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Lynn Austin

Die Frau des Holzbarons


Prolog 1875

Hannah Es ist schon weit nach Mitternacht, aber ich kann nicht schlafen, weil ich mir schreckliche Sorgen um meine Freundin mache. Vor zwei Wochen ist sie spurlos verschwunden und ich befürchte, dass ihr etwas zugestoßen ist. Ihr Mann Henry glaubt, dass sie an Bord des Frachters Athena war, der auf dem Weg nach Chicago bei einem Sturm gesunken ist. Ich bin mir da allerdings nicht so sicher. Schließlich hätte sie mir von ihren Plänen erzählt. Und außerdem hat sie auch nichts mitgenommen. Über Kate Abernathy habe ich mich oft aufgeregt und immer wieder hat sie meine Geduld strapaziert. Es war nicht nur leicht mit ihr und es gab auch so manchen Ärger. Aber trotzdem vermisse ich sie – mehr sogar, als ich jemals vermutet hätte. Wir haben versucht, sie ausfindig zu machen, haben an ihren Lieblingsorten nachgesehen, aber alles ohne Erfolg. Ich habe weder die Mittel noch die Fähigkeiten, um intensiver nach ihr zu suchen, und weiß wirklich nicht, was ich noch tun soll. Hätte ich über meinen Verdacht sprechen sollen, dass Kates Ehemann sie schlägt? Damals habe ich ihre blauen Flecke und Prellungen auf ihre Ungeschicklichkeit zurückgeführt und geleugnet, dass Henry etwas damit zu tun hatte. Ich weiß, wie sehr sie ihn geliebt hat, und er scheint wirklich unglücklich zu sein wegen ihres Verschwindens. Es hat keinen Sinn, hier wach zu liegen, aber ich fürchte, wenn ich aufstehe, wird John wach. Das Feuer ist für die Nacht gelöscht, deshalb ist es ziemlich frostig im Haus und die Holzdielen unter meinen Füßen werden sich eiskalt anfühlen. Außerdem kann ich mitten in der Nacht eh nichts tun, um Kate zu finden. Der Wind fährt durch die Bäume vor unserem Haus und weht 7


die braunen Blätter fort. Während ich meine Gedanken durch die vergangenen zwei Jahre wandern lasse, suche ich nach einem Hinweis, den ich vielleicht übersehen habe. Unsere Freundschaft war von Anfang an eher ungewöhnlich. Wir hatten nichts gemein, abgesehen davon, dass unsere Ehemänner sich kannten. Deren Idee war es gewesen, in die Wildnis von Michigan zu ziehen. Ich schätze, dass Kate nicht älter als zwanzig oder einundzwanzig ist – ihr wahres Alter hat sie mir nie verraten –, und ich werde bald vierzig. Als Frau eines millionenschweren Holzbarons ist sie vermögender, als die meisten Menschen es sich auch nur vorstellen können. Ich dagegen bin nur die einfache Gattin eines Arztes. Ehrlich gesagt, weiß ich nur sehr wenig über Kate. Eigentlich nur das, was sie mir erzählt hat, und manchmal ist es mir schwergefallen, ihre Geschichten zu glauben. Sie hat mir zum Beispiel erzählt, sie hätte schon einmal einen Mann getötet. Als ich Kate vor zwei Jahren an einem Abend im Herbst zum ersten Mal begegnet bin, habe ich sie zunächst für die Tochter von Henry Abernathy gehalten, so groß war der Altersunterschied zwischen den beiden. Damals habe ich sie auf etwa achtzehn geschätzt. Gewiss war mir meine Überraschung anzusehen, als sie mir die Hand entgegengestreckt und mir ihren mit Diamanten besetzten Ehering gezeigt hat. Sie hatte nur ein spöttisches Lächeln für mich übrig und warf stolz den Kopf zurück, als amüsierte sie meine erschrockene Reaktion. Damals konnte ich nicht ahnen, dass diese Begegnung mein Leben verändern würde. Unter meine von Trauer geprägte Vergangenheit wurde ein Schlussstrich gezogen und ich war plötzlich in dieser merkwürdigen Gegenwart. Ich seufze und kuschle mich tiefer in meine Decke. In der Ferne dröhnen die vom Wind aufgepeitschten Wellen des Lake Michigan. Wie eine Lokomotive. Wenn ich schon nichts mehr für meine mutige Freundin tun kann, die scheinbar in Schwierigkeiten steckt, dann will ich wenigstens für sie beten. Ich kneife die Augen fest zusammen, um die Tränen zurückzuhalten. Beschütze sie, Herr … Hilf uns, sie zu finden … Bitte, bitte, bring sie nach Hause … 8


Kapitel 1

Zwei Jahre zuvor 1873 Brooklyn, New York

Hannah John kam spät von einem Patienten nach Hause. Eigentlich hätte er früher wieder zu Hause sein müssen und ich dachte schon, unser Abendessen würde verderben, doch dann hörte ich seine Kutsche draußen vorfahren. Als er zur Küchentür hereinkam, entschuldigte er sich nicht, wie er es sonst tat. Vielmehr sah er so glücklich aus wie lange nicht mehr. »Du machst einen fröhlichen Eindruck«, sagte ich. »Geht es Mrs Webster besser?« »Nur wenig. Das ist aber nicht der Grund dafür, dass ich so spät komme.« Er stellte seine Arzttasche auf den Tisch und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Ich bin einem alten Freund über den Weg gelaufen. Einem Mann, den ich noch aus dem Krieg kenne.« »Ach ja? Ist er auch Arzt?« John lachte – das hatte er schon lange nicht mehr getan. »Nein, eher ein Schelm, würde ich sagen. Aber ein hochintelligenter, sehr belesener Schelm, der eine Vorliebe für Zigarren und Brandy hat. Und für philosophische Debatten bis tief in die Nacht. Immer dann, wenn es im Kampf gegen die Rebellen etwas ruhiger war.« »Wie heißt er denn? Hast du ihn schon mal erwähnt?« »Ich glaube nicht. Er heißt Henry Abernathy. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, aber ich habe ihn für heute Abend auf einen Drink eingeladen. Er will uns einen sehr interessanten Vorschlag unterbreiten.« Ich hatte etwas dagegen. Mir wäre ein ruhiger Abend am Ka9


