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Ulrich WĂ¶ĂŸner

Die Gemeinde des Messias

Vom organisierten und kontrollierten Christentum zu christlicher Freiheit und Verantwortung

1. Auflage 2024

© 2024 Ulrich WĂ¶ĂŸner

© 2024

GloryWorld-Medien, Xanten, Germany, www.gloryworld.de

Alle Rechte vorbehalten

Bibelzitate sind der Übersetzung „Jesus der Messias“ (GloryWorld-Medien 2024) entnommen.

Lektorat: Klaudia Wagner

Satz: Manfred Mayer

Umschlaggestaltung: Jens Neuhaus, www.7dinge.de

Printed in the European Union

ISBN: 978-3-95578-640-3

Bestellnummer: 356640

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Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die sich in ihrem Einsatz fĂŒr Gott in christlichen Kirchen oder Gemeinden mĂŒde gearbeitet haben und, je lĂ€nger, desto mehr, darunter leiden, dass christlicher Anspruch und erlebte Wirklichkeit nicht zur Deckung zu bringen sind, so sehr sie sich auch darum bemĂŒhen.

Vorwort

Im Alter von etwa 14 Jahren habe ich Jesus eingeladen, in mein Herz zu kommen. So begann meine Nachfolge von Jesus, dem Herrn, in der ich nun schon ĂŒber 50 Jahre stehe bzw. gehe. Ich war Mitarbeiter in der Jugendarbeit meiner evangelischen Kirchengemeinde und MitbegrĂŒnder eines SchĂŒlerbibelkreises am Gymnasium. In beiden Bereichen erlebte ich so etwas wie gelebte Gemeinde.

In der Meinung, dem Herrn damit effektiv dienen zu können, wollte ich Pfarrer werden. Und so erlernte ich in einem Sprachenkolleg in Stuttgart die Bibelsprachen HebrĂ€isch und Griechisch und studierte dann an der UniversitĂ€t in TĂŒbingen evangelische Theologie.

Nach dem Studium ging ich wie geplant in den kirchlichen Dienst, zunĂ€chst in Ausbildung als Vikar, dann als Pfarrer. Ich erlebte große Dankbarkeit und Zustimmung von glĂ€ubigen Geschwistern, andererseits auch immer wieder Gegnerschaft gegen biblische Inhalte. Dazu kamen ArbeitsĂŒberlastung und zunehmende Zweifel an der Institution.

Nach 10 Jahren TĂ€tigkeit im Pfarrdienst der evangelischen Kirche wurde ich im August 1990 auf eigenen Wunsch von dort entlassen. Durch einen lĂ€ngeren Erkenntnisprozess war mir dieser Schritt klar geworden, denn trotz aller Konzeptionen fĂŒr Gemeindeaufbau und Gemeindewachstum, die von engagierten Mitchristen und Kollegen propagiert wurden, blieb die Umsetzung der neutestamentlichen Sicht fĂŒr den Bau der Gemeinde eine Illusion.

Nach dem damaligen Vorbild von Wolfram Kopfermann, einem einflussreichen Pastor der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Hamburg, der Ende der 1980er-Jahre aus seiner

Kirche austrat und eine Freikirche grĂŒndete, wechselte auch ich in den Pastorendienst einer Freikirche. Dabei hegte ich natĂŒrlich die Erwartung, dass man hier biblische Aussagen fĂŒr wahr und gĂŒltig nehmen wĂŒrde.

Doch nach weiteren 10 Jahren Gemeinde-„Arbeit“ landete ich in einem Burn-out. Dabei begleitete mich die deutliche Ahnung, dass auch in diesem System etwas nicht stimmen konnte. Schließlich wurde mir klar, dass es in der neutestamentlichen Gemeinde weder Pastoren noch sonst eine menschliche Hierarchie gibt. Als Konsequenz begann ich, auf eine entsprechende VerĂ€nderung in der von mir geleiteten Gemeinde hinzuarbeiten.

Die darauffolgenden GesprĂ€che endeten jedoch abschließend mit der interessanten Aussage eines der GemeindeĂ€ltesten, ich zitiere sinngemĂ€ĂŸ: „Was unser Pastor will, ist eigentlich richtig, aber wir halten es nicht fĂŒr machbar.“ Man betrachte diese Aussage einmal im Licht göttlicher MaßstĂ€be 


Ende 2002 geschah schließlich mein Abschied aus dem Pastorendienst und aus dem freikirchlichen System. Seither bin ich wieder ein einfacher, freier und fröhlicher Christ, wie ich es vor der kirchlichen Dienstzeit in meiner Jugend schon einmal war.

