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Dani Pettrey

ZWEI SEKUNDEN ZU SPÄT


Prolog Peng. Die Kugel traf hinter Rileys Rücken auf den Wagen und gleich darauf hallte das Echo des gegnerischen Geschosses in der stickigen Lu! des Schrottplatzes wider. Während Riley sich neben dem Haufen verzogenen Metalls duckte, der einmal ein schicker Porsche gewesen war, zertrümmerte ein zweiter Schuss das Fenster auf der Fahrerseite. Riley versuchte, ihren Kopf abzuschirmen, aber ohne Erfolg. Glasscherben regneten auf sie nieder und blieben in ihren Haaren hängen. Ein Splitter schnitt in Rileys Wange. Das Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust und raubte ihr den Atem. Sie umklammerte ihre SIG, den Finger am Abzug. Schweiß lief ihr über die Stirn und trübte ihre Sicht. Greyson hatte recht. Es war eine schlechte Idee gewesen. Wenn sie doch nur auf ihn gehört hätte – wenigstens dieses eine Mal. »Du bist tot!«, rief Pete Scarletto mit einem hämischen Lachen. Bitte kommt. Warum brauchte die Polizei so lange? Riley atmete langsam aus. Bitte, Gott, hilf, dass niemand sterben muss. Sie hatte noch nie einen Menschen getötet und wollte auch jetzt nicht damit anfangen. Sie konnte zwar schießen, aber ein Mann war etwas ganz anderes als Flaschen auf einem Zaunpfahl. »Hast du gehört? Du bist tot!«, brüllte der besagte Mann und die Wut in seiner Stimme klang in Rileys Brustkorb nach. Sie bewegte sich, aber die scharfe Kante der Stoßstange durchschnitt ihre Jacke und verletzte ihren Rücken. Riley unterdrückte einen Aufschrei. Sie dur!e auf keinen Fall ihre Position verraten. Ein he!iger Schmerz brannte an ihrem Ohr und gleich darauf ertönte der Widerhall eines Schusses, der sie gestrei! hatte. Sie 5


war so gut wie tot. Jetzt ruhte alle ihre Hoffnung darauf, dass die Polizei der Sache ein Ende bereitete, bevor sie abdrücken musste. Bitte beeilt euch doch! Bitte. Ich will das nicht tun. Aber Pete ließ ihr keine Wahl. Die Entscheidung war klar: er oder sie. Heiße Tränen liefen über Rileys Wangen und ihr Herz raste, während das Adrenalin in ihren Gliedern brannte. Jetzt hörte sie Schritte. Näher. Noch näher. Riley hielt die Lu! an. Petes ausgestreckter Arm mit der Beretta erschien in ihrem Blickfeld, sein Finger am Abzug. Dann trat er um den Porsche herum und Riley drückte ab.

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1 Drei Klicks rechts und … Das Schloss sprang auf. Kelly Frazier triumphierte. Endlich hatten sie es geschafft. Jared drückte ihre Schulter. Das war’s. Der Moment, auf den sie so lange hingearbeitet hatten. Ohne ein Wort hob er den Arm. Kellys Blick huschte zu dem erleuchteten Ziffernblatt seiner Uhr hinüber. Drei Minuten hatten sie, mehr nicht. Kelly drehte den Griff und die dicke Tresortür öffnete sich. Mit ihrer Stablampe leuchtete Kelly hinein und ein Lächeln erschien auf ihren Lippen, als sie die Geldstapel sah. Vergeltung. Das hatte sein müssen. Ohne zu zögern, schaufelte sie den Inhalt des Safes – schwarze Samtbeutel, Pässe und Bargeld – in den Hartschalenkoffer. Jared ließ den Koffer zuschnappen und hielt den Arm mit der Uhr hoch, deren Sekundenzeiger unbarmherzig weiter vorrückte. Weniger als eine Minute. Kelly schloss den Tresor und hängte das kitschige Gemälde wieder vor den Wandsafe. Auf dem Flur waren Stimmen zu hören. Für den Bruchteil einer Sekunde schloss sie die Augen. Sie kamen. Anderthalb Stunden später sah sie zum x-ten Mal in den Rückspiegel. Irgendjemand musste sie doch verfolgen. Das stand außer Frage, aber wo war er? Hatte er sie schon gefunden und spielte jetzt mit ihr? Oder, schlimmer noch, wartete er ab und beobachtete sie? Kelly betete, dass sie noch genug Munition hatte, um die Lieferungen durchzuführen, und nicht genug, um sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen. 7


Sie raste über die Autostraße 84 nach Süden, während ihr Brustkorb sich zusammenzog und ihr Atem flacher wurde. Keine Panik. Und halte dich an den Plan. Die erste Station betraf den Koffer auf ihrem Beifahrersitz, die zweite Riley MacLeod.