min mit einem guten Buch lieber gewesen, während die Uhr auf dem Sims die langen Stunden in unserem stillen Haus heruntertickte. Aber ich sagte nichts, sondern holte das Abendessen aus dem Warmhalteofen. Das gebratene Huhn sah trocken aus, die Kartoffeln waren verkocht. »Das duftet köstlich, Hannah. Ich hatte heute keine Zeit, zu Mittag zu essen.« John zog sich einen Küchenstuhl heran, hielt dann aber inne, bevor er sich setzte. Dabei sah er sich einen Moment lang um, als sähe er den Raum zum ersten – oder vielleicht zum letzten Mal? »Und, was ist das für ein Vorschlag, den er mit uns besprechen will?«, fragte ich. »Ich glaube, es ist besser, wenn Henry es selbst erklärt. Momentan weiß er darüber mehr als ich.« John setzte sich und sein Stuhl kratzte über den Fußboden, als er ihn näher an den Tisch zog. »Ich mag aber keine Überraschungen, John, das weißt du doch.« Er spielte an seinem Ohrläppchen; das hatte er sich angewöhnt, seitdem sein Hörvermögen durch eine explodierende Granate beeinträchtigt war. »Also gut, meine Liebe. Aber beten wir zuerst.« Er senkte den Kopf, sprach ein Tischgebet und blickte dann wieder auf. »Ich hoffe, du denkst über seinen Vorschlag nach und lehnst ihn nicht rundheraus ab. Ich glaube nämlich, es spricht einiges dafür.« Ich verschränkte die Arme, sah ihm in die Augen und wartete. Er wandte den Blick als Erster ab. »Wie es scheint, ist Henry in den Kriegsjahren Millionär geworden. Er hat in Michigan Wald gekauft und betreibt jetzt ein Sägewerk. Die Nachfrage nach Bauholz ist so groß, dass er kaum hinterherkommt. Die Stadt am Lake Michigan, in der er sich niedergelassen hat, wächst schnell und braucht einen Arzt. Henry will, dass wir uns ebenfalls dort niederlassen.« »Du meinst, dass wir dort hinziehen? Nach Michigan?« »Ja genau.« Wenn er mir gesagt hätte, dass er ins finsterste Afrika ziehen wollte, hätte mich das auch nicht mehr überrascht oder beun10


ruhigt. Ich bin mir sicher, dass keiner von uns Michigan auf der Landkarte gefunden hätte. War die Region dort nicht immer noch eine Wildnis? Ich konnte sehen, dass John von der Idee begeistert war, aber das war doch völlig absurd. Wieso zog er diesen Vorschlag auch nur in Erwägung? Wir hatten beide unser ganzes Leben in Brooklyn verbracht. Hier war mein Zuhause. »An einen solchen Ort zu ziehen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.« Ich tat mir Kartoffeln auf den Teller. »Bitte denk erst darüber nach, bevor du Nein sagst. Es wäre ein Neuanfang für uns.« Mein Zorn kochte über wie ein Topf Milch. »In welcher Hinsicht? Denkst du etwa, dass ich in der Wildnis wieder Kinder bekomme? Ein Ersatz für die, die wir verloren haben?« »Hannah … das meinte ich nicht …« Ich konnte sehen, dass er nach meiner Hand greifen wollte, aber ich legte schnell beide Hände auf den Schoß. John senkte einen Moment lang den Kopf, als müsste er sich sammeln. Als er wieder aufblickte, sah ich Tränen in seinen Augen glänzen. »Hier erinnert mich so vieles an sie, Hannah. Ich ertrage das nicht länger. Wenn ich nach Hause komme, denke ich, Lizzie würde mir entgegenlaufen. Oder ich warte darauf, dass die Jungs laut rufend die Treppe hinunterpoltern. Ihre leeren Betten …« John schluckte und machte eine Pause, um seine Fassung wiederzuerlangen. »Ich trauere genauso um unsere Kinder wie du. Und ich weiß doch, dass du mir die Schuld an ihrem Tod gibst. Das ist auch nur gerecht. Ich mache mir ja selbst Vorwürfe, dass ich sie nicht retten konnte.« Ich hoffte, Gott würde mir verzeihen, aber ich gab ihm wirklich die Schuld. Er hatte unsere zwei Söhne mitgenommen, als er ein krankes Kind im Waisenhaus besucht hatte, weil er fand, dass es gut für sie wäre, sich mit Kindern anzufreunden, die weniger hatten als sie selbst. Später stellte sich heraus, dass dieses Kind an Diphtherie erkrankt war und unsere Kinder sich angesteckt hatten. Alle drei starben kurz darauf. Und John konnte nichts für sie tun. Ich habe ihm vergeben, wie eine gute Christin das tut, aber das bringt mir meine Kinder nicht zurück. Und es nimmt auch nicht den schweren Felsbrocken der Trauer von 11


mir, der mich erdrückt und mich so einengt, dass ich mich nicht rühren kann. »Hier hält uns nichts mehr, Hannah.« John wischte sich die Tränen mit der Faust fort. »Meine Praxis wirft kaum genug zum Leben ab. Wer vertraut schon einem Arzt, der seine eigenen Kinder nicht retten konnte? Dies wäre ein Neuanfang, weit weg von den Albträumen.« »Und weit weg von ihren Gräbern. Sie sind alles, was mir noch von den Kindern bleibt!« »Unsere Kinder sind nicht auf diesem Friedhof.« »Ich weiß. Ich weiß, dass sie im Himmel sind.« Mein Glaube versprach mir, dass ich sie eines Tages wiedersehen würde, aber das war nur ein schwacher Trost, wenn noch so viele einsame Jahre ohne sie vor mir lagen. »Wie viel länger können wir denn so weitermachen, Hannah? Wir ertrinken jeden Tag im Kummer. Ich dachte nur … Ich meine, ich hatte gehofft …, wenn wir die Erinnerungen hinter uns lassen und neu anfangen … vielleicht könntest du mich dann wieder lieben.« »Ich liebe dich doch«, murmelte ich, aber ich war mir nicht sicher, ob das die Wahrheit war. »Dann hör dir doch wenigstens an, was mein Freund heute Abend zu sagen hat. Bitte.« Ich nickte. Ich würde es versuchen.

W John schien ebenso überrascht zu sein wie ich, als Henry Abernathy an diesem stürmischen Herbstabend in Begleitung einer jungen Frau bei uns erschien. »Henry! Willkommen!« Trockenes Laub wehte über die Türschwelle, als John die beiden hereinbat. »Ich glaube, meine Frau Hannah kennen Sie noch nicht.« »Nein, aber ich weiß noch, dass Sie im Krieg unermüdlich Briefe geschrieben haben. Es freut mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Mrs Wagner.« »Mich freut es auch.« 12


