MICHAEL STAHL
Vater-Sehnsucht
GLORYWORLD-MEDIEN
1. Auflage 2012 © 2012 Michael Stahl © 2012 GloryWorld-Medien, Bruchsal, Germany Alle Rechte vorbehalten Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Einheitsübersetzung entnommen. Weitere Bibelübersetzungen: LUT: REÜ: SLT: HFA:
Lutherbibel, Revidierte Fassung von 1984 Elberfelder Bibel, Revidierte Fassung von 1985 Schlachter 2000 Hoffnung für alle, Basel und Gießen, 1983.
Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform. Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst. Lektorat: Annette Schiesl, Katja Riedel Satz: Manfred Mayer Umschlaggestaltung: Rainer Zilly, www.kreativ-agentur-zilly.de Foto: istockphoto (Stephanie Phillips) Druck: Schönbach-Druck GmbH, Erzhausen Printed in Germany ISBN: 978-3-936322-68-2 Bestellnummer: 359268 Erhältlich beim Verlag: GloryWorld-Medien Postfach 4170 D-76625 Bruchsal Tel.: 07257-903396 Fax: 07257-903398 info@gloryworld.de www.gloryworld.de oder in jeder Buchhandlung
INHALT
Vorwort ....................................................................... 9 1 Ein Tag wie Weihnachten .................................... 13 2 Der Traum ............................................................. 17 3 Der Schmetterling ................................................ 25 4 Die erste Stimme .................................................. 35 5 „Stahl“ in guten Händen ..................................... 43 6 Die Antwort .......................................................... 63 7 Vatergeschichten .................................................. 67 8 Licht im Dunkeln .................................................. 83 9 Die Irrfahrt ............................................................ 87 10 Der Liebesbrief des Vaters .................................... 93 11 Die dunkelsten Stunden ....................................... 99 Schlusswort .............................................................. 109
Gewidmet allen Vätern und SÜhnen, meinem Vater und meinen Kindern, und dem Vater aller Väter.
Vorwort
Dies ist ein Teil meines bewegten Lebens. Geschichten voller Schmerz und Trauer, aber auch voller Vertrauen und Hingabe. Dies ist die Geschichte eines Vaters über seinen Vater. Geschrieben für Väter und Söhne. In einer Welt, in der immer mehr Kinder ohne Väter aufwachsen oder mit Vätern, die kaum Zeit haben, ist es schwer, über den besten und liebsten Vater aller Väter zu berichten. Doch ich will wagen, von Gott als Vater zu erzählen. Es ist eine Liebesgeschichte! Im ersten Gebot der Bibel stellt sich Gott uns Menschen vor: „Ich bin der Herr, dein Gott.“1 Wir heben die Worte „ICH BIN DEIN“ hervor. Das ist ja eine Liebeserklärung. Wer schon mal verliebt war, weiß, was ich meine. Oft beendet man einen Liebesbrief mit „ICH BIN DEIN“. Dieses Buch erzählt von einem liebenden Vater. Wer diesen Vater für sich entdeckt hat, findet seine Wurzeln, seine Identität und den wahren Sinn des Lebens. Begleite mich auf meiner Reise und finde den Sinn deines Lebens.