In jener Zeit begann ich, das vorliegende Buch zu schreiben. In den gut 20 Jahren seither habe ich, mit lĂ€ngeren Pausen, immer wieder einmal daran weitergearbeitet, genauso wie an meiner Übersetzung des Neuen Testaments. Hier wie dort kamen auch in diesem Buch immer wieder neue Kapitel dazu. Mein Eindruck ist, dass es nun fertig ist, jedenfalls steht aus meiner Sicht das Wesentliche darin. Und es ist höchste Zeit, dass es auch jemand zu lesen bekommt. Möge es ein Segen sein!

Im September 2024

Ulrich WĂ¶ĂŸner

KAPITEL 1

Der Zweck des Buches

Wem es gilt

Lieber Leser, liebe Leserin, bevor ich kurz zusammenfassen werde, um was es im Kern dieses Buches gehen soll, möchte ich gerne sagen, wen ich ansprechen will: Es sind Menschen, die sich fĂŒr das echte Christentum interessieren.

Dieses Buch ist fĂŒr mich etwas sehr Persönliches. Und ich möchte damit weniger theoretische Erkenntnisse weitergeben als vielmehr persönliche Hilfestellung aus dem Studium der Bibel und aus eigenem Erleben heraus. Seit nun schon mehr als 50 Jahren bin ich Christ. Ich war Jugendmitarbeiter, Theologiestudent, Pfarrer einer Landeskirche, Pastor einer Freikirche und Mitglied einer BrĂŒdergemeinde. Das heißt, ich weiß, wovon ich spreche.

Ich spreche als Bruder zu tatsĂ€chlichen oder potenziellen Mitchristen, mit denen ich zusammen einen gemeinsamen Weg biblischer Erkenntnis gehen will. Es geht dabei um die Überzeugung, dass wir im Königreich Gottes alle gleichwertige BrĂŒder und Schwestern sind, eine Familie, die sich gegenseitig dabei ermutigt und hilft, den Weg mit Jesus immer klarer zu erkennen und konsequent zu gehen.

Grundvoraussetzung: Die Bibel

Die Voraussetzung, auf der die Erkenntnis und die Argumentation in diesem Buch aufbauen, ist die Heilige Schrift, die Bibel. Besonders wichtig sind dabei die Schriften des Neuen Testaments. Sie bringen die Lehre von Jesus und seinen Aposteln, die ich lieber seine Gesandten nenne, direkt zum Ausdruck. Diese Lehre kommt von Gott und ist deshalb normativ fĂŒr die Gemeinschaft der Glaubenden, die Jesus nachfolgen. Das vorliegende Buch soll Lehre und Aussagen der Bibel erhellen und in diesem Sinne ein klĂ€rendes und erklĂ€rendes Buch sein.

Dabei bitte ich den Leser insbesondere darum, selbst ĂŒber alles nachzudenken und es in der Bibel nachzuprĂŒfen. Das entspricht der Anweisung, die Paulus als Gesandter von Jesus gegeben hat: „PrĂŒft alles und behaltet das Gute!” (1. Thessalonicher 5,21).

Die in diesem Buch verwendeten Bibelzitate stammen aus meiner eigenen Übersetzung des Neuen Testaments, die kĂŒrzlich erschienen ist.1 Die Kenntnis des Altgriechischen ist eines der großen Geschenke meiner theologischen Ausbildung. Die Erforschung und Übersetzung des Neuen Testaments in seinen ZusammenhĂ€ngen hat vieles zum Wachstum der Erkenntnisse beigetragen, die ich in diesem Buch darzustellen versuche.

Wenn im Folgenden irgendwo in Klammern fremdartige Wörter auftauchen, dann sind das griechische Begriffe aus dem Neuen Testament, die ich zum besseren VerstĂ€ndnis fĂŒr die anfĂŒhre, die etwas damit anfangen können.

