STEPHANIE LANDSEM
Weil nichts uns trennen kann
Gewidmet Mama und ihren Schwestern, die mir ihre Geschichten erzählt haben, Jeanette Claire Wetzel, geborene Reardon, Mary Bridget Langan, geborene Reardon, Marlyn Benson Perry, geborene Reardon, Joan Marie Floyd, geborene Reardon. Gott ist unsere Zu!ucht und Stärke, ein bewährter Helfer in Zeiten der Not. Darum fürchten wir uns nicht, selbst wenn die Erde erbebt, die Berge wanken und in den Tiefen des Meeres versinken. Auch dann nicht, wenn die Wogen tosen und schäumen und die Berge von ihrem Wüten erschüttert werden. Der Herr, der allmächtige Gott, steht uns bei! Der Gott Jakobs ist unser Schutz. Psalm 46,2-4.8
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Yellowstone Nationalpark 1959
Hebgen-see und madison canyon 1959
Prolog
Claire Januar 1942 Willmar, Minnesota An dem Tag, an dem Mutter wegging, erhielt Claire für ihren Aufsatz über den Yellowstone-Nationalpark ein Sternchen. Sie konnte es nicht erwarten, nach Hause zu kommen. Sie zog ungeduldig an Bridgets Hand, die in einem Fäustling steckte, damit sie auf dem kalten Weg von der Willmarer Grundschule zu ihrem Haus in der First Street nicht trödelte. Der eisige Wind brannte auf Claires Wangen und der graue Matsch drang in ihre Spangenschuhe. Wenn Papa heute Abend von der Arbeit nach Hause kam, würde er Claire sagen, dass er stolz auf sie sei. Mutter würde vielleicht sogar lächeln wie früher. Claire stürmte mit ihrem Aufsatz in einer Hand und ihrer Schwester an der anderen in die Küche. Etwas stimmte nicht. Papa war mitten am Tag zu Hause. Er und Mutter saßen am Küchentisch. Mutter trug ihren Sonntagsmantel und den schönen Hut mit der Feder und Papa hielt Frannie, ihre kleine Schwester, auf dem Schoß. Claires Aufsatz mit dem Sternchen !atterte zu Boden. »Ich will einen Keks«, verkündete Bridget, während sie aus ihrem Mantel schlüpfte und die Fäustlinge auszog. »Jetzt nicht, Bridget«, wies Claire sie zurecht. Bridget war erst sechs und merkte vielleicht nicht, dass an Papas Gesicht etwas nicht stimmte und dass Mutter sie nicht anschaute. 7
»Claire und Bridget« sagte Papa, und seine Stimme klang hart wie manchmal nachts, wenn er und Mutter miteinander sprachen und Claire eigentlich schlafen sollte. »Eure Mutter hat euch etwas zu sagen.« Mutter sagte nichts. Bridget tastete suchend nach Claires Hand. Claire nahm die kalten Finger ihrer Schwester und verschränkte sie mit ihren Fingern. Sie hatte das Gefühl, dass sie vielleicht Bauchweh bekommen könnte. Schließlich schaute Mutter sie an. Ihr Gesicht sah aus, als hätte sie auch Bauchweh. »Mädchen, ich ziehe in eine andere Stadt. Ich habe dort eine Arbeit.« Im ersten Moment verstand Claire nicht, was Mutter sagte. Wer würde sich um sie kümmern, wenn Papa im Geschäft war? Wer würde das Essen kochen, ihre Kleidung waschen und das Baby füttern? Es sei denn … Claires Magen zog sich noch mehr zusammen. »Nimmst du uns mit?« Mutter gab ihr keine Antwort. »Ihr bleibt bei mir«, erklärte Papa. »Alle drei.« »Ich komme euch besuchen«, ergänzte Mutter. Als Mutter das sagte, runzelte Papa die Stirn. »Gebt mir einen Abschiedskuss.« Mutter bückte sich zu ihnen hinab. Bridget küsste sie – weil sie immer tat, was Mutter und Papa sagten –, aber Claire wollte nicht. Wenn sie Mutter nicht küsste, ging sie vielleicht nicht weg. Mutter beugte sich nach unten und drückte Claire einen Kuss auf die Wange. Ihre Lippen klebten wegen ihres Lippenstifts und sie roch nach dem Parfum, das sie auf ihrer Kommode aufbewahrte und nur ganz selten benutzte. »Ich will einen Keks«, wiederholte Bridget, aber dieses Mal war ihre Stimme kleinlaut und unsicher. »Claire«, sagte Papa, »nimm Bridget mit nach oben und zieht euch um.« Claire ging mit Bridget in ihr gemeinsames Zimmer und half ihr aus ihrem Schulkleid und in ihre Spielklamotten. Ging Mut8
