MARIA ALBERS
Licht in tiefster Nacht Aufbruch nach Afrika
Ja, du lässt meine Leuchte strahlen. Der HERR, mein Gott, erhellt meine Finsternis. – Psalm 18,29
Kapitel 1 Lüneburger Heide, Oktober 1861 Bitte, Herr, lass mich sterben! Ein neuer Hustenkrampf schüttelte ihren schmalen Körper. Tränenblind tastete sie nach einem Taschentuch, das sie sich eilig vor den Mund presste. Ihre Kehle fühlte sich an wie Schleifpapier und der Husten rasselte erbarmungslos durch ihre Lunge. Lu!, sie brauchte Lu!! Karoline versuchte, ruhig zu atmen, doch sie schaffte nur einen kurzen Atemzug, dann musste sie wieder husten. Rückwärts ging sie an ihr Bett heran, bis sie die Kante in den Kniekehlen spürte. Erschöp! ließ sie sich darauf niedersinken und schloss die Augen. Eine Träne quoll unter ihrem Lid hervor und rann bis hinunter zum Kinn. Endlich ließ der Husten nach und sie schaffte es, mehrere Atemzüge zu tun. Sie wischte sich die Wangen mit dem Handrücken ab und nahm das Taschentuch vom Mund, um sich die Nase zu schnäuzen. Doch bevor sie dazu kam, sah sie es: Auf dem weißen Stoff prangten leuchtend rote Flecken. Sie hustete Blut! Karoline ließ sich in die Kissen sinken und schluchzte auf. Es ging zu Ende mit ihr, als wären ihre Tage auf dieser Erde gezählt. So schlimm war es noch nie gewesen. Drei ganze Jahre litt sie nun schon an der Schwindsucht. Schwindsucht – der Weiße Tod. Die Schmerzen, die Atemnot und der Husten begleiteten sie bereits so lange, dass sie sich kaum noch daran erinnern konnte, wie es war, gesund zu sein. Und doch hatte sie niemals zuvor Blut gehustet. 7
Die Heilungsaussichten waren sehr gering – dass Karoline schon so lange mit der Krankheit lebte, glich beinahe einem Wunder –, aber ihre Gnadenfrist schien nun abgelaufen zu sein. Neue Tränen rollten ihr über die Wangen und sie wischte sie mit dem rot getup!en Tuch ab. Sie hatte das Gebet nicht so gemeint! Sie wollte noch nicht sterben! Würde Gott nun etwa diese kurze Bitte, die sie unbedacht im Moment der Not formuliert hatte, erhören, nachdem er jahrelang ihre Gebete um Heilung ignoriert hatte? Ihr ganzes Leben lag doch noch vor ihr! Hatte Gott sie nur erschaffen, um sie frühzeitig zu sich zu holen? Karoline sah sich in ihrer kleinen Kammer um, in der sie schon viel zu viel Zeit hatte verbringen müssen. Ein schmales Bett, ein hölzerner Schrank, ein Waschtisch mit einer weißen Porzellanschüssel und zwei Regalbretter mit Büchern darauf. Wenn ihre Freundinnen zu lustigen Unternehmungen aufgebrochen waren, hatte sie ihnen nur von ihrem Fenster aus nachblicken können. Als sie auf die ersten Tanzabende gegangen waren, war sie zu schwach gewesen, um ihr Bett zu verlassen. Ihre beste Freundin Frieda hatte ihr zwar im Nachhinein immer detailliert von ihren Erlebnissen berichtet, aber das war nicht das Gleiche, wie selbst dabei zu sein. Es hatte eher geschmerzt zu erfahren, wie viel Vergnügen ihre Freundinnen hatten, während Lina gefühlt bei allen außer Frieda immer mehr in Vergessenheit geriet. In einem Versuch, sie etwas aufzumuntern, hatte ihre Mutter vor zwei Jahren die Wände des Zimmers gelb getüncht und Aquarelle von blühenden exotischen Pflanzen, einer sonnigen Gebirgslandscha! und einem Schiff auf spiegelglatter See aufgehängt. Karoline hatte es nicht übers Herz gebracht, ihr zu sagen, dass diese Bilder sie nur immer wieder daran erinnerten, was sie alles nie mit eigenen Augen sehen würde. Ein tiefer Seufzer löste sich aus ihrer Brust, der vom Grund ihrer Seele zu kommen schien. Sie hatte noch kaum richtig gelebt und doch schien ihr Leben nun bald vorbei zu sein. 8
Sie trauerte um alles, was sie nie würde erleben dürfen, doch noch mehr schmerzte es sie, wenn sie an ihre Eltern dachte. Ihnen würde ihr Tod schier das Herz zerreißen. Karoline hatte keine Geschwister. Wenn sie starb, wären ihre Eltern ganz allein. Und sie wusste, dass ihre Mutter daran zerbrechen würde. Sie füllte ihre Lunge mit einem langen, zittrigen Atemzug. Der erwartete Hustenreiz blieb aus. Sie dur!e nicht aufgeben. Ihre Eltern hatten einfach alles für sie getan. Alles versucht, damit sie wieder gesund wurde. Sie war es ihnen schuldig, sich zu bemühen, diese Krankheit zu überwinden und die Hoffnung nicht aufzugeben. Doch wie sollte sie das schaffen? Schließlich war Schwindsucht die häufigste Todesursache in ganz Europa. Ein Klopfen an der Tür ließ sie auffahren. »Linchen? Bist du schon auf?