1
2. Mose 20,1. 9
V ATER -S EHNSUCHT
Väter dürfen nie vergessen, dass sie auch immer Söhne sind, und zwar Söhne ihrer irdischen Väter. Wenn wir uns selbst gute und starke Kinder wünschen, sollten wir uns einmal diese Frage stellen: Sind wir selbst auch gute Kinder unserer Eltern? Sind wir Kinder, die Vater und Mutter ehren, sie lieb haben und ihnen das auch immer wieder sagen? Dieses Buch ist eine Herausforderung. Schaue dir einmal deine Wunden an, die man dir „geschlagen“ hat. Es ist eine Zeit der Heilung. Das Gute in dieser Welt muss wieder siegen. Dazu müssen wir uns selbst ändern. Wir sollten über uns selbst Bescheid wissen. Wer sind wir? Wo kommen wir her? Was ist der Sinn des Lebens? Und wo gehen wir eines Tages hin? Wir Männer stellen uns immer wieder dieselben Fragen: Sind wir ein richtiger Mann? Was macht uns zum Mann? Wohin mit unseren Sehnsüchten und Träumen? Sind wir selbst gute Söhne und gute Väter? Fragen über Fragen, die nur der beantworten kann, der uns geschaffen hat. Sehnsüchte, die nur der stillen kann, der sie in unser Herz gelegt hat. Oft hören wir von „Burn-out“ oder „ausgebrannt“. Das bedeutet doch, dass mal ein Feuer da war. Die Frage ist: Wer hat das Feuer gelegt? Und wie halten wir es am Leben, bzw. wie entfachen wir es wieder neu? Begleite mich auf meiner Reise zu meinem ersten Helden, meinem Vater. Gehe mit mir ein Stück durch die dunklen Täler. Begleite mich zu dem Ort, wo ich selbst als Vater versagt habe. Habe Teil an den Wundern, die ich erleben durfte, und nimm reichlich von dem Schatz, der für dich darin enthalten ist. 10
Vertraue, auch wenn es dir schwerfällt. Die Tatsache, dass du dieses Buch liest, ist kein Zufall. Es fällt dir zu, weil du in den Augen Gottes, des Vaters, unendlich wertvoll bist. Ich bin sicher, dass er dir durch diese Geschichten einiges sagen möchte. Öffne die Ohren und Augen deines Herzens. Es könnte sein, dass sich dein ganzes Leben verändert, heute noch. Es liegt an dir und es liegt in dir. Du hast die Gabe, die Welt zu verändern. Herzlichst, Michael Stahl
1 Ein Tag wie Weihnachten
Es war ein verregneter Spätsommervormittag Ende der siebziger Jahre, mein Geburtstag. Ich stand verträumt am Fenster unseres alten Häuschens und blickte auf die Straße. Mir war, als würde der Himmel mit meiner Seele weinen. Geburtstage sind stets etwas Besonderes, sie sind ein bisschen wie Weihnachten. Tage, an denen man denkt, man wird besonders behandelt. Deine Welt um dich herum geht anders mit dir um, wertvoller. Oft kommt es anders, als man denkt oder es sich wünscht. Ich erwartete keinen Kuchen mit Kerzen zum Ausblasen, keinen festlich dekorierten Raum. Nein, nur ein Lächeln, eine Geste, eine zärtliche Berührung oder ein nettes Wort, und zwar von dem wichtigsten Menschen in meinem Leben, meinem Vater und Helden. Gedankenverloren starrte ich aus dem Fenster. Traurig und trübe erschien mir das Leben dort draußen. Was würde der Tag wohl für mich bringen? Ein Festtag, ein ganz besonderer Tag, der Tag der Tage für Millionen von Kindern. Eine Spannung machte sich in mir breit. Unsicher kreisten meine Gedanken, bis die Tür des Wohnzimmers aufging und mich aus meinen Träumen riss. Da stand er, wenige Schritte von mir entfernt, mein Va13