ter weg, weil sie nicht brav gewesen war? Vielleicht hatte sich Claire nicht genug um die kleine Frannie gekümmert. Claire zog Bridget die Schuhe an und band ihre Schnürsenkel. »Bleib hier«, forderte Claire sie auf. »Ich komme gleich wieder.« Sie lief mit hämmerndem Herzen die Treppe hinab. Mutter stand mit einem Koffer in der Hand an der Haustür. »Marie.« Papas Stimme war wieder so hart. »Das, was ich gesagt habe, war mein Ernst.« »Daniel, das ist nicht fair.« Mutters Stimme klang, als würde sie gleich anfangen zu weinen. Papa knurrte. »Ich denke dabei nur an die Mädchen.« Mutter drehte den Türgriff und zog die Tür auf. Claires Augen brannten und ihre Brust fühlte sich an wie manchmal, wenn sie lang die Luft anhielt. Mütter verließen ihre Kinder nicht. Claire schob sich an Papa vorbei und schlang die Arme um ihre Mutter. »Mami«, sagte sie. Als Claire das letzte Mal Mami zu ihr gesagt hatte, war sie kleiner gewesen als Bridget jetzt. »Bitte geh nicht! Ich werde brav sein. Wir werden alle brav sein. Versprochen.« Claire plapperte atemlos weiter: »Ich werde mich um Frannie kümmern, wenn sie nachts weint. Und – und ich spüle morgens vor der Schule das Geschirr. Versprochen.« »Claire.« Mutters Stimme war ein raues Flüstern. »Ich muss gehen.« »Nein«, wehrte sich Claire. »Du kannst nicht weggehen.« Mütter und Väter blieben bei ihren Kindern und sie lebten alle zusammen. Papa löste Claires Arme von ihrer Mutter und zog sie zurück. Claire wehrte sich gegen den Griff ihres Vaters und merkte, dass sie gleich anfangen würde zu schluchzen. »Bitte geh nicht«, jammerte sie. »Bitte geh nicht.« Aber die Tür fiel ins Schloss und Mutter war fort. Das herzzerreißende Schluchzen brach sich Bahn und heiße Tränen raubten ihr die Sicht. Mutter würde zurückkommen. Sie 9
würde es sich anders überlegen. Sie würde ihre Töchter vermissen. Würde sie ihre Töchter nicht vermissen? Papa setzte sich auf eine Treppenstufe und zog Claire auf seinen Schoß. Er hielt sie fest und !üsterte: »Mach dir keine Sorgen, Liebes. Wir brauchen sie nicht. Uns wird es ohne sie gut gehen. Das verspreche ich dir.«
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Kapitel 1
Claire August 1959 West Yellowstone, Montana Claire stand im hinteren Gang von Eagles Gemischtwarenladen und las gerade das Etikett auf einer Schachtel Gerber-Babynahrung, als sie hörte, dass jemand ertrunken war. »Sein Vater musste ihn identifizieren, nachdem sie ihn aus dem Fluss gezogen hatten«, drang Tom Eagles Stimme durch die Regale, die mit Souvenirkram, Westernschmuck und Angelzubehör vollgestopft waren. Trotz der stickigen Augusthitze lief ein kalter Schauer über Claires Rücken und sie verstärkte ihren Griff um das zappelnde vier Monate alte Kind in ihren Armen. »Es muss schrecklich sein, den eigenen Sohn so zu sehen«, erwiderte Helen Eagle traurig. Claire lebte seit über einem Jahr am Rand des Yellowstone-Nationalparks, aber es schockierte sie immer noch, wie oft sich Touristen in diesem wilden »amerikanischen Wunderland« verletzten – und zu Tode kamen. Ein starkes Mitgefühl mit den Leuten, die ihren Sohn im Fluss verloren hatten, regte sich in ihr, während sie die Gerber-Packung ins Regal zurückstellte und eine Packung der Marke Pablum nahm, die zehn Cent billiger war. »Seine arme Mutter«, fuhr Helen Eagle fort. »Sie hat schon so viel verloren.« Claires Mitgefühl verwandelte sich in blankes Entsetzen. Die 11