« Ihre Mutter steckte den Kopf zur Tür herein. Sie war im Gegensatz zu Karoline bereits fertig angekleidet und frisiert. Ihr breiter Reifrock passte kaum durch die schmale Tür. »Ja, Mutter.« »Denk daran, dass wir heute noch Doktor Stallmann sehen wollen.« Sie lächelte ihr aufmunternd zu. »Der Ausflug wird dir guttun!« Karoline unterdrückte ein Seufzen. Das hatte sie tatsächlich vergessen. Oder eher verdrängt. »Ist gut.« »Dein Vater muss gleich die Praxis öffnen. Bist du schon bereit für die Untersuchung?« Karoline nickte und ließ sich wieder in die Kissen sinken. Ihr Vater kam mit seiner Arzttasche in der Hand ins Zimmer und lächelte ihr zu. Aber das Lächeln war nur flüchtig und wurde von einem konzentrierten Stirnrunzeln abgelöst. Wie jeden Morgen fragte sie sich, ob es ein Fluch oder ein Segen war, einen Arzt zum Vater zu haben. Einerseits hatte sie so 9
die beste Pflege, die sie sich nur wünschen konnte, und um Arztkosten mussten sie sich auch keine Sorgen machen. Wer konnte es sich schon leisten, jeden Morgen einen Doktor zu sehen? Andererseits fühlte sie sich seit ihrer Erkrankung in seiner Gegenwart nur noch wie eine Patientin, nicht mehr wie eine Tochter. Wenn sie hustete oder einen Schwächeanfall hatte, ruhte sofort sein professioneller Blick auf ihr. Nichts blieb ihm verborgen und alles musste untersucht werden. Der einzige Gegenstand ihrer Unterhaltungen schien ihre Gesundheit zu sein. Wann hatten sie aufgehört, miteinander zu scherzen und zu lachen? »Bitte atme tief ein und aus.« Die Kälte des Stethoskops ließ sie erschaudern, als er es auf ihren Rücken legte. Mehrere Minuten lauschte er ihrem Atem und drückte den Hörtrichter auf verschiedene Stellen ihres Brustkorbes. Meistens sagte er während seiner Untersuchung etwas, doch heute schwieg er. Ihr Blick fiel auf das Taschentuch mit den Blutflecken. Es war auf den Boden gefallen und unter ihrem Bett kaum zu sehen. Sollte sie ihm davon erzählen? Sie holte Lu!, wurde dann aber durch einen erneuten Hustenanfall zum Verstummen gebracht. »Hier ist etwas Wasser.« Mutter kniete sich neben sie und hielt ihr eine Tasse an die Lippen. Das kühle Nass rann ihre ausgedörrte Kehle hinunter. Karoline hustete ein letztes Mal und konnte endlich wieder atmen. Sie hob den Blick und begegnete den blauen Augen ihres Vaters, die sie intensiv musterten – jedoch keinerlei Rückschluss über die Gefühle gaben, die er dabei empfinden mochte. Karoline schluckte schwer. Die Worte über ihren blutigen Husten lagen ihr auf der Zunge, doch sie brachte sie einfach nicht über die Lippen. Ihrem Vater hätte sie vielleicht unter Tränen davon berichtet. Doch ihrem Arzt, der sich gerade überlegte, welche Therapie ihr noch helfen konnte, sagte sie lieber nichts. Er erhob sich und steckte sein Stethoskop wieder in die Tasche. 10
»Ich hoffe, du hast einen guten Tag, Lina.« Er drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel und verschwand. So wortkarg und distanziert wie heute Morgen war er selten. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, woran das liegen mochte, zog ihre Mutter sie auf die Füße. Sie strei!e ihr ein sauberes Unterkleid über, schnürte das Korsett und half ihr ebenfalls in einen breiten Reifrock. Wie bei einem Kind, das bei jedem Handgriff Hilfe benötigte. Manchmal fühlte Lina sich auch noch wie eines. Denn den Beginn ihres Erwachsenendaseins hatte es eigentlich nicht gegeben. Kaum war sie den Kinderschuhen entwachsen, hatte die Schwindsucht sie ans Bett gefesselt. »Möchtest du heute das gelbe oder das rote Kleid anziehen?« Karoline verdrehte innerlich die Augen. Ihre Mutter wusste ganz genau, dass sie keines dieser beiden Kleider wählen würde. »Ich nehme lieber das dunkelblaue.« »Kind, ein paar fröhlichere Farben würden dir guttun!« Sie hielt ihr die bunten Kleider unter die Nase und lächelte wie eine Verkäuferin in einem großen Kaufhaus. Aber Lina konnte sie damit nicht täuschen. Mutters Augen blickten sie tie!raurig an. »Immer nur Braun, Grau und Blau wird doch auf die Dauer langweilig.« »Und sonntags manchmal Weinrot, vergiss das nicht!« Ein echtes Lachen wischte das gekünstelte Lächeln aus Mutters Gesicht. Seufzend, aber mit einem amüsierten Funkeln in den Augen gab sie sich geschlagen und zog Lina das dunkelblaue Kleid über den Reifrock. Sie würde ihre Kleiderwahl nie verstehen. Die neue Modefarbe Magenta hatte es Mutter sofort angetan, sodass sie ihr sogar einen Schal in der Farbe gekau! hatte. Den hatte Karoline gleich ganz unten in ihrem Kleiderschrank versteckt, damit ihre Mutter hoffentlich bald vergaß, dass er existierte. Nicht, dass sie bunte Farben nicht mochte. Im Gegenteil! Aber sie war so blass und ihr braunes Haar war so glanzlos geworden, dass sie das Gefühl hatte, hinter bunten Kleidern umso mehr zu verschwinden. Da 11
