotz der allgemeinen Dämmerung schien ihr Haus auf geheimnisvolle Art hell, ja 10


geradezu lichtdurchflutet zu sein. Auch die schweren Kleider brauchte man dort nicht mehr. Es war einer der wenigen Orte gewesen, wo Ben sich geborgen und daheim gefühlt hatte, einer der wenigen „warmen Plätze“ in seinem Leben. Seine Tante hatte ihm auch manchmal von einem Lichttor erzählt. Über dieses Lichttor konnte man in das Reich des LichtKönigs gelangen. Man musste ihn nur darum bitten. Ben hatte das auch einmal versucht, daran konnte er sich in diesem Licht plötzlich wieder erinnern. Aber es hatte leider nicht „funktioniert“; er hatte dieses Lichttor nicht wahrnehmen können. Und plötzlich wusste er auch warum: Er hatte es nie wirklich gewollt. Ein Teil seines Herzens war in einer merkwürdigen Angst gefangen gewesen, einer Angst, die ihn an der Güte und Liebe dieses Königs hatte zweifeln lassen. Vor allem daran, ob es der König auch wirklich gut mit ihm meinte. Wenn Ben ehrlich zu sich selbst war, so musste er außerdem zugeben, dass er vor diesem Licht früher eher zurückgeschreckt war. Was wäre, wenn das Licht all die schlimmen Dinge in seinem Leben aufdecken würde, von deren Existenz er eigentlich nur eine vage Ahnung hatte? Im dämmrigen Land konnte man diese Dinge nicht so klar sehen wie hier im Licht. Würde ihn dann der König überhaupt noch mögen und ihn bei sich in seinem Reich oder Land des Lichts haben wollen? Ben empfand, dass diese Frage durchaus berechtigt war. Andererseits konnte er jetzt klar das Lichttor sehen. Es war sozusagen die Einladung des Königs, in das Land des Lichts zu kommen. Und damit schien sich all das zu bestätigen, was ihm seine Tante über das Lichtland und diesen König erzählt hatte. Nach alldem, was Ben bisher auf seiner Reise durchgemacht hatte, erschien ihm das Licht in diesem Moment längst nicht mehr so beängstigend. Er hatte das Dämmerlicht, die Trockenheit, den Durst, die Kälte, all die Lasten und Beschwernisse des dämmrigen Landes so unendlich satt. Sein Herz sehnte sich einfach nur nach Leben. Eines war klar: Die Situation mit der Lichtschleuse machte eine Entscheidung erforderlich. Diese Entscheidung musste Ben 11


hier und jetzt treffen. Entweder er ging durch dieses Licht in dieses andere Land, dieses „Land des Lichts“, und ließ sich auf das Ungewisse ein. Ganz nebenbei schien es dort auch wärmer zu sein, er fing ja schon in sicherer Entfernung von der Lichtschleuse langsam an zu schwitzen. Die Alternative war, in diesem Land hier zu bleiben, in der Kälte, der Dämmerung. Aber immerhin kannte er sich hier aus und wusste, worauf er sich einließ. In diesem ganzen Hin und Her seiner Gedanken wurde Ben eines klar: Wenn er Licht und Leben haben wollte, kam er nicht umhin, ein Risiko einzugehen. Und das hieße, seine sogenannte „Sicherheitszone“ zu verlassen. Und noch etwas erkannte er mit großer Deutlichkeit: Seine Sehnsucht nach Leben, nach richtigem Leben war inzwischen viel größer als alle seine Ängste. Als Ben aufstand, drückten ihn seine vielen Kleider und Pelze mehr denn je. Der Gedanke, sie auf einen Schlag loszuwerden, übte eine große Faszination auf ihn aus. Und so näherte er sich langsam dieser Lichtschleuse. Je näher er dem Licht kam, desto heftiger schlug sein Herz. Das Licht übte eine gewaltige Anziehungskraft auf ihn aus. Es war so viel Leben darin. Alles Dunkle und Schwere seines bisherigen Lebens schien in der Gegenwart dieses Lichtes an Macht zu verlieren. Und so reifte ein Entschluss in ihm: Er wollte in dieses Land des Lichts kommen, koste es, was es wolle. Er hatte, bei Licht betrachtet, ohnehin nichts mehr zu verlieren. Ben begann sein bisheriges Leben mit all den schweren Kleidern und was sonst noch dazugehörte immer mehr zu hassen. Aber er traute sich selbst nicht über den Weg. Vielleicht würde es ihm so ergehen, wie er es bei anderen beobachtet hatte, die an der Schwelle zum Licht, mitten in der Lichtöffnung sitzen blieben. Sie hatten noch halb ihre schweren Kleider an, zum Teil sah er aber auch schon manche Lichtkleider an ihnen. Aber sie gingen nicht weiter in dieses andere Land hinein. Es hatte ganz den Anschein, als wollten sie den Rest ihres Lebens hier verbringen. Ben wusste nicht, warum sie das taten. Er wusste nur eines: Das wollte er nicht. Und so kam ihm eine Idee. Er würde Anlauf nehmen und in dieses Land des Lichts hineinrennen. Selbst wenn er unterwegs kurz vor dem Übertritt allen Mut verlieren 12