Leute, von denen Tom und Helen Eagle sprachen, waren keine Touristen. Es waren Einheimische. Jenny quengelte unglücklich. Claire legte das Baby an ihre Schulter, klemmte sich die Packung Babynahrung unter den Arm und bahnte sich an Glaswaren und Mokassins vorbei den Weg zum Tresen im vorderen Teil des Ladens. »Mrs Wilder«, sagte Helen Eagle, als Claire ihren Einkauf neben die altmodische Kasse legte. »Ist das alles?« Helen Eagle trug eine weiße Schürze über einem gestreiften Hauskleid und hatte ihr Haar, das von grauen Strähnen durchzogen war, zu einem strengen Knoten hochgesteckt. Die schwarzen Augen, mit denen sie von ihrem Sitzplatz hinter dem Tresen auf Claire hinabblickte, waren genauso lauernd wie die einer Elster. »Ich habe unabsichtlich gehört, was Sie gesagt haben«, erwiderte Claire. »Wer ist ertrunken?« Helen Eagle und ihr Mann wechselten einen Blick, den Claire nicht deuten konnte, und Helen zögerte, als wollte sie Claires Frage nicht beantworten. »Dell Henshaw«, sagte sie schließlich kurz angebunden. »Oh nein!« Claire hatte Dell nur ein einziges Mal gesehen – damals, als er und Red noch Freunde gewesen waren. Er war so jung … Und seine liebe Frau! Ihr Herz zog sich schmerzlich zusammen. »Die arme Beth.« Jenny begann zu weinen, und Claire schaukelte sie leicht, um sie zu beruhigen. »Ich fahre bei den Henshaws vorbei und kondoliere ihnen.« Auch wenn sie Beth nicht kannte, wollte sie der jungen Frau ihr Mitgefühl ausdrücken. Helen betätigte mit dem Zeigefinger die Knöpfe an der Kasse. »Das macht achtundvierzig Cent.« Mit Jenny im Arm öffnete Claire ihr Portemonnaie, holte zwei Münzen heraus und blickte auf. »Wo ist es passiert?« Helen kniff die Lippen zusammen und wandte den Blick ab, als hätte sie Claires Frage nicht gehört. Claire schob die Münzen leicht verärgert über den Tresen. Wie lang musste sie in West Yel12
lowstone leben, bis sie als Einheimische akzeptiert wurde? Alle von den Eagles bis zum Tankwart behandelten sie trotz ihrer Bemühungen wie einen Eindringling. Toms wettergegerbtes Gesicht legte sich in Falten. »Im Yellowstone.« Claire konnte ihre Überraschung nicht verbergen. »Was hat Dell dort oben gemacht?« Der Yellowstone River befand sich am nördlichsten Rand des Nationalparks, mindestens achtzig Kilometer von hier. »Das sollten Sie Ihren Mann fragen«, erwiderte Helen Eagle scharf. Claires Augen weiteten sich und eine spürbare Wärme zog an ihrem Hals hinauf. Was wollte Helen Eagle damit sagen? Jennys Weinen wurde lauter und Claire wusste, dass sie bald nicht mehr zu beruhigen wäre. Tom Eagle reichte ihr zwei Centmünzen und ignorierte die harte Bemerkung seiner Frau. »Ich würde an Ihrer Stelle nicht zu Pete Henshaws Haus fahren, Mrs Wilder. So wie die Dinge stehen, ist das nicht ratsam.« Claires Finger verkrampften sich um die Münzen. Red und Dell waren früher Freunde gewesen, aber das war vorbei. Spielten Helen und Tom darauf an? Sie zog die Brauen hoch und schaute Tom Eagle mit einem hö!ich fragenden Blick an. »Wie meinen Sie das?