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ter. Sein Gesicht war entschlossen, markant, ohne jede Gefühlsregung. Ich spürte, dass es für ihn kein besonderer Tag war, kein Festtag, kein Anlass zum Feiern, kein Gefühl von Weihnachten. Unsere Blicke trafen sich. Mit der Sicherheit eines „Geburtstagskindes“, ja, eines Kindes, das aufgrund dieses Tages unter besonderem Schutz steht, ging ich auf ihn zu, diesen großen, starken Mann und wagte zu fragen: „Papa, was bekomme ich heute zum Geburtstag?“ Wir standen uns gegenüber, Vater und Sohn. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Sekunden wurden zur Ewigkeit. Alles hätte ich fragen können, nur nicht diese Frage an diesem Tag, zu dieser Zeit, an diesem Ort. Übermächtig und stark stand er mir gegenüber. Ich war seiner Antwort völlig ausgeliefert und allem, was nun geschehen würde. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich kein Päckchen auspacken würde, nicht mit dem Geschenkpapier kämpfen und keine Schleifen durchschneiden könnte. Ich wusste, ich würde etwas empfangen, was weit von dem entfernt ist, was meine Sehnsüchte stillen würde. Die Welt schien still zu stehen, als würde sie aufhören zu atmen, als warte das ganze Universum gebannt darauf, was nun geschehen würde. Mein Vater blickte mir entschlossen in die Augen. Sein Blick war voller Verachtung. Mir schien, als würde er Luft holen. Nein, dem war nicht so. Er spuckte mir mitten ins Gesicht. Sein Speichel lief an mir herunter. In meinem tiefsten innersten Schmerz vernahm ich seine Stimme: „Reicht das? Willst du noch mehr?“ Dann verließ er das Zimmer. 14
Ein Tag wie Weihnachten
Da stand ich, meine Seele von einem Speer der Verachtung und Lieblosigkeit durchbohrt. Ich war ohne Hass und ohne Wut, einfach nur zerbrochen und wehrlos. Meine Tränen vermischten sich mit dem Speichel meines Vaters. Im Alter von fünf Jahren wurde ich auf Gott aufmerksam, durch ein Din-A5-großes Jesusbild. Damals fragte ich mich, warum mich dieser Jesus auf dem Bild so liebevoll ansah und warum er Löcher in den Händen hatte. Je mehr ich von diesem Jesus erfuhr, desto mehr liebte ich ihn und vertraute ihm. Ich fing an zu beten, ihm alles zu erzählen, ihm zu vertrauen. Ich stand wieder vor dem Fenster, blickte zum Himmel und zeigte ihm meinen Schmerz. Den Speichel wischte ich nicht weg. Gott selbst sollte sehen, was man mir angetan hatte. Jesus wurde auch bespuckt. Ihm fühlte ich mich nun ganz nah. Niemals las ich in der Bibel, dass er Speichel wegwischte. Anspucken ist die Tat, die aus tiefster Verachtung hervorgeht. Diese tiefste Verachtung trug er bis zum Hügel auf Golgatha. So trug ich auch meine erlittene Verachtung zu ihm hin. Er verstand mich. Ihm war dasselbe geschehen wie mir. So dachte und fühlte ich in jenem Augenblick. Je mehr ich weinte, desto mehr wurde die Spucke der Verachtung meines Vaters von den Tränen aus meinem Gesicht gespült. Ich weinte nun mit dem ganzen Himmel. Ich spürte, ich bin nicht allein. Gott selbst trauerte mit mir. Ich machte mir Vorwürfe, ob diese Eskalation wohl meine Schuld war, wie so oft. Ich habe Papa 15
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wütend gemacht und war schuld daran, dass er sich vielleicht schuldig fühlte. Eigentlich wollte ich so sein, dass er stolz auf mich war. Wieder einmal hatte ich es nicht geschafft, ich war nicht gut genug. Doch in das Weinen, die Trauer und die Selbstanklage mischte sich ein Gefühl von Wärme und Mitgefühl. Ich fühlte, dass Gott an meiner Seite war und mit mir weinte. Ich schaute aus dem Fenster. Tränen liefen unaufhörlich über mein Gesicht und tröpfelten zu Boden wie Wasser aus einem undichten Wasserhahn. Aus unserem vorsintflutlichen Radio ertönte das Lied „Adieu mein kleiner Gardeoffizier“. Dieses Lied wurde für mich zum Synonym von Verachtung, Trauer, aber auch von Gottesnähe. Mein Vater war mein erster Held, die Liebe meines Lebens. Egal, was er tat oder nicht tat, meine Liebe war ihm sicher.