Mr Abernathy war deutlich größer als John und hatte die breiten Schultern und kräftigen Arme eines Mannes, der an körperliche Arbeit gewöhnt war. Sein maßgeschneiderter Anzug passte irgendwie nicht zu jemandem mit seiner Statur und dem jovialen Auftreten. Auf mich wirkte er eher wie ein Handwerker, der sich verkleidet hatte. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig, so wie John. »Wie hat ein unscheinbarer Kerl wie der Doc nur eine so reizende Frau wie Sie gefunden?«, fragte er. »Das ist sehr freundlich von Ihnen«, antwortete ich. »Und dies«, sagte Henry Abernathy und legte den Arm um das junge Mädchen, »ist meine Frau Kate.« Ich hatte erwartet, er würde Tochter sagen, und es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass dieser stämmige Mann mittleren Alters und dieses zierliche Mädchen, das sicherlich noch keine zwanzig war, verheiratet waren. »Freut mich«, sagte Kate kichernd. Sie machte einen übertriebenen Knicks und hob dabei den Saum ihres Kleides. Für das, was dieser Traum aus Satinbrokat gekostet haben musste, hätte ich mir fünf Kleider kaufen können. Der tiefe Ausschnitt zeigte mehr von Kates Dekolleté, als ich und der Rest der feinen Gesellschaft New Yorks normalerweise tolerierten. Sie war zierlich, hatte große blaue Augen und mahagonifarbene Locken, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten, als wäre sie gerade von einem Nickerchen erwacht. »Bitte verzeihen Sie, Henry«, sagte John, »aber ich meine, ich wäre Ihrer Frau schon einmal begegnet, nach dem Krieg, und sie …« »Ja, ja, Sie haben recht. Hattie ist vor einem Jahr verstorben.« »Das tut mir leid. Mein Beileid.« »Wir haben erst vor fünf Tagen geheiratet!« Kate streckte ihre linke Hand aus und präsentierte mir einen funkelnden Diamantring. »Henry hat mich auf der Bühne gesehen und ist anschließend in meine Garderobe gekommen. Er hat gesagt, er musste mich einfach kennenlernen. Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick? So war es nämlich bei uns.« Mir fehlten die Worte. Zum Glück brachte John eine Antwort 13


heraus. »I-ich wünsche Ihnen viele glückliche Jahre zusammen. Kommen Sie, setzen wir uns doch.« Wir führten die beiden in unser Wohnzimmer, das inzwischen nur noch kalt und leblos auf mich wirkte, weil keine Kinder den Teppich zerwühlten oder Spielzeug herumliegen ließen. John schenkte Henry einen Whiskey ein. »Möchten Sie einen Tee oder einen Kaffee?«, fragte ich seine Frau. »Oder vielleicht etwas Holunderwein?« »Ich nehme, was die beiden trinken«, antwortete Kate und zeigte auf unsere Männer. »Whiskey?« Henry lachte und legte Kate den Arm um die Schultern. »Sie hat’s faustdick hinter den Ohren, meine Katie! Die verträgt den Whiskey besser als wir.« Er zog Kate neben sich aufs Sofa, während John ihnen ihre Getränke reichte. Einen Augenblick lang dachte ich, sie würde sich auf den Schoß von Henry setzen. Das tat sie zwar nicht, aber sie schmiegte sich dicht an ihn. Henry nahm einen großen Schluck und schmatzte genüsslich. »Ein guter Tropfen, Doc. Trinken wir auf die Zukunft!« Er hob sein Glas und nahm dann noch einen Schluck. »Ich hoffe, Sie haben über mein Angebot nachgedacht, John, denn es ist mir ernst damit, Sie in unsere wachsende Stadt zu holen. Michigan ist ein herrlicher Ort zum Leben – wild genug, um interessant zu sein, aber auch zivilisiert genug für einen ordentlichen Lebensstil. Es braucht nur noch ein paar gute Leute, um es richtig zu zähmen.« »Henry sagt, dass in den Wäldern noch Eingeborene leben, die manchmal sogar bis in die Stadt kommen!« »Das stimmt«, bestätigte Henry lachend. »Aber das sind freundliche Leute. Sie tun niemandem etwas.« »Erzähl den beiden von der Stadt, Henry. Ich war noch nicht dort, aber er sagt, es ist richtig schön da.« »Ja, allmählich entwickelt sich eine hübsche Gemeinschaft. Ein guter Ort, um Kinder großzuziehen.« Bei diesen Worten zuckte ich zusammen und senkte den Blick. »Natürlich geht es im Frühjahr ein bisschen rau zu, wenn die Holzfäller ihren Lohn bekommen und in die Stadt einfallen.« 14


Kate schüttelte sich ein wenig. »Klingt das nicht aufregend? Holzfäller! Henry sagt, es ist wie im Wilden Westen, wenn sie kommen, mit Saloons und leichten Mädchen und allem!« Bei diesem ungebührlichen Gerede wurde mir plötzlich ganz heiß. Herny lachte, als wäre Kate ein reizendes Kind. »Faustkämpfe sind bei den Holzfällern ziemlich beliebt. Deshalb brauchen sie ja auch einen Arzt, der sie wieder zusammenflickt.« Ich warf John einen Blick zu. Ihm war die Situation sichtlich genauso unangenehm wie mir. Er wusste, dass ich derbe Sprache nicht mochte. »Aber die Holzfäller kommen nur einmal im Jahr in die Stadt, im Frühling. Sonst ist alles friedlich. Und es hat schon was, Hunderte Baumstämme den Fluss hinuntertreiben zu sehen, wenn das Eis im Frühjahr schmilzt. Sie verstopfen den Fluss wie ein riesiges Floß. Manche Baumstämme sind so dick, dass wir vier uns an den Händen halten müssten, um sie zu umfassen. In Michigan gibt es so viele Kiefern, dass wir hundert Jahre lang Bäume fällen könnten, ohne dass sie uns ausgehen. Und die Nachfrage ist riesig. Chicago ist nach dem Großen Brand immer noch mit dem Wiederaufbau beschäftigt, also sägen und verkaufen wir jede Menge Bauholz. Es geht darum, es möglichst schnell auf die Schiffe zu laden und über den See zu transportieren.« »Henry sagt, wir können mit einem Schiff nach Chicago fahren, um dort einkaufen zu gehen, falls es uns mal langweilig wird.« Während sie das sagte, streifte Kate ihre Schuhe ab. Ich war schockiert. Hinzu kam noch, dass sie keine Strümpfe trug! Dann zog sie ihre nackten Füße auf dem Sofa unter sich. »Sie haben es wirklich nett hier, auch wenn es nicht mein Geschmack ist«, sagte sie. »Aber in Michigan könnten Sie ein noch größeres Haus haben. Henrys Anwesen hat sechs Schlafzimmer. Sechs! Wir müssen eine Menge Babys machen, um diese Zimmer zu füllen.« Wieder spürte ich, wie meine Wangen bei ihren derben Worten glühten. Babys machen, unerhört! Ihr Mann schien es gar nicht zu bemerken oder es war ihm gleichgültig. »Katie hat recht, was das Haus betrifft, meine Liebe. Ich habe es John gegenüber heute Nachmittag schon erwähnt, aber es war 15