« Tom Eagle warf einen Blick auf seine Frau. Helen kniff die Lippen zusammen und schaute ihn finster an. Er zuckte die Achseln. »Man sollte einen Bären nicht reizen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.« Claire verließ mit einem weinenden Baby und einem unguten Gefühl im Magen den Laden. Jennys Schluchzen steigerte sich immer mehr, während Claire die Hauptstraße von West Yellowstone überquerte und zu ihrem parkenden Pick-up ging. Auf der Straße stauten sich Autos, Wohnwagen und gelbe Touristenbusse, die zum Eingang des Nationalparks unterwegs waren, um die Se13
henswürdigkeiten zu bewundern. Touristen in karierten Shorts, die Kameras um den Hals hängen hatten, drängten sich auf dem hölzernen Gehsteig im Westernstil, Kinder bettelten um ein Eis und ein Pferd schnaubte an der Stange vor dem Saloon Slippery Otter. Sie stieg in ihren Chevy-Pick-up, dessen von der Sonne ausgebleichter blauer Lack von Rost!ecken übersät war, und legte Jenny neben sich auf den Sitz. »Wir sind bald zu Hause, Süße«, versprach Claire und drehte den Zündschlüssel. Ihre Tochter hatte Hunger, war müde und brauchte vermutlich eine frische Windel. Wenn Red heute Abend von der Arbeit nach Hause kam, würde sie ihn nach Dell Henshaw fragen … und sich erklären lassen, was es mit Helen Eagles Andeutung auf sich hatte. Der Motor ruckelte und erstarb. Sie versuchte es noch einmal. Dieses Mal sprang der Motor kurz an … doch dann verstummte er wieder. »Brauchen Sie Hilfe, Mrs Wilder?«, fragte eine raue Stimme durchs offene Autofenster. »Helen erlaubt Ihnen bestimmt, Red von ihrem Ladentelefon aus anzurufen.« Claire schaute aus dem Fenster und sah Grace Miller, die neben ihrem Pick-up auf dem Gehsteig stand. Die Frau trug Männerjeans und trotz der Augusthitze ein langärmeliges Hemd. Ein abgetragener Cowboyhut warf einen Schatten auf ihr faltiges Gesicht, und zwei silberfarbene Zöpfe leuchteten in der Sonne. Sie brauchte tatsächlich Hilfe, auch wenn sie das nur sehr ungern zugab. »Mrs Miller«, sagte Claire laut, um Jennys Weinen zu übertönen. »Wären Sie so nett und würden Jenny für einen Moment halten?« Claire hob Jenny aus der glühend heißen Fahrerkabine und drückte sie Grace Miller in die Arme. Wie durch ein Wunder verstummte Jennys Weinen und Claire atmete erleichtert auf. Ihre Tochter war von einem neuen Gesicht immer fasziniert, selbst wenn es so finster dreinblickte wie Grace Millers. »Sieh einer an.« Grace Miller blickte auf Jennys tränennasse Wangen und große blaue Augen hinab. »Ich glaube, sie mag mich.« 14
Claire beugte sich nach unten, um den Schraubenschlüssel hervorzuholen, während ihre Gedanken um Dell und Beth Henshaw kreisten. Und um Red. Grace Miller wohnte schon ihr ganzes Leben lang in West Yellowstone … aber es erschien ihr nicht richtig, sie über die Henshaws auszufragen. Oder nach ihrem eigenen Ehemann. Als hätte Grace Miller Claires Gedanken gelesen, warf sie ihr einen Blick von der Seite zu. »Das mit Dell Henshaw ist schlimm.« Claire nickte. »Pete und Iris haben schon ihren älteren Sohn in Korea verloren«, sprach Grace Miller weiter. »Jetzt ist Dell auch noch tot und die beiden sind ganz allein.« Claire unterbrach ihre Arbeit und blickte mitfühlend auf. »Oh, wie schrecklich.