blieb sie doch lieber bei dunklen Farben und schlichten Stoffen. Das einzige auffällig gemusterte Kleidungsstück, das sie trug, war ihr geliebter Paisley-Schal, den ihre Großmutter ihr vererbt hatte. Diesen legte sie sich auch jetzt um die Schultern und strich über die weiche Kaschmirwolle. Abgesehen davon, dass er sie wärmte und immer an ihre Großmutter erinnern würde, hatte der Schal noch einen weiteren Vorteil: Er war so groß, dass sie ihn auch über ihre Taille drapieren und so verstecken konnte, wie lose ihre Kleider saßen. Die Schwindsucht machte ihrem Namen alle Ehre. Lina schwand immer mehr dahin. Ihre Rippen und die Knochen ihrer Schultern und Hü!en traten mittlerweile deutlich hervor. Wie lange noch, bis nichts mehr von ihr übrig sein würde? Ein Blick auf den zusammengekniffenen Mund ihrer Mutter sagte ihr, dass auch sie ihren erneuten Gewichtsverlust bemerkt hatte. »Ich mache dir schon mal einen appetitanregenden Kräutertee«, sagte sie, als sie zur Tür ging. »Und der Lebertran steht auch schon bereit.« Mutter schenkte ihr ein breites Lächeln, das eher aussah, als würde sie versuchen, einem Zahnheilkundigen möglichst alle Zähne zu zeigen, und zog die Tür hinter sich zu. Sobald sie ins Schloss klickte, konnte Karoline es nicht lassen, laut zu seufzen. Mutters knallbunte Kleider und ihr aufgesetztes Lächeln konnten auch nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr sie litt. Ob ihre gespielte Fröhlichkeit nur ein Weg war, um die Traurigkeit in Schach zu halten? Würde ihre Mutter in sich zusammenfallen, wenn sie ihre wahren Gefühle zulassen würde?
( Eine Amsel zwitscherte in einem Baum über ihr und Sonnenstrahlen fielen durch das spärliche Blätterdach. Es war kühl, aber nicht windig. Für Anfang November war es ein wunderschöner Tag. Wenn sie das doch nur genießen könnte! Aber nein, sie schnau!e und ächzte wie eine alte Frau und war so auf ihre At12
mung konzentriert, dass sie sich nicht an der Natur um sie herum freuen konnte. Das Frühstück, von dem sie gerade einmal fünf Bissen hatte hinunterwürgen können, lag ihr wie ein Stein im Magen. Lina war so müde, dass sie sich am liebsten irgendwo auf den Waldweg gelegt hätte, um ein Nickerchen zu machen – obwohl dieser mit nassem Laub bedeckt und so kalt war, dass es sicher bald den ersten Bodenfrost geben würde. Stattdessen setzte sie tapfer einen Fuß vor den anderen und umklammerte den Arm ihrer Mutter, um sich aufrecht zu halten. Es war eine verkehrte Welt. Sie sollte jung und krä!ig sein und ihre Mutter stützen, nicht andersherum! Als endlich die ersten Häuser ihres Dorfes vor ihnen au!auchten, seufzte Lina erleichtert auf. Obwohl ihr Heimatdorf sehr klein war und sie nur eine kurze Runde durch ein benachbartes Waldstück gegangen waren, fühlte sie sich, als hätte sie einen Dauerlauf hinter sich. Ihr Herzschlag pochte in ihren Ohren und ihr Atem ging in kurzen Stößen. Der sandige Weg wurde zu Kopfsteinpflaster. Gleich hatten sie es geschafft! Zu beiden Seiten standen nun Fachwerkhäuser aus rotem Backstein. Sie kamen an der Kirche und der Apotheke vorbei. Bei Letzterer wandte Lina schnell den Blick ab. Sie wollte nicht einmal an Medizin denken! Endlich hatten sie ihr Zuhause erreicht, ein Backsteinhaus, das im Erdgeschoss neben ihrer Wohnstube auch Vaters Arztpraxis beherbergte. Mutter half ihr, sich auf eine Bank neben der Haustür zu setzen. Lina stützte die Arme auf ihre Beine und versuchte, zu Atem zu kommen. Sie musste husten und hoffte von ganzem Herzen, dass ein stärkerer Anfall ausbleiben würde. Ein schmerzha!es Ziehen machte sich in ihrem Brustkorb bemerkbar. »Ich bringe dir einen Tee. Bleib noch etwas an der frischen Lu! sitzen.« Lina nickte ihrer Mutter zu und starrte dann zu den kahlen 13