würde, so hätte er doch noch so viel Schwung, dass er mitten im Licht landen würde. Denn das hatte er auch beobachtet: Wer in dieses Land des Lichts erst einmal richtig „eingetaucht“ war, der kam nicht mehr zurück. Er jedenfalls hatte bisher keinen zurückkehren sehen. Und so taxierte Ben die Entfernung und nahm Anlauf. Und dann rannte er, er rannte wie um sein Leben. Und um das ging es ja auch. Das Licht nahm an Intensität zu, er musste die Augen schließen. Aber merkwürdigerweise konnte er trotzdem sehen. Er rannte ohne zu stoppen in das Licht hinein und fühlte plötzlich eine unglaubliche Erleichterung. Es war wie eine Dusche aus Licht und Leben. Sie reinigte und befreite ihn durch und durch. Inmitten dieses Lichtes konnte er eine Gestalt wahrnehmen, die aussah wie ein König, der ihm zuwinkte und ihn in die Arme zu nehmen schien. Tatsächlich kam es ihm so vor, als würde er in diesen König hineinrennen … und nicht in ein Land. König und Land waren irgendwie eins. Ben fühlte sich auf einmal so leicht. Er war „durch“, er hatte es geschafft. Er war im Land des Lichts! Freude stieg in ihm auf. Das war ja um Längen besser, als er erwartet hatte. Auf der „anderen Seite“, schon ein gutes Stück in diesem Land des Lichts drinnen, hielt er endlich an und sah an sich hinunter. Die neuen Kleider waren sagenhaft und passten ihm auch viel besser als die alten. Zum ersten Mal in seinem Leben gefiel Ben sich selbst richtig gut. Er wollte sich umsehen in diesem neuen Land. Seine Augen hatten sich sehr schnell an dieses Licht gewöhnt und so musste er sie nicht mehr schließen, sondern genoss, was er sah. Der Pfad, auf dem Ben sich befand, führte mitten durch üppig blühende Wiesen auf eine leichte Anhöhe. Nicht weit vom Weg plätscherte ein kleiner Bach mit frischem, glasklarem Wasser. Er war sehr durstig, und deshalb beugte er sich zum Wasser hinunter, um erst mal einen tiefen Schluck zu nehmen. Das Wasser schmeckte nach mehr und belebte ihn, je länger er trank. Es schien, als würde er Leben pur in sich hineintrinken. Tief in seinem Herzen spürte Ben, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Schon allein das Wasser und die herrlichen 13