*** Riley fuhr im Bett hoch. Schweißgebadet blinzelte sie, während sie am ganzen Körper vor Angst zitterte. Nicht schon wieder. Ein Monat war vergangen und immer noch plagten sie Albträume. Tief einatmen. Ausatmen. Der Atem entwich nur zögernd und keuchend. Riley schlug die Bettdecke zurück und fuhr sich mit einer zittrigen Hand durch ihre feuchten Haare. Ihre Seele und ihr Körper waren müde, als sie die Füße auf den winterkalten Fußboden setzte. Selbst im wachen Zustand verfolgten Petes tote, starre Augen sie noch. Riley stand auf und eilte zu dem Haken an der Wand, um ihren Bademantel überzustreifen. Dann lief sie auf Zehenspitzen zu ihren Plüschpantoffeln, die an der gegenüberliegenden Wand standen. Es war der kälteste Dezember seit wer weiß wie vielen Jahren. Im Halbschlaf schlur!e sie in die Küche im hinteren Teil des Hauses. Die Fenster dort gaben den Blick auf die Berge frei, die sich bis zum Himmel erstreckten. Riley gähnte und hoffte, dass sie daran gedacht hatte, die Kaffeemaschine zu programmieren. Sie sah zu der roten Maschine hinüber, die aromatischen Kaffee in die Glaskanne tropfen ließ. Zum Glück. Wieder einmal hatte sie nicht einschlafen können. Sie hatte keine Wahl gehabt, was Pete betraf. Er oder sie, das hatte außer Frage gestanden. Warum also wurde ihre Seele noch immer von Schuldgefühlen geplagt? Warum konnte ihr Herz nicht heilen? Riley lehnte sich an die Küchenzeile und goss dampfenden Kaffee in einen Becher. 8


Apropos Herz … ihr Blick wanderte zu dem Foto ihrer Privatdetektei. Sie lächelte, als sie die bunte Truppe sah. Alle ziemlich zerknittert, abgesehen von Greyson Chadwick, der immer schicke Anzüge trug, die ihm unglaublich gut standen. Riley bemerkte den Anflug eines Lächelns auf seinem Gesicht. Wenn sie eine Stunde in der Zeit weiterspringen könnte, wäre sie jetzt gerade mit ihm zusammen im Büro. Dann würde sich wieder dieses merkwürdige Gefühl inneren Friedens in ihr ausbreiten, das sie immer verspürte, wenn sie in seiner Nähe war – jedenfalls eine Zeit lang. Ihn zu sehen, das war für sie der beste Teil ihres Tages. Sie seufzte. Wenn das doch nur auf Gegenseitigkeit beruhen würde! Das leise Summen eines Motors ertönte in der Ferne. Seltsam. Es war nicht das Brummen von Deckards SUV und auch nicht der neue Ford Bronco ihres anderen Bruders Christian. Das Geräusch entfernte sich von ihrem Haus in Richtung Osten. Noch seltsamer. Niemand außer ihnen dreien benutzte den Schleichweg zur Ranch. Riley stellte ihren Kaffeebecher ab und ging in den vorderen Teil des Hauses, weil sie wissen wollte, wer so früh am Morgen hier gewesen war. Ein leises Knirschen von Kies drang von der Auffahrt herüber, die zum Haupthaus führte, in dem Deckard wohnte, und verklang dann. Die Sonne schien durch die Glasscheiben zu beiden Seiten der Eingangstür. Riley öffnete die Tür und wollte gerade das Fliegengitter aufstoßen, als sie etwas unter der Fußsohle spürte. Sie trat einen Schritt zurück und blickte zu Boden. Ein weißer Umschlag lag zwischen den beiden Türen. Riley bückte sich, hob ihn auf und betrachtete die Beule im Papier. Dann drehte sie den Umschlag um. Lass ihn nicht aus den Augen. Ich vertraue dir. Das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden, ließ Riley frösteln, während sie die Worte, die auf den Umschlag gekritzelt wa9


ren, sacken ließ. Wer vertraute ihr und was vertraute diese Person ihr an? Nachdem sie den Blick über die Ranch hatte schweifen lassen und ihr alles ruhig erschien, wandte Riley ihre Aufmerksamkeit wieder dem Umschlag zu. Sie musterte die Handschri! in der Hoffnung, den Absender identifizieren zu können, doch … vergebens. Irgendwie kam ihr die Schri! bekannt vor, aber sie konnte sie nicht einordnen. Schließlich schob Riley einen Finger unter die Umschlagklappe, riss sie auf und zog einen Schlüssel heraus. Sie runzelte die Stirn. Was sollte das denn? Sie betrachtete den goldenen Schlüssel und die Zahl 315, die in weißer Schri! auf dem blauen Plastikanhänger stand. Wieder hatte sie das starke Gefühl, dass jemand hier war, und sie bekam eine Gänsehaut. Riley sah sich noch einmal auf dem Grundstück um und ihr Blick blieb an der großen Gruppe Pinyon-Kiefern auf der anderen Seite der Auffahrt hängen. Ein Schatten bewegte sich – die Silhouette eines Mannes, der zwischen den Bäumen hindurchlief. Riley rannte ins Haus, um ihre Waffe zu holen, und dann zurück zur Tür, wo sie gegen etwas Hartes stieß. »Umpf.« Sie hob ihre SIG und blickte den Lauf der Waffe entlang auf ihr Ziel. »Nicht den Boten erschießen«, sagte Greyson hastig mit erhobenen Händen. »Los! Da ist jemand zwischen den Bäumen.« Riley rannte auf die Person zu, dicht gefolgt von Greyson. Als sie bei der Baumgruppe ankamen, durchsuchten Greyson und sie die Stelle von beiden Seiten. Wer auch immer sich dort aufgehalten hatte, war nicht mehr da. »Was ist los?«, fragte Greyson. »Ich weiß nicht, aber das wollte ich gerade herausfinden, als ich mit dir zusammengestoßen bin.« Sie blinzelte in die Morgensonne und schirmte ihre Augen mit der freien Hand ab. »Was machst du eigentlich hier?« Plötzlich fiel Riley ein, dass sie Nachthemd 10


