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Melissa C. Feurer


Playlist Välkommen hem E.M.D. October & April !e Rasmus, Anette Olzon Another Love Tom Odell Smother Me !e Used Golden Age Michael Patrick Kelly Here Without You 3 Doors Down My Universe Coldplay, BTS Lifesaver Sunrise Avenue Forgive me Friend Smith & !ell, Swedish Jam Factory Fields Of Gold Sting


Perfect Ed Sheeran Come Flying with Me Cara Dillon


Kapitel 1 »Du gibst nie auf, oder?« Isa klammert sich an die Armlehnen ihres Rollstuhls, damit meine verzweifelten Versuche, die lächerlichen drei Stufen zu bezwingen, sie nicht auf den Boden befördern. »Ich hab’s gleich«, presse ich zwischen den Zähnen hervor. »Und die Treppe muss sowieso als Allererstes weg. Da kommt eine Rampe hin.« Endlich gelingt es mir, Isa samt Rollstuhl die letzte Stufe hinauf und durch die Haustür zu manövrieren. Die Luft, die uns entgegenschlägt, riecht muffig und abgestanden. Kein Wunder, das Haus war lange unbewohnt. Im Kopf versuche ich, die Zeitspanne zu überschlagen. Oma war sieben Jahre lang im Pflegeheim, ehe sie vorletztes Jahr gestorben ist. Aber das Erdgeschoss hat früher den Laden beherbergt und den gibt es schon seit gut zwanzig Jahren nicht mehr. Es ist also okay, dass es hier so riecht. Nichts, was man nicht durch Putzen und Lüften beheben könnte. »Äh ... Eliza?« Isa dreht sich mit fragendem Blick zu mir um. »Ich dachte, das hier soll eine Tanzschule werden.« »Soll es auch«, erwidere ich, während ich nach dem Lichtschalter im Flur taste. Es klickt, doch nichts geschieht. Also kein Licht. Dabei müsste eigentlich Strom da sein. Egal, ein wenig Helligkeit fällt durch die offene Tür hinter uns. Genug, um uns umzusehen. »Wozu brauchst du dann eine Rampe vor der Tür? Wie viele Leute mit Rollstuhl werden hier schon hinkommen?« Sie klingt nicht ungeduldig, aber ein bisschen resigniert. Als hätten wir diese Diskussion schon tausendmal geführt. Oder als würde ich mich genau so verhalten, wie sie es befürchtet hat, und sie müsse jetzt die rational denkende große Schwester raushängen lassen. »Na ... viele!«, entgegne ich. »Weil ich entsprechende Kurse an7


bieten werde. Außerdem wirst du mich ja wohl auch ab und zu besuchen. Die Treppe kommt weg.« Beherzt greife ich nach den Türklinken der Flügeltür zum ehemaligen Laden. Eine neuerliche Staubwolke wirbelt mir entgegen und lässt mich husten. Aber immerhin ist es hier dank der Fenster, durch die ich das winzige Stück Garten hinter dem Haus erspähen kann, etwas heller. Es sind hübsche, raumhohe Sprossenfenster, die allerdings schon bessere Zeiten gesehen haben. Obwohl es ein sonniger Spätsommertag ist, fällt nur wenig Sonnenlicht durch die verschmutzten Scheiben. »Die kann man putzen«, verkünde ich widerborstig. Als hätte Isa irgendwas gesagt. Aber sie schweigt so unfassbar laut, dass ich das Gefühl habe, mich verteidigen zu müssen. Mich und meine zukünftige Tanzschule. Ich lasse Isa stehen. Hier kommt sie auch alleine zurecht und sie hasst es, wenn man ihr mit Dingen zu helfen versucht, die sie selbst kann. Ich durchquere den Raum und mühe mich eine ganze Weile damit ab, die alten Fenster zu öffnen. Eines klemmt komplett; vermutlich hat sich der Rahmen verzogen oder so. Ich kenne mich da nicht wirklich aus. Aber die anderen beiden schwingen nach ein wenig Rütteln und gutem Zureden knarzend auf. Nun flutet das Sonnenlicht regelrecht herein. Wegen des wild wachsenden Efeus im Garten scheint es fast einen grünen Schimmer zu haben. Erwartungsvoll drehe ich mich um, um den Raum in diesem ultimativ lebendigen Licht zu betrachten. Der Anblick ist nicht ganz so glorreich, wie ich es mir erho& habe. Der alte Parkettboden mit dem schönen Muster ist von einer dicken Staubschicht bedeckt – man sieht meine Fußabdrücke und Isas Reifenspuren. Die Tapete wellt sich an einigen Stellen, der alte Verkaufstresen ist zusammengebrochen und nun weiß ich auch, warum der Lichtschalter nicht funktioniert, obwohl ich schon vor zwei Wochen telefonisch einen Stromliefervertrag abgeschlossen habe: Sowohl hier als auch im Flur hinter der Flügeltür hängen nur lose Kabel von der Decke. 8