« Die Henshaws hatten nicht nur einen Sohn, sondern ihre beiden Kinder verloren. Grace seufzte. »Und Beth ist noch so jung und schon Witwe.« Claire schob die schwere Motorhaube des Pick-ups hoch, stützte sie mit der Metallstange ab, wie Red es ihr gezeigt hatte, und dachte an das junge Paar, das sie vor fast zwei Jahren kennengelernt hatte – in dem Sommer, in dem sie in den Yellowstone-Nationalpark gekommen war und Red kennengelernt hatte. Sie hatte sofort gesehen, dass Beth und Dell ineinander verliebt gewesen waren. »Sie wissen, dass Beths Eltern sie enterbt haben, als sie Dell geheiratet hat?«, erzählte Grace Miller weiter, als hätte Claire sie um weitere Details gebeten. »Genauso wie ihr Onkel.« Grace rettete ihre Lederbänder aus Jennys Griff, bevor das Baby sie in den Mund stecken konnte. »Natürlich ist Wormsbecker nicht gerade dafür bekannt, dass er ein weiches Herz hätte.« Claire stieg auf die vordere Stoßstange des Pick-ups und beugte sich über den Motor, um an den Vergaser heranzukommen. Sie hatte schon von Walt Wormsbeckers harter, unnachgiebiger Art gehört, aber die Information über Beths Eltern war ihr neu. Claire schlug mit dem Gabelschlüssel kräftig auf den Vergaser. Sie 15
wusste auch nicht, was zwischen Dell und ihrem Mann vorgefallen war, das zum Bruch ihrer Freundschaft geführt hatte. Als sie in Riverside angekommen war – frisch verheiratet und im siebten Himmel –, war sie in ihre Rolle als Hausfrau geschlüpft und hatte Red vorgeschlagen, dass sie Dell und seine junge Frau zum Essen und einer Partie Bridge einladen könnten. »Wir hatten einen Streit«, war Reds ganze Antwort gewesen. Da er ihrem Blick ausgewichen war und geschwiegen hatte, hatte sie nicht nachgebohrt. Sie wusste aus eigener Erfahrung, dass man über manche Dinge nicht gern sprach. Grace Miller kam um den Pick-up herum, um ihr zuzuschauen. »Dell und Red waren bis zu diesem Schlamassel dicke Freunde, wissen Sie.« Claires Hand, die mit dem Gabelschlüssel zum nächsten Schlag auf den Vergaser ausholte, erstarrte in der Luft. Dicke Freunde. Den Bären nicht reizen. Bis zu diesem Schlamassel. Warum schienen die Bewohner von West Yellowstone in einem Geheimcode zu sprechen, den sie nicht verstand? Sie konnte sich nur mühsam die Frage verkneifen, was dieser Schlamassel gewesen war. Sie sollte Red fragen, worauf Grace Miller und Helen Eagle anspielten. Claire setzte sich wieder hinters Lenkrad. Ihre Jeans-Caprihose war mit Öl verschmiert und ihre ärmellose Baumwollbluse war schweißgebadet. Sie drehte den Schlüssel und trat aufs Gaspedal. Der Motor ruckelte, stockte und knatterte schließlich laut. Gott sei Dank! Sie ließ ihn vorsichtshalber einige Male aufheulen. Sie wollte einfach nur nach Hause, Jenny schlafen legen und dann das Abendessen für Red zubereiten. Auch wenn sie seit Jahren kein Wort miteinander gewechselt hatten, würde Red um seinen früheren Freund trauern. Sie rutschte aus dem Pick-up und streckte die Arme nach Jenny aus. Grace Miller war noch nicht bereit, das Baby wieder herzugeben. Grace lächelte auf Jenny hinab, die sie mit großen Augen anstarrte, und erzählte ihr mit etwas höherer Stimme. »Ich habe ge16