Büschen, die den Zaun zur Straße hin säumten. Der Winter stand vor der Tür. Trotz des schönen Sonnenscheins war diese Jahreszeit einfach trostlos. Die Pflanzen starben ab und die Tiere verkrochen sich, um auf den Frühling zu warten. Auch sie wartete auf bessere Zeiten. Aber würden die überhaupt noch kommen? Würde sie noch einmal einen Frühling erleben? Nicht nur den im kommenden Jahr, sondern auch einen Frühling des Lebens? Würde sie noch einmal gesund und glücklich sein dürfen? Nichts wünschte sie sich sehnlicher. Oder stand auch sie – ebenso wie die Natur im Herbst – kurz davor zu sterben? »Hier ist ein schöner Kräutertee für dich, meine Liebe.« Mutter trat mit einem Strahlen auf dem Gesicht vor die Tür und drückte Lina die Tasse in die Hand. Sie wickelte sich einen türkisfarbenen Schal enger um die Schultern und setzte sich neben sie. Lina blies den Dampf von ihrer Tasse. Der würzige Geruch der Kräutermischung stieg ihr in die Nase. Am liebsten würde sie mal wieder einen schwarzen Tee trinken. Aber ihre Eltern waren der Meinung, dass ihr die bitteren Kräuter guttun und ihren Appetit steigern würden. Also trank sie Kräutertee. Sie nahm einen vorsichtigen Schluck und versuchte, sich den Geschmack von echtem Tee in Erinnerung zu rufen. Sie stellte sich vor, dass Frieda neben ihr saß. Sie redeten über die Jungen in der Nachbarscha! und kicherten, wie nur junge Mädchen es konnten. Die Vögel zwitscherten und schienen in ihr Lachen einzustimmen. Der Apfelbaum stand in voller Blüte. Es war wieder Frühling. »Ich bereite schon einmal das Mittagessen vor«, sagte ihre Mutter und erhob sich von der Bank. »Und kurz danach müssen wir bereits nach Celle au)rechen. Dr. Stallmann erwartet uns.« Lina riss die Augen auf und wurde unsan! aus ihren Tagträumen geweckt. Richtig. Dr. Stallmann. Sie schloss die Augen und nickte ergeben.
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Kapitel 2 Bei jedem Atemzug gab der Apparat ein lautes Zischen von sich. Das Gas brannte in ihrer Nase und machte ihr das Atmen noch schwerer als gewöhnlich. Langsam atmete sie wieder aus, genau wie Dr. Stallmann es ihr erklärt hatte. Zisch. Die Gastherapie war mit Abstand die unangenehmste, die sie bislang über sich hatte ergehen lassen müssen. Lina konnte sich gut erinnern, wie vor drei Jahren alles angefangen hatte. Anfangs waren es nur ein hartnäckiger Husten und leichtes Fieber gewesen. Selbst Vater hatte es für eine Grippe gehalten. Doch als sie schließlich weniger und weniger Essen hinunterbekommen und sichtlich abgenommen hatte, war es mehr als deutlich gewesen: Schwindsucht, die Weiße Pest. Ihre Mutter hatte einen Schock erlitten und war tagelang wie gelähmt gewesen. Vater hingegen hatte völlig anders reagiert: Wie im Wahn hatte er sich darangemacht, eine geeignete Behandlung für sie zu finden. Er hatte Bücher gewälzt und Lina zu den verschiedensten Lungenspezialisten gebracht, teilweise Freunde, die er noch aus seinem Studium kannte. Lina hatte vermutlich schon so viele verschiedene Therapien ausprobiert wie sonst niemand. Inhalation von Terpentin und Schierlingslösung, Aderlass, völliger Verzicht auf Fleisch und dann wieder eine möglichst gehaltvolle Diät. Vielleicht hatte einiges davon etwas gebracht und ihr Leben etwas verlängert. Aber geheilt hatte sie nichts davon. Zisch. Die Inhalation von einem Gasgemisch, das Dr. Stallmann Hydrokarbonatgas nannte, sollte die Schmerzen in der Lunge verringern und sogar die Schwindsucht selbst heilen können. Angeblich hatte er diese Methoden in Italien erlernt und be15
reits große Erfolge gehabt. Vater war begeistert gewesen, als er von dieser Möglichkeit gehört hatte. Aber ob es wirklich etwas bewirkte? Lina bezweifelte es. Zisch. Sie wünschte, statt dieses säuerlichen Gases frische Lu! atmen zu dürfen, doch die Gasmaske, die ihr halbes Gesicht bedeckte, machte dies unmöglich. Nicht, dass die Lu! in dieser kalten Praxis mit den weiß gekachelten Wänden besonders frisch gewesen wäre. Im Gegenteil, hier roch es eher so, als ob im Nebenraum gerade Leichen seziert würden. Vielleicht war das tatsächlich der Fall, aber Lina hoffte inständig, dass dieser Gedanke nur ihrer Fantasie entsprungen war. Vielleicht hatte Mutter recht und sie las zu viele Romane. Dr. Stallmanns Behandlungszimmer befand sich in einem Kellerraum seines Stadthauses in Celle, welches er zu einer Art Klinik umgebaut hatte. Eine Seite des Raumes wurde durch eine riesige Apparatur aus Rohren, gläsernen Kolben und Gasbehältern eingenommen. Hier stellte er die Gasmischungen, die er seinen Patienten verabreichte, selbst her. Zisch. Karoline lag auf einer harten Pritsche daneben und hielt sich mit einer Hand die Gasmaske über Mund und Nase, die über einen Schlauch mit einer metallenen Gasflasche verbunden war. Sie fröstelte, obwohl sie ihren Paisley-Schal eng um sich geschlungen hatte. Sie hatte das Gefühl, dass der Kellerraum nicht nur an sich kalt war, sondern auch eine kalte Atmosphäre ausstrahlte. An der gegenüberliegenden Wand befand sich Dr. Stallmanns ausladender Schreibtisch, der mit chemischen Apparaturen, Gläsern mit bunten Flüssigkeiten und aufgeschlagenen Krankenakten bedeckt war. Mutter, die sie bisher zu jeder ihrer Behandlungen begleitet hatte, saß ihm dort auf einem Stuhl gegenüber. Die beiden unterhielten sich mit gedämp!en Stimmen und Lina spitzte die Ohren, um herauszufinden, was die beiden besprachen. »Es würde ihr helfen. Ein …« Zisch. Dieses blöde Atemgerät! 16