und Bademantel trug, und sie spürte, wie ihre Wangen warm wurden. »Deck hat mich vor der Arbeit zum Kaffee eingeladen. Als ich hier ankam, sagte er, er hätte ein Fahrzeug gehört, und wollte, dass ich nach dir sehe, weil du nicht ans Telefon gegangen bist. Er sucht gerade nach dem Eindringling, weil die Person nicht am Haupthaus geparkt hat, wie ein Besucher der Ranch es tun würde, den ihr kennt.« »Oh …« Riley biss sich auf die Lippe. »Ich bin ziemlich sicher, dass ich mein Handy im Schlafzimmer gelassen habe.« Greyson senkte den Kopf ein wenig, während seine Augen – eine Mischung aus Grau und Grün wie der Himmel bei einem Unwetter im Juli – sie unverwandt ansahen. »Alles in Ordnung?«, fragte er und in seiner tiefen Stimme schwang Besorgnis mit. »Ich habe ein Auto gehört und dann habe ich einen Schatten gesehen. Die Silhouette eines Mannes, zwischen den Bäumen.« »Ich habe auch Autos gehört«, sagte Deck, der jetzt mit einem Gewehr in der Hand näher kam. Ihr Bruder war groß gewachsen, ein hervorragender Schütze und attraktiver, als gut für ihn war – die Frauen lagen ihm zu Füßen. Alle außer einer. »Autos? Plural?« War noch ein anderer Wagen hier gewesen, bevor sie aufgewacht war? Was machten zwei unerwartete Fahrzeuge bei Sonnenaufgang auf ihrer Ranch? »Ich habe sie auch gehört«, sagte ihr Bruder Christian. Er kam aus der entgegengesetzten Richtung dazu. Sein Haus war am weitesten entfernt. Drei Häuser für drei Geschwister. Die Vierte von ihnen führte immer noch das Leben, das sie hinter sich gelassen hatten. Riley zog eine Grimasse. Sie dachte nicht gerne an sie. Nicht nach allem, was geschehen war. Nach so viel Kummer. »Ich habe Reifenspuren hinterm Haus gesehen«, ergänzte Deck. Greyson ging zu den Bäumen zurück. Deck hob das Kinn, als Greyson an ihm vorbeiging. »Was ist?« »Ri hat hier drüben jemanden gesehen. Ich will nur mal gucken.« 11


»Ich komme gut allein klar.« Trotz ihrer morgendlichen verschlafenen Erscheinung war sie sehr gut in der Lage, nach Spuren zu suchen, die der Eindringling hinterlassen haben könnte. Sie war die Fährtenleserin in der Familie und in ihrer Privatdetektei. Also gesellte sie sich in dem schattigen Hain zu Greyson und betrachtete die Stiefelabdrücke. Größer als die Schuhe ihrer Brüder, und das wollte was heißen, denn Christian hatte Schuhgröße 45. Diese mussten 47 sein. Grey folgte den Reifenspuren, die zum Hintereingang der Ranch führten. »Wer auch immer es war, ist jetzt weg.« Riley ließ die Waffe sinken. »Du hast niemanden erwartet?«, fragte Deck Christian. Der schüttelte den Kopf und beide Brüder sahen Riley an. »Nein, aber jemand hat das hier bei mir eingeworfen.« Sie fischte den Umschlag heraus, den sie in die Tasche ihres Bademantels gestop! hatte. »Was ist das?«, fragte Grey mit einer hochgezogenen Augenbraue. Riley gab ihm den Umschlag mit dem Schlüssel. »Ich ziehe mich an.« »Da steht kein Absender drauf!«, rief er ihr nach. »Stimmt.« »Hast du eine Ahnung, von wem er ist?«, fragte Greyson und holte sie mit wenigen Schritten ein. »Ganz und gar nicht.« Riley zuckte mit den Schultern und stieg zur Veranda hinauf, während ihre Brüder in beiden Richtungen den Reifenspuren folgten, um zu sehen, wohin sie führten. Grey räusperte sich. »Klingt nicht gut.« »Ist es wahrscheinlich auch nicht.« Riley trat über die Schwelle. »Das gefällt mir nicht.« »Kann ich mir vorstellen.« Abgesehen von den Umständen musste Riley immer lächeln, wenn sie diesen Mann ärgern konnte. »Es könnte gefährlich sein.« 12


»Das würde ich auch sagen.« Greyson lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme. »Wie es aussieht, ist mal wieder jemand darauf aus, dich in Schwierigkeiten zu bringen.« Vielleicht sollte sie diesmal auf seine Warnung hören, anstatt sich in diese neue Sache zu stürzen. Aber sie war einfach zu dickköpfig. Jedenfalls im Moment noch. Solange das alles nicht endete wie bei Pete Scarletto. Schon bei dem Gedanken an ihn zog sich Rileys Brustkorb zusammen. Greyson sah sie prüfend an. »Was ist los?« »Was meinst du?« Super Antwort, Ri. »Irgendwas stimmt doch nicht. Das sehe ich an deinen Sorgenfalten auf der Stirn.« Riley versuchte, ihre Stirn zu glätten. »Das nützt nichts«, sagte Greyson und folgte ihr ins Haus, als sie die Tür für ihn au&ielt. Sie hob ihren Becher mit dem inzwischen kalten Kaffee hoch und leerte ihn dann in einem Zug. »Nimm dir ruhig.« Sie zeigte auf das Regal mit den Bechern. »Danke.« Er nahm einen Becher vom Haken, drehte ihn um und füllte ihn bis zum Rand. »Also, was ist los?« Na, zum Beispiel, dass sie jedes Mal, wenn ein neuer Fall begann, an Pete Scarletto denken musste. Natürlich würde nicht jeder Fall so enden. Das wusste Riley, aber ihre Gefühle wollten ihr etwas anderes weismachen.