Worum es geht

ZunĂ€chst möchte ich in einer Kurzfassung darstellen, was der Kerngedanke des Buches ist: Das System von Kirchen, Freikirchen und unabhĂ€ngigen freikirchlich strukturierten Gemeinden ist fĂŒr wirkliches, biblisches, gottgewolltes Christ-Sein nicht

1 Jesus der Messias: Das Neue Testament – aus dem griechischen Grundtext ĂŒbersetzt von Ulrich WĂ¶ĂŸner, GloryWorld-Medien 2024.

förderlich, sondern hinderlich und sogar schÀdlich. Und aus der Sicht des Neuen Testaments ist es ganz einfach falsch.

Die Freiheit des Christen, zu der Gott ihn berufen hat, wird durch ein System der Hierarchie, Obrigkeit oder „Leiterschaft” zunichte gemacht. Dieses degradiert den einzelnen einfachen Christen zum „Laien”, „Gemeindeglied” oder gar „GemeindeSchĂ€fchen”. Von den ZustĂ€ndigen wird er betreut, geleitet und beschĂ€ftigt (auch gesteuert, manipuliert und abkassiert). Aber als gleichwertiger und gleich wichtiger Christ wird er weder anerkannt noch fĂŒr voll genommen.

Damit ist die Entwicklung zu UnmĂŒndigkeit, AbhĂ€ngigkeit und Unfreiheit programmiert. Das „Gemeindeleben“ wird organisiert und veranstaltet. „Gemeinschaft“ wird immer wieder angemahnt und in der Praxis als fleißiger Besuch von Veranstaltungen und tolerantes Seid-nett-Zueinander verstanden und zu leben versucht.

Dagegen beschreibt das Neue Testament die freie Gemeinschaft seiner Nachfolger, die Jesus gestiftet hat. In ihr geschieht das gegenseitige Anteilnehmen und Anteilgeben aus freier Liebe zueinander. Dieser gemeinschaftliche Umgang miteinander findet im kirchlichen System so nicht statt; er ist weitgehend unbekannt.

Zugegeben, diese Beschreibungen scheinen ein bisschen pauschal zu sein. Aber in der Formulierung einer Kernaussage kann es nicht anders sein. Die Feinheiten fĂŒhre ich im weiteren Verlauf des Buches aus.

Ich kann meinem Leser, meiner Leserin aber schon einmal eine doppelte Testfrage stellen: FĂŒhlst du dich einem Pfarrer oder Pastor gegenĂŒber als gleich wichtiger Mitchrist? Nimmt er dich wirklich fĂŒr voll? Und ist er umgekehrt in deinen Augen nur so wichtig, wie jeder andere Mitchrist um dich herum? Und behandelst du ihn auch so?

Wer hier beide Male ehrlich mit Ja antworten kann, ist ein beneidenswerter Sonderfall eines wirklich mĂŒndigen Christen. Auf jeden Fall ist er aber eine völlige Ausnahme. Die meisten mĂŒssten Nein sagen, sie fĂŒhlen sich nicht gleich wichtig. Und

ob die Oberen sie wirklich fĂŒr voll nehmen, diese Frage stellen sie lieber gar nicht. Die Antwort darauf wĂ€re ernĂŒchternd.

Die Gemeinschaft, die im Neuen Testament Jesus nachfolgt, kennt keine Hierarchie: Sie besteht ausschließlich aus BrĂŒdern und Schwestern (adelphoi – was im Plural die Frauen mit einschließt).

Sie hat Gesandte (apostoloi), aber keine Kirchenleitung.

Sie hat Verantwortliche (episkopoi), aber keine „Bischöfe“.

Sie hat Ältere (presbyteroi), aber keine „Ältesten“.

Sie hat FĂŒhrende (hegoumenoi), aber keine „Leiter“.

Sie hat Hirten (poimenes), aber keine „Pastoren“.

Sie hat heilige Schriften, aber keine Aktenordner mit Vereinssatzungen, Gemeindeordnungen oder Kirchengesetzen, von Sitzungsprotokollen ganz zu schweigen.

Sie ist familiĂ€r strukturiert und hat VĂ€ter und MĂŒtter – und vor allem Geschwister, die fĂŒreinander da sind und einander gegenseitig mit den Gaben dienen, die Gott ihnen gegeben hat, um erwachsen, heilig und fruchtbar zu werden.

Auch Martin Luther hat das in seiner Zeit so erkannt, wenn er z. B. in seiner Schrift „Das Magnificat verdeutschet und ausgelegt“ von 1521 schreibt: „wie wohl in der schrifft / kein geistlich oberkeit noch gewalt ist / sondern nur dienstparkeit und unterkeit“ (Originalschreibweise).