Lina versuchte, langsamer zu atmen, um die Pausen zwischen den lauten Geräuschen zu verlängern, die alles übertönten. »Darüber haben wir doch schon gesprochen.« Mutter knetete ihre Hände und sah überallhin, nur nicht zu Karoline oder Dr. Stallmann. »Frau Dierks, bitte hören Sie mir gut zu.« Zisch. »… ist die letzte Möglichkeit …« Zisch. »… Zustand hat …« Zisch. »… verschlechtert.« »Ich werde …« Zisch. »… Mann fragen, aber …« Zisch. Mutter wischte sich über die Augen. Lina wandte den Blick ab. Ihr Atem hatte sich ungewollt beschleunigt, weshalb sie immer weniger mitbekam. Aber vielleicht wollte sie doch lieber nicht wissen, was die beiden da beredeten. Was war die letzte Möglichkeit? Die letzte Möglichkeit, damit sie überlebte? Was für eine grausige Therapie hatte sich Dr. Stallmann jetzt ausgedacht? Was könnte noch schlimmer sein als ätzende Gase und gi!iges Quecksilber? Das Atemgerät stotterte und spuckte. Endlich war das Gas leer. Also würde sie hoffentlich gleich nach Hause gehen dürfen. Dr. Stallmann erhob sich von seinem Stuhl, drehte die Gasflasche zu und musterte Lina. Seine Augen funkelten und ein kleines, kaum sichtbares Lächeln umspielte seinen Mund. Ein Schauer fuhr Lina den Rücken hinab. Wie sie diesen Blick hasste! Als ob er es genoss, sie leiden zu sehen. Ihr Vater bedachte seine Patienten immer mit einem gütigen Lächeln und nicht mit einer solch hämischen Grimasse. Doch da drehte er sich schon wieder zu ihrer Mutter herum, die Freundlichkeit in Person. Sie wusste, dass das Funkeln aus seinen Augen verschwunden war, auch ohne ihn anzusehen. Sie konnte sich nicht bewegen, geschweige denn aufstehen. Die Pritsche schien sie geradezu festzuhalten. Hier heraufzukommen, war für sie schon anstrengend genug gewesen. Doch nun, nach der Therapie, fühlte sie sich noch schwächer als zuvor. Sie konnte nicht einmal den Kopf heben. Mit stummen Blicken flehte sie 17
ihre Mutter an, ihr zu helfen. Zum Glück verstand diese sofort und eilte an ihre Seite. Sie zog sie hoch und stützte sie, bis sie festen Boden unter den Füßen hatte. Lina hakte sich bei ihr unter, damit Dr. Stallmann nicht bemerkte, wie schlecht es ihr tatsächlich ging. Nicht dass er auf die Idee kam, ihr noch mehr von diesem Gas zu verabreichen! Schließlich war er von der heilenden Wirkung überzeugt. Das Zimmer begann sich um sie zu drehen und helle Punkte tanzten vor ihren Augen. Übelkeit stieg in ihr hoch. Rasch blinzelte sie mehrmals und atmete tief die abgestandene Lu! ein. Immerhin war es Lu!. Mutter lächelte dem Arzt zu. »Auf Wiedersehen, Dr. Stallmann. Bis nächste Woche.« Lina nickte ihm nur zu und sagte nichts. Sie war sich nicht sicher, ob sie nach dieser angeblichen Kur die nächste Woche noch erleben würde. Endlich begaben sie sich zur Tür und stiegen die Treppe nach oben. Das Treppenhaus war düster. Nur einige Gaslampen erhellten es, doch die dunkel getäfelten Wände schienen alles Licht in sich aufzusaugen. Nur raus hier! Immer eine Stufe nach der anderen. Ihr Atem ging in schnellen Stößen und rauschte so laut in ihren Ohren, dass sie nichts anderes mehr hörte. Sie hatte einfach keine Kra! mehr. Sie stützte sich mehr auf ihre Mutter, als dass sie sich bei ihr einhakte, und ließ sich von ihr vorwärtsziehen. Ihr Kopf begann zu pochen und noch immer drehte sich alles um sie. Zwischendurch war sie sich nicht sicher, ob sie noch nach oben gingen oder wieder hinunter. Sie fixierte nur Mutters magentafarbenen Rock und vertraute darauf, dass sie sie hier wieder herausführte. Endlich hatten sie die Tür erreicht. Mutter stieß sie auf und himmlische frische, kalte Lu! strömte ihr entgegen. Lina nahm einige tiefe Atemzüge und versuchte zu verschnaufen. Sie spürte das laute, aufgeregte Pochen ihres Herzens und ihre Kopfschmerzen verschlimmerten sich mit jeder Minute. Diese Nebenwirkun18