mein Ernst, als ich sagte, ich würde Ihnen mit dem besten Holz aus meinem Sägewerk ein Haus bauen.« »Das ist ein sehr großzügiges Angebot«, sagte John. »Meinen Sie …?« »Sind das Ihre Kinder?«, unterbrach Kate ihn. Sie hatte ihr leeres Whiskeyglas auf das Tischchen gestellt, ohne einen Untersetzer zu benutzen, und griff jetzt nach dem silbernen Bilderrahmen, der dort stand. Mir stockte der Atem. Einer von Johns Patienten war Fotograf und hatte ihm mit dem Porträt unserer drei Kinder ein Geschenk gemacht. Zwei Monate später waren sie gestorben. John hatte die Fotografie dort hingestellt. Ich konnte es immer noch nicht ertragen, das Foto anzusehen. John erhob sich und nahm Kate sanft den Bilderrahmen aus der Hand. »Ja, unsere drei Kinder, Johnny, Nicholas und Lizzie. Sie sind vor sechs Monaten an einem Fieber gestorben.« »Oh, Mann. Das tut mir wirklich leid.« Kate ergriff Johns Arm – auf eine viel zu vertrauliche Art und Weise. »Wie alt waren sie denn?« »Sechs, fünf und drei Jahre alt.« »Das ist ja schrecklich. Wie traurig, Doc. Sie haben mein volles Mitgefühl.« Wenn dieser Besuch dazu dienen sollte, mir den Umzug nach Michigan schmackhaft zu machen, war er kläglich gescheitert. Lange bevor die anderen ihren zweiten Whiskey ausgetrunken hatten, hörte ich schon nicht mehr zu. Als die Abernathys irgendwann gingen, war ich erleichtert und es hätte mir nichts ausgemacht, wenn ich Henry Abernathy und seine junge Frau, die so gar keine Manieren hatte, nie wiedergesehen hätte. John half mir, die Gläser in die Küche zu bringen und die Gaslampen zu löschen. Als ich ihn ansah, spürte ich, wie aufgeregt er war. »Du willst es machen, nicht wahr?«, sagte ich. »Dir gefällt die Idee, unsere Sachen zu packen und in die Wildnis zu ziehen.« »Es ist keine Wildnis …« »Bist du dir sicher?« Ich eilte die Treppe hinauf, ohne auf ihn zu warten, und schlüpfte in mein Nachthemd. John blieb in der Tür zum Schlafzimmer stehen und spielte an seinem Ohrläpp16


chen, während ich die Nadeln aus meiner Frisur löste, mir das Haar bürstete und es für die Nacht zu einem Zopf flocht. Mit seinen hängenden Schultern sah er aus wie ein alter Mann. »Was ist?«, fragte ich, als er nicht aufhörte, mich anzustarren. »Wir sterben hier, Hannah. So können wir nicht weitermachen.« »Und deine Lösung ist wegzulaufen?« »Entweder wir fangen noch einmal von vorne an oder wir bleiben hier und sterben einen langsamen Tod.« John drehte sich um und ging hinaus. Ich hörte, wie er die Treppe hinunterging, dann die Haustür öffnete und sie hinter sich zuzog.

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Kapitel 2 Heute Philadelphia

Ashley Es dauert den ganzen Tag, bis wir all unsere Sachen im Umzugscontainer verstaut haben. David und ich sind erst seit drei Jahren verheiratet, deshalb hat sich noch nicht so viel Zeug angesammelt, aber damit alles in eine Box von drei mal drei Metern und einer Höhe von zweieinhalb Metern passt, braucht man Geduld. Um zu entscheiden, was man behält und wovon man sich trennt, auch. Ich bin Expertin, was Umzüge betrifft, weil ich in meinen fünfundzwanzig Lebensjahren schon sechzehn Mal umgezogen bin. Als Kind einer Soldatenfamilie habe ich früh gelernt, dass in einem Überseecontainer wenig Platz bleibt für Sentimentalitäten. Die Andenken und Lieblingsstücke meiner Kindheit – Zeichnungen mit krakeligen Linien, selbst gebastelte Weihnachtssterne aus Pappe und Glitzer – sind längst von mir abgefallen wie dürres Herbstlaub im Wind. Im Laufe der Jahre habe ich mich von Dutzenden Freunden verabschiedet, so wie ich es in den letzten Tagen wieder gemacht habe, aber es wird nicht leichter. Wir versprechen uns, dass wir in Kontakt bleiben, dass unsere Freundschaft ewig hält, aber bisher haben Zeit und Entfernung unsere besten Absichten immer zunichtegemacht. Die Erfahrung sagt mir, dass es wieder so sein wird, wenn David und ich morgen Lebwohl sagen und durch das halbe Land fahren, um nach Michigan zu ziehen. So ist mein Leben als widerwillige Nomadin nun mal, aber ich habe die Hoffnung, dass es diesmal anders sein wird. Vielleicht finde ich ja endlich das dauerhafte Zuhause, nach dem ich mich so sehne. Ich höre Davids Schritte, als er zum hundertsten Mal die Trep18


pe zu unserer Wohnung heraufkommt. Mit rotem Gesicht und schweißgebadet erscheint er in der Tür. Er sieht sich um, als suche er eine Möglichkeit, sich hinzusetzen, aber unsere Wohnung ist leer. »Ist der Container schon voll?«, frage ich. »Platzt aus allen Nähten.« Er hebt den Saum seines T-Shirts hoch und wischt sich damit das Gesicht ab. »Aber ein, zwei kleinere Ecken sind vielleicht noch frei. Muss der da mit?« Er deutet mit einem Nicken auf den leeren Karton neben mir. Ich sitze im Schneidersitz auf dem Boden und drücke ihn schützend an meine Brust. »Nein, den nehme ich im Auto mit.« In diesem Karton werde ich meine kleine Spieluhr aus Porzellan verstauen, sie ist immer der letzte Gegenstand, den ich einpacke. Die Spieluhr sieht aus wie ein Fachwerkhaus und war ein Geburtstagsgeschenk von meinen Eltern, als ich sechs wurde. Sie erinnert mich an das winzige Haus in Deutschland, in dem wir damals wohnten. Es ist das erste unserer vielen Häuser, an das ich mich richtig erinnern kann, und ich war damals so naiv zu glauben, dass wir für immer dortbleiben würden. Aber als ich sieben wurde, kam eine erneute Versetzung und das kleine Häuschen hatte beim Umzug seine erste Macke bekommen. Ich weinte, als ich meine Habseligkeiten auspackte und sah, dass der Schornstein abgebrochen war. »Wirf es weg«, sagte Dad damals und nahm es mir aus der Hand, »ich kaufe dir eine neue Spieluhr.« »Nein! Nicht!«, heulte ich. »Ich will keine andere, ich will die hier!« Dad ist als Colonel in der Armee dazu ausgebildet, Probleme schnell und effizient zu lösen, aber gegen meine Tränen war er wehrlos. Er legte das Porzellanhaus vorsichtig beiseite und nahm mich in den Arm. »Okay … okay, Liebling. Nicht weinen. Ich repariere es für dich.« Am nächsten Tag kaufte er eine Tube Klebstoff und befestigte den Schornstein wieder. Ein zweites Mal klebte er das kleine Haus wieder zusammen, als bei unserem nächsten Umzug eine Ecke vom Dach abbrach. Die Spieluhr hat gefühlt bei jedem Umzug einen neuen Riss oder eine neue Macke bekom19