*** Diese dumme Kuh warf einen Schlüssel im Haus irgendeiner wildfremden Frau ein. Ausgerechnet einer, die bewaffnet war und auf dieser seltsamen Ranch noch drei bewaffnete Männer um sich hatte. Der Schlüssel sah aus, als gehöre er zu einem Spind, soweit er das aus der Entfernung beurteilen konnte … aber wofür? Sie konnte den Inhalt des Tresors überall auf dem Weg zur Ranch 13


versteckt haben, während er ihr auf den Fersen gewesen war. Beinahe hätte er sie erwischt. Beinahe. Er knirschte mit den Zähnen. Warum diese Ranch? Diese Frau? Am Ende spielte es keine Rolle – solange er nur den Schlüssel in die Finger kriegte. Er betrachtete das Haus durch sein Fernglas. Irgendwann musste die Frau das Haus verlassen und dann würde er sich den Schlüssel holen. Wenn sie nicht ging, würde er bis zum Einbruch der Dunkelheit warten, zu ihrem Haus laufen und sich das Ding notfalls mit Gewalt holen.

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2 Um Viertel vor neun fuhr Riley auf den Parkplatz von MES – MacLeod Ermittlungen und Sicherheit. Sie war ganz begeistert von dem neuen Schild mit seinem eleganten bronzefarbenen Schri!zug. Hoffentlich gefiel den Jungs ihre Wahl, aber wie sie die anderen kannte, hatten die vermutlich längst vergessen, dass sie ein neues Schild in Au!rag gegeben hatte. Riley parkte ihren Wagen und lächelte. Alle waren noch etwas nervös gewesen, als sie von der Ranch aufgebrochen war. Greysons Range Rover hatte in ihrem Rückspiegel in der Morgensonne geglänzt, während sie die lange Auffahrt hinuntergefahren war, die zu ihrem Haus führte. Er war ganz dicht hinter ihr gewesen, aber jetzt war nichts mehr von ihm zu sehen. Nur Deckards Pick-up stand auf dem Parkplatz. Sie stieg aus ihrem Wagen und grinste. Endlich. Endlich hatte sie ihn geschlagen. Dafür hatte sie sich aber auch über serpentinenartige Nebenstraßen schlängeln müssen, bis sie ihn schließlich auf dem Weg von der Ranch zum Büro abgehängt hatte. Es war albern, aber es war ein Wettkampf und Riley verlor nicht gern. Grey ging es ganz genauso. Sie eilte durch san! herabfallende Schneeflocken über den Parkplatz und rieb sich die Arme, während sie einen Blick in den drohend dunklen Himmel warf. Das war nur die Vorhut, da war noch weit mehr im Anmarsch. Als sie das Gebäude betrat, schüttelte Riley das Frösteln ab, das eine Gänsehaut auf ihren Armen hinterlassen hatte. Sie trat zum Aufzug und drückte den Knopf. Die Tür öffnete sich und Riley zog ihren Ausweis durch das Lesegerät, um zu ihrem Stockwerk hinaufzufahren. Jeden Tag staunte sie, wenn ihr wieder neu bewusst wurde, wo sie jetzt waren und was ihnen anvertraut war. 15


Wenn sie daran dachte, aus welcher Grube sie sich nach oben gekämp! hatten. Der Aufzug hielt ruckelnd mit einem Ping an. Riley lief zur Bürotür und gab den Code ein. Als sie die Tür öffnete, sah sie Greyson an seinem Schreibtisch sitzen. Sie seufzte. »Wie … was … machst du hier?« Greyson lehnte sich auf seinem Bürostuhl zurück, die Hände hinterm Kopf gefaltet und das charmante Lächeln auf den Lippen, das jedes Mal diese seltsame Wirkung auf Riley entfaltete. »Ich arbeite hier.« »Dein Wagen steht nicht auf dem Parkplatz.« Riley wischte die Schneeflocken von ihrem dunkelgrünen Wintermantel und legte ihren flauschigen weißen Schal und die Handschuhe ab. »Der Rover ist in der Werkstatt.« Sein Lächeln wurde breiter und um seine schönen Augen erschienen Fältchen. In diesen gefühlvollen Augen lag so viel Tiefe. Eine Tiefe, in der sie gerne versinken würde. »Du dachtest, du hättest mich geschlagen, oder?« Greyson beugte sich vor und stellte seine Füße auf den weichen grauen Teppich. »Ach Kinder, kommt schon!« Deckard seufzte, als er aus dem hinteren Flur kam, eine Mappe in der Hand. »Ihr habt euch also schon wieder ein Duell geliefert, wer als Erstes hier ist?« Er schüttelte den Kopf. »Als Greyson wie ein Irrer hier hereinrannte, wusste ich, was Sache ist.« »Oh.« Riley zog die Augenbrauen hoch. »Du bist also gerannt?« »Ach was, nur schnell gegangen.« Er zwinkerte und ihr Herz stockte. Deck tippte auf die Akte in seiner Hand. »Wenn ihr euch dann vielleicht mal auf eure Arbeit konzentrieren wollt … findet ihr mich im Besprechungsraum.« Er verschwand wieder im Flur, sodass Riley und Greyson allein zurückblieben. Eigentlich sollte Christian schon längst da sein, aber er hatte noch bei seiner Freundin vorbeifahren und ihr Kaffee und eine Zimtschnecke vorbeibringen wollen. Es konnte also noch dauern. 16