gen der gi!igen Kohlenstoffoxide, die Dr. Stallmann ihr verabreichte, kannte sie bereits. Doch irgendwie kamen sie ihr diesmal sogar noch stärker vor. Hatte er die Dosis heute erhöht? Oder war sie einfach inzwischen so schwach, dass sie die Gase schlechter vertrug? »Hier kommt eine Droschke, Linchen. Darin kannst du dich ausruhen.« Lina lächelte sie dankbar an. Was würde sie nur ohne sie tun? Wieder bemerkte sie die tiefe Traurigkeit in den blaugrünen Augen ihrer Mutter. Früher musste sie Karoline sehr ähnlich gesehen haben, doch inzwischen waren ihre einst braunen Haare vollständig ergraut und tiefe Sorgenfalten gruben sich in ihr Gesicht. Beides zeugte davon, wie sehr ihre Mutter in den letzten Jahren mit ihr gelitten hatte. Wenn sie doch nur gesund werden und ihr diese Sorgen nehmen könnte! Sie wollte in den Augen ihrer Mutter wieder Fröhlichkeit sehen. Sie hatte es nicht verdient, so vom Kummer erdrückt zu werden. Die Droschke hielt vor ihnen an und Mutter half Lina hinein. Sie ließ sich auf eine Bank fallen und schloss die Augen. So unendlich erschöp!, wie sie war, wollte sie einfach nur noch schlafen. Doch der ersehnte Schlaf kam nicht. Zu sehr war sie in Gedanken noch immer mit ihrer Mutter beschä!igt. Viel wahrscheinlicher als Linas Genesung war ihr baldiger Tod. Und auch wenn ihre Mutter sich o! fröhlich und energiegeladen gab, konnte Lina den Gedanken nicht ignorieren, dass sie wie eine geknickte Blume wirkte. Sie trug noch bunte Farben, ließ jedoch schon die Blätter hängen. Eine geknickte Blume, die kurz davor war, ganz abzubrechen.
( Lina lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Mit dem Blick fuhr sie die Maserung des Holzes nach. Sie sah Tiere und Figuren in den Mustern, ähnlich, wie wenn man den Himmel betrachtete 19
und sich plötzlich ein Schwein oder ein Hahn aus den Wolken bildete. Mit dem Unterschied, dass sich ihre Zimmerdecke nicht veränderte und sie seit achtzehn Jahren die gleichen Tiere anschaute. Da waren das Astloch, das wie das Gesicht eines Frosches aussah, und die Linien, die Wellen glichen, aus denen sich eine Meerjungfrau erhob. Sie erschienen ihr wie alte Freunde. Lina atmete tief ein und aus, dankbar, dass sie im Moment nicht husten musste. Allerdings schmerzte ihre ganze Lunge, als wäre sie wund. Zudem hatte sich eine leichte Übelkeit in ihr breitgemacht und sie fühlte sich noch schwächer als sonst. Vater hatte große Hoffnungen in diese neue Behandlungsmethode gesetzt, doch seit nunmehr zehn Monaten ließ sie die ganze Prozedur jede Woche über sich ergehen und noch immer ging es ihr nicht besser. Heute hatte Dr. Stallmann sogar selbst zugegeben, dass sich ihr Zustand verschlechtert hatte. Ein Umstand, der ihr selbst nur zu bewusst war, zumal sie heute Morgen Blut gehustet hatte. Jetzt würden ihre Eltern vielleicht auch endlich einsehen, dass die Gastherapie nichts brachte! Dann könnte sie endlich damit aufhören und – Und was? Einfach sterben? Wahrscheinlich würde es darauf hinauslaufen. Lina erschauderte bei dem Gedanken. Sie hatte nicht wirklich Angst vor dem Tod. Schließlich glaubte sie an das ewige Leben im Himmel, das allen Menschen zuteilwurde, die an Jesus Christus glaubten. Ihr Pastor hatte bei seinen Besuchen bereits mit ihr über einen möglichen frühen Tod gesprochen. Dennoch wünschte sie sich, gesund zu werden und noch länger zu leben. Überhaupt einmal anzufangen zu leben! Die Liebe zu finden, von der sie so o! las. Würde ihr das für immer verwehrt bleiben? Das wusste niemand, aber eine Sache wusste Lina mit Gewissheit: Sie wollte Dr. Stallmann am liebsten niemals wiedersehen. Hoffnung, dass er ihr helfen konnte, hatte sie schon lange nicht mehr. Warum also sollte sie diese Tortur wieder und wieder erdulden? Vielleicht sollte sie diese Frage ihren Eltern stellen. Bisher hatte 20
sie alles getan, was sie von ihr verlangten. Ohne zu klagen, hatte sie jede neue Therapie ertragen, jede Medizin geschluckt, jede Untersuchung mitgemacht. Aber jetzt konnte sie nicht mehr. Die Bekämpfung ihrer Schwindsucht schwächte sie mindestens so sehr wie die Krankheit. Selbst wenn die Entscheidung, die Behandlung zu beenden, ihren Tod bedeuten sollte, so würde sie ihre letzten Tage wenigstens in Frieden verbringen. Lina stemmte ihren Oberkörper mit den Armen hoch. Kaum hatte sie eine sitzende Position erreicht, musste sie erst einmal verschnaufen. Zehn Atemzüge später fühlte sie sich krä!ig genug, um aufzustehen. Sie würde jetzt nach unten in die Stube gehen und mit ihren Eltern sprechen. Die Bodendielen knarzten leise unter ihren Schritten. Als sie von Dr. Stallmanns Praxis nach Hause gekommen war, hatte sie sich sofort erschöp! ins Bett gelegt, sogar zu schwach, um sich vorher zu entkleiden. Dafür konnte sie sich jetzt unverzüglich zur Treppe begeben. Sie klammerte sich ans Geländer und nahm Stufe für Stufe nach unten. Ein Kleinkind wäre schneller als sie hier hinuntergekommen. Ihre Mutter sprang aus einem Sessel hoch, als sie sie entdeckte. »Linchen! Geht es dir besser?