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2 Der Traum
Wie erschlagen wachte ich auf. Mein Herz war in Aufruhr, Chaos in meiner Seele. Meine Gedanken spielten verrückt. Ich hatte schlecht geträumt, oder war es kein Traum, sondern eine Botschaft, eine Bitte von dem, der sich stets das Beste für uns wünscht? Ich träumte, mein Vater sei gestorben. Ich wusste in jenem Augenblick, dass mein Denken, mein Handeln und vieles andere nicht so war, wie es sein sollte. All die Jahre habe ich, so dachte ich, meinen Vater gut christlich behandelt. Nie hatte ich ihn abgeschrieben, obwohl ich so oft wütend auf ihn gewesen war und ich mich oft für ihn geschämt hatte. Immer wieder hatte ich versucht, Frieden mit ihm zu halten. An jenem Morgen wusste ich, dass ich etwas zu tun hatte, was ich schon vor längerer Zeit hätte tun sollen: einen wahrhaften Frieden mit ihm zu suchen. Ich hatte gedacht, ich hätte einiges in meinem Leben geschafft. Zwar war ich zum zweiten Mal verheiratet, doch aus meiner ersten Ehe ging mein wunderbarer Sohn Manuel hervor. Ich war selbstständig und einigermaßen erfolgreich. Doch was ich bis dahin nicht geschafft hatte, war, Frieden mit meinem Vater zu haben.
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Dieser Traum schüttelte mich durch, dieser Traum zerrte an mir. Ich machte mich schnell fertig, denn ich wusste, was ich zu tun hatte: meinen Vater aufzusuchen und Frieden zu schließen, bevor der Tag kommen würde, an dem es nicht mehr möglich wäre. Mein Vater hat Zeit meines Lebens nicht gearbeitet. Unendliche Male wurde ich deshalb in der Schule gequält und war dem Spott meiner Mitmenschen ausgesetzt, auch noch als Erwachsener. Eines Tages, es war in meiner Lehrzeit, wurde ich beauftragt, etwas in einem Laden zu besorgen. Ich stand an der Kasse. Vor mir war eine ältere Dame, die sich mit einem Verkäufer aufgeregt über einen anderen Mann unterhielt. Plötzlich kapierte ich, um wen es ging. Sie zogen über meinen Vater her, der draußen vor dem Schaufenster stand. Der Verkäufer stempelte meinen Vater angewidert als Säufer und Abschaum ab. Die Frau gab ihm recht, und beide meinten, dass sie mit ihrer Arbeit derartigen Abschaum finanzieren müssten. Ich war schockiert, unfähig zu handeln, am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Ich wünschte mir in diesem Augenblick, ganz woanders zu sein, doch ich war hier und musste mir diese schrecklichen Dinge über meinen Vater anhören. Ich stand da wie gelähmt. Der Verkäufer richtete nun seinen Blick auf mich und sprach mich an. Dabei deutete er auf meinen Vater, der immer noch vor dem Schaufenster stand, und fragte mich: „Kennen Sie diesen Mann auch?“ Mir stockte der Atem. Was sollte ich nun antworten? Wie sollte ich reagieren? Was wäre jetzt wohl das Richtige? 18
Der Traum