Greyson stand auf und zeigte in die Richtung, in der Deck gerade verschwunden war. »Nach dir.« Riley schmerzte ihre Niederlage immer noch, aber sie ging voran zu dem Raum, den sie als »Rundes Zimmer« bezeichneten. Als er eintrat, zog Greyson einen Stuhl für sie heraus. »Danke.« Riley setzte sich an den runden Tisch, der dem Sitzungszimmer seinen Namen gegeben hatte. Dann nahm sie ein Karamellbonbon aus der Schüssel auf dem Tisch, schob es sich in den Mund und hoffte, dass ihr hämmerndes Herz sich bald beruhigte. Wie kam es, dass Greyson diese Wirkung auf sie hatte? Ein einfaches Zwinkern seinerseits und schon wurde sie rot. Greyson runzelte die Stirn. »Ist dir zu warm? Ich kann die Heizung herunterdrehen.« Riley nahm einen der leeren Notizblöcke vom Tisch und fächelte sich damit Lu! zu. »Gute Idee.« Hoffentlich ahnte Grey nicht den wahren Grund für ihre erhitzten Wangen. Als er gerade das Thermostat einstellte, kam Christian herein. Er grinste schief. »Sorry, dass ich zu spät komme.« Deckard hob das Kinn und lächelte verschmitzt. »Was hattet Andi und du denn so lange zu bereden?« Riley schlug ihre in Stiefeln steckenden Füße übereinander und schüttelte den Kopf. Seit Andi und Christian sich vor einigen Monaten bei einem Fall kennengelernt hatten, waren die beiden nahezu unzertrennlich. Kein Wunder. Christian hatte in ihr endlich jemanden gefunden, der es mit ihm aufnehmen konnte. Er setzte sich und drehte sich auf seinem Stuhl zu Deckard. »Wenn du ein Mädchen hast, werde ich dich genauso aufziehen.« Deck stieß einen frustrierten Laut aus. »Da kannst du lange warten.« »Wahrscheinlich nicht so lange, wie du glaubst«, murmelte Riley in sich hinein. Sie mochte Harper Grace, die zu einem humanitären Einsatz aufgebrochen war, nachdem sie mit Deckard zusammen an einem Korruptionsfall gearbeitet hatte. Das war drei Monate her, und auch wenn Deck es leugnete, vermisste er sie seitdem jeden Tag. 17


Er beugte sich vor. »Können wir uns jetzt bitte auf die Arbeit konzentrieren?« »Nur zu«, antwortete Christian. »Erstens«, begann Deck, »ist die Sache Todd Miller abgeschlossen. Er ist wegen Betrugs in zwei Fällen angeklagt.« »Hoffen wir, dass er nicht mit einer Geldstrafe davonkommt und die Gefängnisstrafe nicht schon mit der U-Ha! erledigt ist«, sagte Riley und stützte die Ellbogen auf die Tischplatte. Männer wie Todd Miller hatten o! Erfolg damit, dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen. Aber sie hoffte, dass es diesmal nicht so war. Deckard lachte leise und mit einem Anflug von Sarkasmus. »Hoffen können wir natürlich immer. Aber ihr wisst ja, wie die meisten Betrugsfälle laufen, vor allem, wenn die Verbrecher reich sind und sich teure Anwälte leisten können.« Es war frustrierend. Riley nahm sich noch ein Karamellbonbon, wickelte es aus und legte das Papier auf den Tisch, um es später wegzuwerfen, obwohl sie es o! vergaß, was Greyson wahnsinnig machte. Er fand überall zusammengeknüllte Bonbonpapiere. Manchmal machte sie das sogar extra, um ihn zu ärgern und um den Anflug eines Lächelns bei ihm zu sehen, während er den Kopf schüttelte. Rileys Handy ertönte mit der Melodie von Brown Eyed Girl und sie zog es aus ihrer Jeanstasche. »Sorry, aber ich glaube, da sollte ich drangehen.« Das letzte Mal, dass Veronica Gaiman – demnächst Melling – angerufen hatte, war es ein Fall für Christian und Andi gewesen. »Alles gut«, nickte Deck. »Hallo Veronica«, sagte Riley, während sie sich fragte, ob die Frau versehentlich die falsche Nummer gewählt hatte. Sie hatten in letzter Zeit ö!er miteinander gesprochen und waren mittlerweile gut miteinander bekannt, weil Kelly Frazier eine gemeinsame Freundin war. »Was gibt’s?« Veronicas Stimme klang äußerst besorgt. »Kelly ist verschwunden.«

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3 »Warte, ich stelle dich laut«, sagte Riley. »Die anderen sind auch hier.« »Okay«, antwortete Roni und es klang atemlos. »Wie lange wird Kelly schon vermisst?« »Kelly, deine neue Freundin?«, fragte Greyson mit gerunzelter Stirn. Riley nickte und setzte sich neben sie, wobei sein Knie das ihre flüchtig berührte. Ein Gefühl der Geborgenheit durchströmte sie. Wie konnte eine einfache Berührung eine solche Reaktion hervorrufen? Aber das tat sie – immer. »Ich habe sie gestern gegen elf das letzte Mal gesehen«, sagte Roni. »Als ich heute Morgen aufgewacht bin, war sie nicht mehr da. Tate und sie hatten gestern Abend einen he!igen Streit.« Riley schlug das Deckblatt ihres Notizblocks zurück und notierte diese Informationen. »Kellys Freund?« Sie hatte von Tate gehört, ihn aber nie getroffen. »Genau. Kelly wirkte ganz verängstigt, als ich mit ihr gesprochen habe, und jetzt ist sie verschwunden.« »Verängstigt weswegen?« Riley tippte mit ihrem Sti! auf den Notizblock. Veronica schnau!e. »Wegen ihres Streits mit Tate.« »Was ist los?«, wollte Deck wissen. »Du klingst, als wärest du außer Atem.« »Ich wandere.« »Okay …« Riley runzelte die Stirn. Warum rief sie von einer Wanderung aus an? Sie schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf die Informationen. »Angst ist eine merkwürdige Reaktion auf einen Streit.« Wut. Tränen. Die waren üblich. »Ich dachte, sie macht sich Sorgen, wie er reagieren könnte.« 19