hört, dass dein Papa und Dell vor zwei Tagen abends im Slippery Otter aneinandergeraten sind.« Claire runzelte die Stirn und blickte zur Kneipe von West Yellowstone auf der anderen Straßenseite hinüber. Das konnte nicht sein. Red ging nicht in den Slippery Otter, und wenn er mit Dell Henshaw eine Auseinandersetzung gehabt hätte, hätte er ihr davon erzählt. Oder nicht? Sie nahm Jenny aus Grace Millers Armen und drückte sie fest an sich. Die Frage rutschte ihr heraus, bevor sie es verhindern konnte, und ihre Bemühungen, nicht neugierig zu erscheinen, waren dahin. »Wann war das, Mrs Miller?« Grace zog überrascht die Brauen hoch. »Am Sonntagabend, soweit ich gehört habe.« Claires Magen zog sich verkrampft zusammen. Sie wandte sich abrupt ab und legte Jenny auf den Wagensitz des Pick-ups. »Ich muss sie nach Hause bringen. Danke für Ihre Hilfe, Mrs Miller.« »Es war nett, mit Ihnen zu plaudern, Mrs Wilder«, erwiderte Grace Miller. Claire legte den Gang ein und reihte sich in den Touristenverkehr ein. Ihr gingen alle möglichen Fragen durch den Kopf. Sollte sie ihren Mann nicht besser kennen als Grace Miller und Helen Eagle? Die Worte ihres Vaters – unmittelbar, bevor er sich geweigert hatte, sie zum Altar zu führen, wo Red Wilder auf sie gewartet hatte – hallten in ihren Ohren wider. Du kennst ihn doch gar nicht, Claire. Mach nicht den größten Fehler deines Lebens.
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Kapitel 2
Red Red saß mit einem Bier, das er nicht wollte, in der Gesellschaft von Leuten, die er nicht besonders mochte, an der Theke des Slippery Otter. Er zwang sich, einen Schluck Bier zu trinken, obwohl seine Kehle wie zugeschnürt war und er einen bitteren Geschmack im Mund hatte. Dell war tot. Dieser dumme Kerl. Der Tag hatte schon schlecht begonnen, als er am Morgen auf Rosie auf die Sunnyslope Ranch geritten war und David Endicotts babyblauen Cadillac entdeckt hatte. Sunnyslope gehörte zu den größeren Ranches im Umkreis von West Yellowstone und war für jemanden wie Red an den meisten Tagen ein guter Arbeitsplatz. Walt Wormsbecker hatte von da oben einen schönen Blick auf den Hebgen Lake. Er hatte ein dreistöckiges Ranchhaus, eine Schlafbaracke für seine Männer und ein paar Gästehütten. Er hatte zweihundert Rinder und dreißig Pferde, aber Reds Chef verdiente sein Geld hauptsächlich mit Angelaus!ügen und Jagdaus!ügen, die er für Touristen anbot. Die meisten Cowboys und Rancher hassten Touristen, aber Red hatte nichts gegen sie. Er hatte früher in der Großstadt gelebt, und als er in Montana gelandet war, hatte sich sein Leben verändert. Jeder hatte ein Recht darauf, die Schönheit der Natur zu genießen. Nein, Red hatte nichts gegen Touristen – aber gegen Angeber wie David Endicott. Männer, die teure Cowboyhüte und glänzende Stiefel trugen, aber keine Ahnung von Pferden hatten. Die Sonne war gerade über der Absaroka Range aufgegangen, als er Rosies Führstrick an die Stange gebunden hatte und 18
zur Koppel marschiert war, um die Pferde für den Tag zu holen. Auch wenn er Endicott nicht mochte, gehörte es zu seinem Job, sich mit ihm abzufinden. Er hatte gerade Flick – ein trittsicheres Maultier, das schwere Lasten tragen konnte – zum Zaun geführt, als Bucky mit trauriger Miene zu ihm getreten war. »Dell hat’s erwischt«, hatte Bucky mit schmerzerfüllter Stimme geseufzt. Reds Unterkiefer hatte sich verspannt. »Was ist mit ihm?« Falls sich der Junge hatte erwischen lassen und im Gefängnis gelandet war, würde Red ihn nicht herausholen. Dieses Mal nicht. Bucky hatte auf seine Stiefel hinabgeblickt und sein Adamsapfel war gehüpft. »Wormsbecker hat es gerade über Kurzwelle erfahren. Er ist ertrunken.