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Frank Krause

Der fünffältige Dienst

Wenn der Leib Christi Jesu Wesen widerspiegelt

1. Auflage 2024

© 2024 Frank Krause

© 2024 GloryWorld-Medien, Xanten, Germany

Alle Rechte vorbehalten

Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Elberfelder Bibel, Revidierte Fassung von 2006, entnommen Hervorhebungen und in Klammern gesetzte Ergänzungen stammen vom Autor Weitere Bibelübersetzungen:

GNB: Gute Nachricht Bibel, 2002

HFA: Hoffnung für alle, Basel und Gießen, 1983

JdM: Jesus der Messias, GloryWorld-Medien 2024

LUT: Lutherbibel, Revidierte Fassung von 2017

MNG: Menge Bibel

DBU: „Das Buch“. Neues Testament – übersetzt von Roland Werner, © 2009 SCM R Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten

In Klammern gesetzte Ergänzungen stammen vom Autor

Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst

Anmerkung zu Zitaten: Die vom Autor benutzten Zitate dienen ausschließlich der Erläuterung, Bereicherung und Untermauerung des eigenen Textes Sie sollen zum Nachdenken anregen, inspirieren, Gedankengänge zusammenfassen und, je nachdem, den Text auflockern und den Leser zum Schmunzeln bringen. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass er weder alle Werke der von ihm zitierten Autoren kennt noch zwingend deren Weltanschauungen oder sonstigen Ansichten teilt

Lektorat: Brigitte Krause, Manfred Mayer

Satz: Manfred Mayer

Umschlaggestaltung: Markus Amolsch

Umschlagfoto: Günter Jung (fünfflügelige Windmühle von Wendhausen bei Braunschweig)

Printed in Germany

ISBN: 978-3-95578-634-2

Bestellnummer: 356634

Erhältlich beim Verlag: GloryWorld-Medien

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Einführung

Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer.

Epheser 4,11

Ich wollte eine kleine Video-Serie über den sogenannten „fünffältigen Dienst“ aufnehmen. Daraus wurde dann schnell mehr. Für mein Empfinden ist dieses Thema für die Gemeinde noch immer ein „heißes Eisen“. Aber ohne diese im vierten Kapitel des Epheserbriefes genannten Dienstgaben, die Jesus ausdrücklich selbst der Gemeinde gegeben hat, können wir nicht der Leib Christi bzw. eine neutestamentliche Gemeinde sein. Bekehrt können wir schon sein, auch eine Gemeinde und Christlichkeit nach unseren eigenen Vorstellungen und Traditionen betreiben, aber das ist nicht, was das Neue Testament als den „Leib Christi“ beschreibt.

Vor vielen Jahren begann Jesus, mir die Tücken des religiösinstitutionellen Komplexes1 , wie wir ihn heute im Allgemeinen

1 Dieser „Komplex“ umfasst die komplette gewachsene Kirche mit ihrer Hierarchie, ihren vielfältigen Instituten und Verwaltungen, ihren verabsolutierten Lehrmeinungen und normierten Abläufen, etwa von Gottesdiensten. Den Begriff „Kirche“ in diesem Sinne gibt es im Neuen Testament nicht. Dort ist die Rede von der Gemeinde, die stets alle Gläubigen an einem Ort meint. Sie werden als „Ekklesia“ bezeichnet. Dieser altgriechische Begriff kann übersetzt werden mit „die berufene Gemeinschaft“ Wikipedia erklärt die Ekklesia als „… die Gemeinschaft derer, die von Jesus Christus durch das Evangelium aus der Welt herausgerufen wurden, sich um ihn im Gottesdienst (leiturgía) versammeln und von ihm zum Glaubenszeugnis (martyría) und Dienst der Liebe (diakonía „Dienst“, von διάκονος diákonos „Diener“) gesandt werden. In vielen

wiederfinden, aufzudecken. Einmal empfing ich im Gebet dazu

Folgendes von Gott:

Der ganze christliche Dienst ist in den vergangenen Jahren korrupt und korrupter geworden. Ein Eldorado der Eigenmächtigen und selbsternannten „Diener“ (Beamten), die den ganzen Dienst lähmen. Ich habe Selbstlosigkeit auf die Liste der Bedingungen für den wahren Dienst ganz oben angeschrieben. Viele haben das umgangen und werden es auch in Zukunft umgehen, um den Dienst dafür herzunehmen, Seelen für sich zu fangen und sich selbst groß zu machen. Viele Christen wenden sich enttäuscht von diesen Diensten ab und wandern ziellos durch die Gegend. In vielen Diensten wird zwar der Heilige Geist angerufen, aber Menschen maßen sich an, ihn genau zu kennen, oder ihn benutzen und in ihren Dienst stellen zu können. Zu viele Dienste sind zu wenig selbstlos. Zu anmaßend. Zu selbstgerecht. Wahrer christlicher Dienst braucht auf Seiten des Menschen das Bekenntnis, dass er gar nichts weiß und gar nichts im Griff hat und gar nichts vermag. Er ist eine ständige Demütigung des Fleisches. Er ist eine ständige Übergabe an mich. Wahre Freiheit ist immer Freiheit von sich selbst und das Loslassen aller Kontrolle

Denkt immer daran: Nicht ihr organisiert die Freiheit und den Dienst des Geistes, sondern die Freiheit organisiert euch, und der Geist führt euch, wie er will. Ihr braucht dafür immer das Vertrauen eines Kindes, welches weder von Organisation noch von Kontrolle weiß

Aber die Kinder werden das Reich Gottes sehen. Und auf dieses Sehen kommt es an.

Konfessionen wird Ekklesia mit „Kirche“ übersetzt “ (Stichwort „Ekklesiologie“, 16.3.24)

Ich benutze den Begriff „Kirche“ in diesem Buch, weil christliche Glaubensgemeinschaften ab einer gewissen Größe und Struktur hierzulande so genannt werden. Viele Begriffe wie „Pastor“, „Amt“, „Leitung“ usw sind „kirchlich“ anders belegt bzw. definiert, als es die Bibel tut. Das ist ein Problem, mit dem sich jedes Kapitel dieses Buches befasst. Die Gemeinde nicht als religiösinstitutionellen Komplex, sondern als lebendige, vom Heiligen Geist getriebene Bewegung zu verstehen, ist meines Erachtens eine geistliche Revolution.

Sie sehen den Vater, sie sind nahe beim Vater, und so werden sie auch wie der Vater und tun schließlich ganz intuitiv die Werke des Vaters, denn sie sind eins mit ihm.

Ich tat, was ich den Vater tun sah. Das war mein ganzer Dienst. Ich gründete keine Organisation und ich kontrollierte niemanden. Dennoch führte ich täglich ein Team von vielen Jüngern, bildete sie aus und machte sie zu einer mobilen Einsatztruppe, über die sich noch heute jede Organisation den Kopf zerbrechen würde, wie das nur funktioniert hat.

Der Motor dieses Unternehmens war ich, der ich sah, was Gott tut und mich auf diesem Weg und auf dieser Ebene in der Kraft des Heiligen Geistes bewegte. Dies ist auch heute der Motor des wahren Dienstes: Menschen sehen mich und gehen mit mir und tun meine Werke in der Kraft des Heiligen Geistes. Also seht mich! Seht mich an. „Die auf ihn schauen werden strahlen“ (Psalm 34,6).

Die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, wollen wir schon haben, aber Selbstlosigkeit? Das Reich Gottes sehen, klingt wundervoll, aber dafür die Kontrolle aufgeben? Wo soll das hinführen? Ein strahlendes Angesicht würde uns ebenfalls gut gefallen, aber diese totale Abhängigkeit vom Heiligen Geist, der uns das strahlende Angesicht Jesu offenbart, das erscheint uns doch zu „fanatisch“ und „übergeistlich“.

Es ist die Gabe und Aufgabe des fünffältigen Dienstes, uns – die Gemeinde – mit diesen Dimensionen der Freiheit, des Reiches Gottes und der Widerspiegelung des Angesichtes Jesu vertraut zu machen. Eine theologische Meinung darüber zu haben ist etwas anderes, als es wirklich und wahrhaftig zu erleben und davon in andere Menschen verwandelt zu werden. Aber darum geht es.