Riley beugte sich vor. »Du meinst, sie hatte Angst, Tate könnte ihr was antun?« »Ich weiß nicht.« Veronicas angestrengte Atemzüge beruhigten sich. »Endlich.« Sie seufzte erleichtert. »Endlich?« Deck zog eine Augenbraue hoch. »Endlich oben angekommen.« Roni nieste. »Sorry. Pollenallergie.« »Ich muss dich etwas fragen«, sagte Deck. »Warum rufst du von einer Wanderung aus an? Hast du gerade erst erfahren, dass Kelly verschwunden ist?« »Nein, aber ich wollte den Tratschtanten entfliehen und in meinem Zimmer wird gerade sauber gemacht.« »Tratschtanten?«, hakte Riley nach. »Ich bin in so einem noblen Retreat-Center und die anderen Frauen hier sind ziemlich neugierig.« »Verstehe.« Riley wechselte das Thema. »Lass uns mal kurz zurückgehen. Hast du versucht, Kelly zu erreichen?« »Natürlich«, gab Veronica scharf zurück. »Sorry«, schob sie gleich hinterher. »Ich bin ganz durcheinander, weil ich mir Sorgen um sie mache.« »Du konntest sie also nicht erreichen?« »Nein. Zweimal ist die Mailbox angesprungen, die nicht eingerichtet ist, also kann ich nicht mal eine Nachricht hinterlassen. Ich habe ihr auch eine Handvoll Textnachrichten geschickt, aber keine Reaktion bekommen.« Das sah Kelly gar nicht ähnlich. Riley tippte wieder mit dem eleganten Kugelschreiber, den Greyson ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte, auf ihren Block. Roni war offensichtlich unterwegs, deshalb kannte Riley die Antwort schon, aber sie musste trotzdem fragen. »Warst du bei ihr zu Hause?« »Ich bin nicht in der Stadt.« »Das habe ich verstanden. Ich fahre bei ihr vorbei und schaue, ob sie vielleicht zu Hause ist und nur nicht ans Telefon geht.« »Das übernehmen wir«, schaltete Deck sich ein. »Dann könnt ihr weiterreden.« 20


»Sicher?«, fragte Riley, während ihre Brüder sich erhoben. »Absolut.« Deck machte die typische Kinnbewegung, mit der er sich immer verabschiedete. »Danke, Jungs. Sie wohnt Mountain Range 3c.« »Alles klar.« Deck verschwand durch die Tür, gefolgt von Christian. »Ich bezweifle, dass sie dort ist«, sagte Roni, nachdem Deck gegangen war. »Wieso?« »Weil ich sicher bin, dass ihr irgendwas zugestoßen ist.« »Warum denkst du das?« Womit rechnete sie? »Kelly war mit mir zusammen hier auf dem Retreat. Wir wollten zusammen frühstücken, aber sie ist nicht erschienen.« Eindeutig nicht typisch für Kelly. »Das heißt, sie ist einfach vom Retreat verschwunden?«, fragte Riley nach, nur um auf Nummer sicher zu gehen. »Sag ich doch.« Veronica klang genervt. Riley ignorierte Veronicas Ungeduld. »Wo ist dieses Einkehrzentrum?« »Es heißt Expressive Wellness. In der Nähe von Tierra Amarilla.« Riley notierte das. »Sie würde nicht einfach gehen, ohne sich zu verabschieden«, wiederholte Veronica. »Komm schon, du kennst Kelly doch.« »Stimmt, das tu ich.« Es wäre wirklich sehr untypisch für Kelly, einfach zu gehen, ohne Bescheid zu sagen. »Vielleicht ist sie früh abgereist und wollte dich nicht wecken. Oder ganz spät am Abend. Was hat Tate denn gesagt? Ich nehme an, du hast mit ihm gesprochen?« »Natürlich. Er hat gesagt, er hat sich nach ihrem Streit ein eigenes Zimmer genommen und wusste gar nicht, dass sie fort ist, bis ich ihn bat, in ihrem Zimmer nachzusehen.« »Was ist mit ihrem Gepäck?«, schaltete Greyson sich ein. »Ist es noch im Hotelzimmer?« »Nein«, erwiderte Roni. »Aber ich sage euch, irgendwas stimmt da nicht. Das spüre ich.« 21