men, bis ich schließlich kapiert habe, dass ich es mit mehreren Schichten Luftpolsterfolie schützen und es selbst transportieren muss. »Ist da deine Spieluhr drin?« David zeigt auf den gepolsterten Klumpen und hockt sich neben mich. Ich nicke. Er weiß, wie viel mir dieses zusammengeflickte Andenken bedeutet, und als er mich küsst, bevor er wieder aufsteht, kommen mir die Tränen. Ich sehne mich danach, dass diese Spieluhr ein dauerhaftes Zuhause bekommt, in dem sie in Ruhe auf einem Regal verstaubt, ohne durch einen Umzug weitere Verletzungen davonzutragen. Und vielleicht wünsche ich mir das auch für mich selbst. Ich drücke auf das Plastik und betätige den kleinen Schalter. Das gedämpfte Klimpern von »Edelweiß«, dem Lied aus dem Musical The Sound of Music, ist kaum zu hören. Ich war in der sechsten Klasse, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, und es hat mich getröstet, dass die Kinder der Trappfamilie auch ihr Zuhause verlassen und umziehen mussten, so wie ich. »Ich hoffe, dieser neue Job macht dich glücklich«, sage ich, während ich die eingewickelte Spieluhr in den Karton lege und ihn zuklebe. Meine Kehle ist wie zugeschnürt von den Emotionen, die in mir aufsteigen. Ich hoffe so sehr, dass David den neuen Job langfristig behält, dass wir ein Haus kaufen können, in dem wir uns in den nächsten Jahren wohlfühlen, und ich in der Stadt schnell Anschluss und eine vertraute Gemeinschaft finde. Aber das behalte ich alles für mich. Natürlich hoffe ich insgeheim, dass dieser Umzug das Opfer wert ist, das ich gebracht habe. Ich musste meinen Job im Historischen Museum aufgeben, eine Stelle, die für mich zum Karrieresprung hätte werden können. »Das hoffe ich auch, Schatz. Und ich hoffe wirklich, dass wir ein Haus mit weniger Treppen finden!« Ich lächele. »Aber denk daran, wie viel Geld wir fürs Fitnessstudio sparen.« Er zieht eine Grimasse. Für den Übergang haben wir zunächst eine möblierte Wohnung in einem Apartmenthotel gemietet und unsere Sachen bleiben so lange im Container, bis wir ein Haus gefunden haben. Meine liebe Großmutter wusste, wie sehr ich mir immer ein echtes 20


Zuhause gewünscht habe, und sie hat mir ein kleines Erbe für die Anzahlung hinterlassen. Voller Vorfreude habe ich schon Dutzende Maklerseiten durchforstet. Außerdem habe ich mich in die Stellenanzeigen für unsere neue Heimat in Michigan vertieft, aber noch nichts Passendes gefunden. Dass wir vorübergehend mit einem Gehalt auskommen müssen, macht David nervös. Das weiß ich. Vielleicht wirkt er deshalb so verunsichert, wie er da steht und sich in unserer winzigen Wohnung umsieht. Jetzt, wo sie leer geräumt ist, kommen ihr Alter und ihre Schäbigkeit so richtig zum Vorschein. Ich stehe auf und gehe zu ihm. »Du zweifelst doch nicht daran, dass es die richtige Entscheidung war, oder?« »Dafür ist es jetzt zu spät«, antwortet er mit einem Seufzer. David ist ohne Vater aufgewachsen; ich weiß also, wie schwer es ihm fällt, Verantwortung zu tragen und Entscheidungen zu treffen. Er ist mit seinen beiden Geschwistern und der Mutter in einem heruntergekommenen Wohnwagen groß geworden und ihr Leben war ein ständiges Auf und Ab. Kaum hatten sie eine Sorge hinter sich gelassen, kam schon die nächste auf sie zu und sie duckten sich vor allem, was das Leben ihnen zumutete. Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der immer das Sagen hatte und der davon ausging, dass niemand in der Familie je seine Entscheidungen anzweifeln oder kritisieren würde. Das ist einer der vielen Unterschiede zwischen David und mir, mit dem wir uns nicht so leichttun. Er seufzt. »Ich mache mir nur Sorgen, dass wir uns zu viel von diesem Umzug erhoffen.« »Du meinst meine Erwartung, dass wir ein eigenes Haus finden? Denn …« »Nicht nur das«, sagt er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Ich warte darauf, dass er erklärt, was er meint. Dabei ist mein Herz schwer vor Sehnsucht. »Es fühlt sich so an, als würde viel von mir und meinem neuen Job abhängen. Seit dem College haben wir immer auf den nächsten Schritt gewartet – auf den Tag, an dem wir endlich unseren Abschluss machen oder an dem wir heiraten oder an dem wir beruflich Karriere machen. Und ein Haus kaufen«, fügt er mir zuliebe hinzu. »Weißt du noch, dass 21


wir uns immer einen Gutenachtkuss gegeben und gesagt haben: Wir sind einen Tag näher dran? Na ja, wir sind näher dran als je zuvor und manchmal frage ich mich, was wir am Ende finden, wenn wir ankommen. Glück? Zufriedenheit? Ist diese Leere, von der wir gesprochen haben, dann endlich gefüllt?« »Es ist nicht so, dass wir am Ende des Regenbogens einen Topf mit Gold finden. Das weiß ich. Aber wir sind wieder einen Tag näher dran, David, und du kannst sehr stolz auf dich sein, weil du es so weit gebracht hast. Das ist einer der Gründe, warum ich mich in dich verliebt habe. Du wusstest genau, was du wolltest, und hast mit aller Kraft dafür gekämpft.« Er grinst und nimmt mich in die Arme. Ich spüre, dass sein T-Shirt schweißnass ist. »Iiihh! Lass mich!«, quietsche ich. Aber er hält mich noch fester und ich versuche, mich zu befreien. »Als ich dir das erste Mal begegnet bin, wusste ich ganz genau, was ich wollte, und ich habe mich geweigert aufzugeben«, sagt er. »Darüber bin ich sehr froh. Auch wenn du gerade schrecklich stinkst.« Er drückt mich noch einmal, bevor er mich wieder loslässt. »Ich weiß, dass es im letzten Jahr nicht immer gut gelaufen ist«, sagt er. »Irgendwie habe ich den Eindruck, dass wir uns oft gestritten haben.« Das stimmt. Wir haben versucht, zwei sehr unterschiedliche Lebensentwürfe und zwei verschiedene Persönlichkeiten miteinander zu vereinen und einen festen Grund zu legen, auf den wir unsere Zukunft aufbauen können. Als Kinder haben wir uns beide entwurzelt gefühlt, aber jeder von uns aus einem anderen Grund. Und wir waren uns nicht einig darin, wie wir Beständigkeit finden sollten. Im Moment haben wir beschlossen, dass ein erfüllender Job am wichtigsten ist, einer, der zu unseren Qualifikationen passt. David wird seinen Traumjob in Michigan antreten. Ich hoffe, dass meiner bald folgt. In der Zwischenzeit übernehme ich für meinen alten Arbeitgeber Aufträge, die ich im Homeoffice erledigen kann. In Teilzeit. »Ich verlasse mich darauf, dass dies ein Neuanfang für uns ist, Ashley.« 22