Isa rollt neben mich und lässt ebenfalls den Blick schweifen. »Wir sollten das Haus verkaufen.« »Was?« Entsetzt drehe ich mich zu ihr um. »Auf keinen Fall! Also ... natürlich kannst du deinen Anteil verkaufen. An mich. Ich bezahle dich aus, sobald ich ... Irgendwann. Es wird ein bisschen dauern, fürchte ich. Aber ich geb es nicht her.« »Eliza.« Isas Tonfall ist jetzt eindeutig ungeduldig. »Hier hilft renovieren nicht mehr. Das Haus gehört abgerissen.« »Ich werde Omas Haus auf gar keinen Fall abreißen lassen! Es wird eine Tanzschule. Und mein Zuhause. Siehst du nicht, wie perfekt es dafür ist?« Isa schüttelt den Kopf, dass ihr Pferdeschwanz nur so wippt. Meine Schwester und ich sehen uns ähnlich mit dem haselnussbraunen Haar und den ebenso braunen Augen. Sie anzuschauen, ist immer ein bisschen, wie in den Spiegel zu blicken. Nur dass ich bestimmt nie so kritisch dreinschaue wie sie jetzt gerade. »Das Haus hat unendlich viel Potenzial«, beharre ich. »Allein die Lage! Mitten im Ort, fast von überall in Falkenstein fußläufig erreichbar. Gut, die Parkmöglichkeiten sind ein bisschen –« »... unvorhanden«, ergänzt Isa. »... suboptimal«, korrigiere ich. »Aber die Aufteilung! Oben die Wohnung, unten der Laden. Ich muss nur eine einzige Wand rausreißen und schon habe ich meinen Tanzsaal!« »Du kannst Wände rausreißen?«, fragt Isa. »Bisher noch nicht. Aber ich kann es ja lernen. Und keine Sorge, für die Elektrik und solchen Kram hole ich mir natürlich Hilfe. Davon verstehe ich nichts.« »Eliza, du verstehst von alldem nichts! Du hast noch nie auch nur eine Wand gestrichen!« »Das stimmt nicht!«, protestiere ich. »Ich hab beim Auszug mein ganzes WG-Zimmer gestrichen.« »Du hättest gar nicht ausziehen sollen. Es wird Jahrhunderte dauern, bis du hier einziehen kannst! Nicht, dass ich dich nicht gerne wieder zu Hause habe, aber ...« Ihr Blick wird weicher. »Bist 9


du sicher, dass du dir das antun willst? Das Pendeln zur Arbeit, die Renovierung … Du müsstest schon kündigen, wenn du das hier alles im Alleingang schaffen willst.« »Ich kann nicht kündigen. Irgendwoher muss das Geld für die Renovierung ja kommen.« Ich fahre mit der Schuhsohle über den Boden, um eine kleine Stelle Parkett freizulegen. Na bitte, das sieht richtig toll aus. Abschleifen, ölen oder was auch immer man damit macht, und es ist wie neu. »Aber dein Chef ist ein Scheusal!«, meldet sich Isa wieder zu Wort. Mir entfährt ein Schnauben. »Seit wann verwendest du dieses Wort?« »Ich verwende dieses Wort immer, wenn es zutri&. Ich kenne nur nicht allzu viele Leute, bei denen das der Fall ist. Aber dein Chef ist einer davon. Du hättest dir eine neue Stelle statt einer neuen Wohnung suchen sollen. Jetzt sitzt du fest, mit einer Bruchbude von einem Haus und einem Job, den du hasst!« Ich lasse das Parkett Parkett sein, jedenfalls fürs Erste. »Ich hasse meinen Job überhaupt nicht. Ich bin gerne Tanzlehrerin. Und sobald ich meine eigene Tanzschule eröffne, muss ich auch nicht mehr für Herrn Liebknecht arbeiten. Eine Win-win-Situation.« Energisch laufe ich noch ein paar Schritte in den Raum hinein. »Ein Kronleuchter«, verkünde ich, als ich in der Mitte angekommen bin. »Du meinst Armleuchter.« »Was?«, frage ich irritiert. »Nein, nicht mein Chef.« Ich deute zur Decke hinauf. »Da muss ein Kronleuchter hin. So ein großer, ausladender mit Glassteinchen. Das würde fantastisch aussehen!« Hinter mir seufzt Isa unüberhörbar. »Du warst schon immer schrecklich schlecht darin, einen Schlussstrich zu ziehen«, sagt sie im Große-Schwester-Ton. »Du weißt einfach nicht, wann etwas aussichtslos ist, Eliza, und denkst immer, du kannst alles irgendwie hinbekommen.« Ihre Worte lassen mich innehalten. So sieht Isa mich? Als je10