« Lina wiegte nur unbestimmt den Kopf hin und her. Sie wollte ihr keine falschen Hoffnungen machen. »Bitte setz dich. Brauchst du eine Decke? Oder noch ein zusätzliches Kissen?« Lina lächelte schwach und ließ sich auf den Sessel sinken, der am nächsten zum prasselnden Feuer im Kamin stand. Der Weg hierher hatte sie stärker angestrengt, als sie gedacht hätte. Sie atmete mehrmals tief durch, bevor sie au)lickte und ihren Vater auf dem Sofa ihr gegenüber entdeckte. Er hatte noch nichts gesagt, sondern blickte sie nur stumm an. Seine Stirn war in nachdenkliche Falten gezogen und mit einer Hand strich er sich immer wieder über seinen Bart, der – ebenso wie das Haar an den Schläfen – mit grauen Strähnen durchzogen war. 21
»Vater, ist alles in Ordnung?« Er blinzelte und lächelte sie an. »Natürlich, mein Kind. Ich freue mich, dass du uns hier unten Gesellscha! leistest. Hast du Dr. Stallmanns Therapie heute besser vertragen?« Lina holte tief Lu! und biss die Zähne zusammen, als ihre Lunge dabei schmerzte. Jetzt musste sie es einfach ansprechen. Eine bessere Gelegenheit würde sich nicht ergeben. »Darüber wollte ich mit euch sprechen.« Ihre Eltern wechselten einen flüchtigen Blick und schauten sie dann wieder an. Erwartungsvoll, ängstlich oder doch eher traurig? Linas Kehle fühlte sich mit einem Mal rau an. Sie hatte sich ihren Eltern noch nie entgegengestellt. Zumindest nicht, seit sie erkrankt war. Wussten sie am Ende nicht doch, was am besten für sie war? Sie taten alles, damit sie wieder gesund wurde, und hatten bereits so viel geopfert. Dr. Stallmanns Therapien waren unangenehm, sogar schmerzha!. Aber war es nicht wert, das zu ertragen, wenn sie ihren Eltern so mehr Hoffnung auf ihre Genesung schenken konnte? »Ich wollte nur fragen … ob … vielleicht …« Sie holte noch einmal tief Lu!. »Wisst ihr, wie o! Dr. Stallmann mich noch behandeln möchte? Hat er etwas gesagt?« Ihre Mutter sank, sichtlich entspannter, tiefer in den Sessel. Vater hingegen schaute so nachdenklich wie zuvor. Das Ticken der Standuhr füllte die Stille, die nach ihrer Frage entstanden war. Sie zählte zwölf Sekunden, bevor ihr Vater zu einer Antwort ansetzte. »Ich denke nun schon länger über die Wirksamkeit der Gastherapie nach. Inzwischen hätte sich längst eine Besserung zeigen müssen. Aber im Gegenteil! Nach der Therapie bist du so geschwächt, dass du o! für Tage deine Kammer nicht verlassen kannst.« Lina setzte sich auf. Würde er etwa von sich aus vorschlagen, die Therapie zu beenden? »Dr. Stallmann hat bereits vor einem Monat mit mir gespro22
chen«, fuhr ihr Vater fort. »Seiner Meinung nach kann dir nur noch eine Einlieferung in seine Klinik helfen. So könntest du rund um die Uhr gepflegt werden.« Lina sog scharf die Lu! ein. Darum also war es in dem Gespräch zwischen dem Arzt und ihrer Mutter gegangen! »Allerdings bin ich anderer Meinung.« Die Worte ihres Vaters drangen nur langsam in ihr Bewusstsein. Sie war wie erstarrt. »Ich habe in den letzten Wochen verschiedene Kollegen und ehemalige Kommilitonen besucht und sie nach ihrer Meinung gefragt. Einer von ihnen gab mir ein Buch von einem Dr. Brehmer. Seine Theorien sind revolutionär! Er sagt, dass Schwindsucht heilbar sei, wenn man sich in einem besonders günstigen Höhenklima aufhält.« »Aber Karl, darüber haben wir doch schon gesprochen!« »Magdalene, bitte lass mich ausreden.« Vater hob eine Hand und Mutter schloss ihren im Protest geöffneten Mund. »Dr. Brehmer hat vor sieben Jahren in Görbersdorf in Schlesien eine sogenannte Lungenheilanstalt gegründet. Inzwischen ist der Bau eines großen neuen Sanatoriums geplant, weil er so große Erfolge vorzuweisen hat.« Lina runzelte die Stirn und versuchte zu verstehen, was ihre Eltern ihr sagen wollten. Mutter sah noch immer mehr als bekümmert aus. »Also soll ich in diese Heilanstalt gehen?« Ihr Vater seufzte tief. »Ich wünschte, das wäre eine Möglichkeit. Tatsächlich bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass eine klimatische Veränderung das Einzige ist, was dir noch helfen kann. Leider ist es so, dass ein Aufenthalt in dieser Lungenheilanstalt sehr viel Geld kostet. Ein Vermögen, genau genommen. Nur Aristokraten und reiche Bürgerliche können sich eine Behandlung dort leisten.« Mutter sprang auf, ihre Augenbrauen waren tief zusammengezogen. »Warum musstest du ihr das erzählen? Willst du ihre Hoffnungen ganz zunichtemachen?« 23