»Hast du mit dem Personal gesprochen? Vielleicht hat jemand gesehen, wie sie gegangen ist.« »Die Direktorin sagt, Kelly sei heute früh bei ihr gewesen, um sich zu verabschieden und ihr für den Aufenthalt zu danken.« »Sie meint also, Kelly ist aus freien Stücken heute Morgen abgereist?« »Ja.« Roni seufzte. »So sieht es jedenfalls aus.« »Du hast gesagt, dass sie früh gegangen ist. Von wie früh reden wir hier?« Riley fing wieder an, mit ihrem Sti! auf den Block zu trommeln. Grey sah zu ihr herüber und sie hielt inne. Dass sie immer mit dem Sti! spielte, während sie nachdachte, machte ihn wahnsinnig. So wie es Riley verrückt machte, dass sein Knie ständig auf und ab wippte. Sie könnte wetten, dass er sie genauso gern ärgerte wie sie ihn. »Julie, die Direktorin, sagt, Kelly sei um 6 Uhr abgereist.« »Ich würde ja sagen, sie wollte dich einfach nicht wecken«, begann Riley. »Aber –« »Ich bin sowieso jeden Morgen um 5 Uhr auf«, unterbrach Veronica sie. »Das wusste Kelly.« Jeder im Ort wusste das, seit Roni eine Petition angeleiert hatte, um Maggie’s Co!ee Corner dazu zu bringen, ihretwegen eine Stunde eher aufzumachen. Es hatte nichts genutzt, aber Roni hatte es versucht. »Hatte sie ihr Auto dabei oder war sie mit Tate gekommen?«, wollte Greyson wissen. »Sie war mit ihrem Wagen hier. Und Tate mit seinem. Sie haben sich hier getroffen, wegen der Arbeitszeiten oder so.« »Ist Kellys Wagen weg?«, fragte Grey. »Ja.« Klacker klacker. Fingernägel auf einer harten Oberfläche. Riley vermutete, dass es Veronicas Handyhülle war. Roni hatte immer lange rote Nägel. »Ich frage mich wirklich, ob sie weggefahren ist und ihr Handy den Geist aufgegeben hat«, überlegte Riley, aber es sah Kelly 22


nicht ähnlich, einfach abzuhauen. Sie musste wissen, dass Roni sich Sorgen machen würde. Ein tiefer Seufzer war durch die Leitung zu hören. »Du klingst genau wie die Polizei.« »Ich wollte gerade fragen, ob du sie angerufen hast«, sagte Greyson. »Was haben die Beamten denn gesagt?« Aber eigentlich konnte Riley es sich denken. »Sie haben gesagt, es gebe keinen Grund zur Panik und dass es für eine Vermisstenmeldung noch zu früh ist. Sie meinen, Kelly sei aus freien Stücken gegangen, weil nichts auf das Gegenteil hinweist. Deshalb will ich dich engagieren, Riley.« Riley zog die Augenbrauen hoch. »Mich engagieren?« »Ja, ich brauche dich hier«, gab Roni zurück, ihr Tonfall entschlossen. »Hier?« Riley sah, dass Grey ihr einen fragenden Blick zuwarf. »Ja. Hier im Einkehrzentrum. Erstens, weil Tate auch noch hier ist und ich möchte, dass du ihn befragst, bevor er abreist. Er sagte, alleine will er nicht bei einem Retreat für Paare bleiben, also möchte er für sich selbst etwas unternehmen. Und er glaubt, das hat Kelly auch getan. Aber er sagt nicht, wohin er will oder wie lange er wegbleiben möchte. Das ist sehr verdächtig, wenn du mich fragst.« Kann sein. Zumindest grenzte es an verdächtig. Riley beugte sich vor und legte die Unterarme auf der Tischplatte ab. »Und zweitens?«, hakte Greyson nach, während er ein zerknülltes Bonbonpapier von der Tischplatte nahm. Er hielt es hoch und sah Riley mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Ups. Sorry, formulierte sie lautlos. »Zweitens«, fuhr Roni fort, »ist sie hier verschwunden und ich will, dass du die Gäste befragst.« »Aber warum? Ich bezweifle, dass die Veranstalter begeistert sein werden, wenn wir ihre Kundscha! verhören«, sagte Greyson und lehnte sich zurück. »Deshalb müsst ihr ja zu zweit und undercover herkommen.« 23


»Zu zweit?« Riley blickte verständnislos. »Es ist doch ein Retreat für Paare. Und da du sicher nicht mit einem deiner Brüder das verliebte Pärchen geben willst …« »Auf keinen Fall!« Das wurde ja immer besser. »Eben«, sagte Roni und Riley konnte sie fast lächeln hören. »Also musst du dich mit deinem gut aussehenden Kollegen zusammentun.« Greyson? Sie schlug vor, dass Riley so tun sollte, als wäre sie mit Grey zusammen? Dieser Gedanke ließ ihr Herz höherschlagen. Doch sie war hin- und hergerissen zwischen Ja, bitte! und Auf keinen Fall!. Sicher würde sie die Zeit mit dem Mann, den sie insgeheim liebte, genießen. Mittlerweile war aus ihrer jugendlichen Schwärmerei von früher echte Liebe geworden. Das wusste sie im Grunde, auch wenn sie es sich selten eingestand. Doch selbst wenn er viel Zeit mit ihr verbrachte und sie ihn gelegentlich dabei ertappte, wie er sie heimlich ansah, hatte er nie einen Annäherungsversuch gemacht oder irgendwas Romantisches zu ihr gesagt. Abgesehen davon machte er alles ganz anders als sie selbst. Systematische Logik kollidierte mit intuitivem Bauchgefühl. Im Büro funktionierte diese Kombination gut, aber würde sie das auch außerhalb davon tun? Außerdem war Greyson seit Jahren nicht mehr im Außendienst. Greyson räusperte sich und wandte den Blick ab. Waren seine Wangen etwa rot geworden? »Hallo?«, sagte Roni in die Stille hinein. »Sorry«, antwortete Riley schnell. »Ich denke nur nach … Ich weiß nicht, ob –« »Ach komm, du willst das doch.« Roni lachte leise. Roni! Riley wäre am liebsten im Erdboden versunken. War sie so leicht zu durchschauen? »Wer an deiner Stelle täte das nicht?«, fügte Roni hinzu. Okay. Das klang besser. Also kein Versinken im Erdboden. »Du und dein gut aussehender Kollege fangt an zu packen und kommt her. Ich werde euch als meine Gäste anmelden.« 24