manden, der nie aufgibt, nicht einmal dann, wenn es überhaupt keinen Sinn hat? Eigentlich kennt mich niemand so gut wie Isa, aber in diesem Punkt liegt sie falsch. Auch ich habe schon aufgegeben. Habe einen Schlussstrich gezogen und damit eine Menge Schaden angerichtet. Meine Schwester weiß das, aber vielleicht denkt sie gerade nicht daran. Immerhin ist es über zehn Jahre her. Ich wirbele mit der Schuhspitze noch etwas Staub auf. »Du sagst das, als wäre es etwas Schlechtes«, murmle ich. »Ich weiß eben, was ich will. Und ich weiß, dass das hier kein Spaziergang wird, sondern ein –« »... eine Weltreise?«, schlägt Isa vor. »Ein Marathon, wollte ich eigentlich sagen.« Isa seufzt schon wieder. »Du glaubst nicht wirklich, mit rund zweiundvierzig Kilometern ist es hier getan, oder? Dafür wirst du einen viel längeren Atem brauchen, Eliza. Einen sehr viel längeren.«

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Kapitel 2 Ich weiß, dass Isa und mein Vater mich beobachten, und konzentriere mich mehr als nötig auf die Bewegungen des Messers in meiner Hand, mit dem ich die Brotscheibe auf meinem Teller mit Margarine bestreiche. Keine besonders anspruchsvolle Aufgabe, aber immerhin habe ich am Ende ein perfekt geschmiertes Brot – dafür allerdings keine Ausrede mehr, die zwei zu ignorieren. »Sagt es einfach.« Ich greife seufzend nach einer Packung veganer Salami. Ich kaufe selbst keine Produkte, die so aussehen und schmecken, als wären sie Fleisch, aber ich weiß zu schätzen, dass mein Vater daran gedacht hat, etwas für mich zu besorgen. »Was?«, fragt Isa unschuldig, während sie sich nach einem Glas Essiggurken streckt. Papa schnappt es sich, schraubt es auf und schiebt es neben ihren Teller. Ich kann sehen, wie Isa mit sich ringt, weil sie nicht sicher ist, ob sie sich bedanken oder ihm sagen soll, dass ihre Hände absolut gesund sind. Letzten Endes schweigt sie einfach und zieht das Glas zu sich. »Was euch beiden auf der Zunge liegt«, dränge ich. Besser wir bringen das hier kurz und schmerzlos hinter uns. Isa schiebt sich von der Tischkante weg und manövriert ihren Rollstuhl umständlich durch die enge Küche zur Kochzeile, wo sie eine Gabel aus der Schublade fischt. »Mensch, Isa, das kann ich doch machen!« Ich widerstehe dem Impuls aufzuspringen, weil ich schon für meinen Ausruf einen vernichtenden Blick ernte. Isa ist so ein Sturkopf. Mit säuerlicher Miene rollt sie wieder neben mich an den Tisch und spießt mit der Gabel schwungvoll eine Essiggurke auf. 12


»Okay, dann sage ich es dir jetzt, wie es ist: Aus dieser Bruchbude wird niemals eine Tanzschule werden.« Ich schlucke trocken und spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Wütend blinzle ich sie zurück. Ich weiß, dass Isa das nur so hart gesagt hat, weil sie frustriert von unserer übertriebenen Fürsorge ist. Aber ich wohne schon so lange nicht mehr zu Hause, dass es mir schwerfällt, mich zurückzuhalten, wenn ich sehe, wie viel mühsamer manche Dinge für Isa sind. Dinge, die ich in zwei Sekunden und ohne nennenswerten Kraftaufwand erledigen kann. Und Papa ... Tja, seine Ausrede ist wohl einfach, dass er Isa und mich unfassbar lieb hat und gerne jede Hürde oder Herausforderung aus unserem Weg räumen würde, immer schon und seit Isas Unfall bei ihr eben ganz besonders. Ändern wird sich das nie, auch wenn Isa noch so widerborstig auf seine Hilfe reagiert. »So würde ich das jetzt vielleicht nicht ausdrücken«, greift er auch schon beschwichtigend ein. »Ja«, erwidert Isa. »Weil du das Haus nicht gesehen hast.« »So schlimm ist es gar nicht!« Energisch lege ich mein Messer weg. »Natürlich ist es viel Arbeit und wird nicht von heute auf morgen passieren, aber –« »Na ja, es eilt ja auch nicht.« Papa sieht von mir zu Isa und wieder zurück. »Du kannst dir ganz in Ruhe einen Überblick verschaffen und sehen, was du alleine hinbekommst und wofür du professionelle Hilfe brauchst. Ich hab dein Bett schon bezogen. Mit deinen Kisten aus Regensburg ist es ein bisschen eng, aber ... vielleicht können wir einen Teil davon auf dem Dachboden unterbringen. Nachdem du herausgenommen hast, was du in den nächsten Monaten brauchst.« Isa hüstelt, und obwohl sie den Mund voll hat, klingt ihr Genuschel nach einem erstaunlich deutlichen »Jahren«. Das Wort lässt in mir eine Sicherung durchbrennen. Ich werde ganz bestimmt nicht für die nächsten Jahre in mein altes Kinderzimmer zurückziehen! Für einige Wochen – ja, das war eigentlich 13