« Red hatte geglaubt, sich übergeben zu müssen, und eine Hand auf Flick gelegt, um sich abzustützen. »Wo?« »Im Yellowstone.« Mit dieser Antwort hatte Red gerechnet. Er hatte Dell vor diesem Fluss gewarnt, aber der Junge hatte nicht auf ihn hören wollen. Er hatte Bucky angesehen und sie hatten beide zu dem babyblauen Cadillac hinübergeblickt. »Glaubst du …?« Bucky hatte Red wieder angeschaut. Red hatte den Kopf geschüttelt. Das könnten sie unmöglich beweisen und wer würde ihm schon glauben? Er hatte sich lieber darauf konzentriert, Flick zu satteln. Pete und Iris Henshaw hatten jetzt auch ihren zweiten Sohn verloren. Wut, Bedauern, Schuldgefühle und eine tiefe Traurigkeit waren in ihm hochgekrochen. Dell, du dummer, dummer Junge. Warum hast du nicht auf mich gehört? Red hatte die Jagdgruppe den Mount Hebgen hinaufgeführt und versucht, nicht an Dell, seine Eltern oder Beth zu denken. Wormsbecker war hinter ihm geritten und hatte erklärt, wo die sechstägige Jagd, die Endicott im Oktober gebucht hatte, stattfinden würde. Endicott war neben seinem Schwiegervater, Ian Meyer, geritten, einem anständigen Mann, der letztes Jahr mit 19
ihnen auf der Jagd gewesen war und einen stattlichen Elch erlegt hatte. Bucky hatte mit einem stämmigen Buchhaltertypen namens Topper, der offenbar noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen hatte, den Abschluss gebildet. Als sie zur Ranch zurückgekommen waren, hatte die tief stehende Sonne bereits lange Schatten auf den Weg geworfen. Endicott hatte Flick mit seinen angeberischen Cowboystiefeln in die Flanken getreten und das Maultier wie bei einem Wettrennen an Red vorbeigetrieben. »Das nächste Mal will ich ein richtiges Pferd«, hatte er sich beschwert, als er aus dem Sattel geglitten war. »Nicht diesen Esel.« Red hatte mit den Zähnen geknirscht. Flick war ein Maultier, kein Esel, und hatte eine bessere Behandlung verdient. »Kommen Sie doch noch mit in den Slippery Otter, Red«, hatte Meyer zu beschwichtigen versucht. »Die Runde geht auf mich.« Red war verschwitzt und staubbedeckt gewesen und hatte einfach nur von Endicott fortkommen und zu Claire und Jenny nach Hause reiten wollen. »Das ist sehr freundlich von Ihnen, Ian«, hatte sich Wormsbecker eingeschaltet. »Red und Bucky versorgen die Pferde und kommen dann nach.« Red hatte den Mund geöffnet, um zu widersprechen, aber Wormsbecker hatte ihn mit einem harten Blick davon abgehalten, sich vorgebeugt und die Stimme gesenkt: »Sie sorgen dafür, dass unsere Kunden mit dem Gefühl nach Hause fahren, dass sie und die Cowboys Freunde geworden sind.« Red hatte resigniert geseufzt. Er konnte es sich nicht leisten, seinen Chef zu verärgern. Jetzt saß er an der Theke und dachte an sein letztes Gespräch mit Dell. Red trank einen weiteren Schluck von seinem Bier und sah, dass Wormsbecker ihn anschaute. Seine finstere Miene forderte Red auf, sich mit den Kunden nett zu unterhalten. Bucky saß ein paar Hocker weiter und hörte Topper zu; deshalb richtete Red seine Aufmerksamkeit auf Meyer. »Wie geht es Ihrer Enkelin, Mr Meyer?« 20