Übrigens war Luther auch der Erste, der in seiner Übersetzung des Neuen Testaments den griechischen Begriff „ekklesĂ­a“ nicht mehr mit „Kirche“ ĂŒbersetzte. Denn der neutestamentliche Inhalt des Wortes war mit dem, was er als Kirche erlebte, unvereinbar. Von der Allgemeinheit und Gemeinsamkeit her prĂ€gte er den Begriff der „Gemeine“. In diese schmuggelte sich in spĂ€teren Zeiten dann noch ein „d“ ein, hin zu „Gemeinde“ (als das Wort „gemein“ seine Bedeutung Ă€nderte).

KAPITEL 2

Göttliche oder

menschliche

Einrichtung?

Der kirchliche Dreiklang

Das System der landlĂ€ufigen „Gemeinden“ kreist im Denken der Leute um drei wesentliche Dinge: den/die Leiter, das GebĂ€ude und den Gottesdienst.

Ob nun „Pfarrer – Kirche – Gottesdienst“ oder „Pastor – Gemeindezentrum – Versammlung“ oder wie die Bezeichnungen auch lauten mögen, letztlich ist es immer das gleiche System. Etwas altertĂŒmlich lĂ€sst es sich besonders schön mit „Gottesmann – Gotteshaus – Gottesdienst“ bezeichnen. Eine ehrliche Frage zur SelbstprĂŒfung gleich vorweg: Das sind doch tatsĂ€chlich die ĂŒblichen Dinge, an die man denkt, wenn es um „Gemeinde“ geht, nicht wahr?

Und hinter diesen offenkundigen Dingen verstecken sich auch noch heimliche Machtzentren, wie KirchenvorstĂ€nde, ÄltestenrĂ€te, AusschĂŒsse, Kirchenleitungen, VerbĂ€nde, Synoden, Kurien, PrĂ€laturen, PrĂ€sidien und wie sie alle heißen. Doch das registriert der einfache Christ oft nur am Rande; denn er ist mit dem vordergrĂŒndigen Gemeindeleben bzw. Veranstaltungsprogramm vollauf beschĂ€ftigt. Und, wie gesagt, er ist ja sowieso nicht so wichtig.

Vielleicht ĂŒberrascht oder schockiert es zunĂ€chst einmal, wenn ich hier sage, dass von all diesen eben erwĂ€hnten Dingen nichts in der Bibel steht, rein gar nichts. NatĂŒrlich muss ich das begrĂŒnden. Dazu schreibe ich dieses Buch.

Dabei ist es natĂŒrlich schwieriger, zu beweisen, dass etwas nicht dasteht. Um das nachzuprĂŒfen, muss man ja das ganze Neue Testament durchlesen – was ich jedem, der es ernst meint, dringend ans Herz lege.

Am besten, wir sehen uns jetzt einmal den genannten Dreiklang genauer an, einen Punkt nach dem anderen, und prĂŒfen, wie die Dinge im Neuen Testament eigentlich gemeint sind und wie nicht:

Der Gottes-„Mann“

Der „Gottesmann“ im Neuen Testament kann auch weiblich sein. Er ist ein Mensch, der durch Jesus den Messias den Zugang zu Gott dem Vater gefunden hat. Und durch das Eintauchen in Heiligen Geist ist er zu einem Leben aus Gott mit all seinen Auswirkungen befĂ€higt. Er ist also einfach ein ganz normaler Christ, wie er im Neuen Testament so gesehen, beschrieben und gewĂŒnscht wird.

„Es wird sein in den letzten Tagen“, sagt Gott, „da werde ich ausgießen von meinem Geist auf alle Menschen, und eure Söhne und eure Töchter werden prophetisch reden. Eure jungen Leute werden Visionen sehen, eure Älteren werden TrĂ€ume trĂ€umen. Auch auf meine Sklaven und auf meine Sklavinnen werde ich zu jener Zeit ausgießen von meinem Geist.“ – Und sie werden prophetisch reden! (Apostelgeschichte 2,17-18, zitiert nach Joel 3,1-5).

Kein Wunder, dass der Engel in der Offenbarung alle Christen Propheten nennt:

Ich bin (nur) dein Mitsklave und (Mitsklave) deiner Geschwister, der Propheten, derer, die sich an die Worte dieser Schriftrolle halten (Offenbarung 22,9).