schon mein Plan. Meinetwegen für ein paar Monate. Aber ganz bestimmt keine Jahre. »Quatsch!«, widerspreche ich. »Ich ziehe natürlich direkt in Omas alte Wohnung. Ich bin nicht anspruchsvoll. Ich kann renovieren, während ich schon darin wohne.« Die Ankündigung ist draußen, ehe ich es mir gründlich überlegen konnte. Es war nie meine Absicht, Hals über Kopf dort einzuziehen, aber wenn ich so darüber nachdenke, gefällt mir der Gedanke ausgesprochen gut. Meine eigene Wohnung, gemütlich unter dem Dach. Ich war früher immer gerne da und es gibt keinen Grund, warum ich mich dort nicht wohlfühlen sollte. Natürlich, die Erinnerungen an Oma werden sehr präsent sein. Aber früher oder später werde ich mich ihnen ohnehin stellen müssen. Also warum nicht gleich heute Nacht? »Ich nehme heute erst mal nur das Nötigste mit«, denke ich laut. »Schlafanzug, Waschsachen, Bettwäsche. Den Rest packe ich morgen in Ruhe zusammen.« »Eliza, du musst doch nicht –«, setzt Papa an, doch ich falle ihm ins Wort. »Ich will aber. Nicht, dass ich nicht gerne bei euch wäre, aber ...« Mir bricht die Stimme weg. So langsam dringt die Tragweite meiner spontanen Entscheidung zu mir durch. Kein gemütlicher Abend mit Papa und Isa. Stattdessen ein Umzug in eine Wohnung, die ich mich vorhin nicht mal zu betreten getraut habe. Ich kann nur hoffen, dass es wenigstens dort oben Lampen gibt. Isa öffnet den Mund zum Protest und ich weiß jetzt schon, dass sie irgendwelche guten Argumente haben und mich ins Zweifeln bringen wird. Deshalb lasse ich sie auch gar nicht zu Wort kommen. »Reichst du mir mal das Gurkenglas?«, frage ich laut und strecke auffordernd die Hand aus. Isa klappt den Mund zu. »Klar«, sagt sie dann und kommt meiner Bitte nach. Und damit hat sich das !ema für den Moment erledigt. 14


Meine Finger zittern, als ich den Schlüssel ins Schloss zwänge, und mir rutscht beinahe die Reisetasche aus der anderen Hand. Ich war ewig nicht mehr hier. Nicht mehr, seit wir nach Omas Umzug ins Pflegeheim alles Wichtige für sie gepackt und damit begonnen haben, ihre Wohnung auszuräumen. Erinnerungen an Nachmittage und Übernachtungen bei Oma, an warmen Früchtetee mit Apfelsaft, Fangenspielen unten im Laden und Basteln an ihrem Küchentisch fliegen in rasantem Tempo durch meine Gedanken. Endlich gelingt es mir, den Schlüssel zu drehen und die Tür aufzuschieben. Ich erwarte, dass mir der vertraute Duft von Omas Zuhause entgegenschlägt, aber alles, was mir in die Nase dringt, ist auch hier Staub. Die Sonne ist noch nicht ganz untergegangen und der Flur hinter der Eingangstür mündet offen ins Wohn- und Esszimmer, wo die Abendsonne durch zwei schmutzige Giebelfenster dringt. Das Zwielicht lässt den Raum unwirklich erscheinen. Ich lasse meine Tasche zu Boden gleiten und ziehe die Tür hinter mir zu. Meine Finger finden den Lichtschalter wie von selbst und ich atme erleichtert auf, als die altmodische Deckenleuchte aus Milchglas über mir aufflammt. Das mit dem Strom scheint also doch geklappt zu haben. Begleitet vom Flattern meines aufgeregten Herzens beginne ich mit der Bestandsaufnahme. Der Flur ist bis auf einen alten Läufer und eine Reihe Garderobenhaken leer. Zu jeder Seite gehen zwei Türen davon ab und im Augenblick sind alle geschlossen. Auf Zehenspitzen schleiche ich geradeaus in den Wohnraum. Keine Ahnung, warum, aber ich will die dichte, schwere Ruhe in der Wohnung nicht stören. In meinem Hals hat sich ein dicker Kloß gebildet. Der Raum ist noch komplett eingerichtet und sieht trotzdem seltsam unbewohnt aus. Die meisten von Omas Sachen haben wir 15