Wiesen hier waren es wert gewesen. Hier hätte er den Rest seines Lebens verbringen können. Doch die Neugierde und so etwas wie Vorfreude ließen ihn aufstehen und weitergehen. Er wollte dieses Land des Lichts genauer erkunden. Es schien sehr vielversprechend zu sein. Schnell erreichte Ben die Anhöhe und sah ein wunderschönes weites Tal vor sich liegen. Irgendwie kam es ihm bekannt vor. Solche Täler hatte er doch „auf der anderen Seite“, im dunklen und kalten Land, auch durchschritten. Aber die sahen dort ganz anders aus, größtenteils vertrocknet und öde. Und … konnte man das überhaupt sagen, „auf der anderen Seite“? Bei diesem Gedanken drehte Ben sich unwillkürlich in Richtung der Lichtschleuse um, aber er konnte sie nicht mehr sehen. Wo war denn „die andere Seite“, das dunkle Land, aus dem er kam, geblieben? Allein die Erinnerung an das dunkle Land warf in diesem Augenblick einen Schatten auf seine Seele. Und plötzlich kniff er die Augen zusammen: Er sah „doppelt“! Er sah eines der tristen Täler des dunklen Landes mit einem ausgetrockneten Bachbett. Die Bäume links und rechts des Bachbettes kämpften offensichtlich ums Überleben, und auch die Wiesen waren braungelb und weitgehend vertrocknet. Und gleichzeitig sah er nach wie vor das wunderschöne saftig grüne Tal in diesem Land des Lichts. Trotz der anfänglichen Begeisterung hatte Ben plötzlich mit massiven Zweifeln zu kämpfen. War er wirklich hier? Oder war das Ganze nur eine Einbildung, eine schöne „Vision“, eine Fata Morgana? Und in Wirklichkeit lebte er noch im dunklen Land, „drüben“ auf der anderen Seite oder wie immer man das nennen sollte … und bräuchte eigentlich wieder dringend seine alten Kleider, um überleben zu können? Oder existierten das dunkle Land und das Land des Lichts sozusagen gleichzeitig? Vielleicht hatte ja nur er selbst sich verändert, seit er durch die Lichtschleuse gegangen war, und konnte deshalb auf einmal so deutlich das Land des Lichts wahrnehmen? Ein wilder Kampf tobte in ihm. Er war vollkommen verwirrt. Er hatte gedacht, wenn er erst einmal durch die Lichtschleuse 14


durch wäre, dann wäre die Sache gelaufen. Aber das hier war ja richtig übel … *** Ben war so in seine Gedanken versunken, dass er die näherkommenden Schritte nicht bemerkte. Erst als sich eine Hand auf seine Schultern legte, drehte er sich erschrocken um und sah direkt in das gebräunte und sehr vertrauenerweckende Gesicht eines Fremden. Er war wie ein Schäfer gekleidet mit einem Hirtenstab in der Hand und lächelte ihn an. Seine Augen schienen so viel Güte und Wärme auszustrahlen, dass Ben das „Doppeltsehen“ für Momente vollkommen vergaß. Hatte er schon einmal in diese Augen geblickt? Er war sich nicht ganz sicher. Oh ja doch, das war bei der Lichtschleuse gewesen. In dem Augenblick, als er durch die Lichtöffnung gerannt war, hatte er dieses lächelnde Gesicht gesehen. Es war wie ein Willkommensgruß gewesen, und kurz danach waren Bens schwere Kleider abgefallen. Also hatte dieser Hirte hier irgendetwas mit diesem neuen Land zu tun. Trotz seiner einfachen Kleidung schien er etwas Edles auszustrahlen … In seine Gedanken hinein sprach ihn der Fremde an: „Gefällt es dir hier, Ben? Oder trägst du dich mit dem Gedanken, wieder zurückzugehen?“ Verblüfft sah Ben ihn an. Wie konnte dieser Hirte wissen, wie er hieß und was er gerade gedacht hatte? „Oh nein, mir gefällt es hier sehr. Ich möchte auf jeden Fall hier bleiben. Ich war mir nur nicht ganz sicher …“ Mitten im Satz stockte Ben. Wie sehr konnte er diesem Fremden trauen? Wollte der ihn bloß ausfragen und nachher womöglich wieder zurückschicken? Man konnte ja nie wissen. Das jedenfalls hatte Ben im kalten und dunklen Land gelernt: Ein gewisses Misstrauen war durchaus angebracht und sicherte das Überleben. Aber galt das auch hier? Alles war doch so anders hier. Und plötzlich kam der Albtraum wieder zurück: War er überhaupt „hier“? Wieder sprach der Fremde in seine Gedanken hinein: „Du kannst mir vertrauen, Ben. Ich kenne mich sehr gut aus in diesem Land des Lichts. Es kommt manchmal vor, dass die Erinnerungen 15


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