Neben einer Beschreibung der fünf „Ämter“, wie diese Dienste auch genannt werden, befassen wir uns im vorliegenden Buch mit diesem Dilemma und der Frage, wie Gott diese festgefahrene Situation aufbricht. Denn meiner Meinung nach wird es ohne diese Dienstgaben keine nennenswerte Erweckung geben können. Das ist eine steile Aussage, ich weiß.

Viele Kirchen und christliche Versammlungen behaupten etwas

anderes, zum Beispiel, dass es diesen fünffältigen Dienst heute gar nicht mehr braucht und darum auch nicht mehr gibt.

Sie argumentieren, da der Gemeinde das Neue Testament als Richtschnur schriftlich vorliege und die Kirche fest etabliert sei, wofür brauche es da noch Apostel und Propheten? Heutzutage reichen die Pastoren (und Ältesten) als Gemeindeverwalter völlig aus. Ab und an gibt es mal einen hervorragenden Lehrer und begabten Evangelisten, das bestreitet niemand, aber grundsätzlich ist der fünffältige Dienst zum einfältigen, nämlich pastoralen, geworden.

Eine Bekannte, der ich aufgrund ihrer Erfahrungen im Reisedienst das Skript zu lesen gab, stellte mir angesichts der vielen kritischen Beobachtungen, die ich hinsichtlich der etablierten Kirche anstelle, die Frage, ob ich dieses Buch aus einem verletzten und bitteren Herzen heraus geschrieben hätte? Und für wen diese Ausarbeitung nützlich und sinnvoll sein solle?

Mein Antwort lautet, dass wohl noch jeder, der den Weg der Jüngerschaft gehen will und sich an Jesus hält, in Konflikt mit dem „System“ der institutionalisierten Kirche und Gemeinde gerät. Viele gutmeinende Christen haben sich schon eine „blutige Nase“ geholt, wenn sie in ihrer Gemeinde die Frage nach dem fünffältigen Dienst gestellt haben. Sie wurden mit ihren Anliegen abgewiesen, ihren Reformideen wurde kein Gehör geschenkt und wenn doch, wurden sie enttäuscht, weil die Entscheidungsträger völlig andere Vorstellungen von der Gemeinde vertraten als sie. Beharrten sie darauf, „dass es aber in der Bibel steht“, wurden sie als „Fundamentalisten“ oder gar „Sektierer“ bezeichnet.

Also ja, die Gemeinde in der allgemeinen Verfassung ist meiner Meinung nach zu Jüngerschaft nicht bereit und kaum dazu fähig, darum verletzt und erbittert sie jene, die meinen, aufgrund des neutestamentlichen Vorbildes auf dem fünffältigen Dienst bestehen zu müssen.

Darüber hinaus finden wir eine stereotype Verhinderung des fünffältigen Dienstes zugunsten eines pastoralen Monopols. Ohne das Zusammenspiel aller Dienstgaben kann die

Gemeinde aber unmöglich dem neutestamentlichen Muster und Maß entsprechen und ist in ihrer missionarischen Wirkung eingeschränkt.

Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob eine solche Kirche und Gemeinde überhaupt legitimiert ist, sich so zu nennen. Auf dem evangelischen Kirchentag 2023 in Nürnberg schrie Pastor Quinton Ceasar aus Wiesmoor beim großen Abschlussgottesdienst vor einem jubelnden Publikum ins Mikrofon: „Jetzt ist die Zeit zu sagen: ‚Wir alle sind die Letzte Generation‘2 . Jetzt ist die Zeit zu sagen: ‚Black lives always matter.‘3 Jetzt ist die Zeit zu sagen: ‚Gott ist queer4!‘“ Was soll man dazu sagen? In wenigen Sätzen haute der Prediger einen ganzen Strauß von Ideologien heraus, deren Anerkennung „Toleranz“ widerspiegeln soll. Und Toleranz scheint heute das