»Ja, ich auch.« Die letzte Nacht in unserer Wohnung verbringen wir im Schlafsack auf dem Fußboden, beide erschöpft vom Packen und Putzen. Als am nächsten Morgen der Lkw kommt und unseren Container mitnimmt, verstauen wir unsere restlichen Habseligkeiten und Koffer in unserem alten Toyota, packen unsere Fahrräder auf den Gepäckträger und machen uns auf den langen Weg nach Michigan. Den Karton mit der eingepackten Spieluhr halte ich auf dem Schoß. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dass es nicht gut ist, sich noch ein letztes Mal umzusehen, wenn man die leere Wohnung verlässt. Es hat keinen Sinn. Jeder Blick zurück ist für mich ein Blick in die weit entfernte Vergangenheit, in die historischen Epochen, die ich so mag. Ich werde oft gefragt, warum ich Museumskunde studiert habe, und ich glaube, es liegt daran, dass ich mich dabei um die Schätze anderer Menschen kümmern darf, weil ich selbst so wenige habe. In dem Museum einer Stadt habe ich mich immer wohlgefühlt, weil es sich darin immer gleich angefühlt hat, egal, wohin wir gezogen sind. Und das war irgendwie tröstlich. In der Stadt, in die wir jetzt ziehen, gibt es kein Museum. Ich habe gleich nachgesehen. Bei dem Gedanken daran spüre ich plötzlich wieder diese Leere, von der David gestern gesprochen hat. »Sollen wir mal anhalten?«, fragt David, als wir uns einer Raststätte nähern. »Nee.« Wir fahren weiter in unsere Zukunft.

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Kapitel 3 1874

Hannah »Hannah?« Ich war in der Küche, als John nach mir rief und seine Stimme durch die beinahe leeren Räume hallte. Ich ging ins Foyer und bahnte mir dabei einen Weg durch die Koffer und Kisten, die überall herumstanden. »Die Lastenkutsche ist da, um unsere Sachen abzuholen. Ich glaube, ich fahre besser mit zum Bahnhof, um mich zu vergewissern, dass die Papiere in Ordnung sind.« Er öffnete die Eingangstür und ein eisiger Wind wehte zwei korpulente Arbeiter herein, die helfen sollten, unser restliches Hab und Gut zu transportieren. Morgen früh würden wir Brooklyn mit dem Zug verlassen. »Dann mache ich mich auch auf, damit ich euch nicht im Weg bin.« Ich wandte mich wieder der Küche zu, aber John hielt mich zurück. »Warte. Wo willst du denn hin? Wie ich sehe, hast du dich zum Ausgehen fertig gemacht.« Ich holte zitternd Luft und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. »Ich will zum Friedhof. Um mich zu verabschieden.« »Wenn du wartest, bis ich zurück bin, kann ich …« »Ich möchte lieber allein gehen.« John nickte, dann wandte er sich schnell um und gab den beiden Männern Anweisungen. Die drei weißen Grabsteine sahen aus wie immer, klein und einsam auf dem riesigen Friedhof. Meine Vorfahren väterlicherseits waren in der Nähe begraben. Man hatte ihnen ein größeres Denkmal gesetzt, aber sie waren längst vergessen. Auch meine Kinder würden irgendwann vergessen sein. Ich sank auf die schneebedeckte Erde und weinte, bis ich keine Tränen mehr hatte. Die kleinen Gräber zurückzulassen, fühlte sich an, als würden 24


meine Kinder ein zweites Mal sterben. In der Bibel stand, dass Jesus ein Mann des Leidens war, mit Trauer vertraut, aber ich fühlte mich ganz und gar allein, abgeschnitten von seiner Gegenwart. Da waren einfach zu viele nicht erhörte Gebete. Die Trauer hatte mein Leben fest im Griff, ein Leben, das früher einmal erfüllt war von dem fröhlichen Miteinander einer Familie. Ich saß zusammengekauert auf dem Boden, bis das Brennen in meinen Augen nachließ, während die Kälte der gefrorenen Erde durch meinen Mantel drang. Dann stand ich auf und kehrte in das leere Haus zurück. Unser Umzug nach Michigan, das Packen und die vielen Entscheidungen, was von unserem Besitz wir behalten, verkaufen oder weggeben sollten, all das hatte mich in den Wintermonaten so beschäftigt, dass das erste Weihnachtsfest ohne meine Kinder wie im Flug vergangen war. Die Zimmer hatten sich nach und nach geleert. Am schwersten war es bei den Kinderzimmern gewesen. Ich hätte mich gleich zu Beginn mit ihren Spielsachen und anderen Habseligkeiten auseinandersetzen sollen, aber ich hatte den Gedanken nicht ertragen. Selbst jetzt schaffte ich es kaum. Am Ende behielt ich das Taufkleid, das alle drei Kinder getragen hatten, und eine kleine Mütze, die ich gestrickt hatte, um mich an den süßen Babyduft ihrer kleinen, flaumigen Köpfe zu erinnern. John hatte sich von den wenigen Patienten, die er noch betreute, verabschiedet, hatte Pferd und Wagen verkauft und unserem Mädchen geholfen, eine neue Anstellung zu finden. Wir hatten unseren Familien Lebwohl gesagt. Johns Eltern waren verstorben, aber die meisten seiner Geschwister lebten in der Nähe. Meine Mutter wohnte bei meinem ältesten Bruder und seiner Familie. Als ich Mama zum Abschied küsste und versprach, regelmäßig zu schreiben, wusste ich, dass ich sie zum letzten Mal sah. Unsere Geschwister konnten alle nicht nachvollziehen, warum wir uns für einen Umzug nach Michigan entschieden hatten. Ich verstand es ja selbst kaum. Sie hatten angeboten, ein Abschiedsfest für uns zu geben, aber weder John noch ich wollten das. Es war für uns beide schwierig, an Familienfesten teilzunehmen und unseren kleinen Nichten und Neffen zu begegnen, weil wir dann den Ver25