»Moment mal, nicht so schnell. Du glaubst, dass jemand was gesehen hat? Warum willst du alle Teilnehmer befragen?« »Meiner Ansicht nach ist jeder verdächtig und Tate steht ganz oben auf der Liste. Also packt eure Sachen. Ich übernehme alle Kosten, damit wir sie finden und dafür sorgen, dass ihr nichts passiert.« »Warten wir, bis wir von Deck gehört haben. Damit wir sicher sind, dass sie nicht in ihrer Wohnung oder bei der Arbeit ist.« »In der Zwischenzeit könnt ihr genauso gut packen, weil ich weiß, dass sie dort nicht ist. Mein Gefühl trügt mich nie.« Da konnte Riley nicht widersprechen. Sie vertraute auch auf ihre Intuition, was den König der Planer jedes Mal aufs Neue irritierte. Doch Greyson respektierte ihr Talent und ihre Fähigkeiten – die sie zu einem großen Teil von ihm erlernt hatte – und das hatte er ihr auch schon gesagt. Dennoch war er der Ansicht, dass sie zu viele Risiken einging, weil sie ihrem Instinkt folgte. Nach dem Desaster mit Pete Scarletto musste Riley zugeben, dass er vielleicht recht hatte. »Unter welchen Namen soll ich euch anmelden?«, fragte Roni. »Ich weiß nicht, ob falsche Namen notwendig sind.« »Wieso? Hat Tate dich schon mal gesehen? Kann er dich identifizieren?« »Nein. Wir sind uns nie begegnet, aber –« Die Sache ging ihr zu schnell. Was war hier los und warum hörte ihr Herz nicht auf zu rasen? Riley kannte den Grund. Er saß neben ihr. »Hör zu, Roni, wenn Kelly verschwunden ist, dann gibt es eine bestimmte Vorgehensweise, wie ich den Fall bearbeite. Nachdem ich alle Orte, an denen sie sein könnte, überprü! habe, bringe ich alles in Erfahrung, was mir helfen könnte, sie zu finden. Wenn ich sie dann immer noch nicht ausfindig gemacht habe, gehe ich raus und fange mit der Suche an.« »Ich kann nicht sagen, dass mir die Verzögerung gefällt.« Roni klackerte wieder mit den Fingernägeln. »Wenn sich nichts ergibt …«, sie sah Greyson an und er nickte, »kommen wir gleich morgen früh zu dir.« 25


Roni atmete hörbar aus. »Na gut. Also, zurück zu den Pseudonymen, unter denen ich euch anmelden soll.« »Ich weiß nicht«, begann Riley. »Falsche Namen können nicht schaden«, warf Greyson ein. Riley war hin- und hergerissen. Der Gedanke, mit Greyson ein Pärchen zu spielen, war zugleich aufregend und beängstigend. »Okay«, sagte sie, während sie versuchte, sich zu entspannen, denn ihre Schultern waren angespannt wie ein Gummiband. »Wenn wir kommen … bin ich Allie Bennet.« »Nett. Wie Allie aus Wie ein einziger Tag und die Bennet-Töchter aus Stolz und Vorurteil. Gute Kombi.« Riley hätte nicht gedacht, dass Roni so schnell darauf kommen würde. »Und du, Hübscher?« Ronis Stimme klang amüsiert. »John Smith«, antwortete Greyson. »Zu farblos … Wie wäre es mit Noah Hunt? Ja, das ist gut«, bestimmte Roni. »Ich schreibe euch die Einzelheiten.« Bevor Grey etwas erwidern konnte, legte Roni auf. Er runzelte die Stirn, als er Riley ansah. »Noah Hunt?« »Noah, der Freund von Allie aus Wie ein einziger Tag und Hunt wegen Ethan Hunt aus Mission: Impossible, vermute ich.« »Oh.« Ein Lächeln zuckte um Greys Mundwinkel, verschwand dann aber ganz schnell wieder. Rileys Magen zog sich zusammen. Fand er das mit der Pärchen-Nummer vielleicht daneben? »Was ist los?« Sie konnte sich die Frage nicht verkneifen. Greyson atmete tief ein und lehnte sich zurück. »Wenn Kelly wirklich verschwunden ist, wissen wir wahrscheinlich, wer dir den Schlüssel gegeben hat.« War das Kelly gewesen? Und wenn ja, in welche Schwierigkeiten war ihre Freundin bloß hineingeraten? Besorgnis machte sich in Riley breit. Sie betete, dass es Kelly gut ging, aber ihr Bauchgefühl – genau wie das von Roni – sagte ihr etwas anderes.

*** 26


Er saß auf dem Parkplatz eines zweigeschossigen Steingebäudes und der dicht fallende Schnee versperrte ihm die Sicht auf das Bürofenster. Als er sich zurücklehnte, knarzte der Ledersitz unter seinem Gewicht. Detektive. Er seufzte. Wenn er nicht bald etwas unternahm, konnte das Komplikationen bedeuten. Er brauchte die Hexe, aber er brauchte auch den Schlüssel, den sie zurückgelassen hatte. Und den Inhalt, der damit zusammenhing. Mit seinen behandschuhten Fingern trommelte er auf das Lenkrad. Er hatte noch nie dabei versagt, sein Hauptziel zu erreichen, und er würde jetzt nicht damit anfangen. Riley MacLeod war leicht genug zu finden gewesen. Er starrte das Bild auf seinem Handydisplay an. Ihr Porträt auf der Firmenwebseite wurde ihr nicht annähernd gerecht. Sie war faszinierend. Hoffentlich hatte sie den Schlüssel zu Hause gelassen, sodass sie ihr hübsches Gesicht behalten konnte. Folter ließ niemanden gut aussehen, aber wenn er ihr die Informationen mit Gewalt entlocken musste, würde er es tun.

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