2 Die Letzte Generation, ist ein Zusammenschluss von Klimaaktivisten in Deutschland und in Österreich Er verfolgt das Ziel, durch Mittel des zivilen Ungehorsams Maßnahmen der Regierungen zur Einhaltung des Übereinkommens von Paris und des 1,5-Grad-Ziels zu erzwingen. Die Anfang 2022 begonnenen Aktionen bezeichnen die Aktivisten als Aufstand der Letzten Generation, weil nach ihrer Ansicht die Überschreitung von Kippelementen im Erdklimasystem drohe und sie der letzten Generation angehörten, die noch in der Lage sei, „den völligen Erdzusammenbruch vielleicht noch aufzuhalten“. Aufsehen erregt die Gruppe insbesondere, weil sich die Aktivisten bei vielen Aktionen auf Straßen festkleben und den Verkehr blockieren (Wikipedia 9.10.23).

3 Black Lives Matter (BLM, englisch für „Schwarze Leben zählen“) ist eine transnationale Bewegung, die in den Vereinigten Staaten entstanden ist und sich gegen Gewalt gegen Schwarze bzw. People of Color einsetzt. Black Lives Matter organisiert regelmäßig Proteste gegen die Tötung Schwarzer durch Polizeibeamte und zu anderen Problemen wie Racial Profiling, Polizeigewalt und Rassismus (Wikipedia 9.10.23).

4 Queer ist heute eine Sammelbezeichnung für sexuelle Orientierungen, die nicht heterosexuell sind, sowie Geschlechtsidentitäten, die nichtbinär oder nichtcisgender sind. Seit etwa Mitte der 1990er Jahre wird der Begriff zunehmend als positive Eigenbezeichnung queerer Personen verwendet. Oftmals sind mit queer ähnliche Personengruppen gemeint wie mit den Abkürzungen LGBT, LSBT u. a.

Die postmodern und queer begründete Kulturtheorie wird als Queer-Theorie bezeichnet, sie ist Anfang der 1990er Jahre in den USA entstanden. Die QueerTheorie möchte sexuelle Identitäten, Machtformen und Normen, Geschlechterrollen und sich eventuell daraus ergebende Ausbeutungsverhältnisse analysieren und dekonstruieren (Wikipedia 9.10.23).

„11. Gebot“ zu sein, der neue Inbegriff christlicher Ethik. Aber Gott ist kein Ideologe! Er liebt alle Menschen, aber keine Ideologie. Nicht eine. Er ist geradezu ein Zerstörer von Ideologien aller Art, um die Menschen aus ihren Korsetten und Gedankengefängnissen zu befreien. Jesus hat sich zu keiner Ideologie bekannt, auch keiner religiösen, sondern zum Vater im Himmel und seinem Reich, das nicht von dieser Welt ist. Dorthin nimmt er uns mit, und dort gibt es keine Ideologien, die Menschen gegen Menschen aufhetzen und Menschen für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Da die institutionelle Kirche Jesu Konzeption von Gemeinde seit Jahrhunderten umgeht und sein Wort zum Thema faktisch aussetzt, um ein eigenes Programm und religiös-hierarchisches Konstrukt zu etablieren, kann man verstehen, dass schon die Reformatoren das größte Problem der Kirche in der Kirche selbst sahen. Einige waren der Meinung, man müsse das „falsch gebaute Haus“ komplett abreißen, um ein neues, grundlegend anders strukturiertes, zu errichten. Jeder, der sich mit der Erneuerung der Gemeinde auseinandersetzt, steht auch heute vor dieser Frage. Wobei Gott offensichtlich je nach Notwendigkeit beides tut: Die einen Gemeinden können „geheilt“ und „renoviert“ werden, andere aber müssen beendet und grundlegend neu aufgebaut werden. Die Vorlage für diese unterschiedlichen „Behandlungen“ finden wir in den sieben Sendschreiben Jesu an verschiedene Gemeinden in den Kapiteln 2 und 3 der Offenbarung.

Das vorliegende Buch bringt also einerseits das Dilemma des gewachsenen Christentums klar zur Sprache, andererseits aber auch die hoffnungsvollen Ansätze der geistgewirkten Wiederherstellung des fünffältigen Dienstes, wie wir sie in den letzten 30–40 Jahren erleben.