lust unserer Kinder wieder ganz neu spürten. »Warum sollten wir uns den Abschied schwerer machen, als er ohnehin schon ist?«, hatte John gesagt. Die Transportkisten, die Kutsche und die Arbeiter waren fort, als ich vom Friedhof zurückkam. Das Wohnzimmer war leer, abgesehen von den Dingen, die John und ich auf unsere lange Zugfahrt nach Chicago mitnehmen würden. Von dort aus würden wir mit dem Schiff zu unserer neuen Heimat an der Westküste von Michigan fahren. John hatte mit Henry Abernathy hin und her geschrieben und telegrafiert, um den Umzug zu organisieren. Das Haus, das für uns gebaut wurde, war noch nicht fertig, aber Henry hatte versprochen, eine Unterkunft zu besorgen, in der wir so lange wohnen konnten, bis die Bauarbeiten abgeschlossen waren. Ich kann nicht sagen, was es war, das mich schließlich dazu brachte, dem Wunsch meines Mannes nachzugeben und unser Zuhause zu verlassen. Vielleicht war es der Anblick, wie er Tag für Tag mehr in sich zusammensank, sich gleichsam Stück für Stück vom Leben verabschiedete – und das bedrückende Empfinden, dass es an mir lag, etwas dagegen zu unternehmen. Mein Leben würde nie wieder so sein wie früher, egal, wo wir wohnten. Das Leben geht zwar weiter, wenn man ein Kind oder zwei oder sogar drei verliert, aber das Loch im Herzen, die Wunde, bleibt bis zum Lebensende. Es gab Tage, an denen ich nicht immerzu an Johnny, Nicholas und Lizzie dachte, aber ich hörte nie auf, sie zu vermissen. Ich hatte beschlossen, dass John recht hatte. Wenn wir vor den ständigen Erinnerungen wegliefen, konnten wir vielleicht wieder anfangen zu leben. Als ich am nächsten Morgen mein Zuhause endgültig verließ, sah ich mich nicht mehr um. Der Schnee fiel von einem grauen Himmel und legte sich wie eine Decke auf unser vertrautes Viertel. Auch über die halb fertige Brücke, die irgendwann einmal über den Fluss führen und Brooklyn mit Manhattan verbinden sollte. Wie benommen saß ich in der Kutsche und schwieg, während wir auf den vereisten Straßen der Stadt zum Bahnhof fuhren. John und ich wohnten schon unser ganzes Leben in Brook26


lyn. Ich wusste, dass er sich auf das, was kam, freute. Ich wünschte nur, ich könnte auch etwas anderes fühlen als Trauer.

W Die Zugfahrt von New York nach Chicago schien endlos lang und anstrengend. In unserem Waggon war es zugig und kalt; die vielen Bahnhöfe, an denen wir unterwegs hielten, lagen unter einer schmutzigen Schicht von Schnee und Ruß und sahen hässlich aus. In Chicago blieben wir einen ganzen Tag, um uns auszuruhen, bevor wir die letzte Etappe unserer langen Reise antraten. Überall roch es nach frischem Bauholz, weil die Stadt nach dem tragischen Brand vor zweieinhalb Jahren noch immer wiederaufgebaut wurde. Ich war einmal bei einem Ausflug mit einem Dampfer auf dem Hudson River gefahren, auch die Fähre von und nach Manhattan hatte ich hin und wieder genommen, aber nichts hätte mich auf die Fahrt mit dem Schiff von Chicago aus zu unserem neuen Zuhause in Michigan vorbereiten können. Mitten im Winter war die See rau und die Segel flatterten unaufhörlich im Wind. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Binnensee so riesig und die Wellen so hoch sein konnten. Das trübe Wasser war ein Abbild meiner Trauer, so weit und tief, dass es mich bei lebendigem Leibe zu verschlingen drohte. John hielt mich die gesamte Fahrt über im Arm, während ich vor Angst zitterte und sich mein Magen im Rhythmus der aufgewühlten See hob und senkte. »Sieh mal! Man kann schon das andere Ufer sehen«, sagte John Stunden später. »Gott sei Dank.« Zuerst war die Küste nur ein dunkler Streifen am Horizont, der nach und nach Gestalt annahm und größer wurde, je näher wir kamen. Im Hafen herrschte geschäftiges Treiben und es gab alle möglichen Schiffe dort, aber mein erster Gedanke, als ich unsere neue Stadt sah, war: Wie hässlich! Um den Hafen herum standen Dutzende mit Holzschindeln verkleidete Gebäude und Berge von geschlagenen Baumstämmen lagen herum. Dazu noch haufenweise Bauholz. Die feuchte Luft roch nach frisch gesägtem Holz. 27


»Was sind das denn für hässliche Gebäude, John?« »Ich glaube, das sind Sägewerke. Henry hat mir erzählt, dass es in der Stadt fast fünfzig Stück davon gibt – und fast genauso viele Holzbarone, die es alle zum Millionär gebracht haben.« Es dauerte eine Ewigkeit, bis unser Schiff angelegt hatte, weil die hohen Wellen das Vertäuen erschwerten, aber am Ende machten wir uns bereit, von Bord zu gehen. Ich wollte mich nur noch irgendwo hinlegen und darauf warten, dass sich mein Magen wieder beruhigte. Aber ich hörte, wie jemand rief: »Hannah! Hannah Wagner! Hier drüben!« Kate Abernathy stand am Pier, winkte wie wild und schrie so laut wie die Frau eines Fischverkäufers. Ihr Mann stand neben ihr und strahlte sie an, wie ein stolzer Vater sein kluges Kind ansieht. »Oh, John«, stöhnte ich. »Müssen wir uns ausgerechnet jetzt mit ihnen abgeben? Ich bin so müde. Ich möchte mich nur noch hinlegen und schlafen.« »Das werden sie sicher verstehen. Ich bin gespannt, was sie für uns organisiert haben. Dann lassen wir unser Gepäck dorthin liefern.« Auf Kates überschwängliche Umarmung war ich nicht gefasst, sodass ich beinahe das Gleichgewicht verlor, denn ich war noch ein wenig wacklig auf den Beinen. »Ich bin ja so froh, dass Sie endlich hier sind, Hannah! Ich konnte es gar nicht erwarten, dass meine neue Freundin kommt!« Freundin? Wir hätten nicht unterschiedlicher sein können. Kate war jung und hemmungslos und steckte voller Energie. Ich dagegen war ausgelaugt und müde, innerlich kaum noch am Leben. Ich begrüßte sie kurz, dann stieg ich in die luxuriöse Kutsche und ließ mich erschöpft auf den Sitz fallen, während John draußen unser Gepäck verstaute. »Wohin fahren wir?«, fragte er, als Henry und er einstiegen. »Sie wohnen erst mal bei uns«, erwiderte Henry. Mir wurde das Herz schwer. »Die Stadt wächst so schnell, dass es momentan einen großen Wohnungsmangel gibt. Aber wir haben jede Menge Platz.« »Sechs Schlafzimmer!«, sagte Kate. Ich erinnerte mich. Sie hat28