Mit hochrotem Kopf und zitternder Stimme sagte ich: „Nein, ich kenne den Mann nicht.“ Ich konnte selbst kaum glauben, was ich da sagte. Ich erinnerte mich in diesem Moment an Petrus, der seinen Herrn dreimal verleugnete und behauptete, Jesus nicht zu kennen und ihm nie begegnet zu sein. Tief im Innersten meines Herzens hörte ich einen Hahn krähen. Jesus sagte beim Abendmahl zu Petrus, er (Petrus) werde ihn dreimal verleugnen, ehe der Hahn krähe. So fühlte ich mich. Ertappt, mein eigenes Fleisch und Blut verleugnet zu haben, meinen eigenen Vater. Alles, was wir getan haben, können wir nicht mehr ungeschehen machen. Und alles, was wir unterlassen haben, können wir ebensowenig nachholen. Und nun träumte ich, meinen Vater verloren zu haben. Ich machte mich auf den Weg, um ihn zu finden. Normalerweise war er immer unterwegs, doch an jenem Morgen fuhr ich nur einige Sekunden, da stand er am Straßenrand. Er lebte also. Ich fand ihn und suchte nach Vergebung und Frieden. Ich hielt mitten auf der Hauptstraße, ließ das Fenster herunter und schrie hinaus: „Vater, ich mag dich schon!“ Da er schlecht hörte, fragte er nach und ich schrie ein zweites Mal: „Ich mag dich schon!“ Verwundert schaute er mich an. Ehe wir weitersprechen konnten, wurden wir durch lautes Hupen der hinteren Fahrzeuge gestört. Also fuhr ich weiter. Nein, das reichte nicht, mein Herz war völlig durcheinander. Ich spürte, das reichte nicht. Niemals habe ich in der Bibel gelesen, dass wir uns mögen sollen. 19
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Nein, Jesu letzter Wille war „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.“1 Wir sollten uns nicht nur mögen, sondern lieben. Ich betete und sagte zu Gott, ich wisse, wonach er sich sehne und was er sich von mir wünsche. Ich sagte: „O.k. Gott, ich gehe zu meinem Vater. Das Problem ist, ich habe heute drei Termine, die muss ich wahrnehmen und mein Versprechen halten. Wenn einer von denen absagt, dann gehe ich.“ Ich dachte, ich könnte mit Gott verhandeln, denn in Wahrheit wollte ich nicht zu meinem Vater gehen. Ich dachte, das „Ich mag dich“ würde reichen. Doch Gott wollte mehr, da er mich kennt und weiß, was gut für mich ist. Irgendwie wollte ich mir nicht die Blöße geben und mich vor meinem Vater klein machen. Schließlich hatte er mir viel angetan und er hätte ja auch kommen und mir was Nettes sagen können. Das Klingeln meines Handys riss mich aus meinen Gedanken. Ich ging ran. Ein Mann meinte, er müsse den Termin an diesem Tag um 14 Uhr absagen bzw. verschieben. Nun wusste ich, dass ich mit Gott nicht groß verhandeln musste; er hatte einen festen Plan. In jenem Augenblick vertraute ich ihm voll und ganz. Ich fuhr in die Kneipe, in der mein Vater ein einfaches und bescheidenes Zimmer gemietet hatte. Ich stieg die Treppen hoch zum ersten Stock und stand vor seinem Zimmerchen mit der Nummer fünf. Mein Herz pochte. Es war voller Liebe. Ich wusste, nun wird alles gut, da ich Gott an meiner Seite hatte. 1
Johannes 15,12.