Mit meinen Lesern werfe ich einen aktuellen und informativen Blick auf die einzelnen Abteilungen des fünffältigen Dienstes. Denn so klar, wie wir es uns wünschen würden, ist das Verständnis der einzelnen Aspekte der Dienstgaben im Allgemeinen nicht. Wenn in der Gemeinde nicht darüber gesprochen

wird, weil eine Umsetzung unerwünscht, personell unmöglich oder aufgrund gewachsener Tradition undenkbar ist, haben die Mitglieder häufig keine Ahnung, was z. B. „apostolisch“ oder „prophetisch“ überhaupt sein soll. Sie verbinden damit anachronistische Vorstellungen und können sich eine apostolische und prophetische Gemeinde in einer modernen Variante nicht vorstellen.

Aber nicht überall auf der Welt läuft es kirchlich/gemeindlich so wie in Deutschland. Andere Kulturen haben wesentlich andere Gemeindeformen hervorgebracht. Das Internet gibt uns die Möglichkeit „in alle Welt“ zu gehen und diese teilweise markant unterschiedlichen Entwicklungen, Prägungen und Ausgestaltungen von „Kirche“ zu sehen und zu hören. Und da finden wir auch Dienste und Gemeinden, die radikal evangelistisch, außergewöhnlich in der Lehre, mächtig apostolisch und prophetisch sind. Ja, es gibt auch dort Einseitigkeiten und Extreme, die niemandem gefallen können, aber es finden sich auch großartige und gesunde Vorbilder, die uns über alle Maßen inspirieren können, unsere Vorstellung von Kirche zu erneuern und zu erweitern.

Kapitel 1

Die große Anmaßung

Gott hat doch gesagt … Ihr aber sagt: … So habt ihr das Wort Gottes außer Kraft gesetzt durch eure Tradition. Ihr Heuchler … Matthäus 15,4-7a (JdM)

Amtsträger

Die Aspekte der fünffältigen „Setzung“1 , wie die fünf Dienstgaben auch genannt werden, können als „Ämter“ bezeichnet werden, „da sie sich durch eine dauerhafte Übertragung auf den entsprechenden Amtsträger sowie durch eine rechtliche und christlich-theologische Begründung auszeichnen. Die Ausprägung der Ämterstruktur gehört zu den grundlegenden Elementen einer jeden Kirche. Ein Amtsträger ist eine (qualifizierte) Person, die innerhalb einer Verwaltung als die weisungsgebundene Organisation mit dem Auftrag des Verwaltens (der Administration) beauftragt ist“ (Wikipedia).

In dieser Beschreibung erkennen wir unschwer sowohl die Institutionalisierung als auch Funktionalisierung der Ämter und entsprechend Beauftragten, also „Beamten“. Sie arbeiten

1 „Denn der Herr hat gesetzt die einen als Apostel, die anderen als Propheten …“ (alte Übersetzung von Eph 4,11).

jetzt „innerhalb einer Verwaltung als weisungsgebundener Organisation“ . Alle Dienste und Gaben werden heute allgemein und vorwiegend funktional gesehen und „weisungsgebunden“ gehandhabt. Jeder Dienst hat ein entsprechendes Aufgabenprofil zu erfüllen, das von der übergeordneten Organisation festgelegt, ausgebildet, eingesetzt und kontrolliert wird. Erfüllt jemand die administrativen Ansprüche der Organisation für die vorgegebene Aufgabe bzw. die „Stelle“, wird er lizensiert bzw. ordiniert, um dann angestellt und entsprechend vergütet zu werden.

Auch die „Ältesten“ der Gemeinden werden in diesem „Geist der Verwaltung“ primär funktional gewählt. Wer sie dabei sind, wie reif ihr geistliches Leben ist, wie klar die Hand Gottes bzw. Salbung des Geistes auf ihrem Leben liegt, solche Kriterien – da sie „sachlich“ schwer zu bemessen, nachzuweisen und zu protokollieren sind – finden sich nicht in den Statuten des bürokratischen Apparates der Firma Kirche.2

Über das „kirchliche Amt“, wie es heute verstanden und praktiziert wird, lesen wir auf Wikipedia Folgendes:

In der römisch-katholischen Kirche ist ein Amt zunächst „jedweder Dienst, der durch göttliche oder kirchliche Anordnung auf Dauer eingerichtet ist und der Wahrnehmung eines geistlichen Zweckes dient.“

In den evangelischen Kirchen bezeichnet der Begriff „Amt“ ein übergeordnetes geistliches Amt, das eine Vielzahl von Funktionen und Aufgaben innerhalb der Kirche umfasst.