ihr ins Pflegeheim gebracht. Jetzt liegen sie auf Papas Dachboden, weil er es nicht über sich gebracht hat, sie nach ihrem Tod einfach zu entsorgen: alte ledergebundene Fotoalben, Bücher, kitschige Porzellanfiguren und Schuhkartons voller Briefe. Die Regale in ihrem Wohnzimmer sind deshalb fast vollständig leer. Nur ein steinalter Röhrenfernseher thront mittendrin. Unter der Dachschräge steht das durchgesessene Sofa mit dem geblümten Polster und Omas selbst gestrickten Kissen mit bunten Troddeln. Ob man die waschen kann? Zum Wegschmeißen sind sie viel zu schade und ich sehe mich schon gemütlich daran gekuschelt auf dem Sofa liegen und lesen. Der Koloss aus schwarzem Metall direkt neben dem Sofa versetzt mir einen Dämpfer. Ich habe ganz vergessen, dass es hier keine Zentralheizung gibt, sondern altmodische Ölöfen in Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer. Und ich habe keinen blassen Schimmer, wie man die bedient. Gut, dass es für Anfang September noch erstaunlich sommerlich ist. Hoffentlich bleibt das noch eine Weile so. Lange genug, um die Bedienung von Ölöfen mithilfe von Google zu lernen. Das zweite Problem ist eines der beiden Fenster: Es hat einen dicken Sprung quer durch das gesamte Glas. Dem unansehnlichen Fleck auf dem Fensterbrett nach zu urteilen, ist es auch nicht mehr dicht. Sogar auf die Tapete darunter hat die Feuchtigkeit sich ausgeweitet. Das gelb gestreifte Papier wellt sich, auch wenn es im Augenblick trocken zu sein scheint. Ich würde darauf wetten, dass sich das beim nächsten Regenguss ändert. Gut, das Wohnzimmer ist ein bisschen ernüchternd. Ich beschließe, meine Besichtigung in der Küche fortzusetzen. Vielleicht finde ich dort meinen Optimismus wieder und kann das drückende Gefühl in meiner Brust abschütteln. Die Tür hinter dem Esstisch zu meiner Rechten steht offen. Allerdings funktioniert die alte Emaillelampe, die dort von der Decke baumelt, nicht. Gut, dass es draußen noch nicht dunkel ist. Und dass ich mich auskenne. Nach kurzem Suchen finde ich 16


den kleinen Schalter für das Lämpchen über dem Herd. Dem Gasherd. Noch etwas, das ich verdrängt hatte. Ob der überhaupt noch funktioniert? Braucht man dafür nicht ein Feuerzeug? Ein weiterer Punkt für die Google-Liste. Immerhin ein Wasserkocher und eine Mikrowelle sind vorhanden. Bestimmt auch Geschirr, denn im Pflegeheim hat Oma nichts davon gebraucht. Und eine Kaffeemaschine befindet sich praktischerweise in einer meiner Kisten – und zwar in der, die ich morgen gleich als Allererstes abholen werde! Nun bleiben nur noch drei Räume übrig: ein vollgestopfter Abstellraum, das Badezimmer, das besonders muffig riecht, aber glücklicherweise über einen elektrischen Heizlüfter anstelle eines weiteren Ölofens verfügt, und das Schlafzimmer rechts neben der Eingangstür. Ich reiße das kleine Fenster im Bad auf, um frische Luft hereinzulassen, und zucke zusammen, als unter meinem Fuß etwas knirscht. Eine angebrochene Fliese, Mist. Aber eigentlich muss in diesem Raum auf lange Sicht sowieso alles neu gemacht werden. Keramik und Fliesen erstrahlen in 70er-Jahre-Rosa. Ich schnappe mir meine Reisetasche und nehme mir als Letztes das Schlafzimmer vor. In diesem Raum sind wir damals mit unseren Aufräumarbeiten am weitesten gekommen. Der Einbauschrank steht offen und ist so leer, als hätte niemals jemand hier gewohnt. Ich hatte vergessen, dass wir sogar das klapprige Bettgestell schon entsorgt haben. Die Matratze lehnt aufrecht an der Wand. Ansonsten gibt es nur noch die alte Truhe mit Federbetten und ein Nachtkästchen mit Omas damals topmoderner Leselampe – dem mit Abstand neuesten Gegenstand in der ganzen Wohnung. Ich presse mir die Hand auf den Mund, um ein Aufschluchzen zu unterdrücken. Ich weiß nicht mal, ob es Traurigkeit ist, die da in mir hochkommt, weil Oma mir hier in diesen vertrauten Räumen so sehr fehlt, oder pure Überforderung beim Gedanken, die Nacht in dieser Geisterwohnung verbringen zu müssen. Mein Atem geht hektisch und meine Beine fühlen sich irgendwie insta17