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Der Traum
37 Jahre ohne wahrhaften Frieden – doch mit Gott an meiner Seite, meinem treuen Freund, Begleiter und Beschützer, dem Vater aller Väter, wusste ich, dass jetzt die Geburtsstunde eines neuen Lebens kommen würde. Ich war bereit, alles zu geben, und wusste, dass ich noch viel mehr bekommen würde. Ich klopfte an die Tür und trat in das ärmliche Zimmer. Da stand er vor mir. Wir standen uns gegenüber wie damals vor 30 Jahren. Doch diesmal fragte ich nicht nach einem Geschenk, sondern ich kam mit dem größten Geschenk, das ich schon immer in mir trug, die Liebe zu meinem Vater. Er war mir nicht mehr übermächtig wie damals. Schwach und zerbrechlich stand er vor mir, unsicher sein Blick und sein Stand. Nun wartete er, was kommen würde. Niemals werde ich diesen Moment vergessen. Ich spürte, wie Gott mich führte und anstupste, wie er an meiner Seite war und sich nach Versöhnung sehnte. Zwei Dinge sagte ich zu meinem Vater: „Vater, ich liebe dich.“ Und: „Bitte vergib mir.“ Göttliche Stille umgab uns und machte sich im Zimmer breit. Mein Vater sah mich sekundenlang völlig erstaunt an. Ich fühlte seine Gedanken: „Was? Der kommt zu mir? Ich habe ihn doch geschlagen und nach ihm getreten, ich habe ihn bespuckt, und nun bittet er mich um Vergebung?“ Mitten in sein Staunen hinein sagte ich: „Vater, wundere dich nicht, warum ich dich um Vergebung bitte. Mit jedem Tag, an dem du meine Sehnsüchte nicht gestillt hast, bin ich weiter von dir weggegan21
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gen. Doch ich hätte nicht weggehen sollen, sondern noch näher zu dir hin. Mein ganzes Leben lang habe ich mich für dich geschämt und wollte dich verändern. Doch eines habe ich gelernt: Ich kann nur einen Menschen ändern, nämlich mich selbst. Selbst wenn du tausend Fehler gemacht hast und ich nur einen, dann bitte ich dich, vergib mir diesen einen Fehler.“ Mein Vater schaute mich an. Keine Wut, keine Verachtung. Stattdessen breitete sich Wärme in seinem Herzen und seinen Augen aus. Er kam zu mir her, nahm mich in den Arm und machte das, wonach ich mich vor 30 Jahren lang gesehnt hatte. Er drückte mich an sich und flüsterte mir ins Ohr: „Ich hab’ dich lieb.“ Durch diesen Traum, meine Demut und meinen Entschluss, Frieden zu suchen, kam der allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, in dieses schäbige, armselige kleine Zimmer. Der Frieden Gottes füllte diesen kleinen Raum. Der Himmel selbst kam zu uns. Die Liebe Gottes war in uns und um uns herum. Arm in Arm, eine Einheit: So sollten Vater und Sohn leben und zusammenhalten. Doch dazu braucht es Menschen, die auf Gottes Wort hören, die ihm vertrauen, die bereit sind, Verrücktes und Kühnes zu wagen mit der Gewissheit, dass Gott sie nicht allein lässt. Mein Vater wurde an diesem Tag ein neuer Mensch. Er wurde wie neu geboren. Eine Freundschaft entstand. Er war Ehrengast in unserem Haus. Im Juni 2009 wurde meine Tochter geboren. Er hielt sie in den Armen und weinte. Er spürte, dass Heimat kein Ort ist, der auf einer Karte eingezeichnet ist, son22
Der Traum
dern ein Ort, an dem die Menschen sind, von denen man geliebt wird. Er wurde der beste Opa, den man sich wünschen konnte, und gab sein Letztes. Er lernte: Je mehr er aus Liebe gab, desto mehr bekam er zurück. Wir beteten immer wieder zusammen das Vaterunser. Die Liebe Gottes lebt in und durch uns. Ich habe gelernt, dass es nur einen Menschen gibt, den ich verändern kann: mich selbst. Erst als ich mich geändert hatte, da veränderte er sich. Ich frage dich: Wann hast du deinem Vater zum letzten Mal gesagt, dass du ihn liebst? Falls du keinen Vater mehr hast, bitte Gott darum, dein Vater zu sein. Er wird sich deiner annehmen. Lebst du in Streit, Hass oder gar in Gleichgültigkeit, gehe heute noch den Weg, den ich gegangen bin. Aber geh’ nicht allein, sondern nimm Gott, deinen himmlischen PAPA, mit. Erlebe das Wunder, das ich erlebt habe. Warte nicht auf das Wunder, sondern sei selbst ein Wunder. Gott hat dich lieb und du bist nie allein.
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