Innerhalb der evangelisch-reformierten Kirchen bildete sich die auf Martin Bucer zurückgehende Vierämterlehre heraus. (Die Vierämterlehre ist eine theologische Lehre, die besagt, dass für die richtige Ordnung der Kirche vier Ämter notwendig seien … Calvin nennt unter Berufung auf das Neue Testament vier Ämter, die es in jeder Kirchengemeinde geben müsse: Pastoren oder Hirten, Lehrer, Älteste und Diakone )

2 Darüber habe ich eine Schrift verfasst: „Gemeinde – Familie oder Firma?“, https://www.autor-frank-krause.de/gemeindefirma.html

In vielen evangelischen Freikirchen bildeten sich dagegen dreifache Ämter heraus. Für die täuferischen Mennoniten können die Ämter der Ältesten (zum Teil auch Bischof genannt), Prediger (oder Pastoren) und Diakone genannt werden. Auf den Bruderhöfen der Hutterer gab es jeweils einen Diener des Wortes (= Prediger) und einen Diener der Notdurft (= Diakon)

Laut den evangelisch-lutherischen Bekenntnisschriften ist das geistliche Amt bzw. Predigtamt bzw. Amt der Schlüssel von Gott eingesetzt, das Evangelium rein zu verkündigen und die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten (CA V). In der Ausübung des geistlichen Amtes handelt der Amtsträger als Stellvertreter Christi (ApolCA VII). Wer das Predigtamt ausüben will, muss dazu von der Kirche ordiniert sein (CA XIV).3

Unter dem römischen Kaiser Konstantin4 (270–337) wurde das Christentum „erfunden“, eine nahtlos an das römische Reich angepasste, hierarchische, religiöse Regierungs- und Verwaltungsstruktur mit eben jener rein funktionalen Bedienstung/Beamtung, wie wir sie heute in fast jedem Bereich der Regierung, in Organisationen und Firmen jeder Art und allgemein in der Wirtschaft finden.

Da „Jesus folgen“ ein schwer zu definierender und unkontrollierbarer Aspekt ist, wird die Nachfolge in der Bewerbung zu einem geistlichen Posten innerhalb dieser behördenartigen, kirchlichen Verwaltungsstruktur nur am Rande erfasst oder gar nicht erst angesprochen. Unter diesen Umständen wundert es nicht, dass wir heutzutage Pastoren und Gemeindeleiter

3 Wikipedia, „Kirchliches Amt“, 20.1.22.

4 „Religiöser Fundamentalismus ist das stärkste, massivste, allerdings meist auch attraktivste und faszinierendste, die Massen am meisten einnehmende und einfangende Motiv, weswegen jede Machtpolitik stets bedacht sein wird, eine Religion oder Konfession für ihre Ziele einzuspannen. Kein Zufall, dass der römische Kaiser Konstantin (ca 270–337) das immer stärker werdende Christentum zur Staatsreligion machte, obwohl er zu dem Zeitpunkt selbst noch kein Christ war. “ – Hubertus Mynarek, „Gedanken zur Logik der Macht“, aus: „Aufklärung und Kritik“ 1/1998, S. 27 ff. (Wikipedia: „Konstantin der Große“, 21.1.2022).

finden, die sich weder bekehrt haben noch wiedergeboren sind. Sie erledigen ihren Job …

Ich erwähne die kirchliche Strukturentwicklung so detailliert, weil wir als Mitglieder unserer westlichen Kultur römisch geprägt sind und uns eine „funktionierende“ Gemeinde quasi nur in diesem hierarchisch-institutionellen Rahmen vorstellen können. Dass Jesus seine Gemeinde möglicherweise grundsätzlich anders bildet und führt, ist uns ausgesprochen schwer vorstellbar. „Wie sollte er das denn tun?“, fragen wir uns und kommen auf keine erleuchtete Idee, weil wir in unserem zweckrationalen und hierarchiegeprägten „Top-down“-Denken gefangen sind.