Und weiter:


 [Jesus], der uns liebt und uns mit seinem Blut aus unseren SĂŒnden ausgelöst hat, der uns zu einem Königreich

oder menschliche Einrichtung?

gemacht hat, zu Priestern fĂŒr seinen Gott und Vater 
 (Offenbarung 1,5-6).

Wen hat er zu einem Königreich und zu Priestern Gottes gemacht? Uns! In anderen Worten also: dich und mich und alle unsere christlichen Schwestern und BrĂŒder.

Kein Wunder, dass wir alle auch „Geistliche“ sind:

Wenn ein Mensch mit irgendeinem Fehltritt ĂŒberrascht wird, Geschwister, dann mĂŒsst ihr, die geistlichen Menschen, denjenigen wiederherstellen mit sanftem Geist! (Galater 6,1).

Das sind im Neuen Testament also die GottesmÀnner und -frauen, und es gibt dort keine speziellen zusÀtzlichen.

Jegliche Hierarchie hat Jesus in seiner Gemeinde ausdrĂŒcklich verboten:

So ist es aber nicht unter euch. Wer wichtig werden will unter euch, soll vielmehr euer Diener sein! Wer unter euch Erster sein will, soll Sklave von allen sein! (MatthÀus 20,26-27; Markus 10,43-44).

Genauso hat er auch die gÀngigen religiösen Titel verboten:

Ihr aber sollt euch nicht „Rabbi“ nennen lassen! Einer ist nĂ€mlich euer Lehrer, ihr alle seid Geschwister. Und „Vater“ soll niemand von euch sich nennen lassen auf der Erde! Einer ist nĂ€mlich euer Vater, der himmlische. Ihr sollt euch auch nicht „Leiter“ nennen lassen! Denn euer Leiter ist einer, der Messias (MatthĂ€us 23,8-10).

„Rabbi“ ist ĂŒbrigens der offizielle Titel eines ordinierten „Geistlichen“. Im Judentum ist er in Form von „Rabbiner“ bis heute ĂŒblich. Im kirchlichen Christentum entspricht er den rechtlich gleichgestellten Titeln „Pfarrer“ (von „Pfarrherr“) und „Pastor“. TatsĂ€chlich haben weder Jesus noch seine Gesandten in der neutestamentlichen Gemeinde eine solche Form von AmtstrĂ€gern eingesetzt oder entsprechende Titel benutzt.

Die „Ordination“ zum „geistlichen Dienst“ geschieht im Neuen Testament an allen, die Jesus folgen, in der neuen Geburt durch das Eintauchen in Heiligen Geist:

Ihr werdet Kraft empfangen, indem der Heilige Geist auf euch kommt, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, in ganz JudÀa und Samaria und bis ans Ende der Erde (Apostelgeschichte 1,8).

Die eben beschriebene Sicht der Gemeinde lĂ€sst sich auch bei Martin Luther deutlich belegen. In seiner Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ von 1523 schreibt er:

Unter den Christen soll und kann keine Obrigkeit sein. Sondern ein jeglicher ist zugleich dem anderen untertan, wie Paulus sagt Röm. 12: „Ein jeglicher soll den anderen fĂŒr seinen Obersten halten.“ Und Petrus 1. Petr. 5: „Seid allesamt einander untertan!“

Das will auch Christus Lk. 14: „Wenn du zur Hochzeit geladen wirst, so setze dich aller unterst an.“ Es ist unter den Christen kein Oberster, denn nur Christus selber und allein. Und was kann da fĂŒr Obrigkeit sein, wenn sie alle gleich sind und einerlei Recht, Macht, Gut und Ehre haben? Dazu keiner begehrt, des anderen Oberster zu sein, sondern jeglicher will des anderen Unterster sein? Könnte man doch, wo solche Leute sind, keine Obrigkeit aufrichten, auch wenn man‘s gerne tun wollte. Denn die Art und Natur leidet es nicht, einen Obersten zu haben, wenn keiner Oberster sein will noch kann.1

In der Schrift „Eines großen Gottesgelehrten Gedanken ĂŒber Herrn Gaßners Teufel-Austreibung“ von 1775 drĂŒckt Christian August Crusius es so aus: „Die Kirche heißt in der Schrift die Gemeine oder das Volk Gottes. Sie bestehet aus lauter SchĂŒlern und der einzige Meister ist Christus.“

Adolf Schlatter schreibt in seinem Buch „Die Geschichte des Christus“: „Ihren Grund hat die Gleichheit und Freiheit der