bil an. Wie gerne würde ich mich einfach auf das nicht vorhandene Bett fallen lassen und mich nicht mehr rühren. Kurz schließe ich die Augen und atme kontrolliert ein und aus. Komm schon, Eliza, von nichts kommt nichts. Du willst ein Bett zum Drauffallenlassen? Dann leg besser mal los. Als Erstes hole ich den alten Staubsauger aus der Abstellkammer. Er springt an, immerhin. Für den Moment begnüge ich mich damit, das Schlafzimmer durchzusaugen, damit ich die Matratze auf den blanken Boden kippen und beziehen kann. In meiner vollgestopften Reisetasche befindet sich Bettwäsche. Das leuchtende Sonnenblumenmuster macht den Raum gleich ein bisschen freundlicher. Und immerhin funktioniert auch hier das Licht – nicht nur die Leselampe, sondern auch die Leuchte an der Decke. Ich schalte sie beide an. Je heller, desto besser. Anschließend sage ich auch der Staubschicht in den restlichen Räumen den Kampf an. Ich schaffe und werkle, bis es draußen vollends dunkel geworden ist und mein Hals vor lauter Staub kratzt. Dann erst erlaube ich es mir, in meinen Schlafanzug zu schlüpfen und mich endlich auf die Matratze sinken zu lassen. Ich fühle mich seltsam leer und ausgelaugt. Als läge eine ganze Woche und nicht erst ein Tag hinter mir, seit ich Regensburg verlassen habe. Mit einem Kloß im Hals sehe ich mich in meinem neuen Schlafzimmer um und mein Blick fällt auf ein gerahmtes Poster zwischen Tür und Schrank. Farbenfroh sticht es aus dem kargen Umfeld heraus. Isa hat es Oma geschenkt. Omas Lieblingsbibelvers steht darauf, sorgfältig handgelettert und in kräftigen Farben ausgemalt: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Ich starre die Worte an, die für Oma eine Art Lebensmotto waren. Alle Dinge sind möglich mit Gott. Und deswegen haben mein Vater und Isa unrecht: Ich kann und ich werde das hier schaffen. »Oder, Herr?«, frage ich ganz leise in die Stille hinein. »Wir kriegen das hin.« 18


Und ich werde damit anfangen, dass ich die erste Nacht in meinem neuen Zuhause verbringe, ohne beim ersten Knacken des alten Gebäudes zu flüchten und mich doch in meinem alten Kinderzimmer zu verkriechen.

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Kapitel 3 Trotz aller guten Vorsätze schlafe ich schlecht und bin froh, als endlich genug Licht hereindringt, dass ich die Nacht guten Gewissens für beendet erklären kann. Ich stehe auf, mache mein Bett und suche eine Weile nach meinem Handy, ehe mir einfällt, dass ich es am Abend in der Küche zum Laden eingesteckt habe. Ich tapse hinüber und stelle fest, dass es jetzt am Morgen doch ganz schön kühl in der Wohnung ist. Vermutlich sollte ich nicht zu lange warten, ehe ich mir diese Ölmonster genauer ansehe. Ich knipse die Lampe über dem Herd an und lehne mich mit meinem Handy direkt daneben an die Anrichte. Es ist erst kurz nach 6 Uhr, aber ich habe bereits eine Nachricht von meiner Schwester. Guten Morgen, Sonnenschein! Wie war die erste Nacht im Märchenschloss?

Ich schnaube. Typisch Isa. Vermutlich hat sie eigentlich ihr neues Lieblingswort Bruchbude schreiben wollen, es aber des lieben Friedens willen nicht getan. Und jetzt kann sie behaupten, sie habe gar nichts Abwertendes über mein neues Zuhause gesagt. Märchenhaft. Aber ich hab meine Kaffeemaschine vergessen.