te damit angegeben, sie mit Kindern füllen zu wollen. John ergriff meine Hand und drückte sie fest, als wüsste er, was ich dachte. Beinahe wäre ich bei dieser schlichten Geste in Tränen ausgebrochen. »Hannah und ich sind von unserer Reise sehr müde«, sagte John. »Ich hoffe, Sie halten uns nicht für unhöflich, wenn wir uns früh zurückziehen. Hannah ist nach der Überfahrt etwas unwohl. Wir könnten beide ein paar Tage Ruhe gebrauchen.« »Oh, ich hoffe, es geht Ihnen morgen wieder besser«, sagte Kate. »Henry hat eine riesige Willkommensfeier für den Abend geplant. Unsere Köchin ist seit Tagen am Backen.« Ich schloss die Augen und unterdrückte ein Stöhnen. John drückte wieder meine Hand. »Katie und ich freuen uns sehr, dass Sie endlich hier sind«, sagte Henry. »Wir haben einige andere Sägewerkbesitzer und ihre Frauen für morgen Abend zu einem Empfang eingeladen, dazu mehrere wichtige Personen aus der Stadtverwaltung. Das sind Ihre zukünftigen Patienten, Doc.« Er sagte das auf eine freundliche Weise, aber trotzdem machte etwas an seinem Tonfall mich nervös. Er war kein Mann, dem man eine Bitte abschlug. »Alle sind schon sehr gespannt darauf, den neuen Arzt aus New York kennenzulernen.« Er durchbohrte mich fast mit seinem Blick. »Und natürlich auch seine Frau.« »Ist Ihnen auch so warm wie mir?«, fragte Kate plötzlich. Ich fröstelte in der Winterluft, aber Kate schob ihr Umschlagtuch zur Seite, sodass ihr tief ausgeschnittenes Kleid und ihr üppiges Dekolleté zum Vorschein kam. Dann nahm sie, was noch schockierender war, ihren Hut ab, zog die Nadeln aus ihren Haaren und schüttelte den Kopf, sodass sich ihre dunklen Locken wie ein Wasserfall über ihre Schultern ergossen. John, der ihr in der Kutsche gegenübersaß, wandte den Blick ab. Ich glaube nicht, dass ihr bewusst war, wie sinnlich und anstößig ihr Verhalten war. Doch andererseits, wenn man ihre aufreizende Pose bedachte, vielleicht schon. Ich war zu müde, um mir die Stadt anzusehen, während wir durch die Straßen fuhren. Außerdem wusste ich, dass ich dafür 29


noch mein ganzes Leben lang Zeit haben würde. Zum Glück war die Fahrt zum Anwesen der Abernathys nur kurz. Sie wohnten in der Nähe der Innenstadt. Es war ein wirklich imposantes Haus, das auf einem Hügel thronte, mit Blick auf den Lake Michigan. »Das da unten am See ist mein Sägewerk«, sagte Henry und zeigte auf das entsprechende Gebäude. »Ich bin gerne in der Nähe, um die Dinge im Blick zu behalten und um zu Fuß von der Arbeit nach Hause gehen zu können, wenn ich will.« »Sie haben ein wunderschönes Haus. Ich bin sehr beeindruckt«, sagte mein Mann. Henry führte uns kurz durch das Erdgeschoss, in dem durch herrliche Bleiglasfenster Licht in alle Zimmer fiel. Und Farbe. Kate plapperte unaufhörlich über die handgeschnitzten Kamine, die aufwendige Malerei an Wänden und Decken und eine Menge andere Einzelheiten. Ich verlor den Überblick darüber, wie viele Mädchen und Dienstboten es gab, und hörte nur höflich zu. Ab und zu nickte ich und betete innerlich, dass ich mich bald hinlegen durfte. »Wie lange wird es wohl noch dauern, bis unser Haus fertig ist?«, fragte John, als Henry uns schließlich unser Schlafzimmer zeigte. »Wir wollen Ihnen nicht zu lange zur Last fallen.« »Der Bauunternehmer sagt, dass er noch zwei Wochen braucht. Höchstens drei. Wir fahren morgen früh hinüber, dann zeige ich es Ihnen.« »Das würden wir gerne tun. Danke.« »Und Sie brauchen sich fürs Abendessen heute nicht umzuziehen«, sagte Kate. »Das tun wir nie.« »Ehrlich gesagt«, antwortete John, »sind wir beide zu erschöpft, um viel zu essen. Wenn Ihre Köchin uns eine Kleinigkeit aufs Zimmer bringen lassen könnte, würden wir uns gerne früh zurückziehen.« »Ach, wie dumm«, sagte Kate mit einem Schmollmund. Dann lächelte sie wieder und sagte: »Gut, dann sehen wir uns eben morgen früh.« Sie ging die Treppe hinunter, aber Henry blieb stehen. Dann winkte er mich zu sich. »Dürfte ich kurz mit Ihnen sprechen, Mrs Wagner?« 30


»Natürlich.« Mein Herz schlug schneller. Aus irgendeinem Grund hatte ich etwas Angst vor Henry Abernathy. »Wir werden morgen eine Menge wichtiger Leute hier haben und Katie … also, Katie hatte nicht die Erziehung, die Sie genossen haben. Sie ist noch ein bisschen ungeschliffen, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Das tat ich ganz gewiss. »Sie weiß, dass John und ich alte Freunde sind, und Kate hat sich sehr darauf gefreut, Sie zur Freundin zu haben, und ich wollte Sie fragen, ob Sie ihr vielleicht ein paar Dinge beibringen würden. Über Etikette und solche Dinge.« »I-ich werde tun, was ich kann.« Aber wo sollte ich da anfangen? »Danke, meine Liebe. Dieser Empfang morgen Abend ist eine ziemlich große Sache.« Er schloss die Tür hinter sich und ich ging zum Bett und sank darauf nieder. Zwei Wochen, vielleicht drei, bis wir unser eigenes Zuhause hatten. John kam und setzte sich neben mich. »Es tut mir sehr leid, Hannah. Hoffentlich wird es in den nächsten Tagen besser.« Das hoffte ich auch. Viel schlimmer konnte es jedenfalls nicht mehr werden.

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