1 In modernisierter Schreibweise.

Gemeinde in der Einzigartigkeit Gottes und des Christus. Durch seine Herrschaft ist sie von allen anderen Herrschaften frei und begehrt selber keine Herrschaft, sondern beugt sich in der Gewissheit, dass ihre Beugung ihre GrĂ¶ĂŸe sei. Das machte Jesus zum Motiv, aus dem sich die ganze Verfassung der Gemeinde ergab.“

Über die im Neuen Testament tatsĂ€chlich vorhandenen Verantwortlichen in der Gemeinde, wie sie uns in den Gesandten von Jesus und in den Verantwortlichen bzw. Älteren der Gemeinden begegnen, werde ich weiter unten ausfĂŒhrlicher schreiben. Aber festhalten möchte ich an dieser Stelle: Es waren keine ordinierten AmtstrĂ€ger, es war niemand, der â€žĂŒber“ den anderen stand. In der christlichen Gemeinde gibt es weder „Aufstieg“ noch „Karriere“.

Das Gottes-„Haus“

Das letzte steinerne Gotteshaus im Neuen Testament war der Tempel in Jerusalem. Als Wohnstatt Gottes wurde er abgelöst, als Jesus am Kreuz das ein fĂŒr alle Mal gĂŒltige Opfer darbrachte. Zu diesem Zeitpunkt zerriss der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel (s. MatthĂ€us 27,51). Dieser zerrissene Vorhang symbolisierte, dass der Zugang zu Gott jetzt frei war – fĂŒr jeden Menschen an jedem Ort.

Jesus hatte das einer samaritanischen Frau gegenĂŒber vorausgesagt:

Glaube mir, Frau, es kommt eine Zeit, in der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet 
 Aber es kommt eine Zeit – und es ist jetzt –, dass die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten. Und der Vater sucht ja solche, die ihn so anbeten. Gott ist Geist; und die, die ihn anbeten, mĂŒssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten (Johannes 4,21-23).

Adolf Schlatter schreibt in seinem Kommentar „Der Evangelist MatthĂ€us“ zu MatthĂ€us 5,6: „Jesus bedurfte zum Gebet keinen

geweihten Raum, nur Einsamkeit 
 In der Freiheit von allen kultischen Satzungen stand die palĂ€stinische Kirche der paulinischen nicht nach. MatthĂ€us hat ebenso wenig Kirchen gebaut als Paulus.“

Jesus hat den ĂŒberall gĂŒltigen Zugang zu Gott hergestellt, indem er ins himmlische Heiligtum ging:

Und nicht mit Blut von Böcken und Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut ist er ein fĂŒr alle Mal ins Heiligtum gegangen und hat ewige Erlösung erwirkt (HebrĂ€er 9,12).

Nun wird ein anderes „Haus Gottes“ gebaut:

Lasst euch selbst als lebendige Steine aufbauen, als geistliches Haus, zu einer heiligen Priesterschaft, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott willkommen sind durch Jesus den Messias (1. Petrus 2,5).

Oder wie im HebrÀerbrief in Bezug auf den Messias steht:

Sein Haus sind wir, wenn wir die Zuversicht und die Hoffnung, auf die wir stolz sind, behalten (HebrÀer 3,6).

Oder bei Paulus:


 damit du weißt, wie man im Haus Gottes verfahren muss, das ist die Gemeinde des lebendigen Gottes, Pfeiler und fester Grund fĂŒr die Wahrheit (1. Timotheus 3,15).

Die Gemeinde der Nachfolger von Jesus ist jetzt also das Haus Gottes – es gibt kein anderes auf der Welt.

FĂŒr öffentliches Lehren nutzte man im Neuen Testament auch öffentliche RĂ€ume: Die Halle Salomos in Jerusalem, Synagogen an verschiedenen Orten, das Haus des Titius Justus (s. Apostelgeschichte 18,9), den Lehrsaal des Tyrannos (s. Apostelgeschichte 19,9). Das waren aber keinesfalls „gemeindeeigene GotteshĂ€user“. Es waren öffentliche oder private GebĂ€ude, die man zweckmĂ€ĂŸig nutzte, wie es gerade nötig und möglich war.

Die HĂ€user, in denen sich ein „Gemeindeleben“ dann tatsĂ€chlich abspielte, waren die HĂ€user und Wohnungen der

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