Die Antwort folgt prompt und besteht aus einem Standort: eine Bäckerei, die laut Google Maps nur dreihundert Meter von mir entfernt liegt und bereits geöffnet hat.

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Ist die neu? 👍 Und sie haben Hafermilch. Bin schon unterwegs.

Ich klicke hastig auf Senden, lege mein Handy zur Seite und mache mich fertig. Zum Glück habe ich ausreichend Auswahl in meiner Reisetasche und kann neben meiner Lieblingsjeans in einen leichten Pulli schlüpfen, mit dem die Temperaturen in der Wohnung gleich besser auszuhalten sind. Kurz überlege ich, meine restlichen Klamotten schnell in die Schrankfächer zu räumen, aber Kaffee geht eindeutig vor. Ich habe den ganzen Tag Zeit, um mich häuslich einzurichten. Falkenstein scheint noch im Tiefschlaf zu liegen. In Regensburg ist um diese Zeit schon viel mehr los. Ich schlendere die Straße hinunter, ohne dass mir ein einziger Fußgänger begegnet. Nur ein paar Autos sind schon unterwegs und stören gelegentlich die morgendliche Stille. Die Sonne hat sich endgültig über den Horizont geschoben und taucht das Örtchen in einen orangefarbenen Dunst. Mein Blick wandert automatisch nach oben, wo über den Dächern der Häuser die Burg thront. Ein schöner Anblick und so vertraut. Noch glücklicher macht mich allerdings für den Moment der warmweiße Schein, der durch die Fenster der Bäckerei nach draußen fällt. Als hätte sie extra für mich hier eröffnet, so nah bei meiner zukünftigen Tanzschule. Die Duftmischung aus süßem Gebäck und herbem Kaffee empfängt mich beim Eintreten. Ich stelle mich in die Schlange – zwei Personen warten vor mir, was mir ausreichend Zeit gibt, die Karte über der !eke und die Auslage zu studieren. Das Angebot ist übersichtlich, aber entspricht genau meinen Vorstellungen. Ich bestelle einen großen Haferlatte und eine Apfeltasche und genieße beides an einem von zwei 21


winzigen Tischchen am Fenster, während ich eine To-do-Liste in mein Handy tippe. Auch wenn Isa schon wach ist, kann ich meine Kisten um diese Zeit noch nicht abholen, da Papa bestimmt noch schläft. Also beschließe ich, als Erstes zum nächsten Baumarkt zu fahren und das Nötigste zu besorgen. Ob man einen Riss im Fenster mit Silikon abdichten kann? Das ist vermutlich nicht schön, aber könnte zumindest effektiv sein. Und ich brauche Farbe. Mindestens das Schlafzimmer muss gestrichen werden – darin habe ich immerhin schon Übung. Ein paar Putzutensilien würden auch nicht schaden. Und irgendetwas, um die wellige Tapete im Wohnzimmer zu verdecken. Erst mal fahre ich allerdings eine halbe Stunde, denn der nächste Baumarkt liegt in Regensburg. Bewaffnet mit einem großen Einkaufswagen schiebe ich mich durch die Gänge und stelle fest, dass ich mir vielleicht besser einen genaueren Plan gemacht hätte, was ich brauche. Das eine oder andere an Werkzeug anzuschaffen, wäre zum Beispiel auch sinnvoll. Aber da sollte ich vielleicht zuerst Papa fragen, was ich mir von ihm leihen kann. Ich begnüge mich also mit einem kleinen Set absoluter Basics. Außerdem finde ich eine ausladende Topfpflanze für mein Tapetenproblem, wunderschöne Wandfarbe in Taupe aus dem Sonderangebot und flauschige weiße Teppiche für mein rosafarbenes Bad. Je weniger man von diesen Fliesen sieht, desto besser. Pinsel, Abdeckplane und ein Farbroller landen im Einkaufswagen und ich beginne, besorgt nachzurechnen. Da kommt ganz schön was zusammen. Dabei kann ich mit all dem Kram wirklich nur die kleinsten Baustellen in Angriff nehmen. Trotzdem: Irgendwo muss ich immerhin anfangen. Deswegen kommen auch noch ein paar Bilderrahmen, eine Gemüseampel für die Küche und ein kleines Schuhregal mit. Zuletzt besorge ich Parkettreiniger, Badputzmittel, Spiritus und eine Auswahl an Lappen und Schwämmen. Diese Wohnung wird noch heute zu einem richtigen Zuhause, egal, was Isa sagt. 22