»Nein, im Gegenteil.« Ein leichtes Funkeln zeigte sich in Vaters Augen. »Nun komme ich nämlich zu dem Teil, der uns allen wieder Hoffnung geben wird.« Mutter setzte sich wieder hin und schaute ihn verwundert an. Anscheinend wusste sie auch noch nicht, was er jetzt sagen würde. »Vor vier Tagen bekam ich einen Brief von meinem Schwager. Von deinem Onkel August, Lina.« »Der Missionar auf Borneo?«, fragte sie verwirrt. »Inzwischen ist er im südlichen Afrika tätig. Er ist sogar der Superintendent der Hermannsburger Mission, die inzwischen weit über die Lüneburger Heide hinaus bekannt ist. August schreibt, dass der Ort Neu-Hermannsburg, den die Missionare in Afrika gegründet haben, recht hoch gelegen ist. Die klare Lu! und der viele Sonnenschein sind ideale Bedingungen für Lungenkranke. Und er lädt dich dorthin ein.« Der nachdenkliche Ausdruck war aus dem Gesicht ihres Vaters verschwunden. Stattdessen blitzte nun ein Lächeln zwischen Schnurr- und Kinnbart hervor. Lina hingegen wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie war wie gelähmt. Das konnte ihr Vater doch wohl unmöglich ernst meinen! Sie sollte nach Afrika reisen? In ihrem Zustand? Sie würde doch nicht einmal die Reise dorthin überstehen! »Karl, bist du denn von Sinnen?« Wieder sprang Mutter von ihrem Sessel auf. »Wie soll sie denn dorthin kommen? Etwa ganz allein? Oder sollen wir alle reisen? So eine Überfahrt muss doch auch schrecklich teuer sein!« »Ich weiß, ich hätte es vorher mit dir besprechen sollen, meine Liebe.« Beschwichtigend hob Vater die Hände, eine stumme Bitte, sich wieder hinzusetzen. »Ich habe lange darüber nachgedacht. Bitte glaube mir: Es ist die beste Lösung. Oder fällt dir etwas anderes ein?« Ihre Mutter seufzte tief. »Dr. Stallmann hat mir heute wieder gesagt, dass er einen Aufenthalt in seiner Klinik als letzte Mög24
lichkeit sieht. Aber auch das können wir uns nicht leisten. Die wöchentlichen Therapien nehmen alles Geld in Anspruch, das wir entbehren können. Aufgeben können wir aber auch nicht.« Lina schluckte. Das war genau genommen das, was sie ihren Eltern hatte vorschlagen wollen: aufgeben. Ihre letzten Tage, so gut es ging, genießen. Ihr Herz pochte wie wild in ihrer Brust. Wofür würden ihre Eltern sich entscheiden? Immer wieder sah sie zwischen ihnen hin und her. Vater räusperte sich. »Die Hermannsburger Mission besitzt ein eigenes Schiff, mit dem sie ihre Missionare und Bräute für die Männer, die schon vor Ort sind, nach Afrika bringen. Wir müssten also nichts für die Überfahrt bezahlen.« Ein plötzlicher Hustenanfall übermannte Lina. Sie presste sich ein Taschentuch vor den Mund und hustete und hustete, bis ihr die Tränen kamen. Mutter eilte an ihre Seite und strich ihr über den Rücken. Sie flüsterte ihr Worte ins Ohr, deren Sinn sie im Augenblick nicht einmal erfassen konnte, die aber wie Balsam für ihr Herz waren. Schließlich schaffte sie es, einige tiefe Atemzüge zu nehmen, ohne erneut zu husten. »Es wird schlimmer.« Die Worte ihres Vaters ließen sie au)licken. Seine Augen waren weit aufgerissen und starrten auf das Taschentuch in ihrer Hand – auf dem schon wieder Blutflecken prangten. Sogar noch mehr als heute Morgen. »Seit wann hustest du Blut?« Vaters Stimme klang hart und gepresst. Beschämt kniff Lina die Lippen zusammen. Sie hätte es ihm gleich sagen sollen. »Heute Morgen zum ersten Mal.« Nun war es ihr Vater, der aufsprang und unruhig im Zimmer auf und ab ging. »Magda, so kann es nicht weitergehen! Hier wird sie niemals gesund werden! Aber in Afrika besteht zumindest die Möglichkeit.« 25
Lina schaute ihre Mutter an. Diese hatte Tränen in den Augen, nickte ihrem Mann aber zu. Dann war es wohl so gut wie beschlossen. Lina atmete durch und versuchte, sich zu sammeln. »Vater …« Es war nur ein schwaches Krächzen. Sie räusperte sich und begann erneut: »Vater, du sprachst von Bräuten?« Ihr Vater lachte leise. »Natürlich hast du es sofort durchschaut. Du bist einfach viel zu klug.« Er setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand. Mit ernsten Augen blickte er Lina an und sie konnte darin bereits lesen, was er als Nächstes sagen würde. »Onkel August hat vorgeschlagen, dass du einen Missionar heiratest.«
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