Die Pastorenkirche ist seit Jahrhunderten bei uns das gängige Modell. Bei manchen Kirchenverbänden sind die Gemeindeversammlungen zwar das „Organ“ mit der höchsten Autorität, jedoch krankt dieses Modell an der Unmündigkeit der Mitglieder, die zum großen Teil gar keine „Jünger“5 sind, sondern „Besucher“, die in ihrer Gemeinde eine Art Dienstleistungsunternehmen für religiöse Angelegenheiten sehen, für dessen Angebote sie bezahlen und „demokratisch“ mitbestimmen wollen. Das mag übertrieben klingen, aber die heute allgemein vorherrschende Konsum- und Geschäfts-Mentalität sitzt tief. Wenn nun irdisch-, materialistisch- und geschäftsgesinnte Leute in den Mitgliederversammlungen über geistliche und himmlische Aspekte nachdenken, beten und entscheiden sollen, sind sie dazu nicht wirklich in der Lage. Zudem ist der Entscheidungskorridor eng, weil die GemeindeOrdnung, die Satzung (e.V. oder KdöR6) sowie die Vorgaben

5 Ein Jünger ist mehr als ein Schüler. Wenn es auch in religiösen Bezügen ausgesprochene Lehrer-Schüler-Verhältnisse geben kann, geht die Beziehung des Jüngers zum Meister insofern darüber hinaus, als der Jünger vor dem Erwerb von Wissen und Fähigkeiten z B. die Erfahrung der Gemeinschaft, persönlichen Verbundenheit und des Vertrauens genießt" (Wikipedia, Stichwort „Jünger“, 12.3.24).

6 e.V. = eingetragener Verein.

KdöR = Körperschaft des öffentlichen Rechts.

des kirchlichen Verbandes bzw. der Denomination den Spielraum stark einschränken.

Mein Eindruck in diesem Zusammenhang ist, dass es gerade die Apostel und Propheten wären, die ihren Finger auf diese ständig zunehmenden Einschränkungen legen könnten. Denn die Frage stellt sich, wieviel Freiheit Christus noch eingeräumt wird, seine Gemeinde so zu führen und zu entwickeln, wie ER das will, und nicht wie wir das bestimmen? Ein starres, dogmatisches sowie bürokratisches Korsett nimmt der Gemeinde die Luft zum Atmen und die Beweglichkeit, Jesus zu folgen. Der Geist aber bewegt sich immer, denn er ist ja Dynamik. Er brennt wie ein Feuer, fließt wie ein Fluss und weht wie der Wind. „So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist“ (Joh 3,8). Wie kann man ihn in eine Satzung oder starre Hierarchie „einsperren“ oder gar bürokratisch „verwalten“?

Freiheit

Wir sehen, dass Jesus als der „Christus“, also der „Gesalbte“ Gottes, in den Evangelien unaufhörlich in Bewegung ist. Der Geist führte ihn einen unberechenbaren Weg voller ungeplanter Ereignisse und nicht terminierter und organisierter Großveranstaltungen jenseits jeder Genehmigung, Norm und Regel. Jesus war unerträglich frei, unorthodox und gefährlich fürs System. Er war mächtig mit einer Macht, die weder die Synagoge (Israel) noch die Regierung (Rom) ihm verliehen hatten und die sie nicht einschätzen konnten. Jede heutige „Gemeinde“ nimmt jedoch für sich „Freiheit“ in Anspruch. Heißt es doch:

Für die Freiheit hat Christus uns frei gemacht. Steht nun fest und lasst euch nicht wieder durch ein Joch der Sklaverei belasten! (Gal 5,1).

Was für eine Freiheit aber ist das, zu der wir befreit sind, und wo fängt das „Joch der Sklaverei“ an, vor dem wir uns hüten sollen? Die „Freiheit“, mich in einer hierarchisch geordneten

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