Sehr zufrieden mit mir fahre ich zurück nach Falkenstein und verbringe den restlichen Morgen mit Putzen. Die Staubschicht, die auf einfach allem liegt, kann nicht gesund sein. Silikon für das Fenster habe ich am Ende vergessen, aber aktuell ist es trocken und ich beschließe, dass dieses Problem warten kann. Die fehlende Kaffeemaschine ist akuter. Isa schreibt und fragt, ob ich den Herd schon in Betrieb genommen habe oder ob ich zum Mittagessen kommen will – ein Angebot, das ich dankend annehme. Vorher mache ich noch ein paar vorteilhafte Fotos von den Ecken der Wohnung, die schon vorzeigbar aussehen. Allzu viele sind das nicht. Aber ich habe ja noch den ganzen Nachmittag und es geht erst mal nur darum, Papa zu besänftigen. Was sich als bitter nötig herausstellt, denn er versucht das gesamte Mittagessen über, mich davon zu überzeugen, wieder zu Hause Unterschlupf zu suchen. »Das wäre doch auch viel praktischer!« Sein Essen hat er bisher kaum angerührt. »Isa hat Semesterferien und ich konnte nicht freinehmen, und wenn du hier wärst, wäre sie nicht so allein.« »Ich muss noch zwei Hausarbeiten schreiben.« Isa schiebt ihren halb vollen Teller von sich. »Dabei brauche ich weder deine noch Elizas Gesellschaft.« »Prima, dann sind wir uns einig«, verkünde ich und schiebe mir den letzten Bissen in den Mund. Bin ich hier eigentlich die Einzige, die mit Appetit gegessen hat? Das muss an der körperlichen Arbeit liegen. Dazu fällt mir ein, dass der Kühlschrank in meiner neuen Wohnung noch komplett leer ist. Hoffentlich funktioniert er überhaupt noch. Ich beschließe, es darauf ankommen zu lassen und direkt auf dem Rückweg einen Großeinkauf zu machen. Anschließend werde ich meinen Geldbeutel dann allerdings bis zum nächsten Gehalt schonen müssen. Gedacht, getan. Nach ein paar letzten Kommentaren von Papa und Isa fahre ich zum Supermarkt und fülle Kühlschrank und Vorratsregale. Anschließend versuche ich zu entscheiden, wo ich weitermachen soll. Es ist schon zu spät, um heute noch das Streichen 23


in Angriff zu nehmen, also packe ich stattdessen meine Kisten aus. In meinem kleinen WG-Zimmer war es ganz schön viel Kram. In Omas Wohnung verteilen sich die Dinge ganz anders und es bleibt noch reichlich Platz, nachdem ich alles verräumt habe. Als letzten Punkt auf meiner To-do-Liste nehme ich noch die Waschmaschine in Betrieb, um Omas Kissenbezüge, die schöne Patchworktagesdecke und die Vorhänge zu waschen. Letztere sind mit ihrem Blümchenmuster nicht ganz mein Geschmack, aber sie noch eine Weile zu behalten, spart Geld. Außerdem erinnern sie mich an Oma. Während die Wäsche ihre Runden dreht, mache ich mir ein schnelles Abendessen. Um aufwendig zu kochen, fehlt mir nicht nur die Energie, sondern auch die Geduld, mich heute noch mit dem gruseligen Gasherd auseinanderzusetzen. Ganz allein setze ich mich an den massiven Holztisch, an dem gut und gerne auch eine Großfamilie Platz finden würde, spreche ein Gebet und schlinge dann meinen Hummus-Wrap mit Granatapfelkernen hinunter. Ich weiß nicht so recht, wie ich mich nach diesem Tag fühlen soll. Zufrieden, weil ich so viel gescha& habe? Ernüchtert, weil es mir vorkommt, als hätte ich in erster Linie Glitzer verstreut und wenige echte Baustellen in Angriff genommen? Doch dann fällt mein Blick auf die tellergroßen Blätter meiner neuen Pflanze, die herrlich von der welligen Tapete dahinter ablenken, und ich sage mir, dass ein bisschen Glitzer vielleicht genau das war, was diese Wohnung gebraucht hat. Ich fühle mich zumindest schon viel wohler, als ich an diesem Abend unter meine Sonnenblumenbettdecke krabble und Gott im Stillen für jeden einzelnen Punkt danke, der heute dazu beigetragen hat, dass ich hier angekommen bin: angefangen bei der Bäckerei mit dem erstklassigen Haferlatte bis hin zur erfolgreich gewaschenen Wäsche, die ich in meinem Eifer in der Waschmaschine vergessen habe. Aber das muss nun eben warten, denn ich habe nicht vor, mein gemütliches, warmes Bett noch einmal zu verlassen. 24


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