Der ältere Mann grinste. »Sie erinnern sich noch an sie.« Meyer hatte im letzten Herbst pausenlos von dem Mädchen erzählt. »Sie ist unbeschreiblich.« Er zog ein Farbfoto von einer Zehnjährigen mit vorstehenden Zähnen aus seiner Brieftasche. »Sie hat viel Ähnlichkeit mit ihrer Mutter.« Red bewunderte das Bild. »Ein reizendes Mädchen.« Der ältere Mann strahlte. »Haben Sie Familie, Red?« Red nickte. »Eine Frau und eine kleine Tochter.« »Haben Sie ein Foto?«, fragte Meyer. Natürlich hatte er ein Foto. Er zog seine Brieftasche heraus und nahm das Foto, das er vor zwei Wochen aufgenommen hatte, als Jenny vier Monate alt geworden war. »Das schönste Baby der Welt«, sagte er und konnte den Stolz in seiner Stimme nicht verbergen, als er dem Mann das Schwarz-Weiß-Foto zeigte. Endicott beugte sich um Meyer herum und schnappte sich das Bild. »Na ja, Red …« Er schaute es mit hochgezogenen Brauen an. »Ich hätte Sie nicht für einen Familienmenschen gehalten. Zeigen Sie uns auch ein Foto von Ihrer Frau! Ist sie hübsch?« Reds Puls begann zu rasen. Keine zehn Pferde könnten ihn dazu bringen, Endicott ein Foto von Claire zu zeigen. Red streckte die Hand aus, um Jennys Foto Endicotts abfälligem Blick zu entreißen, aber der Mann hielt das Foto so hoch über seinem Kopf, dass Red es nicht erreichen konnte. Red biss die Zähne zusammen und Hitze kroch an seinem Hals hoch. »Geben Sie mir das Foto zurück, Endicott.« »Für Sie immer noch Mr Endicott«, entgegnete Endicott mit zusammengekniffenen Augen. »Und sagen Sie bitte.« »Hör auf, David«, sagte Meyer mit warnender Stimme. Aber Endicott ignorierte seinen Schwiegervater und wandte den Blick nicht von Red ab. »Sagen Sie es.« Bucky schob seinen Hocker zurück und stand auf. Damit teilte er Red stumm mit, dass er da war, falls Red ihn brauchte. Meyer legte Red eine Hand auf die Schulter. »Manches ist es nicht wert, dafür zu kämpfen, mein Junge.« 21
Red wollte ihm widersprechen, aber er wusste, dass Wormsbecker ihn nicht aus den Augen ließ. Mist, alle in der Kneipe verfolgten diese Szene, um zu sehen, ob Red vor diesem Fiesling einknickte. Er ballte die Fäuste und ging im Geiste seine Möglichkeiten durch. Er konnte Endicott die Abreibung verpassen, die er verdiente, und würde seine Arbeit verlieren. Oder er schluckte seinen Stolz hinunter und brachte einen Gehaltsscheck nach Hause. Er warf einen Blick auf Meyer. Der Mann hatte recht. Endicott war das nicht wert. »Geben Sie es mir zurück, Mr Endicott«, sagte Red schließlich mit angespannter Miene. »Bitte.« Endicott schnipste das Foto in eine Bierpfütze auf der Theke. Red nahm es schnell, aber die Flüssigkeit !oss bereits über Jennys schönes Gesicht und das Foto war zur Unkenntlichkeit zerstört. »Und überhaupt«, sagte Endicott so laut, dass seine Stimme in der ganzen Kneipe zu hören war, »ist es nicht das schönste Baby der Welt. Bei Weitem nicht.« Red sah rot. Einiges war es nicht wert, dafür zu kämpfen, wie Meyer gesagt hatte. Aber einiges doch! Reds Faust landete mit einem befriedigenden Knacken an Endicotts Kinn. Das war für Jenny. Endicott ging auf ihn los, aber der korpulente Mann war zu langsam und Red verpasste ihm einen Hieb in den Magen. Das war für Claire. Topper wollte auf Red losgehen, aber Bucky stellte sich ihm in den Weg. Reds Puls pochte in seinen Ohren. Er holte mit der Faust ein letztes Mal aus. Und das – er traf mit einem befriedigenden Krachen David Endicotts Nase – war für Dell. Als Sheriff Eagle in der Kneipe eintraf, hatte Endicott einen Eisbeutel auf der Nase und Wormsbecker kochte vor Wut. »Red«, knurrte sein Chef, als der Sheriff ihn und Bucky in den Streifenwagen setzte, »morgen brauchen Sie nicht auf die Ranch zu kommen. Sie sind gefeuert.« 22